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Adolf Lampes "Allgemeine Wehrwirtschaftslehre". Einige Betrachtungen zur Geschichte dieses Buches

Triebenstein, Olaf

Abstract

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Triebenstein, Olaf Article Adolf Lampes "Allgemeine Wehrwirtschaftslehre". Einige Betrachtungen zur Geschichte dieses Buches Schmollers Jahrbuch für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Triebenstein, Olaf (1968) : Adolf Lampes "Allgemeine Wehrwirtschaftslehre". Einige Betrachtungen zur Geschichte dieses Buches, Schmollers Jahrbuch für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, ISSN 0036-6234, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 88, Iss. 1, pp. 31-49, https://doi.org/10.3790/schm.88.1.31 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291156 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Sein früher Tod mit etwas über fünfzig Jahren ist nicht zuletzt die mittelbare Folge eines Buches, das er im Herbst des Jahres 1938 veröffentlichte: „Allgemeine Wehrwirtschaftslehre"1. Diese Veröffentlichung hat eine sehr bemerkenswerte Vorgeschichte, die wegen ihrer historischen Relevanz hier an Hand eines von Lampe selbst verfaßten 12seitigen maschinengeschriebenen Manuskriptes vom 6. August 1946 und anderer Unterlagen kurz skizziert sei. Wie aus den persönlichen Aufzeichnungen und anderen Quellen hervorgeht, hat sich Lampe kurz nach der sogenannten Machtergreifung vom 30. Januar 1933 weniger auf Grund eines spezifischen wissenschaftlichen Interesses mit wehrwirtschaftlichen Fragen zu befassen begonnen, wenngleich das bei ihm als Finan/zwissenschaftler nicht ferngelegen hätte, als vielmehr eindeutig aus politischen Uberlegungen heraus. Er ging von der erwiesenermaßen richtigen Ansicht aus, daß die zur Realisierung der „25 Punkte aus dem Programm der NSDAP" entschlossenen Führer dieser Partei über kurz oder lang einen Kriegskurs einschlagen würden. Eine offene Auflehnung gegen diese vorhersehbare Entwicklung lehnte Lampe seinerzeit noch ab; nicht weil es ihm an persönlichem Mut gebrach, sondern aus der Erkenntnis heraus, daß ein solches Beginnen nur im Gefängnis enden könne, womit niemandem gedient sei. Er wollte wenigstens versuchsweise zunächst einen anderen Weg gehen, um „so lange als irgend möglich einer . .. erkannten verhängnisvollen Entwicklung entgegenzuarbeiten". Als den besten der ihm möglichen Wege sah er „den einer Aufklärungsarbeit" an, „die sich zunächst an die zustän- * Frau Gertrud Lampe und Herrn Diplomvolkswirt Dieter Thomas bin ich für ihre liebenswürdige Unterstützung und wertvolle Hilfe zu herzlichem Dank verpflichtet. 1 Adolf Lampe: Allgemeine Wehrwirtschaftslehre. Jena 1938. XX, 196 S. (Im folgenden mit AWL zitiert.) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.88.1.31 | Generated on 2023-04-04 11:41:56 32 Olaf Triebenstein digen militärischen Führer der deutschen Wehrwirtschaft richtete". Nach einiger Zeit gelang es ihm auch, Zugang zu der damaligen Führung des Wehrwirtschaftsstabes zu erhalten. „Im Herbst 1936", so schreibt Lampe, „durfte ich annehmen, mein Ziel erreicht zu haben. Ich hielt damals zwei Vorträge über Probleme der Wehrwirtschaftspolitik in Berlin: anschließend an sie hatte ich zwei sehr offene Aussprachen mit dem Chef des Wehrwirtschaftsstabes, dem damaligen Obersten, späteren kommandierenden General (richtig: General d. Infanterie; d. Verf.) Thomas und seinen engsten Mitarbeitern. Es ergab sich, daß Herr Thomas die Grenzen der deutschen Wehrwirtschaft für eben so eng gezogen hielt wie ich. Er erklärte mir jedenfalls, in allen wesentlichen Punkten mit mir einig zu sein, und ließ mich kurz nach Abschluß der letzten Unterredung, während ich noch in Berlin war, durch den Major im Generalstab Beutler auffordern, ich möchte von einer Veröffentlichung des damals in erster Fassung vorliegenden Textes meiner Wehrwirtschaftslehre absehen, damit diese Ausführungen der internen Instruktion der Wehrwirtschaftsoffiziere dienen könnten. Es kam zur Formulierung eines ersten Vertragsentwurfes in eingehender Aussprache zwischen einem zuständigen Referenten und mir. Dieser Vertrag hätte mir vor allen anderen Wehrwirtschaftswissenschaftlern Deutschlands enge Verbindung mit dem Wehrwirtschaftsstabe und Einfluß auf seine Gedankengänge gesichert. Wäre es zur Verwirklichung dieser Abreden gekommen, so würde ich damit die Möglichkeit gehabt haben, den die deutsche Generalität damals weithin beherrschenden phantastischen Ideen über unbegrenzte Möglichkeiten einer militärischen Kommandierung und unbeschränkte Entfaltung der Wehrwirtschaftskraft von einer einflußreichen Stelle aus entgegenzuwirken." Lampe wartete längere Zeit vergeblich auf einen in seinem Sinne positiven Bescheid des Wehrwirtschaftsstabes. Nach mehreren Rückfragen erhielt er die folgende Antwort (Photokopie der beglaubigten Abschrift des