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Beihefte zum Ortsfamilienbuch Murrhardt Band 1 Andreas Kozlik Das Ortsfamilienbuch Murrhardt ein Forschungsprojekt zwischen Genealogie und Regionalgeschichte Backnang 2025 DOI: 10.5281/zenodo.15055302
2 Die Reihe Beihefte zum Ortsfamilienbuch Murrhardt (Herausgeber: Andreas Kozlik) dokumentiert Quellen, Studien und Forschungsergebnisse, die im Umfeld des Projekts Ortsfamilienbuch Murrhardt entstanden sind. Die Beihefte vertiefen einzelne Aspekte der Bevölkerungsund Stadtgeschichte Murrhardts und möchten dadurch zum besseren Verständnis der historischen Entwicklung Murrhardts beitragen. Die Reihe wird als Open-Access-Publikation veröffentlicht. 1. Auflage (November 2025) Der Autor freut sich über Hinweise, Ergänzungen und Anregungen zum Ortsfamilienbuch Murrhardt: [email protected] Diese Publikation erscheint im Open Access unter der Lizenz Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0). Die Lizenz gestattet Nutzung, Weitergabe und Bearbeitung bei angemessener Nennung der Urheberschaft. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de
Andreas Kozlik: Das Ortsfamilienbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055302 3 1. Einleitung Ortsfamilienbücher sind wichtige Grundlagenwerke für die historische und genealogische Forschung. Anhand des umfangreichen Datenmaterials ist es möglich, neue Erkenntnisse über die Geschichte der Stadt und ihrer Bevölkerung zu gewinnen: Sie erfassen systematisch Familienzusammenhänge innerhalb eines Ortes über längere Zeiträume hinweg und erschließen damit demografische, soziale und wirtschaftliche Entwicklungen in ihrer lokalen Ausprägung. In ihrer idealtypischen Form dokumentieren sie für jede im Ort wohnhaft gewesen Familie die Abfolge von Eheschließungen, Geburten und Todesfällen, rekonstruieren verwandtschaftliche Beziehungen und bieten dadurch die Möglichkeit, diese Angaben in den lokalen historischen Kontext einzuordnen. Damit tragen Ortsfamilienbücher zur historischen Tiefenschärfe sozialer Strukturen bei und ermöglichen Einsichten in demographische Entwicklungen, Wanderungsbewegungen oder lokale Netzwerke, die weit über die reine Ahnenforschung hinausgehen. Ortsfamilienbücher besitzen darüber hinaus einen herausragenden Stellenwert für die Historische Demographie. Hierfür bieten sich zwei Verfahren an: Die aggregative Methode, bei der die Einträge der Taufen, Heiraten und Sterbefälle monatlich und jährlich zusammengefasst und statistisch ausgewertet werden und die nominale Methode der Familienrekonstitution, bei der die familiären Bezüge für die Personen des Untersuchungszeitraums rekonstruiert werden 1 . Die aggregative Methode kann mit je nach Ortsgröße überschaubarem Aufwand angewendet werden und ermöglicht bereits erste wichtige Erkenntnisse. Zur Sterblichkeit im 18. Jahrhundert liegt für Murrhardt bereits eine Studie vor 2 , die Murrhardter Geburtenraten wurden für das 16. und 17. Jahrhundert untersucht 3 . Weitergehende Fragestellungen sind aber erst in der Kombination mit der nominalen Methode der Familienrekonstitution möglich 4 . Für 1 Zur Historischen Demographie allgemein: Thomas Sokoll und Rolf Gehrmann: Historische Demographie und quantitative Methoden. In: Michael Maurer (Hrsg.): Aufriß der Historischen Wissenschaften. Bd. 7: Neue Themen und Methoden der Geschichtswissenschaft. Stuttgart 2003, S. 152-229; zur Region um Murrhardt speziell: Andreas Kozlik: Demographische Entwicklungen in der Frühen Neuzeit an Hand von Beispielen aus den Pfarreien Murrhardt und Backnang. In: Carsten Kottmann, Bernhard Trefz (Hrsg.): Glaube, Bildung, Gesellschaft. Backnang 2006, S. 69-84. 2 Andreas Kozlik: Über die Sterblichkeit in Württemberg während des 18. Jahrhunderts. Gesamtüberblick und neue Beispiele aus den Pfarreien Backnang und Murrhardt. In: Württembergisch Franken 88. 2004, S. 159-192. 3 Gerhard Fritz: Die Entwicklung der Geburten in Murrhardt, Backnang und Winnenden. In: Backnanger Jahrbuch 21. 2013, S. 83-99. 4 Als mustergültiges Beispiel für eine gelungene Ortsstudie auf Basis der historischen Demographie gilt weiterhin Hans Medick: Weben und Überleben in Laichingen 1650-1900. Göttingen 1997.
Andreas Kozlik: Das Ortsfamilienbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055302 4 Murrhardt stehen umfassende Untersuchungen mit dieser Methode noch aus, eine erste Studie für das Jahr 1735 erscheint zeitgleich zu dieser Publikation 5 . Das bereits seit dem Jahr 2008 in Arbeit befindliche Projekt Ortsfamilienbuch Murrhardt des Verfassers steht exemplarisch für die Verbindung genealogischer Grundlagenarbeit mit einer regionalhistorischen Kontextualisierung. Ziel ist es, die Bevölkerung Murrhardts vom Beginn der überlieferten Kirchenbücher bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts in genealogisch möglichst geschlossener Form darzustellen und damit sowohl für die lokale Forschung als auch für übergreifende Fragestellungen anschlussfähige Daten bereitzustellen. Durch das Ortsfamilienbuch werden diese Informationen unabhängig vom Zugriff auf das Quellenmaterial allgemein verfügbar. Das Projekt entstand aus dem langjährigen Wunsch heraus, die überlieferten kirchlichen Quellen, insbesondere Tauf-, Eheund Totenbücher, systematisch auszuwerten, ihre internen Lücken und Brüche zu identifizieren und genealogisch verwertbar miteinander zu verknüpfen. Gerade für Krisenzeiten wie dem Dreißigjährigen Krieg, in denen die Überlieferung in Murrhardt lückenhaft ist, wurde rasch deutlich, dass zusätzliche archivalische Quellen wie Steuerlisten, Kaufbücher oder Inventuren und Teilungen herangezogen werden müssen, um Familienzusammenhänge zu sichern. Die zunächst punktuelle Ergänzung kirchlicher Quellen entwickelte sich bald zu einem methodisch reflektierten Forschungsansatz, der den Aufbau eines umfassenden Ortsfamilienbuchs überhaupt erst ermöglicht. Die Strukturierung der erhobenen Daten ist ein weiterer zentraler Arbeitsschritt. Ein Ortsfamilienbuch ist nicht lediglich eine Aneinanderreihung biographischer Einzelangaben, sondern ein relationales System, das Personen über Orte, Familien und Generationen hinweg miteinander verknüpft. Die Entscheidung für eine geeignete Präsentationsund Publikationsform hängt von der Zielsetzung und der intendierten Nutzbarkeit ab. Schließlich ist das Ortsfamilienbuch nicht nur ein genealogisches Nachschlagewerk, sondern ein Beitrag zur lokalen Sozialgeschichte. Die Rekonstruktion von Familienverbünden, Heiratskreisen oder Migration eröffnet einen Blick auf soziale Strukturen und Mobilität in der vormodernen Gesellschaft. In Verbindung mit regionalhistori5 Andreas Kozlik: Die Einwohner der Stadt Murrhardt in Württemberg am 24. März 1735. Backnang 2025. https://doi.org/10.5281/zenodo.14996149 (Aufruf am 01.11.2025).
