Nutzen-kosten-theoretische Überlegungen zur Sicherstellung der Versorgung für Krisenzeiten
Abstract
EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.
Full text
Henze, Arno Article Nutzen-kosten-theoretische Überlegungen zur Sicherstellung der Versorgung für Krisenzeiten Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Henze, Arno (1983) : Nutzen-kosten-theoretische Überlegungen zur Sicherstellung der Versorgung für Krisenzeiten, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 103, Iss. 2, pp. 129-142, https://doi.org/10.3790/schm.103.2.129 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291544 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Nutzen-kosten-theoretische Überlegungen zur Sicherstellung der Versorgung für Krisenzeiten Von Arno Henze Im Zusammenhang mit den politischen und weltwirtschaftlichen Krisenerscheinungen der letzten Zeit hat auch die Frage der Sicherheit der Versorgung in Krisenzeiten an Aktualität gewonnen. Versorgungsprobleme können zwar auch im Inland ausgelöst werden, größere und ernsthaftere Versorgungskrisen würden sich aber durch politisch bedingte Unterbrechungen der Güterzufuhr aus dem Ausland ergeben. Das daraus resultierende Vorsorgeproblem läßt sich der langfristigen Wohlstandsoptimierung unter Unsicherheit zuordnen und erfordert eine Abwägung zwischen Kosten der Vorsorgemaßnahmen in Nichtkrisenzeiten und deren Nutzen in Krisenzeiten. 1 Das Vorsorgeniveauproblem Die Sicherstellung der Versorgung für den Fall einer Unterbrechung des internationalen Güteraustausches beinhaltet ein Vorsorgeniveauproblem, das sich an einem Zwei-Güter-Modell verdeutlichen läßt (vgl. Abbildung 1). Die Transformationskurve T gibt die maximale Produktionsmöglichkeit eines Landes bei gegebener Faktorausstattung und Produktionstechnik an. Ohne internationalen Güteraustausch, bei Autarkie, kann dieses Land das Wohlstandsniveau Wg realisieren. Das Preisund Grenznutzenverhältnis zwischen beiden Gütern entspricht der Steigung der Geraden G\. Die Produktionsund Verbrauchsstruktur betragen XA, YA. Bei einer Weltmarktpreisrelation entsprechend dem Anstieg der Geraden G2 kann das betrachtete Land durch Ausnutzung der Vorteile der internationalen Arbeitsteilung sein Wohlstandsniveau auf W3 erhöhen. Die Produktionsstruktur beträgt dann Xp, Yp, die Verbrauchsstruktur Xv, Yy. Die Gütermenge Xy — Xp wird importiert, die Menge Yp — Yy exportiert, Importund Exportwert sind bei diesen Mengen und dem Weltmarktpreisverhältnis entsprechend dem Anstieg der Geraden Ga ausgeglichen. Dem Wohlstandsgewinn in Nichtkrisenzeiten steht allerdings gegenüber, daß das Wohlstandsniveau bei Unterbrechung des internationalen Güteraustausches aufgrund der Exportund Import-Produktionsstruktur Xp, Yp auf Wi sinken würde, doch besteht die Möglichkeit, durch Wohlstandsverzicht in Nichtkrisenzeiten das Wohlstandsniveau in Krisenzeiten zu erhöhen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.103.2.129 | Generated on 2023-04-04 12:03:06
130 Arno Henze als Nutzen-Kosten-Problem Ob und in welchem Ausmaß eine Angleichung der Wohlstandsniveaus in Nichtkrisenund Krisenzeiten anzustreben ist, hängt von folgendem ab: a) der statischen Grenzrate der Substitution zwischen Wohlstandsminderung in Nichtkrisenzeiten und Wohlstandserhöhung in Krisenzeiten1; 1 Ohne Minderschätzung künftiger Bedürfnisse (b), ohne spezielle Sicherheitspräferenz (c) sowie bei einer Gleichverteilung der Nichtkrisenund OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.103.2.129 | Generated on 2023-04-04 12:03:06
