Die Frau der europäischen Gegenwart
Abstract
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Full text
von Ungern, Roderich Article Die Frau der europäischen Gegenwart Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: von Ungern, Roderich (1960) : Die Frau der europäischen Gegenwart, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 80, Iss. 3, pp. 25-37, https://doi.org/10.3790/schm.80.3.25 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290945 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
281] 25 Die Frau der europäischen Gegenwart Von Roderich von Ungern-SternbergKirchzarten Die Frau des europäischen Kulturkreises steht gegenwärtig unverkennbar im Zeichen der Vermännlichung und einer entsprechenden Geisteshaltung. Dieser Eindruck drängt sich geradezu auf, tritt doch die Vermännlichung schon äußerlich in Erscheinung. Niemals zuvor haben Frauen des europäischen Kulturkreises und fast jeden Alters so viel Hosen getragen, sich das Haar so männlich zugestutzt, und zwar unabhängig von der Witterung und etwaiger sportlicher Betätigung. Niemals so viel allerorts geraucht, sich in eine Dunstwolke von Rauch gehüllt. Diese Mode, tyrannisch wie jede Mode, ist nicht zufällig entstanden: sie entspricht dem Verlangen der modernen, der „fortschrittlichen" Frauen, die Gleichberechtigung mit dem Mann auch im Äußeren zu betonen, eine Gleichberechtigung, die sie bekanntlich im Berufsleben und in der Politik erlangt haben. Wenden wir uns jetzt der Berufstätigkeit der Frau zu. Hier fällt vor allem in die Augen, daß, je höher die berufliche Qualifikation und Stellung und je verantwortlicher und exponierter sie ist, um so geringer die Zahl der anzutreffenden Frauen wird. In führenden Stellungen der Industrie, der Verwaltung, des Justizwesens und der Politik usw. gibt es auffallend wenig Frauen. Erst in den nachgeordneten Arbeitsbereichen, als ausführende Hilfskraft, nimmt die Frau an Zahl anteilsmäßig schnell zu. Wir lassen nun eine Statistik folgen, die Aufschluß gibt über den Umfang der weiblichen Erwerbstätigkeit in der Bundesrepublik (in Millionen ohne Berlin). Bevölkerung Erwer b s p e r s ) o n e n Insgesamt Männer Frauen Insgesamt Männer Frauen 1957 50,5 23,7 26,8 25,3 16,0 9,3 1950 47,7 22,4 25,3 22,1 14,1 7,9 Von je 100 Personen waren 1957 erwerbstätig von der männlichen Bevölkerung 68, von der weiblichen 35 Personen. 1950, 63 männliche OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.3.25 | Generated on 2023-04-04 11:28:58
26 Roderich von Ungern-Sternberg [282 und 31 weibliche. Mithin hat in der Zeit von 1950 bis 1957 die Zahl der in irgendeiner Weise erwerbstätigen Frauen anteilmäßig von 31 v.H. auf 35 v.H. zugenommen, oder in absoluten Zahlen von 7,9 Mill. auf 9,3 Mill. Von diesen 9,3 Mill. Frauen waren im Jahre 1950 rund 2,8 Mill. verheiratet1, hatten also neben ihrem „Beruf" noch fast alle einen Haushalt und einen Ehemann zu versorgen sowie größtenteils auch Kinder zu betreuen. Letztere werden allerdings heutzutage von den erwerbstätigen Frauen meist in einen Kindergarten abgeliefert, wenn sie nicht sich auf der Straße herumtreiben oder von einer Großmutter oder Nachbarin notdürftig überwacht werden. Solche Kindergärten bestehen heute nicht nur in den Städten, sondern neuerdings in zunehmender Zahl auch in Dörfern, besonders in solchen, die im Einzugsgebiet einer Großstadt liegen. Daß die erwerbstätigen Frauen in aufgerückten, leitenden Stellungen iselten anzutreffen sind, liegt gewiß vor allem daran, daß ein großer Teil von ihnen als Ehefrauen entweder ganz aus dem Berufsleben ausgeschieden oder nur halbtäglich erwerbstätig ist. Die unselbständige, nachgeordnete Arbeit, die der weitaus größte Teil der Frauen ausübt, berechtigt im Grunde gar nicht, den Ausdruck „Beruf" auf diese Tätigkeit anzuwenden, wenn man diesen Terminus in seiner ursprünglichen Bedeutung von „vocatio" versteht. Es handelt sich doch in den meisten Fällen lediglich um die Notwendigkeit oder den Drang, Geld zu verdienen, unabhängig davon, ob das Einkommen des Ehemanns für eine ortsüblich angemessene Lebenshaltung ausreicht und ob zu der betreffenden Tätigkeit eine Berufung oder gar Neigung besteht oder überhaupt gegeben sein kann nach der Art der Arbeit (am Fließband, an sonstigen Arbeiten bei der Bedienung von Maschinen und Apparaten). Worin liegt nun die Ursache der geringen Frauenzahl in führenden Stellungen? Die hierzu geeigneten sind doch nicht etwa allesamt in der Ehe aufgegangen? Vielmehr liegt diese Tatsache wohl im Wesen der Frau begründet, in ihrem Mangel an aktivistischem Willen zur Leitung, zum Tragen von geistig-seelisch belastender Verantwortung. Die Frau ist typischerweise nicht geneigt, ihren „Mann zu stehen", sie beharrt, selbst da, wo ihr hierzu Gelegenheit geboten wird, lieber in einer nachgeordneten Tätigkeit, ihrem zarter besaiteten Wesen entsprechend in solchen Stellungen, wo sie von der allzu rauhen Wirklichkeit des Erwerbslebens weniger berührt wird. Für dieses Verhalten ist u. a. bezeichnend, daß in der Sowjetunion, wo seit 43 Jahren jede rechtliche oder soziale Schranke in bezug auf weibliche Erwerbstätigkeit radikal beseitigt ist, in führenden Positionen Frauen doch selten hervortreten; es gibt auch in der Sowjetunion keine weiblichen Flug1 Statist. Jahrb. der Bundesrep. 1959 S. 33*, 1954 S. 25* u. 117. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.3.25 | Generated on 2023-04-04 11:28:58
283] Die Frau der europäischen Gegenwart 27 zeugführer, keine Schiffskapitäne, keine Orchesterdirigenten, keine weiblichen Leiter großer Industriebetriebe, keine Operateure usw. Nun ist es sicher völlig abwegig, in diesem Unwillen zur Führung ein Zeichen von Inferiorität zu sehen. Die erwähnte Tatsache deutet aber hin auf die grundlegende Eigenartigkeit und Andersartigkeit der Frau im Vergleich zum Mann, die nicht zu respektieren ein großer psychologischer Fehler ist, der aber heute oft begangen wird, zumal viele Frauen in der erwähnten Tatsache einen Mangel ihres Geschlechts sehen, eine Folge unzureichender Erziehung und Ausbildung, und sich bemühen, diesen angeblichen Mangel zu beheben, d. h. also auf eine verstärkte Vermännlichung der Frau hindrängen. Welches sind nun die Folgen des geschilderten Zustandes? Diese Folgen machen sich geltend erstens im Bereich des Gesundheitszustandes der Frauen, zumal dann, wenn sie von der doppelten Belastung Erwerbstätigkeit und Haushalt schwer bedrückt werden, und zweitens im Bereich der Ehe und Familie. Von den äußerlich in Erscheinung tretenden Folgen der Vermännlichung war bereits die Rede. Aber viel belangreicher sind die inneren, die charakterlichen Folgen. Die ins Erwerbsleben eingespannte, herumgestoßene Frau zeigt, verglichen mit dem Frauentyp der Zeit vor der Industrialisierung, als der Sog der Industrie und der Großstadt noch nicht zahlreiche weibliche Arbeitskräfte ergriffen hatte, — heute eine viel größere charakterliche Selbständigkeit, ein nüchternes Urteil und eine außerhäusliche Geschäftstüchtigkeit, kurz, sie ist ihrem ganzen Wesen nach vermännlicht, nicht selten bis zur Zwitterhaftigkeit. Diese Wesenswandlung kann natürlich nicht ohne Einfluß auf ihr Verhalten zum Mann, also vor allem im ganzen Bereich der Liebe sein, und somit auf die Eheund Familienverhältnisse. Bevor wir auf die gegenwärtigen Eheverhältnisse eingehen, ist es erforderlich, auf die Anschauungen hinzuweisen, die heute bei der Jugend beiderlei Geschlechts herrschen (vorherrschen). Diese sind grundverschieden von denen, die um die letzte