Politik – Wirtschaft – Wissenschaft
Abstract
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Full text
Braeutigam, Harald Article Politik – Wirtschaft – Wissenschaft Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Braeutigam, Harald (1962) : Politik – Wirtschaft – Wissenschaft, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 82, Iss. 3, pp. 259-277, https://doi.org/10.3790/schm.82.3.259 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290992 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Politik — Wirtschaft — Wissenschaft Zum Problem der wirtschaftspolitischen Weichenstellung Von Harald Braeutigam - Wiesbaden 1. Punktuelles Denken und Problemverschlingungen Das bekannte Wort Walter Euchens vom „punktuellen Denken" war gegen eine interventionistische Wirtschaftspolilik gerichtet, die nur ihre unmittelbaren Nahziele im Auge hat und siih über die Fernwirkungen scheinbar eng umgrenzter Eingriffe auf den marktwirtschaftlichen Ablauf keine weiteren Gedanken macht. Wenn mittlerweile in der Überwindung dieses Denkens auch beträchtliche Fortschritte erzielt worden sind, so drängt sich einem gelegentlich doch die Frage auf, oib dieses Wort, wenn auch in einem stark erweiterten Sinne, nicht auch noch für den Stand der heutigen wirtschaftspolitischen und wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion von Bedeutung ist. Die starke Spezialisierung der Wirtschaftswissenschaften ermöglicht zwar überall eine eingehende, detaillierte Analyse aller auftretenden Fragen, führt aber häufig dazu, daß die Lösung der wirklich entscheidenden Probleme als von dem benachbarten Fachbereich abhängig hingestellt wird, von dem aus sich ganz andere als die erwarteten oder geforderten Lösungen anbieten oder als notwendig erweisen. Dieser mangelhafte Brückenschlag zwischen den einzelnen großen Sachgebieten dürfte aber nicht einmal so sehr durch die starke Spezialisierung als vielmehr dadurch bedingt sein, daß gewisse Grundsätze und Institutionen unserer heutigen Wirtschaftsund Gesellschaftsordnung als gegebene politische Tatsachen (Daten) angesehen und demzufolge als Tabus hingenommen werden, bevor die Frage hinreichend geklärt ist, ob diese Grundlagen wirklich als das geeignete Fundament für eine freiheitliche, marktwirtschaftliche Ordnung angesehen werden können. Seit den schlimmen Erfahrungen mit einer Deflationspolitik zu Beginn der dreißiger Jahre ist die Stabilität des Preisniveaus und OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.3.259 | Generated on 2023-04-04 11:32:06
4 Harald Braeutigam 260 Geldwerts (diese hier nicht als Gegensatz zu einem steigenden, sondern zu einem langsam sinkenden Preisniveau betrachtet) zu einem fast über jede Diskussion erhabenen Doigma geworden, obwohl von den Geldtheoretikern darauf hingewiesen wurde, daß ein stabiles Preisniveau keineswegs als Beweis für eine neutrale, d. h. weder inflationistische noch deflationistische Geldpolitik angesehen werden dürfe, und obwohl Theorie und Praxis nachgewiesen haben, daß der Gedanke einer Wanderung der Geldpolitik auf dem schmalen Grat zwischen Geldentwertung und Geldwertsteigerung eine Utopie bleiben muß. Während in allen Lehrbüchern die marktwirtschaftliche Ordnung als ein System geschildert wird, das durch den Unternehmerwettbewerb zu ständiger Kostenersparnis und Preissenkung führe, das also bei technischem und organisatorischem Fortschritt zu einem langsamen, aber ständigen Sinken des Preisniveaus führen müßte, wird aus konjunkturpolitischen Erwägungen eine Stabilisierung des Preisniveaus angestrebt. Das aber bedeutet bereits einen fundamentalen interventionistischen Eingriff in den marktwirtschaftlichen Ablauf. Denn wer sich für die Stabilität des Preisniveaus einsetzt, der muß folgerichtig auch Nominallohnerhöhungen gutheißen und damit im Prinzip die ständigen gewerkschaftlichen Lohnforderungen akzeptieren. Da aber das richtige Ausmaß solcher Nominallohnerhöhungen sich weder marktwirtschaftlich präzisieren läßt noch — gegebenenfalls — sich ohne Beeinträchtigung der Autonomie der Sozialpartner politisch durchsetzen ließe, bleibt die Lösung eines zentralen Problems, des Lohnproblems, dem Machtkampf der Sozialpartner überlassen. Die Autonomie der Sozialpartner ist merkwürdigerweise gerade zu einer Zeit zu einem politischen Tabu geworden, in der das Gedankengebäude der marktwirtschaftlichen Ordnung besonders klar herausgearbeitet wurde. Als politisches Credo ist sie in Reaktion auf die Beseitigung der Gewerkschaften bzw. ihre