Überlegungen zur Sicherstellung der Versorgung für Krisenzeiten 131 b) der Zeitpräferenz, d. h. einer eventuellen Mindereinschätzung künftiger Bedürfnisse. Je stärker diese Mindereinschätzung ist, eine um so geringere Bedeutung wird der Vorsorge beigemessen; c) einer eventuell speziellen Sicherheitspräferenz, d.h. Risikoabneigung, welche die Vorsorge erhöht; d) den erwarteten Anteilen von Nichtkrisen und Krisen in einem Betrachtungszeitraum. Je größer die Krisenwahrscheinlichkeit ist, eine um so größere Bedeutung kommt der Vorsorge zu; e) der zeitlichen Anpassungsfähigkeit der inländischen Produktionsstruktur. Je größer die Anpassungsfähigkeit in der Krisensituation ist, um so weniger wichtig ist eine Vorsorge. Ließe sich die inländische Produktionsstruktur unendlich schnell umstellen, so brauchte in der Nichtkrisensituation nicht auf Wohlstand verzichtet zu werden, sondern könnte trotz des Wohlstandsniveaus W3 in der Nichtkrisensituation in der Krisensituation sofort das maximale Autarkiewohlstandsniveau W2 verwirklicht werden2. Diese Implikationen machen deutlich, wie schwierig eine Optimierung des Sicherstellungsniveaus ist. Sie soll hier auch nicht weiter verfolgt werden. Erweitert man das Problem dahingehend, daß man mehrere Importgüter berücksichtigt, stellt sich auch die Frage nach der optimalen Vorsorgestruktur. 2 Optimierung der intersektoralen Vorsorgestruktur Eine Optimierung der intersektoralen Vorsorgestruktur erscheint eher möglich. Insbesondere lassen sich in Abhängigkeit von der Bedeutung der Güter in der Krisensituation (dem Grenznutzenverlauf) und der Vorsorgemöglichkeit in der Nichtkrisensituation (dem Grenzkostenverlauf) im Hinblick auf eine intersektoral ausgewogene und gleichgewichtige Grenzrate der Substitution zwischen Wohlstandsverzicht und Wohlstandsgewinn (Implikation ä) bei einzelnen Gütern unterschiedliche Vorsorgemaßnahmen begründen. Aus Vereinfachungsgründen Krisenwahrscheinlichkeit (d) und einer zeitlich nicht möglichen Anpassungsfähigkeit der Produktion in der Krisensituation (e) müßte die Grenzrelation gleich eins sein. 2 Wohlstandsverzicht in Nichtkrisenzeiten und Ausmaß der Wohlstandssicherung für Krisenzeiten werden außerdem von den Kosten und technischen Möglichkeiten der Vorratshaltung beeinflußt, die im obigen ZweiGüter-Modell nicht direkt berücksichtigt ist, sondern erst später in die Betrachtung einbezogen wird. Sie könnte es ermöglichen, daß sich bei zeitlich begrenzten Handelsunterbrechungen in der Krisensituation ein höheres Wohlstandsniveau als W2 verwirklichen läßt. Insoweit gewinnt auch die absolute Dauer möglicher Versorgungskrisen an Bedeutung. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.103.2.129 | Generated on 2023-04-04 12:03:06
132 Arno Henze CT; ~a2 - keine Vorsorge bei Luxusgütern (geringe A GN) - Vorsorge bei lebensnotw. Gütern (hohe A GN) - Maßnahme unabhängig von Aw _ _ \Ml Höh 81058 Abb. 2: Nutzentheoretische Begründung sektoral unterschiedlicher Vorsorgemaßnahmen wird von einer einstufigen Wirtschaft ausgegangen. Außerdem wird unterstellt, daß die Implikationen b, c, d und e für alle Güter gleichermaßen gelten. Für die Zeitund Sicherheitspräferenz (b und c) dürfte diese Annahme realistischer sein als für die anderen Implikationen. Hinsichtlich d und e wird zunächst angenommen, daß die Verteilung von Nichtkrisenund Krisenzeitwahrscheinlichkeit bei allen Importgütern übereinstimmt und kurzfristig (in der Krisensituation) bei allen Gütern die gleiche (keine) Produktionsausdehnung möglich ist. Auch OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.103.2.129 | Generated on 2023-04-04 12:03:06
