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Zinssatz, Profitrate und Reswitching – Wie relevant ist das Reswitching-Phänomen?

Jaeger, Klaus

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Jaeger, Klaus Article Zinssatz, Profitrate und Reswitching – Wie relevant ist das Reswitching-Phänomen? Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Jaeger, Klaus (1974) : Zinssatz, Profitrate und Reswitching – Wie relevant ist das Reswitching-Phänomen?, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 94, Iss. 4, pp. 363-386, https://doi.org/10.3790/schm.94.4.363 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291345 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Zinssatz, Profitrate und Reswitcbing Wie relevant ist das Reswitching-Phänomen? Von Klaus Jaeger Eine kapitaltheoretische Untersuchung über die Bedeutung des Reswitch - ings von Techniken für die Bestimmung des Zinssatzes und der Profitrate im Wachstumsprozeß privatwirtschaftlich organisierter Wirtschaften. 1. Rechnet man das 1966 im Quarterly Journal of Economics (80 (1966) S. 503 ff.) abgedruckte Symposium über „Paradoxes in Capital Theory" als Beginn der neueren kapitaltheoretischen Diskussion1, dann scheint es nach nun mehr acht Jahren an der Zeit, sich einmal darauf zu besinnen, welche Bedeutung eigentlich den Ergebnissen dieser heftigen Kontroverse für die bis dato anerkannten Resultate der modernen neoklassischen Wachstumstheorie beigemessen werden muß. Diese Kontroverse, von der Solow (1962) — selbst ein engagierter Teilnehmer — schon 1962 gesagt hat: „I have long since abandoned the illusion that partieipants in the debate actually communicate with each other", vollzog sich auf zwei Ebenen. Zunächst ging es um die rein theoretische Frage, ob überhaupt und, wenn ja, unter welchen Bedingungen bei komplexen Produktionsstrukturen ein Reswitching auftreten kann. Sie ist heute klar entschieden: Selbst wenn die Existenz unendlich vieler Produktionsprozesse (Techniken)2 unterstellt wird3, mit denen mehrere, unterschiedliche Kapitalgüter und ein Konsumgut (oder ein Konsumgüterbündel) durch Einsatz dieser Kapitalgüter und (homogener) Arbeit in einer Volkswirtschaft produziert werden können, muß stets damit gerechnet werden, daß im Gleichgewicht bei vollständiger Konkurrenz weder die Lohn-Zinsrelation eine monoton steigende Funktion des Wertes der Kapitalintensität ist, noch der auf verschiedenen steadystate Pfaden realisierbare Konsum je Kopf bis zu einem Maximalwert mit sinkendem Zinssatz monoton ansteigt. Darüber hinaus können im 1 Einen umfassenden Uberblick über die während dieser Diskussion vertretenen unterschiedlichen Standpunkte gibt G. C. Harcourt (1972). Dort auch ausführliche Literaturhinweise zu Einzelproblemen. 2 Die Matrix der jeweiligen Inputkoeffizienten nennen wir Technik oder — synonym — Produktionsprozeß. 3 Für den Fall endlich vieler Techniken gilt das folgende a fortiori. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.94.4.363 | Generated on 2023-04-04 11:50:42 364 Klaus Jaeger Falle eines Reswitching infinitesimal kleine Veränderungen der LohnZinsrelation, die — komparativ-dynamisch betrachtet — zu einem Übergang zu einer „eng benachbarten" Technik führen, auch bei unendlich vielen Techniken endliche Änderungen des Wertes der Kapitalintensität und des Je-Kopf-Einkommens im Gefolge haben (vgl. Pasinetti (1969), bes. S. 519). Die Unmöglichkeit, das Auftreten dieser „anormalen" Fälle in allgemeiner gehaltenen Produktionsstrukturen durch entsprechende Annahmen a priori auszuschließen oder auch nur wenig wahrscheinlich zu machen, ließ die den neoklassischen Wachstumsmodellen zugrunde liegende „well-behaved" Produktionsfunktion aufgrund theoretischer Überlegungen als wenig realistischen Spezialfall erscheinen. 2. Aus dieser Erkenntnis, der sich heute wohl kaum ein Theoretiker wird entziehen können, wurden dann jedoch zwei grundverschiedene Folgerungen gezogen, um die es auf der zweiten Ebene der kapitaltheoretischen Diskussion heute noch geht und die das Lager der Theoretiker in zwei Gruppen spaltet: Während die eine Seite — unbeeindruckt von der Möglichkeit eines Reswitchings — daran festhält, die neoklassische Wachstumstheorie könne den langfristigen Entwicklungsprozeß privatwirtschaftlich organisierter kapitalistischer Volkswirtschaften und dabei insbesondere auch die im Wachstumsprozeß realisierte (funktionale) Einkommensverteilung wenn schon nicht exakt, so doch in sehr guter Approximation erklären, verneinen dies die „AntiNeoklassiker" ganz entschieden. Zur Debatte steht dabei nicht so sehr die im Solotüschen Ansatz und allen darauf aufbauenden neoklassischen Varianten unterstellte jederzeitige (und kostenlose) Substituierbarkeit der Produktionsfaktoren und die damit implizierte Möglichkeit, bei konstanter volkswirtschaftlicher (durchschnittlicher) Sparquote und exogen gegebener Wachstumsrate des Arbeitsangebots ein langfristiges Wachstum bei Vollbeschäftigung aller Produktionsfaktoren durch eine entsprechende Investitionsnachfrage und durch die Wahl einer — aufgrund der Annahme über die technischen Möglichkeiten stets vorhandenen — adäquaten Technik zu erreichen. Ein in diesem Sinne interpretiertes neoklassisches Wachstumsmodell stellt nur eine (allerdings extreme) Version von anderen — auf Harrod aufbauenden — Planungsmodellen dar, die wenig Anlaß zu Kritik gaben und geben. Umstritten ist vielmehr der von den Neoklassikern behauptete modellendogen erklärte Preismechanismus, der bei vollständiger Konkurrenz ohne planerische Eingriffe die Vollbeschäftigung aller Produktionsfaktoren, d.h. stets die Realisation der „richtigen" Technik im Wachstumsprozeß garantieren soll. Bei produktionseffizienter Allokation der Ressourcen sind also hier die Preise OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.94.4.363 | Generated on 2023-04-04 11:50:42 Zinssatz, Profitrate und Reswitching 365 der Produktionsfaktoren — anders als im Planungsansatz — nicht nur Ausdruck der gesellschaftlichen Grenzkostenrelationen bei einer (marginal) alternativen Allokation, sondern sie bestimmen gleichzeitig noch die Aufteilung des Volkseinkommens auf die Faktoren4. 