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Die Anfänge der amerikanischen Soziologie

Jogland, Herta H.

Abstract

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Jogland, Herta H. Article Die Anfänge der amerikanischen Soziologie Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Jogland, Herta H. (1962) : Die Anfänge der amerikanischen Soziologie, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 82, Iss. 4, pp. 407-444, https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290998 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Jogland - Berlin Die vorliegende historische Betrachtung der amerikanischen Soziologie soll nicht zu der Annahme verleiten, daß es sich auf amerikanischem Boden um eine der europäischen analoge Entwicklung handele. Vornehmlich das Jahrhundert des Entstehens der amerikanischen Soziologie kann nicht, wie vielleicht zu vermuten wäre, als eine im europäischen Sinne ideenfindende Phase verstanden, sondern muß vielmehr vom Blickpunkt des zielstrebigen und zweckgebundenen Experimentierens gesehen werden, — als historisch kaum beschwerter Versuch, soziologisches Ideengut zur Bewältigung gesellschaftlicher Probleme zu nutzen, die sich in einem völlig neuen Sozialgebilde ergeben. Die Übernahme soziologischer Theoreme aus Europa ist dabei dominierend, sei es in Form von Ideengut, welches Einwanderergruppen als integrierenden Bestandteil mitbringen, seien es Anleihen, die sich aus der Aussicht auf Brauchbarkeit herleiten. Das Moment des Abbildhaften gegenüber Europa ist auch hier nicht gegeben, denn weder die Art der sich neu bildenden Sozialstruktur noch die separatistischen Intentionen der Einwanderergruppen wie auch der Aspekt der Brauchbarkeit berechtigen zu einer solchen Annahme. Zudem nehmen Ideen, die in eine andere Umwelt verpflanzt werden, stets ein anderes quäle an. Die neue Gesellschaft in den Vereinigten Staaten von Amerika tritt zwar ideenmäßig das Erbe der europäischen Revolution an, da dieses für die rein bürgerliche Gesellschaft die nächstliegende und aussichtsreichste Bezugsebene darstellt, — aber die Auswahl wie auch das weitere Geschehen innerhalb dieser neuen Gesellschaft zeigen kaum mehr Züge, die mit europäischen Verhältnissen vergleichbar wären. So reichen die Fäden der europäischen Tradition zwar hinüber, doch sie verbinden sich in Amerika zu einem neuen Gewebe. Während sich nämlich in Europa der Wandel der Sozialstruktur auch * Diese Studie ist Teilergebnis einer Forschungsarbeit, welche in dankenswerter Weise durch ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Verbindung mit der Fulbright Commission ermöglicht wurde. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 24 Herta H. Jogland 408 durch die Revolution und ihre Folgen immer noch aus dem historischen Schicksal großer und relativ einheitlicher Volksgruppen herleiten und verdeutlichen läßt, findet in Amerika ein Bruch mit dieser Vergangenheit statt, den jeder Einwanderer neu vollzieht, und der zumindest mit der zweiten Generation als endgültig betrachtet werden kann. Loslösen von einem großen heimatlichen Verband und das Gebot der Neuanpassung sind das Schicksal in einem nun schon über 200 Jahre währenden Prozeß. Und dieses gemeinsame Schicksal bildet bei allen zeitlichen und völkischen Varianten die neue Tradition in der werdenden Gesellschaft der Vereinigten Staaten. Ihre mosaikhafte Sozialstruktur ist überhaupt nur von den verschiedenartigen und zeitlich aufeinanderfolgenden Gruppen her erklärbar. Daraus läßt sich ermessen, wie sehr das viel differenziertere Gebiet geistigen Lebens zunächst nur als Pluralismus erscheinen muß, — gleichsam ein werdendes Gewebe aus vielerlei Fäden, aus Überliefertem verschiedener Herkunft, aus Entliehenem, das umgeformt und beim Gestalten des Neuen mit verwendet wird. Wie angesichts eines jeden Pluralismus ergibt sich auch hier die Frage, ob sich in Form von Verdichtungen größere Trends ablesen lassen, oder ob gar die Vielfalt im Laufe der Zeit unter einem neuen Aspekt zu einer Ganzheit zusammenwächst, — ein Moment, welches insbesondere durch die starke Prägekraft der neuen Umwelt möglich wäre. Im Hinblick auf die gesellschaftliche Struktur Amerikas wurde in jüngster Zeit die Antwort gegeben, es handele sich um eine „unfertige Gesellschaft", nachdem Riesmann die Theorie von der „einsamen Masse" gefunden hatte. Wie aber verhält es sich auf dem Gebiet der geistigen Reflektion, im Bereich der Soziologie? Wir haben zwar das Stichwort „amerikanische Soziologie", welches auf Eigentümlichkeit hinweist, jedoch reichen die Deutungen von der gemeinhin aus europäischer Sicht geprägten Definition einer regionalen Teilentwicklung bis hin zu der weniger in Fachkreisen, um so mehr aber in der Öffentlichkeit der Vereinigten Staaten vertretenen Ansicht, die Soziologie sei die „amerikanische Wissenschaft". Die verschiedenartigen Urteile lassen indessen Zweifel an der Berechtigung der jeweiligen Deutungen offen, zumal diesen Thesen die wissenschaftlich vertretbare Begründung fehlt. Dies ist kein Zufall, denn eine derartige Erörterung müßte sich auf eine eigene Vorgeschichte oder besser Geschichte eben dieser amerikanischen Soziologie stützen können; die vorhandene historische Literatur aber vermag ein solches eigenes Geschichtsbild nicht überzeugend zu zeichnen. Die historische Sicht in der soziologischen Literatur verliert sich immer wieder in einem Pluralismus und wählt vor dieser ahistoOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 409 Die Anfänge der amerikanischen Soziologie 25 rischen Konsequenz einen Ausweg zu anderen, dem Historischen naheliegenden Gebieten. Von den wichtigen Autoren, die sich mit der Geschichte der amerikanischen Soziologie befassen, kann so gesagt werden, daß Roscoe L. Hinkle und Luther L. Bernard zur Sozialpsychologie tendieren, Manuel C. Elmer und Albion W. Small Biographien bieten und Andreas Walther wie auch Floyd N. House ganz unhistorisch vorgehen, indem sie einzelne Problemkreise aneinanderreihen. Die wertvolle chronologische Arbeit in dem Werk von Howard W. Odum bezieht sich wiederum nur auf die Zeitspanne, zu welcher die amerikanische Soziologie bereits einen durchaus institutionellen Charakter angenommen hat. Die gehaltvollsten Darstellungen für den vorliegenden Zusammenhang finden sich zweifellos bei Luther L. Bernard, welcher als einziger der Frühzeit einen breiteren Raum widmet, bei Howard Becker in seinen verschiedenen Beleuchtungen der historischen Perspektiven und bei Gottfried Salomon-Delatour, der die historische Gesamtkonstellation treffend skizziert1. Um diesen Anregungen aber nachzugehen, reicht die soziologisch-historische Literatur nicht aus; Werke und Quellen über die intellektuellen und moralischen Grundlagen Amerikas müssen ergänzend herangezogen werden. Ein Vergleich mit der überaus reichhaltigen sonstigen Fachliteratur mag den Eindruck erwecken, daß der historische Gesichtspunkt hier bisher vernachlässigt wurde. Aus europäischer Sicht kann sich sogar leicht eine unadäquate Beurteilung einschleichen, wenn nicht die grundsätzlich andere Position der amerikanischen Soziologie sorgfältig beachtet wird. Die amerikanischen Soziologen sind nicht geschichtsfeindlich, wie manchmal behauptet wird, aber sie sind notgedrungen weniger geschichtsbezogen als ihre europäischen Kollegen. Die amerikanische Situation legt es geradezu nahe, die Soziologie als eine sogenannte Gegenwartswissenschaft zu handhaben. Diese amerikanische Situation ergibt sich einerseits aus dem Umstand, daß die Soziologie zu jeder Zeit vorwiegend in der äußerst dynamischen Gegenwartsproblematik aufging, woraus sich ein kaum mehr überschaubares Kaleidoskop von thematisch, methodisch, aber auch regional und individuell verschiedenartigster Lösungsversuche ergeben hat; andererseits bedingt die amerikanische Universitätsstruktur eine Aufgliederung der Disziplinen in streng voneinander abgegrenzte Departments, wodurch eine historische wie auch philosophische Bezugnahme zunehmend erschwert wurde, so daß sich kein dem europäischen ver1 Luther L. Bernard , Origins of American Sociology. New York 1943; Howard Becker u. Harry E. Barnes, Social Thought from Lore to Science. Washington D. C., 1952 (2. Aufig.); Gottfried Salomon-Delatour in der Einleitung zu der deutschen Ausgabe von Harry E. Barnes, Soziologie und Politik, Innsbruck 1927. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 26 Herta H. Jogland 410 gleichbares Geschichtsbewußtsein entfalten konnte. Weder von Herbart bis zur Romantik noch von der Geschichtsphilosophie Comtes bis zu den „ Annales"2 gibt es eine Historie, die mit der Soziologie verbunden wäre. So wird der Mangel an aufschlußreicher Literatur über die Geschichte ihrer eigenen Wissenschaft von den amerikanischen Soziologen zwar bedauernd empfunden, doch sehen sie auch die Schwierigkeiten klarer, welche der Bewältigung dieses Themas widerstreben, und begegnen daher dem Unterfangen, über dieses Gebiet zu arbeiten, meist mit vorsichtiger Skepsis. All diese Feststellungen wären geeignet gewesen, eine weitere Untersuchung als unfruchtbar aufzugeben, wenn nicht gewisse Eigenarten der amerikanischen Soziologie, wie gerade die Betonung des Empirischen, immer noch Aussicht auf positive Ergebnisse offengelassen hätten. Jedenfalls erschien es weiterhin sinnvoll, nach einer Perspektive zu suchen, welche den eigentümlichen Charakter der amerikanischen Soziologie auch geschichtlich beleuchtet. Zunächst ergibt sich die Frage, was überhaupt an der amerikanischen Soziologie, — abgesehen von der regionalen Komponente, — so weit eigen sei, das diese Bezeichnung als Ausdruck einer Besonderheit rechtfertigt. Im engeren Zusammenhang, der auf das Entstehen eben dieser Soziologie abzielt, muß daher die Frage lauten: Gibt es überhaupt eine eigene Geschichte der amerikanischen Soziologie, — und was innerhalb des Gesamtverlaufes kann als solche angesehen werden? — Wenn es eine selbständige amerikanische Soziologie gibt, dann muß sich auch für dieses Phänomen eine Entstehungszeit nachweisen lassen. Diese Frage steht nach dem bisher Gesagten im Schatten einer Erwägung: Die in der Literatur offensichtlichen Schwierigkeiten der Darstellung könnten ein Symptom für die Nichtexistenz einer eigenen Geschichte der amerikanischen Soziologie sein. Der sich in erster Schau aufdrängende Pluralismus der Ideen kann in dieser Hinsicht kaum Anhaltspunkte liefern und eignet sich nicht als Basis, da eine ideengeschichtliche Herleitung anhand der Alternative — eigen oder übernommen — unadäquat wird. Selbst bei der Frage nach den eventuellen Dominanten, die möglicherweise zu einer neuen Ganzheitstendenz führen könnten, erscheint eine anders fundierte historische Vorgliederung ratsam. Es muß also eine dem Eigenleben der amerikanischen Soziologie entsprechende Basis gefunden werden. Ausgehend von der regionalen Komponente bietet sich hier zu fragen an, wie sich denn der in einem gewissen Gegensatz zur ideengeschichtlichen Herleitung stehende äußere Verlauf darstelle. Gemeint ist 2 Annales of the American Academy of Political and Social Science seit 1890. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 411 Die Anfänge der amerikanischen Soziologie 27 damit die äußere Formierung, die Art und Weise der Aufnahme, Ausbreitung und Einflußnahme soziologischen Gedankengutes überhaupt. Es ist die Frage nach dem Standort, nach der Repräsentation und von da aus nach den Formen der Ausbreitung und Durchsetzung soziologischen Denkens auf amerikanischem Boden in dem Verlauf bis hin zur Universitätswissenschaft. — Dies ist gleicherweise ein wissenssoziologisch vertretbarer Weg. Er verspricht hinreichend verläßliche Anhaltspunkte für das« Erschließen der Eigentümlichkeit der amerikanischen Soziologie und ihrer Geschichte. Aus den gefundenen Daten mußten diejenigen ausgewählt werden, welche einschneidend genug waren, um den historischen Verlauf zu charakterisieren, — andererseits mußten die Phasen weit genug gefaßt werden, damit nicht eventuelle ideengeschichtliche Betrachtungen durch diese Einteilung beeinträchtigt wurden. So kam es zu einer historischen Skizze und der damit verbundenen Einteilung in Phasen. Es stellte sich bei diesem Versuch heraus, daß die ausgewählten Daten nicht nur entscheidende Punkte in der rein äußeren Entwicklung markieren, sondern auch einen gewissen ideengeschichtlichen Bezug haben, indem sie Zeitabschnitte umreißen, zu welchen bestimmte geistesgeschichtliche Dominanten ihre prägende Kraft für die Gesamtentwicklung entfalten. Die zunächst unübersehbar erscheinende Vielfalt offenbart anhand dieser Einteilung Dominanten und zudem die Eigentümlichkeit, daß in den Vereinigten Staaten Ideen zur Wirkung gelangen, die in Europa kaum mehr als eine Außenseiterrolle zu spielen vermochten. Das gefundene Schema sieht folgendermaßen aus: Die erste Phase umreißt die Zeit vom späten 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Die zweite Phase beginnt mit dem Jahre 1865 und endet mit dem Jahre 1892. Mit diesem Datum fängt der dritte Abschnitt an, der die ersten Jahre der amerikanischen Soziologie als anerkannter Wissenschaft an Universitäten und Colleges umschließt und hier bis zur Gründung der „American Sociological Society" im Jahre 1905 datiert werden soll. Es wäre denkbar, als Anfangsdatum der Gesamtentwicklung die Unabhängigkeitserklärung vom Jahre 1776 zu wählen, den Zeitpunkt, zu dem die ersten 13 Staaten in ihr selbständiges politisches Leben eintreten, — und gewiß ist die Unabhängigkeitserklärung selbst nicht nur ein politisches, sondern auch ein Dokument sozialer Reflexion. Es muß allerdings berücksichtigt werden, daß auch diesem Geschehen eine Zeit des Heranreifens vorausgeht und das mehr politische Datum nur akzentuierenden Wert für ein geistesgeschichtliches Werden darstellt. Hinsichtlich der Anfangszeit soziologischer Reflexion in Amerika OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 28 Herta H. Jogland 412 erscheint es besser, kein in Jahreszahlen ausgedrücktes Datum festzulegen und die Grenze fließend zu belassen. Wichtig ist, daß es in der Nachfolge der siebziger Jahre in den Vereinigten Staaten zu einer Blütezeit der Diskussion soziologischer Themen kommt, die als Anfangszeit der amerikanischen Soziologie gewertet werden kann. Charakteristisch für jene Zeit ist das Zusammentreffen wichtiger Impulse, welche diese Aktivität anregen. Die neu erworbene politische Unabhängigkeit bietet eine besonders günstige Voraussetzung für die intensivere Besinnung auf sozial-menschliche Verhältnisse und deren Besserung, — nicht nur angesichts der typisch amerikanischen Situation, sondern auch im Hinblick auf den Willen, die fortschrittlichste Gesellschaftsordnung zu schaffen. In diesem Bestreben treffen die Intentionen der stark religiös gebundenen amerikanischen ^Community" mit dem literarischen Ergebnis des reifen 18. Jahrhunderts zusammen, das um diese Zeit in aller Vielfalt aus Europa herübergelangt. Daraus ergibt sich ein reiches Feld der Diskussion. Ein Zentrum dieser Diskussion bilden zuerst die Neu-England-Staaten, ein weiteres entsteht wenig später in Pennsylvanien, vornehmlich in Philadelphia. Beide Zentren sind die Orte der ältesten angelsächsischen Siedlungen mit den am weitesten gereiften Kommunalwesen; hier gibt es um diese Zeit schon eine amerikanische Tradition, auf die man zurückblicken kann, und durch die bereits erlangte Stabilität wird ein prägender Einfluß auf jüngere und neu entstehende Siedlungsgebiete ausgeübt. Der prägende Einfluß der jeweils früher Eingewanderten, die ihre Existenz schon in Gemeinwesen festigen konnten, — der Alteingesessenen gegenüber den Neuankömmlingen, — ist von höchster Bedeutung für jede Beurteilung der Vereinigten Staaten in ihrer spezifischen Mobilität. Dieses Kriterium wird nicht nur im Hinblick auf die Soizialstruktur bedeutsam; es ist auch bei jeder historischen wie gegenwärtigen Betrachtung unerläßlich, vor allem wenn dabei die maßgeblichen Leitideen erwähnt werden. So besteht generell ein Vorzug der früher Eingewanderten gegenüber den später Eingewanderten, der sich neben einer größeren Existenzsicherheit in ungeschriebenen Vorrechten und Prestigemomenten ausdrückt. Beim Überblick des Gesamtgeschehens kann hier von der Bildung einer Aristokratie gesprochen werden. Es handelt sich dabei um jene Gruppe von Menschen, die ihre Herkunft auf die frühesten Ansiedler zurückführen oder zumindest zu der Nachkommenschaft der schon im 18. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten ansässigen Familien gehören. Wenigstens der Abglanz des Ruhmes jener ersten Begründer des Amerikanertums ruht auf diesen Nachkommen und verleiht ihnen ein nicht geringes Prestige. Zwar bildet die unwahrscheinlich OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 413 Die Anfänge der amerikanischen Soziologie 29 große Zahl derer, welche sich mehr oder weniger berechtigt auf diese Herkunft berufen, einen vielbelächelten Aspekt im amerikanischen Alltag, doch gilt andererseits schon die bloße Herkunft aus den NeuEngland-Staaten als besonders amerikanisch. Auch die Festtage zur Erinnerung an jene frühe Zeit, deren bedeutendster wohl „Thanksgiving" ist, werden von der ganzen Nation einträchtig und sehr traditionsbewußt begangen. Im ganzen kann gesagt werden, daß aus der Zeit vor 1800 die wichtigsten der heute noch verbindlichen Leitbilder des Ainerikanertums stammen. Es sind dies die vornehmlich an puritanischen Formen orientierte Religiosität des 17. Jahrhunderts und die demokratischen Ideale des 18. Jahrhunderts. Der prägende Einfluß auf die nachfolgenden Einwanderer gelangte zu einer so dauerhaften Wirksamkeit, daß das Vorrecht der ersten Besitznahme des Landes in diesem Falle wie das Wirken eines Naturgesetzes anmutet. Die frühe Besiedlung der Ostgebiete der Vereinigten Staaten erfolgt vorwiegend durch religiös gestimmte Menschengruppen. Es sind Abtrünnige von der offiziellen Kirche ihres Heimatlandes und selbst wieder Abtrünnige der dortigen „Dissenters", welche um ihrer Bekenntnisfreiheit willen ein neues Leben in einer Neuen Welt beginnen wollen. Aus dem angelsächsischen Raum kommen Puritaner und Presbyterianer, aus dem deutschen Protestanten und Calvinisten, aus dem französischen Hugenotten, nicht zu vergessen die reformierten Holländer. Die unsagbaren Schwierigkeiten des Neuanfanges durchstehen sie in ihren durch Glaubenskraft geeinten kleinen Gemeinschaften. Ihr Werk steht unter den Maximen des religiösen Lebens; ihr sozialer Lebensraum ist die Gemeinde; die höchste Autorität besitzen die Religionsführer und Inhaber religiöser Ämter. Es entstehen so Siedlungen mit ausgesprochen theokratischem Charakter. Die Gemeinde selbst bildet den am frühesten stabilisierten Lebensraum, in dessen Rahmen sich das kommunale wie auch das gesamte soziale Leben einpaßt. Diese Gemeinden sind die Urzellen des Amerikanertums, und der in ihnen gelebte Geist kann als die Grundlage des Amerikanismus erachtet werden. Wenn heute im Vergleich mit europäischen Verhältnissen die erstaunlich enge Bindung der Amerikaner an Kirche und Gemeinde als kennzeichnend festgestellt wird, — die ohne Unterschied der jeweiligen Bekenntnisse besteht und wobei das Gemeindeleben weitgehend das soziale Leben bestimmt, — so handelt es sich hier nicht um den Erfolg eines neuen Reformstrebens der Kirchen im weiteren Ausgreifen in soziale Bereiche, sondern um beste amerikanische Tradition. Die Neu^England-Staaten bilden durch ihre Bevölkerungsdichte und das sehr einheitliche religiöse Bekenntnis bald den stärksten theoOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 30 Herta H. Jogland 414 kratischen Block. Die bis zur Intoleranz geführte Disziplin der frühen Zeit wirkt auf nahestehende Bekenntnisse und auf weniger einheitliche Siedlungsgebiete als geistig beeinflussende Macht. Veranschaulichend kann hier hinzugefügt werden, daß nach einer schätzenden Statistik aus dem Gründungsjahr der Vereinigten Staaten (1776) die angelsächsischen Puritaner und die vornehmlich schottischen Presbyterianer die größten einheitlichen Religionsgruppen innerhalb der Gesamtbevölkerung darstellten. Die Gesamtbevölkerung von rund 2,5 Millionen Menschen läßt sich in je eine Gruppe calvinistischer und nicht-calvinistischer Bekenntnisse aufteilen. Auf der Seite der Calvinisten ergibt sich folgendes Bild: Congregationalisten (vorwiegend die Puritaner Neu-Englands) 575 000 Presbyterianer (schottisch-irisch) 410 000 Holländische Reformierte 75 000 Deutsche Reformierte 50 000 Baptisten 25 000 Gesamt 1 135 000 Die zweite Gruppe setzt sich zusammen aus etwa 1 Million Anglikaner, — (von denen aber die Zahl der rund 533 500 Neger abgerechnet werden muß, da diese meist nur nominell dem Bekenntnis ihrer Herren angehörten), — etwa 25 000 Katholiken, 2000 Juden und der damals noch recht geringen Anzahl der Methodisten, Lutheraner und anderer nicht-calvinistischer Sekten3. Die relativ große Gruppe der Anglikaner konnte sich nicht zu einer mit dem calvinistischen Block auch nur annähernd vergleichbaren Wirksamkeit aufschwingen, da ihre Lehre das Leben ihrer Anhänger nicht so total beeinflußte. Ralph Barton Perry gelangt in diesem Zusammenhang zu der Aussage: „Es ist als sicher anzunehmen, daß der Einfluß des Puritanismus im weitesten calvinistischen Sinne die Hauptkraft während der späten kolonialen Periode darstellte, und daß dieser einzigartig und grundlegend zur Gestaltung des amerikanischen Geisteslebens beitrug als dieses im Entstehen war4." Die für das gesamte amerikanische Leben so nachhaltige religiöse Grundstimmung der frühen Zeit des jungen nordamerikanischen Staatswesens ist die wichtigste Voraussetzung für das sich entwikkelnde Geistesleben. Dessen Grundlagen werden von kirchlichen Kreisen und den ebenfalls theologisch bestimmten Vertretern des öffentlichen Lebens gelegt. Diese religöse Grundstimmung ist der Boden, auf dem über die Annahme oder auch Ablehnung von neuen 3 S. H. Sutherland , Population Distribution in Colonial America. New York 1936, S. XII. 4 Ralph B. Perry, Puritanism and Democracy. New York 1944, S. 80 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 421 Die Anfänge der amerikanischen Soziologie 37 Dieses Beispiel zeigt, daß man zu jener Zeit soziologische Themen in den Werken großer amerikanischer Persönlichkeiten, wie John Adams oder Thomas Jefferson, oder in der theologischen Literatur aufspüren muß. In der Theologie verdient hierbei das Werk von William Paley im Bemühen um eine „natürliche Theologie" besondere Beachtung17. Eine starke Aufnahme finden die schottischen Thesen auch bei der Bewegung der amerikanischen Unitarier, als deren bekannter Mitbegründer und Reformator William E. Channing gilt. Von ihm wird berichtet: „. . . die moralische und ethische Lehre der schottischen Philosophen und der intuitionale Inspirationalismus von Coleridge und den idealistischen Kantianern wurden durch die Aktivität von William Ellery Channing ausschlaggebend für die Revolution in ihren Reihen18." Einen interessanten Teilaspekt bietet in dieser Hinsicht auch der vornehmlich deistische Loslösungsversuch von kirchlicher Bevormundung im Bestreben um eine unabhängige Sozialethik, wobei das Werk von Elihu Palmer erwähnt werden muß wie auch das spätere Wirken von Robert Owen und Frances Wright, die eine erste Arbeiterbewegung in New York organisieren19. Der Schwerpunkt der Aufnahme soziologischen Denkens liegt jedoch bei den Praktikern des sozialen Lebens in mittleren und gehobenen Positionen, die in der Konzeption der „Human Nature" eine allgemeine christliche Basis erblicken und diesen sozialphilosophischen Rückhalt für ihre soziale und sozialpolitische Tätigkeit nutzen; der Einfluß der schottischen Lehren wird so vor allem in den kleinen Bereichen praktischer Arbeit wirksam. In der Community-Arbeit ergeben sich neben der Verwaltungsroutine die Probleme des Zusammenführens und Anpassens der Menschen, des Organisierens der Nachbarschaftshilfe und des Bildungswesens. Andererseits umfaßt sie die Fürsorge im Beheben sozialer Mißstände, die durch Armut, Unterbezahlung, Krankheit und Kriminalität hervorgerufen werden. Ein besonderes Problem bieten zur damaligen Zeit die sogenannten Armenhäuser, welche oft das Krankenhaus ersetzen mußten. Eine gute Darstellung der Art dieses praktisch-sozialen Wirkens findet sich in der Würdigung des als Pionier der amerikanischen „Social Work" Adams, Boston 1854, IX., S. 339; vgl. Adam Ferguson, An Essay of the History of Civil Society. Edinburgh 1767, S. 2 f. 17 William Paley, The Principles of Morals and Political Philosophy. 11. amerikanische Auflage, Boston 1825. 18 Merle Curti, a.a.O., S. 163. 19 Elihu Palmer, Principles of Nature. Dartmouth 1802; vgl. den Einfluß von Thomas Paine, The Age of Reason. Paris 1794; Robert Oweny New Moral World . .. New York 1833. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 38 Herta H. Jogland 422 bekannten Pfarrers Joseph Tuckermari20. Diese Fürsorgearbeit im Kleinen ist der Anfang der amerikanischen Charity-Bewegung, die gegen Mitte des 19. Jahrhunderts mit einer reichhaltigen eigenen Literatur hervortritt. Obwohl die Impulse zu vertieften und weiterführenden wissenschaftlichen Bemühungen schon Ende des 18. Jahrhunderts gegeben waren, kommt es vorerst in Amerika zu keinem nennenswerten eigenen Schrifttum. Die Pause währt etwa von 1790 bis in die dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts. Als Grund werden die erhöhten praktischen Anforderungen hervorgehoben, verstärkte Einwanderung, Industrialisierung und der Siedlungskampf im Westen. Das derzeit aufblühende Druckereigewerbe kommt neben der Verbreitung de9 Schrifttums der europäischen Aufklärung vornehmlich einer amerikanischen Literatur zugute, die unter dem Thema des aufblühenden Amerikanismus zusammengefaßt werden kann. Die sich anschließende literarische Diskussion gipfelt in dem Streit um die Anwendbarkeit der neuen Ideen. So plädieren die revolutionären Kräfte gegen Frauenund Kinderarbeit, Sklaverei, veralteten Strafvollzug usw., während die mehr konsolidierenden Konservativen diesen Neuerungen kritisch gegenüberstehen. Diese auslegende Literatur ist jedoch mehr ein Spiegel des praktisch vor sich gehenden Experimentierens, dessen radikalste Form wohl in der Gründung von Siedlungsgemeinschaften nach den utopisch-kooperativen Ideen von Charles Fourier erreicht wird. Nach 1830 erscheinen in Amerika zunächst noch zwei Spätschriften der Moralphilosophie, die in Aufbau und Gehalt den Werken von Adam Ferguson und auch Adam Smith so ähnlich sind, daß sie sich lediglich in der Formulierung zu unterscheiden scheinen21. Das Buch von dem aus Edinburgh stammenden George Combe weist allerdings zwei erwähnenswerte Besonderheiten auf. Einmal befindet sich in diesem Werk eine der ersten rein soziologischen Statistiken, was beweist, daß die Moralphilosophie auch in der Beachtung der statistischen Daten als legitimer Vorläufer der heutigen Soziologie betrachtet werden kann, daß sie nämlich auch schon ganz konkret gemessene Daten benutzt, deren methodische Gewinnung von der heutigen nicht weit entfernt ist22. Zum anderen ist Combe wohl der 20 Daniel T. McColgan, Joseph Tuckerman; Pioneer in American Social Work .. , Washington D. C. 1940; vgl. Joseph Tuckerman, On the Elevation of the Poor, a Selection from his Reports as Minister at large in Boston . . . Boston 1814. 