Originals liegt dem Verf. vor): Beutler Berlin, den 28. Januar 1937 Major des Generalstabes An Herrn Professor Dr. Adolf Lampe Freiburg /Brsg. Goethestraße 66 Sehr geehrter Herr Professor! Nach reiflicher Überlegung über die weitere Behandlung Ihrer Wehrwirtschaftslehre bin ich auf Grund Ihrer Ausführungen zu dem Entschluß gekommen, Ihnen anheim zu stellen, Ihre Arbeit zu veröffentlichen. Damit will ich aber nicht gesagt haben, daß ich die Veröffentlichung vom politischen Standpunkt aus für ungefährlich halte. Sie müssen heute auch bei einer noch so großen taktischen Korrektur mit politischen Angriffen schärfsten Ausmaßes OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.88.1.31 | Generated on 2023-04-04 11:41:56 Adolf Lampes „Allgemeine Wehrwirtschaftslehre" 33 rechnen. Die Grundlinie Ihrer Arbeit liegt der heutigen Wirtschaftsauffassung so entgegen, daß Sie bei noch so ernsthaftem Bemühen auf sehr wenig Verständnis stoßen werden. Da ich Ihnen aber eine interne Auswertung Ihrer Arbeit hier sowohl wie in anderen öffentlichen Stellen nicht in einem Ausmaße zusichern kann, wie Sie es von Ihrem Standpunkt vielleicht mit Recht fordern können, so sehe ich leider keinen anderen Weg, als Ihnen Ihre Arbeit zur Veröffentlichung zurückzugeben. Heil Hitler! Ihr sehr ergebener (gez. Beutler) Nach Erhalt dieses offenen und freundschaftlich so dringend warnenden Briefes des Gruppenleiters im Wehrwirtschaftsstab hätte wohl kaum jemand im Deutschland jener Tage sich dennoch zur Veröffentlichung einer derartigen Studie entschlossen; Lampe aber tat es, nachdem er sie noch einmal überarbeitet hatte — und fand für sie auch einen Verleger, Gustav Fischer in Jena, der sich auch im weiteren Verlauf mit Mut hinter seine verlegerische Entscheidung stellte, wie an späterer Stelle noch anzumerken sein wird. Die Veröffentlichung der AWL führte einerseits zu dem zu erwartenden frontalen Zusammenstoß Lampes mit der nationalsozialistischen Herrschaft, andererseits aber auch etwas unerwartet nach dem Kriege mit der Macht der Alliierten, nämlich der Franzosen. War für die einen dieses Buch rein „defaitistisch", so stellte es für die anderen angeblich „Kriegstreiberei" dar. Nun, die Nationalsozialisten hatten gewiß mit ihrer Meinung recht, daß die AWL ihren Anschauungen, Plänen und Zielen strictissime zuwiderlaufe; insoweit war die schließliche Inhaftierung Lampes nach dem 20. Juli 1944 vom 8. September 1944 bis Ende April 1945 im Gefängnis von Berlin-Moabit gewissermaßen „verständlich", zumal er zusammen mit Gerhard Albrecht, Erwin v, Beckerath, Franz Böhm, Constantin v. Dietze, Walter Euchen, Fritz Hauenstein, Gerhard Ritter, Theodor Wessels und anderen aktives Mitglied des „Freiburger Kreises" der Widerstandsbewegung war2. Letztlich unverständlich hingegen bleibt seine Festnahme im März 1946 durch die französische Militärregierung und seine Einlieferung in das Konzentrationslager Betzenhausen bei Freiburg bis Ende Juli 1946, die mit der Autorenschaft der AWL begründet wurde. Allein die Tatsache, daß Lampe im September 1944 unter anderem auch wegen dieses Buches verhaftet und ihm sein Freiburger Lehrstuhl aberkannt wurde3, hätte die französische Besatzungsmacht, die dies bei sorgfältiger Vorprüfung wissen mußte, immerhin stutzig machen müssen. Weit gefehlt; sie sperrte diesen mutigen Mann, der nicht 2 Gerhard Ritter: Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung. Stuttgart 1955. Insbes. S. 511. Über die enge Verbindung Lampes zu Goerdeler vgl. ebenda S. 448 u. 501. 3 Schmollers Jahrbuch 88,1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.88.1.31 | Generated on 2023-04-04 11:41:56 34 Olaf Triebenstein erst seit 1933 ein erklärter Gegner des Nationalsozialismus gewesen war — er hatte bereits 1923 eine heftige Auseinandersetzung mit Gottfried Feder —, mit eben diesen seinen politischen Gegnern zusammen ein — und entließ ihn wiederum aus seinem Amt als Hochschullehrer4! Diese zweifache Haft unter zermürbenden Bedingungen im Laufe von drei Jahren untergrub Lampes Gesundheit; er starb am 9. Februar 1948. Mit Fug und Redit wird man daher sagen können, daß die „Allgemeine Wehrwirtschaftslehre" sein v;Schicksalsbuch" gewesen ist. Diese Tatsache für sich allein würde es rechtfertigen, es aus Anlaß der Wiederkehr des siebzigsten Geburtstages und des zwanzigsten Todestages seines Autors der Vergessenheit zu entreißen, in die es durch die Zeitläufte geriet. Ein glücklicher Zufall gestattet es, über das reine in Erinnerungrufen eines bemerkenswerten Buches hinauszugehen, da kürzlich vom Koblenzer Bundesarchiv eine umfangreiche Studie aus der Feder des bereits -genannten, Ende Dezember 1946 verstorbenen Chefs des Wehrwirtschaftsund Rüstungsamtes General d. Inf. Georg Thomas über die „Geschichte der deutschen Wehrund Rüstungswirtschaft (1918—1943/45) " vorgelegt wurde5. Die Tatsache, daß diese von Wolfgang Birkenfeld