3. Beide Seiten haben stets anhand von Gleichgewichtsmodellen vollständiger Konkurrenz argumentiert. Dadurch wurde ein Punkt, der u. E. wesentlich für die beiden unterschiedlichen Standpunkte ist, zu wenig beachtet, so daß tatsächlich häufig aneinander vorbeigeredet wurde. Als Folge der einfachen Übertragung der Walrasianischen Gleichgewichtstheorie auf die intertemporale Faktorallokation stellt sich für die Neoklassiker der Wachstumsprozeß in erster Approximation primär als eine zeitliche Abfolge von (stabilen) Gleichgewichtssituationen dar, die nur jeweils kurzfristig von Ungleichgewichten gestört werden. Demgegenüber haben die Cambridge-Kritiker der neoklassischen Theorie zumindest implizit häufig Übergangsprozesse, d.h. Ungleichgewichte, vor Augen. Für sie ist somit der Wachstumsprozeß eher ein ständiger Wechsel von Produktionstechniken, also eine zeitliche Folge von Ungleichgewichtssituationen, die im besten Fall jeweils von sehr kurzfristig existierenden Gleichgewichten unterbrochen werden. Diese unterschiedliche Auffassung scheint auch für die jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Dougherty (1972) und Nuti (1974) einerseits und Pasinetti (1972 und 1974) andererseits wiederum verantwortlich zu sein. Ebenso spielte sie eine wesentliche Rolle bei der Diskussion zwischen Riese (1970 und 1971) und von Weizsäcker (1971; einzig Joan Robinson (1971 a, S. 4 ff. und S. 32 ff., 1970 und 1971 b) hat explizit von Anfang an auf dieses Problem hingewiesen. Da der Wachstumsprozeß — selbst auf einem quasi stationären steadystate-Pfad — stets auch Übergangsprozesse impliziert, muß eine Wachstumstheorie, die nicht nur die Bedingungen für ein gleichgewichtiges Wachstum aufzeigen, sondern auch eine Erklärung für das Wachstum liefern will, eben diese Übergangsprozesse — seien es Übergänge von einer Technik zu einer anderen oder nur Niveauverschiebungen entlang einer gegebenen Produktionstechnik — auf die eine oder andere Weise erklären können. Für eine privatkapitalistische Konkurrenzwirtschaft erzwingt dies: a) Eine Unterscheidung zwischen den Funktionen der Unternehmer, Kapitalbesitzer und Arbeiter. Hierbei muß nicht ausgeschlossen werden, daß ein Wirtschaftssubjekt zwei oder drei Funktionen gleichzeitig 4 Die Tatsache, daß neoklassische Wachstumstheorie stets auch — zum Teil sogar primär — (funktionale) Verteilungstheorie darstellt, muß man sich vor Augen halten, will man die ökonomischen und sozialen Probleme und Implikationen der kapitaltheoretischen Diskussion verstehen, die sich selbst OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.94.4.363 | Generated on 2023-04-04 11:50:42 366 Klaus Jaeger ausübt. Entscheidend ist, daß die Unternehmer auch über Fremdkapital und den Einsatz (fremder) Arbeitskraft disponieren. b) Die Integration einer Handlungstheorie speziell für das Verhalten der Unternehmer im Wachstumsprozeß, denn gerade sie sind es ja, die das Wachstum über eine durch Profitsuche orientierte Akkumulation von realem Kapital beeinflussen. Genau hier liegt der entscheidende und heftig umstrittene Punkt: Die neoklassische Theorie geht nämlich davon aus, daß aus einer Diskrepanz von Zinssatz und Profitrate entsprechende Reaktionen der Unternehmer resultieren, betrachtet explizit aber meist nur Situationen, in denen Zinssatz und Profitrate übereinstimmen. Beide müssen jedoch getrennt voneinander betrachtet und modellendogen bestimmt werden, will man die Kapitalakkumulation und damit den Wachstumsprozeß aus dem profitorientierten Unternehmerverhalten ableiten. Im folgenden soll nun untersucht werden, ob die neoklassische Wachstumstheorie dieser Zielsetzung gerecht wird und welche Rolle dabei das Auftreten eines Reswitchings von Techniken spielt. Das Ergebnis unserer Überlegungen läßt sich kurz in einer These zusammenfassen: Die neoklassische Wachstumstheorie in ihrer heutigen Form, d. h. speziell in ihrer intertemporalen Version, liefert keine Erklärung für solche Ubergangsprozesse; sie ist ihrer Natur nach eher eine statische Theorie, die im besten Fall als Ausgangspunkt für weitere wachstumstheoretische Überlegungen dienen kann. Diese beschränkte Aussagefähigkeit der neoklassischen Wachstumstheorie ist völlig unabhängig vom Auftreten eines Reswitchings, weshalb dieses auch für eine noch zu entwickelnde Wachstumstheorie privatwirtschaftlich organisierter Volkswirtschaften irrelevant ist. 4. Um diese These zu begründen, gehen wir von einer geschlossenen Volkswirtschaft aus, in der in jeder Periode ein bestimmter Netto-Output (ein unveränderliches Konsumgut oder ein in der Zusammensetzung konstantes Konsumgüterbündel) X (t) anfällt. Der Zeitoder Planungshorizont der s Individuen dieser Volkswirtschaft umfasse n Perioden und der Preis einer in t = 0 zu bezahlenden Outputeinheit der Periode t (t = 1, 2, ..., n), ausgedrückt in Konsumgütereinheit der Periode t = 0, sei p (t) mit p (0) = 1. Unterstellt man nutzenbzw. vermögensmaximierendes Verhalten bei allen Wirtschaftssubjekten, dann sind die notwendigen Bedingunhäufig um sehr abstrakt-technische Fragen drehte, wie z. B. der nach dem Verlauf und der Anzahl der Schnittpunkte zweier Lohn-Zinskurven. — (Hierauf verweist mit Nachdruck G. C. Harcourt (1972), S. 119). