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Subjekt und Gegenstand in der klassischen Nationalökonomie

Jonas, Friedrich

Abstract

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Jonas, Friedrich Article Subjekt und Gegenstand in der klassischen Nationalökonomie Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Jonas, Friedrich (1956) : Subjekt und Gegenstand in der klassischen Nationalökonomie, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 76, Iss. 3, pp. 83-91, https://doi.org/10.3790/schm.76.3.83 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290850 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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"Wertlehre und Saysches Theorem S. 85 — 3. Die Auflösung des Gegenstande« S. 89 1. Charakteristik des rationalen Gegenstandes als Natur Die Grundlage, von der aus sich der „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" vollzog, ist oft mehr oder weniger deutlich unter dem Begriff „Rationalismus" zusammengefaßt worden. Grundsätzlich kann dieser Begriff nach unserer Ansicht in zwei Richtungen interpretiert werden. Nach der einen Seite ist Ratio das Vermögen des Bestimmens ohne Ende, nach der anderen Seite das Unbedingte, das Ende des Bestimmens selbst; nach der einen Seite ist sie Individualität, nach der anderen Totalität. Was nun gemeinhin unter der Bestimmung des Rationalismus verstanden wurde, war der unvermittelte Übergang vom Individuellen zum Totalen, von der Summe der Privatkalküle zum Ganzen der Gesellschaft, wie er von Smith, Say und den Schülern Benthams überall vorausgesetzt wird. Die Grundlagen sind hier wohl unterschiedlich, und ideengeschichtlich ist der Übergang von dem Glauben an die „unsichtbare Hand", an den Fortschritt der Aufklärung, zu dem logisdien Rigorismus der utilistischen Philosophie von Bedeutung, aber das Ergebnis, die Unmittelbarkeit der Bestimmungen und der absolute Gegensatz, der durch eine bestimmte Denkform hervorgerufen wird, ist von allen Voraussetzungen her anzutreffen1. Die Denkform der Klassik ist bestimmt durch das Geschichtsbild des Liberalismus. Hier ist das Bewußtsein zu sich selbst gekommen und spricht als Selbstbewußtsein sein eigenes Wesen aus: daß es von nun an nur Gesetze und keine Geschichte mehr gäbe. Indem es sich 1 „Nature (which means in this case theory instead of history) begins and ends with individuals; Nature made the individuals and Man made the groups." B o n a r im Vorwort der Briefe Ricardos anMalthus, Oxford 1887, S. XII. 6* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.83 | Generated on 2023-04-04 11:23:50 84 Friedrich Jonas [340 so als Gegenstand gegenübertritt, verleugnet es sein eigenes Wesen, da es sich einer äußeren Notwendigkeit unterwirft, von der es nur weiß, daß sie aus dem Handeln aller resultiere. Für den Wissenschaftler selbst — und die Klassiker behaupten ja von sich, im Gegensatz zum Merkantilismus die wissenschaftliche Nationalökonomie begründet zu haben — ist dieser Schein der äußeren Freiheiten des individuellen Handelns leicht durchschaubar, und auf dieser Einsicht beruht überhaupt, wie noch J. St. M i 11 betont, der Charakter der Nationalökonomie als Wissenschaft. Drei Gesetze beherrschen die Natur: Das Bodengesetz, das Bevölkerungsgesetz und das hedonistische Prinzip, und naçh zwei Maximen kann der Mensch zu Wohlstand gelangen: Durch Arbeiten und Sparen. Der einzige rationale" Zweck der Wirtschaft ist der Konsum, und die gesellschaftlichen Bestimmungsgründe des Wirtschaftens, wie sie sich in der Verteilung der Produktionsmittel und Betätigungszweige auf die einzelnen Individuen zeigen, sind nebst der darauf aufbauenden Verteilung der Produkte nur Akzidentien2, die sich selbst als das beste Mittel zu diesem Zweck bewährt haben. „Eine Ware wird produziert, um