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Nationale Idee und politisches Ziel

Bissing, W.M. Frhr. von

Abstract

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Bissing, W.M. Frhr. von Article Nationale Idee und politisches Ziel Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Bissing, W.M. Frhr. von (1956) : Nationale Idee und politisches Ziel, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 76, Iss. 4, pp. 1-29, https://doi.org/10.3790/schm.76.4.1 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290852 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und die nationale Idee in Deutschland von 1815 bis 1848. — II. Die preußische Idee und die Einigung des Reiches 184» bis 1871. — III. Das Reich ohne Auftrag 1871 bis 1890. — IV. Alldeutscher Gedanke und Chauvinismus statt nationaler Idee 1890 bis 1918. — V. Der Ruf nach der Idee und dem großen Mann 1918 bis 1933. — C. Zusammenfassung und Schluß. A. Die nationale Idee ist, wie jede Idee, eine Abstraktion, und zwar eine Abstraktion aus einer konkreten historischen Wirklichkeit. Insoweit ist sie ein Erzeugnis der Vernunft. Aber trotzdem weist sie über die Erfahrung hinaus. Sie begibt sich in das Reich des Transzendenten, indem sie die historisch gewordene Wirklichkeit, die sie durch Abstraktion zu erfassen und zu verstehen versucht hat, als eine Entwicklung sieht, die von einer über den Menschen stehenden und von ihnen nicht zu beeinflussenden Macht herbeigeführt und gelenkt wird. Sie postuliert dann aus den Geschehnisen der Vergangenheit heraus eine Aufgabe, die dem Volk auferlegt ist, damit es sie in der Zukunft erfüllt. So wird die nationale Idee einmal zu einem Prinzip der Ordnung, das, an die Vergangenheit angelegt, diese verständlich macht. Sie fixiert weiter die Gegenwart, aus der sie dann den Weg in die Zukunft weist. Damit wird sie zum politischen Postulat, aber nicht zum politischen Programm. Sie gibt dem Dasein eines Volkes erst den Sinn, und in ihr spricht andererseits das Volk sein geschichtliches Selbstbewußtsein aus, und damit wird es zur Nation. Nation ist ein Volk, das sich der Aufgabe bewußt ist, die ihm gestellt ist, "und dessen politischer Wille auf diese Aufgabe hin ausgerichtet ist. Die nationale Idee weckt den politischen Willen, der bisher im Verborgenen in den Herzen des Volkes schlummerte. Stellt aber ein Volk seinen nationalen Willen bewußt auf die Lösung der Aufgabe ein, die ihm die nationale Idee auferlegt hat, so ordnet es sich in die Entelechie ein, in den großen Plan der Entwicklung, Schmollen Jahrbuch LXXVI, 4 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.4.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:14 2 W. M. Frhr. v. Bissing [386 der nicht erkennbaren, aber im Glauben erfaßbaren Macht, die über dem Menschen stehend die Geschichte gestaltet. Die nationale Idee verbindet also die reale, gewordene historische Wirklichkeit mit dem Transzendenten und ist dann das Bewußtsein eines Volkes von seiner Sendung und der darin liegenden Aufgabe. Deswegen kann sie nicht nur rational erfaßt werden, sondern sie muß geglaubt werden, und die Bereitschaft zu glauben muß in einem Volk geweckt sein. „Glaube ist das Erfüllende und Besorgende im Grunde des Menschen, in dem der Mensch über sich selbst hinaus mit dem Ursprung des Seins verbunden ist." (Jaspers.) Als Gegenstand des Glaubens ist die nationale Idee jeder Diskussion darüber entzogen, ob sie gut oder schlecht ist. Gegenstände des Glaubens können durch die Vernunft nicht bewiesen und nicht widerlegt werden, nicht als gut oder als schlecht hingestellt werden. So wird der Glaub© an die nationale Idee zum Bekenntnis dafür, ob sich jemand einer Nation zugehörig fühlt oder nicht. Wer nicht an die nationale Idee zu glauben vermag, wer nicht erkennt, daß die nationale Idee ihn in die Gemeinschaft der Nation mit einschließt, der stellt sich außerhalb der Nation. Durch den Glauben an den in der nationalen Idee liegenden Auftrag konzentrieren sich die politischen Kräfte der Nation auf diesen Auftrag. Deswegen kann man sagen, daß die nationale Idee eine Tendenz zur Konzentration der politischen Kräfte auslöst und diese Konzentration der Kräfte nennen wir nationale Vergemeinschaftung1. Aus der nationalen Idee und aus dem Auftrag, den sie enthält, ist erst das politische Denken und Handeln der Völker zu verstehen. Ein Volk wird vielleicht nur schwer die nationale Idee eines anderen Volkes in ihrer Bedeutung würdigen können, vielleicht wird sogar die nationale Idee des einen Volkes von anderen verurteilt oder als überheblich abgelehnt werden. Aber mit einer solchen Kritik ist der Glaube eines Volkes an seine nationale Idee nicht zu erschüttern und die Idee selbst nicht abgetan. Gerade weil das Volk sich dessen bewußt ist, daß ein Aufgeben der nationalen Idee sein Ende als Nation bedeuten und als Sünde wider den in der Entelechie wirkenden Geist gewertet werden muß, hält es an seiner nationalen Idee umso fester. Nationale Ideen bleiben wirksam ohne Rücksicht darauf, ob sie von anderen Völkern anerkant werden oder nicht. Sie gehören als Erzeugnisse des Glaubens zu den gewaltigen Imponderabilien der Geschichte und der Politik. Die nationale Idee ist nicht mit Chauvinismus zu verwechseln. Chauvinismus ist eine Überschätzung der Macht eines Volkes und seiner Stellung im Rahmen der anderen Völker. Er ist Nationalgefühl ohne 1 siehe Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, 4. Aufl. Tübingen. 1956, Bd. I S. 22. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.4.