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Mit Russlandhintergrund in Deutschland: Ansichten zu Politik, Gesellschaft und Geschichte

Krawatzek, Félix; Matevosyan, Hakob

Abstract

Menschen mit Russlandhintergrund in Deutschland sind in den letzten Jahren zunehmend in den öffentlichen und politischen Fokus gerückt. Ihr Wahlverhalten bei Bundestagswahlen hat Debatten darüber ausgelöst, warum Deutsche mit Russlandbezug verstärkt eine rechtspopulisische Partei unterstützen und inwiefern sie unter dem Einfluss russischer Propaganda stehen. Und spätestens seit Februar 2022 wird mit Misstrauen gefragt, wo die geopolitischen Loyalitäten der russischen Gemeinschaft liegen. Darüber hinaus sind Spaltungen innerhalb der russischen Gemeinschaft in Deutschland entstanden, die zwei grundlegend inkompatible Ansichten auf Russlands Rolle in globalen Konflikten widerspiegeln. Im Vergleich mit anderen Minderheiten sind Deutsche mit russischem Migrationshintergrund bisher relativ selten zu einem Thema in der Öffentlichkeit geworden. Dementsprechend gibt es nach wie vor wenige große Studien zu den politischen Ansichten dieser Bevölkerung. Dieser Report basiert auf einer 2024 durchgeführten Meinungsumfrage zu geschichtlichen, gesellschaftlichen und politischen Themen. Dabei wurden Menschen mit Russlandhintergrund sowie zum Vergleich Personen aus der allgemeinen deutschen Bevölkerung befragt. Die Studie widmet sich außerdem familiären Dynamiken bei der politischen Meinungsbildung, weshalb möglichst zwei Generationen einer Familie befragt wurden.

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ZOiS REPORT Nr. 5 / 2024 · November 2024 MIT RUSSLANDHINTERGRUND IN DEUTSCHLAND: ANSICHTEN ZU POLITIK, GESELLSCHAFT UND GESCHICHTE Félix Krawatzek, Hakob Matevosyan ZOiS Report 5 / 2024 Mit Russlandhintergrund in Deutschland: Ansichten zu Politik, Gesellschaft und Geschichte 2 Inhalt 2 ____ Zusammenfassung 4 ____ Einleitung 6 ____ Migration aus Russland und der ehemaligen Sowjetunion 7 ____ Mehrgenerationenstudie: Design 9 ____ Ergebnisse der Studie 9 _______ Gesellschaftspolitische Einstellungen 16 ______ Ansichten zu Geschichte 21 ______ Grenzüberschreitende Kontakte 25 ______ Politik in Familie und Freundeskreis 27 ___ Schlussfolgerungen 29 ___ Impressum Zusammenfassung Menschen mit Russlandhintergrund in Deutschland sind in den letzten Jahren zunehmend in den öffentlichen und politischen Fokus gerückt. Ihr Wahlverhalten bei Bundestagswahlen hat Debatten darüber ausgelöst, warum Deutsche mit Russlandbezug verstärkt eine rechtspopulisische Partei unterstützen und inwiefern sie unter dem Einfluss russischer Propaganda stehen. Und spätestens seit Februar 2022 wird mit Misstrauen gefragt, wo die geopolitischen Loyalitäten der russischen Gemeinschaft liegen. Darüber hinaus sind Spaltungen innerhalb der russischen Gemeinschaft in Deutschland entstanden, die zwei grundlegend inkompatible Ansichten auf Russlands Rolle in globalen Konflikten widerspiegeln. Im Vergleich mit anderen Minderheiten sind Deutsche mit russischem Migrationshintergrund bisher relativ selten zu einem Thema in der Öffentlichkeit geworden. Dementsprechend gibt es nach wie vor wenige große Studien zu den politischen Ansichten dieser Bevölkerung. Dieser Report basiert auf einer 2024 durchgeführten Meinungsumfrage zu geschichtlichen, gesellschaftlichen und politischen Themen. Dabei wurden Menschen mit Russlandhintergrund sowie zum Vergleich Personen aus der allgemeinen deutschen Bevölkerung befragt. Die Studie widmet sich außerdem familiären Dynamiken bei der politischen Meinungsbildung, weshalb möglichst zwei Generationen einer Familie befragt wurden. ZOiS Report 5 / 2024 Mit Russlandhintergrund in Deutschland: Ansichten zu Politik, Gesellschaft und Geschichte 3 Die zentralen Ergebnisse der Studie lauten wie folgt: – Wahlberechtigte mit Russlandhintergrund nehmen deutlich seltener an Wahlen in Deutschland teil als die allgemeine Bevölkerung. Dadurch sind ihre Ansichten auch nur bedingt im deutschen politischen Prozess repräsentiert. Ihre politische Gesinnung unterscheidet sich von der deutschen Bevölkerung insgesamt durch eine höhere Unterstützung für das Bündnis Sahra Wagenknecht und die Alternative für Deutschland (AfD). – Im deutlichen Gegensatz zur allgemeinen deutschen Vergleichsgruppe sind Befragte mit Russlandhintergrund häufiger der Meinung, dass nicht nur Russland an der Eskalation des Krieges gegen die Ukraine Schuld trägt und stimmen eher der Aussage zu, dass Russland in der internationalen Politik ein Gegengewicht zu westlichen Mächten bilden muss. – In gesellschaftlichen Belangen zeigen sich die Befragten mit Russlandhintergrund deutlich konservativer als die allgemeine deutsche Bevölkerung. – Bei der Vermittlung geschichtlichen Wissens spielt für Befragte mit Russlandhintergrund die Familie neben Büchern und Filmen eine wichtige Rolle. Die allgemeine deutsche Bevölkerung erachtet dagegen die Schulbildung als deutlich einflussreicher. – Divergenzen im Geschichtsverständnis sind immer wieder Teil politischer Spannungen zwischen Russland und Deutschland. Auf gesellschaftlicher Ebene zeigen sich Spuren dieser Kluft in großen Unterschieden im geschichtlichen Wissen zwischen der allgemeinen deutschen Bevölkerung und Menschen mit Russlandhintergrund. – Die Zeit in der Sowjetunion nach Stalins Tod wird von Befragten mit Russlandhintergrund in der Mehrheit negativ bewertet. Insbesondere wird diese Epoche mit fehlenden politischen Freiheiten sowie wirtschaftlichen Einschränkungen in Verbindung gebracht. Gleichzeitig gibt es eine Gruppe von etwa einem Fünftel der Befragten mit russischem Hintergrund, die ausschließlich positive Aspekte mit den Jahren nach 1953 assoziieren. – Verbindungen ins familiäre Heimatland sind bei den Befragten mit russischem Migrationshintergrund nicht der Regelfall. Knapp ein Drittel der Stichprobe hat noch Verbindungen zu Familienmitgliedern und Freund*innen in Russland. Die Generation der Kinder hat deutlich weniger solcher Verbindungen. Reisen nach Russland sind unter Jung und Alt selten. – Russischsprachige Netzwerke in Deutschland sind für Befragte wichtig, um sich über private und gesellschaftliche Themen auszutauschen. Dabei gibt es jedoch klare Unterschiede zwischen den Generationen. Während die ältere Generation russischsprachige Gesprächspartner*innen besonders für private und politische Gespräche schätzt, misst die jüngere Generation ihnen weniger Bedeutung bei. ZOiS Report 5 / 2024 Mit Russlandhintergrund in Deutschland: Ansichten zu Politik, Gesellschaft und Geschichte 4 Einleitung Seit der Bundestagswahl 2017 wenden politische Kommentator*innen den deutschen Staatsbürger*innen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion vermehrt ihre Aufmerksamkeit zu.1 Insbesondere unter den circa drei Millionen Russlanddeutschen gibt es eine erhöhte Affinität zur AfD, eine Tendenz, die sich seit 2017 verstärkt hat.2 Die