Handelsbilanz und gesamtwirtschaftlicher Vermögensbestand. Überlegungen zur Erweiterung der "reinen" Außenhandelstheorie
Abstract
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Full text
Bechler, Ekkehard Article Handelsbilanz und gesamtwirtschaftlicher Vermögensbestand. Überlegungen zur Erweiterung der "reinen" Außenhandelstheorie Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Bechler, Ekkehard (1976) : Handelsbilanz und gesamtwirtschaftlicher Vermögensbestand. Überlegungen zur Erweiterung der "reinen" Außenhandelstheorie, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 96, Iss. 4, pp. 315-333, https://doi.org/10.3790/schm.96.4.315 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291377 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Handelsbilanz und gesamtwirtschaftlicher Vermögensbestand Überlegungen zur Erweiterung der „reinen" Außenhandelstheorie Von Ekkehard Bechler Auf welche Weise kann der Einfluß von Vermögenseffekten auf die Güternachfrage in Heckscher-Ohlin-Modellen gerechtfertigt werden? Wie ändern sich die Eigenschaften des Tauschgleichgewichts, wenn unausgeglichene Handelsbilanzen als Vermögensposition der Volkswirtschaft interpretiert werden? Die traditionelle güterwirtschaftliche Außenhandelstheorie und vor allem die jüngere Version dieser Theorie in Gestalt des HeckscherOhlin-Ansatzes bedienen sich bei ihren Untersuchungen üblicherweise einer vereinfachenden Modellbetrachtung, in der zwei Volkswirtschaften unter Einsatz von zwei Produktionsfatkoren zwei Güter produzieren und gegenseitig austauschen. Der hohe Abstraktionsgrad und die damit unvermeidliche Realitätsferne der Prämissen, welche diese Modelle der „reinen" Außenhandelstheorie von jeher kennzeichnen, haben nun verständlicherweise die Nationalökonomen immer wieder veranlaßt, sich nicht nur auf Warnungen vor einer unkritischen Anwendung dieser Modellüberlegungen zu beschränken, sondern auch durch schrittweise Auflösung der einzelnen Prämissen und durch die Einführung realitätsnäherer Annahmen die Theorie einer Erklärung der wirtschaftlichen Realität näher zu bringen. Ein Überblick über derartige Modifikationen der traditionellen Theorie zeigt nun aber deutlich, daß diese Erweiterungen des herkömmlichen Ansatzes fast ausschließlich auf der Produktionsbzw. Angebotsseite der Modelle zu finden sind: Faktormobilität im internationalen Rahmen, unvollständige Konkurrenz auf Güterund Faktormärkten, Erzeugung von Zwischenprodukten und Investitionsgütern, Umwelteffekte und variable Skalenerträge sind einige der neueren Beispiele für derartige Weiterentwicklungen der Angebotsseite des einfachen Heckscher-OhlinModells. Auf der Nachfrageseite bedienen sich die außenhandelstheoretischen Untersuchungen dagegen fast ausnahmslos der traditionellen Annahme, daß die Güternachfrage der privaten Wirtschaftssubjekte nur von ihrem OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.315 | Generated on 2023-04-04 11:52:54
316 Ekkehard Bechler Einkommen und den relativen Preisen der Produkte abhängt. Hieraus erwächst dann aber unvermeidlich die Gefahr, daß wesentliche Determinanten des Nachfrageverhaltens in ihrer Bedeutung für die Fragestellungen und Probleme der „reinen" Außenhandelstheorie (Handelsstruktur, Wohlstandswirkungen, Stabilitätseigenschaften usw.) nicht, oder nur unzureichend erfaßt werden. Zu jenen Größen, deren Einfluß auf das Nachfrageverhalten in den bisherigen Betrachtungen der Außenhandelstheorie keine angemessene Berücksichtigung erfahren hat, gehört bspw. der private Vermögensbestand, der — wie vor allem die neuere geldtheoretische Forschimg hervorhebt — grundsätzlich als zusätzliche Determinante der Kauf- (und Kassenhaltungs-)entscheidungen neben die traditionellen Einflußgrößen wie Einkommen und Preise tritt. In den folgenden Untersuchungen