21 George Combe, Moral Philosophy or, the Duties of Man. New York 1841; Frances Wayland, Elements of Moral Science. Boston 1835. 22 A.a.O., S. 256 f.; vgl. Francis Lieber, Proposais for a Work in Statistics of the United States. New York 1836. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 423 Die Anfänge der amerikaniedien Soziologie 39 letzte Autor in Amerika, der die Moralphilosophie unter sozialwissenschaftlichem Aspekt noch im Titel des Buches bei ihrem eigenen Namen nennt. Das ist eine Seltenheit im Erscheinungsjahr 1841, denn dem Zeitideal der Wissenschaftlichkeit entsprechend erscheinen sozialphilosophische und soziologische Themen längst unter dem Titel „Wissenschaft". — Zuallererst geht das moralphilosophische Gedankengut in die politische Wissenschaft ein, und die heutige breite Fächerkombination unter dem amerikanischen Begriff „ Political Science" mag hierin eine Begründung finden23. Die in die Soziologie als selbständige Wissenschaft direkt einmündende Entwicklung geht von der Umbenennung in „Moral Science", seltener auch in „Social Philosophy" aus, die wenig später von den amerikanischen Assozianisten den Namen „Social Science" erhält. — Aus dem ursprünglich vorhandenem sozialen Enthusiasmus, verbunden mit dem Fortschrittsglauben des 18. Jahrhunderts, ergibt sich der Wille zur Besserung des menschlichen Wohlergehens. Die Wissenschaft vermag zunächst eine sozialphilosophische Neuorientierung zu festigen. Der Wandel zur „Moral Science" verbindet sich dann mit dem Hervorstellen von Themen einer allgemeinverbindlichen Lebenstechnik, während die spätere „Social Science" direkt auf eine soziale Technologie ausgeht. Die mehr wissenschaftlichen Bestrebungen münden in die akademische Soziologie ein, während die Reformbestrebungen weiterhin das Wesen der anwachsenden Bewegung der „Social Work" prägen. Zu dieser Ausformung kommt es jedoch erst gegen Ende des Jahrhunderts. Nach diesem generellen Ausblick zurück in die dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts: Es ist die Zeit der Blüte des Fourierismus in Amerika. Seine sozial-utopische Synthesis erscheint den radikalen Neuerern als ein realisierbarer Traum, während er andererseits dem Amerikanismus so weit entgegenkommt, daß er auch noch von den Konservativen als tolerierbare Abweichung begriffen wird. „. .. Vor dem Bürgerkrieg war der Einfluß von Owen und Fourier weitgehend, und sozialistische Gemeinschaften wie die Brook Farm bildeten sich in verschiedenen Teilen des Landes. Diese Bewegung war jedoch weniger ein Protest als eine Extravaganz. Es war die vorschnelle Freude an einer möglich zu machenden Utopie, die sich aus den Umständen ergab. Die Gemeinschaften waren Enklaven, die von dem kapitalistischen System gestützt und geduldet wurden. Sie stellten keine Abweichung von den Idealen des traditionellen Amerikanismus dar, sondern waren eher momenthafte Verkörperungen jenes Natur23 Schon John Adams spricht von der „Science of society" und der „divine science of politics", in „Works of John Adams", a.a.O., S. 339 und 512. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 40 Herta H. Jogland 424 zustandes, der die Norm und das Versprechen der Unabhängigkeitserklärung beinhaltete24." Das Werk Fouriers wird als ein Höhepunkt in der Folgerung aus den Ergebnissen der Aufklärung verstanden. Damit ist gesagt, das auch Elemente der französischen Aufklärung in das allgemeine Denken Eingang gefunden haben. Sie finden diesen aber nur, wenn sie der amerikanischen Situation zu entsprechen vermögen. Ähnlich wie der von vornherein bürgerlichen Gesellschaft in Amerika die harten Auseinandersetzungen von Klassen und «Ständen erspart bleiben, finden auch die materialistischen und atheistischen Thesen bei der gegebenen religiösen Grundstimmung kaum Resonanz. Beim Loslösen von der Bindung an die Kirche muß daher genau unterschieden werden zwischen theokratischer Kirchenpolitik und einer bleibenden religiösen Bindung. Zwar wird in den Vereinigten Staaten erstmalig in der Geschichte der Neuzeit die Trennung von Staat und Kirche vollzogen25, und es kommt zu den von der Kirche unabhängigen sozialen Bewegungen, aber daraus werden keine generell atheistischen Folgerungen gezogen. Audi der Weg in die Wissenschaft bleibt Dienst an der Gesamtheit im Sinne von Gottes Schöpfung. „Diese Ausnutzung der theologischen Schöpfervorstellung für aufklärerische Ziele der Gesellschaftsordnung und Gesellschaftsgestaltung ist für Amerika auch für seine Sozialwissenschaft von größter Bedeutung. Die Aufklärung vertrug sich — ganz im Gegensatz etwa zu Frankreich — in den USA, abgesehen von gewissen wenn auch wichtigen Reibungen, mit der Religion. Sie konnte zur Volksbewegung werden, Sozialreform und Wissenschaftsentwicklung vorantreiben und später sogar einen Fortschrittsglauben hervorbringen, der immer noch mit gewissen Elementen der christlichen Lehre abzudecken und zu rechtfertigen war, so daß sie der amerikanischen Gesellschaft auch heute noch als Impuls zur Verfügung steht26." Die Reaktion auf den Fourierismus, — sei es in den dreißiger Jahren während der noch ungebrochenen Begeisterung für sozial-utopische Ideen, sei es in den vierziger Jahren während der einsetzenden Resignation auf kurzlebige Realisierungsversuche, — leitet eine Periode ein, die in einer bisher nicht dagewesenen Weise von einem eigenen, auf amerikanischem Boden entstehenden und amerikanische Probleme berücksichtigenden Schrifttum gefördert wird. Es ist die Zeit des amerikanischen Assozianismus, der von Luther L. Bernard als erste sub' 24 Ralph B. Perry, a.a.O., S. 10 f. 05 Die ersten Staaten waren Rhode Island, Pennsylvania, New Jersey und Delaware. 26 R. C. Hinkle und G. J. Hinkle, Die Entwicklung der amerikanischen Soziologie. München 1960, S. 14. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 425 Die Anfänge der amerikanischen Soziologie 41 stantielle Phase der amerikanischen Wissenschaft von der Gesellschaft bezeichnet wird. Ebenso ist es die Anfangszeit der bekannten „Social Science Movement". Die primär sozialwissenschaftliche Denkweise innerhalb der „Social Scieiice"->Bewegung auf der Suche nach einer brauchbaren sozialen Technologie erhält wiederum ihren Hauptantrieb von Menschen aus der sozialen Praxis. Diese erhoffen von einer vertieften und koordinierten wissenschaftlichen Betätigung neue Lösungen für ihre dringlichen Probleme. In diesem Vorhaben bilden sich regionale Interessengruppen, in denen sich Praktiker, geistige Führer und Wissenschaftler zusammenfinden. Ein Zitat von Hinkle mag diese Situation veranschaulichen helfen: „Wo Selbsterkenntnis sich nicht um traditionsreiche kulturelle Zentren, um Höfe, Adelssitze, Akademien und Universitäten gruppiert, sondern breite Schichten einer inhomogenen Gesellschaft von kritischen Aufklärern, geistlichen Reformern, melioristischen Pionieren geführt und angeleitet werden, sucht auch in einer neu sich bildenden Gesellschaft der Wissenschaftler weniger nach einer von der Geschichte getragenen Erkenntnis, sondern eher nach dem Grundlagenwissen über soziale Parallelerscheinungen, Minoritäten, Unterschiede von Gruppen, Probleme des Auskommens der Menschen untereinander, der Anpassung und alle jene Fragen, die mit rascher Industrialisierung und Verstädterung entstehen27." Wie prägend sich auch in der assozianistischen Zeit der sozialwissenschaftlichen Bewegung die Lehren der schottischen Schule auswirken, zeigen besonders die Werke von Albert Brisbane, William E. Channing, Francis Lieber und Henry C. Carey. Auf der Suche nach sozialen Gesetzen als Naturgesetzen treten die Leitideen der „Science of Society" im Rahmen der „Social Sciencce" unter den verschiedensten Titeln und Themen hervor, so beispielsweise unter „Social Philosophy", „Moral Science", „Political Eoonomy", „Speculative Politics", „Political Ethics", „Political Science", „Legal Science" und auch „Natural History of Society". Von Philadelphia ausgehend haben sich inzwischen die Lehren der schottischen Schule an allen Colleges der Vereinigten Staaten durchgesetzt, — eine Situation, die etwa um 1812 erreicht war28. Die führenden Persönlichkeiten des frühen Assozianismus sind Albert Brisbane, Parke Godwin, Horace Greeley, George H. Calvert und William E. Channing29. Neben den selbständigen Veröffentlichun27 Hinkle, a.a.O., S. 21. 