Die Struktur der russischen Gesellschaft zu Anfang des 20. Jahrhunderts
Abstract
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Full text
von Ungern, Roderich Article Die Struktur der russischen Gesellschaft zu Anfang des 20. Jahrhunderts Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: von Ungern, Roderich (1956) : Die Struktur der russischen Gesellschaft zu Anfang des 20. Jahrhunderts, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 76, Iss. 2, pp. 41-69, https://doi.org/10.3790/schm.76.2.41 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290846 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
169] 41 Die Struktur der russischen Gesellschaft zu Anfang des 20. Jahrhunderts Von Roderich von Ungern-SternbergKirchzarten Inhaltsverzeichnis : Vorbemerkung S. 41 — 1. Bauern und Industriearbeiter S. 42 — 2. Die Handwerker S. 47 — 3. Die Kaufmannschaft S. 49 — 4. Die Geistlichkeit S. 54 — 5. Die Beamtenschaft S. 56 — 6. Die Intelligenzia 5. 58 — 7. Der Adel S. 63 Die Bedeutung, die einer bestimmten Gesellschaftsschicht als wirkender Kraft in einem revolutionären Umbruch, wie ihn Rußland 1917/20 erlebt hat, zukommt, kann nur richtig beurteilt werden, wenn zuvor ihr Gewicht innerhalb der gesellschaftlichen Struktur festgestellt wird, sowohl in quantitativer Hinsicht wie auch in bezug auf die geistigen Potenzen, die der betreffenden Schicht eignen, der Abwehroder Angriffskräfte, die von ihr ausgehen innerhalb des sozialen Spannungsfeldes. Hierzu bedarf es einer Kenntnis der gesellschaftlichen Struktur, ihrer Zusammensetzung nach Ständen, Berufen und Klassen. Vorauszuschicken ist: die folgenden Ermittlungen und Betrachtungen beziehen sich in vollem Umfang auf das eigentliche Rußland, d. h. auf das Volk und den Staat, die das große ethnische und kulturelle Kerngebiet, etwa das alte Moskowitische Reich vor Peter des Großen Eroberungen bildete. In den Randgebieten: in der Ukraine, in Polen, Litauen, Lettland und Estland, in Kurland, im Kaukasus, in den zentralasiatischen Gebieten bestanden Verhältnisse, die in mancher Beziehung von den großrussischen grundverschieden waren. Alle diesç Länder sind vom großrussischen Machtzentrum aus erobert, einverleibt und angegliedert worden; sie haben eine wesentlich andere Geschichte als das Moskowitische Reich, von dem aus sie aber alle mehr oder weniger russifiziert worden sind und dessen Schicksal sie im Lauf der letzten rund 250 Jahren geteilt haben. Die letzten Einverleibungen: der Kaukasus und die mittelasiatischen Gebiete sind allerdings erst Ende der 60er bzw. in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts erfolgt. Die Struktur des russischen ancien régime wies zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch ein ständisches Gepräge auf, das wohl bereits in OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.2.41 | Generated on 2023-04-04 11:23:33
42 Roderich von Ungern-Sternberg [170 erheblichem Grade aufgelockert war, aber in rechtlicher Hinsicht im wesentlichen noch fortbestand und sehr viel Eigenarten im Vergleich zu den damaligen sozialen Verhältnissen in Westeuropa aufwies. Die große Mehrheit der Einwohnerschaft, die sog. „obywateli", gehörte ihrem Stand nach in der Hauptsache entweder zu der Bauernschaft (krestianstwo), oder zu den Kleinbürgern (mestschânstwo) oder zu der Kaufmannschaft (kupetschestwo). 1. Bauern und Industriearbeiter Wenn wir uns die gesellschaftliche Schichtung des russischen ancien régime in Form einer Pyramide vorstellen, so wird ersichtlich, daß die breit ausladende Basis und das gesamte Mittelstück aus Bauern bestand, daß Altrußland ein ausgesprochenes Bauernvolk darstellte, ein Land, in dem die Bauern schätzungsweise 80 bis 82 °/o der Gesamtbevölkerung bildeten, auf denen der gesamte soziale Überbau ruhte1. Das ist nicht so aufzufassen, daß alle diese Bauern tatsächlich Ackerbau und Viehzucht betrieben, vielmehr liegt dieser Schätzung die ständische Zugehörigkeit zugrunde. Etwa 80% der Bevölkerung waren ihrem „Paß66 nach Bauern, d. h. sie waren bei einer bäuerlichen Gemeinde, in der sie beheimatet waren, „angeschrieben". Ihr ständiger Wohnort konnte sehr wohl ein ganz anderer sein und ihre regelmäßig ausgeübte, die Existenzgrundlage bildende Tätigkeit, brauchte mit der Landwirtschaft nichts gemein zu haben. Letzteres traf auf einen erheblichen Teil der industriellen Arbeiterschaft zu. Der Anteil der Industriearbeiter und -arbeiterinnen, die dem Bauernstand angehörten, hat um die letzte Jahrhundertwende schätzungsweise 92 Vo betragen, unter schiedlich nach den einzelnen Gebieten und Industriezweigen. In der Flußschifffahrt, unter den Forstarbeitern, im Transportwesen, unter den unge* lernten Bauarbeitern, in den Ziegeleien mag der Anteil der Bauern 97 *Vo und mehr erreicht haben, in der Metallindustrie dagegen nur 82°/o. Im Petersburger Industriebezirk ist er geringer gewesen als in den zentralen Gouvernements2. Der Rest rekrutierte sich aus einer 1 Diesen 80 bis 82 ®/o bäuerliche Bevölkerung liegt folgende Schätzung zugrunde: Der Anteil der Kaufleute und Händler ist angesetzt mit 10%, der Geistlichkeit, der weltlichen und klösterlichen, mit 3 ®/o, der Beamten gleichfalls mit 3°/o, der Handwerker mit 1 bis 2 0/o und der Anteil des erblichen Adels mit 1 °/o. Das macht insgesamt 18 bis 19 D/o nicht zur Bauernschaft gehörenden Bevölkerung. Dieser Berechnung liegt sowohl die berufliche Betätigung wie die ständische Zugehörigkeit zugrunde. In Einzelfällen ergibt sich unvermeidlich eine Doppelzählung bei der Schätzung. So kann z. B. eine Person sowohl dem erblichen Adel wie der Beamtenschaft zugezählt werden. Die sogenannte Intelligenz bildete weder einen Stand noch einen Beruf; sie entstammte aus den verschiedensten Bevölkerungskreisen und ist daher als eine besondere Gruppe bei der Schätzung nicht angesetzt. 2 Hierzu R. v. Ungern-Sternberg, „Die wirtschaftliche und rechtliche Lage der St. Petersburger Arbeiterschaft", Diss. 1909. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.2.41 | Generated on 2023-04-04 11:23:33