AfD hat in Wahlkreisen mit einer besonders hohen Dichte an Russlanddeutschen signifikant höhere Stimmanteile erzielt,3 in einer Bevölkerungsgruppe, die lange Zeit mehrheitlich für die CDU/CSU gestimmt hatte.4 Zudem spielt der Einfluss russischer Propaganda eine Rolle, wenn es darum geht, die Unterstützung russischsprachiger Menschen für die AfD zu verstehen. Um Einfluss zu gewinnen, schafft Russland, ähnlich wie andere autoritäre Regime, aktiv transnationale kommunikative Räume. Vor allem unter den postsowjetischen Migrant*innen in Deutschland sind diese Räume durch antiliberale und antiwestliche Positionen charakterisiert, die sich an den offiziellen russischen Staatsdiskursen orientieren.5 Lange Jahre wurde die deutsche Bevölkerung mit Russlandhintergrund als „unsichtbar” bezeichnet, eine Situation, die sich vor allen Dingen im Kontext der Bundestagswahl 2017 änderte.6 Als Resultat der vollumfänglichen Invasion der Ukraine im Jahr 2022 sind Menschen mit einem postsowjetischen Migrationshintergrund und ihre politischen sowie gesellschaftlichen Ansichten weiter ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.7 1 Wir bedanken uns bei Jannis Panagiotidis, Tatiana Golova, Johanna Mogwitz, Gwendolyn Sasse und Sophia Winkler für hilfreiche Kommentare und Unterstützung bei der Aufarbeitung der Umfragedaten. 2 Siehe zur Einordnung Dennis Christopher Spies, Sabrina Jasmin Mayer, Jonas Elis und Achim Goerres, ‚Why Do Immigrants Support an Anti-immigrant Party? Russian-Germans and the Alternative for Germany’, West European Politics 46 no. 2, (2022): 275 – 299, S. 275; Achim Goerres, Dennis Christopher Spies und Sabrina Jasmin Mayer, ‚Deutsche mit Migrationshintergrund bei der Bundestagswahl 2017: Erste Auswertungen der Immigrant German Election Study zu Deutschtürken und Russlanddeutschen’ (Universität Duisburg-Essen 2018), sowie Andreas M. Würst, ‚Politische Präferenzen von Menschen mit Migrationshintergrund’, 28. November 2022 https://www.bpb.de/themen/migration-integration/kurzdossiers/515078/politische-praeferenzenvon-menschen-mit-migrationshintergrund/. 3 Peter Doerschler, Jannis Panagiotidis, ‚„Alternative für Russlanddeutschland“? Russlanddeutsche SpätaussiedlerInnen und die AfD’, in Rechtspopulismus in Deutschland: Wahlverhalten in Zeiten politischer Polarisierung, herausgegeben von Heinz Ulrich Brinkmann, Karl-Heinz Reuband (Wiesbaden: Springer, 2022), S. 447; ebenfalls Achim Goerres, Sabrina Jasmin Mayer und Dennis Christopher Spies, ‚Immigrant Voters against their Will: A Focus Group Analysis of Identities, Political Issues and Party Allegiances among German Resettlers during the 2017 Bundestag Election Campaign’, Journal of Ethnic and Migration Studies 46 no. 7, (2020): 1205 – 1222, S. 1219. 4 Sabrina Jasmin Mayer, Achim Goerres, Dennis Christopher Spies, Manuel Diaz Garcia und Jonas Elis, ‚Surveying Immigrant-Origin Voters in a Post-Migrant Society: The First Immigrant German Election Study, 2017’, Electoral Studies 89, (2024): 1 – 8, S. 2. 5 Tatiana Golova, ‚Post-Soviet Migrants in Germany, Transnational Public Spheres and Russian Soft Power’‚ Journal of Information Technology & Politics 17, no. 3, (2020): 249 – 267, S. 263 – 264. 6 Rina Soloveitchik, ‚Little Russia’‚ Berlin Policy Journal, 1. März 2017, https://berlinpolicyjournal. com/little-russia/. 7 Maria Mitrov, ‚Zwischen den Stühlen: Putins Krieg in der Ukraine spaltet die Russlanddeutschen. Über eine Einwanderergruppe, die heute mehr denn je mit ihrer Identität kämpft’, ZEIT Online, 22. April 2024 https://www.zeit.de/2024/17/russlanddeutsche-identitaet-ukraine-kriegwladimir-putin-alexej-nawalny. ZOiS Report 5 / 2024 Mit Russlandhintergrund in Deutschland: Ansichten zu Politik, Gesellschaft und Geschichte 5 In dieser widersprüchlichen Gemengelage legt dieser ZOiS Report das Augenmerk auf Personen mit einem russischen Migrationshintergrund.8 Im Zentrum unseres Ansatzes stehen Menschen, die in der multiethnischen Russischen Föderation (beziehungsweise vor 1991 der Russischen Sowjetrepublik) sozialisiert wurden. Der Fokus ist somit enger als die gesamte russischsprachige Bevölkerung, welche Menschen aus Belarus, der Ukraine, Kasachstan, dem Baltikum oder anderen Ländern beinhaltet. Ebenso wenig ist er auf sogenannte „Russlanddeutsche“ begrenzt, die aus sowjetischen Nachfolgestaaten migriert sind und sich durch deutsche Elemente in ihrer Familienbiografie auszeichnen.9 Die Verbindung zu Russland ist für uns von besonderem Interesse, da es sich hierbei um einen heute international selbstbewusst auftretenden Akteur handelt, der aktiv Gesellschaftsentwürfe propagiert, die von denen in den meisten Ländern Westeuropas abweichen und dabei gezielt Russland wohlgesonnene Personen anspricht.10 Dieser Report basiert auf einer gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut dimap ausgearbeiteten und von Frühling bis Frühsommer 2024 durchgeführten Umfrage. Hierbei handelt es sich um eine der wenigen Studien in dieser Größenordnung zu Menschen mit Russlandhintergrund in Deutschland. Zur besseren Einordnung beinhaltet die Umfrage eine Stichprobe der Gesamtbevölkerung. Wir verwenden darüber hinaus zur vergleichenden Einordnung Daten des Integrationsbarometers des Sachverständigenrats für Integration und Migration, des Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), einer Umfrage unter russischsprechenden Menschen aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion der Boris-Nemzow-Stiftung11 sowie einer Schnellbefragung von DeZIM zu Reaktionen auf den Ukrainekrieg.12 8 Wir verwenden die Begriffe „russischer Hintergrund“, „Russlandhintergrund“ und „russischstämmig“ synonym um Personen aus der Russischen Föderation zu bezeichnen. Damit geht keinerlei ethnische Festlegung einher. Sauberer wäre somit der Begriff „russländisch“, der jedoch zu sperrig ist um hier verwendet zu werden. Für eine begriffliche Diskussion, siehe Jannis Panagiotidis, ‚Postsowjetische Migranten in Deutschland. Perspektiven auf eine heterogene „Diaspora“’, Bundeszentrale für Politische Bildung, 10. März 2017, https://www.bpb.de/shop/ zeitschriften/apuz/243862/postsowjetische-migranten-in-deutschland-perspektiven-auf-eineheterogene-diaspora/. 9 György Dalos, Geschichte der Russlanddeutschen: von Katharina der Grosen bis zur Gegenwart (München: C.H. Beck, 2016); Viktor Krieger, Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler: Eine Geschichte der Russlanddeutschen (Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2015). 10 Moritz Pieper, ‚Russkiy mir: The Geopolitics of Russian Compatriots Abroad’, Geopolitics, 25, no. 3 (2020): 756 – 779. 11 Boris Nemtsov Foundation’s survey: Russian-speaking Germans, Boris Nemtsov Foundation for Freedom, 14. November 2016, https://nemtsovfund.org/en/2016/11/boris-nemtsov-foundations-survey-russian-speaking-germans. 