"Unidentified factors" der wirtschaftlichen Entwicklung
Abstract
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Full text
Kruse, Alfred Article "Unidentified factors" der wirtschaftlichen Entwicklung Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Kruse, Alfred (1962) : "Unidentified factors" der wirtschaftlichen Entwicklung, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 82, Iss. 5, pp. 569-580, https://doi.org/10.3790/schm.82.5.569 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291005 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Berichte „Unidentified factors" der wirtschaftlichen Entwicklung Ein Bericht über den Kongreß der International Economic Association in Wien 1962 Die im Jahre 1950 gegründete Internationale Vereinigung wirtschaftswissenschaftlicher Gesellschaften (International Economic Association) hielt ihren Zweiten Kongreß vom 30. August bis zum 6. September 1962 in Wien ab. Wie schon beim Ersten Kongreß in Korfu und bei anderen Tagungen1 hatte die IEA ein theoretisch ergiebiges und wirtschaftsp'olitisch aktuelles Thema gewählt. Die Wachstumstheorie und die Problematik der Entwicklung der wirtschaftlich unterentwickelten Länder standen in Wien zur Debatte, während für den in kurzem Zeitabstand danach abgehaltenen Kongreß des Vereins für Sozialpolitik in Luzern die Strukturwandlungen in einer wachsenden Wirtschaft als Thema gewählt worden waren. Auf beiden Tagungen, vor allem aber in Wien, wurde deutlich, daß die meisten Wlachtumstheoretiker und Entwicklungspolitiker erkannt haben, daß die Grenzen der ökonometrischen Modellanalyse sehr eng gezogen sind, daß Prognosen und Planungen zu gefährlich falschen Ergebnissen führen müssen, wenn sie die statistischen Zahlen der Entwicklungsländer, die nicht nur in den meisten Fällen roh geschätzt, sondern sehr oft willkürlich den Wunschvorstellungen der Planer entsprechend konstruiert sind, in die einfachen Modelle einbauen. Vor allem aber wurde klar, daß die bisherigen Modelle höchst unvollkommen waren, wenn man sich vor Augen führte, daß Bildung und Ausbildung, Genauigkeit und Pünktlichkeit, Handelsehrlichkeit und Fehlen von Korruption und vieles andere mehr einfach als gegeben angenommen wurden. Die Entwicklungsplaner und Entwicklungshelfer der Praxis neigen mehr und mehr dazu, den institutionellen Rahmenbedingungen größere Beachtung zu schenken. Es hat den Anschein, daß die Reaktion auf die bisher praktizierte Ökonomie der Entwicklungsmodelle 1 Vgl. die Berichte und Diskussionen der I.E.A. über die Tagung in Rom: Douglas Hague (Ed.), Stability and Progress in the World Economy. The First Congress of the International Economic Association. London 1958. — Über die Tagung in Lissabon: E.A.G. Robinson (Ed.), Economic Conséquences of the Size of Nations. Proceeding of a Conference held by the International Economic Association. London 1960. — Über die Tagung in Corfu: F. A. Lutz und D. C. Hague (Ed.), The Theory of Capital. Proceedings of a Conference held by the International Economic Association. London 1961. — Über die Tagung in Elsinore: D. C. Hague (Ed.), Inflation. London 1962. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.569 | Generated on 2023-04-04 11:31:55
58 Berichte 570 nun ins andere Extrem umschlägt und man sich künftig nur auf den gesunden Menschenverstand verläßt und daß man sich damit begnügt, über den Daumen zu peilen. Ein Zuwenig wäre beinahe ebenso verhängnisvoll wie ein Zuviel! Die Vorträge, die schriftlichen Ausführungen der Referenten, die den Teilnehmern der Sektionen zugänglich gemacht worden waren, und die Diskussion standen im allgemeinen auf hohem Niveau. Von vielen, nicht nur von Deutschen, Österreichern und Schweizern, sondern auch von Teilnehmern aus südeuropäischen und asiatischen Ländern wurde jedoch bedauert, daß als Kongreßsprache nicht auch Deutsch neben Englisch und Französisch zugelassen war. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, daß aus deutschsprechenden Ländern verhältnismäßig wenig Teilnehmer erschienen waren. Den Kongreß, der von über 600 Teilnehmern besucht war, hatte man in vier Sektionen aufgeteilt: Die Faktoren des wirtschaftlichen Wachstums. — Die Industrialisierung und die Methoden zur Hebung der Arbeitsproduktivität. — Techniken und Probleme der Entwicklungsplanung. — Die Stabilisierung der Primärerzeugnisse produzierenden Volkswirtschaften. In der ersten Sektion wurden die Faktoren des wirtschaftlichen Wachstums behandelt. Gustav Ranis (Yale) gab einen Überblick über die Theorien der wirtschaftlichen Entwicklung, wobei er sich, wie Wilhelm Krelle (Bonn) mit Recht kritisierte, beinahe ausschließlich auf angelsächsische Autoren beschränkte. Der amerikanische Berichterstatter konnte davon ausgehen, daß Probleme wirtschaftlichen Wachstums entscheidend schon das Werden der Wirtschaftswissenschaft durch die Klassiker geprägt hat. Später traten allerdings andere Fragenkreise in den Vordergrund der Forschung, und erst nach dem Zweiten Weltkrieg lenkte das schnelle Wachstum in den Industrieländern und das Zurückbleiben der sog. wirtschaftlich unterentwikkelten Länder die Forschung erneut auf diese Fragen hin. Anfänglich beschränkte man sich auf zwei Bestimmende der Wachstumsrate, auf die Sparneigiung und den marginalen Kapitalkoeffizienten, während man (z. B. im Modell von Harrod und Domar) den Faktor Arbeit und die Substitutionsmöglichkeiten außer acht ließ und damit dem Modell eine der Wirklichkeit nicht angemessene Starrheit gab. Erst durch die gleichzeitige Berücksichtigung der Faktoren Arbeit und Kapital (z. B. durch Nicholas Kaldor) ergab sich auch eine sinnvolle Ergänzung durch verteilungstheoretische Zusammenhänge. Es wurden beispielsweise die Einkommensbezieher aufgegliedert in die beiden Gruppen Lohnempfänger und Bezieher von Gewinneinkommen, woraus eine schon wirklichkeitsnähere Funktion der Gesamtersparnis abgeleitet werden konnte. Während jedoch das Bevölkerungswachstum in der Mehrzahl der Wachstumsmodelle ein exogener Faktor blieb, wurden die Bemühungen verstärkt, den technischen Fortschritt in die Modelle einzubauen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.569 | Generated on 2023-04-04 11:31:55
571 Berichte 59 Alle diese Forschungen beziehen sich in erster Linie auf die kurze Sicht, wenn dagegen die Entwicklung auf die weite Sicht erforscht wird, stößt man mehr und mehr auf andere zunächst unsichtbare Faktoren, die Ingvar Svennilson (Stockholm) in seinem Referat „Unidentified factors" nannte. Gerade die empirischen und analytischen Untersuchungen zum Wachstum der wirtschaftlich unterentwickelten Länder führen mehr und mehr auf diese Faktoren hin, die in den auf das Wachstum von Industrieländern anzuwendenden Modellen kaum Beachtung finden, da sie als selbstverständliche, meist stillschweigend angenommene Voraussetzungen angesehen werden. Unternehmerisches Verhalten und giute Innenund Wirtschaftspolitik sind aber so sehr entscheidend für den Beginn der wirtschaftlichen Aufwärtsbewegung, daß die Entwicklungstheorie sie nicht einfach als (vielleicht sogar vernachlässigte) Vorbedingungen, sondern als Faktoren berücksichtigen muß. Darauf hob insbesondere auch der Franzose Gaston Leduc ab in seinem den Fragen der Entwicklungshilfe gewidmeten Referat (Internationale Hilfe und das Wachstum). Eine zweckmäßige Näherung an eine allgemeine Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung verlangt, das wurde in vielen Referaten deutlich, eine Verbreiterung des theoretischen Rahmens, der wichtige Variablen aus anderen Bereichen der Sozialwissenschaften einbezieht. In dieser Hinsicht gab Svennilson in seinem Referat „Erziehung, Forschung und andere Wachstumsfaktoren" eine Gesamtschau, woraus unausgesprochen deutlich wurde, daß Modelle mit wenigen ausgesuchten Variablen und darauf aufgebaute