soll deshalb versucht werden, die nachfragetheoretischen Prämissen der herkömmlichen Außenhandelsmodelle in der Weise zu erweitern, daß der Existenz eines Zusammenhanges zwischen Vermögenshaltung und Güternachfrage explizit Rechnung getragen wird; es gilt also, den privaten Vermögensbestand zusätzlich zu den herkömmlichen Einflußgrößen als Argument der aggregierten Nachfragefunktion des Außenhandelsmodells zu berücksichtigen. Dabei stellt sich freilich die Frage, wie eine solche Einbeziehung der Vermögenshaltung über das nur formale Vorgehen hinaus auch inhaltlich begründet werden kann, d. h. vor allem, auf welche Weise die Existenz von Vermögensbeständen in einer reinen Konsumgüterwirtschaft, die den meisten Außenhandelsmodellen ja bekanntlich zugrunde liegt, ökonomisch begründet werden kann. Erst dann kann nämlich sinnvoll gefragt werden, ob und in welcher Weise der Vorgang des gegenseitigen internationalen Gütertausches bei Berücksichtigung der vermögensbedingten Nachfrageeinflüsse zusätzlichen, d. h. bisher unberücksichtigten Bestimmungsgründen unterliegt1. Als Ausgangspunkt der Betrachtungen sei zunächst ein Außenhandelsmodell beschrieben, welches in seinen Grundzügen auf dem herkömmlichen Heckscher-Ohlin-Samuelson-Ansatz basiert (vgl. z. B. Kemp (1964)): In den beiden Ländern H („Inland) und F („Ausland") werden die beiden Konsumgüter Xi und X2 unter Einsatz von Arbeit (A) und Boden (B) erzeugt. Bezeichnet man mit A\ und B* den Anteil des nationalen Arbeitsund Bodenvorrates A bzw. B, der für die Produktion des Gutes Xi (i = 1, 2) Verwendung findet, so lassen sich die Produktionsbedingungen der heimischen Volkswirtschaft in der folgenden Weise beschreiben: 1 Die folgenden Überlegungen basieren in ihren Grundzügen auf einer vereinfachten Darstellung und Interpretation der Untersuchungen von F. Vicarelli (1972) zur Frage der Interpretation von „reiner" und monetärer Außenhandelstheorie. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.315 | Generated on 2023-04-04 11:52:54
Handelsbilanz und gesamtwirtschaftlicher Vermögensbestand 317 (1) X{ = Bi ^ (Qi) mit i = 1,2 wobei (2) fc—g^- das Faktoreinsatzverhältnis beschreibt. Ferner wird durch /«n 4' dk (3) fi=-d^ = pf2=~d^ (4) h = 92fi = p(h-f2) der Ausgleich der Grenzprodukte in der Produktion der beiden Güter Xi und X2 unterstellt, wobei p den Preis von x2 in Einheiten von xi verkörpert. Die Vollbeschäftigung aller Faktoren wird durch (5) Ä = Ai -fA2 (6) B = Bx + B2 als gegeben angenommen, und (7) Y = X1 -fpX2 beschreibt das (in xi-Einheiten gemessene) Volkseinkommen. Die Beschreibung des Nachfrageverhaltens der betrachteten Volkswirtschaft bedient sich nun einer aggregierten Nachfragefunktion (8) Df = Dj (Y, p, V.Q, r) in welcher — abweichend von den herkömmlichen Modellannahmen — nicht nur das Volkseinkommen Y und das Preisverhältnis p, sondern auch der vorhandene Vermögensbestand Vo und die Verzinsungsrate r dieses Vermögens in die Betrachtung einbezogen werden. Sowohl Vo als auch die Zinserträge werden dabei in Einheiten des numéraire Xi gemessen. Durch Gegenüberstellung von Angebotsund Nachfrageseite des Modells kann man schließlich auch die (positive oder negative) Überschußnachfrage (9) Ei = Xi - Di definieren, die bei Xi > Di ein Exportangebot, .bei Xx < Di dagegen eine Importnachfrage verkörpert. Die Gleichung des Handelsbilanzsaldos ergibt sich dann durch (10) S = Ex + pE2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.315 | Generated on 2023-04-04 11:52:54