28 Vgl. Noah Porter, Philosophy in Great Britain and America. Appendix I., in F.Überweg, History of Philosophy. Bd. II., New York 1874, S. 451—52, 455 f. 29 Teilweise beeinflußt von dieser Gruppe wurden: N.Hawthorne, G. Ripley, G. W. Curtis, M. Füller, B. F. Sanborn, S. G. Howe, A. D. White, D. C. Gilman. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 42 Herta H. Jogland 426 gen finden sich ihre Beiträge in den Zeitschriften „Phalanx", die nur wenige Jahre besteht und 1845 in „The Harbinger" übergeht, in Channings „The Present" und Parke Godwins „The Pathfinder". — Albert Brisbane (1809—1890), der eindrucksvollste Initiator dieser Gruppe, spiegelt anhand seiner wissenschaftlichen Laufbahn genau jenes Phänomen wider, welches hier betrachtet wird. Von seinem Lehrer John Monesca übernimmt er die Tradition der schottischen Moralphilosophie, und nach einem Studienaufenthalt in Europa kehrt er als begeisterter Anhänger von Fourier zurück. Den größten Eindruck auf ihn macht Fouriers Schrift „Traité de l'association domestique-agricole" (1821—1822). Brisbane wirbt in seinen Publikationen für den Assozianismus und die Lehre Fouriers30. Besonder-s in seinem Buch über Fourier nehmen in kritischer und ergänzender Darlegung die Themen der schottischen Psychologie über die „Human Nature" und die Annahme einer ursprünglich guten und sozialen Menschennatur als Voraussetzung der im Rahmen einer erweiterten Assoziationstheorie angestrebten Besserung des menschlichen Lebens einen großen Raum ein. Den Zusammenhang zwischen schottischer Schule und Fourier zeigt in ganz ähnlicher Weise auch der zeitgenössische Robert Blackey31. H. W. Channing wurde vor allem bekannt durch das Propagieren des Experimentes der Brook Farm. Auf die Bedeutung der Moralphilosophie für den Unitarier W. E. Channing wurde bereits hingewiesen. Nach den verschiedensten Fehlschlägen, eine rationale und wissenschaftliche Gesellschaft nach dem Vorbild utopischer Ideen zu organisieren, tritt allmählich bei den Assozianisten eine Ernüchterung ein. Die Formen des von ihnen angestrebten Kommunismus stehen im Widerspruch zu dem fortgeschrittenen Stand der Zivilisation32. Sie lenken ihren melioristischen Eifer in gemäßigtere Bahnen und widmen sich wieder der Lösung von Teilproblemen. In zunehmendem Maße finden Statistiken Beachtung, und auch die von Comte angeregte weitgehendere wissenschaftliche Methode hat ihr erstes Ech,0', obwohl gerade Comte erst in späterer Zeit mehr gewürdigt wird und seine Thesen über den Positivismus aus religiösen Gründen umstritten sind. J. H. Moyes, R. Owen, H. C. Carey. Unter den namhaften Assozianisten der späteren Zeit befinden sich: J. O'Connell, G. F. Holmes, R. S. Hamilton, R. J. Wright, St. P. Andrews, J. Warren und L. Masquerier. 30 Albert Brisbane, Social Destiny of Manor, Association and Reorganization of Industry. Philadelphia 1840; Association: or a Concise Exposition of the Practical Part of Fouriers Social Science. Philadelphia 1843; A Concise Exposition of the Doctrine of Association. New York 1844. 31 Robert Blakey, The History of Moral Science. New York 1833. 32 Vgl. A. E. Bestor jr., Batkwoods Utopia. New York 1950. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 427 Die Anfänge der amerikanischen Soziologie 43 In der Suche nach einem besseren und gelenkten Zusammenspiel der Kräfte innerhalb der neuen Gesellschaft sind inzwischen zwei miteinander rivalisierende Wissenschaftsbereiche erwachsen, die im Grunde beide das gleiche Ziel verfolgen und zu maßgeblichen Trägern des soziologischen Ideengutes werden. Die eine Richtung nennt sich „Political Science" oder auch „Political Philosophy", die andere, ursprünglich eine Unterabteilung der politischen Philosophie, tritt unter dem Titel „Political Economy" auf. Die Separationsbestrebungen nehmen 1818 mit der Errichtung des ersten Lehrstuhls für „Political Economy" in New York ihren Anfang, welches ein frühes Symptom für die spätere folgenschwere Aufspaltung der Wissenschaft vom Menschen ist. In beide Richtungen geht wiederum das schottische Erbe ein. Auf dem Gebiet der politischen Philosophie oder Wissenschaft ist es vorwiegend der an Columbia wirkende Francis Lieber33, welcher die moralphilosophischen Lehren in sein Werk aufnimmt, und dessen Lehrmeinung sich um 1846 als dominierend durchgesetzt hat. Der mit den Politikern um Abraham Lincoln in Verbindung stehende Wissenschaftler bemüht sich um die Grundlegung einer praktikablen politischen Ethik. Als Postulat dient ihm die Theorie von der „Human Nature", und generalisierende Überblicke über die Vergangenheit werden von ihm im Sinne einer melioristischen Fortschrittsidee gedeutet. Während die Schule der „Political Economy"' in New York sehr bald einem Neo-Klassizismus huldigt, die Freihandelstheorie von Adam Smith mit den Thesen von Ricardo und Malthus verbindet und vor allem mehr und mehr zu einer rein positivistischen Wissenschaftsauffassung neigt, entwickelt sich in Philadelphia die Carey-Schule unter völlig anderen Gesichtspunkten. Sie bildet die nationalistische Richtung innerhalb der amerikanischen Sozialwissenschaft, und Henry Charles Carey, der Sohn irischer Flüchtlinge, wird häufig als Begründer der amerikanischen Schule der politischen Ökonomie bezeichnet34. Carey wie auch seine Schüler William Eider und Horace Greeley stehen dem Assozianismus nahe. Wie dieser übernehmen sie von den Schotten die psychologischen und ethischen Grundlagen, welche Carey zu moralischen Imperativen entwickelt. Er stellt hierzu vier Gesetze 33 Francis Lieber, Manual of Political Ethics. New York 1838; Legal and Political Hermeneutics. New York 1839; Essay on Property and Labor. New York 1841; Civil Liberty and Seif Government. New York 1853. 34 Vgl. V. G. Sorrell, American Economics Writers from Raymond to Carey, Ph. D. Diss. Berkeley 1929; Paul T. Homan, Henry Charles Carey. In: Encyclopaedia of the Social Sciences. Bd. III., S. 227 f.; Henry C. Carey, Principles of Social Science. Philadelphia 1858—59. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 44 Herta H. Jogland 428 auf, das der Assoziation, der Individualität, der Verantwortlichkeit und das des Fortschrittes als der bewegenden Kraft. Carey glaubt an die Verwirklichung des Ideals der Harmonie, was allerdings nur durch Protektionismus und Steuerung der nationalen Wirtschaft möglich werden kann. Hiermit wendet er sich gegen die klassische Schule, gegen die Freihandelstheorie von Adam Smith wie auch gegen die Vorstellung vom „homo oeconomicus" bei diesem, Ricardo und Malthus. Die Gesellschaft wird als ein in weitester Sicht zu verstehender Wissenschaftszusammenhang begriffen, für den Carey sich bemüht, die natürlichen ethischen Normen auf der Grundlage einer ebenso natürlichen Theologie zu finden. Die ganze Thematik der Carey-Schule konzentriert sich mehr auf die soziologische Behandlung der wirtschaftlichen Bereiche als auf Themen, die in der modernen Wirtschaftswissenschaft aufgeworfen werden. Es geht mehr um die „. .. innewohnenden soziologischen Probleme der Relation von Herr und Diener, die Arbeitslöhne, um Sklaverei, Armut und wirtschaftliche Möglichkeiten. So war die politische Ökonomie in ihrem systematischen Teil in Wirklichkeit ein Ergebnis aus Naturrecht und Moralphilosophie. In dieser Hinsicht unterschied sie sich nicht von anderen Sozialwissenschaften, noich von der allgemeinen Social Science selbst35." Eine interessante Beleuchtung der engen Bindung zwischen der amerikanischen „Political Economy" und der Soziologie ergibt sich aus folgendem Sachverhalt. Im Jahre 1885 wurde die „American Economic Association" gegründet. Während der Jahre von 1870 bis 1890 vollzieht sich der Wandel von der humanitären zur institutionellen Wirtschaftswissenschaft. Auf Grund der dadurch hervorgerufenen Unstimmigkeiten treten einige Mitglieder aus der Gesellschaft aus und gründen im Jahre 1905 die „American Sociological Society". — Der ursprünglich übergreifende Zusammenhang, wie er sich in humanitärer Absicht bei der frühen „Political Economy" zeigt, besteht auch beim Entstehen anderer Teilwissenschaften vom Menschen, wobei die Community-Forschung und die spätere zur Sozialpsychologie gehörige amerikanische „Ecology"36 einen besonderen Hinweis verdient. Die Auswirkung der psychologischen Theorie von der „Human Nature" und der von den Schotten angeregten introspektiven und komparativen Methode auf das Entstehen der amerikanischen Psychologie, Ethnologie, Kulturanthropologie und Sozialpsychologie sei hier nur erwähnt. 35 L. L. Bernard, a.a.O., S. 514. Vgl. Encyclopaedia of Social Sciences. Bd. I, S. 324—349. 