12 Sabrina Jasmin Mayer, Almuth Lietz, Jörg Dollmann, Madeleine Siegel und Jonas Köhler, ‚Reaktionen auf den Ukraine-Krieg. Eine Schnellbefragung des DeZIM.panels’, DeZIM.insights Working Paper 1, (Berlin: Deutsches Zentrum für Integrationsund Migrationsforschung (DeZIM), 2022). Im Zentrum stehen in der multiethnischen Russischen Föderation oder Sowjetrepublik sozialisierte Menschen. ZOiS Report 5 / 2024 Mit Russlandhintergrund in Deutschland: Ansichten zu Politik, Gesellschaft und Geschichte 6 Migration aus Russland und der ehemaligen Sowjetunion Ein Großteil der jüngsten Migration aus der ehemaligen Sowjetunion und Russland nach Deutschland fand zwischen den späten 1980er-Jahren und Mitte der 2000er-Jahre im Zuge des Zusammenbruchs der Sowjetunion statt.13 Als größte Einwanderungsgruppe in Deutschland betrug ihre Zahl im Jahr 2019 etwa 3,5 Millionen, darunter circa 40 % mit Verbindungen zur Russischen Föderation, mehr als ein Viertel aus Kasachstan und 10 % aus der Ukraine.14 Das Migrationsmuster aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion ist durch drei unterschiedliche Gruppen geprägt: erstens die russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler und ihre Familien, die durch ihre deutsche Abstammung das Recht erhielten, nach Deutschland umzusiedeln; zweitens etwa 220.000 jüdische Kontingentflüchtlinge, welche zwischen 1991 und 2005 im Rahmen eines Quotensystems nach Deutschland aufgenommen wurden mit dem Ziel, die jüdischen Gemeinden wiederzubeleben,15 und drittens sind seit der vollumfänglichen Invasion der Ukraine etwa 1,2 Millionen Menschen aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet. Die Präsenz russischer Migrant*innen in Deutschland ist ein beständiges Thema im politischen und gesellschaftlichen Diskurs, insbesondere im Hinblick auf die aktuellen geopolitischen Spannungen. Gleichzeitig ist hervorzuheben, dass die Integration von Menschen mit russischem Hintergrund in vielen Bereichen weit fortgeschritten ist.16 Viele unter ihnen haben die deutsche Staatsbürgerschaft, wodurch eine Teilhabe am politischen Leben in Deutschland möglich ist. Auch zeigen Zahlen zur Arbeitsmarktintegration, den wirtschaftlichen Verhältnissen sowie den Bildungsabschlüssen geringe Unterschiede zur nichtmigrantischen deutschen Bevölkerung. Sowohl einige Facetten der erfahrenen Marginalisierung der russischstämmigen Bevölkerung als auch ihre kulturellen Spezifika haben in den letzten Jahren Einzug in die kulturelle Landschaft Deutschlands gehalten. So gibt es Produktionen wie den Podcast „Steppenkinder“, der sich dem Phänomen der Spätaussiedler widmet oder eine Reihe von teilweise autobiographischen Romanen, die sich mit der Gewaltgeschichte russlanddeutscher Biographien auseinandersetzen. Gewalterfahrungen bei russischstämmigen Familien sind darüber hinaus häufig Teil der älteren Familiengeschichte und werden dementsprechend als weniger virulent angesehen. Dadurch werden sie im familiären Gedächtnis nicht unbedingt aktiv weitergegeben. 13 Jannis Panagiotidis, Postsowjetische Migration in Deutschland: Eine Einführung (Weinheim: Beltz Juventa, 2021), S. 17. 14 Panagiotidis, Postsowjetische Migration, S. 57, siehe auch Migration und Integration, Bevölkerung mit Migrationshintergrund, DESTATIS Statistisches Bundesamt, https://www.destatis.de/ DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Migration-Integration/Publikationen/_publikationen-innen-migrationshintergrund.html. 15 Panagiotidis, Postsowjetische Migration, S. 47 – 52. 16 Nils Friedrichs, Johannes Graf, Integration gelungen? Lebenswelten und gesellschaftliche Teilhabe von (Spät-)Aussiedlerinnen und (Spät-)Aussiedlern, SVR-Studie 2022-1 (Berlin, 2022). Die Integration von Menschen mit russischem Hintergrund ist in vielen Bereichen weit fortgeschritten. ZOiS Report 5 / 2024 Mit Russlandhintergrund in Deutschland: Ansichten zu Politik, Gesellschaft und Geschichte 7 Mehrgenerationenstudie: Design Das übergeordnete Ziel der Studie ist es, ein besseres Verständnis der deutschen Bevölkerung mit Russlandhintergrund im Vergleich zur übrigen Bevölkerung zu gewinnen. Dementsprechend besteht die Stichprobe aus einem – im Verhältnis zur Allgemeinbevölkerung – überproportionalen Anteil an Befragten mit Bezug zu Russland.17 Als russischer Hintergrund wurde im Rahmen dieser Studie folgende Definition angelegt: – Für Teilnehmende im Alter von 35 Jahren oder älter (Elterngeneration): Die primäre Sozialisierung hat in der Russischen Föderation (vor oder nach 1991) stattgefunden. Das heißt der befragte Elternteil muss die meiste Zeit zwischen dem 7. und 18. Lebensjahr in (Sowjet-)Russland verbracht haben. – Für Teilnehmende im Alter von 18 bis 34 Jahren (Generation der jungen Erwachsenen): Die Sozialisierung hat primär in Deutschland stattgefunden. Die Familie muss vor dem 11. Lebensjahr des Befragten nach Deutschland umgezogen sein und mindestens ein Elternteil muss die Definition der russischstämmigen Elterngeneration erfüllen. Darüber hinaus ist es das Ziel des Forschungsvorhabens, als eine der ersten Studien überhaupt familiäre Dynamiken unter der Bevölkerung mit Russlandhintergrund und der allgemeinen Bevölkerung besser zu verstehen. Aus diesem Grund wurden jeweils zwei Mitglieder der selben Familie zur Teilnahme eingeladen, nämlich eine Person aus der Elterngeneration sowie eine weitere aus der Generation der jungen Erwachsenen. Rekrutiert wurde über beide Generationen und nach erfolgreichem Abschluss der Umfrage wurden die Teilnehmer*innen darum gebeten, die jeweils fehlende Generation zur Studie einzuladen, ohne Vorgaben zum Geschlecht. Es lag an der zuerst befragten Person zu entscheiden, ob sie ihre Mutter, ihren Vater oder welches der Kinder sie einlädt. Vom durchführenden Umfrageinstitut wurden darüber hinaus Erinnerungen verschickt. Die Umfrage wurde gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut dimap entwickelt und durchgeführt. Gemeinsam mit dimap wurde ein auf die Zielgruppe zugeschnittener Fragebogen entwickelt, extensiv getestet und anschließend an potentielle Umfrageteilnehmer*innen versendet.18 Der Fragebogen konnte auf Deutsch oder Russisch ausgefüllt werden. Im Durchschnitt dauerten die Interviews etwa 30 Minuten. Die Umfrage wurde von Frühling bis zum Frühsommer 2024 durchgeführt. Die Gesamtstichprobe umfasst etwa 2.000 Befragte, wovon knapp unter 500 Personen einen 17 Félix Krawatzek, Hakob Matevosyan, ‚Methodological Note on Germany’, https://osf.io/ckjv7/. 