318 Ekkehard Bechler Das durch (1) - (10) beschriebene realwirtschaftliche Modell der inländischen Volkswirtschaft kann nun in analoger Weise auch für das Ausland entwickelt werden, wobei die jeweiligen Symbole zur Unterscheidung mit * bezeichnet werden. Bedenkt man schließlich noch, daß im Rahmen des vorliegenden 2-Länder-Modells die Importe (Exporte) des Inlandes mit den Exporten (Importen) des Auslandes übereinstimmen müssen und daß nach Eröffnung der Handelsbeziehungen sich die realen Preise der beiden Länder (p und p*) angleichen werden, so kann die Verknüpfung zwischen den jeweiligen Gleichungssystemen der beiden Länder — und damit die Beschreibung des Freihandelszustandes — durch herbeigeführt werden. Im Rahmen dieses güterwirtschaftlichen Modells stellt sich nun freilich die Frage nach der Natur und den Eigenschaften des Vermögensbestandes Vo, welcher als Argument der Nachfragefunktion in unsere Betrachtungen einbezogen wurde. Nachdem die Möglichkeit einer monetären Vermögenshaltung aufgrund des güterwirtschaftlichen Charakters unseres Modells zunächst ausscheidet, bedarf nämlich die tatsächliche Zusammensetzung eines solchen Vermögensbestandes einer näheren Erläuterung. Versucht man zuerst, die Existenz von Vermögensbeständen in einer reinen Konsumgüterwirtschaft in der Weise zu begründen, daß man eine Anhäufung und Aufbewahrung erworbener Konsumgüter in den Händen der Verbraucher als Vermögensakkumulation bezeichnet, so verkennt man, daß eine wesentliche Voraussetzung bzw. Eigenschaft der Vermögensbildung im volkswirtschaftlichen Sinne in der Ersparnisbildung und damit in der Nicht-Beanspruchung von Teilen der Produktion durch die Konsumenten zu sehen ist. Sind aber Konsumgüter erworben worden, so kann aus diesem Vorgang ungeachtet des späteren Gebrauchs oder Nicht-Gebrauchs dieser Güter keine Vermögensbildung im volkswirtschaftlichen Sinne resultieren, da die „Verfügung" über diese Güter bereits durch den Kaufakt erfolgt ist. Auch eine zweite Möglichkeit zu Charakterisierung des Vermögensbegriffs im Rahmen unseres real wirtschaftlichen Modells erweist sich als unzulänglich: Zieht man nämlich aus der Beobachtung einer ausschließlichen Produktion von Konsumgütern zunächst den Schluß, daß das volkswirtschaftliche Vermögen notwendigerweise nur auf Basis dieser Güter gebildet werden kann, so wäre es in theoretischer Betrachtung denkbar, daß einzelne Mitglieder einer solchen Volkswirtschaft Teile ihres individuellen Ein- (13) (11) (12) Ei = - pEj pE2 = - p* El p = p* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.315 | Generated on 2023-04-04 11:52:54
Handelsbilanz und gesamtwirtschaftlicher Vermögensbestand 319 kommens bzw. die mit diesem Einkommen erworbene Konsumgüter anderen Verbrauchern zum Konsum überlassen und so Vermögen in Form eines „abstrakten Rechtsanspruchs" auf die spätere Überlassung einer entsprechenden (oder gar größeren) Gütermenge bilden — aus einzelwirtschaftlicher Sicht ist dann also in der Tat auch in einer reinen Konsumgüterwirtschaft eine Vermögensbildung im Sinne eines Erwerbs solcher Forderungsrechte theoretisch denkbar. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht steht jedoch in einer geschlossenen Volkswirtschaft jedem derartigen Forderungszuwachs bekanntlich eine Zunahme der Verbindlichkeiten an anderer Stelle der Volkswirtschaft gegenüber — der gesamtwirtschaftliche Nettovermögensbestand bleibt somit unverändert. Vermag auch diese Überlegung also noch keine endgültige Erklärung für die Existenz eines Vermögensbestandes im vorliegenden Modell zu liefern, so bietet sie doch immerhin einen ersten Hinweis auf die Bedeutung, die der außenwirtschaftlichen Verflechtung einer Volkswirtschaft im vorliegenden Zusammenhang zukommen kann: Werden nämlich Teile des Volkseinkommens und damit ein Teil der produzierten Konsumgüter nicht inländischen, sondern ausländischen Wirtschaftssubjekten „leihweise" zur Verfügung gestellt, so kommt es einerseits im Inland zu der geschilderten Entstehung „abstrakter Rechtsansprüche", ohne daß andererseits diese Erhöhung des inländischen „Vermögensbestandes" durch eine gleich hohe