Struktur der russischen Gesellschaft zu Anfang des 20. Jahrhunderts 43 Reihe anderer Stände wie: Kleinbürger, Handwerker, Soldaten (sog. Soldatenkinder), Adlige usw. Demnach bestand eine enge soziale Verbundenheit zwischen den Bauern und der Industriearbeiterschaft, eine Erscheinung, die in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht sehr bedeutsam war und auch darin zum Ausdruck kam, daß ein wesentlicher Teil dieser Arbeiter-Bauern •— etwa 66%, Besitzer von Gemeindeland war, d. h. sie besaßen in der Feldgemeinschaft ihrer Dorfgemeinde Landanteile, die ihnen zur zeitlich unbeschränkten Nutzung gehörten und bei Abwesenheit von Familienangehörigen: Ehefrauen, Kindern, Großeltern, Verwandten oder Knechten bebaut wurden, brachlagen oder an Dorfgenossen verpachtet waren. Neben diesem Gemeindeland kam noch gepachtetes Land und privater Eigenbesitz hinzu, wenn die familialen Kräfte und das lebende und tote Inventar ausreichten, um es zu bewirtschaften. Am engsten war die Verbundenheit mit der Bauernschaft bei denjenigen Arbeiter-Bauern und Bäuerinnen, die mehr oder weniger regelmäßig zwischen dem Dorf und der außerlandwirtschaftlichen Erwerbsstätte in der Stadt, hin und her, in verschieden langen Zeitabständen, pendelten, z. B. etwa zweimal im Jahr zu den Feldarbeiten heimkehrten oder nur gelegentlich, in längeren Zeitabständen, im heimatlichen Dorf erschienen3. Die Ursache dieser Pendelwanderung, die im Zuge der allmählich, fortschreitenden Differenzierung innerhalb der Bauernschaft an Intensität abnahm, lag darin, daß der Landbesitz bei zunehmender Bevölkerungsvermehrung der Bauernfamilie keine ausreichende Existenzgrundlage bot und die geringe Ertragsfähigkeit der meist sehr extensiv bebauten Landparzellen (Streifen) viele Bauern zwang, außerlandwirtschaftlichen Erwerb zu suchen, sofern nicht durch Zupacht von Land aus dem Bestand des Großgrundbesitzes eine Erweiterung der landwirtschaftlichen Grundlage ermöglicht wurde, was aber bei der 3 In den südlichen ländlichen Gebieten war der Anteil der regelmäßig zu den landwirtschaftlichen Arbeiten Heimkehrenden erheblich größer als in den ausgesprochenen Industriebezirken. So erreichte zum Beispiel nach A. W. Pog o s h e w : „Bestimmung der zahlenmäßigen Größe und der Zusammensetzung der Arbeiterschaft in Rußland" (russisch) 1906 (zitiert bei S. M.Schwarz ^Arbeiterklasse und Arbeiterpolitik in der Sowjetunion", S. 13), im Bezirk Woronesch dieser Prozentsatz 76,3, im Kiewschen 57,5, im Charkowschen 51,2, während er für Petersburg nur mit 10,8 angegeben wird. Je nach dem Industriezweig war die regelmäßige Abwanderung ins Dorf sehr verschieden intensiv. Nach der gleichen Quelle betrug sie in der Metallverarbeitung nur 11,1 der gesamten Belegschaft, während sie in der Nahrungsund Genußmittelindustrie 65,4% erreichte. Nach einer Untersuchung im Jahre 1898 in der großen Moskauer Textilfabrik von Emil Zindel kehrten zu den Feldarbeiten ins Dorf zurück, um einen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb zu betreuen, 11,9% der 1417 männlichen Arbeiter, 61,4 % ließen ihren landwirtschaftlichen Betrieb durch Angehörige bewirtschaften, und nur 10,8% waren in diesem Textilwerk ohne jede Verbindung mit dem Dorf. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.2.41 | Generated on 2023-04-04 11:23:33
44 Roderich von Ungern-Sternberg [172 ökonomisch schwachen Stellung der Kleinund Mittelbauern und den hohen Pachtzinsen oder der hohen Belastung mit „Abarbeit" auf den Gutsländereien, nur in relativ seltenen Fällen einen Ausweg aus dem Engpaß der Landnot bot, zumal die Kleinund Mittelbauern von den Großbauern, den „Kulaki", den „Fäusten", bei dem Wettbewerb um Pachtland meist verdrängt wurden, und sie mit ihrem geringen Betriebskapital und mangelhaftem Inventar obendrein gar nicht in der Lage waren, durch Zupacht ihre Ackerfläche genügend zu erweitern4. Die Agrarfrage bildete die große Crux der russischen Innenpolitik. Sie bestand, politisch gesehen, in einem unüberbrückbaren Antagonismus zwischen der großen Mehrheit der landhungrigen Bauern und dem Großgrundbesitz, ein Gegensatz, der letzten Endes daraus hervorging, daß nach russischer volkstümlicher Überzeugung nur der berechtigt war, Land zu besitzen, der den Grund und Boden, die „Mutter Erde" eigenhändig beackerte, um sich und seiner Familie die Nahrung zu beschaffen. Es ist von Belang, sich zu vergegenwärtigen, daß wir es hier mit einer Glaubensüberzeugung, nicht mit juristischen oder wirtschaftlichen Erwägungen zu tun haben. Der Begriff des Privateigentums an Grund und Boden, wie er sich unter dem Einfluß des römischen Rechts in Westeuropa allmählich herausgebildet hat, wurde von der großen Mehrheit des russischen Bauernvolkes auf das Entschiedenste abgelehnt. In agrartechnischer Hinsicht erfuhr die Agrarfrage eine weitere Verschärfung durch die agronomischen Fortschritt fast unmöglich machende kommunistische Feldgemeinschaft mit ihrer Gemengelage der einzelnen Äcker (Streifen) und dem sehr primitiven Stand der Bebauungsmethoden. Dadurch wurde ein Drang in die Weite statt in die Tiefe ausgelöst, ein Streben, das sich in ständig wachsendem Landmangel äußerte. Die Extensität, mit der die Landwirtschaft größtenteils betrieben wurde, führte u. a. dazu, daß infolge des Raubbaues schwere Mißernten, bei ungünstiger Witterung (Mangel an Niederschlägen!) fast jedes Jahr, in mehr oder weniger zahlreichen Gebieten, schwere Hungersnöte auslösten, denen zu steuern bei dem wenig entwickelten Verkehrsnetz große Schwierigkeiten bereitete5. Infolge dieser hier nur kurz angedeuteten Zustände ergaben sich für die große Mehrheit der Bauern überaus schwierige Lebensverhältnisse, die mit Hilfe einer Agrarreform in westeuropäischem, individualistischem Geist, 4 Hierzu Brief des Moskauer Parteikomitees der Sozialdemokratie vom September 1905 in: W. Lenin, Ausgewählte Werke, Bd. I, S. 536. 5 Interessant ist ein Vergleich dieser Zustände mit denen in Frankreich vor der Revolution von 1789; die Übereinstimmung ist frappierend. Siehe bei H. T a i n e , Les Origines d. 1. France Contemporaine, L'ancien regime, besonders Livre 5. Chap. I und III. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.2.41 | Generated on 2023-04-04 11:23:33