Ausschaltung bei der Wirtschaftspolitik durch die totalitären Staaten (Nationalsozialismus, Faschismus, Kommunismus) entstanden. Noch in der Zeit der Weimarer Republik war die Autonomie der Sozialpartner durch die damals bestehenden Institutionen der staatlichen Zwangsschlichtung und Verbindlichkeitserklärung weitgehend eingeschränkt. Dabei sind Autonomie der Sozialpartner und marktwirtschaftliche Ordnung eigentlich keine miteinander in Einklang zu bringende Prinzipien: der „plebiszitäre Charakter" der Marktwirtschaft ist mit der Anerkennung der Sozialpartner als legitimer Gebilde wirtschaftlicher OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.3.259 | Generated on 2023-04-04 11:32:06
261 Politik — Wirtschaft — Wissenschaft 5 Macht ebenso unvereinbar wie mit der Anerkennung marktbeherrschender Unternehmen. Zweifellos ist heute die Lohninflation das stärkste Antriebsmoment der Preisinflation, aber ob die erstere allein auf übertriebene Lohnforderungen der Gewerkschaften zurückzuführen 0(der nicht ebenso stark durch die überreichliche Geldversorgung bedingt ist, muß angesichts der verbreiteten Übung freiwilliger übertariflicher Entlohnung und der Tatsache, daß diese Lohninflation bis 1960/61 kaum irgendwo zu einer Gewinnminderung geführt hat und häufig in der Preisen auf die Verbraucher abgewälzt werden konnte, zweifelhaft sein. Wie dem aber auch sei, die wirtschaftliche Entwicklung hat nicht zu einer im Sinne der Arbeitnehmerschaft besseren oder gerechteren Verteilung des Sozialprodukts geführt, sondern gerade das Gegenteil bewirkt. Die Vermögensbildung aus Kapitalgewinnen der Sachwertbesitzer läuft den Möglichkeiten einer Vermögensbildung aus Lohn und Gehalt so weit voraus, daß selbst von Unternehmerseite die Notwendigkeit einer Korrektur durch eine staatlich geförderte und subventionierte Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand durch Miteigentum und Gewinnbeteiligung anerkannt wird. Das aber bedeutet, daß die Behauptung, die Lohnforderungen der Gewerkschaften schössen immer wieder über die volkswirtschaftlich zulässige Norm — die durchschnittliche volkswirtschaftliche Produktivitätssteigerung — hinaus, sich selbst widerlegt. So wird der sehr fragwürdige Versuch unternommen, das Interesse der Unternehmer an guten Gewinnen mit den Interessen der Kleinsparer an müheloser Vermögensmehrung durch eine ä la hausse^Spekulation zu koppeln, also die Front der Inflationsinteressenten zu verbreitern. 2. Es fehlt an einer marktgerechten Lohntheorie Die ungerechtfertigte Anerkennung der Autonomie der Sozialpartner als eines mit der marktwirtschaftlichen Ordnung zu vereinbarenden Elements oder gar als eines ihrer wesentlichen Bestandteile ist letzten Endes nichts anderes als eine Verlegenheitslösung, nichts anderes als das Eingeständnis, daß es den Theoretikern der sozialen Marktwirtschaft nicht gelungen ist, eine wirklichkeitsnahe, praktisch anwendbare Lohntheorie zu entwickeln, die zumindest als Richtschnur für die im Rahmen der allgemeinen staatlichen Wirtschaftspolitik zu verfolgende Lohnpolitik dienen könnte und müßte, wenn das Prinzip des „collective bargaining" zwischen den beiden monopolistisch organisierten Marktparteien aufgegeben würde. Tatsächlich weisen die zwölf Ordo-Jahrbücher, in denen alle erdenklichen Probleme der Marktwirtschaft ausführlich und zu wiederholten Malen abgehandelt OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.3.259 | Generated on 2023-04-04 11:32:06
6 Harald Braeutigam 262 wurden, nur die eine Abhandlung von Willgerodt1 auf, die sich mit dem für unsere wirtschaftliche und soiziale Ordnung schlechthin zentralen Problem des marktgerechten Lohnes (und Preises) beschäftigt. Willgerodt kritisiert, „daß sich viele nationalökonomischen Lehren durch die Unvollkommenheiten und Besonderheiten des Arbeitsmarktes zu einer in vielen Abarten schillernden Unbestimmtheitstheorie des Lohnes haben verleiten lassen66 (S. 159) und daß „die Beliebigkeitslehren des marktwirtschaftlichen Lohnes . .. den gewerkschaftlichen Lohnforderungen überall neuen Auftrieb gegeben66 haben (S. 160). Er stellt zwar ganz zu Recht fest, daß z.B. die These, daß Arbeit keine Ware sei, noch immer eine nüchterne Untersuchung der Arbeitsmarktverhältnisse behindere, und knüpft daran die richtige Bemerkung: „Arbeit ist nicht nur, aber auch eine ökonomische Größe66 (S. 151, Anmerkung 20). Aber sein positiver Beitrag zum Problem der Auffindung des „marktwirtschaftlich gerechtfertigten Reallohnes66 (S. 180) beschränkt sich, im