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Gleichheit und Ungleichheit im zwischenmenschlichen Leben

Wiese, Leopold von

Abstract

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Wiese, Leopold von Article Gleichheit und Ungleichheit im zwischenmenschlichen Leben Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Wiese, Leopold von (1967) : Gleichheit und Ungleichheit im zwischenmenschlichen Leben, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 87, Iss. 6, pp. 663-689, https://doi.org/10.3790/schm.87.6.663 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291150 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Raum und Zeit In der Schrift ..Wandel und Beständigkeit im sozialen Leben" habe ich versucht, den Einfluß des Verlaufs der Zeit auf das Wesen des Menschen darzulegen1. Im folgenden versuche ich, die Gedanken von der Zeit zum Räume weiterzuführen. Dabei ist das Wort Raum nicht als Merkmal der wahrnehmbaren Materie, sondern als ein Vorstellungskreis im Innenleben der Menschen zu verstehen. Ich frage: Welchen Einfluß hat das Nebeneinander der Dinge und Geschehnisse, besonders das Nebeneinander der Menschen auf unser Fühlen, Denken und Handeln? Wie weit kommen dabei die natürliche Gleichheit und Verschiedenheit, aber nicht minder die soziale Unterschiedlichkeit und Übereinstimmung zur Geltung? Hierbei verquicken sich wieder Raum und Zeit; denn die Reaktion auf das Nebeneinander verändert sich nach der wechselnden Artung der Menschen. Über diesen Fragenkomplex ist seit langem, schon von Aristoteles, aber besonders seit Rousseau viel gesagt worden2. In der Verbindung mit dem Begriffe der Freiheit gibt es darüber eine große Literatur. Besonders aus dieser Verbindung von Gleichheit und Freiheit (positiv oder negativ betrachtet) erklärt sich die häufige Verknüpfung der Gleichheitsproblematik mit politischen Betrachtungsweisen, so daß 1 Vgl. Leopold von Wiese: Wandel und Beständigkeit im sozialen Leben. Berlin 1964. 2 Von Jean-Jacques Rousseau ist besonders sein zweiter Discours über den Ursprung und die Grundlegung der Ungleichheit unter den Menschen (Discours sur origine et les fondements de l'inégalité parmi les hommes) vom Jahre 1755 der Ausgangspunkt mannigfacher Diskussionen über Ungleichheit gewesen, wobei seine weltanschauliche Haltung in der Regel der Ausgangspunkt des Meinungsstreites war. Sie läßt sich in kürzester Form in der Fassung Kurt Wiegands wiedergeben: „Die Gesellschaft wird das Fremde, die Natur das Heim, in dem wir uns vor dem Unsinn und Irrtum der sozialen Ausweglosigkeit geborgen fühlen. Sie (die Natur) ist das Sonnenlicht, dessen Schein kaum in die dunkle Höhle der Gesellschaft dringt." Diese subjektiv-dichterische Auffassung soll nicht wieder ein Thema der obigen Darlegungen sein; sie kehren von ihren realistischsoziologischen Gedankengängen nicht zu Rousseaus Klagegesängen zurück. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.87.6.663 | Generated on 2023-04-04 11:40:36 664 Leopold von Wiese Gleichheit und Ungleichheit geradezu als ein politischer — in gewissem allgemeinen Sinne — als sozialpolitischer Fragenkreis erscheinen. Hier soll versucht werden, ihn aus «dieser engen Verbindung zu lösen und als allgemein zwischenmenschliches, in diesem Sinne soziales Thema aufzufassen. Freilich dehnt sich damit ein unendlich weiter Beobachtungsrahmen vor uns aus. Ich vermag hier nur auf wenige, aber inhaltsreiche Fragen einzugehen. Auch hier gilt, was ich stets, wohl am deutlichsten in „Das Ich und das Kollektiv", hervorgehoben habe3, daß man dem einen Prinzip (hier der Gleichheit) das logisch entgegengesetzte (hier die Ungleichheit) gegenüberstellen muß, will man die Wirklichkeit erfassen. Ich wiederhole aus dem dortigen Vorwort: „Ich bekenne midi zu dem Bestreben, die zwischenmenschliche Welt nicht aus einem ,autaut', sondern aus ,et-et6 zu erklären. Das bedeutet, daß, wenn man eine Tendenz oder Norm in ihrer Artung und Wirksamkeit verfolgt hat, alsbald der entgegengesetzten nachgehen und eine Antwort auf die Frage suchen muß, inwieweit auch sie Geltung besitzt." Man darf über vielen Erscheinungen der Gleichheit nicht die schon in ihr ruhenden Tendenzen der Ungleichheit (und umgekehrt) übersehen. Auch erscheint manchem Beobachter etwas gleich, was andere für ungleich halten. Das macht es auch notwendig, daß ich im folgenden eingehender von dem Verhältnis zwischen Subjektivität und Objektivität spreche, weil ein einigermaßen objektives Ergebnis erst aus der Gegenüberstellung von subjektiven Urteilen gewonnen werden kann. Doch noch einen Blick auf die jüngste Literatur: Hier sei auf die fesselnden Darlegungen von Harry Hoefnagel über Macht als Voraussetzung und Bedrohung der Freiheit hingewiesen4. Auch an anderen Stellen des Buches stimme ich ihm durchaus zu. Um so mehr bedaure ich, daß er meinen Versuch, die zwischenmenschlichen Beziehungen nach dem Grad der sozialen Distanz in Annäherung, Anpassung, Angleichung und Vereinigung zu ordnen, so scharf ablehnt und erklärt, die meisten Soziologen mäßen einer „derartig formalen Klassifikation kaum einen Wert bei". Dazu hätte ich manches zu sagen; hier nur kurz das: Die allgemeinsten Unterscheidungen haben nicht die Aufgabe, tiefer dringend das Wesen der Sache zu erklären; sie sollen aber nach Möglichkeit Grenzen zwischen den einzelnen Denkbereichen ziehen. Das unterscheidende Merkmal der Soziologie zur Psychologie, Biologie, Geschichte usw. ist Nähe oder Ferne der aufeinander wirkenden Menschen. Welche anderen Merkmale könnte Hoefnagel setzen? 3 Vgl. Leopold von Wiese: Das Ich und das Kollektiv. Berlin 1967. 