18 Die Datenerhebung in der allgemeinen deutschen Bevölkerung lief trotz des ambitionierten Studiendesigns reibungslos und konnte vollständig unter Verwendung des payback Panels abgeschlossen werden. Die Rekrutierung unter der älteren Generation mit russischem Hintergrund war jedoch mit größeren Schwierigkeiten verbunden, wodurch verschiedene Zugänge zu der Zielgruppe zu wählen waren. Schlussendlich wurde eine Kombination verschiedener online Panel, Rekrutierung per Telefon sowie eine gezielte Kampagne auf den sozialen Medien durchgeführt. In der Analyse kontrollieren wir für die Art der Rekrutierung. Ziel des Forschungsvorhabens ist es auch, familiäre Dynamiken besser zu verstehen. ZOiS Report 5 / 2024 Mit Russlandhintergrund in Deutschland: Ansichten zu Politik, Gesellschaft und Geschichte 8 Russlandhintergrund haben. Des weiteren sind in der Stichprobe 525 dyadische Interviews aus der allgemeinen Bevölkerung und 90 aus der Bevölkerung mit Russlandhintergrund enthalten, während der Rest Einzelinterviews sind, entweder mit der Elterngeneration oder der Generation der jungen Erwachsenen. In Anbetracht einer herausfordernden Zielgruppe sind einige methodische Einschränkungen zu unterstreichen. Es handelt sich um keine im strengen Sinne repräsentative Stichprobe insbesondere mit Blick auf die Bevölkerung mit Russlandhintergrund. Dies bedeutet, dass die Einsichten zu diesem Segment der deutschen Bevölkerung nicht unbedingt das komplette Meinungsbild abbilden. Mit dieser Einschränkung im Hinterkopf ist hervorzuheben, dass durch die verschiedenen Zugänge zur Zielgruppe mit Russlandbezug eine einzigartige Bandbreite an Personen an der Studie teilnahm und die Validität der Ergebnisse dadurch erhöht wird. Charakteristika der Stichprobe Die Befragten aus der allgemeinen Bevölkerung verfügen über verschiedene kulturelle Hintergründe. Neben knapp 90 % der gebürtig deutschen Eltern sind die am häufigsten vertretenen anderen Ursprungsländer in der Elterngeneration Kasachstan (einschließlich der Sowjetrepublik), die Türkei und Polen. Ein kleinerer Teil der Eltern kommt aus Italien, der Ukraine und Vietnam. Mit Blick auf den Bildungsstand zeigt sich in unserer Stichprobe unter der älteren Generation mit russischem Hintergrund ein hohes Bildungsniveau; annähernd die Hälfte verfügt über einen Hochschuloder Fachhochschulabschluss. In unserer Stichprobe der allgemeinen Bevölkerung trifft dies auf etwas mehr als ein Viertel zu. Der Bildungsstand unserer Stichprobe der zweiten Generation Russischstämmiger ist etwas geringer als in der Elterngeneration und befindet sich in etwa auf dem Niveau der gleichaltrigen allgemeinen deutschen Bevölkerung. Der hohe Bildungsstand ist häufig ein Erbe der Sozialisierung in der Sowjetunion, wobei die Forschung hier erhebliche Unterschiede zwischen den Untergruppen hervorgehoben hat. So verfügen jüdische Kontingentflüchtlinge in der Regel über das höchste Bildungsniveau, Spätaussiedler*innen haben vielfältigere Bildungshintergründe, die von einer Berufsausbildung bis hin zu einem Universitätsabschluss reichen. Da es schwierig ist, ausländische Bildungsabschlüsse in Deutschland anerkennen zu lassen, arbeiten Migrant*innen anfangs nicht selten unter ihrem Qualifikationsniveau.19 Bei den angegebenen Gehältern zeigen sich in unserer Stichprobe nur geringe Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen. Dies deckt sich mit Daten des Mikrozensus, die zeigen, dass sich die Haushaltseinkommen zwischen der Bevölkerung aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion und der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund angenähert haben. Trotzdem bleibt das Pro-Kopf-Einkommen der postsowjetischen Bevölkerung aufgrund von im Durchschnitt größeren Haushalten niedriger.20 19 Panagiotidis, Postsowjetische Migration, S. 61 – 63. 20 ibid. S. 73 – 75. ZOiS Report 5 / 2024 Mit Russlandhintergrund in Deutschland: Ansichten zu Politik, Gesellschaft und Geschichte 9 Die Beschäftigungsquote für postsowjetische Migrant*innen lag im Jahr 2021 bei etwas unter 82 %, geringfügig unter dem Niveau der Menschen ohne Migrationshintergrund (85 %) und über dem der Bevölkerung mit anderem Migrationshintergrund (76 %).21 Die Erwerbsquote ist seit 2005 kontinuierlich angestiegen, um 2019 ihr aktuelles Niveau zu erreichen. Unter den russlanddeutschen Spätaussiedler*innen ist sie mit circa 86 % noch höher.22 Unsere Stichprobe reflektiert diese Tendenz mit einer Beschäftigungsquote von etwa 80 %. Im Vergleich zur allgemeinen deutschen Bevölkerung sticht bei der russischstämmigen Stichprobe in der Elterngeneration der hohe Anteil an freien, akademischen und technischen Berufen hervor sowie von Berufen in der höheren Verwaltung und im Management. Ergebnisse der Studie Gesellschaftspolitische Einstellungen Bei der Frage danach, wie gut oder schlecht demokratische Institutionen in Deutschland funktionieren, herrscht unter den Befragten mit und ohne russischen Hintergrund weitestgehend Übereinstimmung. Mehrheitlich werden diese Institutionen als gut funktionierend bewertet, insbesondere von Menschen mit höherem Einkommen und einem höheren Bildungsstand. Beim Wahlsystem sind drei Viertel aller Befragten dieser Ansicht, bei der Polizei und dem Rechtssystem sind es knapp zwei Drittel. Ähnlich hielt die Boris-Nemzow-Stiftung 2016 fest, dass zwei Drittel der russischsprachigen Bevölkerung mit der Demokratie in Deutschland zufrieden ist.23 Kritisch wird hingegen die aktuelle Bundesregierung gesehen. Mehr als 70 % der Befragten geben an, dass diese eher schlecht oder sogar sehr schlecht funktioniere und ähneln darin der allgemeinen Bevölkerung.24 Es ist hervorzuheben, dass Befragte mit russischem Hintergrund im Alter von 18 bis 34 Jahren am häufigsten der Meinung sind, dass das Wahlsystem eher schlecht oder sehr schlecht funktioniere (ein Drittel aller Befragten, in der Elterngeneration mit Russlandhintergrund sind 20 % dieser Ansicht). Aber auch das Rechtssystem oder die Polizei schneiden bei den Jüngeren schlechter ab. Für Schlagzeilen hat in den letzten Jahren das Wahlverhalten von „Russlanddeutschen“ gesorgt.25 Unsere Daten zeigen, dass die Wahlbeteiligung der zweiten Generation mit russischem Hintergrund deutlich geringer ist als im Rest der Stichprobe. Gefragt ob sie üblicherweise an der Bundestagswahl teilnehmen, geben etwa 15 % der jüngeren Befragten mit russischem 21 Friedrichs, Graf, Integration gelungen?, S. 26. 22 Panagiotidis, Postsowjetische Migration, S. 26, siehe auch Viktoria Morasch, ‚Das Versprechen von einer besseren Zukunft: (Spät-)Aussiedler:innen und der deutsche Arbeitsmarkt’, ostklick, https://www.ost-klick.de/arbeitsmarkt-russlanddeutsche/. 23 Boris Nemtsov Foundation, Russian-speaking Germans, S. 5. 24 Diese Zahlen decken sich in etwas mit dem ARD-DeutschlandTREND vom Mai 2024, hier stellte infratest dimap in einer repräsentativen Befragung fest, dass sogar knapp 80 % mit der Arbeit der Bundesregierung eher oder sehr unzufrieden sind. ARD-DeutschlandTREND Mai 2024, infratest dimap, https://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundesweit/ard-deutschlandtrend/2024/mai/. 