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Sozialer Wandel und Entwicklung

Hondrich, Karl Otto

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Hondrich, Karl Otto Article Sozialer Wandel und Entwicklung Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Hondrich, Karl Otto (1972) : Sozialer Wandel und Entwicklung, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 92, Iss. 1, pp. 79-83, https://doi.org/10.3790/schm.92.1.79 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291266 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Literatur Sozialer Wandel und Entwicklung Zu den Büchern von Zimmermann, Heinlz und Tjaden* Die Arbeit Gerd Zimmermanns ist ein mustergültiger Abriß „idealistischer" Entwicklungssoziologie. Mustergültig in der Form: Hier wird, klar gegliedert, ein Begriff nach dem anderen eingeführt und erörtert, ein Argument auf das andere gesetzt. Mustergültig in der Thematik: Hier werden, seit den bahnbrechenden Arbeiten von Fachgrenzen überschreitenden Ökonomen wie W. Arthur Lewis und an Entwicklungsländern interessierten Soziologen wie Bert F. Hoselitz Mitte der fünfziger Jahre, die typischen Themen referiert und einander zugeordnet. Auf der Suche nach den Erklärungsfaktoren ökonomischer Entwicklung werden die älteren, insbesondere die monokausalen Ansätze, die Klima, Boden, Rasse oder demographische Prozesse in den Vordergrund stellen, abgewiesen; auch die ökonomische Wachstumstheorie erweist sich als unzulänglich. Dagegen bietet sich an, wirtschaftliches Verhalten als Handeln im sozialen System zu interpretieren und seine Motivation vielfältig sozial determiniert zu sehen. Wirtschaftliche Entwicklung ist demnach Ergebnis bzw. Aspekt eines sozialen Wandels, in dem sich Leistung als zentraler sozialer Wert in den Vordergrund schiebt. Mit dem Hervortreten von Leistungsmotivation verändern sich auch andere Werte und Normen, ein Vorgang, der mit Parsonsschen Begriffen (Partikularismus versus Universalismus etc.) beschrieben wird. Der Zusammenhang zwischen Leistungsmotivation und sozialer Mobilität wird aufgezeigt. „Aus allen unseren Erörterungen läßt sich nun das Fazit ziehen, daß Institutionen, als Komplexe von Normen und Werten ..., im Prozeß des sozialen Wandels die Schlüsselrolle spielen, da sie letztlich die jeweils spezifischen Formen sozialen und wirtschaftlichen Handelns determinieren, indem sie direkt oder indirekt auf die Motivation dieses Handelns einwirken" (S. 121). Als Beispiele für entwicklungshemmende Institutionen erwähnt Zimmermann Großfamilie und Bodenund Pachtordnungen, die dem neuerungswilligen * Gerd Zimmermann: Sozialer Wandel und ökonomische Entwicklung. Stuttgart 1969. Ferdinand Enke. 159 S. — Peter Heintz: Ein soziologisches Paradigma der Entwicklung mit besonderer Berücksichtigung Lateinamerikas. Stuttgart 1969. Ferdinand Enke. 332 S. — Karl Hermann Tjaden: Soziales System und sozialer Wandel. Untersuchungen zur Geschichte und Bedeutung zweier Begriffe. Stuttgart 1969. Ferdinand Enke. 336 S. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.79 | Generated on 2023-04-04 11:48:24 80 Literatur Pächter die Früchte seiner Anstrengungen vorenthalten. „Es muß daher eine der wichtigsten Aufgaben einer auf ökonomische Entwicklung zielenden Politik des gelenkten sozialen Wandels sein, solche Institutionen zu schaffen und zu fördern, die dem Individuum den Genuß der Früchte seiner Anstrengungen sichern und ihm so zu stetigem sozialen Aufstieg verhelfen" (S. 136). Dem möchte man zunächst gern zustimmen, muß aber dann gleich fragen: Welche konkreten technischpolitischen Maßnahmen führen nun am ehesten zu diesem Ziel? Welche politisch-ökonomische Macht-Konstellation