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Theoretische und empirische Schwierigkeiten bei der Schätzung von Wechselkurseffekten

Tichy, Gunther

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Tichy, Gunther Article Theoretische und empirische Schwierigkeiten bei der Schätzung von Wechselkurseffekten Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Tichy, Gunther (1975) : Theoretische und empirische Schwierigkeiten bei der Schätzung von Wechselkurseffekten, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 95, Iss. 1, pp. 1-15, https://doi.org/10.3790/schm.95.1.1 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291346 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Theoretische und empirische Schwierigkeiten bei der Schätzung von Wechselkurseffekten Von Gunther Tichy "Brethren, here is a great difficulty; let us face it firmly and pass on." Chenery Kann in Aufund Abwertungsstudien anstelle der unbekannten Wechselkurselastizität die Preiselastizität verwendet werden? Diskussion des Konzeptes der Außenhandelselastizität; Voraussetzungen für bessere Aufund Abwertungsstudien. Änderungen der Wechselkurse sind in den letzten Jahren zu wichtigen Instrumenten der Zahlungsbilanzund Anti-Inflationspolitik geworden. Die Entscheidung über Aufund Abwertungen fällt naturgemäß im politischen Raum, doch ist der Beitrag der Volkswirte auch bei der Beratung beschämend gering. Manchmal kann man sich kaum über die Richtung der Folgen einigen, kaum je über ihre Stärke. Dafür gibt es zwei Ursachen: erstens das bedauerliche Nachhinken der Wissenschaft hinter der Praxis, und zweitens (zum Teil selbst Ursache für den ersten Grund) der Mangel an Beobachtungsmaterial. Denn bis vor kurzem fehlten Wechselkursänderungen unter normalen Bedingungen: Die Abwertungswettläufe der dreißiger Jahre nach der Weltwirtschaftskrise fanden sicher nicht unter normalen Bedingungen statt, und nach dem Zweiten Weltkrieg machte der Bann des IMF-Statuts — das Wechselkursänderungen aus Furcht vor neuerlichen Abwertungswettläufen durchaus nicht förderte — Paritätsänderungen in den Industriestaaten der westlichen Welt zu seltenen Ausnahmen. Erst gegen Ende der sechziger Jahre brach der Bann1, und wenn man den üblichen decision-lag der nationalökonomischen Forschung berücksichtigt, läßt sich für die späten siebziger und frühen achtziger Jahre eine Hausse an Aufund Abwertungsstudien 1 Zwischen Kriegsende und dem Beginn der siebziger Jahre werteten von den Industriestaaten 1949 Dänemark, Norwegen, England, Kanada, Holland, Belgien und Luxemburg ab, 1950 Kanada, 1958 und 1960 Frankreich. (Siehe dazu Vries, S. 116 ff.) Mit der deutschen und der holländischen Aufwertung 1961 begann eine Phase etwas flexiblerer Wechselkurspolitik, die die Zahl der Aufund Abwertungen in den sechziger Jahren auf ein knappes Dutzend steigen ließ. Sie dürfte in den frühen siebziger Jahren ihren Höhepunkt erreicht haben. 1 Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften 1975/1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:52:19 2 Gunther Tichy prognostizieren. Bis jetzt gibt es „erst" Literatur über die Abwertungswelle 1949 sowie über die deutsche und die holländische Aufwertung 19612. Die wenigen vorliegenden case studies über Wechselkursänderungen enttäuschen meist ein wenig: Obwohl sie sich gerne auf die leichter zu untersuchenden Exporte beschränken, bleiben sie, soweit beschreibend, vielfach unklar, soweit ökonometrisch, oft insignifikant. Dafür lassen sich wahrscheinlich vier Gründe anführen: Erstens wurden Wechselkurse insbesondere in der „Verbotszeit" bis gegen Ende der sechziger Jahre nur in ernsten Krisensituationen geändert, in denen allerdings die „Maßstabskorrektur" der Wechselkursänderung alleine nicht genügte; ob eine Wechselkursänderung erfolgreich war oder nicht, hing damals weitgehend davon ab, ob über die Paritätsänderung hinaus