4 Harry Hoefnagel: Soziologie des Sozialen. Essen 1966. S. 143 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.87.6.663 | Generated on 2023-04-04 11:40:36 Gleichheit und Ungleichheit im zwischenmenschlichen Leben 665 Ähnlich ist es mir bei P. Virtons Werk „Les Dynamismes Sociaux445 ergangen. Seine Grundthese: „Les Individus n'appartiennent pas à la société comme les cellules appartiennent à un organisme44, die er Mnclver entnommen hat, ist auch die meinige. Aber auch bei ihm findet sich ein ablehnendes Urteil über „deutschen Formalismus44 und die angeblich zu weit gehende Abstraktion von Simmel und von mir. Das ist mir unverständlich. Wie kann er sich, der so viel Wichtiges über soziale Beziehungen sagt, gegen mein „étude des processus de relations44 wenden? Hier liegen vielleicht sprachliche Mißverständnisse vor. Manche Fragen, die ich hier berühre, können Ausgangspunkte zu fesselnden Diskussionen mit Ralf Dahrendorfs „Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen446 abgeben. Ähnliches wäre über das schon etwas ältere Werk von P. E. Fahlbeck „Die Klassen und die Gesellschaft447 zu sagen. Viele Anregungen gewährt auch das Werk von Jakobus Wössner „Mensch und Gesellschaft448, das die Systeme der sozialen Strukturen hervorkehrt. Manche Autoren suchen die verschiedenen Arten der Ungleichheit zu unterscheiden. Aber sie heben dabei einzelne Faktoren (z. B. Eigentum oder Arbeitsteilung oder Herrschaft) hervor. Ich möchte ihnen hierin nicht folgen, da Ungleichheit überall, wo Menschen aufeinander wirken, in den verschiedensten Formen vorkommt. Mir scheint es richtiger, nur die allgemeinsten zwei Unterschiede, die natürliche und die soziale Ungleichheit zugrunde zu legen. Eine gewisse Selbständigkeit des Begriffs der sozialen Ungleichheit gegenüber der natürlichen könnte man in den beiden sich gegenseitig ausschließenden Faktoren der Macht und der Machtlosigkeit sehen. Nichts scheidet im öffentlichen Leben die Gebarung der Men&chen so sehr wie die Macht. Zwischen Ungleichheit und Maß der Macht liegt ein enger Zusammenhang. In den folgenden Kapiteln muß immer wieder auf diesen Tatsachenkreis Bezug genommen werden; am nächstliegenden ist das bei der Behandlung des politischen Bereichs der Fall; Politik ist Machtausübung oder Widerstand gegen sie. Aber bei der psychologischen Versenkung in diese zwischenmenschliche Beziehung machen sich auch hier die Übergänge zum Bereich des Natürlichen geltend. Das Verlangen, Macht gegen andere Menschen zu bekunden oder ihr entgegenzutreten, ist stark von der Veranlagung der Person abhängig. Aber ob sich diese Neigung bekunden kann, richtet 5 P. Virton: Les dynamismes sociaux. Paris 1966. Ralf Dahrendorf: Über den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen. Tübingen 1961. 7 Pontus E. Fahlbeck: Die Klassen und die Gesellschaft. Jena 1922. 8 Jakobus Wössner: Mensch und Gesellschaft. Berlin 3963. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.87.6.663 | Generated on 2023-04-04 11:40:36 666 Leopold von Wiese sich sehr nach den Umständen und der Lebensgestaltung der Betroffenen. Bei der uns beherrschenden allgemein anthropologischen Betrachtung empfiehlt es sich, zunächst auf die in den Grundelementen bestehende Gleichheit der Menschen hinzuweisen. Daß die Körper in den Hauptzügen stets gleich sind, enthält einen deutlichen Hinweis auf die Norm, diese natürliche Übereinstimmung audi als Ziel der sozialen Vereinigung aller Menschen ohne Rassen-, Völkerund Staatstrennung anzustreben. Alle gesunden Menschen haben zwei Augen, zwei Ohren, einen Mund und eine Nase, zwei Beine und 4rme. Das sind beherrschende Hinweise auf die in den Grundelementen bestehende Gleichheit der Gattung und damit auch auf ein letztes Ziel aller Kultur. Aber wie es notwendig ist, diese für uns alle feststehende Gleichheit nicht außer acht zu lassen, gilt dieses auch für die natürlichen, von der Geburt an bestehenden Ungleichheiten. Sie lassen sich im Begriff der Anlagen zusammenfassen. Jeder Mensch bringt ererbte Wesenselemente mit auf die Welt, die sich schon beim Säugling individuell bemerkbar machen. Zwillinge können schon in der Wiege verschiedene Verhaltensweisen bekunden. Diese Anlagen werden von der Umgebung, von den Erziehern und von Kameraden, wenn diese es für fruchtbar halten, gefördert oder gehemmt. Solche Beeinflussungen können bisweilen umgestaltend wirken, wenn sie stark genug sind; sie können die Neigungen des Idi, in den Hintergrund drängen, so daß das Ich scheinbar vernichtet ist; sie können sich beim Wechsel der äußeren Umstände später wieder Geltung verschaffen, aber audi so gewandelt erscheinen, daß sie wie überwunden gelten. Je älter der Mensch wird, desto schwerer ist es zu beurteilen, wie weit sieh gegen die Übermacht der „Welt" das ursprüngliche Fühlen und Handeln behauptet. Stets ist beim erwachsenen Menschen nicht leicht zu entscheiden, ob die mächtige Kraft der Anpassung oder die angeborene Artung von stärkerem Einfluß gewesen ist. Ich möchte damit nicht die sozialen Faktoren unterschätzen und die Natur einseitig hervorheben, sondern nur beiden Einflußbereichen in einem von Fall zu Fall wechselnden Grade ihre Bedeutung zuschreiben. II. Natürliche und soziale Elemente 1. Freiheit und Gleichheit Die Urteile über Anfänge von Ungleichheit sind davon abhängig, was man unter Ungleichheit versteht. Manche Soziologen neigen dazu, ihren Beginn in die Entstehung der Schichtenbildung zu legen und OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.87.6.663 | Generated on 2023-04-04 11:40:36 Gleichheit und Ungleichheit im zwischenmenschlichen Leben 667 ihre Analyse mit den Anfängen des organisierten politischen Lebens zu verbinden. Häufig ist ein Schiwanken in der Fixierung dieser Ursprünge. Auch müssen diese Versuche erfolglos bleiben, sofern man in historischen Gliederungen abgrenzbare Stufen unterscheiden will, dabei bis in vorgeschichtliche Zeiten zurückgeht oder umgekehrt die Beginne mit der Entfaltung der Wirtschaft verbindet. Die Anfänge von Ungleichheit unter den Menschen sind uns nur im Mythos der dichterischen Verklärung (so im ersten Buch Mose das Geschlechtspaar Adam und Eva) überliefert. Nicht sagenhaft ist die Annahme, daß sich in Urzeiten aus der Tierwelt an manchen Orten Lebewesen entwickelt haben, die wir Menschen nennen und die je nach den örtlichen Verschiedenheiten, aber auch am selben Orte in kleinen Gruppen Ungleichheiten besaßen, die natürlichen Ursprungs waren, aber alsbald Einwirkungen aufeinander ausübten, die wir bereits als soziale (zwischenmenschliche) betrachten. Sie bedurften erst einer langen Entwicklung, ehe sie ein deutlich abhebbares Genus Homo Sapiens gestalteten. Diese