ökonometrische Forschungen allein nicht zum gewünschten Ziele führen, ja möglicherweise schwerwiegende Fehleinschätzungen bewirken müssen. Wir müssen in der Theorie zwar stets abstrahierend vorgehen, und die Annahme ceteris paribus ist eine unabdingbare Fixierung für jede wirtschaftliche Theorie. Dennoch scheint es, s<oi betonte Svennilson, als ob man mit dieser Klausel manchmal allzu großzügig umgegangen sei, nicht zuletzt auch in der modernen Wachstumstheorie. Zu diesen ceteris paribus gehört insbesondere der soziale und technische Rahmen, innerhalb dessen die Variationen erfolgen. Auf kurze Sicht kann alles das allerdings unverändert angenommen werden, nicht jedoch wenn man es mit langfristigen Erscheinungen zu tun hat, was ja Gegenstand der Wachstumsforschung ist. Es sei daher die Notwendigkeit zu einer Integration der verschiedenen Zweige der Sozialwissenschaften vordringlicher denn je. „Die oftmals erkennbare Isolierung der Volkswirtschaftslehre — besonders soweit sie sich ökonometrisch entwickelt — gegenüber anderen Sozialwissenschaften sollte soweit irgendmöglich aufgegeben werden, selbst wenn für offenbare Gründe ein gewisser Grad von Spezialisierung bestehen bleiben muß." Vor allem die sog. exogenen Faktoren müssen, so betonte Svennilson, gebührend berücksichtigt werden. Die Nationalökonomen sollten erkennen, daß ihre rein nationalökonomische oder gar rein ökonometrische Formulierung der Wachstumstheorie nicht ausreicht, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.569 | Generated on 2023-04-04 11:31:55
60 Berichte 572 um die wirtschaftspolitischen Probleme der unterentwickelten Länder zu lösen, ohne Hereinnahme der „unidentified factors" in die Untersuchungen. Bedenklich ist auch, daß die Methoden der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung kritiklos auf diese Länder übertragen worden sind. Man habe viel zu spät die sozialen und institutionalen Faktoren berücksichtigt. Der Zentralbegriff „Produktivität" in der Wachstumstheorie kann, so betonte Svennilson, nicht einfach auf den Einsatz von Arbeit und Kapital bezogen werden — wobei die Menge Boden und das technische Wissen (oder auch ein bestimmter Grad des Zuwachses an technischem Wissen) als gegeben unterstellt wird. Man darf z. B. nicht einfach voraussetzen, daß immer die zweckmäßigsten Produktionsmethoden angewandt werden. Ein besonders wichtiger Faktor ist die Erziehung. Zweifellos hat der Grad der Vervollkommnung der Erziehungseinrichtungen auch die Entwicklung der heutigen Industrieländer entscheidend mitbestimmt. Allerdings konnte in der Diskussion das Paradoxon nicht völlig geklärt werden: England hatte im Beginn der Industrialisierung ein sehr schlechtes Schulwesen, während zu gleicher Zeit in Deutschland, wo die wirtschaftliche Entwicklung viel später einsetzte, die Erziehung bereits einen hohen Stand erreicht hatte. Wahrscheinlich haben andere Faktoren die hiervon ausgehenden Kräfte überkompensiert. Die Erziehung hat, so führte Svennilson aus, einen doppelten Charakter, sie kann Investition in den Produktionsfaktor Arbeit sein, sie kann aber auch als Konsum angesehen werden, da sie direkt den Lebensstandard mitbestimmt. Produktionseffekt und Konsumeffekt der Erziehung sind komplementär vom Standpunkt der sozialen Werte, welche die Grundlage des Wachstums im weitesten Sinne des Wortes bilden. Die steigende Produktion von Gütern und Dienstleistungen ist möglich durch den Produktionseffekt der Erziehung. Die Aufnahmefähigkeit einer Volkswirtschaft für neue und neuartige Güter wiederum ist nicht zuletzt beeinflußt durch den Konsumeffekt der Erziehung. Die relative Bedeutung dieser Effekte ist verschieden groß, je nachdem ob man es mit armen oder reichen Volkswirtschaften zu tun hat. Mangelvolkswirtschaften werden die Erziehungsanstrengungen mehr auf den Produktionseffekt ausrichten, während die reichen Volkswirtschaften wahrscheinlich