auch die Ursachen beseitigt wurden, die letztlich zu der Wechselkursdisparität geführt hatten. Der zweite Grund für die oft wenig klaren Aussagen der case studies über Wechselkursänderungen liegt in der Vernachlässigung des dynamischen Anpassungsprozesses: Auf kurze Sicht reagiert der Außenhandel (wertmäßig) meist pervers, bei einer Abwertung etwa überwiegt unmittelbar die negative Preisreaktion, erst auf längere Sicht beginnt die positive Mengenreaktion zu wirken. Mit freiem Auge sind aber die Folgewirkungen in den Zeitreihen schwer erkennbar, weil sie meist von Strukturänderungen überlagert werden, und die ökonometrischen Probleme der Schätzung signifikanter Lags sind allgemein bekannt; für die frühen Studien waren sie unüberwindlich. Drittens gelang es, mangels Daten, kaum einer der case studies, die Konkurrenzlage entsprechend zu untersuchen: De-jure und de-facto Wechselkursänderung sind nicht identisch, wenn mehr als ein Land den Wechselkurs ändert. Die Zusammengewichtung von Wechselkursen und Außenhandelspreisen der einzelnen Länder zu Preisen der Auslandskonkurrenten wurde aber sicher noch nicht befriedigend gelöst und impliziert in jedem Falle unzureichende, sehr oft sogar falsche Annahmen über die Konkurrenzlage. Viertens schließlich sind die beiden, in case studies über Paritätsänderungen bestuntersuchten Länder zu wenig typisch, um die Ergebnisse verallgemeinern zu können: England, das zerfallende Weltreich mit eigenem Stil der Mentalität und der labor relations, Deutschland, der Produzent tatsächlich oder wenigstens nach Ansicht der Käufer unersetzbarer Qualitätswaren, die um jeden Preis (im Sinne des Wortes) gekauft werden. 2 z. B Flanders (1963), Major (1969), Böventer (1961), Gatz (1963), Spitäller (1970). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:52:19 Schwierigkeiten bei der Schätzung von Wechselkurseffekten 3 Das Beobachtungsmaterial reicht somit nicht aus, um systematische von Sondereinflüssen zu trennen; das Gesetz der großen Zahl durch Poolung aller Beobachtungen von Wechselkursänderungen auszunutzen, verbieten jedoch die erheblichen Unterschiede von Fall zu Fall, und groß im statistischen Sinn kann die Zahl nicht werden, wenn man sich sinnvollerweise auf Industrieländer beschränkt. Es überrascht daher wenig, daß auch Lehrbücher und Monografien über die Folgen von Wechselkursänderungen bloß bedingte Aussagen allgemeiner Art machen können (siehe dazu z. B. Kleinewefers 1968); zwangsläufig beruhen auch sie bloß zum Teil auf stringenter Analyse, in den entscheidenden Passagen jedoch auf der subjektiven Einschätzung der entsprechenden Elastizitäten. Kann man Wechselkurseffekte aus der Preiselastizität ableiten? Da Aussagen über die Folgen von Wechselkursänderungen durch direkte Beobachtung offenbar recht schwierig zu gewinnen sind, wurden oft Preiselastizitäten des Außenhandels verwendet in der Hoffnung, daß Wechselkurselastizität und Preiselastizität größenordnungsmäßig gleich sind. Ist aber die Reaktion des Außenhandels auf eine 5°/oige Aufwertung wirklich dieselbe wie auf eine 5°/oige Preiserhöhung im Inland? In der Literatur wird diese Frage offenbar kaum behandelt. Manches scheint jedoch dafür zu sprechen, daß die Mengenreaktion auf eine Wechselkursänderung größer ist als auf eine Preisänderung, daß also die Wechselkurselastizität höher ist als die gemessene Preiselastizität. Zunächst zwei Effekte eher statistisch-meßtechnischer Natur für die Hypothese einer relativ höheren Wechselkurselastizität: Erstens ist zu vermuten, daß die Unternehmer bei der Überwälzung von Kostensteigerungen auf die Preiselastizität ihrer Nachfrage achten, und Preiserhöhungen nach Produkten, Märkten, Abnehmern usw. in einer Weise differenzieren, die die Mengenreaktion auf Preiserhöhungen minimiert; im Aggregat wird die Preiselastiztät dadurch unterschätzt C„Preisdifferenzierungseffekt"). Zweitens spiegeln die