Andreas Kozlik: Das Ortsfamilienbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055302 5 schen Kontexten – etwa zur Wirtschafts-, Kirchenoder Verwaltungsgeschichte Murrhardts – entsteht so ein Instrumentarium, das über Einzelbiographien hinausgeht und langfristige Entwicklungen sichtbar macht. Das Projekt gewinnt durch digitale Arbeitsmethoden zusätzlich an Flexibilität: Die Vernetzung genealogischer Daten mit Karten, Visualisierungen oder räumlichen Analysen könnte neue Perspektiven der Darstellung und Forschung eröffnen. Den hilfreichen Anleitungen zur Erstellung eines Ortsfamilienbuchs 6 soll mit dieser Publikation keine weitere hinzugefügt werden. Es soll an dieser Stelle auch kein fertiges Ortsfamilienbuch vorgestellt werden, sondern Einblicke in seine Entstehung gegeben werden: in die Konzeption, das methodische Vorgehen und die praktischen Herausforderungen bei der Erarbeitung des Ortsfamilienbuchs Murrhardt. Ziel ist es, die Überlegungen, die dem Projekt zugrunde liegen, transparent zu machen und zugleich im besten Fall zur Diskussion über Standards und Herangehensweisen bei der Erstellung solcher Werke anzuregen. Genealogische und demographische Untersuchungen haben in Murrhardt eine längere Tradition. Bereits der von 1919 bis 1929 in Murrhardt tätige evangelische Stadtpfarrer Carl Miller war genealogisch interessiert und stellte, teils aus eigenem Interesse, teils als Reaktion auf genealogische Anfragen, Stammbäume zu Murrhardter Familien und Persönlichkeiten zusammen. Einzelne Ergebnisse wurden seinerzeit in der Murrhardter Zeitung veröffentlicht 7 . Seine umfangreichen Notizen werden in der Kirchenpflege der Evangelischen Kirchengemeinde Murrhardt aufbewahrt. In den 1990er Jahren unternahm Gerhard Fritz, unterstützt von Irmgard Hein, umfangreiche quantitative und qualitative Auswertungen der damals noch in Murrhardt aufbewahrten Kirchenbücher. Die Ergebnisse flossen in verschiedene Publikationen ein 8 . Auch der Verfasser war kurzzeitig an diesen Auswertungen beteiligt und sammelte 6 z. B. Erarbeitung und Gestaltung von Einwohnerbüchern. Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft für Saarländische Familienkunde. Saarbrücken 2018. 7 Carl Miller: Heinrich v. Zügel und seine Murrhardter Heimat. In: Murrhardter Zeitung 52. 1935, 247 vom 22.10. 8 Als Beispiel sei genannt: Gerhard Fritz; Irmgard Hein: Soziale Ursachen des Murrhardter Stadtbrandes von 1765. Untersuchungen zur Familie Pfizenmaier, in deren Haus 1765 der Murrhardter Stadtbrand ausbrach. In: Württembergisch Franken 77. 1993, S. 351-359.
Andreas Kozlik: Das Ortsfamilienbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055302 6 dabei erste Erfahrungen in der Analyse von Kirchenbüchern, die für spätere Publikationen sehr hilfreich waren 9 . Erster Schritt zur Konkretisierung des Projekts Ortsfamilienbuch Murrhardt war der Vortrag „Die Bedeutung eines Ortssippenbuches für Murrhardt. Argumente für die Erarbeitung eines genealogischen Grundlagenwerks“ von Gerhard Fritz und Andreas Kozlik am 20. Mai 1999 beim Geschichtsverein Murrhardt und Umgebung. Nachdem der Verfasser daraufhin Kontakt zur Evangelischen Kirchengemeinde Murrhardt aufgenommen hatte, gab der evangelische Kirchengemeinderat im Juli 1999 seine Zustimmung zur Benutzung der originalen Kirchenbücher. Im Januar 2008 erteilte das Landeskirchliche Archiv Stuttgart (jetzt: Evangelisches Archiv Baden und Württemberg) die Erlaubnis, die Verfilmungen der Murrhardter Kirchenbücher über die offizielle Leihfrist hinaus ausleihen zu dürfen. Die Stadt Murrhardt unterstützt das Projekt durch die Möglichkeit, die im Stadtarchiv befindlichen Personenstandsregister eigenständig einsehen zu können. 2. Ziele und Zielgruppen des Ortsfamilienbuchs Das Projekt Ortsfamilienbuch Murrhardt verfolgt mehrere Zielsetzungen: Es soll die Bevölkerung der Stadt über mehrere Jahrhunderte hinweg in ihrer genealogischen Struktur, ihren verwandtschaftlichen Verflechtungen und ihrer sozialen Einbettung systematisch dokumentieren und eine zuverlässige Grundlage für weiterführende genealogische und sozialhistorische Forschungen bieten. Durch die Zusammenführung der verstreut überlieferten personenbezogenen Quellen entsteht eine langfristige, generationsübergreifende Rekonstruktion der demographischen Entwicklung Murrhardts. Sie macht Kontinuitäten und Brüche in den Familienlinien ebenso sichtbar wie die Auswirkungen historischer Ereignisse, beispielsweise die demographischen Verwerfungen während des Dreißigjährigen Kriegs oder die verschiedenen Auswanderungsbewegungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Als Grundlagenwerk soll das Ortsfamilienbuch künftig ermöglichen, genealogische, sozialund regionalhistorische Fragestellungen auf einer konsistenten, überprüfbaren Datenbasis zu untersuchen. Die Zielgruppen reichen dabei von Familienforschern über Lokalhistorikern bis zu Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen. 9 Siehe Anm. 1 und 2.