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:14 387] Nationale Idee und politisches Ziel 3 Maßstab für die Fähigkeiten des eigenen Volkes und ohne Verständnis für die Eigenart und für das berechtigte Eigenleben der anderen Völker. Chauvinismus ist dort zu finden, wo noch keine nationale Idee sich hat bilden könnnen, oder wo die nationale Idee durch die geschichtliche Entwicklung erfüllt worden ist, oder wo endlich die nationalen Kräfte nicht mehr ausreichen, um der in der nationalen Idee enthaltenen Aufgabe gerecht zu werden. Alles, was bisher über die nationale Idee gesagt ist und was noch darüber zu sagen ist, wird am historischen Beispiel deutlicher werden. Das englische Volk fand seine nationale Idee unter Cromwell in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Der Lord-Protector fühlt sich zu seiner Aufgabe von Gott berufen. Seine Anhänger teilen seinen Glauben und umgeben Cromwell mit einem Charisma. Charisma ist eine sichtbare Gnadengabe, um derentwillen einem Menschen spezifische außeralltägliche Kräfte, die anderen nicht ohne weiteres zugänglich sind, zugeschrieben werden können. Deshalb wird dem charismatisch qualifizierten Führer Vertrauen entgegengebracht und ihm gehorcht2. Cromwell ist Puritaner. Damit steht sein Leben und Denken unter der Lehre Calvins von der Prädestination. Von dieser Lehre aus erscheinen ihm seine großen politischen Erfolge als ein sichtbares Zeichen der Erwählung. Das verkündet er, und damit wandelt er die Prädestinationslehre aus einer transzendenten Glaubensaussage, die nur das unsichtbare Verhältnis des Menschen zu Gott umfaßt, in eine Lehre von der Erfahrung um. Er und mit ihm sein Feldprediger Baxter übertragen sie auf das Materielle und auf das Politische und leiten dann den Beweis daraus ab, daß Gott durch das englische Volk wirke. Die Engländer werden zum Volk Gottes, und sein Befehl beruft sie zur Herrschaft über die Welt, um seinen Ruhm und seine Ehre zu verbreiten. Dieser Gedanke war dem Lord-Protector eingegeben und, indem er ihn verkündete, wurde er zum Schöpfer der englischen nationalen Idee. Neben ihm wirkte Baxter, der Prediger und Philosoph, der das, was Cromwell verkündete, theologisch und philosophisch begründete, der Staatssekretär und Dichter Milton goß diesen Glauben in eine poetische Form und verbreitete ihn dadurch unter den Schichten der Gebildeten. Diese nationale Idee ist einmal eine Schau in die Vergangenheit; aus dieser Schau wird unter Rückgriff auf das Transzendente die Erkenntnis vom englischen Volk als dem auserwählten Volk gewonnen. Von dieser Stellung aus wird dann die Gegenwart gesehen und für die Zukunft der Auftrag erfaßt, der das Dasein und das Leben des englischen Volkes in die Entelechie eingliedert. Und alles das ist Produkt aus Glauben und Erfahrung. 2 Max Weber, a. a. 0. S. 140. 1* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.4.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:14 4 W. M. Frhr. v. Bissing [388 Diese Idee findet offene Herzen vor, die bereit sind, sie aufzunehmen. Die Puritaner sind von einer tiefen Glaubensbegeisterung erfaßt. Sie entspricht, so nüchtern die Engländer im praktischen Leben und Handeln auch sonst sein mögen, einem tiefen idealistischen und metaphysischen Bedürfnis der englischen Seele3. Vielleicht ist sogar diese idealistische, glaubensbetonte Neigung des Engländers das Gegengewicht gegen seine sonst so kalte Nüchternheit. Weiter entsprach die Idee offensichtlich den Tatsachen, und damit wurde sie so einleuchtend. Endlich aber sagte sie das, was die damals führende Schicht hören wollte. Das waren das englische Bürgertum, die Gentry und die großen Handelshäuser der City. Sie nehmen die nationale Idee auf und stellen sich hinter sie, und so wurden sie zu ihrem Träger. Die führende Schicht ist aber eine Gruppe von Menschen innerhalb eines Volkes, die bereit ist, in der Politik die Führung und Verantwortung zu übernehmen, und die im gesellschaftlichen Verkehr den Ton und die Formen dieses Verkehrs bestimmt und damit durch ihr Verhalten entscheidend die sozialen Beziehungen mit gestaltet. Wenn also jetzt das englische Bürgertum gegen Holland um die Herrschaft auf dem Meere kämpft, so war das von Gott gewollt, und mit Gottes Willen deckte sich der Wille der englischen führenden Schicht. Ihre erstarkte ökonomische Macht drängte nach außen. Ihr Tun bekam durch die nationale Idee sozusagen göttliche Weihe, und aus dem Glauben an die Berufung entwickelte sich ein transzendent begründetes und darum unerschütterliches Nationalgefühl. Das englische Volk ist also von Gott berufen, um die Herrschaft über die Welt anzutreten. Dieser Auftrag hat, je weiter die englische Geschichte fortschritt, alle Schichten des Volkes fest ergriffen, und der Verlauf dieser Geschichte schien auch die Auserwähltheit zu bestätigen! So ist die englische nationale Idee trotz aller wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegensätze die Kraft geworden, die zu einer nationalen Vergemeinschaftung und damit zu einer Konzentration der politischen Kräfte in England geführt hat. Eine solche Konzentration ist aber nur möglich, wenn die nationale Idee zu einer weitgehenden Übereinstimmung der politischen Grundanschauungen geführt hat. Darin zeigt sich die nationale Vergemeinschaftung. Die nationale Idee, die Cromwell einst im englischen Volk erweckt hat, ist auch heute noch in England lebendig. Sie ist die Ursache seiner politischen Kraft, und auf sie geht der Zusammenhalt des englischen Commonwealth zurück. Auch die Franzosen haben eine auf dem religiösen Glauben begründete nationale Idee. Schon im frühen Mittelalter überschreibt 3 D i b e 1 i u s , England, 6. Aufl. Bd. I S. 25 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.4.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:14 389] Nationale Idee und politisches Ziel 5 der Mönch Guibert von Nogent seine Geschichte des ersten Kreuzzuges mit den Worten: „Res dei gesta per Francos". Während des ersten Weltkrieges sagt der Bischof von Versailles in einer Predigt: „Gott bedurfte Frankreichs"; also auch die Franzosen fühlen sich im Dienste Gottes stehend und von Gott berufen. Es ist hier aber nicht der Geist Calvins, sondern der Geist des Katholizismus, der später die Jungfrau von Orléans zur nationalen Heldin und Heiligen und zum nationalen Symbol bis in unsere Tage werden ließ. Katholizismus ist in Frankreich nicht nur religiöse Haltung, sondern auch die Grundlage des politischen Lebens, wenn es auch nicht immer im Zeitalter der Trennung von Kirche und Staat klar ausgesprochen wird. 1789 bedeutet da keinen Bruch, denn auch nach der Revolution wirkt die Katholizität hinter den praktischen Postulaten von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Thiers sagt einmal: „Certes, je ne suis pas bigot, à peine réligieux, mais je tiens comme Français à mon étiquette catholique et je suis passionnément déiste" und das Gleiche meint Barrés mit den Worten: „Je suis athéé, mais naturellement catholique." Frankreich ist also schon im Mittelalter das auserwählte Instrument Gottes. Die Franzosen haben eine Aufgabe erhalten, die über den engen Kreis des Landes und der Franzosen hinausgeht. Frankreich hat für die Christenheit zu streiten und sich als älteste Tochter der Kirche in den Dienst der Verwirklichung des Reiches Gottes durch diese Kirche zu stellen. Im Mittelalter verschmolz sich in Frankreich nationales Bewußtsein mit der Religion, wie es bei der Jungfrau von Orléans deutlich zutage tritt. Die Revolution von 1789 hat der nationalen Mission nur einen anderen, der damaligen Zeit entsprechenden Ausdruck gegeben. 