Struktur der russischen Gesellschaft zu Anfang des 20. Jahrhunderts 45 wie sie die Stolypische Reform der Jahre 1906/1914 in Angriff genommen hat, kaum beseitigt werden konnten. Daß der Landmangel in der Hauptsache eine Folge der sehr intensiven natürlichen Bevölkerungsvermehrung war, geht aus folgenden statistischen Angaben hervor: Um die letzte Jahrhundertwende betrug die Geburtenhäufigkeit in Rußland (ohne Polen, Finnland und Kaukasus) in 50 Gouvernements noch rund 48, je 1000 Einwohner berechnet. Selbst im Durchschnitt der Jahre 1911/13 erreichte sie noch 43,8 je 1000, so daß, ungeachtet einer Sterblichkeit von 28,6 je 1000 Einwohner, sich ein durchschnittlicher Geburtenüberschuß von 20,0 ergab, wogegen z. B. in Deutschland, das damals auch noch eine hohe natürliche Bevölkerungsvermehrung aufwies, die Geburtenhäufigkeit 34,7, die Sterblichkeit 19,9 und der Geburtenüberschuß also nur 14,8 je 1000 Einwohner betragen hat. In Frankreich waren die entsprechenden Ziffern: 21,4 bzw. 19,6, so daß nur noch ein Geburtenüberschuß von 1,8 je 1000 Einwohner zu verzeichnen war6. Diesen hohen russischen natürlichen Bevölkerungszuwachs konnte, wie gesagt, die Landwirtschaft nicht unterbringen. Es entstand ein Bevölkerungsdruck, der nur zu einem sehr geringen Teil durch Abwanderung nach Sibirien und die mittelasiatischen Gebiete, wo es an landwirtschaftlich leicht zugänglichem Ackerland bereits mangelte und die Nomadenvölker (Kalmüken u. a.) große Landflächen für sich beanspruchten, entspannt werden konnte. Infolgedessen drängte die heranwachsende männliche und weibliche überschüssige Landbevölkerung in die Städte, in die Industrie vor allem, und vermehrte das Angebot von ungelernten Arbeitskräften von Jahr zu Jahr. Hiermit ist das Verhältnis zwischen der Bauernschaft und den Industriearbeitern kurz gekennzeichnet. Ohne Kenntnis der agrarischen Zustände ist die Lage und die politische Bedeutung der Bauern und der Industriearbeiterschaft nicht begreiflich. Anschließend noch eine Erwägung über die zahlenmäßige Größe der Industriearbeiterschaft. Da es keine eigentliche Berufsstatistik in Rußland gab, ist man auf Schätzungen angewiesen. Diese ergeben ziemlich übereinstimmend, daß in den Industriebetrieben und im Bergbau 1914, kurz vor Ausbruch des Krieges, rund 3 Millionen Arbeiter, Männer und Frauen, beschäftigt waren. Diese Ziffer enthält nicht die Eisenbahner, die sonstigen Transportarbeiter, die Forstarbeiter und die Arbeiter in der Flußschiffahrt, deren Gesamtzahl gleichfalls mindestens 3 Millionen erreicht hat. Insgesamt wird die Zahl der in Industrie und Handel im Lohnverhältnis beschäftigten Personen auf 9 Millionen geschätzt. Bei einer Bevölkerung von rund 6R. v. Ungern-Sternberg, „Die Ursachen des Geburtenrückgangs im europäischen Kulturkreis", 1932, Kap. „Sexualsitten und Geburtenhäufigkeit in Rußland". OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.2.41 | Generated on 2023-04-04 11:23:33
46 Roderich von Ungern-Sternberg [174 150 Millionen machte das aber nur Vi7 aus. Die erwähnten 3 Millionen Industriearbeiter waren in rund 30 000 Betrieben tätig, so daß auf einen Betrieb rund 100 männliche und weibliche Arbeiter kamen, was einen recht hohen Grad betrieblicher Konzentration erkennen läßt7. Es sei jedoch nochmals hervorgehoben, daß selbst diese rund 3 Millionen nicht als Proletarier angesprochen werden dürfen, weil sie vielfach Beziehungen zur Landwirtschaft aufrecht erhielten. Trotzdem war die wirtschaftliche und rechtliche Lage der Industriearbeiter, wie im einzelnen hier nicht nachgewiesen werden kann, in höchstem Grade unsicher und unbefriedigend. Dieser Zustand ergab sich aus folgenden Umständen: 1. Aus dem Überangebot von ungelernten oder nur mangelhaft angelernten Arbeitskräften, als Resultat eines sehr großen Bevölkerungsreichtums auf dem Lande, der in der Landwirtschaft keine ausreichende Betätigung fand. In Ermangelung einer staatlichen oder kommunalen Arbeitsvermittlung (es gab hier und da Arbeitsbörsen, von denen aber kaum Gebrauch gemacht wurde) und jeglicher Vorund Fürsorge, wie sie heutzutage im Bereich der Arbeitsämter geübt wird, ging der Arbeitssuchende aufs geratewohl oder auf Grund von unsicheren Nachrichten in die Stadt. Gelang es ihm nicht, Arbeit zu finden, so wurde er nur zu leicht ein Landstreicher, der von der Polizei aufgegriffen und „per Etappe" in sein Heimatdorf befördert wurde, d. h. er bekam auf dem Bahnhof eine Fahrerlaubnis eingehändigt, was ihn natürlich nicht hinderte, an der nächsten Station auszusteigen und per pedes in die Stadt zurückzukehren. Von den weiblichen Zugewanderten, den stellenlos umherirrenden Jugendlichen, verfielen nicht wenige der Prostitution. 2. Das Überangebot von Arbeitskräften wirkte drückend auf die Löhne, in Ermangelung einer gewerkschaftlichen Organisation, die bis zum Vereinsgesetz von 1906 verboten war. Infolgedessen sahen sich die Arbeiter in der Regel ganz der Willkür der Unternehmer preisgegeben, zumal letztere von der Regierung nicht daran gehindert wurden, sich zu Interessengemeinschaften zusammenzuschließen. Im Vergleich zu den ungelernten, Arbeitern war indessen die Lage der Facharbeiter, d. h. derjenigen, die eine gewerbliche Schulung durchgemacht hatten, oder eine langjährige Praxis besaßen, sehr viel besser. Meister und Vorarbeiter waren rar und wurden gut bezahlt. Das Handwerk war wenig entwickelt und an Gewerbeschulen fehlte es fast vollständig. Ein erheblicher Teil der qualifizierten Arbeitskräfte kam aus dem Ausland und wurde hoch entlohnt. 7 Hierzu M-Florinsky, „The End of the Russian Empire" 1931, S. 154. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.2.41 | Generated on 2023-04-04 11:23:33
Struktur der russischen Gesellschaft zu Anfang des 20. Jahrhunderts 47 3. Ferner wirkte lohnsenkend der Umstand, daß ein Teil der Arbeiter und Arbeiterinnen die Fabrikarbeit als eine vorübergehende Beschäftigung bzw. als einen Zuschußverdienst zu einem allzu dürftigen Einkommen aus der Landwirtschaft betrachteten und sich unter Umständen mit einem Minimum begnügten, nur um nicht mit leeren Händen heimzukehren. 4. Schließlich war die Arbeitsleistung des russischen Arbeiter-Bauern typischerweise mangelhaft. Er war unzuverlässig, nachlässig und undiszipliniert, so daß die Unternehmer und auch die Meister nicht mit Unrecht sagen konnten: Der geringe Lohn entspricht der schlechten Leistung. Aus primitiven ländlichen Verhältnissen in eine mechanisierte Fabrik versetzt, konnten Er oder Sie sich nur schwer anpassen, zumal ihr Bildungsniveau niedrig war. So waren in der Petersburger Baumwollindustrie 31,5 °/o aller Arbeitskräfte Analphabeten, in der chemischen Industrie 32,9 °/o, in der Metallindustrie 26,l '°/o8. In den sonstigen Industriebezirken war zweifellos der Anteil der Analphabeten noch höher. 2. Die Handwerker Die nächst höhere soziale Schicht bildeten die Handwerker. Diese waren sehr spärlich vertreten. In der Tat war die Zahl der Handwerker im westeuropäischen Sinne, d. h. waren die kleinbetrieblichen Produzenten, die selbständig und selbstbeteiligt mit einigen Gesellen und Lehrlingen Erzeugnisse herstellten und vertrieben, gering. Rußland hat eine städtische handwerkliche Wirtschaftsperiode mit ihrem Korporationswesen und dementsprechenden Städtewesen nicht gekannt. So stellte bereits H. Storch9 unter anderem fest: „Man kann daher im Inneren Rußlands selten ein Bedürfnis bey Handwerkern bestellen, sondern muß es in den Buden und Kaufläden suchen — in diesen Buden findet man aber auch alles, was nur Bedürfnis genannt werden kann, und man kauft daselbst um ein Drittel wohlfeiler als bey Handwerkern, die Bestellung annehmen10.64 Und woher kamen die Waren in den Buden? Aus der Hausindustrie, von den Kustari, die auf genossenschaftlicher Basis arbeiteten. Sofern Handwerk bestand, waren seine Vertreter zu einem erheblichen Teil Ausländer11. Die zarische Regierung hat sich bereits im 8R. v. Ungern - Sternberg, „Über die wirtschaftliche und rechtliche Lage der St. Petersburger Arbeiterschaft", Berliner Dissertation 1909. 