Andreas Kozlik: Das Ortsfamilienbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055302 7 Wissenschaftlich zielt das Projekt auf die Möglichkeit einer Analyse der Murrhardter Bevölkerung: Neben der genealogischen Rekonstruktion stehen Aspekte wie Heiratsverhalten, soziale Mobilität, Migration, Haushaltsstrukturen und berufliche Zusammensetzung im Vordergrund. Durch die Verbindung der genealogischen Daten des Ortsfamilienbuchs mit den räumlichen Informationen des Häuserbuchs Murrhardt 10 kann das Ortsfamilienbuch zu einem zentralen Instrument zur Erforschung der Murrhardter Stadtgeschichte werden. Besonderer Wert wird dabei auf die interdisziplinäre Anschlussfähigkeit des Projekts gelegt. Für die Genealogie stellt das Ortsfamilienbuch ein unverzichtbares Referenzwerk dar, da es die oft unübersichtliche Quellensituation in eine konsistente Darstellung verwandelt und verwandtschaftliche Zusammenhänge sichtbar macht, die in den Kirchenbüchern selbst nur implizit erkennbar sind. Für die Lokalund Sozialgeschichte eröffnet es die Möglichkeit, Familienstrategien, soziale Netzwerke und Formen der Migration historisch zu fassen. Die historische Demographie findet in den verlässlich strukturierten Daten eine Grundlage zur Analyse von Fertilitäts-, Mortalitätsund Migrationsmustern, während Projekte zur Siedlungsund Stadtgeschichte die Verbindung von Familienund Besitzstrukturen nutzen können, um langfristige räumliche Entwicklungen zu rekonstruieren. Neben diesen wissenschaftlichen Zielsetzungen richtet sich das Ortsfamilienbuch auch an eine breite, lokal interessierte Öffentlichkeit. Es bietet sowohl jetzigen wie ehemaligen Einwohnerinnen und Einwohnern die Möglichkeit, die Geschichte der eigenen Familie oder des Wohnorts über Generationen hinweg nachzuvollziehen und in einen größeren historischen Kontext zu stellen. Als kompaktes, klar gegliedertes Nachschlagewerk erleichtert es den Zugang zu genealogischen Informationen und fördert im Idealfall das historische Bewusstsein in der Bevölkerung. Darüber hinaus kann das Ortsfamilienbuch in der Bildungsarbeit – etwa in Schulen, Museen oder bei Stadtführungen – als anschauliche Grundlage dienen, um lokale Geschichte konkret erfahrbar zu machen. 10 Siehe dazu: Andreas Kozlik: Quellen und Methoden für das Häuserbuch Murrhardt. Ein Werkstattbericht. Backnang 2025. https://doi.org/10.5281/zenodo.15055271 (Aufruf am 01.11.2025).
Andreas Kozlik: Das Ortsfamilienbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055302 8 3. Historischer und regionaler Rahmen Murrhardt liegt im Rems-Murr-Kreis in Baden-Württemberg und war über Jahrhunderte hinweg ein bedeutender kirchlicher und ökonomisch wichtiger Ort im Schwäbischen Wald, der durch seine Lage als regionales Zentrum fungieren konnte. Die erste dauerhafte Besiedlung auf dem Gebiet der späteren Stadt Murrhardt war das um 150 n. Chr. am Obergermanisch-Raetischen Limes errichtete Kastell am Fuße des heutigen Riesbergs. Inwiefern Siedlungskontinuitäten bis ins frühe Mittelalter bestanden ist unklar, doch spätestens nach der Klostergründung, die ins 8. Jahrhundert datiert werden kann, ist in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft die Siedlung entstanden. Begünstigt durch die strategische Lage an politischen und kirchlichen Grenzen, wurde Murrhardt um 1287 im Zuge des Ausbaus seiner Herrschaft von Graf Albrecht von Löwenstein zur Stadt erhoben 11 . Im Jahr 1388 gelangte Murrhardt durch Kauf unter die Herrschaft der Grafen von Württemberg, wodurch es in deren Territorium integriert wurde. Die Reformation hinterließ auch in Murrhardt ihre Spuren: 1552 wurde das Benediktinerkloster evangelisch, was einen tiefgreifenden Wandel für die Stadt bedeutete. Der Dreißigjährige Krieg führte 1630 zur vorübergehenden Rekatholisierung des Klosters, doch nach dem Westfälischen Frieden 1648 wurde das evangelische Klosteramt wiederhergestellt. Die Stadt Murrhardt war Zentrum des Klosteramts Murrhardt, das knapp über 20 umliegende Weiler und Höfe im Schwäbischen Wald umfasste und zu dem auch das Pflegamt Westheim mit dem Dorf Ottendorf gehörte. Beim verheerenden Stadtbrand von 1765 12 , wurden, vom Klosterbezirk abgesehen, alle Gebäude innerhalb der Stadtmauer zerstört, jedoch innerhalb weniger Jahre wiederaufgebaut. Im Zuge der württembergischen Verwaltungsreform wurde 1807 das Klosteramt Murrhardt aufgelöst und Murrhardt in das Oberamt Backnang eingegliedert. Dadurch verlor die Stadt nach und nach ihre administrative und wirtschaftliche Zentralfunktion für den umliegenden Raum. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts kam es in Murrhardt und den umliegenden Orten zu einer ausgeprägten Auswanderungsbewegung, wobei das Zielgebiet überwiegend die Vereinigten Staaten von Amerika war. Mit der Anbindung Murrhardts an das württembergische Eisen11 Siehe dazu auch: Gerhard Fritz: Stadt und Kloster Murrhardt im Spätmittelalter und in der Reformationszeit. Sigmaringen 1990. 12 Gerhard Fritz: 1765: Der große Brand. Stadtgeschichtliche Bedeutung des Murrhardter Stadtbrandes. In: Einst + jetzt 4. 1985, S. 245-252.