1789 lebt man im Zeitalter des Rationalismus, und soi heißt die neue durch Abstraktion aus der historischen Wirklichkeit gewonnene nationale Idee: Frankreich ist das Volk der Zivilisation, Zivilisation aben heißt Freiheit, Freiheit der Persönlichkeit und Freiheit für die Entfaltung der Vernunft. Die Aufgabe, die die Vernunft als die die Geschichte und die Welt bewegende Kraft den Franzosen stellt, ist die Ausbreitung der französischen Zivilisation in der Welt unter allen Völkern, um das Reich der Vernunft zu schaffen. Das aber war wieder eine Mission, durch1 die das französische Volk über sich selbst hinausgehoben wurde; die Franzosen erkannten sich als das Volk und Land der Zivilisation. Und so schreibt der Historiker Guizot: „Geisteshelle. Geselligkeit, sympathisches Wesen sind Frankreichs Grundzüge und die seiner Zivilisation; diese Eigenschaften machen es besonders geeignet, an der Spitze der europäischen Zivilisation zu marschieren4." 4 Histoire générale de la civilisation en Europe. Paris, 1821, S. 4 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.4.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:14 6 W. M. Frhr. v. Bissing [390 Als die nationale Idee von den großen Philosophen der Revolution verkündet wurde, da fand sie gläubige Herzen, denn sie entsprach mit ihrer Forderung nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit dem, was sich die Franzosen wünschten, vor allem der dritte Stand. Der dritte Stand, das Bürgertum, aber war durch die Revolution zur führenden Schicht geworden, und die Revolution gab dem Bürgertum die Freiheit, die es brauchte, um sich unter dem aufkeimenden Kapitalismus wirtschaftlich und gesellschaftlich entfalten zu können. Das Bürgertum wurde zum Träger der nationalen Idee und gab Frankreich eine einheitliche Auffassung von seiner nationalen Idee bis heute. Damit ist es aber auch in Frankreich zu einer nationalen Vergemeinschaftung gekommen, wenn auch eine Vielzahl von politischen Parteien vorhanden ist. Aber es ist bisher immer gelungen, diese Kräfte zu konzentrieren, wenn es die Lage und die Not erforderte. Im wesentlichen gingen die Meinungen der politischen Parteien nicht auseinander, denn auch bei den Franzosen steht immer die Nation im Vordergrund des Denkens. Der Staat tritt hinter die Nation zurück. Weder ein Franzose noch ein Engländer würden im Staat ein göttliches Reich sehen. Für sie ist der Staat nichts anderes als die rechtliche Organisation der Nation, die es ihr ermöglichen soll, die in der nationalen Idee gestellte Aufgabe durchzuführen. Engländer und Franzosen sind frühzeitig zur staatlichen Einheit gelangt. Unter dem Einfluß dieser staatlichen Einheit entstand und wuchs ihre nationale Idee. Das war anders bei den Polen. Dort keimte die nationale Idee auf, nachdem der polnische Staat in den drei Teilungen zerschlagen war. Die Teilungen hatten den geistigen Kräften im polnischen Volk einen mächtigen Auftrieb gegeben. Aber es war nicht nur die Wiedergewinnung der staatlichen Einheit, die die Polen begeisterte, sondern auch die Erinnerungen an den Jahrhunderte alten Kampf zwischen Moskau und den Polen und zwischen den Polen und den Ukrainern darum, ob in den slawischen Gebieten des europäischen Ostens die römische oder die orthodoxe Kirche die Herrschaft über die Geister ausüben sollte. Als nun die protestantischen Preußen vom Westen her kamen, wurde auch gegen sie das religiöse Moment in Kampfstellung gebracht. In den Augen der führenden Schicht, und das waren in Pole« der Adel und die aus ihm hervorgehende höhere Geistlichkeit, war also die katholische Religion und damit die Kirche, von zwei Seiten bedroht: vom Osten durch die orthodoxen Russen und vom Westen durch die protestantischen Preußen. Damit wurde es Aufgabe der polnischen Nation, die katholische Kirche im Osten zu verteidigen. Die Polen waren offenbar zu defensores fidei berufen. Einer der polnischen Bischöfe aus den an Preußen gefallenen Teilen schreibt im September 1800 an den Erzbischof von Theben: „Les subalternes, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.4.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:14 391] Nationale Idee und politisches Ziel 7 dont la plupart n'ont aucune sorte de religion, mettent de furieuses entraves à sapper le dogme sous prétexte du jus principis in sacra . . . et ils nous forgent une réligion catholique à leur mode, qui, si cela dure, renversera les principes de la vraie catholicité5.44 So wurde die polnische nationale Idee geboren, und sie entstammte einer Betrachtung der Wirklichkeit, wie sie damals vor den Augen der führenden Schicht stand, die am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebte und glaubte. Ein Versuch der „großen Emigration44, in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts auf Polen von Frankreich aus die Ideen von 1789 zu übertragen, scheiterte. Man wollte Polen im Osten vor die gleiche Aufgabe stellen, die Frankreich für den Westen auferlegt war. Polen sollte im Osten das Reich der Freiheit und der Vernunft verwirklichen, dem sich Preußen und Rußland entgegenstellten. Das war die Idee der Dichter und Literaten, aus denen sich im wesentlichen die „große Emigration44 zusammensetzte. Aber sie war nicht die führende Schicht. Die führende Schicht war im Gegensatz zu den Literaten religiös fest gebunden, und so vermochte die „große Emigration44 die Idee, daß Polen zur Verteidigung des rechten Glaubens im Osten bestimmt sei, nicht zu verdrängen. Da Adel und Geistlichkeit das Volk und sein Denken beherrschten, hatten sie diese Idee in die Herzen und Hirne des Volkes gepflanzt. Diese große Aufgabe, die nicht nur eine politische, rein polnische Aufgabe, sondern ein göttlicher Auftrag war, hob das polnische Volk über sich selbst hinaus und stellte es unmittelbar in den Dienst Gottes und der heiligen Jungfrau. Diese Idee kam auch dem Freiheitsgefühl der breiten Massen entgegen, die in den Russen und Preußen, die anderen Glaubens waren und die ihre Sprache nicht verstanden, die fremden Unterdrücker sahen. Die nationale Idee war der geistige Mittelpunkt, in dem alle Polen ohne Unterschied der Klassen sich trafen, und sie führte damit zur nationalen Vergemeinschaftung. Die katholische Kirche ersetzte durch ihre Organisation über die Grenzen der Teilungsstaaten hinaus die fehlende staatliche Organisation der Polen, so daß, wie es Ludwig Bernhard6 einmal ausdrückte, ein polnisches Gemeinwesen innerhalb des preußischen Staates entstehen konnte. Doch wird das bisher Gesagte nicht durch die Entwicklung widerlegt, die Rußland seit der Oktober-Revolution von 1917 durchschritten hat? Dort ist eine nationale Idee auf atheistischem Boden entstanden, und diese nationale Idee besagt doch, daß die in der SowjetUnion vereinigten Völker die Aufgabe hätten, die Arbeiter der ganzen 5 M. Laubert, Die preußische Polenpolitik, S. 34. 