9 „Historisch-statistisches Gemälde des russischen Reichs am Ende des XVIII. Jahrhunderts" 1799. 10 Zitiert bei M. Tugan = Baranowski, Geschichte der russischen Fabrik, S. 6. 11 Die Handwerker und Kaufleute sollten sich, nach ausländischem Muster, auf Grund des petrinischen Privilegs vom Jahre 1721 und dem Katharinas II. vom OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.2.41 | Generated on 2023-04-04 11:23:33
48 Roderich von Ungern-Sternberg [176 16. Jahrhundert bemüht, für die Herstellung von Rüstungsgegenständen in erster Linie ausländische Handwerker heranzuziehen und in besonderen Stadtbezirken anzusiedeln. So sind im 16. Jahrhundert beispielsweise bei den kriegerischen Einfällen in die Gebiete des Deutschen Ordens aus Livland deutsche und wohl auch lettische und estnische Handwerker in beträchtlicher Zahl nach Rußland zwangsweise umgesiedelt worden12, eine Politik, die Peter der Große und Katharina II. fortgesetzt haben. Bezeichnend für den großen Anteil von Ausländern bzw. von Personen nicht russischer Abstammung im Handwerkswesen war, daß vor dem 1. Weltkrieg in den Hauptund Großstädten qualifizierte Erzeugnisse wie Herrenund Damengarderobe, feines Schuhwerk, Schmucksachen, feine Bäckerei, Uhren usw. weitaus vorwiegend in Werkstätten (Ateliers) hergestellt wurden, die von Ausländern: Deutschen, Schweizern, Franzosen, Tschechen, Juden gegründet und geleitet wurden, wogegen den russischen Handwerkern bloß die Anfertigung nach Maßen und Anweisungen in Heimarbeit überlassen wurde. Die Dinge des täglichen Gebrauchs der bäuerlichen und kleinbürgerlichen Einwohnerschaft wurden nur in sehr geringem Umfang von Handwerkern hergestellt. Sie stammten größtenteils aus der genossenschaftlich betriebenen Hausindustrie. Es gab auch noch kurz vor dem ersten Weltkrieg zahlreiche große Dörfer, deren Bewohner bestimmte Erzeugnisse, wie: hölzernes Gebrauchsgeschirr, Kleineisenwaren, Filzstiefel, Spitzen usw. auf genossenschaftlicher Basis produzierten. Allerdings wurde diese Produktionsweise langsam verdrängt, aber nicht von selbständigen Handwerkern, sondern von Großbetrieben, die billiger erzeugen konnten als die Hausindustriellen, die Kustari. Letztere gerieten außerdem in steigendem Maß in Abhängigkeit von Verlegern, die den marktmäßigen Absatz beherrschten, den Hausindustriellen Rohstoffe lieferten und sich auf diese Weise zwischen den Produzenten und den Verbraucher eindrängten, ganz wie das in Westeuropa in der frühkapitalistischen Periode geschehen ist. Trotzdem behauptete sich die genossenschaftliche Produktion und die genossenschaftliche Form z. B. im Transportwesen in Rußland noch bis zum ersten Weltkrieg in sehr viel Jahre 1785 in Gilden eintragen. Das hatte jedoch lediglich eine administrativ = fiskalische, keine korporative Bedeutung. In die erste bzw. zweite der drei Gilden (letztere wurde 1863 abgeschafft) wurden die Gewerbetreibenden nach der Höhe de« Betriebskapitals eingetragen. Die Eintragung war nicht obligatorisch und eigentlich nur von Interesse für diejenigen Juden, die als Kaufleute erster Gilde, ihrem Wohnsitz nach, nicht an das jüdische Siedlungsrayon gebunden waren. Gemäß dem Privileg von 1785 gehörten die Handwerker mitsamt den Kleinhändlern und kleinen Hausbesitzern zu dem Stande der Kleinbürger (meschtscháne). 12 Nach R. Wittramm, Baltische Geschichte, S. 106. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.2.41 | Generated on 2023-04-04 11:23:33
183] Struktur der russischen Gesellschaft zu Anfang des 20. Jahrhunderts 55 Im besten Fall ließen die Kreise der Bildung dem „Bátiuschka" („Väterchen"), so redete man den Priester an, eine freundlichironische Behandlung zuteil werden. Es fehlte aber auch nicht an zotigen Lieddien, in denen der Pope und die Popadijá (seine Frau) schwer verunglimpft wurden. Der Priester wurde, wie gesagt, vom Staat miserabel besoldet und war daher, um zu existieren, darauf angewiesen, für seine Dienste Bezahlung zu verlangen, wozu wiederum die Bauern nicht bereit waren. Dieses Feilschen schadete natürlich dem Ansehen der Geistlichkeit. Sehr geschadet hat ihrem Ansehen auch die Abhängigkeit, in die sie nach Aufhebung des Patriarchiat durch Peter den Großen (1700), von der Regierung geraten war. Die Kirche war dadurch quasi eine staatliche Institution, ein Werkzeug der Regierungspolitik geworden, der Priester ein Tschinownik in der Sutane. Zwar war diese Abhängigkeit nicht ganz einseitig, denn die zarische Regierung sah sich ihrerseits veranlaßt, den machtpolitischen Bestrebungen der hohen Geistlichkeit anderen Kirchen gegenüber, vor allem der katholischen, zu willfahren, weil die Regierung darauf bedacht sein mußte, die hohe Geistlichkeit, in deren Händen die Pflege der theokratischen Idee lag, nicht zu verstimmen. Der Zar war nicht, wie häufig behauptet wurde, der Summus episcopus der orthodoxen Kirche. Nach Art. 64 des Grundgesetzes war er oberster Beschützer der Kirche und Bewahrer der Orthodoxie (bliustitelj prawosláwija). In der „Gesellschaft" war ein russischer Priester sehr selten anzutreffen, allenfalls aus Anlaß von ausnahmsweise im Hause vorgenommenen gottesdienstlichen Handlungen. Der gewöhnliche ,, Pope" (diese Bezeichnung entspricht dem deutschen Wort „Pfaffe") galt nicht als salonfähig. Dieser langhaarige Mann in der Sutane, der so oft einen befremdlichen Geruch mitbrachte, galt in der Petersburger Gesellschaft nicht als erwünscht. Gewiß gab es Ausnahmen von dieser grauen, unerfreulichen Alltäglichkeit, Gestalten, wie sie N. Leskow in seinem Roman „Die Klerisei" schildert. Eine Ausnahme bildete ferner die hohe Geistlichkeit, besonders die aus den geistlichen Akademien hervorgegangene, sowie Gestalten wie die Stárzy, diese heiligen und weisen Beichtväter, die abseits vom Ritual der Kirche Seelsorge trieben, aber nur auf einen beschränkten Kreis von Menschen, die zu ihnen kamen, um ihre Sünden und seelischen Nöte zu beichten, Rat und Anleitung zu erbitten, Einfluß hatten. In den letzten Jahren vor Ausbruch des ersten Weltkrieges hatte u. a. Johann von Kronstadt diese Bedeutung gehabt. Indessen muß nachdrücklich hervorgehoben werden, daß dieser vielfach mißachtete und der Würde, die ihm in einem religiös beschwingten Volk hätte zustehen müssen, entbehrende Stand, daß die russische Geistlichkeit das schreckliche Martyrium der Religionsfeindlichkeit des OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.2.41 | Generated on 2023-04-04 11:23:33