hervorragend editierte Ausarbeitung leider erst über zwanzig Jahre nach der Beendigung des Zweiten Weltkrieges erscheinen konnte, ist durch den auch für diesen Bereich der wirtschaftshistorischen Forschung so mißlichen Umstand der nur sehr schleppend erfolgenden Rückführung der entsprechenden Akten aus 3 Der Reichsminister und Chef Berlin W 8, den 8. Dezember 1944 der Reichskanzlei Rk. 1976 C g An Herrn Dr. Adolf Lampe Berlin Der Führer hat, wie ich auftragsgemäß mitteile, wegen Ihrer Beteiligung an Vorgängen, die mit dem Attentat auf den Führer am 20. Juli 1944 in Zusammenhang stehen, Ihre Ausstoßung aus dem Amte eines Hochschullehrers angeordnet. Damit sind alle Rechte aus Ihrem bisherigen Amte verwirkt. gez. Dr. Lammers 4 In dem mir in Photokopie vorliegenden Schreiben der französischen Militärregierung vom 15. März 1946 heißt es unter anderem: „OBJET: Suspension du Professeur LAMPE Par décision de Monsieur le Directeur de l'Education Publique le Docteur Lampe, Professeur d'économie politique à l'Université de FRIBOURG, est suspendu de ses fonctions, avec effet immédiat. L'examen de son livre „Allgemeine Wirtschaftslehre" (gemeint ist die AWL; 0. T.) a motivé cette sanction . .. Il n'est pas possible de conserver à l'Université de Fribourg un professeur qui s'est fait le théoricien de la guerre nazie . . 5 Georg Thomas: Geschichte der deutschen Wehrund Rüstungswirtschaft (1918 bis 1943/45). Hrsg. von Wolfgang Birkenfeld. (Band 14 der Schriften des Bundesarchivs) Boppard am Rhein 1966. 552 S. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.88.1.31 | Generated on 2023-04-04 11:41:56 Adolf Lampes „Allgemeine Wehrwirtschaftslehre" 35 den Vereinigten Staaten in das Bundesarchiv bedingt. Auch jetzt noch befinden sich wesentliche Ausarbeitungen des Generals Thomas und seines Stabes in amerikanischer Verwahrung; so mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Studie über die englische Industrie aus dem Frühsommer 1940, die für die späterhin abgesetzte Operation „Seelöwe" gefertigt wurde. Diese damalige Analyse scheint weiterhin so interessant zu sein, daß sich das Pentagon augenscheinlich auch heute noch nicht von ihr zu trennen vermag6. Über die Anbahnung eines engeren Kontaktes zwischen Lampe und Thomas Mitte der dreißiger Jahre wurde bereits berichtet; unbeschadet der offiziellen NichtVerwendung seiner Studie — „inoffiziell" werden Beutler und Thomas viele ihrer Gedanken mit Sicherheit weiterverbreitet haben — blieb diese Verbindung auch weiterhin erhallten und erfuhr »durch ihre gemeinsame aktive Beteiligung an der innerdeutschen Widerstandsbewegung ein festes, verbindendes Fundament. Ob Lampe für das endgültige Manuskript der AWL private Auskünfte von Offizieren des Wehrwirtschaftsstabes zur Verfügung gestanden haben, läßt sich im nachhinein kaum noch feststellen und wäre letztlich für den ganzen Denkansatz seines Buches auch nur von geringer Bedeutung gewesen. Lampe selbst schreibt hierzu in seinem Vorwort: „Der Wehrwirtschaftspraktiker wird beim Lesen dieses Buches allerdings finden, daß hie und da — für ihn! — offene Türen eingerannt werden. Er möge bedenken, daß mir keinerlei amtliches oder gar geheimes Material zur Verfügung stand, daß also alle dargestellten Maßnahmen aus der Grundidee marktlicher Wirtschaftspolitik im Wehrwirtschaftsgeschehen abgeleitet sind7." In der Studie von Thomas wiederum finden wir auch keinen Hinweis auf seine Verbindung zu Lampe oder auf dessen AWL, was aber allein deswegen verständlich ist, weil das dem Bunde&archiv zur Verfügung stehende Exemplar (Schreibmaschinentext) nach dem 20. Juli 1944 von Thomas noch „gesäubert" worden ist8. Thomas, der ja über Lampes Zugehörigkeit zum „Freiburger Kreis" bestens informiert war, mußte auf Grund seiner klar auf der Hand liegenden eigenen Gefährdung und zum Schutze anderer Verschwörer darauf bedacht sein, nach Möglichkeit alle irgendwie „verdächtigen" Namen und Verbindungen aus seiner Ausarbeitung noch zu eliminieren9. Ein Vergleich der beiden Arbeiten zeigt aber, daß Thomas bei der Abfassung seiner Studie, die er nach seiner „Kaltstellung" im Januar 1943 im Auftrage von Keitel als „Sonderaufgabe" vornahm10, die AWL stets G Vgl. Thomas: a.a.O. S. 226 und Birkenfelds Anmerkung 42) dazu. 7 Lampe: a.a.O. S. VIII. 8 Vgl. Birkenfeld in seiner „Einleitung" zur Studie von Thomas: a.a.O. S. 30 u. 34. 9 Vgl. Birkenfeld: a.a.O. S. 4. 10 Ebenda S. 3. 3* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.88.1.31 | Generated on 2023-04-04 11:41:56 36 Olaf Triebenstein griffbereit gehabt haben muß; auch einige der hier später zitierten Stellen werden dies erkennen lassen. II. Schlägt man die AWL Lampes auf, so wird man sogleich mit einem Vorgang konfrontiert, der im nationalökonomischen Schrifttum vermutlich seinesgleichen sucht. In einem Vortwort sieht sich der Verlag (!) veranlaßt, unter anderem zu bemerken: „Der Verfasser hat in seinem Vorwort betont, daß es ihm beim ersten Versuch, ein System der Wehrwirtschaftspolitik zu entwickeln, bestenfalls gelungen sein könne, ,Grundmauern zu errichten, auf denen in umfassender Gemeinschaftsarbeit4 weitergebaut werden müsse. Jede produktive Kritik — gerade auch aus der Wehrwirtschaftspraxis heraus — wird ihm daher stets äußerst erwünscht sein. Um der Sache willen aber bittet er, ebenso wie der Verlag, darum, daß die Kritik mit besonderer Sorgfalt darauf Bedacht nehmen möge, die Einheit des Gedankenganges anzuerkennen, damit nicht etwa durch öffentliche Erörterungen über falsche Auslegungen einzelner Sätze oder Gedanken des Buches Schaden gestiftet wird11.'6 In seinem eigenen Vorwort hatte Lampe ahnungsvoll schon solchen Entwicklungen vorzubeugen versucht, indem er dort schrieb: „Um den streng theoretischen Charakter der Studie zu betonen, ist darauf verzichtet worden, die Übereinstimmung ihrer Thesen mit Urteilen und Entscheidungen führender Persönlichkeiten des politischen Lebens oder der praktischen Wehrwirtschaftspolitik nachzuweisen"12, und dem etwas später noch hinzugefügt: „Unter diesen Umständen mußte auch von einer Auseinandersetzung mit der zu Einzelfragen vorliegenden umfangreichen Fachliteratur abgesehen werden . . . Erörterungen zur Urheberfrage und kritische Auseinandersetzungen über verbliebene Meinungsverschiedenheiten hätten ungebührlich viel Raum beansprucht. Prioritätsrechte für irgendwelche der zahlreichen Vorschläge in dieser Abhandlung werden schon deshalb jedem, der solche Ansprüche zu haben glaubt, gern zugestanden12." 11 Dieses „Vorwort des Verlages" befindet sich nicht in sämtlichen der seltenen Exemplare, die dem Verf. zugänglich waren; so nicht in den broschierten Ausgaben, hingegen aber in den noch erreichbaren leinengebundenen. Der zeitliche Abstand zwischen den Ausgaben ohne und mit diesem verlagsseitigen Vorwort war nicht mehr festzustellen. Es liegt aber die Vermutung nahe, daß dieses Verlagsvorwort zwischen der Auslieferung der broschierten und der der leinengebundenen Exemplare geschrieben wurde und daher nur in die letzteren aufgenommen werden konnte. 12 Lampe: a.a.O. S. VII. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.88.1.31 | Generated on 2023-04-04 11:41:56 Adolf Lampes „Allgemeine Wehrwirtschaftslehre" 37 Solche Prophylaxe nutzte nichts, konnte vermutlich auch nichts nutzen, da Lampes Buch seiner ganzen Anlage nach zu massiver offizieller und offiziöser Kritik führen mußte; denn diese Studie legte in ihrem theoretischen Gewände in einer Zeit immer unverkennbarerer und univerhohlenerer Vorbereitungen für einen Angriffskrieg unmißverständlich dar, daß Deutschland keinen Angriffskrieg mit auch nur einiger Aussicht auf letztendlichen Erfolg führen könnte. Lampe wird es nicht nur mit Gleichmut getragen, sondern gewiß auch als eine gewisse Tarnung begrüßt haben, daß man ihn wegen solcher Gedanken vielfach als „versponnenen Theoretiker" abzutun versucht hat. Nicht nur die große Zahl seiner Freiburger Hörer, die noch heute von der Faszination seiner meist mit verdeckten oder offenen politischen Seitenhieben gespickten Vorlesungen zu berichten wissen, wußten, daß Lampe alles andere als ein solcher Typ von Theoretiker war, sondern auch viele Wirtschaftsund Wehrwirtschaftspraktiker und Kollegen. Die selbst übergezogene Tarnkappe des r,versponnenen Theoretikers" hielt denn auch nicht lange; das Buch wurde zwar nicht offiziell verboten, aber nach bewährten Mustern unterdrückt. Untersuchen wir noch näher, welche Gedanken dieses Buches es vornehmlich waren, die zwangsläufig dazu führen mußten, daß das 6einerzeitige Regime sich in seinem schon seit langem gehegten Mißtrauen gegen Adolf Lampe vollauf bestätigt sah. Zunächst ist generell festzuhalten, daß allen anderslautenden Lippenbekenntnissen der politischen und wirtschaftlichen Führung jener Zeit zum Trotz von einem echten Willen zur Aufrecht erhaltung oder Wiederherstellung einer marktwirtschaftlichen Ordnung nicht gesprochen werden kann13. Bereits die Zielsetzung einer möglichst weit zu treibenden Autarkie Deutschlands ist z. B. neben der Preisstopp-Verordnung vom 26. November 1936 und der Lohnstopp-Verordnung vorn 28. Juni 1938 ein schlagender Beweis für das Gegenteil14. Auch Lampe stand diesen „Bekenntnissen" offenbar sehr skeptisch gegenüber, wie aus allen seinen Schriften hervorgeht. Allerdings zeigt auch er in dieser Richtung ein gewisses Vertrauen gegen13 Anderer Meinung u. a.: Erich Preiser (Wesen und Methoden der Wirtschaftslenkung. Finanzarchiv, Bd. 8, 1941, S. 225), der erstaunlicherweise 1941 die herrschende Wirtschaftsordnung sogar noch mit dem Begriff „gelenkte Marktwirtschaft" belegen zu können glaubte. 