6 Ludwig Bernhard, Die Polenfrage, Berlin 1910. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.4.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:14 8 W. M. Frhr. v. Bissing [392 Welt vom Joch des Kapitalismus und von der Ausbeutung durch die Unternehmer zu befreien, und daß von den Völkern der Sowjet-Union der Anstoß zur Weltrevolution auszugehen habe7. Es steht wohl außer Zweifel, daß die Masse der Sowjetmenschen an diese Aufgabe glaubt und an ihrer Erfüllung arbeitet, auch, wenn sie nicht immer mit den Maßnahmen der jeweiligen Gewalthaber und mit diesen selbst sympathisiert. Aber die Aufgabe, die Weltrevolution vorwärts zu treiben, wird als ein heiliges Vermächtnis Lenins angesehen. Seine und Marxens Lehren sind Ersatz für die aufgegebene Religion. Dennoch ist auch in dieser nationalen Idee ein religiöser Kern vorhanden, der auch heute noch, vielleicht unbewußt, auf die Menschen wirkt. Schon vor dem ersten Weltkrieg gab es in Rußland eine Opposition gegen die in der westlichen Welt herrschende bürgerliche Gesellschaft. Und diese Opposition war nicht marxistisch, sondern religiös fundiert, wobei sie sich allerdings in einen gewissen Gegensatz zur orthodoxen Kirche setzte. Der kennzeichnendste Vertreter dieser Richtung ist Tolstoij. Die orthodoxe Kirche predigte wohl eindringlich von Mitleiden und der Brüderlichkeit; sie erfaßte damit auch die Seelen, aber sie ließ es bei der Predigt bewenden. Dazu kam der entscheidende Einfluß des Zaren auf die Kirche. Dieser Zar aber war gleichzeitig seinem Wesen nach christlicher Herrscher und orientalischer Despot. Diese Stellung des Zaren zu stärken, hatte die Kirche reichlich beigetragen. Weil sie das tat, richtete sich die Revolution gegen die Kirche, auch die der Bauern als der maßgebenden breiten Masse. Doch von der kirchlichen Predigt blieb der Gedanke des Mithelfens und der Brüderlichkeit in den Herzen lebendig. Und diesen Gedanken sah man realisiert in der Revolution und niedergelegt in der Lehre von Marx und Lenin. Es gab demnach schon auf dieser Erde eine Möglichkeit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit zu verwirklichen und nicht erst in einer transzendenten Welt, von der niemand etwas Rechtes wußte. Dieser Gedanke erfaßte das russische Volk. So nimmt der Marxismus die Gedanken des Christentums in ethischer Beziehung in sich auf. Er will sie nicht nur proklamieren, sondern schon auf Erden realisieren. Das Paradies wird säkularisiert und für die Masse der Besitzlosen so dargestellt, wie sie es zu sehen wünschen. Damit wird das Christentum in der Marxistischen Ethik auf den Kopf gestellt. Außerdem übertrug man die Mission des Zarentums zum Schutz der Christen im Orient und der slawischen Völker ebenfalls auf die Völker der Sowjet-Union und erweiterte gleichzeitig diese Aufgabe dahin, daß die Sowjetvölker zum Schutz der Arbeiterklasse in der 7 Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Institut für Ökonomie, Lehrbuch der politischen Ökonomie, Berlin-Ost 1955, S. 644. — Lenin, Werke, Bd. 31. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.4.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:14 399] Nationale Idee und politisches Ziel 15 Anders verhielt sich der grundbesitzende niedere Adel, der besonders in Preußen eine entscheidende Rolle spielte. Das Übergewicht hatte dort der evangelische Großgrundbesitz, der in den östlichen Provinzen, in Ostpreußen, Pommern und der Mark Brandenburg angesessen war. Friedrich Wilhelm I. und Friedrich der Große hatten ihn fest mit der Krone verbunden. Zwischen ihm und der Krone bestand ein gesellschaftlich-politisches Wechselverhältnis, denn die Macht und der Einfluß des Adels, kurz seine Stellung als führende Schicht, hing von der Existenz der Krone und ihrer absoluten Gewalt ab, und andererseits hatte die Krone wiederum ihre sicherste und ihre existenzgaranlierende Stütze im grundbesitzenden Adel, der im damaligen agrarischen Preußen das wichtigste Produktionsmittel, den Grund und Boden, in seiner Hand hatte und damit über politische Macht verfügte. So schreibt der ehemalige preußische Landwirtschaftsminister Otto Gnaf von Königsmarck in seinen Erinnerungen noch in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts an seine Nichte: „Der Adel steht und fällt mit dem Königtum. Vom letzteren ist sein äußerer Glanz ebenso abhängig, wie von einem großen unverschuldeten Grundbesitz. Der Adel muß seinen Grundbesitz heben und zu mehren versuchen"12. Daraus ergibt sich für die Masse des grundbesitzenden Adels eine konservative Einstellung. Er ist an der Erhaltung eines machtvollen Königtums interessiert, gegen sein gesellschaftliches, politisches und ökonomisches Interesse richtet sich die Minderung der Macht des absoluten Königtums durch liberale Reformen, gegen sein Interesse richten sich die Bestrebungen, die darauf hinausgehen, einen deutschen Staat in irgendwelcher Form zu schaffen, der ja die Macht der einzelnen Fürsten schwächen müßte und damit auch den Einfluß des Adels mindern würde. Daraus ergibt sich sein Ziel in Preußen: die Erhaltung des absoluten Königtums. So persönlich und eng das Verhältnis des Adels in Preußen zum König war, so lose war damals doch sein Verhältnis zum preußischen Staat als solchem. Dem Adel frommte „das stille provinzielle Sonderleben mehr als ein zentralisiertes, energisches Staatsleben"13. Das provinzielle Sonderleben gewährte mehr Selbständigkeit und machte den Adel, der mehr und mehr um sich greifenden staatlichen Bürokratie gegenüber unabhängiger14. So gab es eigentlich keinen preußischen Adel schlechthin, sondern es gab nur einen ostpreußischen, pommerschen, märkischen und schlesischen Adel. Aber alle diese Adels12 Im Besitz des Verfassers. 13 Friedrich M e i n e c k e , Weltbürgertum und Nationalstaat, 4. Aufl. 1917, S. 422. 14 Friedrich) Meusel, F. A. L. von der Marwitz, Bd. II 2. Teil, 1913, S. 285 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.4.