sie konsumieren zu können; Verteilung und Austausch sind nur Zwischenoperationen3." Es wird so ein „klassisches64 System von strenger Einheitlichkeit geschaffen, in welchem die Handlungen des Individuums, sofern sie dessen Wohlstand betreffen, den Charakter der Zufälligkeit haben, gleichzeitig aber durch die Vermittlung der oben genannten Gesetze der strengen Notwendigkeit unterliegen, die durch die gesellschaftliche Aktion auf dem Markte hervorgerufen wird und als deren zentralen Ausdruck die Klassiker das Wertgesetz hingestellt haben. So zieht sich ein Riß zwischen Notwendigkeit und Zufälligkeit von Anfang an durch die Wissenschaft, ein Gegensatz, der durch die selbstbewußte Aufhebung der Geschichte so ausgedehnt wird, daß er keine praktische Bedeutung mehr hat; es gibt „disturbing causes" (Ricardo), eine Industrie „trop peu éclairée (S a y), aber es gibt keine Umwälzungen, denn die Harmonievorstellung zeigt nicht nur, daß Notwendigkeit nur an der Freiheit, sondern auch daß Freiheit nur in der Notwendigkeit existiert. Die Harmonievorstellung der Klassiker hat daher auch keine eigentlichen Wohlstandsimplikationen, sie besagt nur, daß dem Individuum genügend Daten zu seiner Orientierung zur Verfügung stehen, um sich systemgerecht zu verhalten — verantworten muß sich die Natur selbst. 2 Der Gegensatz zwischen Ricardo und Malthus hinsichtlich der Theorie der Absatzwege beruht wesentlich auf der unterschiedlichen Beurteilung dieses Punktes. 3 James Mill, Elemente der Nationalökonomie, Dt. v. A. L. v. Jakob, Halle 1824, S. 310/311. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.83 | Generated on 2023-04-04 11:23:50 341] Subjekt und Gegenstand in der klassischen Nationalökonomie 85 Die Nationalökonomie war von den Klassikern beabsichtigt als die Lehre von dem sinnvollen Zusammenleben der Menschen in der Wirtschaft, im Gegensatz zu den merkantilistischen Verwaltungsmaßnahmen. Sinn (individuelle Bedarfsdeckung) und die von dem hedonistischen Prinzip gelenkte Arbeit als das allen gleichmäßig zugängliche Mittel der Sinnverwirklichung standen durchaus fest, so fest, daß der Anspruch einer Naturwissenschaft, der eben auf der der scholastischen Denktechnik entsprechenden Unveränderlichkeit des Gegenstandes aufbaut, erhoben werden konnte. 2. Wertlehre und S a y sches Theorem Durch die Wertlehre wurde die Nationalökonomie zur Wissenschaft. Das Wertgesetz war eine Konstante wie die Konstanten der Physik. Es erschien dies notwendig, da man nach naturwissenschaftlicher Methode ein System nur begründen kann, wenn bestimmte Konstanten durch das System selbst nicht mehr bedingt sind. Die Klassiker glaubten eine solche Konstante, die selbst nicht Wert war, in der Arbeitskraft gefunden zu haben, was Ricardo gegen M a 11 h u s und Marx gegen Proudhon betonte. Mit ihr sollen die Gesetze, die den Austausch der Waren bestimmen, erklärt werden. Der natürliche Preis oder Wert der Klassiker leistet dasselbe wie der physiokratische Kreislauf. Er reproduziert Lohn, Rente und Profit und stellt so gleichermaßen die Bedingungen fortgesetzten Wirtschaftens dar. Er ist damit Ausdruck für die Autonomie des Wirtschaftsablaufs und bringt die Bestimmungsgründe der Wirtschaft: Knappheit und soziale Verbundenheit zum Ausdruck. In ihr wird die Voraussetzung des Individualsystems dargestellt, daß es trotz der Freiheit des Individuums im sozialen Zusammenhang eine objektive Größe gibt, die über die Bewertung von Kosten und Produkt entscheidet und in der Entgegensetzung zum Marktpreis Art und Weise der wirtschaftlichen Entwicklung bestimmt. Die Klassiker gaben die physiokratische Gleichgewichtsbetrachtung auf, weil sie glaubten, daß nur aus den Wirtschaftsplänen der Individuen der Wirtschaftsablauf erklärt werden könnte. Hier findet Smith den Leitungsdraht der ökonomischen