vorgeschichtlichen, sieh sehr allmählich vervollkommnenden Leistungen sind Gegenstände der Biologie und ihres Grenzgebietes zur Soziologie. Die „Anfänge" der Ungleichheit sind nicht an bestimmt meßbare Geschehnisse geknüpft. Je nach der Betrachtungsweise kann man sie der Biologie oder bereits der Soziologie zuweisen. Das Zueinander und Gegeneinander, das den Soziologen fesselt, sind sehr frühe, historisch nur in gelegentlichen Funden vermutungsweise nachprüfbare Tatsachen. Viel mehr als diese Hypothesen der Vorgeschichte belehrt uns die Psychologie der Menschennatur, daß Verbindungen zum gegenseitigen Schutz und zu Bekämpfungen der Gruppen und Einzelmenschen von Anfang an Hauptmerkmale der Menschen waren, zumal sie dabei nur die Tiere nachzuahmen brauchten. Raub und Verteidigung sind die wesentlichsten Ausgangspunkte der sozialen Artung der Menschen. Doch sollen mit der Betonung der natürlichen Beschaffenheit der Menschen nicht die sozialen Faktoren unterschätzt, sondern beiden Einflußkreisen ein beständig wechselnder Stärkegrad zuge sehriebe η werden. 2. Subjektivität und Objektivität Doch wir wollen uns zunächst zu den beiden Begriffen der Subjektivität und Objektivität wenden. Die beiden Wörter lassen sich durch deutsche Bezeichnungen nicht ersetzen. So besteht zwischen Sachlichkeit und Objektivität ein Gradunterschied. Man kann das Bestreben haben, völlig sachlich zu sein, also frei von persönlicher Voreingenommenheit; aber ob es gelingt, zu Objektivität, d. h. zu wirklichkeitsnaher Auffassung durchzudringen, ist fraglich. Gewohnheit OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.87.6.663 | Generated on 2023-04-04 11:40:36 668 Leopold von Wiese und Nachahmung machen sich geltend, auch wenn der Urteilende nichts selbst davon verspürt. Sachlichkeit ist ein ethisches, Objektivität ein logisches Prinzip. Beide Begriffe sind nur relativ, nicht absolut aufzufassen. Hierbei kommen, wie gesagt, wieder die Unterschiede der persönlichen Artung in Betracht: Es gibt stark ichbezogene Naturen, die sich als die Hauptverursacher wichtiger Ereignisse betrachten, während Menschen, die gewohnt sind, sich als eingeordnete Werkzeuge der Gesellschaft zu empfinden, dazu neigen, die Verantwortung im Guten wie im Bösen den sozialen Gebilden zuzuschreiben. Das Bild, das sich beide von den Geschehnissen machen, ist verzerrt. Sie versuchen, auch die Aussagen anderer Beteiligter zu korrigieren; sie können aber dabei in Übertreibungen in entgegengesetzter Richtung geraten. Was schließlich in den Urteilen Dritter als reale Tatsache weiterwirkt, ist nur mit Einschränkung als „wahr" zu betrachten. Es kann bei der Wiedergabe von inneren od-er äußeren Vorgängen, die nicht auf Wahrnehmung beruhen, keine restlose Objektivität geben, weil ihre Beobachtungen vor ihren Bekundungen ein Stadium innerer, oft nur oberflächlicher Verarbeitung durchlaufen, bei dem sie umgeprägt werden. Je nach dem Interesse, das der Interpret an der Sache hat, kann diese Verarbeitung den Tatsachen nahe sein oder ihnen fernrücken. Das richtet sich nach seinen eigenen Erfahrungen. Die beiden Begriffe, zumal die Subjektivität, als Ausgangspunkte der folgenden Betrachtung zu wählen, empfiehlt sich, weil die stark von der Artung der Person bestimmte Stellungnahme zu den Unterschieden der Menschen, mit denen der Urteilende es zu tun hat, seine Stellungnahme im zwischenmenschlichen Verkehr stark beeinflußt. Ob er Differenzen feststellt, und wie er sie einschätzt, ist nicht bloß von einer genauen Wiedergabe des Beobachtbaren, sondern in höherem Maße von seiner persönlichen Eigenart abhängig. Dabei ist seine Auffassung von dem, was ihm gleich oder ungleich erscheint, für seine Selbsteinschätzung und zu seiner Beurteilung der dritten Personen von besonderer Wichtigkeit. Das Gleiche, das er zu erkennen glaubt, zieht ihn an; das Ungleiche stößt ihn ab. Ob er dabei zu einem gewissen Grad von Objektivität gelangen kann, ist allgemein nicht zu entscheiden; es setzt in der Regel eine gute Beurteilungsgabe, aber auch eine Entferntheit von den im Spiele stehenden Interessen voraus, die selten ist. Damit soll aber nicht geleugnet werden, daß es Wiedergaben von Realitäten gibt, bei denen die eigene Artung nach Kräften zurückgedrängt wird. Es ist nicht sov daß wir überall in eine Welt der Lüge verstrickt sind. Aber die Seele ist kein Apparat des Photographierens, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.87.6.663 | Generated on 2023-04-04 11:40:36 Gleichheit und Ungleichheit im zwischenmenschlichen Leben 669 sondern ist reich an Vexierspiegeln. Dabei bestehen in der Art und Gradstärke der Wiedergabe außerordentliche Verschiedenheiten von Person zu Person. Sehr richtig bemerkt Thomas Mann in den Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull: „Dieselben Verhältnisse sind nicht für jedermann dieselben, und das allgemein Gegebene, so möchte ich behaupten, unterliegt der Modifizierung durch das Persönliche." Eine gewisse Kontrolle über den Grad subjektiver Elemente in den Aussagen sucht man dadurch zu erreichen, daß man sich Rechenschaft gibt über die sittliche und geistige Qualität des sich Bekundenden oder daß man die Zahl der Zustimmungen prüft und beim Befunde einer großen Anzahl der Beipflichtenden auf einen starken Gehalt an Objektivität schließt. Indessen ist auch dabei Vorsicht angebracht, da begabte Menschen an einem Vorrat an eigenen Urteilen reich sind, die jedoch aus anderen Erfahrungen stammen. Und was den Einfluß der großen Zahl betrifft, so ist diese Menge oft ein Schutzmittel gegen Anfeindung; die Einsicht und Urteilskraft ist ein Vorzug der Wenigen; gerade die blinde Hingabe an gedankenlose Velleitäten kennzeichnet die Masse, die sich bei der übergroßen Zahl der Zustimmenden einer subjektiven Haltung hingibt. Im Laufe der Jahrhunderte hat uns die Literaturgeschichte über allgemeine Anthropologie recht verschiedene Theorien über diese Ungleichheit bes-chert. Fast jede ihrer Thesen ist insoweit richtig, als sie eine der zahllosen Ungleichheiten gut beobachtet und darstellt, aber unrichtig, als sie andere Kräfte, die Ungleichheit oder gar Gleichheit bewirken, unberücksichtigt läßt. In der Regel werden in historischen Darstellungen Eigentum und Macht als beherrschende Faktoren hervorgehoben, und in der Tat kommen sie als hauptsächliche Ursachen von sozialer Ungleichheit in Betracht. Aber auch bei dieser Auffassung ist ein Beharren bei den beiden Kräften nicht ausreichend. In der Regel wird man freilich sich mit der Hervorhebung von Hauptfaktoren begnügen, bei denen aber hervortreten muß, daß sie in einer Kette von Causae stecken. Es kann sich bei Vertiefung in die Kausalverhältnisse nicht nur um eine Ursache der Ungleichheit von Menschen handeln; stets wird eine Mehrzahl von Voraussetzungen bestehen; aber es gibt Hauptfaktoren und Nebenfaktoren. 