Überlegungen zur Sicherstellung der Versorgung für Krisenzeiten 133 wird von der Möglichkeit der Vorratshaltung zunächst abgesehen. Diese Annahmen werden dann später modifiziert. 2.1 Nutzentheoretische Begründung sektoral unterschiedlicher Vorsorgemaßnahmen Die Unterschiede bei den Grenznutzungsveränderungen zwischen Gütern in einer Krisensituation als Folge des Importausfalles werden in Abbildung 2 näher verdeutlicht. Die Güter X\ und weisen bei Freihandel die gleiche Importlücke XfF) auf, zeigen aber eine unterschiedliche preisliche Reaktion der Nachfrage auf den Importausfall. Ohne differenzierte Vorsorgemaßnahmen wäre der Preisund Grenznutzenanstieg bei Importausfall sehr unterschiedlich hoch. Der Preis und der Grenznutzen würden bei dem Gut X\ von p?' auf pf steigen, bei Gut Xg hingegen von pf aufp**. Würde sich die Vorsorge allein an den Gegebenheiten in der Krisensituation orientieren, so müßte der relative Preiseffekt (pf: , d. h. die Grenznutzen-Grenzkostenrelation in der Krisensituation) bei beiden Gütern übereinstimmen. Demzufolge müßte z. B. bei dem Gut 2 in Nichtkrisenzeiten verwirklicht werden, wenn bei dem Gut 1 auf jegliche Vorsorge verzichtet wird. Diese Überlegungen verdeutlichen zwar, daß bei lebensnotwendigen Gütern wie Agrarprodukten eine Vorsorge wichtiger ist als bei Luxusgütern, vernachlässigen aber die Kosten der Vorsorgemaßnahmen in Nichtkrisenzeiten. 2.2 Kostentheoretische Begründung sektoral unterschiedlicher Vorsorgeergebnisse Das Pendant einer Nutzenbetrachtung in der Krisensituation ist die Kostenbetrachtung in der Nichtkrisensituation. Eine Minimierung der Kosten (Optimierung der Kostenstruktur) in Nichtkrisenzeiten würde bei allen Importgütern den gleichen Protektionsgrad erfordern (vgl. Abbildung 3). Rein kostenorientierte Maßnahmen in Nichtkrisenzeiten wären aber nur insoweit angemessen, als bei langfristig vergleichsweise elastischer Angebotsreaktion (geringer Kostenzunahme) Ag die Inlandsproduktion stärker erhöht würde als bei unelastischer Reaktion A\. Sie würden aber auch bewirken, daß die Inlandsproduktion A3 unabhängig vom Selbstversorgungsgrad erhöht würde. Hieran wird deutlich, daß eine rein kostenorientierte Betrachtung ebensowenig in Betracht kommt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.103.2.129 | Generated on 2023-04-04 12:03:06
134 Arno Henze JsIK IAl \sA2 YA3 / / i c> i ^2 )( \ YF r //I i /1 /1 i hx<\ I^LJ i i >BI i AX2 ' >T>2 / Ì 1 1 AX3 | • B3 1 L "t 1 L X1 X2 X3 XJ Optimale Kostenstruktur in Nichtkrisenzeiten: £i=C2C3 *>1 T>2 B3 - geringe Ausdehnung von X bei unel. Reaktion -starke Ausdehnung von X bei et. Reaktion - Maßnahme unabhängig von N bzw. SVG I Ml Höh 81059 Abb. 3: Kostentheoretische Begründung sektoral unterschiedlicher Vorsorgeergebnisse 2.3 Nutzen-kosten-theoretische Optimierung der intersektoralen Vorsorgestruktur Hinsichtlich intersektoral ausgewogener Vorsorgemaßnahmen bedarf es einer Abwägung zwischen Kosten in Nichtkrisenzeiten und Nutzen in Krisenzeiten. Die Maßnahmen sind dann als nutzen-kosten-optimal anzusehen, wenn die Relation aus Nettogrenznutzen (Preisanstieg) in Krisenzeiten und Nettogrenzkosten (Kostenanstieg) in Nichtkrisenzeiten bei allen Gütern übereinstimmt (vgl. Abbildung 4), d. h.: OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.103.2.129 | Generated on 2023-04-04 12:03:06