Kausalität. Dabei hatten sie zunächst gegen die vulgäre Form des Gleichgewichtsausdrucks durch Angebot und Nachfrage zu kämpfen, einen Schein, den sie nicht zerstören, geschweige denn aufheben konnten und der daher in der weiteren Entwicklung immer wieder durchbricht. Das äußert sich schon darin, daß, so sorgfältig sie ihn auch in mikroökonomischer Betrachtung abwehren, sie ihn doch in makroökonomischer Hinsicht als allgemeines Stabilitätspostulat zugrunde legen. Ohne die Konstanten der Werttheorie kann das System nicht die notwendige Stabilität haben. Die Konkurrenz von Angebot und OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.83 | Generated on 2023-04-04 11:23:50 86 Friedrich Jonas [342 Nachfrage bewirkt nach der Ansicht der Klassiker nur, daß „über einen gewissen Zeitraum hinweg46 die individuellen Handlungen den sozialen Daten angepaßt werden. Aus dieser Objektivierung der Subjektivität ergeben sich jedoch Paradoxien, die nur auf dem Hintergrunde eines objektiven Datenbildes mit der Harmonievorstellung vereinbar sind. Das Individuum ist frei insofern, als es individuell handeln muß, unfrei insofern, als der Erfolg seiner Handlungen durch die Marktgesetze bestimmt wird. Das Individuum ist unwissend insofern, als es sich nur an dem durch die Konkurrenz hervorgerufenen Schein orientieren kann, und es muß unwissend sein, sonst gäbe es keine Konkurrenz, es ist wissend insofern, als es den eigentlichen Grund der Wertbestimmung kennt, und auch dieses Wissen ist vorausgesetzt, sonst würde es keinen stabilen Zusammenhang geben und das System würde dauernd vom Zusammenbruch bedroht sein. Hier zeigt sich erst die Bedeutung, die die Wertlehre in der nationalökonomischen Klassik hat. Sie ist in Verbindung mit dem Say sehen Theorem der wichtigste Ausdruck für die Harmonievorstellung der bürgerlichen Gesellschaft. Die Einkommensgröße wird grundsätzlich als gegeben angenommen. Die Wertlehre war also, darauf wies schon M a 11 h u s hin, unvollständig. Ricardo erhob diese Unvollständigkeit zum System, indem er erklärte, nur die Verteilung eines gegebenen Einkommens erklären zu wollen. Er muß es tun, weil die Gesetze der Produktion als „natürliche" jenseits der wissenschaftlichen Beurteilung bleiben (soweit sie sich nicht mit Einzelfällen beschäftigt), was in dem Charakter des Gegenstandes als Natur begründet ist. Er kann es tun, weil er immer eine normale Eintauschbarkeit der Güter zugrunde legt und annimmt, daß es Störungen nur in der Form individueller Irrtümer gebe, die das Niveau des Gleichgewichts nicht verändern4. Ausdruck für diese Objektivität ist die Arbeitszeit, wobei die Arbeitsqualität ebenso konstant angenommen wird wie bei den Subjektivisten die Nutzenschätzungen und Präferenzskalen. Grundlage für die Stabilität des Ganzen ist dabei die äußerste Beweglichkeit in den Teilen, in denen die gesellschaftliche Aktion sich spontan realisiert. Jedes Individuum entscheidet nach objektiven Daten selbständig. Für gute Entscheidungen wird es belohnt, für schlechte bestraft, aber es hat nicht die Möglichkeit, auf die Daten oder auf die anderen Individuen direkt einzuwirken, denn diese sind ja „frei", d. h. unmittelbar nur von dem abstrakten Ganzen der Gesellschaft (Natur) abhängig. Wie die einzelnen Autoren sich auch zu dem Wertgesetz stellen, hierin 4 Die wichtigsten Ausnahmen von dieser Annahme finden sich bei Ricardo in dem Kapitel „On Machinery" in den „Grundsätzen" und in den Briefen an MacCulloch, New York 1895, S. 106 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.83 | Generated on 2023-04-04 11:23:50 343] Subjekt und Gegenstand in der klassischen Nationalökonomie 87 sind alle gleich. Rosenstein-Roda n5 bemerkt ganz richtig, S a y habe nur ausdrücken wollen, daß jeder den Gleichgewichtspreis kennt. Die Natur der