3. Das Ich und das Kollektiv Geht man von der Menschheit als Ganzem oder gerade umgekehrt von der einzelnen Person aus, so wird man als die hauptsächlichsten Quellen der Ungleichheit die natürlichen Verschiedenheiten der anOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.87.6.663 | Generated on 2023-04-04 11:40:36 670 Leopold von Wiese geborenen Begabung sehen. Das gilt von den körperlichen Eigenschaften (besonders von den physischen Nervenund Muskelkräften), nicht minder aber von geistigen und seelischen Begabungen. Aber nun sehen wir die sozialen Bemühungen der Strukturgestaltung beständig am Werke, diese Naturgaben oder Naturmängel ihren Zwecken dienstbar zu machen, sie zu wandeln, zu erziehen oder abzuschwächen, wobei sich die verschiedensten Mischungsgrade der Wirksamkeit ergeben; bald überwiegt die Natur, bald das Soziale. Das Ergebnis ist unübersehbar. Teilweise gelingt es der gesellschaftlichen Organisation, die Wertvolleren und Leistungsfähigeren hervorzuheben, also die Tendenz der Natur zu bewahren; häufig aber steht ein Widerspruch zwischen dem sozialen Oben und Unten; ja die sozialen Skalenbildungen widersprechen bisweilen den Abstufungen von Leistungsfähigkeit und Eigenschaften. So sehr die natürlichen Beschaffenheiten neben die sozialen Faktoren gesetzt werden müssen, soweit es sich um die Ursachen von Gleichheit und Ungleichheit handelt, so sehr seien unter den Wirkungen die sozialen, also die Stellungen im Kreise der Mitmenschen, hervorgehoben. Die Lebensverhältnisse können sich durch Willensentschlüsse, aber auch durch übermächtige äußere Umstände verändern, während die von Natur gegebenen Faktoren &ehr viel schwerer oder gar nicht umgestaltbar sind. Gleichheit und Ungleichheit ist vorwiegend als Grad der Verfügungsgewalt zu verstehen, sei es über Dinge, sei es über die Betätigung anderer Menschen. Gibt man dem Begriff einen weiten Spielraum, so kann man die ganze Problematik im Worte Macht zusammenfassen. Die Frage ist: Wieviel Macht steht uns im Vergleich zu anderen Gruppen oder Personen zu? Hierbei drängt sich alsbald die Frage auf: Mit wievielen und wie gearteten Menschen teilt der einzelne seine Lage? Steht er allein? Gehört er zu einem kleinen Elitekreis? Ist er ein Glied in der Menge von Sklaven? Gerade bei der Problematik sozialer Gleichheit ist es von Bedeutung festzustellen, wie weit er sich mit den Verachteten und Ohnmächtigen in gleicher Lage befindet. Damit soll nicht gesagt sein, daß bei einem Streben nach Verbesserung stets die Frage nach der Anzahl der Gleichsituierlen erheblich ist; aber wenn es sich um Verbesserung von unbefriedigenden Positionen handelt, ist der Blick auf die Gleichstrebenden und die Widersacher von Bedeutung. Besonders die Erhebung des Proletariats wird von der Zahl der Gleichgesinnten und Gleichunzuf rieden en stark beeinflußt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.87.6.663 | Generated on 2023-04-04 11:40:36 Gleichheit und Ungleichheit im zwischenmenschlichen Leben 677 ihm weichen und nachgeben können und wollen. Das ist das Hauptfaktum der viele Jahrtausende alten Menschheitsgeschichte. Das Ich hat bestimmte Bestrebungen, die notwendigen Bedürfnissen seines Daseins entsprechen. Manche begnügen sich, wenn sie das erreichen können. Aber die rechten „Räuber" wollen mehr, besonders wenn sie bei anderen Personen oder Gruppen ein ihre eigene Lage überragendes Plus gewahren. Es kommt zu Auseinandersetzungen, oft (besonders im Gruppenleben) zum Kampfe. Der Sieger versucht, seine Überhand zu bewahren. Gelingt es ihm, so hat er die Macht, die er aufrechtzuerhalten sucht. Manchmal kommt es zum Ausgleich, zur friedlichen Verständigung. Gewahren die bisherigen Gegner noch eine dritte feindliche Seite, so schließen jene beiden einen Bund; sie nähern sich untereinander dem Prinzip der Gleichheit. Dieses Bestreben ist die andere Seite der Politik, die nicht minder eine großartige Weltgeschichte aufweist. Jetzt ist nicht mir die kämpferische Energie von Bedeutung, sondern Voraussicht, Klugheit, vielleicht noch mehr Schlauheit bei der Wahrung der eigenen Interessen und im Bestreben, auch auf diesem Felde die Oberhand zu behalten. Immer mehr ist im Laufe der Jahrhunderte die Politik ein Feld der geschickten Wahrnehmung der eigenen Interessen geworden. Doch ist sie damit nicht überall zu einem Bereiche des rücksichtslosen oder törichten Egoismus geworden, da sie im Dienste des Staates Eintreten für das eigene Volk und oft Opferung der eigenen Interessen erfordert. Wie gruppieren sich die Menschen in der Politik, dem Gebiete der Machtverteilung und des Widerstandes gegen sie? Man kennt äußere und innere Politik. Im ersten Falle richtet sich der Blick auf die anderen Nationen; dabei stehen die Tatsachen der Kriege obenan. Von diesem inhaltsreichen Thema, das ich schon sehr oft behandelt habe, soll hiier nichts gesagt werden, sondern von der Haltung der Angehörigen eines Volkes im Innern eines Landes und von Gleichheit und Ungleichheit in diesen Beziehungen, speziell von den Parteien. Sie verbinden und trennen. Ethisch und allgemein theoretisch gesehen, kann man nur als Generalprinzip für alle politischen Kreise eines Volkes das harmonische Gedeihen der Gesamtheit des Volkes aufstellen. In der Harmonie aller seiner Angehörigen sollte man das einheitliehe Ziel des Volkes sehen. Aber die politische Wirklichkeit zeigt ein weit davon entferntes Bild. Es gibt viele politische Parteien und Sektionen. Parteiwesen