muß gegeben sein, und welche Widerstände und Konflikte sind zu erwarten, wenn Institutionen geändert werden sollen? Kann man politisch wirklich so lange warten, bis die ökonomischen Voraussetzungen geschaffen sind, „das Individuum" individuell zu belohnen, oder muß man nicht die Massen mit kollektiven symbolischen Belohnungen (Nationalismus, Sozialismus) mobilisieren, um den ökonomisch unerläßlichen Konsumverzicht zu erzwingen und erträglich zu machen? Diese Probleme sind dem Verfasser, wie der letzte Abschnitt seines Buches über „Nationalismus als Trägerideologie" zeigt, nicht fremd. Er arbeitet sie aber nicht in sein Konzept ein; hätte er es getan, dann wäre die These von der Schlüsselstellung der Institutionen als Wertund Normenkomplexe der Durchschlagskraft der ökonomisch-politischen Faktoren zum Opfer gefallen. Was die Argumentation dadurch an Geschlossenheit verloren hätte, das hätte sie an Problemhaltigkeit gewinnen können. Was dem Zimmermannschen Buch fehlt, wird sofort deutlich, wenn man Peter Heintz9 „Soziologisches Paradigma der Entwicklung" in die Hand nimmt. Das Ziel wird in der „Konstruktion einer Theorie über die Entwicklungswege, die unterentwickelten Gesellschaften offenstehen", gesehen. Die Entwicklungswege hängen ab von „strukturellen Spannungen" — die Begriffe „Struktur", „strukturelle Spannungen", „Anomie" und „Macht und Prestige" bilden die Kernstücke der Theorie. Mit einer Sequenz dieser vier Themen will Heintz die von der Situation der Unterentwicklung ausgelösten Wandlungen erklären: Die Struktur der unterentwickelten Gesellschaft, die in Begriffen von Macht und Prestige gefaßt und durch die unterschiedliche (inkongruente) Verteilung von Macht und Prestige innerhalb gesellschaftlicher Einheiten gekennzeichnet ist, ruft strukturelle Spannungen hervor. Strukturelle Spannungen, in die drei Phänomene „Marginalität", „Koexistenz verschiedenartiger Schichtungssysteme" und „Differenzierung der Organisationen und Institutionen" aufgeschlüsselt, erklären Anomie (individuelle, kollektive und inter-institutionelle Anomie) und deren Verwandlung. Die Anomie in Beziehung zur gesellschaftlichen Struktur schließlich erklärt die Entwicklung. Die mit Anomie verbundenen Veränderungen der sozialen Struktur werden als „Machtdefizit" OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.79 | Generated on 2023-04-04 11:48:24 Literatur 81 oder als „Ungleichgewicht zwischen Macht und Prestige bei bestimmten gesellschaftlichen Einheiten bezeichnet. Entwicklung folgt demnach aus dem Versuch, das Machtdefizit wieder auszugleichen, wozu es drei Wege gibt: „Demokratisierung" als Delegation von Macht an jene Personen, die sich im Defizit befinden; „Homogenisierung" als Erhöhung des Konsensus mit Bezug auf gemeinsame Werte; und Beseitigung der strukturellen Ursachen des Machtdefizits. Dieses theoretische Grundkonzept des Paradigmas wird im zweiten Teil mit Hilfe empirischer Untersuchungen aus Lateinamerika zum Teil erläutert und erweitert, zum Teil aber auch verwirrt. „Die drei wichtigsten Gruppen von Mechanismen", die hier eingeführt werden, nämlich „Nationalismus und Regionalismus", „institutionelle Ideologie und Autoritarismus" und „Rationalität der politischen Entscheidung" sind in ihrer Funktion für die Theorie nicht hinreichend geklärt. Hier treten die Schwächen der Heintzschen Arbeit zum Teil kraß hervor: 1. Der zweite Teil ist, wie viele Un-Bücher heute, aus Artikeln unterschiedlichen Niveaus zusammengestückelt. 2. Es werden ständig neue Begriffe eingeführt, die nicht in das theoretische Ausgangs-Konzept integriert sind. 3. Begriffe wie z. B. „Autoritarismus" werden nicht definiert und mit ungewöhnlichem und uneinheitlichem Sinn verwandt. 