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:14 16 W. M. Frhr. v. Bissing [400 Splitter aus den alten preußischen Provinzen fanden ihren gemeinsamen Mittelpunkt in der Krone. Das war weniger der Fall bei dem katholischen Adel Schlesiens, der sich damals noch mehr nach Wien als nach Berlin hingezogen fühlte, und erst recht hegte der katholische Adel des Münsterlandes und der Rheinprovinz eine ausgesprochene Abneigung gegen die preußische Herrschaft. Er schloß sich weitgehend nach außen ab und hielt enge Beziehungen zum katholischen Klerus. Im Gegensatz zum ostelbischen Adel vermied der rheinische und westfälische den Staatsdienst, er besetzte die führenden Stellen in der Hierarchie der katholischen Kirche Westdeutschlands. Im Adel konnte demnach kaum die nationale Idee entstehen, auch keine preußische Idee in dem Sinn, daß etwa dem preußischen Staat und seinem König eine Aufgabe im Rahmen des Nationalstaatsgedankens zugewiesen wird. Dem ostelbischen Adel lag nur daran, Preußen als solches zu erhalten, weil es Grundlage und Rahmen seiner gesellschaftlichen Stellung und politischen Macht war. Deswegen legte er Wert darauf, die maßgebenden Stellen in der unmittelbaren Umgebung des Königs zu besetzen, den entscheidenden Einfluß auf Heer und Verwaltung und damit auf die Beamtenschaft und das Offizierskorps zu haben. Aber in diesem Beamtentum und im Offizierskorps bildete sich ein preußisches Staatsbewußtsein, das lebhaft von den Reformern, wie Schön, Hardenberg und deren Gehilfen geweckt und erhalten wird. Es hat damit eine liberale Wurzel, neben der allerdings die lutherische Auffassung vom Beruf steht als einem Ruf Gottes in das Amt, das als Auftrag Gottes zu führen ist. So bilden Offizierskorps und Beamtenschaft die Klammer, die die zwei nicht miteinander verbundenen Teile des Staates zusammenhält. Diese Aufgabe, aus diesem Staat ein einheitliches Ganzes zu machen, war schon so groß, daß sich keine Gelegenheit mehr ergab, daneben die nationale Idee zu suchen und zu entfalten, die Fichte und Schlegel angeregt hatten. Doch neben diesem konservativen Adel steht in Ost und West eine kleine liberale Gruppe. Es sind dies die Helfer und Gesinnungsgenossen von Stein und Hardenberg, die als Beamte in den, Berliner Ministerien wirken. Aus ihrem Liberalismus entwickelt sich in ihnen die Auffassung von der deutschen Aufgabe Preußens, die Motz und Maßen im Zollverein teilweise lösen sollten. Das Entscheidende ist, daß sie Preußen als führende Macht in den Mittelpunkt stellen, und daß mit dem Zustandekommen des Zollvereins der Schwerpunkt der Einigung nach Norden verlegt wird, so daß damit Preußen eine Aufgabe erhält, die es über sich selbst hinausführt. Auf diese Weise konnte eine preußische nationale Idee entstehen als Vorläuferin der deutschen, obwohl dieser preußische Staat zunächst noch nicht einmal OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.4.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:14 401] Nationale Idee und politisches Ziel 17 ein preußisches Volk besaß, sondern nur Ostpreußen, Westfalen, Schlesier, Rheinländer und auch Polen, die er in einem wohlgeordneten Verwaltungsapparat vergesellschaftete, die aber noch nicht zu einer nationalen Gemeinschaft geworden waren. Im Süden war der Adel ebenso partikularistisch orientiert wie im Norden. Allerdings hatte das süddeutsche Zweikammer-System der Macht des Adels enge Schranken gesetzt. Trotzdem war er auch dort die führende Schicht, denn er stellte im wesentlichen die Berater der Krone und die engste Umgebung der Landesherren. Auf Heer und Verwaltung hatte er nicht den gleichen Einfluß wie der ostelbische Großgrundbesitz. Die Verwaltung im Süden lag vornehmlich in den Händen der Bürokratie, in der das Bürgertum stark vertreten war. Die Masse des süddeutschen Adels war ebenso konservativ wie der in Preußen, und seine liberalen Angehörigen waren weniger vom Gedanken der deutschen Einheit erfaßt, weil Adel und Fürsten in Süddeutschland fürchteten, daß in einem einigen Deutschland ihre Selbständigkeit dahin sein würde, und deswegen lag ihnen daran, daß sich im Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland Österreich und Preußen die Waage hielten, damit die kleinen Staaten leben konnten. So zeigte es sich, wie die führende Schicht in Deutschland trotz liberaler Reformen immer noch der Adel war, und daß er in den Jahren von 1815 bis 1848 nicht zum Träger der nationalen Idee werden konnte. In diesen Jahren war Deutschland noch überwiegender Agrarstaat, und dadurch mußte auch das Bauerntum gesellschaftliche Bedeutung haben. Es war im Osten durch die Stein-Hardenbergische Reform aus der Erbuntertänigkeit gegenüber dem Rittergutsbesitzer befreit worden. Jahrhundertalte gesellschaftliche Bindungen waren dadurch zum mindestens äußerlich gelöst. In den süddeutschen Staaten war die Ablösung der grundherrschaftlichen Lasten entweder im Gange oder bereits durchgeführt. Trotz der „Bauernbefreiung" bestanden im Osten zwischen Gutsherrschaft und Bauern noch beträchtliche gesellschaftliche Bindungen. Das befreite Bauerntum war politisch keineswegs autonom geworden, sondern stand in dieser Beziehung unter dem beherrschenden Einfluß des Großgrundbesitzes. Das war zunächst einmal Uberlieferung, und dann wurde diese Überlieferung durch die allgemeine Wehrpflicht wachgehalten, wo der Bauer im gleichen Truppenteil wie der Großgrundbesitzer diente, jener als gemeiner Soldat oder Unteroffizier, dieser als Offizier. Dias im Regiment begründete Vorgesetztenverhältnis setzte sich praktisch auch nach beendeter Dienstzeit gegenüber dem Herrn Leutnant oder dem Herrn Rittmeister fort, der die Uniform zwar ausgezogen hatte und nun sein Rittergut bewirtschaftete, aber dabei doch in den Augen des Bauern Schmollen Jahrbuch LXXVT, 4 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.4.