Schwankungen der historischen Preisindizes in erster Linie Schwankungen der Rohwarenund Nahrungsmittelpreise spekulativer oder zyklischer Natur, also Preisschwankungen von Gütern mit generell niedriger Preiselastizität der Nachfrage. Die aggregierte Elastizität wird dadurch unterschätzt („Rohwareneffekt"); das Argument gilt jedoch nicht für Wechselkursänderungen, bei der die Preisänderungen für alle Warengruppen zwangsläufig gleich groß sind. Zwei weitere Gründe für eine relativ höhere Wechselkurselastizität basieren auf Annahmen über das Käuferverhalten: 1* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:52:19 4 Gunther Tichy Drittens ist anzunehmen, daß die Käufer anläßlich kräftiger Preisänderungen die Kosten von Umstellungen eher auf sich nehmen, daß die Preiselastizität also für große Änderungen (wie es Wechselkursänderungen meist sind) höher ist als für kleine („Größeneffekt"). Viertens ist zu vermuten, daß Wechselkursänderungen vielfach als Schwelle empfunden werden; sie lösen Substitutionsprozesse aus, die schon vorher in der Luft lagen, zu denen aber der entsprechende Anstoß fehlte (yySchwelleneffekt"). Dabei ist an Substitutionsprozesse im Bereich der Produktion, etwa die Umstellung auf einen anderen Energieträger oder ein anderes Produktionsverfahren ebenso zu denken wie an Marktstrategien der Unternehmer, etwa Aufgabe eines Marktes, der schon bisher keinen Gewinn brachte, oder umgekehrt der Beschluß, einen neuen Markt zu bearbeiten. Mindestens vier Gründe sprechen also dafür, daß die Wechselkurselastizität höher ist als die mit den üblichen ökonometrischen Methoden gemessene Preiselastizität. Dagegen lassen sich zwei Argumente anführen: Erstens die allseits bekannte, theoretisch zu erwartende und empirisch erhärtete Tatsache, daß wechselkursbedingte Preisänderungen nicht voll auf die ausländischen Käufer durchschlagen, sondern daß zusätzliche Kosten und Gewinne üblicherweise zwischen Käufer und Verkäufer geteilt werden („Feilscheffekt"). Die den Käufer treffende Preisänderung ist kleiner als die Wechselkursänderung, bei gleicher Reaktion wird der Mengeneffekt (bezogen auf die Wechselkursänderung) daher geringer sein, als die volle Preiselastizität erwarten lassen würde. Zweitens haben die Käufer bei Erhöhung des gesamten (Auslandsgüter-)Preisniveaus durch eine Wechselkursänderung weniger Möglichkeiten der Substitution als bei der im Einzelfall viel stärkeren Erhöhung der Preise einzelner Güter („Substitutionseffekt"). Denn um das Preisniveau schlagartig um 5 °/o steigen zu lassen (das Mindestausmaß einer Wechselkursänderung), müssen einzelne, reagible Preise sehr kräftig erhöht werden, und das löst intensive Substitutionsbemühungen aus. Schließlich muß noch ein Effekt erwähnt werden, der in beide Richtungen wirken kann. Bekanntlich wird der Wechselkurs normalerweise nur dann geändert, wenn er durch längere Zeit von der Kaufkraftparität (für international gehandelte Güter formuliert) erheblich abgewichen ist. Dann aber liegt eine Ungleichgewichtssituation vor, in der die Betriebe — etwa im Fall der Unterbewertung einer Währung — entweder eine Scheinblüte der Exporte erlebten, weil sie nur durch den falschen Wechselkurs konkurrenzfähig wurden, oder aber — wenn sie schon vorher konkurrenzfähig waren — verglichen zur Konkurrenz überhöhte GeOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:52:19 Schwierigkeiten bei der Schätzung von Wechselkurseffekten 5 winne machen und damit Gewinnpolster anlegen konnten. Im Falle der Scheinblüte ist die Mengenreaktion und damit die Wechselkurselastizität wahrscheinlich sehr groß: Der Export des Betriebes bricht völlig zusammen. Im Fall des Gewinnpolsters wird die Mengenreaktion vermutlich ausbleiben, bloß die Gewinne werden wieder auf das normale Maß reduziert. So wichtig es jedoch ist, die theoretischen Unterschiede zwischen Wechselkurs« und Preiselastizität klar