bedeutet Trennung. Es besteht hier starke Gegenmenschlichkeit, Verdrängungssucht und oft Haß. Diese Instinkte geben sich in Programmen und sonstigen Normen den Scheincharakter vernunftgemäßer, objektiver Bekundungen, die bezeugen sollen, daß der von OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.87.6.663 | Generated on 2023-04-04 11:40:36 678 Leopold von Wiese ihnen geforderte Weg der einzig richtige Weg ist. Vergleicht man danach die Meinungen und Forderungen, so gewahrt man eine Fülle von Gegensätzen. Teilt man die Innenpolitik nach ihren Hauptsystemen, so lassen sich die Konservativen, die Liberalen und die Sozialisten unterscheiden. Sie zerlegen sich weiter in speziellere Gruppen und Sektionen, zwischen denen oft gierade die schärfsten Gegensätze bestehen. Allgemein läßt sich sagen, daß sich die Konservativen (wie schon ihr Name sagt) an die Tradition binden; sie wollen das Wertvolle an der alten Standesund Klassenordnung und ihre Scheidung von oben und unten aufrechterhaltfen. In der Gegenwart, in der eine Tendenz zur Demokratie besteht, eine schwere Position. Die Liberalen kehren die persönliche Freiheit hervor, über deren Geltung und Grenzen manche umstrittenen Auslegungen bestehen, die besonders die Entscheidungskraft des Staates betreffen. Die Kategorien der Sozialisten reichen von konservativen Einflüssen bis zu den radikalen Revolutionären, die nach sozialer Gleichheit streben. Während die mehr rechts stehenden Sozialisten Annäherungen an konservative und liberale Prinzipien aufweisen, wollen die eigentlichen Kommunisten die überkommene Organisation der Abstufungen zerstören. Von diesen Radikalen abgesehen, kann man allen Parteikundgebungen manche Regeln entnehmen, die man anerkennen sollte, und die Verbindungen der drei Hauptsysteme herstellen. Die Erschwerung liegt stets in der Hervorkehrung einzelner Prinzien und der Zurückdrängung anderer Standpunkte. Ich könnte mir denken, daß unter diesen Umständen ein nach Objektivität strebender Reformer eine Konferenz vorschlüge, in der sich Harmonie verlangende Sachverständige zusammenfänden, um nach Prüfung der wesentlichsten Fragen ein Universalprogramm zu schaffen, das die bisherigen Parteiprogramme ersetzen sollte. Aber es läßt sich dazu voraussagen, daß gerade ein solches Werk der Vereinheitlichung in diesem Gremium auf heftigsten Widerstand stoßen würde, sobald dieser Meinungsaustausch manche bisher vertretenen Ansichten von Gemeiniwohl nicht gelten lassen könnte. Das Ergebnis dieses „Friedenskongresses" würde eine Verschärfung der innenpolitischen Kämpfe sein. Nachwirkende Fortschritte der sozialen Einheitlichkeit lassen sich zumeist nur auf zwei Wegen erreichen, die aber mit der geschichtlichen Entwicklung im Zusammenhang stehen müssen: Manchmal drängt sich den Einsichtigen aller Parteien die Notwendigkeit einer Reform auf, wie das bei der Beseitigung des Absolutismus der Monarchie der Fall war. Oder politische Katastrophen lehren die Denkenden, daß alle Kräfte eingesetzt werden müssen, um Wiederholungen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.87.6.663 | Generated on 2023-04-04 11:40:36 Gleichheit und Ungleichheit im zwischenmenschlichen Leben 679 zu vermeiden und eine tiefer dringende Änderung der einzige Ausweg ist. Aber ließen sich nicht solche Schicksalsschläge vermeiden, daß man mit einiger Voraussicht der geschichtlichen Tendenzen dem bitteren Weg der Folgen der innerpolitischen Disharmonie rechtzeitig begegnet? In der jüngsten Gegenwart glauben die Optimisten Anzeichen der Annäherung der politischen Parteien Deutschlands zu gewahren; die vorausgehenden Erfahrungen lehren uns Annäherungen. Man glaube nicht, daß diese Mäßigung Friedhofsruhe bedeute. Das soziale Leben stellt heute so viele Verwicklungen und sachliche Hemmungen (besonders durch die starke Bevölkerungsvermehrung), daß Zusammenarbeit aller politischen Gruppen notwendig ist. In der Politik ist das Prinzip der gegenseitigen Förderung eine gesunde Grundlage. V. Im religiösen Bereich Hier soll aus dem Kreise des zwischenmenschlichen Verhaltens der Bereich hervorgehoben werden, der auf die Hingabe der Menschen au das Übersinnliche zielt. Es betrifft die Bekenntnisgemeinschaften (die Konfessionen). Es handelt sich dabei nicht um den Inhalt ihrer Dokumente, um die Bibel, die Veden, den Islam, sondern um die folgenreiche Tatsache, daß auf keinem anderen Gebiete des sozialen Lebens die Folgen von Gleichheit und Ungleichheit so stark wirken wie in den religiösen Gemeinschaften11. Die Seelen sind von dem Verlangen erfüllt, gerade wegen der höchsten Geltung des Metaphysischen zu Aussagen zu gelangen, in denen sie im Vertrauen auf die Offenbarung diese Geheimnisse zu entschleiern suchen. Fast alle ernst zu nehmenden Religionen gründen sich auf den Glauben, eine Fähigkeit der Seele, die im Gegensatz zum Wissen steht. Seine stärkste Kraft erlangt er im Christentum. Es lehrt, daß die einzige Rechtfertigung des Menschen vor Gott im Glauben bestehe. Dieser wird verstärkt durch seine enge Verbindung mit der Liebe und der Hoffnung. Die von irdischen Zusammenhängen geforderte Beweiskraft wird verdrängt durch von Liebe getragenem Willen, sich dem Glauben hinzugeben. 11 Was ich über das innere Verhältnis von Mensch und Gottheit glaubte aussprechen zu können, habe ich im dritten Kapitel von: Mitmensch und Gegenmensch (a.a.O. S. 12 ff.) zusammenzufassen versucht. Vgl. auch zur allgemeinen Problematik das 6. Sonderheft der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (1962). Dietrich Goldschmidt und Joachim Matthes (Hrsg.): Probleme der Religionssoziologie, mit zahlreichen Beiträgen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.87.6.663 | Generated on 2023-04-04 11:40:36 680 Leopold von Wiese Diese Gefühlsund Denkweise ist die stärkste Verbindung zwischen allen gläubigen Christen. Aber das Verlangen nach Auslegung des übersinnlichen Geheimnisses ist besonders bei den geistigen Führern seit jeher sehr stark. Sie suchen den Glauben durch Erkenntnis zu stärken. Damit wird aber die Spaltung der Überzeugungen in diesen Reihen hervorgerufen. Jetzt zerlegt sich der christliche Glaube nicht nur in