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:14 18 W. M. Frhr. v. Bissing [402 der Mann blieb, den ein gewisses Charisma umkleidete. Die Erziehung im Heer zum Gehorsam machte aus dem ostdeutschen Bauern zusammen mit dem slawischen Bluteinschlag ein williges Instrument in der Hand des Staates, der Verwaltung und des Großgrundbesitzers. Das Bauerntum in den östlichen Provinzen Preußens war sicher ungeheuer arbeitsam und zäh, aber politisch eine amorphe Masse, die einen wenig geeigneten Boden bildete, auf dem die nationale Idee entstehen und wachsen konnte. Ein Selbstbewußtsein war in diesem Bauerntum noch nicht erwacht. „Der Gedanke, einem großen Staate anzugehören, ist einem großen Teil der preußischen Untertanen fremd, da der Gedanke Deutscher zu sein, ihnen gewissermaßen fremd war15." Das Bauerntum im Westen und Süden war in seiner Haltung freier und herrenbewußter. Aber auch hier war bestenfalls nur ein partikulares Staatsbewußtsein zu finden, denn die süddeutschen Staaten waren durch einen Gewaltakt Napoleons zusammengefügt worden. Deutschland war den süddeutschen Bauern ein Begriff, der ihnen fern lag. Allerdings war das Bauerntum durch die Verfassung der süddeutschen Staaten in gewissem Umfang in die Politik hineingezogen worden. Aber auch hier war die Masse des Bauerntums politisch noch nicht autonom, sondern in den katholischen Gegenden unterlag es weitgehend dem Einfluß der aus dem Bauerntum selbst hervorgegangenen niederen katholischen Geistlichkeit. Dadurch wandte es sich gegen den protestantischen Norden und gegen den aufkommenden Liberalismus. Das Bürgertum im Süden war überwiegend Kleinbürgertum, das als Handwerker, Beamter und Lehrer in den Städten lebte, deren Entwicklung bis weit in die 30er Jahre hinein stagnierte. Allerdings lebte im Südwesten, besonders in den Kreisen des Bürgertums der zahlreichen kleinen Reichsstädte, die durch den Befehl Napoleons den süddeutschen Staaten einverleibt worden waren, die Erinnerung an die alte Zeit des heiligen römischen Reiches Deutscher Nation und an seine Kaiser. Aber diese Erinnerung weckte mehr verschwommene romantische Gefühle als eine tatkräftige politische Einsicht. Im Rahmen der süddeutschen Verfassungen kämpfte dieses Bürgertum um seine gesellschaftliche Geltung und um seine politische Macht gegen den Adel. Dieser Kampf absorbierte einen großen Teil der geistigen und politischen Kräfte. Im Westen entstanden die ersten Anfänge der großen Industrie. Aber auch das westliche Bürgertum war überwiegend noch Kleinbürgertum, das politisch wenig interessiert war, es sei denn, daß es sich um die engsten Belange der eigenen Stadt handelte. In den preußischen Ostprovinzen suchte die Städteordnung Steins zwar das 15 Treitschke, Deutsche Geschichte, II. Bd. 2. Aufl. 1883, S. 293. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.4.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:14 403] Nationale Idee und politisches Ziel 19 Kleinbürgertum an politisches Denken und Handeln heranzuführen, aber auch dort war die Masse der Handwerker politisch passiv und schwärmte für die gute alte Zeit, als es noch keine Gewerbefreiheit gab. Adel, Bauern und Handwerker waren die retardierenden Elemente, deren Blick nur auf das Nächste, aber noch nicht einmal immer auf den Staat gerichtet war. In Preußen triât dieser Staat allerdings mit drei Forderungen an sie heran, mit der allgemeinen Wehrpflicht, der allgemeinen Schulpflicht und der allgemeinen Steuerpflicht. Daraus mußten sich einmal gesellschaftliche und politische Folgerungen ergeben, die allerdings zunächst noch nicht bemerkbar waren. Die Enge des Blicks und die Interessenlage konnte es bei diesen drei Gruppen nicht: zur Entstehung einer deutschen nationalen Idee kommen lassen. Ein ausgesprochenes Großbürgertum, das die gesellschaftliche und politische Führung in der Stadt und dem Staat auf grund seines Wohlstandes und seiner Bildung hätte übernehmen können, gab es in Deutschland nur in den alten Handelsstädten wie Frankfurt am Main, Leipzig, Nürnberg, Augsburg und in den Hansestädten im Norden. Aber vielfach hatte sich dieses Großbürgertum in die Dienste der Landesherren begeben, war zum Teil geadelt worden und damit aus der Schicht des Großbürgertums ausgeschieden. So war das Großbürgertum in den ersten Jahrzehnten nach den Freiheitskriegen recht dünn gesät, besonders im größten deutschen Staat, in Preußen. Erst nachdem durch den Zollverein die wirtschaftliche Entwicklung in einem für die damalige Zeit sehr schnellen Tempo die große industrielle Unternehmung hat entstehen lassen, bildete sich im Westen ein großes Besitzbürgertum als industrielles Unternehmertum. Bis dahin war im Bürgertum führend das Bildungsbürgertum, die Universitätsprofessoren, die akademische Jugend, die Lehrer der höheren Schulen, die Anwälte und Ärzte. Aber auch dieses Bildungsbürgertum war nur in beschränktem Umfang politisch aktiv, so sehr es für die Freiheit und für den deutschen Nationialstaatsgedanken schwärmte. Sein Liberalismus war wie jeder deutsche Liberalismus doktrinär. Das aktive Element war die Burschenschaft, in der sich ein großer Teil der akademischen Jugend zusammenfand. Diese Jugend war vaterländisch aber nicht staatlich gesonnen. Freiheit, Ehre, Vaterland waren ihre Ideale. In den zahlreichen Einzelstaaten, die den Deutschen Bund bildeten, sahen sie nur ein Hemmnis für die Entstehung eines großen, das ganze Vaterland umfassenden deutschen Staates. Uber die Form dieses Staates gingen allerdings die Meinungen weit auseinander, doch die nationale Idee ist an keine Staatsform gebunden. Hier war wichtig, daß der Gedanke des Vaterlandes betont, daß auch eine religiöse Bindung vorhanden war und bekannt wurde. Ein Teil der Jugend jedoch geriet unter den Einfluß von Jahn und 2* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.4.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:14 20 W. M. Frhr. v. Bissing [404 später von Feuerbach und kam dadurch in religiös und politisch radikale Bahnen. Aber auch in den nicht radikalen Kreisen der Jugend kam eine nationale Idee nicht auf, sondern nur das politische Ziel der Einigung der Deutschen in einem irgendwie gearteten deutschen Staat. Die Vorstellung vom Wesen und den Wegen der Politik waren in den Kreisen der Turner und der Burschenschaft romantisch, verschwommen. Man suchte Vorbilder in der Zeit des Mittelalters, die gar nicht vorhanden gewesen waren, und bewegte sich auf diese Weise in politischen Illusionen. Aber gerade die nationale Idee ist kein Erzeugnis von Illusionen, sondern bei transzendenter Bindung eine Abstraktion aus der konkreten historischen Wirklichkeit. Weil eine klare Vorstellung von dieser konkreten historischen Wirklichkeit fehlte, begann man zu schwärmen, man verwechselte das politische Ziel der deutschen Einigung, die Beseitigung und Ersetzung des Absolutismus durch die konstitutionelle Herrschaftsform mit der nationalen Idee. Wenn es sich auch dabei um ein Ziel handelte, das immer die ganze Nation betraf, so enthielt es doch keine Aufgabe, die die Nation über sich selbst hinausführen mußte, wenn das Ziel einmal erreicht war. So hegte und pflegte die Jugend zwar bewußt den niationalstaatlichen Gedanken, aber von der nationalen Idee