wesentlichen auf die These: „Es gibt in der Marktwirtschaft einen Lohn, der den Markt räumt und im Normalfall auch nicht zu niedrig ist, und es gibt ebenso ein marktwirtschaftlich bestimmtes Lohnniveau66 (S. 171). Deshalb sollten „es die Marktparteien auch als ihre Aufgabe erkennen, einen volkswirtschaftlich richtigen Lohn anzustreben, bei dem der Wettbewerbslohn (der den Markt räumt!) als Richtgröße zu dienen hätte66 (S. 172). Ein solcher Lösungsversuch des Lohnproblems erscheint aus zwei Gründen unzureichend: a) Er ist allzusehr auf die Situation noch vorhandener Unterbeschäftigung abgestellt und versagt daher bei der Anwendung auf eine Situation der Volloder Überbeschäftigung. Die jüngste Vergangenheit dürfte doch mindestens in der Bundesrepublik den Beweis erbracht haben, daß selbst bei marktwirtschaftlich ungerechtfertigt hohen, machtpolitisch erzwungenen Löhnen der Arbeitsmarkt „geräumt66 und die Arbeitslosigkeit beseitigt werden kann — wenn die Geldund Kreditpolitik sich die Vollbeschäftigung als oberstes Ziel gesetzt hat, wobei hier zunächst die Frage offen gelassen werden soll, ob die dann in Kauf genommene schleichende Geldentwertung primär auf die gewerkschaftlichen Lohnforderungen oder auf die reichliche Geldversorgung zurückzuführen ist. b) Selbst im Stadium einer Volloder Überbeschäftigung wird es häufig einzelne Branchen geben, die infolge des allgemeinen wirtschaftlichen (d. h. technischen und organisatorischen) Fortschritts in eine ungünstige Wettbewerbsposition innerhalb der Gesamtwirtschaft 1 Vgl. HansWillgerodt, Die Krisis der sozialen Sicherheit und das Lohnproblem, in: Ordo VII (1955), S. 145—187. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.3.259 | Generated on 2023-04-04 11:32:06
263 Politik — Wirtschaft — Wissensdiaft 7 geraten und daher entweder ihre Produktion einschränken (also Arbeitskräfte freisetzen) oder starke Rentabilitätseinbußen (mit entsprechenden Kapitalentwertungen) in Kauf nehmen oder vom Staat subventioniert werden — oder zu Lohnsenkungen schreiten müßten (Musterbeispiel: Kohlenbergbau). Wenn auch in solchen Fällen als Kriterium des „marktgerechten Lohns66 nur die Frage gelten soll, bei welcher Lohnhöhe dieser Teilarbeitsmarkt „geräumt66 bliebe, d. h. bei welcher Lohnhöhe hier eine partielle Arbeitslosigkeit vermieden werden könne, so würde das nichts anderes bedeuten, als daß die an sich mit jedem wirtschaftlichen Fortschritt verbundenen partiellen Kapitalverluste durch Lohnopfer der Arbeitnehmer der in ihrer Wettbewerbsposition geschwächten Branche vermieden werden sollten — ein völlig unmögliches Ansinnen! Wenn aber sogar noch im Stadium der Überbeschäftigung die Fälle sich mehren, in denen einzelne Branchen in eine ungünstige Wettbewerbsposition geraten — um wieviel mehr muß das zutreffen, wenn die Kreditexpansion eines Tages verlangsamt oder gar gestoppt werden muß, damit sich die überhitzte Konjunktur wieder beruhigt? Es ist nicht zuletzt einerseits der Mangel an einer wirklichkeitsnahen Lohntheorie, die als 'Richtschnur dafür dienen könnte, wie in jeder konkreten Situation die marktgerechten Anteile von Kapitalund von Arbeitseinkommen zu ermitteln sind, sowie andererseits das Dogma vom „stabilen66 Preisniveau und Geldwert, die an sich schon — also ganz unabhängig von der Existenz und Marktmacht der Sozialpartner — zur Anwendung einer Methode der „richtigen66 Lohnermittlung durch Nominallohnsteigerungen zwingen, die als solche schon insofern als eine entscheidende Intervention in die Gesetzmäßigkeit der Marktwirtschaft anzusehen ist, als sie nicht auf die Gegebenheiten der einzelnen Güterund Arbeitsmärkte abgestellt ist. sondern mit statistischen Rechengrößen operiert. Statistisch ermittelte technische Produktivitätsfortschritte können aber für die Anstrebung einer bestimmten Verteilung der Produktionserlöse auf Kapital und Arbeit bestenfalls unter der Voraussetzung als Anhaltspunkte dienen, daß die Produktpreise konstant bleiben, und müssen völlig versagen, wenn diese Voraussetzung nicht gegeben ist. Steigen die Preise, so werden Kostensteigerungen, die durch jeweils genau den technischen Produktivitätsfortschritten sich anpassende Lohnsteigerungen verursacht werden, durch die Erhöhung der Gewinnmargen überkompensiert und führen keineswegs zu einem „gerechten66, erhöhten Anteil der Arbeitnehmer am Sozialprodukt. Sinken dagegen die Preise, so können die daraus entstehenden Erlösminderungen auch ohne irgendwelche Lohnerhöhungen die aus den technischen Produktivitätsfortschritten erzielten Kosteneinsparungen überkompensierer OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.3.259 | Generated on 2023-04-04 11:32:06