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.94.4.363 | Generated on 2023-04-04 11:50:42 Zinssatz, Profitrate und Reswitching 367 gen für das Nutzenmaximum bei dem i-ten Individuum bei vollständiger Konkurrenz, der Nutzenfunktion U* = U* [C* (0), C* (1),..C* (n)] und vorgegebenen Preisen: (1) dcj(t) 3 Ci(0) U* P(t) t = 1, 2, n i = 1,2, s d. h. die Grenzraten der Substitution zwischen Konsummengen heute (in t = 0) und jedem zukünftigen Zeitpunkt t müssen bei dem optimalen Konsumplan a des i-ten Wirtschaftssubjektes [C^(0), C*(l), C* (n)] gleich den jeweiligen (reziproken) Preisverhältnissen sein — ein hinreichend bekanntes Ergebnis5. Um das Ergebnis (1) aus einem Optimierungsansatz ableiten zu können, müssen natürlich neben den Preisen und den Präferenzen auch noch die Ressourcenverteilung auf die einzelnen Individuen exogen vorgegeben sein. Wir unterstellen zunächst, daß diese in Form eines sich über den gesamten Zeithorizont eines Individuums erstreckenden Konsumgüterstromes [Y1 (0), Y* (1), ..., Y* (n)], i = 1, 2, ..., s vorliegt. 5. Die Preise p (t) lassen sich ohne Schwierigkeiten in Zinssätze transformieren. Da p (t) im Optimum die Menge an C (0) angibt, die ein Wirtschaftssubjekt maximal im Zeitpunkt t = 0 aufzugeben bereit ist, um eine zusätzliche Konsumguteinheit im Zeitpunkt t > 0 zu erhalten, gilt offenkundig (2) p (t) [1 + i (1)] [l + i (2)] ... [1+ i (t)] [l + R W t = 1,2, ..., n wobei i (m) (m = 1, 2, ..., t) in (2) die kurzfristigen, d. h. die von Periode zu Periode geltenden (realen) Zinsätze (3) i (t) = [p (t - i)/p (t)] - 1, t = 1,2, ..., n , und R (t) ein aus den i (m) zu ermittelnder mittelund langfristiger Durchschnittszinssatz sind (Vgl. z. B. Debreu (1965), S. 32 ff. und Hirshleifer (1970), S. 109 ff.). Unter Verwendung von (2) und (3) läßt sich die Optimalbedingung (1) auch wie folgt umformulieren: (4) 3C j(t) dcUt-i) Ui V (t - 1) Vit) = - [1 +i(t)]> t = 1, 2, . .., n i = 1, 2, ..., s s Vgl. hierzu z. B. J. Hirshleifer (1970) S. 31 ff. Wir unterstellen hier und im folgenden, daß die hinreichenden Bedingungen jeweils erfüllt sind. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.94.4.363 | Generated on 2023-04-04 11:50:42 368 Klaus Jaeger d.h. im Optimum müssen die Grenzraten der Substitution zwischen Konsummengen zweier aufeinanderfolgender Perioden (die marginalen Zeitpräferenzraten) gleich dem reziproken Preisverhältnis dieser Konsumgüter bzw. gleich dem entsprechenden kurzfristigen Zinssatz sein. Aus den obigen Erläuterungen wird klar, daß auch dann, wenn keine privaten Eigentumsrechte an Produktionsmitteln bestehen, positive Zinssätze in einer Volkswirtschaft existieren können. Allein die Möglichkeit des freien Konsumgütertausches zusammen mit den unterschiedlichen Zeitpräferenzen der Wirtschaftssubjekte sowie Einkommensniveau und -Verteilung (beide hier noch exogen gegeben) determinieren die Zinssätze. Es bedarf keiner weiteren Ausführungen, daß dies bei den gemachten Annahmen natürlich völlig unabhängig von einem möglichen Auftreten eines Reswitchings von Techniken ist. 6. Um den zeitlichen Outputstrom X (t) zu bestimmen, muß auf die Produktionsbedingungen zurückgegriffen werden. Der Einfachheit halber sei zunächst unterstellt, daß für jedes Individuum eine kontinuierliche, partielle Variation des produzierbaren (Konsumgüter-)Outputs in den verschiedenen Perioden in bestimmten Grenzen möglich ist. Solche produktiven, zeitlichen Transformationen von Konsumgütermengen können durch positive Nettoinvestitionen (gegenwärtiger Konsumgüteroutput wird zugunsten eines später möglichen Mehroutputs unter dem vorgegebenen Niveau Y* (0) gehalten) oder durch Unterlassung von Reinvestitionen, d. h. negative Nettoinvestitionen (auf Kosten zukünftiger Produktionsmöglichkeiten wird die gegenwärtige Produktion über das vorgegebene Niveau Y* (0) ausgedehnt) erzielt werden. Somit investiert das i-te Individuum real in der Periode t = 0, wenn Yi (0) > Xi (0) sowie Y* (t) < Xi (t) für mindestens ein t > 0; im umgekehrten Fall desinvestiert das Wirtschaftssubjekt. Der Produktionsprozeß selbst, d. h. die zeitliche Allokation von Produktionsfaktoren wie z. B. Arbeit und Realkapital, wird hier also nicht explizit betrachtet. Nur das Ergebnis dieses Prozesses in Form von Konsumgüteroutputs im Zeitablauf spielt eine Rolle — mit der Konsequenz, daß die funktionale Einkommensverteilung zunächst noch verdeckt bleibt. Der — annahmegemäß konvexe — n + 1-dimensionale Produktionsmöglichkeitsraum des i-ten Individuums läßt sich nun durch (5) F* IX*10),XH1), X«(n); Y«(0),Y«(1), Y< (n)] = 0, i = 1,2, ..., s beschreiben. Die Funktion (5) hängt dabei natürlich ab von der als bekannt unterstellten heutigen und zukünftigen Technologie sowie den im Zeitablauf verfügbaren Produktionsfaktoren, ausgedrückt durch den zeitverteilten exogenen Konsumgüterstrom Y* (0), Yi (1), ..., Yi (n). Sie OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.94.4.363 | Generated on 2023-04-04 11:50:42 Zinssatz, Profitrate und Reswitching 369 ist jedoch unabhängig von irgendwelchen Preisen, da nur produktionseffiziente Faktorallokation in jeder Periode gefordert wird. Aufgrund der Existenz vollkommener (Termin-)Märkte kann jedes Wirtschaftssubjekt die Produktionsentscheidungen unabhängig von den eigenen Präferenzen, d.h. unabhängig von den eigenen Konsumentscheidungen treffen, solange nur die Restriktion erfüllt ist, daß der Gegenwartswert der im Zeitverlauf produzierten Konsumgüter, d. h. (6) Zi= S p(t)X*(t), i = 1,2, ..., s , u o zumindest ebenso groß ist wie der