Zunahme der Verbindlichkeiten inländischer Wirtschaftssubjekte kompensiert wird. Eine solche Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Vermögensposition wird nun typischerweise eintreten, wenn die heimische Volkswirtschaft für eine begrenzte Zeit dem Ausland eine größere Gütermenge liefert, als sie aus dem Ausland empfängt. Durch derartige Exportüberschüsse kann dann also tatsächlich ein Netto-Vermögen im Sinne einer (verzinslichen) Forderung gegen dem Ausland gebildet werden, und die Berücksichtigung eines gesamtwirtschaftlichen Vermögensbestandes als Argument der aggregierten Nachfragefunktion erweist sich somit als zulässig und logisch schlüssig, sofern die Möglichkeit eines unausgeglichenen Güteraustausches zwischen den beiden Volkswirtschaften in Betracht gezogen wird. Derartigen unausgeglichenen Handelspositionen entspricht dann zugleich die internationale Übertragung von Forderungsrechten und Vermögenstiteln zum Ausgleich der Handelsbilanzdefizite oder -Überschüsse mit der Folge, daß eine Tendenz zur Angleichung der nationalen Verzinsungsraten r und r* unterstellt werden kann; das Gleichgewicht auf diesem internationalen „Kapitalmarkt" kann in unserem einfachen Modell also durch (14) r = r* gekennzeichnet werden2. 21 Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften 1976/4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.315 | Generated on 2023-04-04 11:52:54
320 Ekkehard Bechler Aus dieser Annahme ergibt sich nun für das in den Gleichungen (1) - (14) sowie den entsprechenden Gleichungen des Auslandes beschriebene Gesamtmodell des internationalen Güteraustausches die wichtige Konsequenz, daß dieses Modell nunmehr durch die Berücksichtigung von (14) vollständig determiniert ist: Bestand es bisher aus 31 Gleichungen mit 32 Unbekannten, so ist durch (14) die Bestimmung des internationalen Gleichgewichts durch Lösung des Systems von 32 Gleichungen mit 32 Unbekannten möglich geworden3. Eine nähere Betrachtung dieses Gleichgewichtszustandes und seiner Eigenschaften ist freilich erst dann sinnvoll, wenn die ökonomischen Konsequenzen der in (1) unterstellten Zinsund Vermögensabhängigkeit der Güternachfrage geklärt sind. Hinsichtlich des Zusammenhanges zwischen Güternachfrage und Zinssatz sei zu diesem Zweck angenommen, daß ein hoher Zinssatz die Bereitschaft zum Konsumverzicht und damit zur Vermögensbildung anregt; es gilt dann Der Einfluß des vorhandenen Vermögensbestandes auf die Güternachfrage sei in der Weise gegeben, daß die Nachfrage nach Konsumgütern ceteris paribus mit steigendem Wert dieses Vermögensbestandes wächst; es gilt also Jede Veränderung des Vermögensbestandes der betrachteten Volkswirtschaft kann nun grundsätzlich entweder in Form einer realen Vermögenszuoder -abnahme eintreten oder aber durch eine Änderung der Bewertung vorhandener Vermögensteile. In unserem realwirtschaftlichen Modell, in dem der Wert des Vermögens annahmegemäß in Einheiten des numéraire Xi ausgedrückt wird und in dem also der in XiEinheiten ausgedrückte reale Preis p zur Bewertung des vorhandenen Vermögens herangezogen wird, kann sich eine derartige Veränderung des Bewertungsfaktors nun in unterschiedlicher Weise auswirken: Soll das Gesamt vermögen der betrachteten Volkswirtschaft z. B. gemäß den Präferenzen der Verbraucher zu einem späteren Zeitpunkt vollständig für Käufe des Gutes X± Verwendung finden, so wird eine Änderung des realen Preises („dp") den Wert im Sinne der Kaufkraft dieses Vermögens überhaupt nicht ändern. Soll dagegen das vorhandene Ver2 Die Existenz internationaler Zinstransfers sei im folgenden zur Vereinfachung der Darstellung vernachlässigt. 3 Es handelt sich dabei um die Gleichungen (1) - (14), die gegebenenfalls für X1 und X2 sowie für Inund Ausland zu formulieren sind. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.315 | Generated on 2023-04-04 11:52:54