36 Vgl. die Schriften von Roderick McKenzie und Robert E. Park. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 429 Die Anfänge der amerikanischen Soziologie 45 Die Betrachtung der ersten Phase soziologischen Denkens in Amerika soll hiermit abgeschlossen werden. Als Motto für diesen Abschnitt könnte ein Ausspruch von Gladys Bryson dienen: „Es stellt sich heraus, daß die Formulierung, unter der die Sozialwissenschaften früher auftraten . . . der Bereich der Moralphilosophie war. Jeder Versuch, der Geschichte eines der Teilgebiete sozialer Studien von heute gerecht zu werden, sollte daher hier bei der älteren Disziplin beginnen37." Als Datum für den Beginn der zweiten Phase soziologischen Denkens in Amerika sei hier das Jahr 1865 genannt. Zu diesem Zeitpunkt treten die amerikanischen .Sozialwissenschaften als „Social Science'6 in ein neues Stadium ein. Nach dem britischen Vorbild der von Lord Brougham im Jahre 1857 geschaffenen „National Association for the Promotion of Social Science" wird 1865 die „American Association for the Promotion of Social .Science" gegründet. Damit entsteht in Amerika erstmalig eine Organisation, in der die Bewegung der SozialWissenschaften die Form einer zentralisierten Institution annimmt. Diese Gesellschaft ist zugleich der Ort, wo das soziologische Bestreben seine erste institutionalisierte Form erhält. Der Zusammenschluß erfolgt keineswegs als eine abrupte Imitation des britischen Vorbildes, sondern bildet den Abschluß oder auch vorläufigen Höhepunkt einer mindest vierzigjährigen Entwicklung. Wie bereits hervorgehoben, taten sich in den vorhergegangenen Jahren regionale Interessengruppen zusammen, um in Zusammenhang mit der Wissenschaft einen möglichst effektiven Weg zur Lösung der neuen und schwerwiegenden sozialen Probleme zu finden. Diese ersten Gruppierungen bedeuten die Geburtsstunde des inzwischen zur amerikanischen Tradition gehörigen Begriffes der „team-work". Anfangs umreißt dieser Begriff eine Zusammenarbeit von Menschen aus den verschiedensten Tätigkeitsbereichen unter der Perspektive eines Problems; später sind es auf Grund der kontaktgelösten Spezialisierung der einzelnen Fachgebiete mehr die homogenen Gruppen, welche in Arbeitsteilung zusammenwirken, und so diesen Begriff etwas einschränken. — Wiederum geht die Anregung von der Praxis aus, sie entsteht aus der Not. Die schon recht wissenschaftlich anmutende „Boston Social Science Association", deren Gründung auf die Zeit um 1822 zurückgeht, darf nicht über die grundlegende Initiative hinwegtäuschen, die von den sozial tätigen Menschen ausgeht. Diese Gesellschaft mit dem wissenschaftlichen Titel bleibt lange Zeit, — bis zur Gründung der „New York Social Science Association" 1862, — ein Einzelphänomen, wohingegen eine Vielzahl anderer Institutionen 37 Gladys Bryson, The Emergence of Social Science from Moral Philosophy. In: The International Journal of Ethics. Bd. XLII. April 1932, S. 306. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 46 Herta H. Jogland 430 erwächst, welche die grundlegende Tendenz der „Social Science Movement" auch dem Namen nach besser zu charakterisieren vermögen. Zunächst bilden sich viele lokal-kommunale Ausschüsse, deren philanthropisch-humanitäre Bemühungen unter dem amerikanischen Begriff der „Charity" zusammengefaßt werden können. Eine der ersten größeren Verbindungen ist der „Board of Alien Commissioners", welcher 1851 in Massachusetts entsteht. Der Anlaß zu dieser Kooperation sind die durch die anwachsende Zahl der irisdien Einwanderer hervorgerufenen sozialen Probleme. Mehr den allgemeinen Aufgaben wendet sich der im Jahre 1863 gegründete „Massachusetts Board of State Charities" zu. Sein Wirken gilt vornehmlich drei Aufgabenbereichen, der allgemeinen Fürsorge38 zur Hebung des Lebensstandards, den Maßnahmen zur medizinischen Betreuung und den Problemen der Kriminalität mit einer Kritik am Strafvollzug. Die Ausschüsse, Ämter oder Behörden in Massachusetts bieten das Vorbild, nach, welchem in den folgenden zwölf Jahren in weiteren acht Staaten solche offiziellen „Boards of State Charity" entstehen. Die Behörde in Massachusetts aber ist die direkte Vorstufe der „American Association for the Promotion of Social Science"39, welche von den Neu-England-Staaten ausgehend beginnt, die verschiedenen Ausschüsse und Ämter zentral zu betreuen und auch im Austausch mit der Wissenschaft die intensivste Arbeit leistet. Die Ziele dieser Gesellschaft sind: „. .. das Studium der Social Science zu entwickeln — das öffentliche Wohlergehen zu fördern und seine angemessene Verteilung zu sichern — (und) die Verbreitung jener Prinzipien zu unterstützen, welche die Größe und Stärke von Nationen ausmachen40." Der Aufgabenbereich der Social Science umfaßt ein überaus weites Gebiet in der Anwendung der Forschung auf soziale Probleme und der Förderung neuer Entdeckungen und Vervollkommnungen innerhalb aller sozialen Relationen. Das Programm wird folgendermaßen umschrieben: „. . . was immer die Menschheit in ihren sozialen, eher als in ihren individuellen Beziehungen betrifft und auf der einen Seite leicht in die Metaphysik hineinreicht, andererseits zur Philanthropie gehört und drittens mit politischer Ökonomie zu tun hat41." 38 Die deutschen Wörter Wohlfahrt und Fürsorge sind keine adäquate Übersetzung für den amerikanischen Begriff „public welfare". Welfare zielt immer in melioristischer Absicht über die Linderung der direkten Not hinaus. Hinzutritt das ethische Ziel der Besserung des Menschen, welches eng verbunden ist mit der Hebung des allgemeinen Lebensstandards. 39 Zu den Mitgliedern des Board, welche die Gesellschaft mitbegründen halfen, zählen u. a. M. Allen, 0. Norcross, T. Metealf, F. B. Sanborn. Unter den Mitgliedern befanden sich später J. C. White, Palmer, Russell, F. A. Barnard und G. B. Emerson. 40 „Transactions . .der American Social Science Association, Juli 1866. 41 Ebenda. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 437 Die Anfänge der amerikanischen Soziologie 53 durch einen philosophischen Hintergrund, und die Historiker hatten noch nicht begonnen, ihr Gebiet vom soziologischen Blickpunkt aus zu interpretieren54." Obwohl Blackmar audi unter diesem Titel die empirische Beobachtung in den Vordergrund stellt und seine allgemeinen Hypothesen in dem lokalen Rahmen von Kansas zu verifizieren sucht, findet die Verbindung von Soziologie und Geschichte nur eine Fortsetzung in der politischen Wissenschaft, nicht aber in der Soziologie. Die Soziologen versprechen sich weiterhin mehr von einer Kooperation mit der Anthropologie, und diese Koppelung ist bis heute beibehalten worden, — wodurch Blackmars Unternehmen die Rolle eines Außenseiters zufällt. Der Beginn der akademischen Phase wird wohl daher zumeist mit der Gründung des ersten „Departments of Sociology and Anthropology" im Jahre 1892 angegeben, obwohl die Programme beider Departments große Ähnlichkeit miteinander aufweisen, und obwohl Albion W. Small beinahe die Leitung des ersten Departments bekommen hätte. 1892 wird Albion W. Small von Präsident Harper nach Chicago berufen und mit dem Aufbau des Departments betraut. Der Initiative Harpers geht eine Auseinandersetzung mit der Columbia Universität voraus. Da die Planung der Chicagoer Abteilung großzügiger ist als in Kansas, kann Small in größerem Stil arbeiten. Er selbst überinmmt die Theorie, während er für die angewandte Soziologie den in der Sozialarbeit bekannt gewordenen Charles R. Henderson aus New York heranholt. Henderson nannte sein Fach noch „Social Technology"50. Die anthropologischen Fächer übernimmt Fredrick Starr; W. I. Thomas unterrichtet über soziale Ursprünge, und George E. Vincent widmet sich zunächst den einführenden Betrachtungen. Small wird in seiner Position zur richtunggebenden Persönlichkeit für den Ausbau der Soziologie als selbständiger Wissenschaft, und sein Department wird zum Vorbild für die Organisation dieses Studiums an den anderen Hochschulen. „Während der dreißig Jahre als Verleger des American Journal of Sociology begründete er die Soziologie als Universitätsstudium ... Mit seinem wirtschaftswissenschaftlichen, philosophischen, historischen und theologischen Hintergrund war er einer der Gruppe, die versuchten, die Soziologie zu einer eigenen Universitätsdisziplin zu kristallisieren. Er nahm stets aktiven 54 Vgl. M. C. Elmer, a.a.O., S 48; Frank W. Blackmar, The Study of History and Sociology, 1890; History of Human Society, 1896; Reasonable Department of Sociology for Colleges and Universities. In: American Journal of Sociology, 1914, Bd. 20, S. 261 f. 55 C. R. Henderson steht nicht nur der christlichen Soziologie Stuckenbergs nahe, sondern wurde auch von dem Schotten Patrick Geddes angeregt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 54 Herta H. Jogland 438 Anteil an der Schaffung des Rahmens, der Zwecke und der generellen