wußte sie noch nichts. Die Masse der Handarbeiter endlich, die in den noch kleinen Fabriken Beschäftigung fanden, führte nach den Freiheitskriegen ein von der Politik fernes Leben. Die Not der Wirtschaftskrisen bedrückte sie ebenso wie die Maschinen, die die rationale Technik und der sich entwickelnde Kapitalismus nach sich zogen und die ihnen Arbeit und Brot nahmen. Aber die große Masse der Arbeiter war damals in den 30er und 40er Jahren noch „nicht reif für eine soziale Bewegung" (Mehring). Dem Aufkeimen des Kapitalismus entsprach die preußische Wirtschaftspolitik, die durch das Zollgesetz von 1818 den getrennten Staat zu einem geschlossenen Wirtschaftsgebiet machte und dann darüber hinaus ein einheitliches deutsches Zollgebiet erstrebte. In den Kreisen der preußischen Beamtenschaft und auch der Unternehmer in Rheinland und Westfalen hatte die wirtschaftliche Entwicklung1 wohl den Blick für die Notwendigkeit großer Wirtschaftsund Marktgebiete geöffnet, aber gegen einen deutschen Zollverein waren die süddeutschen Liberalen, die sich dadurch in Gegensatz zu ihrem Programm des nationalen Einheitsstaates setzten. Als Feinde des preußischen Absolutismus und als süddeutsche Partikularisten wehrtei^ sie sich dagegen, daß Preußens Macht verstärkt würde, wenn es im Zollverein die Führung übernähme. So wurde dem Werk der wirtschaftlichen Einigung durch den Geist des Partikularismus doch OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.4.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:14 405] Nationale Idee und politisches Ziel 21 der innere ideale Schwung genommen, von dem Maßen und Motz getrieben waren. Als der Zollverein dann 1834 zustandegekommen war, blieb im wesentlichen nur das materielle Interesse übrig und die wirtschaftlichen Belange traten in den Vordergrund. Damit war auch der Ansatz für das Entstehen der nationalen Idee verschüttet, die aus der wirtschaftlichen Einigung vielleicht hätte erwachsen können. Der Partikularismus, der hier zutage trat, ist eine der entscheidenden politischen Grundlagen der deutschen Entwicklung. Die Landesherren sind in jener Zeit partikularistisch, auch wenn sie sich wie Ludwig I. von Bayern als „teutsch und freiheitlich", gesinnt ausgaben. Vor allem im führenden deutschen Staat Preußen war der Partikularismus nicht minder stark vertreten als in Süddeutschland. Friedrich Wilhelm III. war geistig unbeweglich und ohne Schwung, und so blieb ihm die geistige Entwicklung in Deutschland nach den Freiheitskriegen innerlich fremd. Sein politisches Denken wurzelte in der Vorstellung von der Vorherrschaft Österreichs, von der preußischen Politik, die Österreich zu folgen und auf dem Boden der Heiligen Allianz zu stehen habe. Sein Sohn Friedrich Wilhelm IV. war trotz aller romantischen Schwärmerei ebenso Partikularist wie sein Vater. In der deutschen Frage will er trotz des Gegensatzes zwischen Preußen und Österreich „Österreich den Steigbügel halten"16. Partikularistisch war — wie wir wissen — der Adel, und partikularistisch war aus konfessionellen Gründen die Geistlichkeit. Nicht partikularistisch war das Bildungsbürgertum, die liberale Beamtenschaft und die westdeutsche Industrie. Der Allgemeine deutsche Handelsund Gewerbeverein, 1819 in Frankfurt am Main gegründet, forderte Einheit, Verfassung und Freiheit. Aber es war schwer für die nicht-partikularistischen Elemente, einen aussichtsreichen Kampf gegen den Partikularismus zu führen. Dazu mußten die Kräfte in irgendeiner Weise zusammengefaßt werden, um auf die Regierenden einzuwirken. Das war im absolut regierten Norden gar nicht möglich. Dort gab es keinen Ansatzpunkt für das Wirken, von politischen Parteien oder Verbänden. In Süddeutschland waren zwar politische Parteien im Entstehen begriffen, aber sie konzentrierten sich im wesentlichen auf den Kampf zwischen dem Adel und der liberalen bürgerlichen Bürokratie, so daß die Bestrebungen dieser politischen Gruppen rein partikular orientiert waren. Da eine nationale Idee fehlte, mußte von diesem Partikularismus eine starke Tendenz zur Zersplitterung der politischen Kräfte ausgehen, und so entsteht ein Kampf von Preußen gegen Österreich, von Baden gegen Bayern, von Württemberg gegen Baden und endlich der Gegensatz zwischen Norden und Süden überhaupt. Trotz der wirtschaftlichen Einigung 18 H. v o n Peters-dorff, Friedrich Wilhelm IV. 1900, S. 69. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.4.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:14 22 W. M. Frhr. v. Bissing [406 durch den Zollverein bleibt das unfertige nationale Selbstgefühl, von dem Treitschke spricht, bei den Deutschen bestehen. Neben diesem rein deutschen Partikularismus, der im Norden und im Süden gleicherweise auftrat, machte sich in Preußen, zunächst als rein preußisches Staatsproblem, gleich nach Beendigung der Freiheitskriege, ein anderes Moment bemerkbar. Das war der Nationalitätenkampf zwischen Deutschen und Polen in den preußischen Provinzen Posen und Ostpreußen. Worum es in diesem Kampf eigentlich ging, wurde damals und vielleicht bis zuletzt nicht erkannt. Man sah in ihm nur ein Problem der Assimilierung der Polen. Friedrich Wilhelm III. hatte wohl am 15. Mai 1815 einen „Zuruf" an die Polen erlassen, in dem es heißt: „Auch Ihr habt ein Vaterland . . . ihr werdet meiner Monarchie einverleibt, ohne euere Nationalität verleugnen zu dürfen . . . euere Religion soll aufrecht erhalten werden . . . ich! hoffe auf euere Anerkennung rechnen zu dürfen17." Trotz dieses Zurufs war aber die Assimilierung das Ziel der preußischen Polenpolitik und blieb es bis 1918. Dieser Gedanke beruhte jedoch auf einem großen Fehlschluß. Er übersah, daß ein Volk ohne nationale Idee ein Volk mit einer außerordentlich lebendigen nationalen Idee niemals assimilieren konnte oder im Nationalitätenkampf zu siegen vermochte, gleich wie man diesen Kampf führte. Wir haben bisher gesehen, wie geistige, politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Kräfte keine deutsche nationale Idee zustandebringen konnten. Konnte es vielleicht die Theologie tun? Das ist die Frage, die noch zu beantworten ist, und sie ist vielleicht sogar die wichtigste Frage. Nach den Freiheitskriegen war das Bürgertum und auch in weitem Umfang der Adel für den religiösen Rationalismus gewonnen. Für den Rationalisten ist Religion nicht Sache des Gefühls, sondern Wissen. Er sucht mit nüchternem Verstände alles, was der Einsicht der Vernunft widerspricht, aus dem religiösen Bekenntnis zu entfernen. Dementsprechend' erging sich die Predigt der damaligen Zeit in eingehenden moralischen Betrachtungen und legte dar, was der vernünftige Christ von den einzelnen Lehren zu denken und anzunehmen hat. Ihr religiöser Gehalt war oft recht dünn und mager18. Damit wird der Glaube ausgeschaltet und durch eine vernünftige Erkenntnis ersetzt. Das Transzendente wird zu etwas herabgewürdigt, das ein vernunftbegabtes Wesen eigentlich abzulehnen hätte. Da auf diese Weise die Axt an die Wurzel des Glaubens gelegt wird, kann die rationale Theologie die Glaubensfähigkeit im Menschen nicht wecken, 17 Manfred Laubert, Die preußische Polenpolitik 3. Aufl. 1944, S. 20. 