Handelsbilanz und gesamtwirtschaftlicher Vermögensbestand 321 mögen für zukünftige Xs-Käufe Verwendung finden, so wird sich sein durch die Kaufkraft verkörperter Wert umgekehrt proportional zur Veränderung des realen Preises ändern. Entsprechend wird in allen Fällen, in denen das Vermögen sowohl für Xials auch Xa-Käufe Verwendung finden soll, seine Kaufkraft sich in entgegengesetzter Richtung, jedoch um einen geringeren Prozentsatz als p verändern. Den Einfluß von Veränderungen des realen Preises auf den Wert von Vo kann man daher in folgender Weise zum Ausdruck bringen: Je nachdem, in welchem Ausmaß die Verbraucher des Inlandes das gesamtwirtschaftliche Vermögen zu einem späteren Zeitpunkt für den Kauf von Xi oder X2 zu verwenden gedenken, werden sie bei einem Anstieg von p eine mehr oder weniger starke Verschlechterung ihrer Vermögenspositionen (d. h. der zukünftigen Kaufmöglichkeiten) empfinden. Der Einfluß eines gegebenen Vermögensbestandes auf die Güternachfrage muß somit unter Berücksichtigung der Beziehung (17) V0 = V0(p) formuliert werden, und es zeigt sich, daß unter den getroffenen Annahmen ein Anstieg von p auf dem Weg über den Vermögenseffekt bei sonst gleichen Voraussetzungen die Nachfrage nach den beiden Gütern Xi und X2 dämpfen wird, sofern das in Xi gemessene Vermögen nicht ausschließlich für Xi-Käufe verwendet werden soll. Die Nachfragefunktion kann aufgrund dieser Überlegungen durch (3') D: - Di [Y, p, V0(p)l beschrieben werden. Nach diesen erläuternden Ausführungen können in einem nächsten Schritt die Eigenschaften des internationalen Gleichgewichts im Rahmen des vorliegenden Modells beschrieben werden. Dabei ist vor allem hervorzuheben, daß im Unterschied zum traditionellen neoklassischen Außenhandelsmodell hier die Zinsabhängigkeit der Nachfrage und die explizite Berücksichtigung einer unausgeglichenen Handelsbilanz in die Betrachtungen einbezogen worden sind. Neben der bereits bekannten Beziehung (14) für ein Gleichgewicht auf dem Markt der international gehandelten Forderungsrechte folgt daraus, daß auch das Gleichgewicht des internationalen Gütermarktes nicht mehr nur von p, sondern auch von r determiniert wird: Wenn die Zusammensetzung der nationalen Güterproduktion bei gegebenen Produktionsbedingungen von p abhängt und wenn sich aus D, = D, (Y,p,r,Vl0) y = xt + pX2 V0 = V0 (p) 21» OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.315 | Generated on 2023-04-04 11:52:54
322 Ekkehard Bechler ergibt, daß die jeweilige Güternachfrage sowohl von p als auch von r abhängt, so muß tauch die Überschußnachfrage Ei = X, - Dt als Funktion von p und r dargestellt werden; es gilt dann (18) Ei = E{ (p, r) Zugleich ergibt sich aus diesen Überlegungen, daß auch der Saldo der Handelsbilanz (10) S = Et + pE2 unter den getroffenen Annahmen von p und r abhängt. Dabei gilt die Beziehung ds da bei steigendem Zinssatz die Güternachfrage der inländischen Verbraucher ceteris paribus gemäß (15) abnimmt bzw. die Bereitschaft, durch Exportüberschüsse zusätzliches Vermögen zu erwerben, sich erhöht. In analoger Weise kann dann für das Ausland die Beziehung 3 S* (20) "37" <0 formuliert werden. Dies folgt formal aus S = S* und verdeutlicht, daß eine Zinssteigerung auch im Ausland die Güternachfrage reduziert und daß dort so das Bestreben zur Verschuldung gegenüber dem Handelspartner zurückgeht. Das vollständige Gleichgewicht unseres Zwei-Länder-Modells kann schließlich zusammenfassend durch Ei (p, r) + p E2 (p, r) = S El (p* r*) + P* £.2 (P*, r*) = S* p — p* r = r* Ei = - Ef dargestellt werden. Die Bedeutung, die dem Vermögenseffekt für das Zustandekommen eines derartigen internationalen Gleichgewichts zukommt, kann man OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.315 | Generated on 2023-04-04 11:52:54