Jahrhundertwende bestanden haben. Die damals vorherrschende Auffassung, es sei geboten, die erotische Begehrlichkeit bis zur Eheschließung aufzustauen, wird heute fast nur noch in wenigen religiös-kirchlich beeinflußten Kreisen vertreten und tatsächlich befolgt. Die Werbung, der Flirt, haben heute an Bedeutung verloren. Man tritt auch in der Liebe gewissermaßen geschäftsmäßig, „umgehend" sehr schnell in medias res. Die Vermännlichung der Frau hat dazu geführt, daß sie heute in der Werbung um den Mann unvergleichlich aktiver geworden ist als dazumal. Was früher nur vom Mann ausging und der Frau das Anstandsund Schamgefühl verboten, wird heute auch von Frauen unternommen. Die Prüderie ist stark im Schwinden begriffen, was sich auch darin äußert, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.3.25 | Generated on 2023-04-04 11:28:58
28 Roderick von Ungern-Sternberg [284 daß viele Frauen dem Manne gegenüber ihre erotischen Wünsche viel deutlicher erkennen lassen als ehedem, d. h. etwa um die Zeit der letzten Jahrhundertwende. Man wird aber wohl nicht fehlgehen, wenn man im Zusammenhang damit feststellt, daß die Frau hierdurch für den Mann nicht an Anziehungskraft, an Reiz und an Stärke der Inspiration gewonnen, sondern im Gegenteil in dieser ihrer eigentlichen Machtsphäre eher Einbuße erlitten hat. Welcher Mann kann heute, beim Gedanken an ein junges Mädchen unserer Tage, sich noch zu Gefühlen aufschwingen, denen Goethe im Jahre 1823, in seinem 74. Lebensjahr, in Gedanken an die 19jährige Ulrike von Levezow in folgenden Versen Ausdruck gegeben hat: „In unseres Busens Reine wogt ein Streben, Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten, Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben, Enträtselnd sich den ewig Ungenannten; Wir heißens fromm sein! Solcher seligen Höhe Fühl ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe." (Marienbader Elegie) Wer wäre heute noch fähig, seine Gefühle mit folgenden Strophen des von Franz Schubert vertonten „Ständchens" zu äußern: Leise flehen meine Lieder Durch die Nacht zu dir, In den stillen Hain hernieder Liebchen komm zu mir Viele Worte der Liebessprache früherer Generationen haben für die heutige Jugend ihren ursprünglichen Sinn so gut wie verloren: „Des Busens Sehnsucht", „Liebesschmerz" usw. Und welch eine Welt von Leiden und Freuden bedeuteten diese Worte vergangenen Generationen! An die Stelle dieser Gefühlsregungen ist selbst im Liebesbereich weitgehend nüchterne Sachlichkeit getreten. Und eine weitere „Verfallserscheinung" muß verzeichnet werden: der Kavalier stirbt aus und die Dame, Trägerin bestimmter gesellschaftlicher, traditioneller Formen und Verhaltensweisen schwindet. Welcher Mann ist heute noch bereit, sein Leben und sein Vermögen für eine Frau zu opfern? Selbst in Unkosten stürzt sich einer Frau wegen der moderne „Kavalier" nur selten. Vielfach wird noch der Anschein gewahrt, als ob „er" die Unkosten eines Balles, einer Reise usw. trüge. Tatsächlich ist nicht selten „sie" diejenige, die für die Unkosten ganz oder zum Teil aufkommt, wenn er gerade „nicht bei Gelde ist". Bei der Mehrheit der heutigen jugendlichen, ungefähr gleichaltrigen Männer und Frauen führt eine andauernde freundschaftliche OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.3.25 | Generated on 2023-04-04 11:28:58