Nachfrage, d. i. der Unterschied zwischen dem natürlichen und dem Marktpreis, zeigt dem Produzenten hinlänglich, was er zu produzieren habe, und daher „braucht man nicht ängstlich zu grübeln, auf welches Industriefach man die Produktion gerichtet zu sehen wünsche6". Eine Änderung dieses Zustandes wäre nur zu befürchten, wenn die Produktion einem Individuum unterworfen wäre und dieses daher seine Willkür auch auf die Daten erstrecken könnte. Solange dies nicht der Fall ist, sind sie objektiv für alle. Eine Kumulation dadurch, daß die Trennung zwischen Datum und Variablen aufgehoben wird, ist ausgeschlossen. Von diesem Standpunkt aus ist die Theorie der Absatzwege nur eine Exemplifikation der Idee, die der Wertlehre zugrunde lag. In dieser Entgegensetzung von Subjekt und Objekt liegt aber schon der „Keim des Verderbens" begründet, der sich den nachfolgenden Kritikern vor allen Dingen in der „Objektivität" der klassischen Wertlehre dargetan hat. Da dem Individuum genügend Daten zur Verfügung stehen, kann von individuellen Bestimmtheiten abgesehen werden. Der quantitative Charakter der Wertlehre leitet sich von hier selbstverständlich ab, Schwankungen der Nachfrage, die in den Kreislauf ein subjektives Moment hineintragen, haben keine andere als friktionelle Bedeutung, „it is all done by the compétition of the sellers7". Hier ist der rocher de bronce des klassischen Systems, die Konstante, die dem Gesetzesbegriff entspricht. Der Wert ist eindeutig bestimmt, wenn das Rentengesetz gilt, die Zusammensetzung des Kapitals überall gleich ist und die Nachfrage (als Totalgröße) unselbständig ist. Boden und Kapital können grundsätzlich nicht den Wert, sondern nur die Nützlichkeit einer Ware verändern. Der Boden ändert nur die Verteilung, nicht die Wertbestimmung. Der Grenzboden kann sich gegen seine Rentenlosigkeit nicht wehren, aber das Kapital ist beweglich. Wenn es daher überhaupt eine Rente bezieht, so muß diese gleichmäßig sein und daher je nach der organischen Zusammensetzung des Kapitals das Wertgesetz modifizieren. Ricardo konnte das so auftauchende Problem der doppelten Wertbestimmung aus Arbeit und Kapital — wodurch die grundlegende Konstante in Frage gestellt wird — nicht lösen. Er scheitert an dem Zentralproblem, das er sich selbst gestellt hatte, die Integrität des Wertgesetzes unter den Bedingungen 8 P. N. Rosenstein-Rodan, The Coordination of the General Theories of Money and Price. Economica, Vol. III, 1936. 8 J. B. S a y, Traité d'Economie Politique, dt. y. C. E. Mörstadt, 5. Aufl. Stuttgart 1833, 1. Bd., S. 219. 7 D. Ricardo, Letters to T. R. M a 11 h u s , Oxford 1887, S. 173. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.83 | Generated on 2023-04-04 11:23:50 88 Friedrich Jonas [344 der modernen Produktionsweise zu lösen: „I am not satisfied with the explanation which I have given of the principles which regulate value, I wish a more able pen would undertake it8." M a v o scheitert später an derselben Stelle, wenn man nicht in dem Begriff der „gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit66 mehr sehen will als eine Tautologie. James Mill macht es sich leichter, indem er die Formen, in die der Wert zerfällt, für seine Bestimmungsgründe ansieht: „Die Produktionskosten der Dinge regulieren den Tauschwert derselben6'9, was in klarem Widerspruch zu Ricardo steht, der Arbeitszeit (als Wertbestimmungsgrund) und Produktionskosten (als Ausgaben des Unternehmers) scharf auseinanderhielt und dadurch den gesellschaftlich entscheidenden Charakter der Kostenhöhe für die Bewegungsrichtung der Produktion betont. Die Position, die die Wertlehre im klassischen System ursprünglich hatte, ist hier schon aufgegeben. So schreibt auch M a 11 h u s : „The view of exchangeable value, which makes it depend exclusively upon the cost of