des (realisierten) Konsumplans. Bei vermögensmaximierendem Verhalten wird jedes Wirtschaftssubjekt den Produktionsplan realisieren, der (6) unter der Bedingung (5) bei gegebenen Preisen maximiert. Die notwendigen Bedingungen für diesen optimalen (vermögensmaximierenden) Produktionsplan [X^(0), Xi(l), ..., Xi(n)] sind 3xl(t) i t = l,2, . .., n (?) ^^Tär"^11^ i = 1> 2, ..., s d. h. im Optimum müssen die marginalen (partiellen) Transformationsraten zwischen heutigen Konsummengen und denjenigen jeder zukünftigen Periode bei jedem Wirtschaftssubjekt gleich den jeweiligen (reziproken) Preisverhältnissen sein. Wegen (2) läßt sich die Bedingung (7) auch dahingehend interpretieren, daß im Optimum die marginalen (partiellen) Transformationsraten oder — was das gleiche ist—die marginalen (partiellen) Ertragsraten der Investition bei jedem Wirtschaftssubjekt gleich den entsprechenden Zinssätzen sein müssen. 7. Um auch noch die Gleichgewichtspreise bzw. Zinssätze und damit gleichzeitig die im Gleichgewicht herrschende Einkommensbzw. Vermögensverteilung zwischen den Individuen (vgl. (6)) modellendogen bestimmen zu können, müssen noch zusätzliche Gleichgewichtsbedingungen eingeführt werden, und zwar die in jeder Periode realisierte Gleichheit von insgesamt produzierten und konsumierten Konsumgütermengen, d.h.® (8) 2 X* (t) = Xa (t) = 2 Cj (t) = Ca (t), t = 0,1, 2, ..., n . i=i t=i Die in (8) ausgedrückte Gleichheit von gesamtwirtschaftlichem Angebot in der Periode t [Xa (t)] und gesamtwirtschaftlicher Nachfrage in 6 Von den n + 1 Gleichungen (8) sind nur n linear unabhängig. 24 Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften 1974/4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.94.4.363 | Generated on 2023-04-04 11:50:42 370 Klaus Jaeger t (Ca (t)] bei Realisierung des optimalen Produktionsplanes a kann auch in die geläufige I = S-Bedingung umformuliert werden: (9) Z Yi (t) - Xa (t) = Ia (t) = 2 Y* (t) - Ca (t) =Sa (t), »=i ¿=i t = 0,1, 2, ..., n , s wobei 2 Yi (t) den gesamten Bestand exogen gegebener Ressourcen in der Periode t (Konsumgüter) angibt. Die Zinssätze bzw. Preise lassen sich dann im Optimum in Abhängigkeit von dieser „Anfangsausstattung", den Zeitpräferenzen und den Produktionsmöglichkeiten der einzelnen Individuen aufgrund des unterstellten Vermögensbzw. nutzenmaximierenden Verhaltens modellendogen bestimmen. Da bei vollständigen Märkten im Gleichgewicht in jeder Periode nur ein Preis bzw. Zinssatz herrschen kann, folgt als Lösung für ein solches allgemeines intertemporales Gleichgewichtssystem (sofern sie existiert), daß für alle Wirtschaftssubjekte die Grenzraten der Substitution zwischen Konsummengen verschiedener Zeitpunkte gleich den entsprechenden Transformationsraten in der Produktion und diese gleich den jeweiligen Preisrelationen bzw. Zinssätzen sein müssen. Somit erhält man 1 dxUt) a ci(t) 1 (10) = = = + t = 1,2, ..., n , i = 1, 2, ..., s . Die in (10) formulierte Gleichheit der Preisrelationen bzw. Zinssätze, zu denen Güter über unterschiedliche Zeiträume hinweg geund verliehen werden können, mit den entsprechenden marginalen zeitlichen Transformationsraten der Produktion und den entsprechenden Zeitpräferenzraten ist eine Gleichgewichtsbedingung, die in direkter Analogie aus der Gleichheit der relativen Preise mit den entsprechenden Produkttransformationsraten und Grenzraten der Substitution bei der Konsumtion in den zeitlosen allgemeinen Gleichgewichtsmodellen folgt. Hier wie dort gilt weiterhin, daß im Gleichgewicht die jeweils verwendeten Produktionstechniken und damit die Faktorallokation bestimmt sind. Der Unterschied zu den zeitlosen Modellen besteht hier lediglich darin, daß durch den optimalen Produktionsplan a eine zeitliche Folge von im Zeitablauf zur Anwendung kommenden Techniken und damit eine zeitliche Faktorallokation festgelegt ist. Damit wird jedoch der Übergangsprozeß von einer Technik zur anderen nicht erklärt, sondern es wird einfach über die Gleichgewichtsbedingungen ermittelt, welche OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.94.4.363 | Generated on 2023-04-04 11:50:42 Zinssatz, Profitrate und Reswitching 377 einfache Regel aufstellen, nach der sie entscheiden können, ob ein Übergang zur b-Technik für sie lohnend ist oder nicht. Voraussetzung dafür ist jedoch, daß wiederum für beide Techniken ein Preissystem zugrunde gelegt wird. Nehmen wir an, es sei dies das a-Preissystem Za (iö). Der Gegenwartswert der Profite der a-Technik (vor Abzug der Zinszahlungen an die Kapitalisten) ist bei i = ia und w = wa (18) Za(ia)Ka=Xa-Wahl und der der b-Technik ist entsprechend (19) Za(ia)Kög Xb-waLl wenn Kb wiederum den Spaltenvektor der zur Produktion von Xb notwendigen Kapitalgüter darstellt. Wird nun weiterhin unterstellt, daß bei einem Übergang von der azur b-Technik alle Kapitalgüter Ka weiterhin in der Produktion eingesetzt werden und die Beschäftigung in beiden Situationen gleich groß ist, dann läßt sich der Ertrag des für den Übergang zur b-Technik notwendigen zusätzlichen Kapital wertes (r) aus (18) und (19) leicht ermitteln. (20) r = ^t-KJ Za{ia){Kb-Ka) Gilt in (20) das Kleinerzeichen, lohnt sich für die Unternehmer der Übergang zur b-Technik offensichtlich nicht, denn sie würden dann pro zusätzlich investierter Einheit Kapital wert einen Verlust von r — ia < 0 machen. Umgekehrt lohnt sich bei einem Größerzeichen in (20) der Übergang, da der Periodenprofit für die Unternehmer bei dieser Investition gleich (r — ia) Za (Kb — Ka) wäre8. Bei Gültigkeit eines Gleichheitszeichens schließlich wären die Unternehmer hinsichtlich eines Übergangs zur b-Technik indifferent. Wird in der unterstellten stationären Ausgangssituation die Technik a verwendet, muß in (20) das Kleineroder Gleichzeichen gelten. Der dann herrschende Zinssatz und die damit verbundene Einkommensverteilung werden in dem hier diskutierten Fall einer diskreten Wahl zwischen einer begrenzten Zahl von alternativen Techniken natürlich primär durch die Präferenzen der Kapitalisten (vgl. (14)) und weniger 8 Bei Desinvestitionen (heutiger Mehrkonsum auf Kosten des Zukunftskonsums) müßte die obige Argumentation umgekehrt werden, d. h. ein Übergang zur b-Technik lohnt sich bei r<ia und unterbleibt bei r > ia. Desinvestitionen, die zu einem größeren langfristigen Konsumoutput führen (negatives r), d. h. ineffiziente Situationen, betrachten wir hier nicht. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.94.4.363 | Generated on 2023-04-04 11:50:42 378 Klaus Jaeger durch die technologischen Möglichkeiten determiniert, die nur die Schwankungsbreite des Zinssatzes markieren, innerhalb dessen noch die a-Technik für die Unternehmer optimal ist, während aufgrund der Präferenzen der Kapitalisten dann der Zinssatz festgelegt wird, bei dem der der a-Technik entsprechende Vermögenswert genau von den Kapitalisten gewünscht wird. Entscheidender ist, daß bei dem obigen Entscheidungskalkül ein Preissystem — nämlich das der a-Technik — zugrunde gelegt wurde. Wird der Ubergang zur b-Technik tatsächlich vollzogen, dann ändern sich aber aufgrund der unterschiedlichen technischen Koeffizienten der b-Technik und der Präferenzen der Kapitalisten, der Unternehmer und der Arbeiter der Zinsund der Lohnsatz und damit auch die Preise Z der Kapitalgüter. Die Aufteilung des Ertrages der für einen solchen Ubergang notwendigen Investitionen auf Kapitalisten, Unternehmer und Arbeiter ist dann wiederum unbestimmt. Nur durch Einführung zusätzlicher Hypothesen über Erwartungsbildung, Reaktionen auf enttäuschte Erwartungen und über die technischen Möglichkeiten, solche Übergänge überhaupt zu vollziehen, könnte diese Lücke geschlossen werden. Hier tauchen also die gleichen Probleme auf wie bei dem oben diskutierten Fall, bei dem keine funktionale Teilung zwischen Arbeit und Kapital explizit vorgenommen wurde. Nur durch Einführung zusätzlicher (und bisher wenig gesicherter) Hypothesen läßt sich die Einkommensverteilung im Ubergangs-, und das heißt im Wachstumsprozeß, determinieren. Die eben erwähnte Unbestimmtheit läßt sich vermeintlich dann vermeiden, wenn man den Ubergang von einer Technik zur einer anderen in einem Switch-Punkt betrachtet. Ein solcher Punkt liegt dann vor, wenn bei einem gegebenen Lohnund Zinssatz die aufgrund der Preis = Kosten-Bedingung ermittelten Preise aller Güter bei zwei Produktionstechniken identisch sind, d.h. wenn in (18) und (19) für i = ia = ib und w = wa = wt sowie Za = Zb jeweils ein Gleichheitszeichen gilt. In diesem Fall würden sich bei einem Ubergang ex definitione von der Produktionsseite her betrachtet keine Preisveränderungen ergeben (die Unternehmer hätten in dieser Situation aber auch keine Veranlassung, die für den Wechsel zur b-Technik notwendigen Investitionen zu tätigen). Da die beiden Kapitalwerte der aund b-Technik jedoch unterschiedlich sind, hängt es von den Präferenzen der Kapitalisten ab, ob sie die beiden Situationen bei dem herrschenden Zinssatz als optimal betrachten, d. h. ob sie bereit sind, trotz unterschiedlicher ZinseinOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.94.4.363 | Generated on 2023-04-04 11:50:42 Zinssatz, Profitrate und Reswitching 379 kommen in beiden Situationen keine Nettoersparnisse bei dem konstanten Zinssatz zu tätigen (vgl. (14)). Selbst wenn dies der Fall wäre, könnte ein Ubergang zur b-Technik — sofern diese einen höheren Kapitalwert impliziert — von selten der Kapitalisten nur bei einem in der Regel temporär steigenden bzw. höherem Zinssatz vollzogen werden, da sie nur dann bereit wären, den für einen solchen Ubergang notwendigen Verzicht auf Gegenwartskonsum aus dem laufenden Einkommen vorzunehmen. Zinsveränderungen hätten jedoch wiederum Preisund Lohnsatzveränderungen (wenn auch in diesem Fall nur kurzfristig) zur Folge, so daß auch jetzt wiederum die Einkommensverteilung im Wachstumsprozeß indeterminiert wäre. Diese Schwierigkeiten lassen sich natürlich auch dann nicht umgehen, wenn marginale Veränderungen in einem Switch-Punkt betrachtet werden, d. h. die Existenz unendlich vieler Techniken unterstellt und angenommen wird, daß für den Ubergang nur marginale Investitionen (Konsumverzicht) notwendig sind. In diesem Fall können nur die Optimalbedingungen etwas eleganter formuliert werden, nämlich als Gleichheit von marginaler Transformationsrate zwischen Konsummengen in t = 0 und einem unendlich weit in die Zukunft reichenden Konsumstrom von t = 1 an und der entsprechenden marginalen Grenzrate der Substitution bei dem Konsum der Kapitalisten, d. h. dX„ d C2 (21) dVa d CQ Die Bedingung (21) muß im Optimum erfüllt sein. Wird die Technik a angewendet, dann lassen sich der Lohnsatz und die Preise der Kapitalgüter aus der Preis = Kosten-Bedingung ermitteln. Die Einkommensverteilung ist dann in diesem Gleichgewicht durch die anfängliche Ressourcenverteilung, die Präferenzen der Wirtschaftssubjekte und die Technologie sowie die Vollbeschäftigungsannahme determiniert. Die Kapitalisten erhalten ein Einkommen von ia Va, die Arbeiter eines von wa L* und die Unternehmen gehen leer aus — ihr Profiteinkommen ist Null. Die Bestimmung der Einkommensverteilung im Wachstumsprozeß und damit auch die Erklärung des Profiteinkommens ist damit natürlich weiterhin ungelöst. 