56 Roderich von Ungern-Sternberg [184 Bolschewismus überstanden hat. Sie hat die Höllenfahrt der Verfolgung und Mißhandlung heldenmütig und opferbereit durchlitten. Die russische Geistlichkeit hat die Kirche, gestützt auf eine glaubensfeste Gemeinde, unter schrecklichen Opfern an Gut und Blut herübergerettet in ein Verhältnis zu der antireligiösen Sowjetregierung, das auf einem Kompromiß, auf der beiderseitigen Anerkennung und Duldung beruht. Der in der Emigration lebende russische Gelehrte N. S. Timaschew urteilt abschließend in seiner Abhandlung „Religion in Russia 1941/50"17 wie folgt: „Beide Seiten hassen das Kompromiß, welches ihnen durch die Umstände aufgezwungen wird. Sie sehen aber keinen Weg, dieses Verhältnis zu ändern. Beide beharren, hoffend, daß die Zukunft für sie entscheiden wird." Zu Anfang der Revolution von 1917/20 schienen Relig ion und Kirche dem sicheren Untergang entgegenzugehen. Es ist um deswillen besonders wichtig hervorzuheben, daß im Bereich der antireligiösen Propaganda der russische Kommunismus, bisher jedenfalls, eine offensichtliche Niederlage erlitten hat, eine Tatsache von weittragender Bedeutung. 5. Die Beamtenschaft Alt-Rußland war ein bürokratisch-zentralistisch regierter Staat, kein Rechtsstaat, sondern ein Polizeistaat, in welchem die Beamtenschaft, die tschinownitschestwo, eine große Rolle spielte. Der gewöhnliche „Bewohner", der obywatelj, mußte, wenn er nicht seiner sozialen Stellung nach oder auf Grund seines Reichtums zu den Bevorzugten gehörte, sehen, wie er sich mit der Polizei gütlich und friedlich auseinandersetzte, und nicht den Verdacht erregte, zu den politisch Unzuverlässigen zu gehören. Industriearbeiter und Studenten standen von vornherein unter diesem Verdacht und mußten vor den Männern im „erbsgrauen Mantel", der Gendarmerie, sich sehr in Acht nehmen. Im übrigen wurde die politisch harmlose Bevölkerung von der Bürokratie wenig belästigt. Es war im Grunde nicht schwierig, mit der Ortspolizei in ein zwischen Willkür und Wohlwollen gemischtes gemütliches Verhältnis zu gelangen. Direkte Steuern bedrückten nur die Bauern bis 1906; die sonstigen Steuern waren nicht besonders spürbar, weil sie vorwiegend auf indirektem Wege, durch Verbrauchssteuern und Zölle, eingezogen wurden. Die Polizei war fast durchweg der Bestechung zugänglich, ja sie erwartete von allen Begüterten, die irgendwie auf ihr Wohlwollen angewiesen waren, „Geschenke", besonders zu Neujahr und zu Ostern. Diese Bestechlichkeit reichte in verschiedener Gestalt recht hoch 17 The Sowjet-Union, edit. by W. Gurian, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.2.41 | Generated on 2023-04-04 11:23:33
185] Struktur der russischen Gesellschaft zu Anfang des 20. Jahrhunderts 57 hinauf in die Hierarchie der inneren Verwaltung, Zustände, die bekanntlich von N. Gogolj in seinem „Revisor66 in unübertrefflicher Weise dargestellt und angeprangert sind. Auch in der Steuerinspektion war das Übel der Bestechlichkeit anzutreffen, obwohl seltener als bei der Polizei. Mehr oder weniger unbestechlich war die Justiz. Im übrigen nahm die Korruption zu, je weiter die Regierungsorgane von den zentralen Instanzen entfernt waren. In den fernöstlichen Gebieten war Willkür und Bestechlichkeit viel häufiger anzutreffen als etwa in Petersburg oder in Moskau. Im großen und ganzen war aber die russische Regierung vielleicht doch besser als ihr Ruf. Manch ein Provinziale, der in der Überzeugung nach Petersburg fuhr, er werde schon den zuständigen Beamten im Ministerium ausfindig machen und ihm nach Erledigung seiner Sache seine „Dankbarkeit66 einhändigen, mußte enttäuscht umkehren, weil der Beamte sich als unzugänglich erwiesen hat. Dagegen erfuhr manche jugendliche Ehefrau, die gekommen war, um für ihren Gatten einen besseren Posten zu ergattern, daß die Bereitwilligkeit des maßgebenden Herren im Ministerio nur durch Preisgabe gewisser „Vorurteile66 im Bereich des Liebeslebens zu erlangen ist usw. Im übrigen „wer lange lebt, hat viel erfahren in seinen Wanderjahren66, u. a. auch, daß eine unbestechliche, fleißige und pflichttreue Beamtenschaft eine gar seltene Erscheinung, keineswegs etwas leicht Erreichbares und Erhaltbares ist. Man muß sich auch gegenwärtig halten, welch eine schwierige Aufgabe es war im russischen Riesenreich, unter vielfach sehr primitiven Verhältnissen, eine einigermaßen geordnete und zuverlässige Verwaltung und Gerichtsbarkeit zu schaffen und aufrecht zu erhalten. Nicht alle Richter und Verwaltungsbeamten waren so, wie Tolstoi sie in seiner „Auferstehung66 schildert, und zwar durchaus nicht wahrheitswidrig, aber in der Auswahl voreingenommen: pflichtvergessen, faul, lediglich auf ihre Karriere bedacht. Es gab, wenn auch wenige Beamte, die, im Verwaltungsdienst, sowohl in der Zentrale wie in der Provinz, eine große Arbeitslast bewältigten, Initiative entwickelten, beharrlich auf Beseitigung von Mißständen hinwirkten, selbständiges Urteil betätigten. Zum Teil war die Korruption eine Folge und Begleiterscheinung der, besonders in den unteren Rangstufen, völlig unzureichenden Besoldung. Des Übels Kern lag jedoch in der geringen Entwicklung des Pflichtgefühls. An diesem Mangel scheiterten in der Regel auch alle Versuche, korrumpierte Elemente auszuschalten und durch bessere zu ersetzen. Es hatte wenig Sinn, z. B. einen bestechlichen Polizisten durch einen zunächst gut beleumdeten zu ersetzen, denn erfahrungsgemäß wirkte der Sog des Milieus auf die Dauer zer* setzend auch auf Menschen, die mit besten Absichten in jüngeren Jahren begonnen hatten. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.2.41 | Generated on 2023-04-04 11:23:33