25 So beispielsweise Jan Friedmann, ‚Russlanddeutsche in der AfD: Rechtsruck in „Klein-Moskau“’, Spiegel Politik, 9. September 2017, https://www.spiegel.de/politik/deutschland/afd-warum-diepartei-bei-russlanddeutschen-so-beliebt-ist-a-1166915.html. Demokratische Institutionen in Deutschland werden mehrheitlich als gut funktionierend bewertet. ZOiS Report 5 / 2024 Mit Russlandhintergrund in Deutschland: Ansichten zu Politik, Gesellschaft und Geschichte 16 Konservative gesellschaftliche Ansichten Sei es die Frage, ob und wie gegendert wird, inwiefern gleichgeschlechtliche Ehen traditionellen gleichzustellen sind oder nicht-binäre geschlechtliche Identitäten anerkannt oder abgelehnt werden sollten – derartige Themen polarisieren die deutsche wie auch andere Gesellschaften. Um Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen zu verstehen, haben wir gefragt, inwiefern Männer in Deutschland die Freiheit haben sollten, Kleider, Make-up und Nagellack zu tragen. Im Vergleich zu den jeweiligen Altersgenossen sind Befragte mit russischem Hintergrund deutlich ablehnender, mit Unterschieden von mehr als einem Punkt auf einer 10-Punkte-Skala. Jüngere Befragte mit russischem Hintergrund stimmen der Aussage häufiger zu (Durchschnittswert 6,5) als ihre Eltern (Durchschnittswert 5). Jüngere Befragte in der allgemeinen Bevölkerung zeigen sich toleranter mit einem Durchschnittswert von 7,5 – unter der Elterngeneration in der allgemeinen Bevölkerung liegt der Wert in etwa bei 6,5. Darüber hinaus ist zu unterstreichen, dass diese Frage erheblich polarisiert und eine weite Streuung der Antworten vorliegt – beispielsweise drücken knapp 20 % der jüngeren Befragten mit russischem Hintergrund eine vollständige Ablehnung dahingehender Freiheiten aus, wohingegen annähernd 40 % vollständig zustimmen – in der jüngeren allgemeinen Bevölkerung stimmen knapp 50 % der Aussage vollständig zu. Insgesamt haben Frauen sowie Menschen mit höherer Bildung bei dieser Frage deutlich tolerantere Ansichten. Die Antworten zur Frage, ob unsere Befragten bereit wären, eine Person in ihren Haushalt aufzunehmen, die sich weder als Mann noch als Frau identifiziert, ähneln den Ergebnissen der vorherigen Frage. Bei dieser Frage, die sich nun nicht auf den öffentlichen, sondern auf den privaten Raum der Familie bezieht, zeigt sich insbesondere bei älteren Befragten, die in Russland sozialisiert wurden, eine deutlich kritischere Haltung. Knapp 40 % von ihnen äußern eine eindeutig ablehnende Haltung – ein Wert, der in der allgemeinen Bevölkerung weitaus niedriger ist. Jüngere Befragte mit russischem Hintergrund ähneln in ihren Ansichten im Durchschnitt wieder der Elterngeneration in der allgemeinen Bevölkerung. Ein Drittel der befragten Familien sind sich in ihrer Sichtweise auf das Thema einig, bei dem Rest haben die jungen Erwachsenen andere Ansichten als ihre Eltern. Diese Frage polarisiert also insbesondere unter den russischstämmigen Befragten beider Generationen stark. Ansichten zu Geschichte Wie die Ereignisse der Vergangenheit erzählt werden und welche Bedeutung man ihnen beimisst, steht in einem engen Zusammenhang zu den politischen Ansichten. Dementsprechend ist die Vermittlung von geschichtlichem Wissen ein elementarer Bestandteil der schulischen Bildung und in vielen Ländern Teil der citizenship education (politische Bildung oder Staatsbürgerkunde). Bei der Frage, woher sie ihr geschichtliches Wissen beziehen, zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen den Befragten mit russischem Hintergrund und der allgemeinen Bevölkerung. In unserer allgemeinen Stichprobe der deutschen Bevölkerung geben über 40 % der 18bis 34-Jährigen die Schule als Hauptort geschichtlicher Wissensvermittlung an, unter den Älteren sind es knapp ein Drittel. Am zweithäufigsten werden Geschichtsbücher, Filme und Romane (von knapp 20 % Im Vergleich zu den jeweiligen Altersgenossen sind Befragte mit russischem Hintergrund konservativer. ZOiS Report 5 / 2024 Mit Russlandhintergrund in Deutschland: Ansichten zu Politik, Gesellschaft und Geschichte 17 der jüngeren Befragten) beziehungsweise die Eltern (von etwas mehr als 10 % der jüngeren Befragten) genannt. Dagegen sticht bei der russischstämmigen Bevölkerung neben der Schulbildung (von knapp unter einem Drittel genannt) die Wichtigkeit der Eltern (circa 20 %) sowie von Büchern und Filmen hervor (von knapp einem Viertel der 18bis 34-Jährigen genannt). Dieser Unterschied unter den jungen Erwachsenen ist auffallend und deutet daraufhin, dass das Elternhaus unter der russischen Bevölkerung möglicherweise mehr Autorität in puncto Geschichtsvermittlung hat. Der Zweite Weltkrieg, und insbesondere der Holocaust, sind in vielen westlichen Staaten ein zentrales Element der schulischen Bildung und der öffentlichen Erinnerungskultur. Um dem Wissen zum Zweiten Weltkrieg in unterschiedlichen Teilen der Bevölkerung nachzugehen, widmeten auch wir zwei Fragen unserer Studie diesem Thema. Erstens interessierte uns das Wissen um die Zahl der im Holocaust ermordeten Juden. Auf die Frage, wie viele der vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Europa lebenden 9,5 Millionen Juden im Holocaust ermordet wurden, wählten circa 6 % aller Befragten, dass dies niemand so richtig wisse, weitere 5 %, dass es ein kleiner Anteil gewesen sei und weitere 5 %, dass sie die Antwort nicht wissen. Die restlichen Befragten gaben die korrekte Antwort. Unter den älteren Menschen mit russischem Migrationshintergrund geben annähernd 8 % an, die Antwort nicht zu wissen. Hervorzuheben ist, dass es zwischen den jüngeren Menschen mit russischem Hintergrund und ihren Altersgenossen in der allgemeinen Bevölkerung keinen Unterschied gibt. In Anbetracht eines gesellschaftlichen Diskurses über das vermeintliche Unwissen junger Menschen zum Thema Holocaust und einer Zunahme an antisemitischen Übergriffen zeigen unsere Ergebnisse auch, dass generationelle Unterschiede beim Wissen um den Holocaust keine große Rolle spielen. Zudem unterstreichen unsere Daten eher, dass auch in der jungen Generation ein hohes Interesse an dieser geschichtlichen Zeit vorherrscht. Während das Wissen um die Opfer des Holocausts für die sogenannte kosmopolitische Erinnerung des globalen Westens prägend ist,37 hat der Kreml in jüngster Zeit versucht, den 27. Januar auch ins Zentrum der russischen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zu holen. Der Kreml betont dabei die Heldentaten der Roten Armee und das Leid der sowjetischen Bevölkerung. Im Jahr 1944 endete an diesem Tag die Leningrader Blockade und 1945 wurde an diesem Tag das Vernichtungslager Auschwitz durch die Rote Armee befreit.38 Seit 2023 werden allerdings keine Repräsentant*innen des russischen Staates mehr zur jährlichen Gedenkfeier in Auschwitz eingeladen. Als Gegenreaktion darauf wurde am 27. Januar 2024 eine Gedenkstätte für die Opfer des nationalsozialistischen Genozids während des Großen Vaterländischen Krieges eingeweiht und die Blockade von Leningrad als Genozid 37 Daniel Levy, Natan Sznaider, ‚Memory Unbound: The Holocaust and the Formation of Cosmopolitan Memory’, European Journal of Social Theory 5, no. 1 (2022): 87 – 106. 