4. Empirische Indikatoren für die theoretischen Begriffe werden aus dem Ärmel geschüttelt und nicht kritisch diskutiert. Das gleiche gilt für die Unzahl der Hypothesen (vgl. z. B. „Autoritarismus", S. 70, 71, 86). 5. Die Methoden und das Material, mit denen Indikatoren operationalisiert, Skalen konstruiert werden etc., werden nicht erörtert. Die letzten Punkte betreffen besonders den dritten Teil des Buches, der eine „Kontextanalyse der lateinamerikanischen Länder" liefern will. Auf der Grundlage sozialstatistischen Materials werden die südamerikanischen Länder in Tabellen geordnet. Diese erlauben Korrelationen zwischen Volkseinkommen, Beschäftigungsstruktur, Urbanisierungsund Bildungsgrad einerseits und den strukturellen Spannungen, die sich aus der ungleichen Entwicklung jener Phänomene ergeben, andererseits. Mit der Übertragung des Konzepts der Statusinkongruenz auf die gesamtgesellschaftliche Ebene eröffnet das Buch eine Fülle von interessanten Perspektiven, sowohl was die Erklärung von sozialen Konflikten als auch was die Operationalisierung von theoretischen Konzepten angeht. Jedoch ignoriert es die damit verbundenen methodologischen und theoretischen Probleme so souverän, daß dem Leser manchmal der Atem wegbleibt. (Die gesamte nordamerikanische Diskussion, die das Konzept der Statusinkongruenz problematisiert, bleibt unberücksichtigt.) So gewinnt man den Eindruck, daß an der lateinamerikanischen Fakultät für Sozialwissenschaften in Santiago de Chile, wo das Buch entstand, fruchtbar theoretisiert und empirisch ge6 Zeitschrift für Wirtschafte» und Sozialwissenschaften 92,1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.79 | Generated on 2023-04-04 11:48:24 82 Literatur forscht wird, daß aber die Organisation, Vorbereitung und Präsentation des Wissens — Heintz zu lesen, ist mühevoll — hinter seiner Reichhaltigkeit weit zurückbleibt. Das Problem, das sich Karl Hermann Tjaden vornimmt, ist das in der Soziologie theoretisch ungelöste Verhältnis von Gleichförmigem zu Veränderlichem. Er glaubt, daß das Problem, obwohl es die Geschichte der Lehrmeinungen durchzieht, noch kaum ernsthaft diskutiert worden ist, und hofft, daß seine Methode, es dogmengeschichtlich zu entfalten, „seine systematische Diskussion fördert und Überlegungen ermöglicht, welche über den Zustand hinausweisen, daß in der Soziologie statische und dynamische Aussagen und Theorien sozialer Systeme und Lehren über den sozialen Wandel einander gegenüberstehen" (S. 3). Tjaden zeigt, wie die Begriffe von Statik und Dynamik, in den großen gesellschaftlichen Theorieentwürfen des 19. Jahrhunderts ( Comte und Spencer) — wenn auch unklar — verbunden, in der Folge zu Kristallisationskernen eigener, relativ autonomer Theorien, nämlich des sozialen Systems und des sozialen Wandels werden und auch in der Konzeption des „Systemwandels", etwa bei Talcott Parsons , nicht wieder befriedigend zusammengebracht werden. Anhand der Begriffe und Ergebnisse der modernen Organisationssoziologie versucht Tjaden schließlich, sein Problem nah heranzuholen. Dabei stellt sich jedoch zunehmend heraus, daß ihn im Grunde ein anderes Problem mehr interessiert, das dem ersten sozusagen unterliegt, im Thema zwar unsichtbar bleibt, aber sich de facto durchsetzt: die Suche nach dem „Gegenstand" der Soziologie. Richtete sich der Blick der frühen Soziologen auf Gesellschaft als natürlichen und historischen Gesamtzusammenhang — wobei jedoch der ursprüngliche Ansatz, wie Tjaden zeigt, durch politische Einfärbung abgefälscht wird —, so wird der Gegenstand später zunehmend eingeengt: auf das von historischen und natürlichen Prozessen weitgehend verselbständigte „Soziale" (Dürkheim), auf formalisierte soziale Beziehungen ( Simmel) und auf sozial durchdrungene Handlungsaspekte (W. I. Thomas und G. H. Mead). Tjaden versucht insbesondere anhand der Systeme, mit denen die Organisationssoziologie arbeitet, nachzuweisen, daß es einen sich selbst konstituierenden und in sich selbst ruhenden Sozialzusammenhang nicht gibt, sondern immer nur einen Vergesellschaftungsvorgang, der von historischen und natürlichen Umwelt-Einflüssen gezeichnet ist. Vergesellschaftung wird aber dadurch nicht determiniert gesehen. Sie „muß vielmehr als schrittweise Verselbständigung der menschlichen Praxis gegenüber ihren jeweiligen geschichtlichen und natürlichen Bedingungen begriffen werden, und zwar als ein Vorgang, der sich nicht nur angesichts dieser Bedingungen, sondern auch durch und gegen sie selbst vollzieht" (S. 296). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.79 | Generated on 2023-04-04 11:48:24 Literatur 83 Betrachtet man diese Schlußfolgerung im Zusammenhang mit der eingangs zitierten Absicht und der Durchführung der Tjadenschen Arbeit, dann stellen sich folgende kritische Überlegungen ein: 1. Sieht man von der vielsagenden Formulierung einmal ab, dann kann die eigentliche Schlußfolgerung mit großer Berechtigung in ihr Gegenteil verkehrt werden: Eine zunehmende Verselbständigung von natürlichen Bedingungen geht im Vergesellschaftungsprozeß einher mit zunehmender Abhängigkeit von „geschichtlichen" (und das sind ja soziale) Bedingungen. 2. Was schwerer wiegt als die Frage, ob dies oder das Gegenteil richtig ist: Tjaden kann seine Schlußthese nicht aus seiner vorangegangenen Analyse begründen; sie wird aufgesetzt, nicht entwickelt. Das liegt nicht in intellektueller Unzulänglichkeit, sondern im methodischen Ansatz begründet. Eine Methode wie die von ihm gewählte, die in weitgespanntem essayistischen Bogen und äußerst scharfsinnig unter bestimmten Gesichtspunkten Lehrmeinungen aufarbeitet, kann allenfalls zu der Feststellung gelangen, „daß die Soziologie dort, wo sie über die Beschreibung und Erörterung raumzeitlich fixierter Gesellschaftserscheinungen hinausgehen und verallgemeinernd urteilen will, einer gegenständlichen Grundlegung ihrer Theorien bislang entbehrt" (S. 295). Weitergetrieben werden kann die Diskussion meines Erachtens nur durch die Analyse von Vergesellschaftungsprozessen in concreto, das heißt durch Theoriebildung im Prozeß der historisch-empirischen Forschung. Daraus können Aussagen darüber entwickelt werden, unter welchen Bedingungen welche sozialen Phänomene wie lange gleichförmig bzw. veränderlich sind. In der Entwicklung solcher Theorien läßt sich dann — bestenfalls — die Problematik Statik-Dynamik aufheben — vorausgesetzt, man einigt sich auf „Vergesellschaftung" als Gegenstand der Soziologie. 3. Will man die Tjadensche Arbeit benutzen, um konkrete Aussagen „zur Geschichte und Bedeutung zweier Begriffe" (Untertitel) zu bekommen, mit denen man empirisch oder theoretisch weiterarbeiten kann, dann kann man lange suchen. Es ist zwar über (fast) alles etwas gesagt, aber alles so kunstvoll eingesponnen, daß das IntellektuellÄsthetische die Funktion des Buches im System der sich selbst vorantreibenden wissenschaftlichen Kooperation schwer erkennen läßt. Überall an den Rändern des Rezensionsexemplars findet sich das lakonische „So what?" — Indiz, daß durch die verschlungene Formulierung das Banale schimmert. Auch das ist vielleicht weniger dem Autor direkt anzulasten als dem Umstand, daß er einen vielfach durchgepflügten Boden noch einmal beackerte. Karl Otto Hondrich, Köln 6* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.1.79 | Generated on 2023-04-04 11:48:24