Andreas Kozlik: Das Ortsfamilienbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055302 9 bahnnetz im Jahr 1878 und der fortschreitenden Industrialisierung verbesserten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Stadt nachhaltig. Die zentrale administrative und geistliche Stellung Murrhardts prägte über Jahrhunderte hinweg nicht nur die politische und wirtschaftliche Entwicklung der Stadt, sondern auch die Zusammensetzung der Bevölkerung innerhalb der Kirchengemeinde. Als Sitz kirchlicher Einrichtungen und herrschaftlicher Behörden zog Murrhardt Amtsträger, Geistliche und Verwaltungsbeamte aus unterschiedlichen Regionen des Herzogtums Württemberg an. Diese überregionale Mobilität spiegelt sich auch deutlich im Ortsfamilienbuch wider. Zugleich bildete die Stadt den Lebensmittelpunkt für Handwerker verschiedenster Gewerbe, während in den umliegenden Dörfern vor allem Bauern mit ihren Familien lebten, deren wirtschaftliche und soziale Bindungen eng mit der Stadt verflochten waren. Mobilere Gruppen wie Taglöhner und Hausgenossen, aber auch Ziegler und Industriearbeiter wechselten häufiger den Wohnort und hinterließen oft nur fragmentierte Spuren in den Quellen. Hinzu kamen zahlreiche fahrende Händler, Bettler, Durchreisende und andere marginalisierten Personengruppen, die im Quellenbild zwar oft nur punktuell erscheinen, aber dokumentiert werden sollten. Diese vielschichtige Bevölkerungsstruktur macht Murrhardt zu einem besonders aufschlussreichen Untersuchungsraum für regionale Migrationsbewegungen, soziale Dynamiken und die Wechselwirkungen zwischen Stadt und ländlichem Umfeld. 4. Quellenlage und Quellenkritik Die Quellenlage zur Erforschung der Murrhardter Bevölkerung gestaltet sich relativ gut. Neben der wichtigsten Quelle, den Kirchenbüchern, stehen weitere personenbezogene Unterlagen zur Verfügung. Die zentrale Quellenbasis für das Ortsfamilienbuch bilden die Kirchenbücher der evangelischen Kirchengemeinde Murrhardt, die Taufen, Heiraten und Bestattungen dokumentieren. Ergänzt werden diese durch Familienregister und Konfirmandenlisten. Die Überlieferung der Kirchenbücher der Evangelischen Kirchengemeinde Murrhardt ist relativ gut, die Taufund Ehebücher sind bereits seit Beginn der in Württem-
Andreas Kozlik: Das Ortsfamilienbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055302 16 Zusätzlich wurden die Eheregister des 17./18. Jahrhunderts von etwa 25 Pfarrorten auf auswärtige Eheschließungen von Personen aus Murrhardt überprüft. 6. Struktur und Aufbau des Ortsfamilienbuchs Die regionalgeschichtliche Prägung des Projekts Ortsfamilienbuch Murrhardt sollte auch durch seinen Aufbau verdeutlicht werden. Dies führt dazu, dass die verzeichneten Familien den einzelnen Orten zugeordnet sind. Dadurch ist ein Überblick über die in jedem Teilort ansässig gewesenen Familien möglich. Dem Haupteintrag Murrhardt, der rund 37 Prozent der Einträge umfasst, folgen in alphabetischer Reihenfolge 62 Teilorte 26 . Einzelne Wohnplätze (z. B. Mühlen) sind gegebenenfalls diesen Filialorten zugeordnet. Die zentrale Darstellungseinheit des Werkes bilden die Familieneinträge: Innerhalb eines Ortes sind die Personen alphabetisch nach Familien gruppiert, wobei jede Familie eine eigene, fortlaufende Artikelnummer erhält. Die Familiennamen werden dazu auf eine einheitliche Schreibweise normiert. Diese Schreibweise orientiert sich an der heute gebräuchlichen Form, wobei größere Abweichungen angegeben werden 27 . Innerhalb des gleichen Familiennamens werden die Familien in chronologischer Reihenfolge nach ihrer Entstehung (Heirat) aufgeführt. Verschiedene Ehen eines Mannes werden unter einer gemeinsamen Nummer verzeichnet 28 . Uneheliche Geburten werden als eigene Familie angelegt, sofern die Frau nicht zu einem späteren Zeitpunkt geheiratet hat. Jeder Familienartikel enthält in standardisierter Weise und einheitlicher Anordnung Angaben zu Mann und Frau (Name, Beruf, Wohnort, Geburtsdatum, Geburtsort, Sterbedatum, Sterbeort, im Sterbeeintrag angegebenes Alter und Todesursache 29 ) sowie zu den jeweiligen Eltern, ggf. mit Verweis auf deren Artikelnummer. Die Kinder werden in chronologischer Reihenfolge mit Geburtsdatum und 26 Berghöfle, Bruch, Eisenschmiedmühle, Eulenhöfle, Fautspach, Fornsbach, Frankenweiler, Gänshof, Gaisbühl, Göckelhof, Grab, Harbach, Harnersberg, Hasenhof, Hausen, Hinterbüchelberg, Hintermurrhärle, Hinterwestermurr, Hördthof, Hörschhof, Hoffeld, Hohenbrach, Hornberg, Käsbach, Karnsberg, Kieselhof, Klettenhöfle, Klingen, Köchersberg, Lutzensägmühle, Mannenweiler, Marxenhof, Mettelbach, Mettelberg, Morbach, Mutzenhof, Neuhaus, Obere Schafscheuer, Plapphof, Raithöfle, Retzenhof, Rupphof, Sauerhöfle, Schloßhof, Schönbronn, Schöntalhöfle, Schwammhof, Siegelsberg, Steinberg, Streitweiler, Trauzenbach, Untere Schafscheuer, Unterneustetten, Vordermurrhärle, Vorderwestermurr, Waltersberg, Weidenbach, Weidenhof, Weißengehrenhöfle, Wolfenbrück, Wolkenhof. Die Wohnplätze Ernstenhöfle, Jaghaus und Wiesenbach werden unter „Glashofen“ zusammengefasst. 27 z. B. Dudichum (Thudium) oder Rümmel (Rimmel). 28 Die Ehen des Mannes werden dabei mit römischen Ziffern gekennzeichnet (z. B. ∞ I., ∞ II., ∞ III.). 29 Im Gegensatz zu manch anderen Ortsfamilienbüchern werden die Todesursachen generell auch bei Kleinkindern angegeben!