Überlegungen zur Sicherstellung der Versorgung für Krisenzeiten 135 Jl I I I i 'I I X; X2 Xj X4 Xj Optimale Struktur aus Nutzen inK und Kosten in NK: h - cf c2=cfc4 - hohe AP, geringe AX bei unel. Relation - geringe AP, große AX bei ei Relation - geringe A P, geringe AX bei hohem SVG - hohe AP, hohe AX bei lebensnotw. Gütern, I MlHohd1060 Abb. 4: Nutzen-kosten-theoretische Optimierung der intersektoralen Vorsorgestruktur ct c2 c3 c4 Abbildung 4 verdeutlicht, daß dann — bei langfristig unelastischer Angebotsreaktion (starker Kostenzunahme) (Ai) zwar eine relativ hohe Preisstützung, aber eine geringe Produktionsausdehnung angemessen wäre, 3 Dieser Ansatz unterscheidet sich grundlegend von Cost-Benefit-Ansätzen, die Johnson (1960), 340-343 und (1971), 213 formuliert hat, die nicht OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.103.2.129 | Generated on 2023-04-04 12:03:06
136 Arno Henze — bei elastischer Reaktion (A2) die Preisstützung geringer, die Produktionsausdehnung aber größer sein müßte, — bei bereits hohem Selbstversorgungsgrad (A3) die Produktionsausdehnung geringer sein müßte als bei niedrigem Selbstversorgungsgrad (A2), — aber bei lebensnotwendigen Gütern (wie z. B. Agrarprodukten) (IV4) unter sonst gleichen Bedingungen eine höhere Preisstützung und Produktionsausdehnung zu rechtfertigen wäre als bei nicht lebensnotwendigen Gütern (N3). 3 Optimierung der Vorsorgestruktur unter Einbeziehung der Vorratshaltung Neben einer Erhöhung der laufenden Inlandsproduktion stellt auch die Vorratshaltung eine Vorsorgemöglichkeit dar. Bestehen mehrere Vorsorgemöglichkeiten, so ist die kostenminimale Kombination zu verwirklichen (vgl. Abbildung 5). Es wird unterstellt, daß die Kosten der Vorratshaltung pro Produkteinheit mengenunabhängig sind. Liegen die Grenzkosten Vi unter den Nettogrenzkosten (die Preisstützung) der Inlandsproduktion, so ist die Preisstützung den Grenzkosten der Vorratshaltung anzupassen. Statt der Inlandsproduktion X* wäre die Kombination aus X + V zu verwirklichen, da anstelle der NettogrenznutzenGrenzkosten-Relation 71* :c* (ohne Vorratshaltung) die Relation n:c optimal ist. Die Verbilligung der Vorsorge rechtfertigt eine umfangreichere Vorsorge. Die Kostenfunktion Vi gilt jedoch nur für eine bestimmte Krisendauer. Da mit der unterstellten Krisendauer die zu lagernde Menge entsprechend ansteigt, nehmen auch die Kosten der Sicherung eines Versorgungsniveaus mit der unterstellten Krisendauer in etwa linear zu. Die relative Vorzüglichkeit der Vorratshaltung nimmt daher mit der Krisendauer stark ab. Sie wäre bei der Krisendauer d = 2 (Kostenfunktion V2) nicht mehr gegeben. plausibel sind. Zur näheren Kritik vgl. Henze (1972), 53 - 61. — Der mögliche Einwand, der Verwendung eines partiellen sektoralen Modells durch den Verfasser wie auch durch H. G. Johnson für ein gesamtwirtschaftliches Problem, läßt sich entscheidend entkräften, da die obige Gleichgewichtsbedingung für eine simultane Betrachtung gilt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.103.2.129 | Generated on 2023-04-04 12:03:06