38 Die Instrumentalisierung dieses Aspekts des 2. Weltkriegs ist jüngeren Datums, siehe auch Светлана Тиханкина, ‚Что в России помнят (и что забыли) об освобождении Освенцима’, decoder, 27. Januar 2022, https://www.dekoder.org/ru/gnose/chto-v-rossii-pomnyat-i-chtozabyli-ob-osvobozhdenii-osvencima. Der Kreml betont die Heldentaten der Roten Armee und das Leid der sowjetischen Bevölkerung. ZOiS Report 5 / 2024 Mit Russlandhintergrund in Deutschland: Ansichten zu Politik, Gesellschaft und Geschichte 18 bewertet.39 Als Teil der tiefgreifenden Entfremdung zwischen Russland und dem Westen haben sich somit auch Geschichtsnarrative noch weiter voneinander entfernt. Unsere Daten unterstreichen, dass das Wissen um die Befreiung von Auschwitz bei 80 % der von uns befragten und in Russland sozialisierten Personen vorhanden ist, bei der Generation der Kinder bei unter 60 %. In der allgemeinen deutschen Bevölkerung wissen knapp die Hälfte der älteren und 40 % der jüngeren Befragten, welche Armee Auschwitz befreit hat. Mehr als ein Viertel aller Befragten der allgemeinen Bevölkerung geben an, dass es die amerikanischen Streitkräfte gewesen seien. Die Unterschiede zwischen der russischstämmigen und der allgemeinen Bevölkerung deuten auf tiefere Unterschiede im Geschichtswissen hin. Assoziationen mit der Sowjetunion Auf die Frage nach Assoziationen mit der Sowjetunion in den Jahren zwischen dem Tod Josef Stalins 1953 und dem Beginn der Perestroika 1986 fällt auf, dass in allen Gruppen negative Assoziationen überwiegen. Knapp die Hälfte aller Umfrageteilnehmenden nennt sogar ausschließlich negative Assoziationen. Besonders häufig sind dies Menschen, die die Idee von Demokratie als Regierungsform deutlicher unterstützen. Knapp 15 % der Befragten wählen sowohl eine positive als auch eine negative Assoziation, eine ähnlich große Gruppe ausschließlich positive Assoziationen. Die Gruppe mit ausschließlich positiven Assoziationen besteht überwiegend aus russischstämmigen Menschen, trotz oder gerade wegen ihrer persönlichen Erfahrungen der Sowjetzeit. Etwa 20 % der Befragten mit russischem Hintergrund gehört dazu (bei den älteren Befragten noch etwas mehr), während dieser Wert in der allgemeinen deutschen Bevölkerung bei knapp über 10 % liegt. Insbesondere ältere Befragte nennen Assoziationen wie wirtschaftliche Stabilität, gesellschaftliche Gleichheit oder die internationale Bedeutung der UdSSR. Zu den negativen Aspekten zählt vor allem der Mangel an politischer Freiheit, was sowohl in der allgemeinen Bevölkerung als auch in der russischstämmigen Bevölkerung am häufigsten genannt wird. Etwa jeder fünfte Befragte in allen Gruppen erwähnt die fehlenden wirtschaftlichen Freiheiten, wobei auffällt, dass dieser Aspekt von den jüngeren Befragten mit russischem Hintergrund seltener genannt wird. Zudem ist bemerkenswert, dass ein Drittel der jüngeren Befragten mit russischem Hintergrund keine Antwort gibt – der mit Abstand höchste Anteil in allen Gruppen. Es ist auch bei anderen Fragen auffällig, dass jüngere Befragte mit Russlandhintergrund Fragen ausweichen. GRAFIK 6 39 ‚Открытие мемориала мирным жителям СССР – жертвам нацистского геноцида в годы Великой Отечественной войны’, President of Russia, 27. Januar 2024, http://kremlin.ru/ events/president/news/73334, ebenfalls ‚Организаторам и участникам мероприятий, приуроченных к Международному дню памяти жертв Холокоста и 78-й годовщине освобождения Красной армией узников концлагеря Аушвиц-Биркенау (Освенцим)’, President of Russia, 27. Januar 2023, http://www.kremlin.ru/events/president/letters/70400. Die Gruppe mit ausschließlich positiven Assoziationen mit der Sowjetunion besteht überwiegend aus russischstämmigen Menschen. ZOiS Report 5 / 2024 Mit Russlandhintergrund in Deutschland: Ansichten zu Politik, Gesellschaft und Geschichte 19 GRAFIK 6 Was verbinden Sie mit der Zeit zwischen 1953, dem Tod Stalins, und 1985, als Gorbatschow an die Macht kam? (Russlandhintergrund) / Welche Assoziationen haben Sie mit der Sowjetunion? (allgemeine Bevölkerung) Quelle: ZOiS-Umfrage Frühling / Sommer 2024 Elterngeneration Junge Erwachsene Prozent aller Nennungen Elterngeneration Junge Erwachsene Russlandhintergrund allgemeine Bevölkerung ZOiS Report 5 / 2024 Mit Russlandhintergrund in Deutschland: Ansichten zu Politik, Gesellschaft und Geschichte 20 Emotionen und Geschichte Geschichte hat das Potenzial starke Emotionen zu wecken, insbesondere in der filmischen, künstlerischen oder musealen Darstellung. Dementsprechend interessierte uns, welche Emotionen mit Geschichte verbunden werden, und wir haben nach den folgenden Ereignissen gefragt: der Wiedervereinigung Deutschlands (1989 – 90), Deutschlands Beitrag zur europäischen Einheit, dem deutschen Überfall auf Polen und Beginn des 2. Weltkriegs, dem NS-Völkermord an der jüdischen Bevölkerung und dem Völkermord an den Herero und Nama (1904 – 1908). Bei einer Reihe dieser Ereignisse gibt es große Übereinstimmung zwischen den Bevölkerungsgruppen. Den Holocaust verbindet eine überwältigende Mehrheit mit Scham und Sorge, die deutsche Wiedervereinigung wird überwiegend mit Hoffnung und Stolz verbunden. Einige Unterschiede sind bei diesen beiden Ereignissen nichtsdestotrotz hervorzuheben. Russischstämmige Befragte assoziieren den NS-Völkermord sowie den deutschen Einmarsch in Polen und den damit verbundenen Ausbruch des Zweiten Weltkriegs häufiger mit Angst als die allgemeine deutsche Bevölkerung. Letztere nennt dagegen öfter Scham als vorherrschende Assoziation. In Anbetracht der möglichen Verstrickungen der eigenen Vorfahren in nationalsozialistisches Unrecht erschließt sich dieser Unterschied und ist ein Indiz für die Wichtigkeit familiärer Erfahrungen für Geschichtsbilder. Über 10 % der russischstämmigen Befragten stehen der Wiedervereinigung gleichgültig gegenüber – ein Wert der auch bei den jüngeren Befragten in der Allgemeinbevölkerung bei knapp 10 % steht. Wenn Personen in Deutschland gefragt werden, welche Ereignisse besonderes relevant für sie als Deutsche sind, dann sticht die Wichtigkeit der deutschen Wiedervereinigung ins Auge. Knapp die Hälfte aller Befragten nennen dieses Ereignis als das wichtigste für ihr Selbstverständnis als Deutsche. Unterschiede zwischen den Generationen sowie der russischstämmigen und der allgemeinen Bevölkerung sind wenig relevant. Darüber hinaus sticht bei den jüngeren Teilnehmenden mit russischem Hintergrund die häufige Nennung des Holocausts hervor. Dieser Aspekt ist insofern auffallend, als dass eine frühere Studie des Deutschen Jugendinstituts festgestellt hat, dass Menschen mit sowjetischem Migrationshintergrund anfälliger für Antisemitismus sind.40 Weiterhin ist die Hierarchie der Ereignissen bemerkenswert, da frühere Studien, beispielsweise die MEMOStudie der EVZ, die insgesamt größere Wichtigkeit von Ereignissen aus dem Kontext des Nationalsozialismus identifiziert hat und erst an zweiter Stelle die Wiedervereinigung.41 In unserer Stichprobe zeigt sich hingegen ein durch positive Ereignisse geprägter Blick auf Geschichte – die Wiedervereinigung sowie der deutsche Beitrag zur europäischen Integration. 