11. Es könnte sein, daß zwischen den Techniken a und b bei alternativen Lohn-Zinsrelationen (und entsprechend unterschiedlichen Kapitalgüterpreisen) mehrere Switch-Punkte existieren, d. h. daß für alternative Lohn-Zinsrelationen in (18) und (19) ein Gleichheitszeichen bei Za (i) = Zb (i) gilt. Es ist denkbar, daß hier — je nach dem Verlauf der Präferenzfunktion der Kapitalisten — in zwei oder mehreren SwitchOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.94.4.363 | Generated on 2023-04-04 11:50:42 330 Klaus Jaeger Punkten die Bedingung (21) erfüllt ist mit der Konsequenz, daß in diesem Fall die Gleichgewichtswerte aller Variablen nicht eindeutig bestimmbar sind. Macht man die Annahme, daß die Kapitalisten mit steigendem Zinssatz einen höheren Vermögenswert präferieren (und vice versa), dann läßt sich in einem (oder mehreren) Switch-Punkten eine bestimmte Instabilität des Gleichgewichts aufzeigen. Nehmen wir an, die Wirtschaft befinde sich bei i = ia in einem solchen Switch-Punkt und wende die a-Technik an. Sinkt der Zinssatz etwas unter dieses Niveau, werde aufgrund des beschriebenen Kalküls (vgl. (20)) ein Übergang zur b-Technik für die Unternehmer lohnend und bei einem etwas höheren Zins bleibe weiterhin die a-Technik profitabel. Impliziert die b-Technik nun — was möglich ist — einen geringeren Kapitalwert, liegt eine instabile Situation vor, da bei sinkendem Zinssatz die Kapitalisten geneigt sind, durch verstärkten Gegenwartskonsum eine Reduktion ihres Vermögens zu erreichen, die Unternehmer aber andererseits nicht bereit sind, durch Übergang zu einer Technik mit einem höheren Kapitalwert das tendenzielle (weitere) Absinken des Zinssatzes aufzuhalten. Da die hier vorgeführte Theorie jedoch die Erklärung von Übergangsprozessen in keinem Fall — also auch ohne Auftreten von mehreren Switch-Punkten zwischen zwei Techniken (Reswitching) — leisten kann, scheinen diese Konsequenzen eines Reswitchings wenig relevant zu sein. Daß andererseits die Eindeutigkeit der Gleichgewichtslösung als Folge eines Reswitchings beeinflußt werden kann, bringt zwar gewisse Probleme für die GZeicTigetinchtsanalyse, diese sind jedoch hier nicht gravierender als in anderen Bereichen der Theorie. 12. Bleibt ein weiterer Punkt, der insbesondere von Pasinetti (1969 und 1974) herausgearbeitet wurde. Er argumentiert, daß im Falle unendlich vieler Techniken kein Switch-Punkt zwischen zwei Techniken als entscheidungsrelevanter Punkt mehr existiert, da jedem Zinssatz nur genau eine Technik als die eindeutig profitabelste zugeordnet ist. Folglich impliziert ein Übergang zu einer anderen Technik stets, daß im neuen Gleichgewicht ein anderes gleichgewichtiges Lohn-Zinssatzverhältnis realisiert ist und nicht, wie in einem Switch-Punkt, ein konstantes Lohn-Zinsverhältnis. Existiert nun ein Reswitching von Techniken, dann kann der Fall eintreten, daß sehr kleine (marginale) Veränderungen des Zinssatzes eine „eng benachbarte" Technik profitabel werden läßt, zu deren Erreichen keine marginalen, sondern endliche Änderungen des Kapitalwertes, d.h. Investitionen erforderlich sind. Anders ausgedrückt: kontinuierliche Variationen des Zinssatzes implizieren nicht kontinuierliche Veränderungen des Kapitalwertes und des Outputs. Somit ist nach Pasinetti (1972) die Marginalanalyse nicht mehr anwendbar und der Zinssatz nicht mehr bestimmbar. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.94.4.363 | Generated on 2023-04-04 11:50:42 Zinssatz, Profitrate und Reswitching 381 Gegen diese Argumentation läßt sich dreierlei einwenden: a) Man kann darüber streiten, ob bei einem Kontinuum an Tediniken die Zahl der entscheidungsrelevanten Switch-Punkte gleich Null wird oder ob in diesem Fall die Zahl der Switch-Punkte unendlich wird, wie Solow (1970, S. 427) meint, so daß für jeden Zinssatz zumindest zwei Techniken für die Unternehmer gleich profitabel sind. Dies ist m. E. jedoch von geringerer Bedeutung. b) Entscheidender ist, daß Pasinetti Übergangsprozesse von einer Technik zu einer anderen betrachtet, in diesen Übergangsprozessen der Zinssatz jedoch auch ohne das Auftreten von Reswitching nicht in Modellen dieser Art bestimmbar ist. Dieses Problem wurde oben ausführlich diskutiert. c) Versucht man nicht, den Zinssatz allein aus den technologischen Möglichkeiten zu bestimmen, sondern berücksichtigt auch die Präferenzstruktur der Kapitalanbieter, dann läßt sich im Gleichgewicht sehr wohl der Zinssatz auch bei Auftreten eines Reswitchings determinieren. Die Beziehung (21) ist dann allerdings nicht mehr verwendbar, d. h. der Zinssatz ist nicht mehr über die Gleichheit von marginalen Substitutionsund Transformationsraten bestimmbar, da in der Tat die Marginalanalyse hier versagt. Durch Rückgriff auf andere Analysemethoden (lineares oder nicht-lineares Programmieren) läßt sich dieses Problem jedoch lösen. Im Optimum muß dann wiederum der Zinssatz gleich der Grenzrate der Substitution beim Konsum der Kapitalisten sein, der bei diesem Zinssatz und der verwendeten Optimaltechnik resultierende Vermögenswert muß dem von den Kapitalisten (bei diesem Zinssatz) gewünschten entsprechen, und die technischen Möglichkeiten determinieren die äußersten Schwankungsbreiten des Zinssatzes für die Unternehmer. Aus (20) ist dies ersichtlich. Ist a die Optimaltechnik und sind b und c die beiden benachbarten Techniken, dann muß ein gedachter Übergang von der azur b-Technik und von der azur c-Technik bei dem herrschenden Zinssatz und dem über die Preis = Kosten-Bedingung ermittelbaren Preissystem nicht lohnend sein, d. h. t*>*>\ XB ~~XA ^ i J xa ~~ xc ^. (22) Za(ia)(Kb-Ka) <l° Und Za (ia) (K0 — Kc) >l° d.h. der Zinssatz ia kann aus der Sicht der Unternehmer zwischen Tafb < ia < Taic schwanken, ohne daß die Unternehmer von der a-Technik abrücken würden. Der die Kapitalisten befriedigende Zinssatz wird dann durch (14) determiniert, d h. im Optimum, in dem keine weiteren Veränderungen seitens der Wirtschaftssubjekte mehr gewünscht werden, ist der Zinssatz eindeutig bestimmt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.94.4.363 | Generated on 2023-04-04 11:50:42 382 Klaus Jaeger Es könnte natürlich bei einem solchen statischen Vergleich der Profitabilität von Techniken der Fall auftreten, daß bei Realisation einer, z. B. der b-Technik, und Bewertung mit dem b-Preissystem ein Übergang zur a-Technik für die Unternehmer vorteilhaft wäre, umgekehrt aber bei Realisation der a-Technik und Bewertung mit den a-Preisen wiederum die b-Technik profitabler wäre. Eine solche Möglichkeit spricht nicht dagegen, daß der Zinssatz im Optimum bestimmbar ist, denn hier werden wiederum Übergangsprozesse, und das heißt Ungleichgewichtssituation, betrachtet, in denen mit oder ohne Reswitching die Bestimmung des Zinssatzes und damit der gesamten Einkommensverteilung im Rahmen dieser Theorie nicht möglich ist. 13. Der im Grunde genommen statische Charakter dieser Theorie, die nur die Bedingungen aufzeigen kann, die im Optimum erfüllt sein müssen, nicht jedoch den Weg zu diesem Optimum erklären kann, läßt sich schließlich noch an einem letzten Punkt demonstrieren, der jedoch wiederum unabhängig vom Auftreten eines Reswitchings von Techniken ist. Ein wesentliches Element in der neoklassischen Wachstumstheorie ist der dort unterstellte Vollbeschäftigungsmechanismus. Herrscht in irgendeinem Zeitpunkt z. B. ein Überschußangebot an Arbeit, dann sinkt der Reallohnsatz unter das Grenzprodukt der Arbeit, die Unternehmer werden daher bei dem existierenden Kapitalbestand mehr Arbeiter solange nachfragen, bis das Grenzprodukt der Arbeit dem (nun niedrigeren) Lohnsatz entspricht und Vollbeschäftigung aller Faktoren besteht. Im neuen Gleichgewicht ist dann die Lohn-Zinsrelation niedriger und die Kapitalintensität ebenfalls. Betrachtet man diesen Mechanismus etwas näher, dann wird klar, daß seine Gültigkeit auf die Existenz einer Ein-Produkt-Wirtschaft, in der Kapitalund Outputpreis identisch und konstant sind, beschränkt ist. In einer Wirtschaft mit mehreren produzierten Produktionsmitteln und einer im Zinssatz zum Ausdruck kommenden Zeitpräferenz der Wirtschaftssubjekte funktioniert er nicht mehr. Nehmen wir einen stationären Zustand bei Vollbeschäftigung aller Faktoren mit der Optimaltechnik a und dem entsprechenden Preissystem als Ausgangssituation. Die Preise der Kapitalgüter lassen sich dann wie folgt ausdrücken: (23) = hjia wenn ha die (im Zeitablauf konstanten) Preise pro Leistungseinheit der Kapitalgüter darstellen. Nur wenn sich bei steigendem oder sinkendem Zinssatz diese Preise pro Leistungseinheit um den gleichen Prozentsatz verändern, bleiben die Preise der Kapitalgüter konstant. In diesem OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.94.4.363 | Generated on 2023-04-04 11:50:42 Zinssatz, Profitrate und Reswitching 383 Fall wären die Lohn-Zinskurven linear, und wir hätten eine Ein-Produkt-Wirtschaft, bei der tatsächlich — wie im Walrasianischen Modell — nur die Preise pro Leistungseinheit der Kapitalgüter betrachtet werden könnten. Der Zinssatz spielt hier keine Rolle mehr, und wir haben ein „zeitloses" stationäres Modell. Umgekehrt könnte man dann auch von den Preisen pro Leistungseinheit der Kapitalgüter abstrahieren, und man hätte das einfache neoklassische Wachstumsmodell. Macht man die vereinfachende Annahme einer proportionalen Beziehung zwischen Zinssatz und Preisen pro Leistungseinheit jedoch nicht, ergeben sich Schwierigkeiten. Nehmen wir an, in der Ausgangssituation erhöhe sich das Arbeitsangebot einmalig in einem bestimmten Umfang. Sinkt nun daraufhin der Reallohnsatz, dann werden davon die Kapitalisten zunächst überhaupt nicht berührt. Bleibt darüber hinaus der Zinssatz zunächst noch konstant, dann werden die Stückkosten bei der Produktion neuer Kapitalgüter sinken, gleichzeitig aber auch die Profitabilität der bestehenden Kapitalgüter steigen. Die Unternehmer werden somit versuchen, verstärkt neue Kapitalgüter zu produzieren und bestehende Kapitalgüter nachzufragen. Beides ist aber nur möglich, wenn sie sich bei den Kapitalisten stärker verschulden — mit der Konsequenz, daß in aller Regel der Zinssatz steigt, was wiederum positiv auf die Produktionskosten neuer Kapitalgüter und negativ auf die Preise existierender Kapitalgüter wirkt. Bei diesem Prozeß bleibt völlig offen und ungeklärt, wie die Unternehmer das bei den Kapitalisten aufgenommene Finanzkapital verwenden, d. h. welche realen Kapitalgüter tatsächlich mehr nachgefragt und produziert werden: die der a-Technik oder die anderer Techniken, deren Anwendung aufgrund des gesunkenen Reallohnsatzes ebenfalls profitabel wird. Ein solches Problem stellt sich in einer Ein-Produkt-Wirtschaft natürlich nicht, ist jedoch bei der Erklärung von Übergangsprozessen in einer Mehr-Produkt-Wirtschaft zentral, da hier die Wahl einer bestimmten Produktionstechnik gleichzeitig eine Entscheidung über die Art der verwendeten Kapitalgüter impliziert. Erst wenn alle Preise oder die Erwartungen über die zukünftigen Preise bestimmt sind, läßt sich aus dem profitmaximierenden Unternehmerverhalten die angewendete oder angestrebte Produktionstechnik modellendogen ableiten. Erst dann wäre es auch möglich, die Einkommensverteilung zwischen Kapitalisten, Unternehmern und Arbeitern aus dem Modell herzuleiten. Es ist durchaus denkbar, daß bei dem erhöhten Arbeitsangebot ein neues Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung und Verwendung irgendeiner Technik existiert. Die Theorie liefert die Bedingungen, die in diesem Gleichgewicht notwendigerweise erfüllt sein müssen, und determiniert damit auch die dann zu Anwendung kommende(n) Technik(en). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.94.4.363 | Generated on 2023-04-04 11:50:42 384 Klaus Jaeger Über den Weg zu diesem neuen Gleichgewicht und damit letztlich auch über den Wachstumsprozeß kann sie jedoch nichts aussagen. Damit zeigt sich, daß die neoklassische Wachstumstheorie — verstanden als intertemporale (gleichgewichtige) Allokationstheorie — bisher keine Wachstumsprozesse erklären, sondern nur die Beschreibung von zeitlich unverbunden nebeneinander stehenden Gleichgewichtszuständen bei alternativen Parameterkonstellationen liefern kann. Sie ist letztlich keine Wachstumstheorie, sondern eher eine komparativstatische Theorie zeitlich aufeinanderfolgender Gleichgewichte. 14. Eine letzte Bemerkung noch zu der unterstellten vollständigen Information aller Wirtschaftssubjekte. Diese Annahme ist im Grunde wiederum unvereinbar mit der angenommenen Dreiteilung der Wirtschaftssubjekte: Im Gleichgewicht existieren keine Unternehmer, da das Profiteinkommen gleich Null ist. Im Ungleichgewicht werden die Kapitalisten selbst als Unternehmer tätig sein, denn warum sollten sie sich bei dem unterstellten maximierenden Verhalten sichere Gewinnmöglichkeiten entgehen lassen, wo doch die Aufnahme und der Abbruch der Produktion ebenso wie die Substitution der Faktoren mit keinerlei Kosten verbunden sind? Die verbleibende Zweiteilung der Gesellschaft in Arbeiter und Unternehmer-Kapitalisten (die eventuell auch arbeiten) läßt sich dann allein aus den unterschiedlichen Zeitpräferenzen oder allgemeiner aus den Präferenzordnungen erklären, deren Beeinflussung selbst aber wiederum problematisch ist, denn wer sollte darüber entscheiden, welche Präferenz für das einzelne Individuum gut oder schlecht, richtig oder falsch ist? Aus dieser Sicht können dann zwangsläufig auch nur Fragen der funktionalen Einkommensverteilung in bestehenden Gleichgewichtssituationen beantwortet werden, da alle Aspekte der personellen Einkommensverteilung (wenn überhaupt) auf die nicht erklärten, sondern exogen vorgegebenen individuellen Präferenzordnungen, die Technologie und die anfängliche Ressourcenverteilung zurückführbar sind. Es fällt schwer zu glauben, daß eine solche Theorie die Wachstumsprozesse kapitalistischer Wirtschaften erklären kann. Was notwendig ist, ist eine Theorie der Übergangsprozesse, d. h. eine echte ungleichgewichts-dynamische Theorie, die die sich im Zeitablauf abspielenden Ubergänge zu verschiedenen Produktionstechniken und die damit implizierten Verteilungswirkungen erfassen kann. Für eine solche Analyse ist das Auftreten oder Nicht-Auftreten von Reswitching oder die „anormalen" Veränderungen des Kapitalwertes entlang einer bestimmten Produktionstechnik (capital-reversing) aber wenig bedeutsam. Sie könnten allenfalls die formalen Schwierigkeiten erhöhen, nicht jedoch OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.94.4.363 | Generated on 2023-04-04 11:50:42 Zinssatz, Profitrate und Reswitching 385 das grundlegende Problem beeinflussen. Damit scheint sich der Joan Robinson nachgesagte Ausspruch zu bewahrheiten: „Do not bother. Neoclassical theory is no better off even when there is no reswitching" (Gallaway and Shukla (1974), FN. S. 348). Zusammenfassung Die Frage wird geprüft, inwiefern die Wiederkehr einer Produktionstechnik (Reswitching) den Erklärungsgehalt der neoklassischen Wachstumstheorie beeinflußt. Anhand eines intertemporalen Optimierungsmodells läßt sich zeigen, daß die neoklassische Wachstumstheorie nur die Bedingungen für ein Wachstumsgleichgewicht aufzeigen, jedoch keine Erklärung des Wachstums liefern kann (und deswegen eher als statische Theorie zu bezeichnen ist), da die Profitrate als entscheidende Steuerungsvariable des Investitionsverhaltens der Unternehmer und somit auch die Einkommensverteilung im Wachstumsprozeß privatkapitalistischer Wirtschaften indeterminiert sind. Dies gilt unabhängig vom Auftreten eines Reswitchings. Die kapitaltheoretische Diskussion über dieses Phänomen hat daher eher vom eigentlichen wachstumstheoretischen Problem, d.h. der Erklärung ungleichgewichtiger Übergangsprozesse, abgelenkt als Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt. Summary The issue is considered, whether the possibility of reswitching of techniques influences the explanatory value of neoclassical growth theory. In an intertemporal decision model it is shown, that neoclassical growth theory can only describe growth equilibria, but not explain the growth process itself, because the profit rate, an important variable for the investment decisions of entrepreneurs, and therefore also the income distribution are not determined within this framework. This is completely independent of the existence of reswitching. Therefore the controversies in capital theory have mostly missed the real problem of growth theory, i. e. the explanation of the disequilibrium transition process. Literatur Debreu, G. (1965), Theory of Value, Cowles Foundation Monograph 17, New York 1965. Dougherty, C. R. S. (1972), On the Rate of Return and the Rate of Profit, Economic Journal 82 (1972) S. 1324 - 1350. Gallaway, L. and V. Shukla (1974), The Neoclassical Production Function, American Economic Review 64 (1974). Harcourt, G. C. (1972), Some Cambridge Controversies in the Theory of Capital, Cambridge University Press 1972. 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