Handelsbilanz und gesamtwirtschaftlicher Vermögensbestand 329 sind also frei von Geldillusion. Die Geldnachfragefunktion sei dagegen als linear homogen in Bezug auf nominelles Volkseinkommen und Vermögen angenommen. Definiert man mit Hilfe der Gewichtungsfaktoren gi das Preisniveau P = 9i Pi + 92 P2 mit 0i + flfc = 1 so kann man die Funktionen (22) und (34) in der Form (22) = 4 \ P P PI dM ( Ym VWi0\ M0 P V P P / P formulieren. Hieraus ergibt sich, daß unter Berücksichtigung von Ym = Pi Xl + P2X2 P P P sowohl die Überschußnachfragefunktionen für die Produkte Xi und X-> als auch die Funktion der Geldnachfrage in Abhängigkeit von pi, ps, r, Vmo und p dargestellt werden können. Die Beschreibung des internationalen Gleichgewichts ergibt sich unter diesen Umständen aus den Funktionen (38) Et (p¿, p, r, Vm) = - E* (p¡ , p», r*, Vm0) (39) + p L v P (40) £* = ^m * ' p* 1 p* 2 p* (41) M (p¿, p, r, Vm0) _ M0 y = to M* (pf,p* r*, V* o)MJ • ± (42) Pi = w p* (43) p = gi Pi + P2 (44) p* = fifí p; + p£ Unter der Annahme eines gegebenen Wechselkurses ist dieses Gleichgewicht eindeutig determiniert, und die Eigenschaften des so charakterisierten Modells lassen sich durch folgende Überlegungen verdeutlichen: Bei gegebenen Werten von Xi und X\ sowie p¿, p*, w, D¿, D*, S und S* kann im Inland eine Überschußnachfrage nach Geld existieren, die nicht dem vom Ausland geplanten Zahlungsbilanzungleichgewicht entspricht. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.315 | Generated on 2023-04-04 11:52:54
330 Ekkehard Bechler Unser monetäres Zwei-Länder-Modell befindet sich also im Ungleichgewicht. Wenn nun in einer solchen Situation der Zinssatz als Folge dieses Überhangs der Geldnachfrage steigt, so ist mit einem Rückgang der Geldnachfrage des Inlandes zu rechnen, und das System nähert sich einem Gleichgewichtszustand an. Als Folge dieser Zinssteigerung werden sich zugleich aber auch Reaktionen auf dem Gütermarkt in Form eines tendenziellen Rückgangs der Güternachfrage ergeben, die sich je nach der Zinselastizität der Nachfrage nach den einzelnen Gütern in einer Veränderung des Preisverhältnisses p bzw. p* und — davon ausgehend — in Veränderungen der einzelnen Güterproduktionen niederschlagen werden. Da sich die dabei auftretenden Variationen der einzelnen Güterpreise p* und p* aber in der Regel auch auf die nationalen Preisniveaus p und p* auswirken, wird auch der Realwert des jeweiligen monetären Vermögens von diesen Veränderungen betroffen —die Güternachfrage unterliegt damit also einem zusätzlichen (positiven oder negativen) Einfluß. Die wichtigsten ökonomischen Eigenschaften unseres monetären Zwei-Länder-Zwei-Güter-Modells treten hier deutlich zutage: Indem durch die Berücksichtigung von Vermögenshaltung und internationaler Verschuldung die Formulierung von Güterund Geldnachfragefunktionen ermöglicht wurde, die das Preisniveau und den Zinssatz als Argumente enthalten, ist eine wesentliche Schwierigkeit bei der Übertragung des tradtionellen tauschwirtschaftlichen Modells auf monetäre Volkswirtschaften im vorliegenden Ansatz überwunden. Es zeigt sich nämlich hier, daß monetäre und reale Größen in einer monetären Volkswirtschaft sich nicht unabhängig voneinander bestimmen lassen, sondern durch eine gemeinsame Bestimmungsgröße — die Vermögenshaltung — miteinander verbunden sind. Der Glaube an die Neutralität des „Geldschleiers" hinsichtlich der Bestimmung der relativen Preise ist also durch den Nachweis einer Interdependenz zwischen realen und monetären Variablen aufgegeben worden. Es bleibt freilich noch zu prüfen, in welcher Weise unsere explizite Berücksichtigung monetärer Hypothesen die Aussagen des zuvor beschriebenen „realen" Modells zu modifizieren vermag. Insbesondere erscheint es erforderlich, in gleicher Weise wie bei dem realwirtschaftlichen Modell zu fragen, welche Wirkungszusammenhänge von einem Außenhandelsungleichgewicht ausgelöst werden und ob diese Kräfte zu einer Beseitigung dieses Ungleichgewichts beitragen können. Beginnt man die Betrachtung auch hier wieder mit der Annahme einer überschüssigen Handelsbilanz des Inlandes, so folgt hieraus zunächst eine Zunahme des inländischen Vermögensbestandes Vm bzw. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.315 | Generated on 2023-04-04 11:52:54