14 Diese Feststellung bedeutet natürlich keineswegs, daß es nicht nur theoretisch denkbar, sondern unter besonders günstigen Umständen eventuell auch praktisch möglich ist, in einer weitgehend autarken Volkswirtschaft eine primär marktwirtschaftliche Ordnung zu realisieren. Für die USA oder die UdSSR ließen sich solche Denkmodelle gewiß konstruieren. Nur, und ausschließlich darauf kommt es hier an, das seinerzeitige Deutschland konnte den Zielkonflikt (hie Autarkie, hie Aufrechterhaltung einer vorwiegend marktwirtschaftlichen Ordnung) aus seinen politischen Zielsetzungen und aus seiner Rohstoffsituation heraus nur zu Lasten seiner inneren und äußeren marktwirtschaftlichen Ordnung lösen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.88.1.31 | Generated on 2023-04-04 11:41:56 38 Olaf Triebenstein über Hermann Göring, den er mehrfach gewissermaßen als Kronzeugen für einen doch vorhandenen Willen der nationalsozialistischen Führung zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung einer marktwirtschaftlichen Ordnung anführt. So beispielsweise in einem Gutachten für den „Reichsausschuß für wirtschaftlichen Vertrieb beim RKW", wo er ohne einen unmittelbar erkennbaren kritischen Unterton in einer Anmerkung zu den Aufgaben des Unternehmertums schreibt und zitiert: „Ministerpräsident Generaloberst Göring wandte sich gelegentlich seiner großen Rede im Berliner Sportpalast an die Unternehmer mit folgenden Worten: .Meine Herrn Unternehmer! Sie sprechen immer von der freien Initiative der Wirtschaft. Jetzt haben Sie die freie Initiative. Wenden Sie sie an15.4" Auch dies mag Tarnung gewesen sein, aber es ist ja nicht zu übersehen, daß Göring bis zu den ersten großen Flächenangriffen der britischen Luftwaffe auf Lübeck und Rostock im März/April 1942 nicht nur durch die „Volksmeinung" eine positive „Sonderbehandlung" erfuhr, sondern auch durch professorale und nichtprofessorale Intellektuelle, Wirtschafter und Techniker. Auch in der Studie von Thomas finden sich häufiger betont anerkennende und fast herzliche Bemerkungen über den späteren „Reichsmarschall" und die Zusammenarbeit mit ihm16. In der Tat ist nicht ganz auszuschließen, daß der mehrfache staatliche „Konzernherr" Göring eine gewisse Sympathie für freie Unternehmerinitiative gehabt und in Grenzen die Notwendigkeit ihrer Erhaltung bejaht hat; wenn vielleicht auch nur aus der Absicht heraus, einmal vom staatlichen zum privaten „Konzernherrn" zu wechseln1'. 15 Adolf Lampe: Zur Systematik der binnenhandelspolitischen Wirtschaftsprobleme. Gutachten im Auftrage des Reichsausschusses für wirtschaftlichen Vertrieb (RWV) beim Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit (RKW). Als Manuskript vervielfältigt. Freiburg im Breisgau 1936. S. II, Anmerkung 1. 16 Thomas: a.a.O. S. 26. Anmerkung 95 von Birkenfeld mit dem Hinweis auf die Ausarbeitung eines Mitarbeiters von Thomas, Regierungsrat Dr. Tomberg: „Zentrale kriegswirtschaftliche Führung", in der ,,. . . über bisher in der Forschung noch unbekannte Versuche .. ." berichtet wird, „. . . die Ernennung Görings zum «Rüstungsminister4 nach Kriegsausbruch zu erreichen — ein Vorhaben, das am Einspruch Hitlers scheiterte ..." — Ferner: S. 114, 119, 148, 158, 205, 215 und 266. 17 Georg Strickrodt (Die gewerblichen Staatsunternehmen in ihrer verfassungsrechtlichen und unternehmenswirtschaftlichen Bedeutung. Tübingen 1954. S. 9 u. 42) verdanken wir die Verweisung auf Justus Wilhelm Hedemann (Deutsches Wirtschaftsrecht. 2. Auflage. 1943. S. 147), der für die „Reichswerke A. G." bemerkt, daß für diese der Gedanke einer späteren Rückgliederung in die Privatwirtschaft schon ausgesprochen sei. — Der Name des Hauptaktionärs eines wirklich unter den damaligen politischen Verhältnissen privatisierten Salzgitterkonzerns dürfte allerdings kaum zweifelhaft sein. Im „Verschenken" von Aktienpaketen und hohen Geldbeträgen aus seiner „Privatschatulle" war Hitler ja bekanntlich nicht gerade kleinlich (vgl. Ritter: a.a.O. S. 145). Um wieviel weniger wäre er es vermutlich erst bei seinem damaligen „Erzpaladin", den Ritter als den „. . . korruptesten aller Parteibonzen . . (a.a.O. S. 76) bezeichnet, im Falle eines „Endsieges" gewesen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.88.1.31 | Generated on 2023-04-04 11:41:56 Adolf Lampes „Allgemeine Wehrwirtschaftslehre" 45 durchzusetzen vermochte. So schreibt er im obigen Zusammenhang beispielsweise: „Es liegt auf der Hand, daß mit der Teilung der Industrie in Riistungsbetriebe einerseits und kriegsund lebenswichtige Betriebe andererseits ein Schnitt durch die gesamte Wirtschaft gezogen wurde, der vielfach ein völlig willkürlicher war, oft sogar mitten durch einzelne Industriewerke hindurch ging37." „Auch, trug die Regelung dem Umstand keine Rechnung, daß die sog. Rüstungsbetriebe in ihrer Existenz, also in allen ihren Vorlieferungen und Zulieferungen, nur auf Betriebe angewiesen waren, die meist in der Liste der kriegsund lebenswichtigen Betriebe standen. Schließlich war auch strittig, wo im Produktionsgang das betreffende