8 Harald Braeutigam 264 und die Ertragslage der Unternehmungen entscheidend schwächen. Entsprechendes, nur mit umgekehrtem Vorzeichen, gilt bei Veränderungen auf der Kostenseite. Es ist darauf hingewiesen worden, daß die technische Produktivität je Arbeitskraft während der Depression bei eingeschränkter Produktion häufig größer ist als in einer vorangegangenen oder nachfolgenden Hochkonjunktur und daß demzufolge bei konsequenter Anwendung des Produktivitätsmaßstabes die Löhne in der Depression angehoben und in der Hochkoinjunktur gesenkt werden müßten. Und es ist sehr die Frage, ob auch nur eine höchstens der technischen Produktivitätssteigerung entsprechende Lohnerhöhung im deutschen Kohlenbergbau volkswirtschaftlich vertretbar gewesen wäre, wenn man ihn dem freien Wettbewerb des Erdöls ausgesetzt und damit zu ins Gewicht fallenden Preisherabsetzungen gezwungen hätte. Aber selbst bei konstanten Preisen und bei gerade nur der durchschnittlichen volkswirtschaftlichen Produktivitätssteigerung entsprechenden Lohnsteigerungen würde der marktwirtschaftliche Ablauf verfälscht und die „Rechenhaftigkeit" der Marktwirtschaft untergraben, da bei dieser Methode der Niominallohnerhöhungen dem Produktionsfaktor Arbeit Leistungen „zugerechnet" werden, die eigentlich dem Produktionsfaktor Kapital „zugerechnet66 werden müßten, so daß dadurch nicht die richtigen „alten" Produktionsanlagen aus dem Wettbewerbsprozeß eliminiert würden2. Der (mit dem Postulat der Vollbeschäftigung begründete) theoretisch noich gar nicht erkannte und klar herausgearbeitete Endzweck einer jeden auf „Stabilisierung" des Preisniveaus abgestellten Geldpolitik besteht aber gerade darin, die Eliminierung „veralteter66 Produktionsanlagen zu verzögern, damit die Regeneration der investierten Kapitalien in aller Regel aus den Produktionserlösen und Amortisationsquoten möglich ist und Kapitaleinbußen aus Kapitalentwertungen vermieden werden können3. In der praktizierten Geldpolitik erweist sich somit die „Stabilität66 des Preisniveaus als der laut verkündete fromme Wunsch — die Verhinderung umfangreicher Kapitalentwertungen als Folge des wirtschaftlichen Fortschritts aber als die harte Notwendigkeit, die für das Maß der Geldvermehrung ausschlaggebend ist und der eben ohne Inkaufnahme einer schleichenden Geldentwertung nicht Genüge getan werden kann. Denn um auch die leistungsschwächsten, an sich schon nicht mehr daseinsberechtigten Produktionsanlagen vor einem vorzeitigen (d. h. vor einer vollständigen Regeneration der investierten Geldkapitalien eintretenden) Ausschei2 Vgl. hierzu meinen Aufsatz: Konjunkturpolitik und neutrales Geld, in Schm. Jb., 78. Jahrg., H. 5, S. 47 ff. 3 Vgl. unten S. 270/271, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.3.259 | Generated on 2023-04-04 11:32:06
265 Politik — Wirtschaft — Wissenschaft 9 den aus dem Wettbewerbsprozeß zu bewahren, muß die Geldversorgung der Volkswirtschaft so reichlich gehalten werden, daß den gerade im Zeichen eines Verkäufermarkts stehenden Produktionszweigen eine Übernachfrage zuströmt und hier Preissteigerungen möglich, ja geradezu unvermeidlich werden. Dabei ist es eigentlich gleichgültig, ob diese Übernachfrage sich primär auf die Arbeitskräfte auswirkt, so daß es in diesen Produktionszweigen zu einem Arbeitskräftemangel und zu (freiwillig gewährten oder gewerkschaftlich erzwungenen) Lohnsteigerungen kommt, deren Kosten dann von den Unternehmern im Preise aufgeschlagen werden können, oder ob der Prozeß zeitlich umgekehrt verläuft (erst Preisund dann Lohnerhöhungen). Das legt den Schluß nahe, daß es bei der praktizierten Geldpolitik auch ohne die Ausnutzung der gewerkschaftlichen Marktmacht zu fortwährenden Preissteigerungen kommen müßte — nur daß in einem solchen Falle die ungerechte Einkommensverteilung und die unverdiente Vermögensbildung bei den Produktionsmittelbesitzern noch krasser ausfallen würde. Damit soll freilich nicht bestritten werden, daß die gewerkschaftliche Lohnpolitik ein igut Teil zur Beschleunigung dieser inflationistischen Entwicklung beigetragen hat. 3. Der marktgerechte Lohn und Preis Erstes Erfordernis zur Vervollständigung einer marktwirtschaftlichen Theorie, die wirklich als Leitbild für die allgemeine staatliche Wirtschaftspolitik dienen kann, so daß letzterer die Entscheidung in allen konkreten Einzelfragen erleichtert