18 Paul D r e w s , Die Predigt im 19. Jahrhundert, 1903, S. 13—14. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.4.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:14 407] Nationale Idee und politisches Ziel 23 die eine nationale Idee als Ergebnis des Glaubens an eine göttliche Entelechie braucht. Treitschke nennt diese Zeit der 20er bis 40er Jahre „Jahre ohne Glaubenskraft"19. Der schon erwähnte, 1819 geborene Landwirtschaftsminister Graf Königsmarck schreibt darüber: „Die religiöse Richtung meines Vaters läßt sich als Indifferentismus, diejenige meiner Mutter als Rationalismus beurteilen. Beide waren eben, wie alle Menschen, Kinder ihrer Zeit." Doch die aus den Befreiungskriegen heimkehrende Generation hatte Gott als wirkende Kraft in der Geschichte erlebt, und sie empfand die Befreiung vom Joch Napoleons als eine Tat Gottes. Aber mit diesem Glauben an das Walten Gottes in der Geschichte verbanden sich unklare Vorstellungen von einer irgendwie gearteten altdeutschen Frömmigkeit. Auf die religiöse Haltung weiter Kreise der Burschenund Turnerschaft hatte Schleiermacher einen großen Einfluß ausgeübt. Und mit Schleiermacher beginnt eine neue Epoche der evangelischen Theologie. Er will das individuelle und soziale Leben seiner Zeit veredeln, er will die Menschen durchaus in die Bildung der damaligen Zeit hineinstellen und sie trotzdem an Gottes Wort binden. Ihm liegt daran, den lebendigen christlichen Glauben zu wecken. Dabei kommt Schleiermacher dem Freiheitsgedanken und dem Freiheitsstreben, wie es durch die französische Revolution und vor allem durch die Freiheitskriege mächtig in den Menschen geweckt worden war, entgegen. Deswegen ist er undogmatisch und wird zum Begründer der liberalen Theologie, die die Freiheit des Individuums gegenüber dem dogmatischen Zwang vertritt und damit alte Bindungen auflöst. Auf der anderen Seite paßt er sich auch dem Geist der Romantik an, wie ihn die Teilnehmer der Freiheitskriege mit sich brachten. Er stellt das Gefühl in den Vordergrund, und Religion und Glaube ist ihm das persönliche Erleben eines Gefühls der schlechthinnigen Abhängigkeit des Menschen vom Unendlichen. Das ist aber nichts anderes, als daß sich der Mensch seiner Beziehung zu Gott bewußt wird. Wenn aber Religion und Glaube zu einem Ergebnis persönlichen Erlebnisses werden, so sind beide damit nicht von den Ergebnissen der fortschreitenden Wissenschaften abhängig. Gleichzeitig jedoch wird mit dem persönlichen Erleben und dessen Bewertung die letzte Entscheidung dem Menschen selbst überlassen, und der Mensch wird Mittelpunkt und Maßstab. Aber eine solche Bindung an sich selbst ist kein Mittel, um den Glauben an die göttliche Entelechie zu wecken, die die Geschichte beherrscht und in dieser Geschichte den Völkern ihre Aufgabe zuweist. Wohl hat Schleiermacher darauf hingewiesen, daß jedes Volk dazu bestimmt ist, eine besondere Seite des göttlichen Wesens durch be19 Deutsche Geschichte Bd. V, S. 276. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.4.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:14 24 W. M. Frhr. v. Bissing [408 sondere Einriditungen und durch seine Lage in der Welt darzustellen20. Als Aufgabe des deutschen Volkes bezeichnet er den Schutz des Protestantismus21. Damit ging allerdings seine Einwirkung auf die Bildung und Gestaltung der deutschen nationalen Idee bei der konfessionellen Spaltung des deutschen Volkes von vornherein verloren. So groß auch der Einfluß Schleiermachers in den Jahren nach den Freiheitskriegen auf die evangelische Theologie war, so vermochte er doch nicht, ihr Auseinanderfallen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufzuhalten. Es setzte eine „Zeit voll kirchlichen Haders64 ein (Treitschke). Gleichzeitig mit Schleiermacher wandten sich gegen den Rationalismus der Pietismus einerseits und die aufkommende Orthodoxie andererseits. Vom Pietismus werden im Süden und' Westen Teile des Bauernund Bürgertums, im Norden, vor allem in Hinterpommern, Teile des Adels ergriffen. Der Pietismus war ein schwärmerisches Suchen nach Glauben und nach Gott. Seine Anhänger meinten, daß der bisherige Weg der Frömmigkeit zu keiner Gemeinschaft mit Gott geführt habe. Deswegen versenkt man sich in die Bibel, lehnt jede Kritik der Bibel, in welcher Form sie auch geübt werden möge, ab und zermartert sich in einem Gefühl von Sünde und Schuld. Die Pietisten verurteilten politischen und religiösen Liberalismus und vereinigen so in sich religiösen und politischen Konservativismus. Damit stehen sie im Kampf gegen den Nationalstaatsgedanken. Ihr politischer Einfluß war groß. Die pommerschen Pietisten hatten in der engeren Umgebung Friedrich Wilhelms IV., in der sogenannten Kamarilla, mit Leopold von Gerlach einen energischen Sachwalter. Pietismus lag der tieffrommen, aber verschwommenen Art des Königs. Friedrich Wilhelm III. war in seiner nüchternen, mehr rationalistischen Frömmigkeit dem Pietismus weniger zugänglich gewesen. Aber auch ihm war die liberale Theologie eine Abkehr von dem von den Vätern überkommenen Glauben und damit eine Gefährdung von Thron und Altar. Der Pietismus verlangte tätiges Christentum, und damit gehen von ihm für die damalige Zeit beachtliche soziale Wirkungen aus. Aus pietistischem Gedankengut heraus entstand die Innere Mission Wicherns, die die Kirche darauf hinwies, daß durch die Entwicklung von Technik und Kapitalismus soziale Probleme im Entstehen waren, an denen die Kirche nicht vorübergehen könne. Doch eine weitgehende Tiefenwirkung blieb der Inneren Mission damals und später versagt. Daran waren zwei Ursachen schuld. Die eine war die gleichzeitig aufkommende evangelische Orthodoxie, wie sie von Hengsten80 Predigten. Berlin 1834—35,Bd. I, S. 228 ff. 21 Über Religion, Berlin 1831, S. 318. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.4.1 | Generated on 2023-04-04 11:23:14