Konzepte der Soziologie58." Smalls Department bleibt für lange Zeit die größte soziologische Ausbildungsstätte, und die Schule von Chicago erlangt durch ihre Qualität und die zahlreichen Studenten einen ganz entscheidenden Anteil an der weiteren Gestaltung der amerikanischen Soziologie. Aus der Chicagoer Schule gehen bis zum Jahre 1950 die Hälfte der Präsidenten der „American Sociological Society" hervor. Audi in der Zahl der Promotionen im gleichen Zeitraum liegt sie mit 200 Doktoren von insgesamt 1000 an der Spitze57. Da inzwischen an 50 Universitäten die Promotion in Soziologie möglich ist, dürfte sich dieser starke Einfluß etwas verringern. In Rivalität zu der Initiative in Chicago wird an der Columbia Universität in New York im Jahre 1894 der erste Lehrstuhl für Soziologie errichtet. Mit diesem Amt wird Franklin H. Giddings betraut, der mit Richmond Mayo-Smith zusammenarbeitet. Giddings hatte schon 1892 fördernd in die Diskussion um die Soziologie als Universitätswissenschaft eingegriffen68. Mit diesen ersten Einrichtungen sind die Vorbilder gesetzt, nach denen sich die Soziologie allmählich auch an den anderen höheren Lehranstalten etabliert. Sehr früh schon setzt sich auch die amerikanische Sitte der Textbücher für die Soziologie durch. Das erste ist die von Small und Vincent herausgegebene „Introduction to Sociology" vom Jahre 189459. Als Pflichtlektüre zu den Grundvorlesungen werden diese Textbücher obligatorisch. In der weiteren Entwicklung und weiten Verbreitung vermitteln sie die Übersicht über einen immer breiter werdenden Wissensbereich. Sie schaffen eine allgemeine Basis im ganzen Lande und eine Orientierungsmöglichkeit, die nicht nur für Studienanfänger wichtig ist. Allerdings verführen sie leicht dazu, das Lesen der Originalwerke zu vernachlässigen. Die häufig bemängelte Normung oder auch Standardisierung des Wissensstoffes und die offizielle Meinungsbildung haben jedoch zumindest einen großen Vorteil: Es bleibt kein Zweifel an der Soziologie als anerkanntem Fachgebiet, und anhand dieser Übersichten treten nicht zuletzt die beruflichen Perspektiven klarer hervor. Kurz, die Antwort darauf, was Soziologie sei, fällt nicht ganz so schwer wie in Europa. •— Abgesehen davon hat die Soziologie auf Grund der anderen Organisa56 M. C. Elmer, a.a.O., S. 51. 57 H. W. Odum, American Sociology. New York 1961, S. 7—9, 12, 74. 58 F. H. Giddings, Sociology as a University Study. In: Political Science Quarterly. Bd. 6, 1891, S. 642 f. 59 Als weitere Textbücher erscheinen von C. R. Henderson, Elements of Sociology (1889) und von J. H. W. Stuckenberg, Introduction to Sociology (1889) wie auch seine Sociology... (1903). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 439 Die Anfänge der amerikanischen Soziologie 55 tion amerikanischer Hochschulen von Anfang an ihren festen Platz und wechselt nicht zwischen juristischen, philosophischen und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten hin und her. Von den bisher genannten Initiatoren der akademischen Soziologie gelten folgende Persönlichkeiten als die ersten großen vier Soziologen Amerikas: Lester F. Ward (1841—1913), der als Nestor angesehen wird und vornehmlich durch sein Werk „Dynamic Sociology" (1883) Einfluß gewinnt, während er erst in späten Jahren zu einer Lehrtätigkeit an der Brown University gelangt; — William G. Sumner (1840—1910), der in Yale wirkt, dort 1876 die erste Vorlesung unter dem Titel Soziologie hält und durch sein Eintreten für den amerikanischen Liberalismus eine gewisse Außenseiterrolle zugesprochen erhält; — Albion W. Small (1854—1926), der große Initiator in Chicago; — Franklin H. Giddings (1855—1931) an der Columbia University, der neben seinen bedeutenden theoretischen Werken zu einem Pionier für die statistische Methode in der Soziologie wird. — Ihre Werke bilden das klassische Schrifttum der amerikanischen Soziologie, da sie die erste Wegstrecke dieser Wissenschaft begleiten und ebnen. Diese vier Soziologen sind auch die ersten Präsidenten der späteren „American Sociological Society"60. Als zweite Gruppe bedeutender Soziologen nennt Howard W. Odum die auch in der Präsidentschaft der Gesellschaft nachfolgenden Edward A. Ross in Wisconsin, George E. Vincent in Chicago, George E. Howard in Nebraska und Charles H. Cooley in Michigan. Der Begriff einer nachfolgenden Generation deckt sich nur mit Einschränkung bei dieser Gruppe, da sie nach Lebensalter und Wirksamkeit fast zeitgenössisch mit der ersten sind. — Um jedoch die Anfangszeit zu charakterisieren, dürfen die nur in der Lehrtätigkeit wirkenden Soziologen nicht vergessen werden, welche teilweise erst später mit ihren Werken hervortreten und auch erst viel später die Präsidentschaft erlangen. Es sind dies vor allem Frank W. Blackmar in Kansas, der jede neue Anregung fördert, Erward C. Hajes, welcher mit besonderem Nachdruck die Verbindung von Soziologie und Ethik anstrebt, William I. Thomas mit seinen psychologischen Perspektiven und Charles C. Henderson, der Hauptvertreter der angewandten Soziologie in Chicago. Eine Ausnahme bildet der durch seine Bücher einflußreiche J. H. W. Stuckenberg, der weder selbst lehrt noch später Präsident wird. — An dieser zweiten Gruppe läßt sich deut60 Vgl. H. W. Odum, a.a.O., S. 247. Als Biographien vgl. H. W. Odum, American Master of Social Science. New York 1927; Harris E. Starr, William G. Sumner, 1926; A. A. Tenncy, Franklin G. Giddings. In: Columbia University Quarterly. Sept. 1931, S. 321 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 56 Herta H. Jogland 440 lieh ablesen, wie stark der Mittelwesten am Entstehen der amerikanischen Soziologie beteiligt ist. Betrachtet man die Werke der ersten großen Vier, so fallen bei aller individuellen Verschiedenheit des Frageansatzes Gemeinsamkeiten auf. Im Grunde sind diese Autoren noch ganz einem sozialphilosophischen Gesamtbild verhaftet. Ihre Schriften wirken gegenüber den späteren noch systemhaft, obwohl sie im Ablesen der menschlichen Wirklichkeit wieder einen Schritt weiterkommen. Im Gegensatz zu der modernen Literatur, in der vorsichtig von dem Aufdecken von Regelmäßigkeiten die Rede ist, glauben sie noch an das Auffinden allgemeiner Naturgesetze im Sozialen. Gemeinsam ist ihnen auch der noch ungebrochene Fortschrittsglaube, wobei selbst die krisenhaften Erscheinungen, welche durch industrielle Umwälzungen hervorgerufen sind, im Sinne des Fortschritts positiv bewertet werden. Die letzte entscheidende Einheit des Sozialen bleibt das Individuum, wodurch die psychologische Sichtweise weiterhin erhalten wird. — Im Hinblick auf die Moralphilosophie kann gesagt werden, daß ihre Impulse überall spürbar sind, wenn auch ihre Thesen in der Differenzierung aufgefächert sind und den Themen nach fragmenthaft auftauchen. Obwohl sich die Analogien nur in Einzelanalysen sinnvoll darstellen lassen, seien hier einige Beispiele angeführt. Bei Sumner, dessen Determinismus am stärksten ist, fallen neben dem auf Adam Smith zurückgehenden Liberalismus besonders in den „Folkways" die Analogien zu Hume und Ferguson auf. Der in ganz anderer Weise wirksame Einfluß von Smith und Ferguson kann im Werke von Giddings nachgewiesen werden. Sowohl in Wards „Anthropo-Teleologie" als auch in Smalls Interessentheorie tritt die Unterscheidung von physischer und sozial-psychischer Natur in der Auffassung des Individuums als dem „Prinzip der Synthesis" deutlich hervor. — Die Werke der zweiten Gruppe sind so unheitlich, daß keine Gesamtaussage mehr möglich ist. Die eine Richtung, Stuckenberg, Henderson und später auch Hayes, betont in christlich-sozialreformatorischer Absicht die Suche nach ethischen Normen und ist stark von der Grundidee der Moralphilosophie beeinflußt. Ross, Howard, Cooley und Vincent gehen merklich von einer zusammenfassenden sozialphilosophischen Auslegung ab, da diese ja als gegeben gilt, und widmen sich mehr der wissenschaftlichen Definition des Sozialprozesses auf Grund empirischer Beobachtungen, wobei die Kategorie der Gruppe allmählich mehr in den Vordergrund tritt. Für diese Soziologen und für Thomas und Ellwood spielt die psychologische Betrachtungsweise eine hervorragende Rolle, und im Zusammenwirken mit der Anthropologie kündigt sich das Entstehen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 441 Die Anfänge der amerikanischen Soziologie 57 und Abspalten der neuen Fachgebiete Sozialpsychologie und „Cultural Anthropology" an. Ross schreibt das erste Werk unter dem Titel „Social Psychology" im Jahre 1908. Zur Zeit der Gründung der „American Sociological Society" im Jahre 1905 in Baltimore hat die amerikanische Sozioloigie endgültig ihre Laufbahn als vornehmlich akademische Wissenschaft eingeschlagen. Kennzeichnend dafür ist, daß auch die Präsidenten dieser Gesellschaft nunmehr namhafte Akademiker sind und auch die Mitglieder fast ausschließlich aus den