Andreas Kozlik: Das Ortsfamilienbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055302 17 Geburtsort aufgeführt. Für Kinder, die nicht selbst in Murrhardt oder einem Teilort eine Familie gegründet haben, erfolgt, sofern bekannt, eine kurze Angabe des weiteren Lebenswegs (Jahr der ersten Eheschließung, Name des Ehepartners, Beruf, Wohnort, Sterbedatum und Sterbeort, Todesursache). Zuzüge, Wegzüge und Auswanderungen werden soweit möglich dokumentiert. Da die Bevölkerung Murrhardts bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts nahezu geschlossen evangelisch war, erfolgt hierfür keine gesonderte Kennzeichnung. Eine davon abweichende Konfessionszugehörigkeit wird ausdrücklich vermerkt; bei Konfessionswechseln wird, soweit bekannt, das Jahr des Übertritts genannt 30 . Im Verlauf des Projekts wurden durch die Auswertung zahlreicher Quellen viele weitere personenbezogene Informationen erfasst. Diese konnten zum Großteil nicht in das Ortsfamilienbuch aufgenommen werden, da dies den Umfang und die Struktur des Werks sprengen würde. Dies gilt beispielsweise für Angaben zu Taufpaten, Militärdienst, Ämter, Wohnadresse, Gebäudeund Güterbesitz, Vermögensverhältnisse, Inventuren und Teilungen, Gerichtsverfahren sowie die jeweiligen Quellenverweise zu diesen Informationen. Einige dieser Angaben können in für die jeweilige Quellengattung geeigneter Form in gesonderten Verzeichnissen veröffentlicht werden, beispielsweise im Häuserbuch Murrhardt oder in einem Band der Reihe Beihefte zum Ortsfamilienbuch Murrhardt. 7. Technische Umsetzung Die Wahl des technischen Systems zur Datenerfassung stellt einen grundlegenden und weitreichenden Schritt bei der Erstellung eines Ortsfamilienbuchs dar. Sie bestimmt nicht nur die Strukturierung und Konsistenz der erfassten Informationen, sondern legt zugleich fest, welche Auswertungsund Darstellungsmöglichkeiten im späteren Arbeitsverlauf zur Verfügung stehen. Da ein Wechsel des Formats nach umfangreicher Dateneingabe nur mit erheblichem Aufwand oder faktisch gar nicht mehr möglich ist, bedarf die Entscheidung zu Projektbeginn einer sorgfältigen Abwägung. Vor diesem Hintergrund wurde im Jahr 2008 die Entscheidung getroffen, die Erfassung der Daten mit dem Textverarbeitungsprogramm Microsoft Word vorzunehmen. Ausschlaggebend dafür war zum einen der Wunsch, beim stundenlangen Erfassen 30 Im Murrhardter Raum waren ab der Mitte des 19. Jahrhunderts verschiedene neuentstandene Religionsgemeinschaften vertreten: ab den 1860er Jahren hatte die Tempelgesellschaft großen Zulauf, im 20. Jahrhundert vor allem die Neuapostolische Kirche und die Methodistenkirche.
Andreas Kozlik: Das Ortsfamilienbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055302 18 der personenbezogenen Daten stets das zukünftige Textlayout vor Augen zu haben, zum anderen die damals fehlende überzeugende Genealogiesoftware, die sowohl den wissenschaftlichen Anforderungen als auch den praktischen Bedürfnissen entsprochen hätte. Für die Eingabepraxis erwies sich Microsoft Word als verlässlich und flexibel; es ermöglichte eine kontinuierliche Arbeit ohne technische Hürden und ohne Anpassungszwänge, wie sie datenbankgestützte Systeme häufig mit sich bringen. Aus heutiger Perspektive erscheint jedoch die Nutzung eines standardisierten genealogischen Datenformats (GEDCOM) als deutlich vorteilhafter. Ein solches Format erlaubt eine strukturierte, normierte Verwaltung der genealogischen Informationen, erleichtert die Nachnutzung durch andere Systeme und eröffnet vielfältige Exportund Präsentationsmöglichkeiten, auch für Online-Publikationen. Die damalige Entscheidung erfolgte im historischen Projektkontext, zeigt aber, wie stark sich technische Rahmenbedingungen und genealogische Werkzeuge innerhalb weniger Jahre weiterentwickeln können. Ob das Ortsfamilienbuch Murrhardt ausschließlich digital, in hybrider Form oder auch als Druckausgabe erscheinen wird, ist noch nicht endgültig entschieden, ebenso die Ausgestaltung der Bezugsbedingungen. Zwei Publikationsformen werden zum gegenwärtigen Zeitpunkt ausgeschlossen: Skeptisch zu beurteilen ist die verbreitete Praxis, Manuskripte von Ortsfamilienbüchern kostenlos zur verlegerischen Verwertung an Verlage zu überlassen, da dies mit einem weitgehenden Verlust der Verfügungsmacht der Verfasser über ihre eigene Arbeit einhergeht. Eine Publikation im Projekt der Online-Ortsfamilienbücher des Vereins für Computergenealogie 31 bietet dagegen grundsätzlich einen schnellen Zugriff und ermöglicht eine kontinuierliche Aktualisierung, so dass die Forschungsergebnisse unkompliziert verbreitet werden können. Es bestehen aber grundsätzliche Bedenken, ob vereinsbasierte digitale Publikationsangebote langfristig als stabile wissenschaftliche Referenzinfrastrukturen geeignet sind. Bestärkt wird diese Skepsis im konkreten Fall durch die im Jahr 2021 erfolgte, innerhalb der Nutzerschaft kontrovers diskutierte 31 https://wiki.genealogy.net/Projekt_OFB (Aufruf am 01.11.2025).