Handelsbilanz und gesamtwirtschaftlicher Vermögensbestand 331 eine Abnahme von V*m. Dabei ist zu beachten, daß diese Veränderungen der gesamtwirtschaftlichen Vermögenspositionen sich im nun vorliegenden Modell sowohl in einer Veränderung der Geldmenge als auch des jeweiligen Netto-Wertpapierbestandes niederschlagen können. Die Folge einer solchen Veränderung der nationalen Vermögenspositionen besteht zunächst in der Reaktion der Güternachfrage und hiervon ausgehend in neuen Gleichgewichtswerten von pi, P2 und r. Ergibt sich im Zuge dieser Variation von pi und P2 ein neuer Wert von p, so kann hieraus jene Veränderung des Realwertes des Vermögens entstehen, wie sie bereits bei der Betrachtung des tauschwirtschaftlichen Modells in ihren Auswirkungen auf das internationale Gleichgewicht untersucht worden war — es erübrigt sich deshalb, diesen Einfluß nochmals zu erläutern. Eine andere Beziehung zwischen Preisentwicklung und Vermögenshaltung erscheint dagegen angesichts der hier vorliegenden monetären Vermögenshaltung von größerem Interesse: Aus den Variationen von Pi und p werden sich im Regelfall auch Veränderungen der nationalen Preisniveaus p und p* ergeben, die den Realwert des jeweils vorhandenen Geldvermögens und damit — bei fehlender Geldillusion — das Nachfrageverhalten der Verbraucher beeinflussen6. Im einzelnen bedeutet dies: Bei einem Preisanstieg entsteht eine Minderung der Kaufkraft des vorhandenen monetären Vermögens und damit eine Tendenz, die der ursprünglichen außenhandelsbedingten Steigerung des monetären Vermögens entgegenwirkt7'8. Zudem wird auch die Veränderung des Zinssatzes die Vermögensposition der betrachteten Volkswirtschaften beeinflussen: Die Veränderung des monetären Vermögensbestandes wird nämlich durch dWm dM + —^ = Sm beschrieben, und es zeigt sich, daß infolge der Bewertung des Wertpapierbestandes mit dem „Preis" auch eine Variation von r die monetäre Vermögensposition beeinflussen kann. Insgesamt kann also je nach der Richtung der zunächst induzierten Veränderungen von p und r die Summe der sich anschließenden „sekundären" Vermögenseffekte die „primären" Einflüsse entweder verstärken oder abschwächen. Dies bedeutet, daß die sich zunächst abzeichnende Zunahme der heimischen Güternachfrage und der daraus bei 6 Die aus Zinserträgen resultierende Vermögensakkumulation sei in diesem Zusammenhang vernachlässigt. 7 Analoge Zusammenhänge gelten für Preissenkungen bzw. ausländische Veränderungen. 8 Vgl. dazu die Unterscheidung zwischen „real balance effect" und „nonmonetary wealth effect" bei Patinkin (1965). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.315 | Generated on 2023-04-04 11:52:54
332 Ekkehard Bechler konstanten Produktionsmöglichkeiten notwendigerweise resultierende Abbau des anfänglichen Handelsbilanzüberschusses grundsätzlich sowohl beschleunigt als auch verlangsamt werden. Vergleicht man diese Überlegungen mit der vorangegangenen Darstellung des erweiterten tauschwirtschaftlichen Modells, so ist zu beobachten, daß das vorliegende monetäre Modell den gleichen realen Reaktionsund Wirkungszusammenhängen unterliegt, die auch im realwirtschaftlichen Modell zutage getreten waren. Darüber hinaus eröffnet sich hier jedoch die Möglichkeit, Variationen und Anpassungen rein monetärer Größen wie Zahlungsbilanz, Wechselkurs, Kapitalbilanz