institutionell-akademischen Kreisen kommen, was bei anderen wissenschaftlichen Vereinigungen politischer, historischer und wirtschaftswissenschaftlicher Art viel seltener der Fall ist. — Mit dem Jahre 1905 soll diese Betrachtung abgeschlossen sein. Zu dem allgemeinen Klima und dem Stand der Wissenschaft vom Menschen in der damaligen Zeit findet Howard W. Odum die Worte: „.. . selbst zu Anfang des 20. Jahrhunderts war Psychologie meist noch Mentale Philosophie, Ethik war Moralphilosophie und Wirtschaftswissenschaft wie auch Soziologie wurden häufig identifiziert als Unterabteilungen der Moralphilosophie61." Zusammenfassend kann gesagt werden, daß es selbstverständlich der jeweiligen Betrachtungsweise obliegt, ob die Geschichte der amerikanischen Soziologie von dort an datiert, wo der Namenswechsel stattfindet, oder ob die Entwicklung unter dem Thema des soziologischen Denkens in Amerika zu den Ursprüngen zurückverfolgt wird. Daß es sich in den siebziger Jahren um kaum mehr als eine Umbenennung innerhalb eines langen Prozesses handelt, dürfte in der vorliegenden Betrachtung deutlich hervorgehoben sein. — Weiterhin hat sich gezeigt, daß das geschichtliche Werden der amerikanischen Soziologie so eng mit praktischen Fragen verknüpft ist, daß sie als Geschichte der sozialen Probleme und der Versuche ihrer Bewältigung erscheint. Das gilt sowohl für die Zeit vor 1905 als auch für die nachfolgende Entwicklung. Die amerikanische Situation einer werdenden Gesellschaft ist wenig geschaffen für das Ausreifen großer sozialphilosophischer Synthesen, — vielmehr werden von neuen Theorien aus anderen Ländern die für den aktuellen Gebrauch notwendigen Prämissen übernommen. Eine besondere Rolle kommt hierbei der Schottischen Schule zu, da sie die für eine Wissenschaft vom Menschen und vom Sozialen notwendigen neuzeitlichen Prämissen überhaupt erst setzt, ohne dabei in Widerspruch zu der reformierten Religion zu geraten. Daraus resultiert ein geistiges Klima, welches heute noch lebendig ist und abgesehen von einer gewissen Intellek61 H. W. Odum, a.a.O., S. 17. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 58 Herta H. Jogland 442 tualisierung noch kaum historische Wandlungen aufweist. Bei allen gelegentlichen Ismen aus den Naturwissenschaften und der Philosophie hat sich die Theorie der „Human Nature" immer noch als die aussichtsreichste Hypothese erwiesen62. Die amerikanische Soziologie ist auch in ihrer Entstehungszeit grundsätzlich gegenwartsbezogen und empirisch. Aus der starken Gegenwartsbezogenheit ergibt sich die Diskontinuität der Themen, welche unhistorisch wirkt. Die spezifische Betonung von Teilgebieten wie der Minoritätenfragen, Einwandererprobleme, Migration, Mobilität, Rassenfragen, sozialer Kontrolle, Community-Forschung usw. ist jedoch ein getreuer Spiegel der sozialen Problematik Amerikas, deren immanente Bedeutung für die amerikanische Gesellschaft kaum durch die Literatur, sondern nur durch die persönliche Erfahrung des amerikanischen Alltags annähernd begriffen werden kann. — Unter dem Begriff des Empirischen verbergen sich die verschiedensten Aspekte, welche durchaus historische Momente aufweisen. — Ursprünglich bedeutet Empirie nur die geänderte Sichtweite; eine Abkehr von allen spekulativen Theorien über die menschliche Gesellschaft und die Zuwendung zur tatsächlichen Erfahrung innerhalb derselben. Übersetzt auf amerikanische Verhältnisse wurde die an sich revolutionierende Wende zur Neuzeit zu einem notwendigen Gebot. Für eine Nation aus Nationen mit Menschen von verschiedenster Herkunft, in welcher die jeweiligen Begriffe von Erbe und Tradition ihren allgemeinverbindlichen Wert verloren haben, galt es, ein neues einigendes Band zu finden. Die in Amerika neuartige Erfahrung des existenznotwendigen Auskommens mit den Mitmenschen, den Nachbarn, ja des potentiellen Wertes eines jeden Mitmenschen verbindet sich mit den Thesen der Schotten, mit der grundsätzlich sozialen Bedingtheit des Menschen und dessen Soziabilität, welche in der in Analogie zur christlichen Nächstenliebe geschaffenen Sympathiemoral ihr Ordnungsprinzip finden. Die neue Einheit ist moralisch; sie wird unter dem Druck der Öffentlichkeit hergestellt. In dieser .Sozialethik aus Erfahrung, übernommenen Prämissen und praktischem Gestaltungswillen ist das amerikanische Gebot der Anpassung weitgehend einbezogen. Außerdem dokumentiert sich anhand derselben die von Anfang an für Amerika so charakteristische Prädominanz der Gesellschaft vor dem Staat. Neben der allgemeinen empirischen .Sichtweise, welche erhalten bleibt, zeigt sich ein Wandel bei den als empirisch erachteten Metho62 Es hat zwar nicht an Kritik gefehlt, doch war diese nicht stark genug, um einen allgemeinen Zweifel zu erregen. Vgl. Ellsworth Faris, The Nature of Human Nature. New York 1937; zur Kritik an der Sympathiemoral, Max Scheler, Wesen und Formen der Sympathie. Bonn 1923. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 443 Die Anfänge der amerikanischen Soziologie 59 den. Es soll hier nicht von dem wissenschaftsgeschichtlich bedingten Aufkommen eines Methodenpluralismus gesprochen werden, sondern von der Bewertung einer Methode als empirischer. Die Entwicklung beginnt bei der introspektiven Methode, der Intuition und einer in den Anfängen stehenden komparativen Methode. Im Laufe der Zeit verlagert sich der Schwerpunkt dessen, was als empirische Methode vertretbar erscheint, immer mehr auf Prozeduren, die ein objektives Messen erlauben. Die ursprünglich recht subjektiven Methoden geraten zunehmend in den Verdacht, überhaupt unwissenschaftlich zu sein, ganz abgesehen davon, daß sie bei kritischer Betrachtung in vielen Fällen doch die ultima ratio darstellen. — Mit der Zunahme der Beobachtungsdaten ändert sich außerdem schwerpunktmäßig der Gegenstand soziologischer Betrachtung. Anfangs bildet in naiver Schau „die" Gesellschaft den Mittelpunkt. Mit der Differenzierung dieses Erkenntnisgegenstandes konzentriert sich allmählich das soziologische Denken auf die Theorie über die Gesellschaft, auf die Theorie des Sozialen und die Theorie von den sozialen Kräften. Heute ist die Methodologie zum Mittelpunkt der Betrachtung geworden; die Frage, wie die sozialen Vorgänge überhaupt wissenschaftlich erfaßt werden können, steht im Vordergrund. Als drittes Moment des Empirischen stellt sich das praktische Tun dar. Es ist der Bereich des sozialen Experiments im praktischen Leben, dem im Grunde alle soziologischen Anstrengungen dienen sollten. — Die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis ist in Amerika eine Realität, während sie in Europa noch weitgehend ein Wunschtraum bleibt. Nicht nur auf dem weiten Gebiet der Sozialarbeit, sondern auch in Stiftungen, Regierungsbüros usw. finden Soziologen als angestellte Gutachter ein breites Wirkungsfeld. Die öffentliche Funktion der Soziologie ist organisiert im „Team", in Kollektivarbeit, in Verteilung des Materials auf verschiedene Bearbeiter. Die Einheitlichkeit liegt dabei in der Methode. Allerdings fließt dabei eine ungenannt subjektive Bewertung und Beurteilung durch den Leiter des Teams ein, die wesentlich wird, da auch heute nicht der Staat, sondern die Gesellschaft das einzig reale Zentrum bildet. — Fragt man nach der eigentlichen Triebkraft des ganzen praktischen Tuns, so zeigt sich in der Praxis das Erbe des 18. Jahrhunderts in reinster Form. Es ist der Fortschrittsglaube, die grundsätzliche Annahme der Besserungsfähigkeit des Menschen und der Gesellschaft, der Meliorismus, — jener Glaube, der Voraussetzung für das Entstehen der Soziologie war, und deren eigentliches Agens er heute noch darstellt. Wie sehr dieser Glaube als Bereitschaft zur Aktion auch in der breiten Öffentlichkeit verhaftet ist, beweist die Vielzahl der freiwilligen und unbezahlten Mitarbeiter, welche neben OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.4.407 | Generated on 2023-04-04 11:31:33 60 Herta H. Jogland 444 den Fachkräften in unzähligen offiziellen und privaten Organisationen und Institutionen einen charitativen Dienst tun. — Die soziale Aktion dehnt sich allmählich auch auf die Länder außerhalb Nordamerikas aus, insbesondere auf Afrika und Südamerika. Charity wird dabei mehr und mehr als Mission begriffen. Ausgehend von der Auffassung, daß die Hebung des Lebensstandards die Voraussetzung für Zivilisation sei, hat sich hier eine neue Version der englischen „White Man's Bürden" ergeben. Der Wertgesichtspunkt hat sich dabei von Europa auf Amerika verlagert. Zivilisation ist nicht nur der eigene Standard, sondern universell die Erklärung der Menschheitsgeschichte anhand des „American Way of Life". Und daraus ergibt sich die Grundeinstellung gegenüber den sogenannten unterentwickelten Ländern, welche der Maßstab für die Erziehungshilfe und die technische Ausrüstung ist. 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