wird, muß nach dem Gesagten die Ausarbeitung einer präzisen marktwirtschaftlichen Lohntheorie 4 sein. Die Frage nach dem „marktwirtschaftlich gerechtfertigten" Lohn ist letztlich die Frage, unter welchen Umständen der Produktionsfaktor Arbeit im Vergleich «zum Produktionsfaktor Kapital den seiner relativen Knappheit entsprechenden Anteil bei der Verteilung des Volkseinkommens auf Arbeitsund Kapitaleinkommen erhält5. Die Knappheitsrelationen von Kapital und Arbeit lassen sich aber niemals am Marktzins für Kapitaldisposition ablesen (da dieses noch nicht investierte Geldkapital noch keine Verbindung mit dem Produktionsfakto/r Arbeit eingegangen ist), sondern immer nur an den in den einzelnen Produktionszweigen und Betrieben bereits investierten Kapitalien, den Kapitalinvestitionen. Funktionell betrachtet sind diese die eigentlichen „Teilarbeitsmärkte", auf denen durch die Unter4 Zum folgenden vgl. meine Schrift: Konjunktur, Wirtschaftsordnung, Wiedervereinigung. Bad Godesberg 1956, S. 26 ff. 5 Der Produktionsfaktor Boden braucht in diesem Zusammenhang nicht gesondert behandelt zu werden, da er in der Marktwirtschaft nach seinem kapitalisierten Ertrag als Kapitalwert fungiert. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.3.259 | Generated on 2023-04-04 11:32:06
10 Harald Braeutigam 266 nehmertätigkeit die indirekt von den Nachfragern der dort hergestellten Erzeugnisse ausgehende Nachfrage nach den für die Produktion benötigten Arbeitskräften mit dem Angebot an solchen Arbeitskräften durch ihre Eingliederung in den Produktionsprozeß zusammengeführt wird. Infolgedessen hätte — bei Anlegung streng marktwirtschaftlicher Maßstäbe — das investierte Kapital nur dann einen Anspruch auf eine Knappheitsprämie in Form eines über die bloßen Arbeitsund Materialkosten hinausgehenden Gewinnoder Zinszuschlags, wenn und soweit es im konkreten Falle einen Engpaß für die (durch die Nachfrage nach den Erzeugnissen indirekt bewirkte) Arbeitsnachfrage darstellt, d. h. wenn es bei Produktpreisen, die den bloßen Arbeitsund Materialkosten entsprächen, nicht die gesamte Nachfrage nach den für diese Produktion erforderlichen Arbeitskräften vermitteln kann, sondern wenn es nur den Teil der Nachfrage vermitteln kann, die über die bloßen Arbeitsund Materialkosten hinaus noich einen Gewinnzuschlag zu zahlen bereit ist. Umgekehrt sind — bei streng marktwirtschaftlicher Betrachtungsweise — auch noch so hohe Gewinne einer Unternehmung oder eines ganzen Produktionszweiges kein Rechtfertigungsgrund für Lohnerhöhungen. Denn hohe Gewinne eines Produktionszweiges zeigen nicht etwa an, daß es hier an Arbeitskräften fehlt, sondern weisen darauf hin, daß hier das investierte Kapital besonders knapp ist und daß daher dieser' „Teilarbeitsmarkt" durch neuen Kapitalaufwand erweitert werden müßte. Geht man von einer gegebenen volkswirtschaftlichen Lohnstruktur aus und sieht man zunächst von der Frage ab, ob und wo das volkswirtschaftliche Lohngefüge durch die sich an den Produktivitätsfortschritten der einzelnen Produktionszweige orientierende Politik der Nominallohnsteigerungen verzerrt worden ist und nachträglich allmählich berichtigt werden müßte, so ließen sich auf Grund der eben angestellten Überlegungen die Grundzüge einer marktgerechten Lohnund Preispolitik in folgenden fünf Grundsätzen zusammenfassen: 1. Solange die Kapazität eines Betriebes bzw. Produktionszweiges voll ausgenutzt ist, sind die für die Erzeugnisse igeforderten Preise richtig, jedenfalls nicht zu hoich. 2. Solange die Kapazität eines Produktionszweiges nicht voll ausgenutzt ist, dürfen die Produktpreise nicht über die bloßen Betriebskosten des Grenzbetriebes hinausgehen. 3. Lohnerhöhungen sind marktwirtschaftlich nur gerechtfertigt, wenn sie von den Unternehmern aus eigener Initiative zwecks Heranlockung weiterer Arbeitskräfte oder zur Verhinderung einer Abwanderung von Arbeitskräften vorgenommen werden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.3.259 | Generated on 2023-04-04 11:32:06