herauszuarbeiten, so kann die theoretische Diskussion doch bestenfalls die Richtung der einzelnen Abweichungen angeben; wie weit die vier Überschätzungstendenzen und die beiden Unterschätzungseffekte einander kompensieren, läßt sich aus theoretischen Überlegungen allein nicht ableiten. Empirische Arbeiten zu diesem Thema aber liegen kaum vor. Selbst im günstigsten Fall größenordnungsmäßig gleicher Wechselkursund Preiselastizitäten — wofür zwar nicht die theoretischen Überlegungen, wohl aber empirische Ergebnisse von Junz und Rhomberg (1973) sprechen3 — trägt der Umweg über die Preiselastizität wenig zur besseren Schätzung der Folgen von Wechselkursänderungen bei. Denn statt wenigstens halbwegs unumstrittener Schätzwerte für Preiselastizitäten des Außenhandels gibt es die berühmte Kontroverse zwischen Elastizitätsoptimisten und Elastizitätspessimisten; beide Gruppen können theoretische Argumente und empirische Schätzungen vorlegen, die nur deswegen in dem „engen" Rahmen zwischen 0 und —4 bleiben, weil Schätzungen positiver Preiskoeffizienten in der Literatur meist nicht angeführt werden (siehe dazu Hang Sheng Cheng 1957). Zum Konzept der Außenhandelselastizität Die wichtigste Ursache dieser verwirrenden Situation dürfte darin zu suchen sein, daß das Konzept der Preiselastizität des Außenhandels, wie es etwa die einfache Marshall-Lerneroder die um Angebotseffekte erweiterte Robinson-Bedingung verwendet, für theoretische Überlegungen besser geeignet ist als für empirische Arbeiten4. Dieses Konzept stellt bekanntlich die mengenmäßige prozentuale Änderung der Importe bzw. der Exporte der prozentualen Änderung des Preises gegenüber. Damit entsteht die Frage nach dem Charakter dieses Elastizitätskonzeptes: Nach der üblichen Terminologie unterscheidet die Theorie nämlich zwischen 3 Diese Ergebnisse dürfen nicht überschätzt werden, da die Arbeit — wie noch gezeigt wird — ein ganz anderes Ziel im Auge hat und die Regressionskoeffizienten sehr klein sind. 4 Ein viel einfacherer Grund für die unterschiedlichen Schätzwerte, der zwar erwähnt werden muß, jedoch in diesem Zusammenhang nicht interessiert, liegt darin, daß zum Teil globale Elastizitäten, zum Teil solche nur für Industrieprodukte, zum Teil nur für einzelne Länder geschätzt wurden. Weiters lassen sich reale und nominelle sowie verschiedene Arten von Substitutionselastizitäten unterscheiden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:52:19 6 Gunther Tichy drei Elastizitätskonzepten: der normalen Preiselastizität, der Kreuzpreiselastizität und der Substitutionselastizität5: Die normale (partielle) Preiselastizität der Nachfrage nach einem Gut im Sinne Marshalls will die mengenmäßige Änderung der Nachfrage nach einem Gut als Folge der Änderung des Preises dieses Gutes darstellen, also: 3 (log Qi) 3 (log Px) Die Kreuzpreiselastizität hingegen mißt die Änderung der Nachfrage nach einem zweiten Gut als Folge einer Änderung des Preises des ersten, 3 log Q2 also —. Unter Substitutionselastizität schließlich, einem Konzept, d log Pj das aus der Produktionstheorie kommt, versteht man üblicherweise 3 log (Qi / Q2) 3 log (P / P.) ' ^e Änderung der Mengenrelation zwischen zwei Gütern als Folge der Änderung ihrer Preisrelation (siehe dazu Stern and Zupnick 1962). Alle diese Konzepte haben mikroökonomischen Charakter und schließen durch die üblichen klassischen Annahmen alle Rückwirkungen (über andere Preise, über die Budgetrestriktion) aus. Aggregiert man jedoch die Nachfrage, in unserem Fall über alle Exporte oder Importe, ändert sich der Charakter der Elastizität: Im Zentrum des Interesses steht nicht mehr die Nachfrage nach einem Gut in Abhängigkeit von seinem Preis, bestimmt durch physiologische Gregebenheiten und Substitutionsmöglichkeiten über eine Unzahl von anderen Artikeln, sondern die Abhängigkeit eines wechselnden Bündels von Exportwaren vom Exportpreis bzw. von