von der Erziehung ein größeres Maß von Konsumwirkungen erwarten. Da aber die staatliche Erziehung als Beispiel von Produktionsverbundenheit gelten kann — Mehrproduktion von „produktiver Erziehung" bedeutet zugleich Mehrproduktion von „konsumtiver Erziehung64 und umgekehrt —, ist es fraglich, ob man einen brauchbaren Vergleich von Aufwand und Erfolg der „produktiven Erziehung" anstellen kann. Erschwert wird das noch dadurch, daß es auch hier Neuerungen (vergleichbar mit dem technischen Fortschritt in anderen Produktionsbereichen) gibt. Daraus folgt aber, daß man wahrscheinlich auch in Zukunft OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.569 | Generated on 2023-04-04 11:31:55
573 Berichte 61 schwerlich so etwas wie ein „Erziehungsgewerbe" in die ökonometrischen Wachstumsmodelle einbauen kann. Es könnte sinnvoll sein, den Vergleich der Erziehungsinvestitionen mit den Produktionsmittelinvestitionen weiterzuführen, wenn auch der Zeitraum, der verstreicht vom Einsatz der Mittel bis zum Mehrprodukt, bei der Erziehung länger ist als bei anderen Investitionen. Wie bei dem Produktionsfaktor Boden gibt es bei der Arbeit viele Qualitätsunterschiede, so daß die Erträge der Arbeitsintensivierungen sehr unterschiedlich sind. Audi hier gibt es, wie beim Boden, ein Gesetz der abnehmenden Grenzerträge. Im Gegensatz zum Boden kann man jedoch bei der Arbeit nicht unterstellen, daß auch in der wirtschaftlichen Wirklichkeit die Intensität, d. h. das Ausmaß der Arbeitsinvestitionen, insbesondere der Erziehung mit sinkender Qualität (Begabung) stetig abnimmt. Da zudem die soziale Auswahl der Erziehungsobjekte vom Standpunkt der Ertragsmaximierung derzeit noch große Unvollkommenheiten aufweist, könnte durch eine Demokratisierung des Auswahlprozesses der absteigende Ast der Ertragskurve für die gesamte Volkswirtschaft noch weit hinausgeschoben werden. Das Ausmaß und die Art der Erziehung läßt sich schwerlich in völlig befriedigender Weise festlegen, da erstens die Produktionsperiode des Gutes Erziehung sehr lang ist, zweitens die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung nur unvollkommen vorhersehbar ist und drittens die Arbeit eine große Variabilität in Hinsicht auf Art und Qualität aufweist. Es muß Komplementarität angestrebt werden: ein bestimmtes Verhältnis von Ingenieuren zu Ärzten, zu Facharbeitern, zu Rechtsanwälten usw. Darauf wurde in der Diskussion vor allem auch von Nationalökonomen aus den Entwicklungsländern hingewiesen. So sind Engpässe bei gewissen Spezialarbeitern, Mathematikern, Architekten usw. in Entwicklungsländern nicht nur häufig, sondern beinahe die Regel. Auf Grund der indischen Erfahrungen wies Pitamber Pant (Indische Planungskommission) auf die Gefahr hin, daß, verglichen mit anderen qualifizierten Kräften, zu viele Akademiker ausgebildet werden könnten. Wo aber liegt, um ein Beispiel herauszugreifen, die Grenzproduktivität bei der Ausbildung von Ärzten? Einen wichtigen Unterschied zwischen Arbeitsinvestitionen und Kapitalgüterinvestitionen sieht Svennilson auch darin, daß durch Erziehung der Faktor technisches Wissen und damit der technische Fortschritt für die Fertigung, aber auch für das politische Leben, Organisation und ganz allgemein für Zivilisation und Kultur gefördert wird. In einer Volkswirtschaft sollte Gleichgewicht bestehen zwischen Investitionen in den Faktor Arbeit und Investitionen zur Erstellung von Kapitalgütern. Bis zu einem gewissen Grade gibt es auch hier, vom Proiduktivitätsstandpunkt aus gesehen, Substitutionsmöglichkeiten, aber auch Komplementaritätsverhältnisse. Vermehrte Erziehung erhöht die Grenzproduktivität des Kapitals und umgekehrt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.569 | Generated on 2023-04-04 11:31:55