273 Politik — Wirtschaft — Wissenschaft 17 Form bestimmter, über die Arbeitsund Materialkosten hinausgehender Gewinnzuschläge mehr erzielen; wie sehr das gerade bei der heute in der Bundesrepublik gegebenen Situation ins Gewicht fallen müßte, kann man annähernd daran ermessen, daß der von der inflationistisch bedingten Übernachfrage ausgehende Druck gegen die industriellen Produktionsmöglichkeiten sich nur in relativ seltenen Fällen an den Betriebskapazitäten, meistens dagegen an der Enge des Arbeitsmarktes staut (Lohninflation als angebliche Ursache der Preisinflation)8; d) für die Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand, die man heute auf dem sehr problematischen Wege einer Beteiligung der Arbeitnehmer an den Inflationsgewinnen der Industrie anstrebt, wäre mit dem erhöhten Anteil der Arbeitnehmerschaft am Sozialprodukt und mit der Beseitigung des unternehmerischen Kapitalbildungsprivilegs aus Inflationsgewinnen ein sehr viel besseres, solideres Fundament geschaffen; e) wenn sich die Steigerung der volkswirtschaftlichen Produktivität in steigenden realen Einkommen bei sinkenden Preisen auswirken würde, würde der anderenfalls vermutlich sich noch verschärfenden disparitätischen Entwicklung zwischen den Einkommen der in der Industrie Tätigen einerseits und den Einkommen aller anderen Wirtschaftsbereiche, insbesondere der Landwirtschaft, andererseits ein Riegel vorgeschoben; f) ein langsam steigender Geldwert und eine Stärkung der Kaufkraft und Sparfähigkeit der kleinen und mittleren Einkommen würde allmählich ein Sinken des landesüblichen Zinsfußes bewirken und damit die wesentlichste Voraussetzung für einen allmählichen Abbau der staatlichen Subventionen für den Wohnungsbau schaffen; soweit sich die Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand überhaupt auf dem Wege des Effektensparens vollziehen soll, ist der Pfandbrief, und nicht die Aktie, das geeignete Instrument dafür; g) die Beteiligung aller Rentner an den volkswirtschaftlichen Produktivitätsfortschritten vollzöge sich automatisch, so daß die Institution der Produktivitätsrente hinfällig würde. Der einzige Einwand, der gegen die Instituierung eines solchen Lastenausgleichsfonds für die durch den wirtschaftlichen Fortschritt entstehenden Kapitalverluste erhoben werden könnte, wäre rein 8 Hierzu eine gewissermaßen reziproke Überlegung: Wird auch den „alternden" Produktionsanlagen mit Hilfe einer inflationistischen Geldpolitik die Erzielung einer Knappheitsprämie in Form eines „angemessenen" Gewinns ermöglicht, so muß mit fortschreitender Kapitalintensivierung der Anteil des Arbeitseinkommens am Volkseinkommen ständig abnehmen, der des Kapitaleinkommens dagegen zunehmen — es sei denn, daß diese Tendenz durch ein Sinken des landesüblichen Zinsfußes kompensiert werde. 2 Schmollers Jahrbuch 82, 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.3.259 | Generated on 2023-04-04 11:32:06
18 Harald Braeutigam 274 ideologischer Natur und ginge dahin, daß eine solche „kollektivistische" Zwangskapitalbildung mit der Idee einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung unvereinbar wäre. Demgegenüber wäre auf folgende Tatbestände hinzuweisen: a) Auch die jetzt in der Bundesrepublik praktizierte freiheitliche Ordnung der „sozialen" Marktwirtschaft kommt ohne das Element einer kollektiven Zwangskapitalbildung nicht aus — nur bedient man sich hierbei der allseits anerkanntermaßen unsozialsten und ungerechtesten Methode, der Zwangskapitalbildung durch Inflation und schleichende Geldentwertung. b) Neben dieser verschleierten Zwangskapitalbildung durch Inflation wird aber neuerdings auch die offene fiskalische Zwangskapitalbildung praktiziert — nämlich bei den Aufwendungen für die Entwicklungshilfe —, ohne daß jemals der Einwand erhoben worden wäre, dies sei mit der Idee einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung unvereinbar. c) Schließlich erfolgt schon seit Jahren eine aus Steuermitteln aufgebrachte Kapitalhilfe auf dem Wege der .Subventionierung einzelner Wirtschaftszweige, insbesondere des Wohnungsbaus und der Landwirtschaft, die teils allmählich abgebaut werden könnte, teils anders angesetzt werden müßte. d) Im Gegensatz zu dem viel diskutierten Projekt eines Investivlohnes würde eine solche Zwangskapitalbildung über den Staatshaushalt auch nicht gegen den Gleichheitsgrundsatz verstoßen. Hat es sich aber gezeigt, daß man sogar in einer inflationistisch angefachten Hochkonjunktur nicht auf eine kollektive Zwangskapitalbildung verzichten kann, sio: wird dies noch viel mehr der Fall sein, wenn eines früheren oder späteren Tages der Inflation doch endgültig Einhalt geboten werden muß. Gibt es aber in dieser Frage kein Zurück mehr, so wird es um so dringlicher, nach neuen, sozialeren, gerechteren und mehr marktkonformen Methoden der Zwangskapitalbildung und der Verteilung dieser Kapitalien Ausschau zu halten. Hierher würde dann auch die Frage gehören, ob wir uns selbst und den Entwicklungsländern, die vielfach heute schon mehr Wert auf trade als auf aid legen, auf lange Sicht nicht mehr und nachhaltiger helfen können, wenn wir die für die Entwicklungshilfe vorgesehenen Milliarden wenigstens teilweise zu einer Verlagerung der von Privaten investierten Kapitalien von der Landwirtschaft in andere Wirtschaftszweige verwenden würden, derart, daß durch Ankauf und Stillegung unrentabler landwirtschaftlicher Betriebe die reduzierte einheimische landwirtschaftliche Produktion auch ohne Zollschutz und Subventionierung international wettbewerbsfähig gemacht wird — als bei der OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.3.259 | Generated on 2023-04-04 11:32:06