Fabrikat ,rüstungswichtig6 wurde38." Und an anderer Stelle: „So führte die Verordnung, daß kriegsuniwichtige Produktion nur einzustellen ist, wenn es unbedingt notwendig sei, und daß Stillegungen von unwichtigen Betrieben nicht ausdrücklich verfügt werden sollten, in der Wirtschaft zu einer völlig negativen Haltung gegenüber den Mobilmachungsmaßnahmen. Da außerdem die Erzeugungspläne des Wirtschaftsministeriums, soweit sie überhaupt schon bestanden (!), nur in beschränktem Umfange in Kraft gesetzt wurden, blieb die Masse der Industrie in der ihr erwünschten Friedensproduktion39." Die vorstehenden Ausführungen und Zitate offenbaren einen Tatbestand, der u. E. einer tieferen Analyse, die hier nicht vorgenommen werden kann, wert wäre: Auf der einen Seite finden wir eine massive imperialistische Kriegspropaganda, die aber nicht nur in der Wirtschaft auf keine große Begeisterung stößt, sondern auch bei dem 37 Thomas: a.a.O. S. 72. — Diese etwas eigentümliche Einteilung geht auf im Juli 1935 erstmalig ausgearbeitete „Grundsätze über die Arbeitsteilung zwischen Wehrwirtschaftsorganisation und der Organisation des GWB" (Generalbevollmächtigter für die Wirtschaft; von 1935—1937 Hjalmar Schacht, von 1938—1945 Walther Funk) zurück, die wiederum Ausfluß des am 21. Mai 1935 erlassenen Reichsverteidigungsgesetzes waren. „Hiernach sollten die ,Riistungsbetriebe' der Betreuung durch die militärischen Organe vorbehalten bleiben, während die Zivilorganisation sich mit den kriegsund lebenswichtigen Betrieben zu befassen hatte" (a.a.O. S. 76; Sperrung im Original). Über die Folgen dieser willkürlichen Abgrenzung und den aus ihr resultierenden völligen Kompetenzwirrwarr vgl. ebenda, S. 76 ff. u. passim. 38 Thomas: a.a.O. S. 72. Thomas: a.a.O. S. 167 f. — Auf das ziemliche Desinteresse des größten Teils der deutschen Industrie an der Übernahme von Rüstungsaufträgen macht Thomas in seiner Studie mehrfach aufmerksam. An jeder dieser Stellen ist man versucht, ein (sie!) dazuzusetzen; zeigt sich hierin doch recht deutlich, daß es mit der so oft anklägerisch behaupteten „Blutigen Internationale der Rüstungsindustrie" (Otto Lehmann-Rußbüldt) oder der „industriellen Kriegslüsternheit aus Gewinnsucht" auch damals nicht gerade weit her gewesen ist. Daß dem so war, braucht allerdings auch wiederum nicht sonderlich zu verwundern, da die seit 1936 in Deutschland bei „zurückgestauter Inflation" fast überall vorhandenen „Verkäufermärkte" ja sehr auskömmliche zivile Absatzund Gewinnchancen boten. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.88.1.31 | Generated on 2023-04-04 11:41:56 46 Olaf Triebenstein größten Teil der Bevölkerung nicht. Insoweit erfüllt die Agitation also ihre Aufgabe nur schwach. Auf der anderen Seite versucht die Propaganda, einen nur kurzen, nicht sehr entbehrungsreichen Krieg zu suggerieren, was fast überall gläubig aufgenommen wird. Die scheinbar im deutschen Volk so festverwurzelte Macht der nationalsozialistischen Führung scheute sich offenbar, die Festigkeit dieser Verwurzelung sogleich mit Kriegsbeginn einer vollen Belastungsprobe (Inaussichtstellung eines totalen Krieges) auszusetzen, weswegen sie mit zwei im Kern der Dinge völlig entgegengesetzten Propagandathesen arbeiten mußte. Es mag gut sein, daß die Erfahrungen mit der „Kriegsbegeisterung" des deutschen Volkes aus den Tagen der „Münchener Konferenz" es der Propaganda dringend ratsam erscheinen ließen, in dieser Weise zweigleisig zu operieren40. Ob und inwieweit sich die Leute des engsten Kreises um Hitler der voraussichtlichen gewaltigen, auch ökonomischen Opfer eines neuerlichen Krieges tatsächlich bewußt gewesen sind, ist schwer zu beurteilen. Ohne Zweifel waren sie nicht nur die Schöpfer ihrer Kriegspropaganda, sondern gleichzeitig in hohem Maße auch deren eigene Gefangene, was zu der Ablehnung und Abwertung aller ihnen vorgetragenen Argumente gegen eine aggressive deutsche Kriegspolitik ein gerüttelt Maß beigetragen haben wird. Daß sie sich — zumindest bis in die erste Kriegsphase hinein — ihrer Macht über das deutsche Volk keineswegs so sicher waren, wie sie es aller Welt glauben machen wollten41, zeigt die totale „Verschweigetaktik46 auf einem anderen Sektor, nämlich dem der Aufrüstungsund Kriegsfinanzierung. Das Verschweigen in diesem Ausmaß kann nicht allein mit Geboten der Geheimhaltung erklärt werden, sondern hat seine Ursache fraglos auch in der realistischen Einschätzung der Furcht eines inflationserfahrenen Volkes vor einer neuerlichen rapiden Geldentwertung. Als Finanzwissenschaftler lag für Lampe kauim etwas näher, als gerade diese Seite der deutschen 40 Ritter (a.a.O. S. 195) erinnert in diesem Zusammenhang an einen für die damalige Propagandaführung vermutlich sehr wesentlichen Vorgang: „Am Abend des 27. (September 1938, O. T.) fand jener berühmte Umzug motorisierter Truppen durch die Straßen yon Berlin statt, dessen Wirkung auf das Publikum den Diktator so schwer enttäuschte, weil er nur allgemeine Niedergeschlagenheit statt Kriegsbegeisterung erweckte." Vgl. dazu auch ebenda S. 200 und 482. 