40 Frank Greuel, Michaela Glaser, Ethnozentrismus und Antisemitismus bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund: Erscheinungsformen und pädagogische Praxis in der Einwanderungsgesellschaft (Halle: Deutsches Jugendinstitut e. V., Außenstelle Halle, Abt. Jugend und Jugendhilfe, 2012), S. 5. 41 MEMO-Studie zur Erinnerungskultur in Deutschland, Erinnerung Verantwortung Zukunft, https://www.stiftung-evz.de/was-wir-foerdern/handlungsfelder-cluster/bildenfuer-lebendiges-erinnern/memo-studie/. Russischstämmige Befragte assoziieren den NS-Völkermord sowie den deutschen Einmarsch in Polen und den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs häufiger mit Angst. ZOiS Report 5 / 2024 Mit Russlandhintergrund in Deutschland: Ansichten zu Politik, Gesellschaft und Geschichte 21 Grenzüberschreitende Kontakte Verbindungen zu unmittelbaren Familienangehörigen in Russland sowie anderen Verwandten sind in unserer Stichprobe bei einem knappen Drittel aller Personen mit russischem oder anderem Migrationshintergrund vorhanden. Wird bei der jeweiligen Elterngeneration die Verbindung durch Freundschaften ebenfalls von einem knappen Drittel genannt, so ist dies unter der zweiten Generation nur noch bei 15 bis 20 % der Fall. Es sind somit weniger Verbindungen als 2016 die Nemzow-Stiftung unter russischsprachigen Menschen identifizierte.42 Wirtschaftliche Verbindungen (beispielsweise der Besitz von Immobilien oder wirtschaftlichen Investments) sind in allen Gruppen selten und bei den von uns befragten russischstämmigen Personen bei unter 5 % vorhanden, bei Menschen mit anderem Migrationshintergrund geringfügig häufiger. Unter denjenigen, die familiäre oder freundschaftliche Verbindungen in ihr familiäres Heimatland haben, gibt es einen regelmäßigen Austausch. GRAFIK 7 Knapp 40 % der älteren Befragten mit russischem Hintergrund geben an, wöchentlich im Kontakt mit diesen Personen zu stehen. Unter den jüngeren Befragten sind es nur knapp über 10 %. Ein Drittel der jüngeren Generation mit russischem Hintergrund steht nur noch zu bestimmten Anlässen mit 42 In der Nemzow Studie gaben 40 % freundschaftliche und 52 % familiäre Verbindungen an. Boris Nemtsov Foundation, Russian-speaking Germans, S. 4. Ein Drittel der jüngeren Generation mit russischem Hintergrund hat nur noch zu bestimmten Anlässen mit der Familie im Herkunftsland Kontakt. GRAFIK 7 Wie oft hatten Sie in den letzten 12 Monaten Kontakt zu ... Quelle: ZOiS-Umfrage Frühling / Sommer 2024 Elterngeneration (Russlandhintergrund) Junge Erwachsene (Russlandhintergrund) n = 284 n = 136 ... Familienangehörigen in Russland? ... Freunden in Russland? ZOiS Report 5 / 2024 Mit Russlandhintergrund in Deutschland: Ansichten zu Politik, Gesellschaft und Geschichte 22 der Familie in Verbindung, was unterstreicht, wie sehr familiäre Bindungen im Laufe der Zeit abschwächen. Die kleine Gruppe (circa 15 %) der Befragten mit bestehenden freundschaftlichen Kontakten im familiären Ursprungsland sind mit diesen Personen hingegen häufig in Kontakt, in der Tendenz mindestens monatlich. Es fällt auf, dass die Unterschiede zwischen der ersten und zweiten Generation bei Menschen mit einem anderem Migrationshintergrund deutlich weniger ausgeprägt sind. Diese Gruppe steht in einem häufigeren Austausch mit Freunden und Familie im Heimatland. Bei den älteren Befragten geben hier knapp 50 % an, wöchentlich mit Familienmitgliedern in Kontakt zu stehen, unter den jüngeren Befragten sind es 40 %. Der sehr seltene Austausch nur zu bestimmten Anlässen wird nur von 15 % der jüngeren Befragten mit einem anderen Migrationshintergrund als dem russischen genannt. Auch freundschaftliche Kontakte werden bei zwei Drittel der Befragten mit Freunden im familiären Heimatland mindestens monatlich gepflegt. Unsere Daten unterstreichen bemerkenswerte generationelle Unterschiede bei der Frage, wie viel Zeit in den letzten fünf Jahren in Russland verbracht wurde. Eine knappe Mehrheit der älteren und knapp zwei Drittel der jüngeren russischstämmigen Generation waren innerhalb der letzten fünf Jahre überhaupt nicht in Russland. Demgegenüber stehen nur knapp 10 % der Befragten, die angeben dort mehr als drei Monate gewesen zu sein. Bei der zweiten Generation ist dieser Wert verschwindend gering. Diese Werte zeigen sicherlich die Schwierigkeit, nach Russland zu reisen in einer Zeit geprägt durch die Covid19-Pandemie sowie den Krieg in der Ukraine. Und wenn auch die tatsächlichen Reisen nach Russland selten sind, so gibt ein größerer Teil der Befragten mit Russlandhintergrund an, dass sie darüber nachdenken, mehr als sechs Monate im Ausland zu wohnen, als in der allgemeinen Bevölkerung (knapp 40 % unter den Jüngeren mit Russlandhintergrund, im Vergleich zu 30 % in der allgemeinen Bevölkerung). Aktivitäten der russischsprachigen Gemeinschaft in Deutschland Mit Blick auf spezielle kulturelle oder sportliche Freizeitaktivitäten der russischstämmigen Bevölkerung in Deutschland ist insgesamt festzuhalten, dass diese für unsere Befragten von begrenzter Relevanz sind. Ein Fünftel der Befragten gibt an, nie an derartigen Veranstaltungen teilzunehmen, ein knappes Drittel tut dies selten, wobei insbesondere die zweite Generation im Vergleich zu ihren Eltern wenig involviert ist. Im Gegensatz dazu nehmen Befragte mit einem anderen migrantischen Hintergrund deutlich öfter an derartigen Veranstaltungen teil – unter der zweiten Generation geben annähernd 20 % an, dies häufig zu tun, unter den russischstämmigen Befragten gerade einmal 5 %. Als häufigster Grund für eine Nichtteilnahme wird fehlendes Interesse genannt. Samstagsschulen oder außerschulischen Aktivitäten für „heritage speaker“ sind ein Anzeichen dafür, dass besonders die Eltern kleiner Kinder Angebote nachfragen, bei denen Kultur und Sprachkenntnisse vermittelt werden und man sich mit anderen Personen aus dem gleichen Kulturraum austauschen kann. Knapp ein Drittel aller Befragten der Elterngeneration mit russischem Hintergrund gibt an, dass ihr Kind als Jugendliche*r an derartigen Aktivitäten teilgenommen hat, unter den migrantischen Befragten mit einem anderen Hintergrund als dem russischen ist dies knapp ein Viertel. Als häufigsten Grund geben die Eltern mit russischem Hintergrund den Spracherwerb an (gut ein Drittel), von den restlichen Befragten mit Migrationshintergrund wird darüber hinaus der Erwerb von Geschichtskenntnissen häufig genannt (von knapp 20 %). Als häufigsten Grund gibt die zweite Generation selbst das ZOiS Report 5 / 2024 Mit Russlandhintergrund in Deutschland: Ansichten zu Politik, Gesellschaft und Geschichte 23 Knüpfen neuer Freundschaften an (von knapp einem Drittel) sowie den Spracherwerb. Fragen der Vermittlung von Kultur oder geschichtlichem Wissen werden unter den Kindern russischer Eltern nur selten genannt. Relevanz der russischen Sprache Um die Wichtigkeit von Kontakten mit anderen