Importwaren vom Importpreis; für die Preiselastizität jeder einzelnen dieser Waren, etwa eines Schmiedehammers, ist jedoch erst in zweiter Linie die Preiselastizität der Nachfrage nach Schmiedehämmern an sich maßgebend, vor allem aber die zahlenmäßig viel größere Substitutionselastizität zwischen österreichischen, deutschen, italienischen und sonstigen Schmiedehämmern. Die Preiselastizität des Außenhandels ist also eher eine Aggregation von bilateralen und multilateralen Substitutionselastizitäten, Kreuzpreiselastizitäten und Angebotselastizitäten als das, was die Theorie unter der Preiselastizität der Nachfrage eigentlich versteht. Nicht nur in bezug auf die Reinheit des Elastizitätskonzeptes, auch in bezug auf die für die Mengenänderung relevante Preisänderung wirft die Außenhandelselastizität Probleme auf, und zwar theoretische wie statistisch-praktische: In der Theorie ändert sich ein Preis, alles andere 5 Siehe dazu jedes Lehrbuch der MikroÖkonomie, etwa Herderson und Quandt (1973), S. 23 f., 55 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:52:19 Schwierigkeiten bei der Schätzung von Wechselkurseffekten 7 wird als konstant angenommen. In der Realität gibt es (bestenfalls) Außenhandelspreisindizes, und die ändern sich in einer Welt steigender Binnenund Auslandspreise. Damit entstand das Konzept der Abhängigkeit der Mengenänderung des Außenhandels von der relativen Preisänderung und das Problem der Gewichtung der Preisindizes (bzw. der Wechselkursindizes in dem hier eigentlich interessierenden Fall); jedes Land hat ja nicht nur einen, sondern mehrere Außenhandelspartner. Verschiedene Preisindizes müssen daher zusammengewichtet werden, und welche Gewichte und welche Preisindizes dazu herangezogen werden, impliziert schwerwiegende Annahmen über die Konkurrenzlage: Großhandelspreise der Länder, in die importiert wird, implizieren Konkurrenz ausschließlich zwischen Exporten und den heimischen Produkten der Importländer, Importpreise der Importländer schließen eben diese Konkurrenz aus, und lassen nur Auslandsgüter auf den jeweiligen Märkten miteinander konkurrieren. Dazu kommt als statistischer Aspekt dieser Frage, daß es fast keine Länder gibt, die echte Außenhandelspreisindizes erheben. Erfaßt werden meist nur sogenannte unit-values, implizite Preisindizes mit wechselnder Gewichtung (vgl. dazu Schebeck, Suppanz und Tichy 1974). Die Unterschätzungstendenz der Elastizitätsmessung Das Konzept der Preiselastizität des Außenhandels im Sinn der Marshall-Lerner-Bedingung verliert somit beim Versuch der praktischen Anwendung seine theoretische Klarheit. Ein guter Teil der ElastizitätsKontroverse, der unterschiedlichen Annahmen über die Höhe der Elastizitäten und damit der Eignung von Aufund Abwertungen als Instrument der Leistungsbilanzpolitik dürfte auf unterschiedliche empirische Umwege um diese konzeptuellen Schwierigkeiten zurückzuführen sein. Der historische Ausgangspunkt der Elastizitäts-Kontroverse waren ja auch die sehr niedrigen Außenhandelselastizitäten, die in der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gemessen wurden; sie lagen oft so niedrig, daß Abwertungen zu einer Verschlechterung statt zu einer Verbesserung der Handelsbilanz geführt hätten. Das widersprach zwar allen Erwartungen der Theorie, kam aber den Vorurteilen der „Praktiker" nahe, die in den Monaten nach den Abwertungen 1949 (und auch seither unmittelbar nach jeder Wechselkursänderung) die Außenhandelsströme und die Leistungsbilanz analysierten und — nicht zuletzt, da sie nur die nominellen Ströme betrachteten — meist keine unmittelbare Reaktion in der richtigen Richtung feststellen konnten. Schon 1950 hat jedoch Orcutt eine Reihe von Gründen für die Unterschätzungstendenz der aus Zeitreihen geschätzten Elastizitäten zusammengestellt, die für die Frage nach den Folgen von Wechselkursänderungen äußerordentlich wichtig sind; denn wenn