Andreas Kozlik: Das Ortsfamilienbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055302 19 Umstellung der offenen genealogischen Mailinglisten auf eine geschlossene Discourse-Plattform. Ein Grundlagenwerk wie das Ortsfamilienbuch Murrhardt sollte als stabile, dauerhaft zitierbare Publikation erscheinen, etwa in Form eines Open-Access-PDFs oder einer institutionellen Repository-Veröffentlichung. Hierfür würde sich ein landesgeschichtlicher Publikationsserver wie das Angebot RegionaliaOpen der Badischen Landesbibliothek 32 anbieten. Da das interdisziplinäre Repositorium Zenodo 33 eine Versionierung bereitstellt, die es ermöglicht, Publikationen durch neue Versionen zu aktualisieren, eignet es sich besonders für Forschungsprojekte wie das hier vorgestellte. Auch dieses Beiheft zum Projekt wird über Zenodo bereitgestellt 34 . Im Falle einer digitalen Publikation des Ortsfamilienbuchs werden voraussichtlich einige wenige Druckexemplare hergestellt, die insbesondere für die Abgabe an Bibliotheken und Archive gedacht sind. Der Eingabe der Daten auf Plattformen kommerzieller Genealogieunternehmen stehe ich grundsätzlich kritisch gegenüber. Ein wichtiges Qualitätsmerkmal des Projekts ist schließlich die Nachhaltigkeit der Datenhaltung. Datensicherung und regelmäßige Backups sind integraler Bestandteil des internen Arbeitsprozesses. Und natürlich gilt auch für das Ortsfamilienbuch Murrhardt: Um Datenverlust zu vermeiden, werden alle Projektdaten nach bewährten Sicherungsprinzipien mehrfach und an verschiedenen Orten gespeichert. 8. Herausforderungen und Probleme Wie bei vielen genealogischen Projekten treten auch bei der Erstellung des Ortsfamilienbuchs Murrhardt verschiedene Probleme auf. Dazu zählen Lücken in den Kirchenbüchern, schwer lesbare Einträge, uneheliche Geburten ohne Vaterschaftsangaben, unklare Herkunftsorte oder widersprüchliche Angaben. Solche Herausforde32 https://www.blb-karlsruhe.de/service/publizieren (Aufruf am 01.11.2025). 33 https://zenodo.org/ (Aufruf am 01.11.2025). 34 https://doi.org/10.5281/zenodo.15055302 (Aufruf am 01.11.2025).
Andreas Kozlik: Das Ortsfamilienbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055302 20 rungen können im Idealfall durch die Auswertung zusätzlicher Quellen abgeklärt werden. Eine besondere Schwierigkeit stellt die Namensgleichheit und Personenidentifikation dar. Darunter fällt die eindeutige Zuordnung von Personen bei häufig vorkommenden Familiennamen oder bei mehrfachen Heiraten. Oft bleibt unklar, ob es sich um die identische Person handelt. In Murrhardt treten zudem mehrere Familien gleichen Namens auf, teils verwandt, teils nicht 35 . Hinzu kommt, dass in der frühen Neuzeit die Ausbildung der Familiennamen noch nicht völlig abgeschlossen war, sodass Personen mit wechselnden Bezeichnungen, die sich oft auf die Berufe bezogen, verzeichnet wurden. Um Fehlinterpretationen zu vermeiden, ist ein fortlaufender Abgleich mit Vergleichsquellen (z. B. Häuserbuch Murrhardt, Teilungsakten) notwendig, manche Familienbeziehungen können dabei nur indirekt erschlossen werden. Darüber hinaus gibt es Familien und Einzelpersonen, bei denen Herkunft oder Verbleib unklar sind. So bleiben auch nach ausführlichen Recherchen Unsicherheiten bestehen, die im Datensatz als solche markiert werden müssen. Schließlich ist der grundsätzliche Umgang mit Unsicherheiten, Lücken und Widersprüchen eine Herausforderung. Ortsfamilienbücher suggerieren durch ihre systematische Form eine Vollständigkeit, die in der Realität nie erreicht werden kann. Es gehört zur wissenschaftlichen Redlichkeit, Unsicherheiten offen zu kennzeichnen und die Grenzen der Quellenauswertung deutlich zu machen. In diesem Sinn versteht sich das Ortsfamilienbuch Murrhardt nicht als abschließende genealogische Dokumentation, sondern als dynamisches Forschungsinstrument, das künftige Ergänzungen und Korrekturen ermöglichen sollte. Zur Summe dieser Herausforderungen sind noch zwei grundsätzliche Gesichtspunkte hinzuzufügen: Die Erfassung von handschriftlich dokumentierten kirchlichen Handlungen und anderen Verwaltungsvorgängen aus mehreren Jahrhunderten durch eine einzige Person kann niemals fehlerfrei geschehen. Trotz größter Sorgfalt und langjähriger Erfahrung im Umgang mit historischen Quellen lassen sich Fehler nicht vollständig ausschlie35 Im frühen 17. Jahrhundert gab es beispielsweise gleichzeitig vier Personen mit dem Namen Hans Zügel.