58 Roderich von Ungern-Sternberg [186 Die untere und mittlere Beamtenschaft in der Provinz, diese „Leute des 20. Datums66 — am 20. jedes Monats wurden die Gehälter ausgezahlt — fristete in ihrer Mehrheit ein recht kümmerliches Dasein. Weder die Öffentlichkeit noch der Dienst boten geistige Anregungen. Das Gehalt erlaubte keine die alltäglichsten Bedürfnisse übersteigenden Ausgaben, und kinderreiche Familien darbten buchstäblich. Unter diesen Verhältnissen war die Versuchung, sich illegale Einkünfte zu beschaffen, natürlich sehr groß. Rauchen, Teetrinken, Kartenspielen und ab und zu eine Gasterei, ein richtiges Gelage, erfüllten den monotonen Alltag. Es gab auch merkwürdige Käuze unter diesen Staatsdienern, solche, die in einer Woche das ganze Gehalt mit ihren guten Freunden verjubelten und drei Wochen lang auf Borg lebten, alles ins Leihhaus trugen, was irgend entbehrlich war und sich mit Schwarzbrot und Tee verköstigten oder bei gutmütigen Nachbarn, an denen es nicht fehlte, herumschmarotzten. Im Sommer befiel manch einen ein unwiderstehlicher, nomadenhafter Wanderungsdrang — er verschwand wochenlang ohne Urlaub oder verlängerte ihn eigenmächtig um zwei bis drei Wochen, war nicht auffindbar. Leicht begreiflich, daß mit dieser Art Menschen eine solide Verwaltung aufrecht zu erhalten schwierig war. 6. Die Intelligenzia Eine sonderbare Gesellschaftsschicht bildete die Intelligenz: Kein Stand, denn sie rekrutierten sich aus sämtlichen Ständen, diese Vertreter der Bildung. Sie kamen aus dem Adel, den Kreisen der Kaufmannschaft und ausnahmsweise auch aus der Bauernund Arbeiterschaft. Sie waren gering an Zahl, aber von wesentlicher kultureller und politischer Bedeutung; besonders als Widerstandsfaktor gegen die Willkürherrschaft der Regierungsorgane, denn aus ihren Reihen gingen die oppositionellen und revolutionären Elemente hervor. Es fällt schwer, ein gemeinsames Kennzeichen namhaft zu machen, das allen Intellektuellen eigen gewesen wäre. Auf die russische Intelligenz läßt sich wohl der Ausspruch Dostojewskis: „unheimlich, wie geistig unabhängig und frei der russische Mensch ist", anwenden. Frei von jeder Belastung durch Tradition, schrankenlos frei und ungebunden in weltanschaulicher Hinsicht, unbelastet durch materielle Zielstrebigkeit, bis zur Verachtung jeder Art von Wohlstand, materiellem Wohlleben und Ichbezogenheit. Ein sogenannter „Schkürnik" (schküra heißt Fell),,, d. h. ein Mensch, der in einer Gemeinschaft seine eigenen Interessen, verfolgt, galt in Kreisen der Intelligenz als ein nichtswürdiges Subjekt. Bezeichnend für russisches Wesen ist die Kompromißlosigkeit in weltanschaulichen Fragen, die Abneigung gegen jede Art von Konformismus. Das einmal als richtig, als das „Heil" Erkannte muß nach OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.2.41 | Generated on 2023-04-04 11:23:33
Struktur der russischen Gesellschaft zu Anfang des 20. Jahrhunderts 59 russischer sittlicher Überzeugung vollständig in die Wirklichkeit, in die Tat umgesetzt werden. Zwischen Wahrheit und Wirklichkeit darf keine Diskrepanz bestehen. Toleranz einem anders gearteten Standpunkt gegenüber ist nicht russische Art. Auch gibt es in weltanschaulichen Fragen kein „einerseits und andererseits64, keine Standpunkte, sondern nur einen, den einzig richtigen Standpunkt. Einige Beispiele sollen diese, dem Westeuropäer schwer verständliche russische Eigenart, verdeutlichen. Von Lenin stammt der Ausspruch „mit Gegnern diskutiert man nicht, man vernichtet sie", und er hat demgemäß unbeirrbar gehandelt. Die Vernichtung politischer Gegner, die Massenhinrichtungen der „Tscheka66 (Außerordentliche Kommission zur Bekämpfung der Gegenrevolution und Spekulation), die Ablehnung aller Gnadengesuche, die im zarischen Rußland häufig Erfolg hatten, das alles ist nur verständlich, wenn man davon ausgeht, daß alle Feinde der kommunistischen „Wahrheit66 vernichtet werden mußten, eine Überzeugung, die selbstverständlich einen religiösen Fanatismus, wie er sich seiner Zeit u. a. in der Inquisition manifestiert hat, erkennen läßt. Die grauenhafte Brutalität, mit der die Kommunisten Hunderttausende, ja Millionen ihrer Gegner während der Revolution umgebracht haben, der systematische Terror, setzt bei den leitenden Köpfen, den kommunistischen Intellektuellen, einen Glauben an die Heiligkeit ihrer Sache voraus, die ein skeptischer Westeuropäer des 19. und 20. Jahrhunderts gar nicht mehr aufzubringen imstande ist. Viele Intellektuelle waren gekennzeichnet durch diesen hohen Grad von Besessenheit von einer bestimmten Idee, die ihnen als absolute Wahrheit galt. Wie weit diese Kompromißlosigkeit in sittlichen Fragen gehen kann, zeigt u. a. L. Tolstois Ansicht, derzufolge die Sexualität und die aus ihr seiner Meinung nach unvermeidlich resultierende Eifersucht in der Ehe unbedingt Unheil stifte — eine These, die er in der „Kreutzer-Sonate66 zu beweisen sucht und in einem ergänzenden Kommentar zu dieser Novelle noch begründet. Der Einwand, daß lauter Josephsehen zum Aussterben der Menschheit führen würden, ficht ihn nicht im geringsten an. Denn ist einmal ein bestimmtes sittliches Verhalten als „wahr66 erkannt, so braucht der Mensch sich über dessen Konsequenzen keine Gedanken zu machen. Ist die Lehre „richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet66 ein sittliches Postulat, so ist alles Gerichtswesen als ein Übel, als „Böses66 abzuschaffen. In seinem letzten Roman „Die Auferstehung66 schildert Tolstoi, wie der Fürst Nechliüdow seinen gesamten Grundbesitz den Bauern unentgeltlich überläßt und die zur Deportation nach Sibirien wegen Raubmordes verurteilte, von ihm seiner Zeit verführte Katja zu ehelichen bereit ist, um sie begleiten zu können und seine Schuld zu sühnen. Dieser Umbruch in der Weltanschauung und Lebensweise des Nechliüdow OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.2.41 | Generated on 2023-04-04 11:23:33
60 Roderich von Ungern-Sternberg [188 ist von der ausländischen Kritik, u. a. von Romain Roland, als eine sehr gewagte dichterische Erfindung, der keine Realität entspräche, bewertet worden. Vom Standpunkt westeuropäischer Mentalität wohl verständlich, nicht so in der russischen Daseinssphäre. Ganz abgesehen davon, daß die Bereitschaft, seine Schuld in der gekennzeichneten Weise zu sühnen, einem tatsächlich stattgehabten Vorgang entspricht, und keine dichterische Erfindung war18, ist die Bereitschaft, eine moralische Überzeugung in die Wirklichkeit kompromißlos umzusetzen, ein typisch russischer Wesenszug. So begeht der Student Raskolnikow in Dostojewskjs Roman gleichen Namens einen Mord, weil er sich zu der Überzeugung durchgerungen hat und von ihr monomanisch besessen ist, daß er ein Recht habe, die alte Wucherin umzubringen, sich ihre Schätze anzueignen, um auf diese Weise sich selbst zu beweisen, daß er „keine zitternde Kreatur", sondern ein Mensch, der zur Macht berufen ist, darstellt. Er will keine „Laus sein" und außerdem seiner Mutter und Schwester materiell nicht zur Last