41 In überaus hellsichtiger Weise kennzeichnet der damalige britische Militärattache an der Berliner Botschaft diese Situation in einem Schreiben vom 25. August 1938: „Das alles aber wird Hitlers Entschlüsse nicht beirren, und wenn er erst einmal im Kriege ist, wird es seiner Propagandamaschine nicht schwerfallen, das jetzt sich sträubende deutsche Volk durch militärische Erfolge in Kriegsbegeisterung zu versetzen. So muß die englische Politik sich jetzt entscheiden, ob sie ihm eher diese Erfolge gönnen als sich in den Krieg stürzen will — um einer vielleicht unvernünftigen Sache, der Sudetenfrage willen4." — Zitiert nach Ritter: a.a.O. S. 181. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.88.1.31 | Generated on 2023-04-04 11:41:56 Adolf Lampes „Allgemeine Wehrwirtschaftslehre" 47 Wehrwirtschaft ip der AWL zu untersuchen, was er auch tat, aber auch hier ist es wieder weit mehr das warnende politische Wollen als das rein wissenschaftliche Interesse, das seine entsprechenden Ausführungen kennzeichnet. In dem bereits erwähnten Manuskript Lampes vom August 1946, in dem er u. a. einige der Gedanken niederlegte, aus denen heraus er die AWL seinerzeit verfaßte, schreibt er zu dem Gesamtkomplex: „Die Finanzierung der Aufrüstung wurde von Hitler unier Ausschluß der Öffentlichkeit durch unkontrollierbare Kreditschöpfung in einem Maße betrieben, von dem in Deutschland kaum jemand — auch ich selbst nicht — irgendwelche Vorstellungen haben konnte. Erst in seiner Rede zu Kriegsbeginn hat Hitler diese seine Karten aufgedeckt." Genau gegen eine solche „unkontrollierbare Kreditschöpfung" richten sich nun aber s^ ziemlich alle Kapitel und Passagen der AWL, in denen Probleme der Aufrüstungsund Kriegsfinanzierung behandelt werden42. Dabei räumt Lampe selbstverständlich ein, daß für die Mobilmachungsund erste Kriegsphase alle normalen Finanzierungsquellen versagen müssen und daher der Rückgriff auf die Notenpresse unumgänglich ist. Er schreibt: „Der Kriegsausbruch bringt die öffentlichen Kassen in eine ganiz verzweifelte Lage: die Ausgabeverpflichtungen wachsen sprunghaft an, während die regelmäßigen Einnahmen ebenso schroff zurückgehen. Ein Kassendefizit ist bei jeder Mobilmachung unvermeidbar. Die Möglichkeit marktlicher Wehrwirtschaftspolitik hängt von nichts so sehr ab, wie von seiner baldigen Überwindung43.'6 Und etwas später: „Eine schnelle und kräftige Erhöhung des Steueraufkommens, die allein zum Abstoppen der Notenpresse bzw. der ihr gleichgestellten unbaren Geldschöpfung verhelfen könnte, ist beim allgemein gegebenen Stande der Dinge unmöglich. Sie wäre nur mit ernsten Wirtschaftsstörungen zu erkaufen, die vielleicht sogar den fiskalischen Erfolg in Frage stellen und jedenfalls die Wehrwirtschaftskraft des Landes gefährlich schwächen würden43.66 Gesteht also Lampe für eine begrenzte Zeit aus unabweislichen Gründen eine gewisse inflatorische Finanzierungspolitik durchaus zu, so lehnt er sie für die Mittelbeschaffung eines längeren Krieges mit aller nur denkbaren Schärfe ab. Von dieser Grundhaltung entfernte sich Lampe auch keinen Schiritt, als er im September 1939 durch den damaligen Reichswirtschaftsminister Walther Funk in ein Gremium von Wirtschaftswissenschaftlern berufen wurde, das sich gutachtlich über die deutsche Wirtschaftslage nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges äußern sollte. Da die Beteiligten darin übereinstimmten, das angeforderte Gutachten auf 42 Lampe: a.a.O. insbes. S. 61—71 und 159—190. 43 Lampe: a.a.O. S. 62. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.88.1.31 | Generated on 2023-04-04 11:41:56 48 Olaf Triebenstein das Problem der Kriegsfinanzierung zu konzentrieren, weil diese Frage einmütig als die wichtigste angesehen wurde, bot sich für Lampe die einmalige Gelegenheit, seine finanzpolitischen Gedanken aus der AWL nochmals in straff zusammengefaßter Form der wirts<haftspolitischen Führung des NS-Staates direkt zu unterbreiten44. Zur Vorbereitung des als „Geheime Reichssache66 deklarierten Gesamtgutachtens, das unter dem Titel „Kriegsfinanzierung'6 am 9. Dezember 1939 an den Reichswirtsdiaftsminister erstattet wurde, fertigten die beteiligten Wirtschaftswissenschaftler verschiedene Einzelgutachten. So entstand auch ein „Gemeinschaftsgutachten" von Walter Eucken und Adolf Lampe „.Kriegsfinanzierung durch Geldvermehrung", welches das Datum vom 23. September 1939 trägt, das von Lampe am 26. September — dem Vortage der Kapitulation von Warschau — noch durch ein Teilgutachten mit dem Titel „Preisbindung und Rationierung zur Ausschaltung von Inflationswirkungen" ergänzt wurde45. Am Schluß dieses Teilgutachtens faßt Lampe seine Gedanken unter der Zwischenüberschrift „Kurze Formulierung