Andreas Kozlik: Das Ortsfamilienbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055302 21 ßen; insbesondere bei der Vielzahl der Einträge können Lesefehler auftreten. Auch bei der anschließenden Erfassung sind Eingabefehler möglich, die sich trotz sorgfältiger Kontrolle nicht immer vermeiden lassen. Und schließlich: Das gesamte Projekt beruht auf ehrenamtlicher Arbeit, die neben der regulären beruflichen Tätigkeit geleistet wird. Der dafür erforderliche erhebliche Zeitund Arbeitsaufwand sollte auch nie zulasten des familiären Umfelds gehen. 9. Wissenschaftliche Einordnung und Anschlussmöglichkeiten Das Ortsfamilienbuch Murrhardt ist nicht nur ein genealogisches Nachschlagewerk, sondern ein Beitrag zur historischen Demographie, Sozialstrukturund Alltagsforschung. Es ermöglicht quantitative wie qualitative Auswertungen etwa zu Familiengrößen, Eheschließungsverhalten oder Berufsverteilungen. Zudem kann es gemeinsam mit weiteren Ortsfamilienbüchern ausgewertet werden und so wertvolle Grundlagen für interdisziplinäre Forschungsvorhaben liefern. Für die benachbarten Städte Backnang und Gaildorf liegen bereits entsprechende Ortsfamilienbücher vor 36 . Darüber hinaus besitzt das Ortsfamilienbuch Murrhardt einen hohen regionalgeschichtlichen Aussagewert. Die systematische Erfassung der Bevölkerung erlaubt es, Stadt, Teilorte und Umland als eng verflochtenen Sozialund Lebensraum zu analysieren. Murrhardt fungierte über Jahrhunderte hinweg als kirchliches, administratives und wirtschaftliches Zentrum für zahlreiche Orte im Schwäbischen Wald, was sich in intensiven Heirats-, Arbeitsund Migrationsbeziehungen der ländlichen Bevölkerung widerspiegelt. Das Ortsfamilienbuch macht diese Verflechtungen erstmals in größerem Umfang sichtbar und ermöglicht weitere Untersuchungen zu regionalen Mobilitätsmustern und demographische Entwicklungen im Schwäbischen Wald. Von besonderem Erkenntniswert ist die Verknüpfung des Ortsfamilienbuchs Murrhardt mit dem Häuserbuch Murrhardt, da beide Werktypen unterschiedliche, sich aber komplementär ergänzende Perspektiven einnehmen. Das Ortsfamilienbuch rekonstruiert genealogische Zusammenhänge und Lebensläufe der Einwohner – also die personale Kontinuität der Bevölkerung. Das Häuserbuch hingegen erfasst die 36 Burkhart Oertel: Familienbuch der Oberamtsstadt Gaildorf in Württemberg 1610-1870. Neubiberg 1981; Burkhart Oertel: Ortssippenbuch der württembergischen Kreisstadt Backnang. 4 Bände. Neubiberg 1999-2005.
Andreas Kozlik: Das Ortsfamilienbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055302 22 räumliche und materielle Kontinuität der Bebauung und des Besitzes. Erst in der Zusammenschau beider kann ein vollständiges Bild der historischen Gegebenheiten entstehen: Man kann nachvollziehen, wo die Familien über Generationen hinweg ihren Wohnsitz hatten, wann Eigentumswechsel erfolgten und wie sich familiäre Entwicklungen im Stadtraum abbildeten. Dieses Verfahren wurde erstmals in einer Untersuchung zur Stadt Murrhardt und ihrer Bevölkerung im 18. Jahrhundert erprobt 37 . In Verbindung mit einer zeitgenössischen Huldigungsliste ermöglichte es eine personenund raumbezogene Rekonstruktion der Stadtbevölkerung, bei der für sämtliche 1735 in Murrhardt lebenden Personen Alter, Beruf, familiäre Verhältnisse und Wohnsituation erfasst werden konnten. Die im Rahmen des Ortsfamilienbuchs Murrhardt gewonnenen Erkenntnisse aus der intensiven Quellenarbeit bildeten die Grundlage für die Konzeption mehrerer weiterer Forschungsprojekte des Verfassers: Das Projekt Häuserbuch Murrhardt verfolgt das Ziel, die Besitz-, Bauund Nutzungsgeschichte sämtlicher Gebäude und bebauter Grundstücke in der Stadt Murrhardt für den Zeitraum 1576-1914 systematisch zu dokumentieren 38 . Dazu werden zentrale Quellen wie Lagerbücher, Kaufbücher, Güterbücher, Steuerkataster und Feuerversicherungsbücher ausgewertet, die eine serielle Rekonstruktion der Eigentumsfolgen erlauben. Ergänzt werden diese Informationen durch archivalische Einzelüberlieferungen, Karten und genealogische Daten. Ein weiteres Anschlussprojekt stellt die Reihe Ortsfamilienbücher des Schwäbischen Walds dar. Im Rahmen der Erstellung des Ortsfamilienbuchs Murrhardt erwies sich die systematische Erfassung von Zuund Abwanderungen als zentrale Voraussetzung für die Rekonstruktion belastbarer Familienzusammenhänge. Da entsprechende Hinweise in den Murrhardter Kirchenbüchern häufig nur fragmentarisch vorhanden sind, wurden die Kirchenbuchdaten zahlreicher umliegender Orte vollständig ausgewertet, in der Regel von den Anfängen der Kirchenbücher bis mindestens zum Jahr 1700. Ziel dieser Auswertung war es, Personen zu identifizieren, die als poten37 Andreas Kozlik: Die Stadt Murrhardt und ihre Bevölkerung im 18. Jahrhundert. Untersuchungen zur Demographie und Sozialstruktur einer städtischen Gesellschaft. In: Württembergisch Franken 109. 2025, S. 165-192. Zum Verzeichnis der Bevölkerung 1735 siehe Anm. 5. 38 Siehe Anm. 10.
Andreas Kozlik: Das Ortsfamilienbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055302 23 zielle Zuwanderer oder Abwanderer in Frage kommen, insbesondere anhand von Namensgleichheiten, übereinstimmenden oder plausibel rekonstruierbaren Lebensdaten (etwa errechneten Geburtsjahren) sowie verwandtschaftlichen Konstellationen. Diese Erhebungen gingen deutlich über stichprobenartige Recherchen hinaus und mündeten in der Anlage eigenständiger, zunächst provisorischer OrtsfamilienbuchStrukturen für die jeweils untersuchten Nachbarorte. Auf diese Weise entstand ein Netzwerk miteinander verknüpfter genealogischer Datensammlungen, das nicht nur der besseren Einordnung der Murrhardter Familien diente, sondern zugleich eigenständigen Quellenwert für die Regionalgeschichte des Schwäbischen Walds besitzt. Perspektivisch ist geplant, diese Ortsfamilienbücher für das Umland von Murrhardt in einer Reihe mit dem Titel Ortsfamilienbücher des Schwäbischen Walds im OpenAccess-Format zu veröffentlichen. Damit soll einerseits Transparenz der Forschungsgrundlagen hergestellt, andererseits ein Beitrag zur überregionalen Vernetzung genealogischer und regionalhistorischer Forschung geleistet werden. Schließlich entstand mit dem Projekt Von Murrhardt nach Amerika eine eigenständige Untersuchung zur Auswanderung aus dem Murrhardter Raum im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Im Zuge der Erarbeitung des Ortsfamilienbuchs Murrhardt traten in den Kirchenbüchern wiederholt Hinweise auf Personen zutage, die in diesem Zeitraum in die Vereinigten Staaten von Amerika ausgewandert waren. Die entsprechenden Einträge sind meist äußerst knappgehalten und beschränken sich häufig auf Formulierungen wie „nach Amerika“, teils ergänzt um ein Auswanderungsjahr oder in Einzelfällen um Angaben zum Tod in Übersee. Diese knappen Vermerke verweisen auf ein weitgehend unerforschtes Kapitel der lokalen Migrationsgeschichte. Zentrales Anliegen dieses Projekts ist es, die individuelle und kollektive Auswanderung aus dem Raum Murrhardt systematisch zu rekonstruieren und quantitativ wie qualitativ auszuwerten. Dabei stehen Fragen nach dem Zeitpunkt der Auswanderung, der Reiseform (Einzelpersonen oder Familienverbünde), den Zielregionen in Nordamerika, bestehenden Verwandtschaftsund Netzwerkkonstellationen sowie nach Rückwanderungen im Mittelpunkt. Ebenso interessiert die Frage, inwiefern sich die soziale und wirtschaftliche Lage der Auswanderer nach der Emigration veränderte und welches Wissen darüber in den Herkunftsort zurückgelangte.