285] Die Frau der europäischen Gegenwart 29 Begegnung meist in irgendeiner Weise zu einer intimen Annäherung (Petting!), weiter zu einem sexuellen Verkehr mit gleichzeitiger „Verlobung", denn „verlobt" gilt nur als „geprobt". Dieser Verlobtenverkehr ist seit jeher in vielen bäuerlichen Kreisen und in den Kreisen des ehemaligen großstädtischen Proletariats üblich. Oft wurde und wird eine Schwangerschaft von der Verlobten sogar erstrebt, bisweilen, wie es heißt, sogar von ihrer Mutter angeraten, weil dadurch „er" sich veranlaßt oder gar gezwungen sieht,, „sie" zu ehelichen2. Das geschieht selbst auf die Gefahr hin, daß „er" sich vor einer Ehe drückt, was allerdings meist als sehr schmachvoll gilt. Bei diesem Verhalten des weiblichen Teils geht man von dem Gedanken aus: ein tüchtiges junges Weib findet auch mit unehelichen Kindern einen, der sie zu heiraten bereit ist. Wie stark verbreitet der Verlobtenverkehr heutzutage ist, geht u.a. daraus hervor, daß nach Ermittelungen in der Bundesrepublik auf 100 Eheschließungen bei 23,3 bis 32,7 Bräuten Schwangerschaft festgestellt worden ist. Die letztere Ziffer bezieht sich auf Niedersachsen, die erstere auf Hamburg. In Niedersachsen erreichte der Anteil der bereits schwangeren Bräute in den Gemeinden mit weniger als 100 000 Einwohnern sogar 34,3 v.H.3. Die Ermittelung ist ganz einfach: weiß man das Geburtsdatum des Kindes und das der Eheschließung und rechnet dann zeitlich von dem Geburtsdatum 9 Monate zurück, dann erweist sich, ob die Konzeption vor oder nach der Eheschließung erfolgt ist. Die angegebenen Ziffern werden wohl für viele Länder Mittelund Nordeuropas Geltung haben. Wenn rund 34 v.H. der Bräute bereits schwanger in die Ehe treten, obwohl die ledigen Paare doch selbstverständlich meist sehr darauf bedacht sind, eine Schwangerschaft zu vermeiden, so kann man sich ungefähr vorstellen, ein wie großer Prozentsatz der Paare vor der Eheschließung bereits „geprobt" hat (80 bis 90 v.H.?). Seitdem M. Prevost, 1894, seinen Roman „Les demi-vierges" und V. Margueritte seinen Roman „La Garconne" veröffentlicht haben, wird die Zahl der Halbjungfern und der Junggesellinnen zweifellos zugenommen haben entsprechend der zunehmend gelockerten Sexualmoral. Die sexuell emanzipierte Junggesellin, die zu ihrem „Freund" weiter keinerlei seelische Bindungen hat, sondern lediglich die Befriedigung ihrer sexuellen Begehrlichkeit erstrebt, ist heute sicherlich viel häufiger anzutreffen als zu Anfang des Jahrhunderts, sogar in sozial aufgerückten Kreisen. Das „Verhältnis" war ehedem nicht bar einer gewissen Herzlichkeit und Dauerhaftigkeit („ dem sterbend seine 2 Näheres bei K. Horstmann: Schwangerschaft und Eheschließung, Referat auf dem Bevölkerungswiss. Kongreß, Wien 1959. 3 Siehe näheres bei K. Horstmann, a.a.O. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.3.25 | Generated on 2023-04-04 11:28:58
30 Roderich von Ungern-Sternberg [286 Buhe einen goldenen Becher gab" [Faust]), das hat sich heute im negativen Sinne geändert, frivolisiert. Unverkennbar haben die Beziehungen zwischen den Geschlechtern, im Vergleich zu der Zeit um die letzte Jahrhundertwende, sehr an Feinheit und Zartgefühl eingebüßt. Wir leben eben heute im Schatten einer nüchternen, gefühlsarmen Sachlichkeit auch in Dingen der Liebe. Es wäre indessen verfehlt, anzunehmen, unsere Zeit zeichne sich durch besonders lasterhafte Frivolität auf sexuellem Gebiete aus. Ein Blick in die Kulturgeschichte läßt erkennen, daß schon im 14. Jahrhundert (Boccacio! f 1375) und anschließend während der Renaissance, nachdem Savonarolas Feldzug gegen den Schönheitskult und die luxeria, 1498, in Florenz endgültig zusammengebrochen und Savonarola, dieser fanatische Exponent mittelalterlichen Geistes gehenkt und verbrannt worden war, eine sexuelle Libertinage um sich gegriffen hat und, unter der Losung „erlaubt ist, was gefällt" zugleich die Pflege der körperlichen Wohlgefälligkeit, unter Anwendung von Schönheitsmitteln, die keineswegs eine Errungenschaft der Gegenwart sind, Schule gemacht hat in ganz Europa, von den italienischen StadtStaaten ausgehend. Wie dann im 18. Jahrhundert, in Frankreich während der Regentschaft und der Regierung