62 Berichte 574 Erziehung, also allgemeine Investitionen in den Faktor Arbeit, ist heute für die Entwicklungsländer öfter der Engpaß als der Mangel an Kapital, also an investitionsbereiter Kaufkraft für den eigentlichen Produktionsprozeß. Aber gerade hier ist die Planung schwierig: erstens weil sie politisch wenig attraktiv ist, da die den Güterertrag steigernden Wirkungen erst nach Jahrzehnten sichtbar werden, und zweitens wegen des langsamen, sich später allerdings kumulierenden Anwachsens des meßbaren Pro<duktionserfolges. Viele der neu Ausgebildeten müssen zunächst wieder als Lehrer eingesetzt werden, um andere auszubilden; sie stehen daher unmittelbar der Produktion gar nicht zur Verfügung. Daher muß der Vorteil des möglichen bescheidenen Wachstums in der nahen Zukunft abgewogen werden gegen die zu erwartenden viel größeren Vorteile in ferner Zukunft. Es ist also eine besonders wichtige Aufgabe für die Wirtschaftswissenschaft, diesen Prozeßverlauf zu erforschen, um der Entwicklungsund Wachstumspolitik brauchbare Grundlagen zu geben. Außer der allgemeinen Erziehung treten als vielfach „unidentified factors" des Wachstums die wissenschaftliche Forschung und die Industrieforschung hinzu. Während es früher die Regel war, daß besonders befähigte Erfinder oder Wissenschaftler Erfindungen machten, die in den großen Pool des technischen Wissens eingingen, von dem fortschrittliche Unternehmer nach Ablauf einer mehr oder weniger langen Zeitspanne durch Übernahme in ihren Fertigungsprozeß Gebrauch machten, ist es heute häufig so, daß durch betriebliche Verbesserungen und industrielle Forschung ein besonders großer technischer Fortschritt erzielt wird. Weil Erfinder und Investor gleichsam identisch sind, wird zugleich die Zeit verkürzt, und die Vorteile kommen der gesamten Volkswirtschaft früher zugute als ehedem. Der Wachstumsprozeß wird also beschleunigt. Ein weiteres Kennzeichen der neuen Verhältnisse in den Industrieländern ist, daß nicht so sehr große umwälzende einzelne Erfindungen die Entwicklung und das Wachstum fördern als vielmehr viele kleine einzelne Verbesserungen, die aus den Betrieben hervorwachsen, nicht zuletzt weil das allgemeine Bildungsniveau und die fachliche Ausbildung einen hohen Stand erreicht haben. Das neue technische Wissen und ganz allgemein das „know-how" hat zwar die Tendenz, sich auf die gesamte Volkswirtschaft und auch auf fremde Volkswirtschaften auszudehnen, doch stehen dem mancherlei Hemmnisse entgegen. Manches genießt Patentschutz oder wird als Firmengeheimnis gehütet, anderes — so das, was das Unternehmen in den einzelnen Arbeiter „investiert" hat, — kann nur durch Fluktuation der Arbeitskräfte auf andere Unternehmungen übertragen werden. Anderseits fördern die Verbreitung technischen Wissens Berufsund Fachvereinigungen, unabhängige Forschungsinstitutionen, Fachschulen sowie Consulting-Engineer-Firmen und auch die Maschinen liefernden Unternehmungen selbst. Das Problem der Übertragung von Wissen und Geschicklichkeit ist übrigens ein echtes Ordnungsproblem im Wirtschaftsleben; einerseits OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.569 | Generated on 2023-04-04 11:31:55
575 Berichte 63 hindert die Hemmung der Übertragung von „know-how" und technischem Wissen die Wirksamkeit des Wettbewerbs, anderseits würde eine überschnelle Verbreitung den Stimulus des technisch-wirtschaftlichen Fortschritts lähmen, weil die Sondergewinne alsbald wieder herauskonkurriert würden. Das Übertragungsproblem besteht nicht nur in nationalem Rahmen, sondern vor allem auch für die Weltwirtschaft. Die Volkswirtschaften haben verschiedene Stufen der Bildung und des technischen Könnens und Wissens. Diese Bedingungen schaffen den Hintergrund der technischen Hilfeleistung im Rahmen der Entwicklungshilfe der Industriestaaten für die wirtschaftlich unterentwickelten Länder. Außer Erziehung, Forschung und Lehre rechnet Svennilson auch die Mobilität der Produktionsfaktoren zu den „unidentiiied factors" des Wirtschaftswachstums. Die Beweglichkeit des bereits investierten