275 Politik — Wirtschaft — Wissenschaft 19 gegenwärtig praktizierten Methode der Entwicklungshilfe, bei der wir an die Entwicklungsländer Almosen verteilen, gleichzeitig aber eine protektionistische Agrarpolitik fortführen und es dadurch vielen Entwicklungsländern erschweren, sich aus eigener Kraft emporzuarbeiten9. 6. Entideologisierung Es igehört zu den Kennzeichen einer jeden Ideologie, daß sie aus einer bestimmten Situation heraus allgemeine Begriffe (Ideen) und Postulate aufstellt, die zunächst den vordringlichsten Belangen dieser Ausgangssituation Rechnung zu tragen suchen, im Laufe der Zeit aber zu Dogmen erstarren, die der Anpassung an eine sich wandelnde Wirklichkeit nur hinderlich sind. So entscheidend die Idee der Freiheit als Antithese zu jedem totalitären Staatssystem mit zentralverwaltungswirtschaftlicher Planung von Bedeutung ist, so wenig darf darüber vergessen werden, daß Freiheit ein sehr relativer .Begriff ist und daß der Freiheit auch in einer freiheitlichen Staats-, Gesellschaftsund Wirtschaftsordnung Grenzen gesetzt sein müssen, wenn ein dialektischer Umschlag von zuviel Freiheit in Knechtschaft vermieden werden soll. Die allzu doktrinäre, geradezu nervöse Einstellung des Neoliberalismus gegenüber dem Staat in allen Fragen der Wirtschaftspolitik ist nicht ohne Gefahren. Einerseits hat sie ihm den Vorwurf der Sachblindheit eingebracht (und dies in bezug auf das Problem der Kapitalvernichtung m. E. nicht zu Unrecht), andererseits hat sie ihn die entscheidende Rolle übersehen lassen, die der verlängerte Arm des Staates, die Notenbank, in der heute praktizierten Marktwirtschaft spielt. So wird es bei der weiteren Entwicklung der überkommenen Wirtschaftsordnung, die wir in frommem Selbstbetrug als „soziale" Marktwirtschaft charakterisieren, entscheidend darauf ankommen, für welche der beiden alternativ gegebenen Möglichkeiten wir uns entscheiden: a) Festhalten an den Prinzipien der freiwilligen individuellen Kapitalbildung und der kollektiven Zwangskapitalbildung durch Inflation und schleichende Geldentwertung. Abgesehen von ihren unsozialen Auswirkungen muß diese Methode, auf die Dauer gesehen, zu einem fortschreitenden Interventionismus und Dirigismus (Lohnund Preisstop, gestaute Inflation) oder — bei Verzicht auf weitere inflationistische Injektionen — zu einem Wiederaufleben monopolistischer Bindungen und zu Arbeitslosigkeit führen. In beiden Fällen würde um des Prinzips der (weitgehend sogar nur fiktiven) Freiwilligkeit der Kapitalbildung willen das für die Aufrechterhaltung 9 Vgl. hierzu auch F. W. Meyer, Weltwirtschaft und Agrarpolitik, in: Ordo IX (1957), S. 249 ff. 2* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.3.259 | Generated on 2023-04-04 11:32:06
20 Harald Braeutigam 276 einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung doch viel wichtigere Prinzip der freien, d. h. marktgerechten Preisbildung auf den Gütermärkten aufgehoben und dadurch gerade der Weg für eine Überleitung in eine zentralverwaltungswirtschaftliche Ordnung freigelegt werden. Oder: b) Instituierung einer subsidiären staatlichen Zwangskapitalbildung aus Steuermitteln zum Zwecke des „Lastenausgleichs" für die bei nichtinflatorischer Geldpolitik mit dem steten technischen und organisatorischen Fortschritt unweigerlich einhergehenden Kapitalverluste. Das wäre nicht nur die beste Garantie für den Fortbestand einer marktwirtschaftlichen Ordnung schlechthin, sondern auch die Voraussetzung für die Errichtung einer Marktwirtschaft, die das Prädikat „sozial" überhaupt erst verdient. Denn die inflationistische Politik der Vollbeschäftigung führt zu einer unverdienten, marktwirtschaftlich nicht zu rechtfertigenden Einkommensverteilung, die sich insbesondere in einer unverdienten Vermögensanhäufung bei den industriellen Produktionsmittelbesitzern zu Lasten aller Lohnund