Ludwig XV. die Rokokomoral, mit der Parole „Vive la joie" mit Paris (Versailles) als Mittelpunkt, sich die ars amandi zu höchster Blüte entfaltet hat. In der Zeit des Directoire (1796—1799) hat dann die zu vollem Selbstbewußtsein und Reichtum aufgerückte Bourgeoisie Paris wieder zum Mittelpunkt erotischer Zügellosigkeit gemacht, eine Stellung, die diese Weltmetropole des Amüsierbetriebes zur Zeit des zweiten Kaiserreichs, in den 50er und 60er Jahren, wieder erneuert, und die Kokotte zeitweilig in der Kunst, Literatur (E. Zolas: „Nana") und auf dem Theater eine vordergründige Rolle gespielt hat. Wenn man sich das vergegenwärtigt, dann kommt man zu dem Schluß, daß allenthalben da, wo sich ein „Wirtschaftswunder" ereignet, Reichtum sich zusammenballt, die sexuelle Genußsucht üppig ins Kraut schießt. Dies ist auch heute in vielen Ländern Westeuropas der Fall. .Aber, wie seinerzeit in Paris, so hat auch heute die weitaus größte Mehrheit der Frauen mit diesem Amüsierbetrieb gar nichts gemein. In Paris rekrutiert sich das Kokottentum nicht nur aus Französinnen, sondern aus Zugezogenen aus allen Erdteilen und Ländern. Wie stark die Frühehe, bei der „sie" das 20. und „er" das 25. Lebensjahr noch nicht erreicht haben, zugenommen hat, geht schon daraus hervor, daß nach einer schwedischen Statistik, die kennzeichnend ist für europäische Verhältnisse, das durchschnittliche Heiratsalter der Erstehen schließenden Männer von 29,4 Jahren (1936/40) auf 27,8 im Jahre 1957 gesunken ist und das der Frauen von 26,5 auf 24,8. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.3.25 | Generated on 2023-04-04 11:28:58
287] Die Frau der europäischen Gegenwart 31 1948 waren in Schweden nur 3,9 von 1000 Erstehen der Männer, bei denen sie unter 19 Jahren alt waren; 1957 gehörten zu dieser Kategorie bereits 5,3 je 1000 Erstehen4. Die Zunahme der Frühehen, die wir allenthalben beobachten, beeinträchtigt zweifellos die Stabilität der Ehen, denn viele der allzu jungen Paare können gar nicht beurteilen, ob sie miteinander die erforderliche Verbundenheit bewahren können, um ein Leben lang alle Versuchungen, Enttäuschungen und sonstigen Fährnisse, die keinem Ehepaar erspart bleiben, zu überstehen fähig sind. Häufig tritt sehr bald klar zutage, daß man sich getäuscht hat. Wenn dann bereits Kinder vorhanden sind, ist eine Scheidung stets eine schwierige, nervenaufreibende Sache und für die minderjährigen Kinder ein sehr schlechter Lebensbeginn. Trotzdem ist die Scheidungshäufigkeit der Ehen von geringer Dauer vergleichsweise besonders groß. Hierzu trägt wesentlich bei, daß bei der heute vorherrschenden religiösen Indifferenz der Ehe die religios-kirchliche Weihe ermangelt. Trotzdem, ganz so abwegig ist die Frühehe doch nicht, denn für die jungen Männer ist sie insofern heilsam, als sie davon abhält, mit Prostituierten zu verkehren. Dies hat die günstige Folge, daß die Geschlechtskrankheiten in den letzten Jahrzehnten sehr zurückgegangen sind5, was in gesundheitlicher, aber auch gerade in moralischer Beziehung hoch zu bewerten ist. Jedoch wiegt das nicht die Nachteile auf, die für die Kinder aus einer geschiedenen Ehe und auch für die Frau erwachsen. Die geschiedene Frau trägt, auch wenn keine Kinder da sind, in der Regel seelisch an den Folgen einer unglücklichen Ehe und Scheidung schwerer als der Mann, obwohl heutzutage der Makel, welcher ehedem auf einer Geschiedenen geruht hat, längst nicht in früherer Schwere auf ihr lastet, ja gar nicht mehr vorhanden ist. Aber, abgesehen von den Frühehen, die aus den angeführten Gründen besonders fragwürdig hinsichtlich ihrer Stabilität erscheinen, hat das eheliche Treuverhältnis heutzutage sehr an Festigkeit eingebüßt. Die Eheschließung wird recht oft nicht mehr, wie ehedem, als ein für