die ökonometrisch geschätzte Preiselastizität OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:52:19 8 Gunther Tichy niedriger ist als die wahre, und diese (vielleicht) niedriger als die Wechselkurselastizität, dann kumuliert die hier untersuchte Schätzmethode unter Umständen zwei Fehler in dieselbe Richtung und unterschätzt die Wechselkurselastizität möglicherweise beträchtlich. Orcutt (1950) führt als Ursachen der Unterschätzung der echten Preiselastizität durch die in empirischen Studien gemessene fünf Gründe an. Zwei davon wurden hier schon als Ursachen für die Abweichungen zwischen Preisund Wechselkurselastizität erwähnt: der Rohwareneffekt (in der Vergangenheit schwankten die Preise der Güter mit geringer Preiselastizität stärker und dominierten in den Regressionsschätzungen) und der Größeneffekt (Mengenreaktion auf große Preisänderungen größer als auf kleine; S. 125 Punkt E). Ein weiterer Unterschätzungsgrund sind nach Orcutt (1950, S. 122 Punkt A und Appendix 2) Verschiebungen der Nachfragekurve: Selbst wenn sich Angebotsund Nachfragekurve rein zufällig verschieben, um so mehr, wenn sie sich unter dem Eindruck etwa eines Krieges zugleich verschieben, wird die Regressionslinie zu steil und die Preiselastizität zu niedrig geschätzt, sofern die Störung mit dem Einkommen nicht korreliert ist. Gegen diese Annahme wendet H arber ger (1953) ein, daß Nachfrage Verschiebungen und Preis Verschiebungen stets Hand in Hand gehen. Es bleiben zwei weitere von Orcutts Gründen, deren Bedeutung nicht genug betont werden kann: der Einfluß der Reaktionsperiode und systematische Schätzfehler. Die Annahme einer zu kurzen Reaktionsperiode, ein Punkt, den Orcutt (1950, S. 125 und Appendix 3) meines Erachtens zu wenig betont, übersieht, daß Mengenänderungen aus verschiedenen Gründen relativ lange brauchen, um sich durchzusetzen; die Preiselastizität derselben Periode erfaßt bei Verwendung von Jahresdaten durchschnittlich bloß ein halbes Jahr Reaktionszeit, bei Quartalsdaten gar nur eineinhalb Monate, und kann daher wohl nur erste Reaktionen einschließen; sie muß die Mengenänderung drastisch unterschätzen. Junz und Rhomberg (1973, S. 416) vermuten auf Grund von Testrechnungen, daß der Höhepunkt der Anpassung erst nach drei Jahren erreicht wird; Branson (1972) nimmt eineinhalb bis zwei Jahre an, wenn die wechselkursbedingten Preisänderungen sofort weitergegeben werden, sonst mehr als zwei Jahre; jüngste englische, amerikanische und deutsche Erfahrungen widersprechen den langen lags zumindestens nicht6. Da in fast allen empirischen Studien jedoch bisher nur der unmittelbare oder ganz kurzfristig verzögerte Einfluß der Preise auf die Mengen gemessen wurde, dürften die Elastizitäten stark unterschätzt worden sein; Junz 6 Als kleines Beispiel für lange Verzögerungen seien die Preise der USAutos in Österreich angeführt, die trotz der kräftigen Abwertung des Dollars ab Dezember 1971 erst im Herbst 1973 gesenkt wurden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.95.1.1 | Generated on 2023-04-04 11:52:19 Schwierigkeiten bei der Schätzung von Wechselkurseffekten 15 Harberger, A. C. (1957), Some Evidence on the International Price Mechanism, Journal of Political Economy 65 (1957), S. 506 - 521. Henderson, J. M. und R. E. Quandt (1973), Mikroökonomische Theorie, München 1973. Holmes, R. A. (1973), The Inadequancy of Unit-Values as Proxies for Canadian Industrial Selling Price-Indices, Review of Income and Wealth 19 (1973), S. 271 - 277. Houthakker, H. S. and S. P. Magee (1969), Income and Price Elasticities in World Trade, Review of Economics and Statistics 51 (1969), S. Ill - 125. Junz, H. W. and R. R. Rhomberg (1973), Price Competitiveness in Export Trade Among Industrial Countries, American Economic Review 63 (1973), No. 2: Papers and Proceedings, S. 412 - 418. Kleinewefers, H. 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