fallen. Leo Tolstoi selbst hat, nachdem er sich zu einer Art urchristlicher, kommunistisch-anarchistischer Weltanschauung durchgerungen hat, in seiner ganzen Lebensgestaltung die Konsequenzen dieser Läuterung radikal, ungeachtet aller Leiden, die ihm aus diesem Anlaß von seiner Frau und seinen Söhnen zuteil wurden, durchgeführt: seinen Grundbesitz abgestoßen, auf Autorrechte verzichtet, seine Bedürfnisse auf ein Mindestmaß eingeschränkt, selbst gepflügt, gehandwerkt, das Leben eines Bauern geführt, nicht als Salonkommunist, dem man auch in Westeuropa begegnet, sondern aus sittlicher Überzeugung, entsprechend seiner Lehre. Schließlich noch ein Beispiel, das den religiösen Fanatismus der russischen Revolutionäre besonders deutlich erkennen läßt. Einer der Hauptverschwörer gegen das Leben Alexanders II. war A. J. S c h e 1 - j ä b o w. Kurz vor der Ermordung des Zaren (1. März 1881) wurde er verhaftet, verlangte aber, vor Gericht gehört zu werden und stellte sich als den Hauptschuldigen hin. Befragt, ob er Christ sei, erklärte Scheljabow u. a.: „Das Wesen des Christentums erkenne ich an. Dieses eigentliche Wesen des Christentums ist in den Motiven meines sittlichen Lebens von großer Bedeutung. Ich glaube an die Wahrheit und Gerechtigkeit dieser Lehre und bekenne mich feierlich zu dem Grundsatz, daß der Glaube ohne Taten tot und jeder Christ verpflichtet ist, um die Wahrheit und um das Recht der Schwachen und Unterdrückten zu kämpfen und, wenn es sein muß, für sie zu leiden. Darin 18 Siehe A. F. Koni, „Meine Erinnerungen an L. Tolstoi" in „Baltische Monatsschrift" 1911, Bd. 72. Russisch ungekürzt in A. F. K o n i „Na schi-tejskom puti", Bd. II. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.2.41 | Generated on 2023-04-04 11:23:33
Struktur der russischen Gesellschaft zu Anfang des 20. Jahrhunderts 61 besteht mein Glaube." Vor seiner Hinrichtung küßte Scheljabow das Kruzifix19. Es ließen sich aus der russischen Revolutionsgeschichte und der Prosadichtung noch viele Beispiele dieser Art anführen. Kompromißlosigkeit, Leidenswilligkeit, Maßlosigkeit, Wille zur Selbstläuterung durch Leiden, von dieser Geisteshaltung und von diesen Fähigkeiten muß man ausgehen, will man die russische Revolution und überhaupt russisches Wesen begreifen. Kaum eine zweite Umgangssprache weist mehr Worte auf, die mit übersinnlichen Vorstellungen und sittlichen Ideen zusammenhängen wie: Gott, Christus, Glaube, Sünde, Kreuz, Reue, Opfer, Wahrheit, Vergib (als Abschiedsgruß) usw. Der typische Russe war vom Christentum viel stärker beeinflußt als der Westeuropäer. Er besaß eine religiös bewegte, eine anima naturaliter christiana, eine Erscheinung, die von der russischen Prosadichtung einhellig bezeugt wird und die geistesgeschichtliche Forschung bestätigt. Der russische Mensch neigt dazu, kraft seiner Glaubenswilligkeit jede weltanschauliche Lehre, ganz gleich welchen Inhalts, von der er ergriffen wird, zu einem Glaubensbekenntnis zu steigern, zu sublimieren und ein Eiferer, ein religiöser Fanatiker zu werden, der, wie Tolstoi sagt, „nur seine eigene Idee liebt, nicht den Menschen, und der leicht zu einem Mörder aus Pedanterie wird46. Dieser Art sind die vom westeuropäischen Kritizismus unbeschwerten russischen revolutionären Typen, die bereits in den 60er Jahren auftraten, Gestalten wie Tkatschow, Netschäjew und Bakünin, als deren geistige Erben Lenin, Trotzky, Stalin, die Bolschewiki insgesamt, diese Tatmenschen von titanischer Skrupellosigkeit, zu betrachten sind. Wenn sich in Rußland in den Jahren 1917/20 eine politische und soziale Umwälzung von nie dagewesener Tiefenund Fernwirkung vollzogen hat, so liegt die Erklärung dieses Phänomens letzten Endes im Glauben an die Heiligkeit der Sache, mit dem vor allem die führenden revolutionären Intellektuellen, das von ihnen als „wahr" Erkannte zu verwirklichen entschlossen waren. Ohne diese von der Intelligenz getragene, in ihr verkörperte schrankenlose Opferbereitschaft für die Idee, ihre Fähigkeit, sie den Arbeiterund Bauernmassen zu suggerieren, und die Empfänglichkeit der letzteren für diese Geisteshaltung, hätte es nicht zu der weltgeschichtlich so bedeutsamen Um-» wälzung kommen können. Die enorme Bedeutung der russischen revolutionären Intelligenz liegt in der Führerrolle, die sie in der Revolution gespielt hat. Stalin hat diese Rolle hoch und richtig eingeschätzt: „Das Proletariat wäre nicht imstande gewesen, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen, dazu bedurfte es der Intelligenz." 19 Nach G. Wetter, „Der dialektische Materialismus", S. 70/71. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.2.41 | Generated on 2023-04-04 11:23:33
62 Roderich von Ungern-Sternberg [190 Noch viel entschiedener äußerte sich über die Bedeutung der Intellektuellen Lenin in seiner 1902 veröffentlichten Abhandlung „Was tun?4420. „Die Geschichte aller Länder zeugt davon, daß die Klasse der Arbeiter durch eigene Kraft es allerhöchstens zu einem Gewerkschaftsbewußtsein bringen kann. Das heißt zu der Erkenntnis von der Notwendigkeit, den Arbeitgeber zu bekämpfen oder von der Regierung die eine oder die andere gesetzliche Verfügung zugunsten der Arbeiter zu erzwingen. Die sozialistische Lehre hingegen ist das Erzeugnis jener philosophischen, historischen und ökonomischen Theorien, die von Vertretern der besitzenden Klassen, den Intellektuellen, entwickelt worden sind —. Nur revolutionäre Intellektuelle, d. h. Berufsrevolutionäre könnten die Arbeiter von dem Einfluß der Bourgeoisie befreien und sie zum Sozialismus bekehren.44 Es wäre indessen verfehlt anzunehmen, die ganze Intelligenz sei dem ancien régime und ihren ideologischen Grundlagen feindlich gesinnt gewesen. Diese Meinung wird vor allem durch Dostojewski widerlegt, um nur dies eine Beispiel anzuführen. Von ihm stammt der Ausspruch: „Für die Menschheit hat es niemals etwas Unerträgliches gegeben als die Freiheit, und der Mensch kennt keine größere Sorge als einen zu finden, dem er möglichst schnell dieses unselige Geschenk übergeben könne, damit er von der Qual persönlicher Entscheidung erlöst sei21.44 Dieser große Tiefenpsychologe war seit 1876, seit er sein „Tagebuch eines Schriftstellers44 herausgab, ein sehr einflußreicher Wortführer des Panslavismus, dem er eine große allmenschliche Sendung zuschrieb: „An der Spitze des vereinigten Slaventums würde Rußland der ganzen europäischen Menschheit und ihrer Zivilisation ein neues gesundes und bisher in der Welt noch nicht gehörtes Wort sagen.44 Dostojewski spricht in seinem Tagebuch (Polit. Schriften deutsch 1920) u. a. davon, daß die Russen allein „Träger der Christenidee44 seien und sich berufen fühlen müßten, die „Bruderschaft der Völker44 zu verwirklichen. Als Nationalist erweist sich Dostojewski an vielen Stellen seiner Schriften, wenn er über Polen, Deutsche oder Juden spricht, die er stets mit einer gewissen Abneigung, ja mit großer Geringschätzung behandelt. Dostojewski war Parteigänger des zarischen Absolutismus, obwohl dieser Absolutismus ihn, wegen seiner persönlichen Beteiligung an einem revolutionären Zirkel seinerzeit zum Tode verurteilt, dann auf sadistische Weise „begnadigt44 und zu vier Jahren Zuchthaus in Sibirien verurteilt hat. Diese bestialische Behandlung hat aber Dostojewskis politisches Credo in keiner Weise beeinflußt, denn die Wahrheit ist, nach russischer Auffassung, etwas von persön20 Ausgewählte Werke Band I, S. 199 ff. 21 Aus „Die Brüder Karamosow" (Absdin. der Großinquisitor). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.2.41 | Generated on 2023-04-04 11:23:33
Struktur der russischen Gesellschaft zu Anfang des 20. Jahrhunderts 63 lichem Schicksal völlig Unabhängiges. Eine ähnliche positive Stellung gegenüber dem Zarismus haben fast alle Slawophilen wie Chomjakow, Kirejewski, K. und I. Aksäkow, J. Samärin u. a. eingenommen, obwohl sie sich die Unabhängigkeit der Kritik gegenüber der zarischen Regierung stets vorbehielten. Schließlich sei noch als ein Erklärungsgrund des Radikalismus, mit dem der typische Russe und der Intellektuelle insbesondere, weltanschauliche, politische Ideen zu vertreten stets geneigt ist, darauf hingewiesen, daß dieser ausgesprochen jugendliche Wesenszug zum Teil wohl auf den jugendlichen Altersaufbau des russischen Volkes zurückzuführen ist. Infolge der hohen Geburtenhäufigkeit und der hohen Sterblichkeit (relativen Kurzlebigkeit) waren und sind auch heute noch die jungen Altersjahrgänge anteilsmäßig in Rußland sehr viel stärker zahlenmäßig besetzt als in Westeuropa. Es kann aber nicht zweifelhaft sein, daß in einer menschlichen Gemeinschaft, in der anteilsmäßig die jugendlichen Jahrgänge überwiegen, leidenschaftlicher Enthusiasmus, Tatendrang und Opferund Einsatzbereitschaft für Ideale und neue Bestrebungen, daß alle Eigenschaften des jugendlichen Menschen stärker zur Geltung kommen als in einer Gemeinschaft mit „vergreisendem" Altersaufbau, d. h. einem solchen, bei dem die Quote der über 60jährigen groß ist, der Menschen, die zur Resignation und Bedenklichkeit neigen und bei denen das Ruhebedürfnis sich geltend macht. Dieser psychophysisch bedingte Zustand, der sich unabhängig vom völkischen Temperament durchsetzt, bewirkt, daß Völker mit jugendlichem Altersaufbau mehr Sturm und Drang in sich tragen und offenbaren, als sozialbiologisch alte Völker. Die Russen gehören jedenfalls zu den sozialbiologisch jugendlichen Völkern der eurasischen Lebenssphäre. 7. Der Adel Die politisch und sozial herrschende Klasse bildete der erbliche Adel, die dworiänje (wörtlich die Höflinge). Er bestand aus drei ihrer Herkunft nach verschiedenen Teilen: dem Landadel, d. h. denjenigen Geschlechtern, die im Besitz von Gütern waren, dem Dienstadel, der sein Adelsprivileg der Erlangung eines bestimmten Ranges in der Beamtenoder Militärhierarchie verdankte oder der Verleihung hoher Orden und für den die ländliche Abstammung und Großgrundbesitz nicht charakteristisch waren. Außerdem erfolgten Nobilitierungen, als Belohnung für irgendwelche Verdienste. Der Zahl nach überwog der Dienstadel weitaus. Abgesehen von dem Adel russischer Provenienz stellte der ukrainische, der polnische, der deutsch-baltische, der kaukasische und OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.2.41 | Generated on 2023-04-04 11:23:33
64 Roderich von Ungern-Sternberg [192 der tatarische Adel eine beträchtliche Zahl von Vertretern des gesamten russländischen Adels. Der Adel galt als erster Stand, als Stütze^ des Thrones. Er hielt fast alle hohen Beamtenposten besetzt, spielte eine bedeutende Rolle in der örtlichen Selbstverwaltung, sofern eine solche in 43 von 50 Gouvernements des europäischen Rußlands (ohne Pinnland und Polen) bestand. Ferner übte der Adel durch die 1889 eingeführte Institution der Landhauptleute (sémskije natschâlniki), die dem ortsangesessenen Adel entnommen wurden, ein Aufsichtsund ein Strafrecht über die bäuerlichen Selbstverwaltungsorgane aus. Der Vorsitzende der Adelskorporation war in jedem Gouvernement und in jedem Kreis eine sehr einflußreiche Persönlichkeit, mit der sich die Regierungsvertreter einschließlich der Gouverneure gut stellen mußten, denn der Adel besaß meist sehr gute Verbindungen in Petersburg. Nur ausnahmsweise für Aufgaben, die eine bestimmte Spezialbildung oder Begabung erforderten, wie z. B. die Verwaltung der Finanzen oder des Verkehrswesens, wurden Personen aus anderen Ständen zu Ministern ernannt bzw. aus der Praxis unmittelbar berufen. Der Adel genoß auch noch um die letzte Jahrhundertwende einige rechtliche Privilegien. So konnte er seinen Grundbesitz bei der Adelsagrarbank hypothekarisch zu besonders günstigen Bedingungen beleihen; ein Vorzug, von dem er auch ausgiebig Gebrauch zu machen pflegte. Ferner war ihm gestattet, seine Söhne und Töchter in Instituten unterzubringen, in denen die ersteren sozusagen auf der Schnellbleiche, schneller, aber auch dürftiger als in den höheren Schulen und Universitäten, für die Beamtenkarriere herangebildet wurden (Kaiserliches Alexander-Lyzeum, Kaiserliche Rechtsschule in Petersburg). Für die Töchter aus erblichem Adel gab es in Petersburg drei exklusive Bildungsmöglichkeiten in Internaten. Das bekannteste Institut dieser Art war das Smolna-Institut. Unter den Absolventen der beiden genannten Institute für Adelssöhne bestand ein korporativer, traditioneller Zusammenschluß, der sehr geeignet war, die Beamtenkarriere und die gesellschaftlichen Beziehungen zu fördern. Eine gleiche privilegierte Stellung auf militärischer Ebene besaßen die Zöglinge des Pagenkorps. Aus diesen Erziehungsanstalten sind eine Reihe von bedeutenden Vertretern und prominenten Geistern des ancien régime hervorgegangen: A. S. Puschkin (Alexander-Lyzeum), K. Pobedonöszew und der größte russische Komponist Peter Tschaikowski (beide Rechtsschüler). Pobedonôszew (gest. 1907) war Lehrer zweier Zaren (Alexander III. und Nikolai II.), Vertreter (Oberprokureur) des Zaren im Heiligen Synod, während der Jahre 1881—1905 die weitaus einflußreichste Persönlichkeit im Zarenreich. Er war in der genannten OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.2.41 | Generated on 2023-04-04 11:23:33