die katholische und protestantische Deutung; vielmehr beteiligen sich viele Sekten und andere sich verselbständigende Glaubensgemeinschaften mit ihren Enträtselungsversuchen an der Vermehrung der religiösen Ungleichheit. Aber auch alle anderen Religionsbekenntnisse der Erde haben ihre eigenen Glaubenslehren. Gerade daß man bestrebt ist, die Unbeweisbarkeit ihrer Dogmen mit Argumenten kundzutun, führt zu einer unübersehbaren Fülle von Normen. Im vorigen Abschnitt warf ich bei der Problematik der Politik die Frage auf, ob nicht doch bei vorsichtiger Behandlung eine gewisse Übereinstimmung zwischen den Völkern der Erde herbeigeführt werden könnte; es wäre schwierig genug. Aber im Bereich des Religiösen ist der Weg einer internationalen Verständigung überhaupt nicht gangbar, weil die tiefen Überzeugungen der Religion durch Rechtsparagraphen nicht zu bewältigen sind. Man kann manche Übereinstimmungen, die aber nicht auf politischen Vereinbarungen beruhen, zwischen den Bekenntnissen feststellen, etwa die Lehre von der Dreieinigkeit im Vedanta der Hindus mit dem christlichen Dogma; aber selbst da zeigt sich, wie verschieden sie hier und dort verstanden wird. Im religiösen Bereich kann nur die Toleranz die Basis der ideellen und praktischen Verbindung sein. Eine alle verbindende Weltreligion aufzubauen würde nur, wenn der Versuch überhaupt gelänge, zum Versinken im Materialismus und zu einer Zerstörung des Metaphysischen führen. Über Beweisbares kann man sich auch international einigen, aber nicht über Glaubensüberzeugungen. Es gibt gewisse Fragen, die manchmal dazu führen, daß ein Ergriffener sein Religionsbekenntnis wechselt. So weist der Buddhismus mit dem Christentum verwandte Züge auf; aber sie in einer einheitlichen Konfession zusammenzufassen, wäre ein Irrweg. Trotzdem können Thesen aus der anderen Religion in gegenseitiger Duldung das Innenleben bereichern. Das gilt freilich nur für die individuelle Denkweise des Einzelmenschen, nicht für die Nationen. Ein Papst kann nicht Buddhist und ein Buddhist nicht Papst sein. Bei dieser Geltung der Ungleichheit kommt es darauf an, wieweit man die Grenzen der Gleichheit zieht. Verwandte Gesinnungen sind nicht bereits Fundamente der sozialen Organisation; sie bekunden OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.87.6.663 | Generated on 2023-04-04 11:40:36 Gleichheit und Ungleichheit im zwischenmenschlichen Lehen 681 aber stets, wie weit das Allgemein-Menschliche über allen Trennungen der sozialen Gebilde steht. Der oben ausgesprochenen Forderung, die Toleranz als die gebotene Grundlage der Beziehungen zu anderen Bekenntnissen aufzufassen, scheint die Übung zu widersprechen, das Christentum durch Mission zu verbreiten. Anderen Völkern das Heil der „frohen Botschaft" zu bringen, wird als sittliche Pflicht aufgefaßt. Ist das noch Toleranz? Aber wie im persönlichen Verkehr ein freundlicher Mensch das, was er als heilvoll erkannt hat, auch seinen Freunden zu übermitteln bestrebt ist, so ist es moralische und soziale Pflicht, den zurückgebliebenen Völkern die Lehre von Duldung, Nächstenund Fernstenliebe darzubringen. Das widerspricht einer richtig verstandenen Duldsamkeit nicht. Sie besagt aber, daß nicht durch Gewalt oder Überlistung dieses Ziel anzustreben ist, sondern durch Beispiel und Verständnis für die seelische Beschaffenheit und die sozialen Verhältnisse der zu Beeinflussenden. So wenig zu erwarten ist, daß der in Worte gefaßte Inhalt der Bekenntnisschriften in naher Zukunft zu einer organisierten Weltreligion führen wird, so sehr besteht für alle die Aufgabe, das niederziehende Leid in aller Welt zu vermindern und die in dieser Hinsicht auf Erden bestehenden bitteren Ungleichheiten zu beschränken. VI. Im wirtschaftlichen Bereich Unter der Tätigkeit des Wirtschaftens soll das vom zwecksetzenden Willen geleitete Umgehen mit Sachgütern unter Einschluß des Bodens verstanden werden. Seine Elemente bilden die Sorgen für Nahrung, Kleidung und Wohnung; darauf bauen sich aber auch Handlungen in den Bereichen verwickelterer Zwecksetzungen auf. Erwägungen des Wirtschaftens vermischen sich mit den meisten Betätigungen der Menschen. Damit wird das Wirtschaften zu sozialen Geschehnissen; es beruht auf Einwirkungen von Personen und Gruppen aufeinander. Mit diesen Einwirkungen von außen mischen sich im Bereich der Motive die persönlichen Anlagen. Die beim Wirtschaften zunächst und am stärksten hervorragenden sind, der angeborenen Artung des Menschen entsprechend, die Neigungen zu einer möglichst großen eigenen Verfügungsgewalt über Sachgüter und die Arbeitskraft anderer Personen. Man strebt nach Eigentum und fragt: Wie weit geht meine Verfügungsgewalt über die Güter? Wie weit reicht die Kraft des Eigentums anderer Menschen? Muß ich ihnen dienen, oder dienen sie mir? OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.87.6.663 | Generated on 2023-04-04 11:40:36 682 Leopold von Wiese Mit dem Streben mach Eigentum verknüpft sich der Geltungsund Machttrieb. Beides ist in den Seelen eng miteinander verknüpft. Das Aneignungsverlangen führt die sozial Stärkeren zur Ausnutzung der Schwächeren, abeir auch zur Verbindung mit Gleichoder ähnlich Gestellten, um sich auf der Basis der Gleichheit dfer Interessen zu schützen. Die Ungleichheit von Reich und Arm fördert die Gleichheit in der Haltung innerhalb jeder der beiden Gruppen. Die Schwachen stärken sich durch Zusammenschluß. Haben sie diabei Erfolge, so wecken sie wiederum die Widerstandsneigung der geschwächten „Starken6". Hier ist eine geeignete Stelle erreicht, auf einen Punkt hinzuweisen, der die heutige wirtschaftliche Dreischichtung der Gesellschaft betrifft und auf den Gegensatz von Plutokratie, Mittelschicht und Proletariat einzugehen. Da Plutokratie und Proletariat an anderer Stelle hervorgehoben werden, sei das selten behandelte Thema, die Ungleichheit in der Mittelschicht, hier hervorgehoben. Sucht man diese zwischen den Reichen und den Armen stehenden Gruppen zu charakterisieren, so wird man theoretisch die Mittelschicht dahin kennzeichnen, daß ihre Angehörigen berechnete Übereinstimmung zwischen ihrem Konsumaufwand und ihrem Einkommen