Gehaltseinkommensbezieher (nicht einmal so sehr des industriellen Sektors als vielmehr aller übrigen Sektoren) und izu Lasten aller Geldsparer und Rentner niederschlägt und das Entstehen eines „Wohlfahrtsstaats" mit einer immer größeren Umfang erreichenden zweiten Einkommensverteilung, die weitgehend auf einer „Sozialisierung des Arbeitseinkommens"10 beruht, nach sich zieht. Es ist geradezu erstaunlich, daß unsere heutigen freiheitlichen Sozialisten sich bei ihrer Abwehr der neoliberalen Polemik gegen diesen Wohlfahrtsstaat das Argument entgehen lassen, daß wir es heute primär mit einem Wohlfahrtsstaat zugunsten der Besitzeinkommen zu tun haben und daß erst die dadurch entstehenden sozialen Ungerechtigkeiten das wachsende Ausmaß der sozialen Korrekturen durch eine zweite Einkommensverteilung zugunsten der Arbeitseinkommen nach sich ziehen. Offenbar ist das nur daraus zu erklären, daß sich gerade auch die modernen Sozialisten (für die gewissermaßen Lord Keynes den verwaisten Thron von Karl Marx eingenommen hat) eine vollbeschäftigte Marktwirtschaft nur unter dem Stimulus einer permanenten Inflation vorstellen können und sich daher genötigt sehen, eine inflationistische Wirtschaftspolitik zu bejahen, die daraus entstehenden soizialen Ungerechtigkeiten aber mit Hilfe einer redistributiven Sozialpolitik 'zu korrigieren. Demgegenüber ist hier der Nachweis versucht worden, daß eine gerechte Verteilung des Volkseinkommens nicht so sehr durch eine Aufpfropfung einer ausgleichenden Sozialpolitik auf eine ungerechte Wirtschaftspolitik, sondern in erster Linie durch eine richtige Wirtschaftspolitik anzustreben ist. Nicht die 10 Vgl. hierzu den oben S. 262, Anm. 1 zitierten Aufsatz von Willgerodt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.3.259 | Generated on 2023-04-04 11:32:06
277 Politik — Wirtschaft — Wissenschaft 21 Marktwirtschaft schlechthin, sondern ihre Verunstaltung durch Inflation und Monopolismus bringt die größten sozialen Ungerechtigkeiten mit sich. Der richtige Ansatzpunkt für eine Vervollkommnung der Marktwirtschaft ist aber nicht die Eigentums frage, sondern das Problem der Kapitalvernichtung durch den wirtschaftlichen Fortschritt. Beide Ideologien — sowohl die neoliberale als auch die sozialistische — bleiben unrealistisch, solange sie dieses zentrale Problem ignorieren. Und beide könnten sich einander wesentlich nähern, wenn sie hierbei zu gleichen oder ähnlichen Auffassungen gelangten, die dem Leitbild der sozialen Marktwirtschaft ein neues, wahrhaftigeres und glaubwürdigeres Gepräge verliehen. Ohne ein neues, korrigiertes Leitbild laufen wir Gefahr, ebenso wie der Osten „Opfer der eigenen Propaganda" zu werden, bleiben wir Gefangene unserer wirklichkeitsfremden Ideologien, über die die Wirklichkeit in Zukunft noich rücksichtsloser hinweggehen würde, als es bisher schon geschehen ist. Der Notwendigkeit einer solchen ideologischen Neuorientierung sollten sich auch die Gewerkschaften nicht entziehen. Zumindest als Alternative zu der jetzt von ihnen befolgten Politik, die für sie nicht ohne Gefahren ist und sie in eine Sackgasse zu führen droht, sollten sie eine wirtschaftsdemokratische Gewaltentrennung nach der Formel anstreben: ungeteilte Entscheidungsfreiheit der Unternehmer bei der Gestaltung der Produktion nach den Direktiven des Marktes — aber Mitwirkung der Arbeitnehmerschaft bei der Kontrolle und Durchsetzung eines marktgerechten Verhaltens der Unternehmer. Da letzteres aber nur bei einer neutralen Geldpolitik erfolgversprechend ist, müßten die Gewerkschaften auch ihr Faible für eine expansive Kreditpolitik aufgeben. Diese führt zwar zur Volloder gar zur Überbeschäftigung und stärkt damit die gewerkschaftliche Position bei Lohnverhandlungen, bringt die Gewerkschaften aber dem von ihnen angestrebten Ziel einer gerechteren Verteilung des Volkseinkommens nicht näher, sondern bewirkt eher das Gegenteil. Gewerkschaften und Arbeitnehmer sollten daher — wie einstmals — nicht nur gegen alle machtmäßigen, sondern auch gegen alle monetären Verfälschungen der Marktwirtschaft ankämpfen11. 11 Zur näheren Begründung der im Rahmen dieses Aufsatzes nur in groben Umrissen skizzierbaren Konzeption vgl. meine 17 Thesen: Wirtschaftsdemokratische Gewaltentrennung. Von der Konjunkturpolitik zur neuen Gesellschaftsordnung, in: Z. f. d. ges. Staatswiss., 115. Bd. (1959), S. 101 ff. und meine dort angeführten anderen Publikationen, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.3.259 | Generated on 2023-04-04 11:32:06