production is essenteally incorrect, and utterly useless in solving the great phaenomena which attend the progress of wealth10.46 Hiergegen konnte sich nur Ricardo mit Recht zur Wehr setzen11. J. St. M i 11 erklärt die Wertlehre als theoretisch abgeschlossen, aber gerade bei ihm, der ein Gemisch aus den vergangenen Wertlehren gibt, indem er Produktionskosten, Arbeitszeit und Nützlichkeit als Wertbestimmungsgrund heranzieht, zeigen sich die Mängel des bisher Geleisteten. Die Unvollkommenheiten der klassischen Wertlehre, die nicht überwunden werden konnten, führen bei ihm zur Auflösung des Systems. Dasselbe Schicksal erfährt auch das sogenannte Say sehe Theorem. Die Diskussion der Wertlehre ist ja bei den Klassikern eng mit dem Gleichgewichtstheorem verbunden. In der Tat dreht sich ja der Streit zwischen Ricardo und M a 11 h u s darum, ob der Wert einer Ware erst im Austausch durch die mit ihr erlangbare Arbeitsmenge oder schon vorher durch die aufgewendete Arbeitsmenge bestimmt wird. Dies Theorem stellt wie die Wertlehre die Unabhängigkeit des Gegenstandes des wirtschaftlichen Gleichgewichts vom Handeln der Individuen dar. Die Autonomie des Wirtschaftlichen wird hier gegen die Zirkulationstheorien der Merkantilisten am stärksten betont. Es ist das Gesetz, welches regiert, das Angebot und Nachfrage auf den einzelnen Märkten zu ihrem Wert ausgleicht und im Ganzen dafür sorgt, daß 8 D. R i c a r d o , Letters to J. R. M a c C u 11 o c h , New York 1895, S. 48. 9 James Mill, Elemente der Nationalökonomie, dt. v. A. L. v. Jakob, Halle 1824, S. 123. 10 Zitiert bei D. R i c a r d o , Notes on Malthus „Principle of Political Economy" London 1928, S. 220. 11 Vgl. D. Ricardo, Grundsätze der Volkswirtschaft und Besteuerung, dt. v. H. Waentig, Jena 1921, S. 47. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.83 | Generated on 2023-04-04 11:23:50 345J Subjekt und Gegenstand in der klassischen Nationalökonomie 89 einem Angebot durch „metaphysische Notwendigkeit" (J. St. Mill) immer eine entsprechende Nachfrage gegenübersteht. Die klassische These ist die Unselbständigkeit der Nachfrage gegenüber der Produktion. Die Produktion stockt nicht wegen verringerter Nachfrage, sondern wegen der zunehmenden Schwierigkeit, die die Produktion im Verhältnis zum Ertrag den Menschen entgegensetzt. „This is in fact the foundation of our difference with regard to the theory of Mr. Mill12.66 Es kann hier nicht im einzelnen ausgeführt werden, wie dieser Gedanke bei den Klassikern begründet wird und wie sich seine Zersetzung gestaltet. Der Prozeß verläuft aber ähnlich wie in der Wertlehre. Aus einer Aussage über die kategoriale Struktur des Erfahrungsgegenstandes (der bürgerlichen Gesellschaft) wird bei James Mill und S a y ein Spiel mit Definitionen, bei Ricardo und J. St. Mill wird die Harmonievorstellung teils aus Gründen der Technik, teils grundsätzlich dadurch aufgehoben13, daß sie gleichmäßig den freien Markt ausschalten, wenn sie ihren Gegnern dessen Gleichgewicht beweisen wollen. 3. Die Auflösung des Gegenstandes Niemand hat sich so sehr um die Autorität, die Substantialität des Gegenstandes gemüht wie Ricardo, darum, die zeitlose Geltung des Wertgesetzes aufzuweisen. Der Wert ist die Substanz, deren Macht gegenüber den Erscheinungen nachzuweisen die Aufgabe der Wissenschaft ist. Nicht mehr der Volkswohlstand ist das Erkenntnisobjekt. Wenn die Wissenschaft sich gegenüber den Praktikern behaupten will, muß sie ganz eindeutig auf die Substantialität ihres Gegenstandes abstellen, die sich nicht in vagen Harmonievorstellungen, sondern in der Objektivität des Wertgesetzes ausspricht. Alle anderen Gesetze sind nur die gesetzmäßige Weise der Verwirklichung dieser Substanz. Das Rentengesetz, das die Geltung des Wertgesetzes für die Landwirtschaft zeigt, das