aufweisen. Der Luxus der Wohlhabenden ist ihnen ebenso fremd wie die Notlage der Armen, bei denen die Erträge ihrer Produktion zu einer befriedigenden Gestaltung der Konsumsphäre nicht ausreichen. Bei der Mittelschicht besteht bei vorsichtig rechnenden Angehörigen dieses Kreises Übereinstimmung in der Lebensführung (Wohnung, Kleidung. Geselligkeit usw.), Ausgleich zwischen Sparvermögen und Ausgaben. Diese These gilt aber praktisch nur für die Mehrzahl der gehobenen Familien der Mittelschicht. Sie besitzen außer ihrem Berufseinkommen ein ihre Existenz in friedlichen Zeiten sicherndes Vermögen. Die anderen, die beruflich zur Mittelschicht gehören, aber gar kein oder nur geringes Vermögen besitzen, sich aber durch ihre Leistungen im Beruf emporgekämpft haben, würdten sich entsprechende Beschränkungen in der Lebensführung auferlegen, stehen aber dem Umstand gegenüber, daß die Konsumgestaltung in ihrem Berufskreis von den Wohlhabenderen geregelt wird und daß diese erwarten, alle zu ihrem Kreis Gehörenden würden sich nach ihrem eindrucksvollen Vorbild richten und wenigstens nach außen hin ihr Privatleben entsprechend gestalten. Dadurch entsteht ein Riß durch manche Kreise der Mittelschicht, der besonders in Zeiten aufsteigender Konjunktur festzustellen ist. Die Minderbemittelten würden sich entsprechende Beschränkungen in der Lebensführung auferlegen, müssen aber gewahren, daß die Konsumgestaltung in ihrem Berufskreis von den WohlOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.87.6.663 | Generated on 2023-04-04 11:40:36 Gleidiheit und Ungleichheit im zwischenmenschlichen Leben g83 habenderen gestaltet wird und daß diese erwarten, alle zu ihrem Kreis Gehörenden würden sich ihnen anpassen. Die Ärmeren nehmen ihrerseits oft an, daß sie gesellschaftlich mehr geachtet werden, wenn sie den höheren Lebensstil nachahmen. Diese Gegensätze der privaten Kreise führen schließlich zu der sozialen Bestrebung, die Kommunismus genannt wird. Er sucht, die wirtschaftliche Ungleichheit durch Übertragung der Verfügungsgewalt an die Kollektive, besonders an die Staaten herbeizuführen. Seiner Grundidee nach hebt er das freie Eigentum der Ichheiten — hauptsächlich über die Produktionsmittel — auf und überträgt es an das allein herrschende Universal-Kollektiv des Staates, der auf Grund seiner übergeordneten Machtvollkommenheit nach dem Prinzip der Gleichheit die Güter verteilen soll. Freilich ist diese Ideologie nur ein Kampfruf, der die wirtschaftlich Schwachen zu einer einheitlichen großen Gruppe verknüpfen soll. Wieder bekundet sich die starke Anlockung des einen Prinzips unter Ausschaltung der Berücksichtigung der ihm in der Realität gegenüberstehenden Faktoren. Beim Übergang zur kommunistischen Volkswirtschaft kann aber keine absolute Gleidiheit geschaffen werden; das Erbe an Macht und Besitz treten die Gesetzgeber und Leiter der Verwaltung an; die Verfügungsgewalt geht an die Funktionäre über, die von der kommunistischen Partei kontrolliert werden. Von der Macht, über die sie nunmehr verfügen, gibt es mannigfache Übergänge zum größeren Eigentum. Die nunmehr oben Stehenden brauchen die Armut nicht zu fürchten. Sie wollen und müssen herrschen. Sich in der neuen Ordnung als allein maßgebend zu behaupten, ist die nächstliegende Aufgabe für sie. Liegt in der idealistischen Vorstellung von Kommunismus zunächst der Gedanke an beglückende Entlastung der Unterklasse, so lehrt alsbald die Praxis, daß es, ehe man eitel Glück ausbreiten kann, vorher mit Härte und Erbarmungslosigkeit alle Spuren der früheren Schichtenbildung beseitigen muß. Aus einem System der individuellen Freiheit wird eine Diktatur, in der die Herrschaft des allmächtigen Kollektivs jegliche Besonderheit von Ichheiten auszulöschen unternimmt. Das setzt bei der Erziehung des Kindes ein; in ihm wird schon frühzeitig der Glaube gezüchtet, daß das Sozialund Wirtschaftssystem des angestrebten Kommunismus die einzige gerechte und menschenwürdige Ordnung sei. Nun soll diese Überzeugung als Grundlage der Weltanschauung jedes Glied der Volksgemeinschaft beherrschen. Um das zu erreichen, sei äußerste Strenge und Unterdrückung jedes Widerstandes notwendig. Dieser Alleinanspruch der nach Herrschaft strebenden Kommunisten, der sich wie eine Art irdische Religion durchzusetzen strebt, wiederholt nur die uralte Erfahrung des Menschengeschlechts, daß OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.87.6.663 | Generated on 2023-04-04 11:40:36 684 Leopold von Wiese nur das, was mit äußerster Energie das Neue durchzusetzen strebt und dabei vor Gewalt nicht zurückschreckt, sich in der Welt als triumphierende Norm durchzusetzen vermag. Es kann nicht wundernehmen, daß auch der Kommunismus, wenn er zur Weltherrschaft gelangen soll, in ein Stadium seiner Entwicklung getreten ist, das jeder frohgemute Glaube durchmacht, wo er mit Zwang zum Ziel zu gelangen strebt. Sein ethisch-positiver Gehalt liegt in dem Ausgangspunkt, den Schwachen zu helfen und die bisherige wirtschaftliche Ungleichheit zugunsten der Gleichheit zu beseitigen. Sein Fehler besteht in der Verkennung der unabänderlichen Tatsache, daß man zwar manche Ungleichheiten vermindern kann, daß aber neue an ihre Stelle treten, da die Ungleichheit der Fähigkeiten und aller Art von seelischen und körperlichen Kräften ein Artungsgesetz ist, das zwar Verminderungen, Stärkungen und Schwächungen gestattet, aber im Grundwesen beständig bleibt. Gelingt es, Herren zu beseitigen, treten andere an ihre Stelle. Wenn sich der Kommunismus zu einem realistischen Sozialismus abschwächt, ist er nicht radikal zu bekämpfen; versteift er sich zum zerstörerischen Radikalismus, so werden die fast überall bestehenden Gegensätze zu noch bittereren Kämpfen aufwachsen und wird sich eine einstige Heilsbotschaft in Kulturzerstörung wandeln. Das Streben der Mächtigen, mögen sie Kapitalisten oder Kommunisten sein, ihren Eigennutz und ihre Aneignungssucht ökonomisch auszunutzen, wird durch die Eigenart des allgemeinen Tauschmittels, des Geldes, stark gefördert. Es regiert die Welt. Das ist gewiß nicht nur ein Unheil. Ohne dieses universale Hilfsmittel, das durch seine weitere