das ganze Leben verpflichtend geschlossener Bund gewertet. Nicht gering ist die Zahl der Ehen, die geschlossen werden mit dem stillschweigenden Vorbehalt: wenn das eheliche Zusammenleben sich nicht nach Wunsch gestalten sollte, man schon Mittel und Wege finden wird, um zu einer Scheidung zu gelangen. Diese Auffassung ist zweifellos eine Folge des Rückgangs der Religiosität, aber doch auch darauf zurückzuführen, daß die Frau heute sich viel selbständiger fühlt dem Manne gegenüber, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht, da sie als Arbeitskraft meist imstande ist, sich selbst auf dem Lebensniveau 4 Statist. Arsbok f. Schweden 1959, S. 26/27. 5 Siehe hierüber Genaueres in meiner Abhandlung in diesem Jahrbuch 1953, S. 74. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.3.25 | Generated on 2023-04-04 11:28:58
32 Roderich von Ungern-Sternberg [288 zu halten, welches ihren Ansprüchen mehr oder weniger genügen kann und außerdem eine zweite, ja dritte Ehe durchaus erzielbar ist. Gewiß war für den Ehemann der ehemalige Zustand, bei dem „sie" es für ihre Pflicht hielt, ihn bedingungslos zu umsorgen und sich ihm zu fügen, sehr viel angenehmer als der gegenwärtige „vermännlichte" Zustand der Ehefrau. Fragt sich bloß, ob der gegenwärtig bestehende oder angestrebte Zustand dem Wesen der Frau, ihrer natürlichen Hilfsund Pflegebereitschaft und Aufopferungswilligkeit sowie ihrem Anlehnungsbedürfnis entspricht, und ob die gepriesene Gleichberechtigung, die gesetzlich in der Bundesrepublik verankert ist (Gesetz vom 18. 6. 1957), sowie die ganze Vernüchterung und Versachlichung der ehelichen Beziehungen nicht im Grunde der typischen, nicht intellektualistisch verbildeten Frau, zumal in Deutschland, widerspricht und ihr unsympathisch ist, ob sie nicht „ ihm" ganz gerne die Leitung und Entscheidung in Familienangelegenheiten überläßt und sich in ihrem fraulichen Wirkungsbereich wohl fühlt. Steckt in diesem Gleichheitsberechtigungsstreben sowie in der gesetzlichen Ablehnung der ehemännlichen Letztentscheidung nicht doch eine allzuweit gehende Reaktion gegen den ehemaligen Zustand der völligen Unmündigkeit einer verheirateten Frau? Zweifellos „ehebrucht" der Ehemann häufiger als die Frau, eine Tatsache, die gewöhnlich mit seiner polygam gerichteten Natur begründet wird. Es unterliegt in der Tat keinem Zweifel, daß bei den meisten Männern die eheliche Treue nicht eine natürlich begründete Selbstverständlichkeit ist, sondern eine bewußte Haltung, die ihm von sittlichen Grundsätzen diktiert wird. An Verleitungen zur ehelichen Untreue fehlt es nicht, und seine polygame Natur regt ihn zum Wechsel des Partners in unvergleichlich höherem Grade an, als das bei der Frau der Fall ist. Aus diesem Grunde ist aber auch die eheliche Untreue des Mannes stets milder beurteilt worden als die der Frau. Selbst das bürgerliche Zeitalter — vom galanten des 17. und 18. Jahrhunderts ganz zu schweigen —, welches in den letzten Jahrhunderten doch unter starkem Einfluß des in sexuellen und ehelichen Fragen sehr strengen und sinnenfeindlichen Puritanismus und Pietismus gestanden hat, hat die Nebenfrau, die Maitresse, geduldet. Auch Luther« Ansichten über die Strenge der Einehe entsprechen nicht einem starren Ehedogma und der sinnenfeindlichen Auffassung, wie sie sich in der Folge in protestantischen Kreisen herausgebildet hat. Vor allem wetterte Luther bekanntlich gegen die „Nonnerey" und „Muncherey" und das angebliche „keuschen". Die Frau wird oft erst durch ihres Mannes ehebrecherisches Verhalten auf die glatteisige Bahn eines Ehebruches gestoßen und dazu veranlaßt, außer der Ehe ein freundschaftliches Verhältnis mit einem OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.3.25 | Generated on 2023-04-04 11:28:58