und absolute Preise zu untersuchen, ohne den Erklärungsanspruch der „reinen" Theorie aufzugeben, d. h. ohne auf die strukturelle Beschreibung des internationalen Tauschgleichgewichts zu verzichten. Daß sich dabei durch die Berücksichtigung monetärer Zusammenhänge zusätzliche Determinanten dieses internationalen Gleichgewichts ergeben, kann kaum überraschen — die Kritik an der herkömmlichen Annahme einer Neutralität des Geldes basiert ja bekanntlich auf der Vermutung eines solchen Zusammenhanges zwischen realen und monetären Größen. Das Ergebnis unserer Betrachtungen besteht daher nicht nur in der Erkenntnis, daß der Einfluß von Vermögensbeständen in der vorliegenden Modellbetrachtung einen Mechanismus verkörpert, der das Zustandekommen eines Handelsbilanzgleichgewichts beschleunigen oder verzögern kann, sondern vor allem in dem Hinweis, daß durch die Berücksichtigung der Vermögenshaltung als Determinante der Güterund Geldnachfrage ein Bindeglied zwischen realer und monetärer Ebene der Volkswirtschaft entsteht, welches zur Überwindung der in der traditionellen „reinen" Außenhandelstheorie implizit enthaltenen „naiven" Quantitätstheorie des Geldes beitragen kann. Zusammenfassung Die vorliegende Arbeit versucht, die nachfragetheoretischen Prämissen der herkömmlichen Heckscher-Ohlin-Modelle zu erweitern, indem sie die Vermögenshaltung als eine mögliche Determinante des Nachfrageverhaltens berücksichtigt. Dabei entsteht freilich die Schwierigkeit, wie die Existenz von Vermögensbeständen im Rahmen eines güterwirtschaftlichen Modells gerechtfertigt werden kann, in welchem eine ausschließliche Produktion von Konsumgütern unterstellt wird. Als Ausweg wird hier vorgeschlagen, Veränderungen des gesamtwirtschaftlichen Vermögensbestandes durch die explizite Berücksichtigung internationaler Verschuldungsund Kreditgewährungsvorgänge in die Betrachtung einzubeziehen. Darüber hinaus eröffnet sich durch diese Vorgehensweise die Möglichkeit, der Kritik an den Modellen der reinen Außenhandelstheorie in zwei weiteren Punkten Rechnung zu tragen: Zum einen wird durch die Berücksichtigung der internationalen Kreditgewährung eine generelle Einführung monetärer Aspekte in die reine AußenOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.315 | Generated on 2023-04-04 11:52:54
Handelsbilanz und gesamtwirtschaftlicher Vermögensbestand 333 handelstheorie ermöglicht, zum anderen scheint sich so ein Weg abzuzeichnen, wie die unrealistische Annahme einer ausgeglichenen Handelsbilanz aufgegeben werden kann. Summary It is argued that wealth effects should be considered as a determinant of demand in traditional trade theory. Consequently the question arise how to justify changes of aggregate wealth in a non-monetary economy where only consumption goods are produced. It is shown that under the assumptions of the standard Heckscher-Ohlin-models changes of aggregate wealth can only be initiated when unbalanced trade creates claims against the deficit economy. Considering the influence on demand of this "national wealth" and its changes we find that the stability of trade equilibrium is either strengthened or weakened when wealth effects are present. Beyond this we find that these claims constitute a quasimonetary element in traditional barter models of international trade. Literatur Kemp, M. C. (1964), The Pure Theory of International Trade, Englewood Cliffs, N. J., 1964. Rose, K. (1972), Theorie der Außenwirtschaft, 4. Auflage, München, 1972. Patinkin, D. (1965), Money, Interest and Prices, New York, 1965. Vicarelli, F. (1972), Verso un integrazio tra teoria pura e teoria monetaria del commercio internazionale, Economia Internazionale 25 (1972), S. 431 - 449, 623 - 653. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.96.4.315 | Generated on 2023-04-04 11:52:54