Entwicklung zum Kredit schon lange die Hauptgrundlage jeder größeren Volkswirtschaft geworden ist, wäre die Existenz einer kopfreichen Bevölkerung in sich ergänzenden Verbindungen nicht möglich. Das Geld ist der Regulator aller eigentlichen Volksund Privatwirtschaft. Aber es ist bei aller Verbindungskraft auch das eigentliche Mittel der Ungleichheit. Wer imstande ist, sich durch kaufmännische Geschicklichkeit und Ausnutzung aller Art Technik in den Vordergrund zu stellen, nimmt Teil an der Beherrschung der Wirtschaft. Aus größerer Verfügung über Geld und Kredit ergibt sich eine gehobene Machtstellung. Geldreichtum führt dann weiter oft zu Eigentum an Boden. Die sittliche Beurteilung dieses Reichtums hängt von dem Gebrauch ab, den der Wohlhabende von der Gunst seiner Lage macht. Ist sein Verfahren anfechtbar, so verstärkt sich die Tendenz zum Kommunismus. Ich schrieb dazu: „Gerade die ungeahnte und nicht vorher in Anschlag gebrachte Entfaltung von Unterschieden ist folgenreich. Ein OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.87.6.663 | Generated on 2023-04-04 11:40:36 Gleichheit und Ungleichheit im zwischenmenschlichen Lehen 685 Amt etwa wird durch neue Umstände begünstigt, übermächtig und der bescheidene Funktionär ein Tyrann; ein Geschäftszweig wird ungewöhnlich ertragreich, eine hohe Grundrente oder verblüffende Spekulationsgewinne fallen Leuten zu, die nun reich werden und ihr Verhalten gegen andere merklich verändern. Das Spiel des Lebens schafft immer wieder neue Ungleichheiten und immer wieder neue Uniformierungen . . . Man bemüht sich, aus dem Zufälligen eine Institution zu machen. Die Vererbung ist hierfür das wichtigste Mittel12." Die Gegenwart bekundet sich als eine deutliche Übergangsund Mischungsperiode gerade auch in der Wirtschafts-Tradition; Ansätze zu einem undurchschaubaren Neuen, Gleichheit und Ungleichheit stehen sich gefährlich für beide gegenüber. Neigungen zur Plutokratie bestehen nicht nur in den Kreisen der Reichen, sondern wenn man das Wort in dem weiteren Sinne gleich Überschätzung materieller Güter und Beurteilung der Mitbürger nach der Größe ihres Besitzes an Sachvermögen auffaßt, gerade in der früheren Unterschicht. Bei vielen sozial aufstrebenden Men&chen der Mittelschicht i&t ein beständiges Ringen um finanziellen Aufstieg ausgeprägt. Das verknüpft sich mit der starken Tendenz zur Förderung aller Arten von Technik. Sie ist das beliebteste und erfolgreichste Gebiet der beständigen heutigen Bemühungen, die sich mit dem Bestreben um Ökonomisehen Aufstieg eng verknüpfen. Auf keinem Gebiete in Europa und Amerika läßt sich das Verlangen nach beständigen Fortschritten so sehr feststellen wie in der Technik. Sie ist, verknüpft mit der Ökonomie, das Hauptmerkmal der meisten heutigen Menschen. Die Technik ist dabei das Gebiet, auf dem sich Kapitalismus und Kommunismus verbinden. Beide sehen in ihr das große Aufgabengebiet zur Vervollkommnung des Daseins. VII. Das beständige Problem des Gegensatzes von Gleichheit und Ungleichheit 1. Das Vorurteil Es schien mir förderlich, nachdem ich im ersten Abschnitt den mit unserem Gegenstand eng verknüpften Widerspruch zwischen Subjektivität und Objektivität hervorgehoben habe, zunächst in einer Reihe von Beispielen (an Familie, Beruf, Kunst und Wissenschaft, 12 Leopold von Wiese: System der allgemeinen Soziologie. 4. Aufl. Berlin 1966. S. 346/347. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.87.6.663 | Generated on 2023-04-04 11:40:36 686 Leopold von "Wiese Politik, Religion und Wirtschaft) das Thema anschaulicher zu gestalten. Ein letztes eindringliches Beispiel vom Verhältnis zwischen Gleichheit und Ungleichheit in der üblichen Urteilsweise vieler Menschen ist das, was man Vorurteil nennt. Ein Vorurteil ergibt sich aus Auffassungen über andere Menschen und soziale Gebilde, die nicht Ergebnisse deutlicher Erfahrungen und Beobachtung oder ausreichender Einschiätzung und Bewertung von faktischen Beobachtungen sind, sondern auf willkürlichen Annahmen beruhen, die ihren Ursprung in Abneigungen (seltener Zuneigungen) gegenüber anderen haben. Es handelt sich um das augenfälligste Beispiel des (auf diesen Seiten oft hervorgehobenen) Falls des Gegensatzes von willkürlicher Stellungnahme und vernünftiger Schlußfolgerung. Sehr verhängnisvoll ist das Vorurteil, durch das ganze Gruppen verdrängt werden sollen. Das nächstliegende Beispiel bietet die Geschichte des Judentums. Sobald man die Israeliten als eine fremde und deshalb für bekämpfensiwert gehaltene Rasse im eigenen Volke zu erkennen glaubte, verbreitete man das Vorurteil, sie seien die schlimmsten Feinde. Man stellte ihre Abschließung oder womöglich Vernichtung als eine soziale und sittliche Aufgabe hin. Um diese Verurteilung zu rechtfertigen, brachte man schon seit der Zeit des römischen Kaisers Hadrian die Juden in Lebensverhältnisse, in denen sozial anerkennenswerte Leistungen und Eigenschaften nicht gedeihen konnten. Man verallgemeinerte den Umstand, daß einige moralisch unzuverlässige Israeliten den Daseinsbestimmungen im Getto nicht gewachsen waren, und erklärte die ganze Rasse für höchst minderwertig. Man verbreitete unter allen Nichtjuden übertriebene oder völlig erfundene Gerüchte über ihren Uniwert. Ein Hauptmerkmal aller Vorurteile, die Verallgemeinerung ins Unbegrenzte, hatte verheerende Wirkungen. Auf bestimmte Fälle — etwa von Wucher und Betrug — hinweisend, rief man im falschen Glanize eigener Scheinheiligkeit: Da seht ihr ja, mit was für Schädlingen wir es zu tun haben! Noch manche anderen Beispiele lassen sich aus dem Leben der Völker und Rassen für den Gebrauch d'es Vorurteils als Vernichtungsmittel anführen. Besonders wirksam ist die üble Nachrede, daß die Gegner Eigenschaften allgemein besitzen sollen, die überall verachtet werden; so besonders die Unsauberkeit („Das ist eine dreckige Gesellschaft!"). Man bekennt nicht, daß einem aufstrebenden Kreise bisher erfolgreichere Gruppen entgegenstehen, sondern stellt ihn als minderwertiges Gesindel hin, das dem Zustand der Freiheit nicht gewachsen sei. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.87.6.663 | Generated on 2023-04-04 11:40:36