Andreas Kozlik: Das Ortsfamilienbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055302 24 Zur Erarbeitung einer belastbaren empirischen Grundlage wurden aus Kirchenbüchern, Auswandererlisten, Passregistern, Familienüberlieferungen, zeitgenössischen Zeitungen sowie weiteren archivalischen und digitalen Quellen die Namen, Herkunftsorte und Geburtsdaten jener Personen zusammengetragen, die zwischen dem frühen 19. Jahrhundert und dem Jahr 1939 aus Murrhardt und den umliegenden Teilorten in die USA auswanderten. Derzeit umfasst diese Sammlung 1.970 namentlich erfasste Personen. Soweit rekonstruierbar, wurden das Jahr der Auswanderung, Hinweise auf Ankunftsorte sowie Informationen zum weiteren Lebensweg ergänzt. Die zusammengetragenen Daten werden in einer eigenständigen, fortlaufend erweiterten Datenbank dokumentiert und bilden die Grundlage für eine geplante wissenschaftliche Auswertung zu Migrationsmustern, sozialen Profilen der Auswanderer und transatlantischen Beziehungsgeflechten. Das Projekt Von Murrhardt nach Amerika versteht sich als Beitrag zur historischen Migrationsforschung auf mikrohistorischer Ebene und ergänzt das Ortsfamilienbuch Murrhardt um eine transnationale Perspektive, die die lokale Geschichte in größere globalhistorische Zusammenhänge einbettet. Aktuelle Informationen zu diesem Projekt sind auch auf meiner Homepage zu finden 39 . 10. Fazit und Ausblick Die Erarbeitung des Ortsfamilienbuchs Murrhardt ist ein langfristiges, forschungsintensives Projekt, das auf Sorgfalt, Quellentreue und methodische Transparenz angewiesen ist. Der vorliegende Beitrag soll über den Stand der Arbeit informieren, gleichzeitig nimmt er bereits das Vorwort und das Einführungskapitel des Ortsfamilienbuchs Murrhardt vorweg. Die Arbeiten am Ortsfamilienbuch Murrhardt sind aktuell zu etwa 95% abgeschlossen. Derzeit umfasst das Manuskript rund 12.400 Familieneinträge auf 3.550 Seiten. Eine verbindliche Aussage zum Zeitpunkt der Fertigstellung ist gegenwärtig nicht möglich, da noch sehr umfangreiche Redaktionsarbeiten ausstehen, die nicht vor 2026/27 abgeschlossen sein werden. Für das komplett ehrenamtlich erstellte Projekt gilt der Grundsatz, dass eine sorgfältige und quellengesättigte Dokumentation der 39 https://www.andreas-kozlik.de/murrhardt-amerika.html (Aufruf am 01.11.2025).
Andreas Kozlik: Das Ortsfamilienbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055302 25 genealogischen Daten höchste Priorität besitzt, auch wenn dies einen längeren Forschungszeitraum erfordert. Noch vor der eigentlichen Publikation des Ortsfamilienbuchs Murrhardt werden bereits ausgewählte Studien und Forschungsergebnisse in der Reihe Beihefte zum Ortsfamilienbuch Murrhardt vorab veröffentlicht. Geplant sind Verzeichnisse klar abgrenzbarer Personengruppen wie kirchliche und weltliche Amtsträger (Prälate, Pfarrer, Vögte), Stadtschreiber, Lehrer, Gastwirte, Müller und Ortsfremde aber ebenso chronologische Listen, beispielsweise der Eheschließungen im 16. Jahrhundert. Genealogische Forschung lebt vom gegenseitigen Austausch und Unterstützung. Im Rahmen meiner Möglichkeiten stelle ich auf Anfrage per E-Mail und unter Angabe der bereits vorliegenden Daten gerne einzelne Informationen aus dem vorhandenen Datenbestand bereit, sofern dadurch keine geplanten eigenen Veröffentlichungen berührt werden. Ich bitte aber um Verständnis dafür, dass ich keine kompletten Ahnenlisten mitteilen kann. Für die Erstellung des Ortsfamilienbuchs erweist sich jede Information über aus Murrhardt und seinen Teilorten abgewanderte Personen als ausgesprochen wertvoll. Gleiches gilt für sogenannte Zufallsfunde, also Hinweise auf Einwohnerinnen und Einwohner, die in externen Quellen unerwartet begegnen und dadurch Lücken der lokalen Überlieferung schließen oder genealogische Zusammenhänge präzisieren können. Über Hinweise und Anregungen freue ich mich! Aktuelle Informationen zum Projekt sind auch auf meiner Homepage zu finden 40 . Ebenso existiert für das Ortsfamilienbuch Murrhardt bereits ein Artikel in der genealogischen Online-Enzyklopädie GenWiki 41 . 40 https://www.andreas-kozlik.de/ofb_murrhardt.html (Aufruf am 01.11.2025). 41 https://wiki.genealogy.net/Murrhardt,_OFB (Aufruf am 01.11.2025).