hedonistische Gesetz, das die Mechanik ausdrückt, durch die das Wertgesetz sich immer wieder verwirklicht und schließlich das Bevölkerungsgesetz, das nichts anderes als die alte, jetzt pessimistisch gewendete Vorstellung von der Fruchtbarkeit des Wirklichen darstellt, die so das Material bereitstellt, das die Substanz unter sich subsummiert. In der Struktur der Lehre David Ricardos ist der „Keim des Verderbens46, der sich hier entfaltete, am deutlichsten zu erkennen. Wie er in seine Werttheorie die „unbedingt notwendige"4 Nützlichkeit hin12 D. Ricardo, anMalthus, a.a.O., S. 50. 13 Vgl. D. Ricardo, Notes on M a 11 h u s , a.a.O., S. 162, und Letters to Malthus, a.a.O., S. 174; J. St. M i 11 , Grundsätze der politischen Ökonomie dt. von W. Gehrig Jena 1913, 1. Bd., S. 101. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.83 | Generated on 2023-04-04 11:23:50 90 Friedrich Jonas [346 einbringt, so in seine Verteilungstheorie die unveränderlichen Gesamtgrößen. In beiden Fällen werden die Bedingungen der Möglichkeit des Gleichgewichts und die Bedingungen des Gleichgewichts getrennt und dann unerschütterlich vereinigt. So ergeben sich für die exoterische Betrachtung strenge Objektivität und Konsistenz in der theoretischen Konzeption, in der Vorstellung, daß in einem gegebenen Datenzusammenhang nur individuelle Anpassungen zu untersuchen wären. Die Individualität zersplittert in viele Punkte und die Notwendigkeit selbst erscheint als eine äußere, als Mittel für Privatzwecke, wie sie andererseits diese selbst wieder verkehrt. Sie erscheint als ein äußerer Zwang, der in die Theorie nur unter dem Titel einer Friktion Aufnahme finden kann. Dieses Bewußtsein ist nicht weit von dem empirischen entfernt, da es alle Voraussetzungen, die Daten, an denen die Theorie enden muß, aus der Erfahrung übernimmt, wobei sich dann die Nichtigkeit des hic et nunc in den Schein der Ewigkeit verkehrt. Hieraus leitet sich dann jene Richtung der Theorie ab, die die Bedingungen des Gleichgewichts zum ausschließlichen Erkenntnisgegenstand deklariert. Ein solches Denken kennzeichnet aber nur unzureichend das Bemühen Ricardos, der ja vielmehr darauf aus war, nicht nur die Bedingungen des Gleichgewichts als solche zu begreifen, sondern auch dessen Wirklichkeit theoretisch nachzuweisen. Mochte M a 11 h u s auch seinen Freund als „legislating for saturn" anklagen, Ricardos ganzes Bestreben geht dahin, die Wirklichkeit der Substanz in den Erscheinungen zu erweisen. Dies zentrale Bemühen Ricardos, über die Bedingungen des wirtschaftlichen Gleichgewichts nicht einfach zu spekulieren, sondern sie als wirkliche zu erweisen, ist es, was seine Theorie davor bewahrt, zu einem „intellektuellen Lunapark" (Röpke) zu werden, was ihn aber andererseits auch scheitern läßt. Dieses Scheitern Ricardos in der Wertlehre ist die eigentliche Ursache für die Auflösung des Gegenstandes, den Rückzug der Wirtschaftswissenschaften, gegen den — wenn man von Marx absieht — erst der Keynesianismus Stellung bezogen hat. Ein Bewußtsein über diese Auflösung ist aber erst bei J. St. Mi 11 entwickelt. Vor ihm war noch grundsätzlich geglaubt worden, die Theorie habe in ihren Gesetzen die von den „disturbing causes" gereinigte Wirklichkeit unmittelbar zum Gegenstande, wenngleich etwa zwischen S a y und James M i 11 Unterschiede in dem Grade der Abstraktion bestehen. Sehr deutlich wird dieser Standpunkt noch von Senior herausgearbeitet: „The natural State of things can be laid down as the general rule and the anomalies, produced by particular disturbing causes can be afterwards accounted for ... (so kommt es) . . . that the theoretic branch of our science that which treats of the nature, production and distribution of OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.3.83 | Generated on 2023-04-04 11:23:50