einiger Ergebnisse" nochmals zusammen. Sie seien hier abschließend im Auszug erneut wiedergegeben, da auch sie wiederum in aller Deutlichkeit einen Wissenschaftler zeigen, der auch um den Preis seiner persönlichen Freiheit und gegebenenfalls seines Lebens nicht willens war, aus politischem Opportunismus heraus von dem abzuweichen, was ihm sein Gewissen und seine wissenschaftliche Erkenntnis vorschrieben: „Durch Inflationierung des Geldumlaufs ist keine irgendwie nennenswerte Steigerung der insgesamt zur Verfügung stehenden Angebote zu erreichen. Die Wirtschaftskräfte werden mit Durchsetzung der Inflation schnell geschwächt. Keine Form der Preisbindung und Rationierung vermag die güterwirtschaftlichen Inflationsschäden irgendwie abzumildern, geschweige denn zu bannen. Statt dessen wird die Leistungsmöglichkeit der Wirtschaft durch sie weiter herabgesetzt . . . Die Anhänger der inflationistischen Kriegsfinanzierung sollten sich darauf besinnen, daß es kein Mittel gibt, die völlige Verarmung der privaten Wirtschaft in einem modernen Kriege durch finanztechnische Kunstgriffe zu verhindern. Wenn dem so ist, dann bleibt kein vernünftiger Grund übrig, mit dem die steuerliche 44 Das endgültige Gutachten trägt die Unterschrift der folgenden Hochschullehrer: Berkenkopf, Münster; Eucken, Freiburg; Hasenack, Leipzig; Jessen, Berlin; Lampe, Freiburg; Frhr. v. Stackelberg, Berlin; Stucken, Erlangen und Teschemacher, Tübingen. 45 Der Volltext dieses Gutachtens findet sich in: Olaf Triebenstein (Hrsg.): Sozialökonomie in politischer Verantwortung. Festschrift für Joachim Tiburtius. Berlin 1964. S. 180 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.88.1.31 | Generated on 2023-04-04 11:41:56 Adolf Lampes ,, Allgemeine Wehrwirtschaftslehre" 49 Kriegsfinanizierung abigelehnt werden könnte. Ob der Rückweg zu ihr heute noch gangbar ist oder nicht, kann erst auf Grund entsprechender finanzpolitischer Untersuchungen bei gleichzeitiger Berücksichtigung des gegenwärtigen Standes inflatorischer Geldumlaufvermehrung entschieden werden. Sehr wahrscheinlich müssen währungspolitische Eingriffe zur Bereinigung des Geldumlaufes (Stillegung schon entstandener ,Geldpfützen') mit den finanzpolitischen Maßnahmen verbunden werden. Bei einer derartigen ehrlichen Kriegsfinanzierung aus laufenden Erträgen w-ertien allerdings die von militärischer /Seite leicht übergangenen wehrwirtschaftlichen Leistungsgrenzen unübersehbar. Sie können, da uns der Weg zur Fremdhilfe in Gestalt von güterwirtschaftlich realisierbaren Auslandskrediten versperrt ist, praktisch nicht wesentlich herausgeschoben werden. Bleiben sie unbeachtet, dann besteht die sehr ernste Gefahr, eines Tages in eine endgiilt i g ausweglose Lage hineinzugeraten. Ein Erfolgsoptimum kann nur durch sorgfältige Abstimmung von Wehrkraft und Wirtschaftskraft erreicht werden46." Summary Some Remarks Concerning the Origin of Adolf Lampe's Book "Allgemeine Wehrwirtschaftslehre" (General Economics of defense) The title of the German economist's book, which was published in 1938, raises suspect, that it might be one of the publications which supported the nationalsocialist armament and war policy. The history of the origin of this book, however, its contents and the fate of its author (he was arrested when the conspiracy against Hitler had failed in 1944, and kept imprisoned till the end of the war) show, that the book represents one of the most courageous attempts of that time to oppose the policy of the national socialist. Using unpublished manuscripts, the book itself and historic documents the author of the article describes the intensive though successless endeavours of an individual to reveal to the public the character of German war policy by means of scientific economic enlightening. Comparisons of Lampe's theseses with the documents of the "Geschichte der deutschen Wehrund Rüstungswirtschaft" (History of the German defense and armament economy) (1918—1934/45), published in the "Schriftenreihe des Bundesarchivs" by the chief of the German armament bureau, General Thomas, show, that the theoretical assumptions in the "Wehrwirtschaftslehre" were no "theory" at all, though the author could not use any official or secret material. The economic core of the book and object of Lampe's concentration is the problem of armament and war financing under the conditions of a total and long lasting war. Public discussion of this problem and of the conditions under which it becomes valid, violated, in 1935, absolute government taboos. The analysis makes clear, that economic theoretical instruments of that time, used by an author responsible only too his own conscience, could by all means produce right prognoses. 40 Lampe: a.a.O. S. 192/93 (Sperrungen d.d. Verf.). 4 Schmollers Jahrbuch 88,1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.88.1.31 | Generated on 2023-04-04 11:41:56