russischstämmigen Menschen in Deutschland einordnen zu können, baten wir die Umfrageteilnehmenden darum, für eine Reihe von Situationen anzugeben, wie wichtig es ihnen wäre, sich an eine*n russischsprachige*n Mitbürger*in in Deutschland zu wenden. Hier sind deutliche Unterschiede zwischen den abgefragten Situationen hervorzuheben sowie Nuancen zwischen den Generationen. Gefragt wurde nach den folgenden Situation: einen neuen Job finden, einen Arzt suchen, über familiäre Probleme sprechen, über Politik diskutieren sowie das Schulsystem verstehen (für Befragte mit Kindern). Die größte Bedeutung werden Kontakten zu russischsprachigen Mitbürger*innen für die Diskussion privater aber auch politischer Angelegenheiten zugemessen. Knapp die Hälfte in der älteren Generation gibt an, es für sehr oder eher wichtig zu halten, Familienangelegenheiten mit andern russischsprachigen Mitbürger*innen zu diskutieren, ein Wert, der bei der jüngeren Generation bei einem Drittel liegt. An zweiter Stelle liegen Kontakte zu anderen russischsprachigen Mitbürger*innen für die Diskussion politischer Themen. Deutlich mehr als ein Drittel in der Elterngeneration gibt an, dass sie diese für eher oder sehr wichtig halten, ein Wert, der bei der zweiten Generation hingegen nur noch bei 20 % liegt. Die Wichtigkeit, die der Muttersprache zugemessen wird, ist somit vom Kontext abhängig. GRAFIK 8 A Mit Blick auf die Suche nach einem geeigneten Arzt, die Orientierung im Schulsystem oder die Suche nach einem neuen Job setzt sich der Unterschied zwischen erster und zweiter Generation fort. Für die Orientierung im Gesundheitsund Bildungssystem werden russischsprachige Kontakte von einem Drittel der Elterngeneration als eher oder sehr wichtig angesehen, für eine neue Arbeitsstelle sind es knapp 20 %. In der zweiten Generation liegt der Wert hinsichtlich der Orientierung im Gesundheitssystem und auf dem Arbeitsmarkt bei etwa 25 %, für Orientierung im Bildungssystem jedoch auch bei knapp 30 %. GRAFIKEN 8 B + C Diese Daten zeigen, dass die russischsprachigen Netzwerke weiterhin als privilegierte Informationsquelle für persönliche und gesellschaftliche Belange angesehen werden. Die Daten zeigen auch, dass die Wichtigkeit russischsprachiger Kontakte für Frauen sowie für Befragte mit engeren familiären und freundschaftlichen Kontakten nach Russland besonders groß ist. Außerdem ist hervorzuheben, dass auch die zweite Generation in einigen Situation russischsprachige Gesprächspartner*innen besonders schätzt. Im Kontext von Migration sind für die Vermittlung der eigenen Sprache mitunter besondere Anstrengungen notwendig. Insofern interessierten wir uns für die Sprache, die Umfrageteilnehmende mit migrantischem Hintergrund üblicherweise in Gesprächen mit verschiedenen Personen verwenden. In der zweiten Generation geben knapp die Hälfte der Befragten mit russischem Hintergrund an, mit der Mutter oder dem Vater normalerweise Russisch zu sprechen. Dieser Wert liegt deutlich höher als bei den befragten Personen mit einem anderen Migrationshintergrund in Über 80 % der jüngeren Befragten sprechen überwiegend Deutsch mit ihren Kindern. ZOiS Report 5 / 2024 Mit Russlandhintergrund in Deutschland: Ansichten zu Politik, Gesellschaft und Geschichte 24 GRAFIK 8 Wenn Sie an die folgenden Situationen denken, wie wichtig ist es für Sie, sich an einen russischsprachigen Mitbürger in Deutschland zu wenden? A Über Politik diskutieren B Einen neuen Job finden C Das Schulsystem verstehen Elterngeneration (Russlandhintergrund) Junge Erwachsene (Russlandhintergrund) n = 356 Quelle: ZOiS-Umfrage Frühling / Sommer 2024 Deutschland, von denen fast 60 % angeben, eher Deutsch mit ihren Eltern zu sprechen. Geht es um die eigenen Kinder, also die dritte Generation, so verliert die russische Sprache stark an Bedeutung – über 80 % der jüngeren Befragten sprechen überwiegend Deutsch mit ihren Kindern. Ein ähnliches Muster zeigt sich auch bei anderen Migrant*innengruppen. Die Schwierigkeit, die russische (oder auch eine andere) Herkunftssprache in der zweiten Generation weiterhin zu verwenden, zeigt sich ebenso bei der Frage nach der Sprache, die üblicherweise mit Geschwistern gesprochen wird. Nur etwa 10 % sowohl der russischstämmigen Befragten als auch der Befragten mit anderem Migrationshintergrund sprechen die jeweilige Herkunftssprache mit ihren Geschwistern. Auch bei der Partnerwahl zeigt sich, dass Russisch selten die alltägliche Sprache ist. In der zweiten Generation geben nur noch 10 % an, mit ihrer Partnerin oder ihrem Partner Russisch zu sprechen, ein Wert, der bei der Elterngeneration bei 50 % liegt. Menschen mit unmittelbarer eigener Migrationserfahrung behalten somit ihre Herkunftssprache auch in Deutschland eher bei, was sich jedoch in der zweiten Generation grundlegend ändert. Diese Tendenzen sind bei anderen Migrantengruppen ähnlich. GRAFIK 9 ZOiS Report 5 / 2024 Mit Russlandhintergrund in Deutschland: Ansichten zu Politik, Gesellschaft und Geschichte 25 Quelle: ZOiS-Umfrage Frühling / Sommer 2024 GRAFIK 9 Welche Sprache sprechen Sie normalerweise mit ... Deutsch Russisch Andere Sprache n = 170 Junge Erwachsene (Russlandhintergrund) Elterngeneration (Russlandhintergrund) n = 186 Politik in Familie und Freundeskreis Diskussionen mit der Familie werden als ein entscheidendes Element für die politische Sozialisierung angesehen. Kinder entwickeln ihr Interesse und ein erstes Verständnis von Politik durch Diskussionen mit den Eltern, welche ein Leben lang prägend sind, auch wenn ihre Ansichten im Laufe der Zeit in Frage gestellt werden. Wir fragten die Elternund Kindergeneration, wie häufig politische Diskussionen im Jugendlichenalter auf einer Skala von 1 bis 10 (1 nie, 10 sehr häufig) stattfanden. Mit Durchschnittswerten von knapp unter 5, etwas geringer unter jungen Erwachsenen mit Russlandhintergrund, ähnelten sich die verschiedenen Gruppen in dieser Hinsicht. In der Verteilung zeigen sich noch unterschiedliche Dynamiken: Ein Kern von knapp 10 % der Elterngeneration mit russischem Hintergrund gibt sehr häufige Diskussionen an, ein Wert der deutlich über der allgemeinen deutschen Bevölkerung liegt. Auf der anderen Seite sind es ein Viertel der befragten russischstämmigen Eltern, welche angeben, zu Hause sehr selten über Politik diskutiert zu haben, ein Wert der deutlich über der allgemeinen deutschen Bevölkerung liegt. Trotz solcher unterschiedlich wahrgenommenen Häufigkeiten politischer Diskussion ist das Elternhaus prägend für ein späteres politisches Interesse. Zusätzlich zur Häufigkeit der Diskussionen fragten wir die Generation der jungen Erwachsenen auch, mit wem sie im Alter von etwa 14 Jahren am ehesten über Politik diskutierten. GRAFIK 10 Hier sticht auf den ersten Blick bei der allgemeinen Bevölkerung die Wichtigkeit der Väter heraus – knapp die Hälfte Von russischstämmigen Befragten wurde der Freundeskreis häufiger als Ort für politische Diskussionen in der Jugend genannt.