Kapitals — d. h. die Neubildung von Kapital aus den Erträgnissen der Kapitalgutinvestitionen — ist einerseits bestimmt durch die Dauerhaftigkeit des betreffenden Kapitalgutes, die fiskalische Behandlung der Abschreibungen und vor allem auch durch die staatliche Wirtschaftspolitik, die durch Zulassen von Monopolen oder durch Schutz gegen leistungsfähigere Produzenten die „Mobilität der Kapitalausstattung6' mindert. Es ist daher die gegen Monopole und Protektionismus gerichtete Wirtschaftspolitik ein wichtiges Mittel zur Förderung des wirtschaftlichen Wachstums. Anderseits ist auch die berufliche und örtliche Mobilität des Faktors Arbeit von größter Bedeutung für die mehr oder weniger schnelle Entwicklung. Manche technisch oder wirtschaftlich veralteten Kapitalanlagen oder Wirtschaftszweige können sich nur deswegen noch halten, weil die wenig bewegliche Arbeit niedrigere Löhne akzeptiert, als an anderen Orten oder in anderen Branchen gezahlt werden. Svennilson glaubt daher, daß durch die Einführung von Mindestlöhnen für die ganze Volkswirtschaft oder durch die einheitliche Lohnpolitik von Zentralgewerkschaften die Mobilität der Arbeit erhöht und damit das Wachstum beschleunigt werden kann, wenn auch mit der Gefahr zu rechnen ist, daß, falls aus anderen Gründen dann die höhere Mobilität ausbleibt, Arbeitslosigkeit gegen die niederen Löhne eingetauscht wird. Von größter Bedeutung erscheint Svennilson aber die soig. Neue Arbeitsmarkt-Politik, die — so insbesondere in Schweden — auf eine Erhöhung der Mobilität des Produktionselements Arbeit ausgerichtet ist. Dabei übernimmt der Staat die Kosten der Umschulung und Umerziehung sowie den Ersatz des während dieser Periode sonst verdienten Einkommens und die Reiseund Umzugskosten für die Familie. Durch eine erfolgreiche Neue Arbeitsmarkt-Politik können manche Engpässe in der Produktion vermieden und die Umstellung und Aufgabe veralteter Produktionsmethoden und Produktionszweige beschleunigt werden. K. N. Plotnikov (Moskau) sowie die Polen Vladimir Brus (Warschau) und K. Laski (Warschau) stellten in zwei Referaten die östOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.569 | Generated on 2023-04-04 11:31:55
64 Berichte 576 lich-planwirtschaftliche Auffassung von der wirtschaftlichen Entwicklung und Elemente einer sozialistischen Wachstumstheorie heraus (Faktoren wirtschaftlicher Entwicklung in sozialistischen Staaten. — Probleme der Wachstumstheorie im Sozialismus), wobei der Beitrag Plotnikov s sich in wenig überzeugenden Propagandathesen erschöpfte. Dem wichtigen Problem der Stellung der Landwirtschaft im Wachstumsprozeß war das Referat Giuseppe Ugo Papis (Rom) gewidmet: Landwirtschaftliche Aktivität bei Wachstumsgleichgewicht. Ausgehend von der Tatsache der geringen Einkommenselastizität der Nachfrage nach Nahrungsmitteln schließt er auf einen relativen Rückgang der Nachfrage nach Agrarprodukten in einer Welt mit wachsendem Volkseinkommen; die natürliche Bevölkerungsvermehrung innerhalb der Landwirtschaft und der Arbeitskräfte freisetzende technische Fortschritt hier führen so zoi niedrigem Einkommen pro Kopf und zu versteckter Arbeitslosigkeit. Der Ausweg liegt für Papi in der Herstellung des Gleichgewichts der landwirtschaftlichen Produktion mit jener der Industrie und der tertiären Bereiche, andernfalls müssen sich die „terms of trade" zu ungunsten der Agrarproduktion verändern. Er empfiehlt u. a. die Förderung der Übertragung der im Bereiche der Landwirtschaft überschüssigen Produktionsfaktoren in andere Bereiche. Hendrik S. Houthakker (Harvard) beschäftigte sich mit den Bestimmungsfaktoren des Sparens (Über einige Determinanten des Sparens in Entwicklungsländern), wobei er das im Jahrbuch der Vereinten Nationen gebotene Zahlenmaterial für jene 28 Länder auswertete, deren Angaben aus dieser Quelle vergleichbar sind. Der prozentuale Anteil der Ersparnis am Einkommen zeigt hiernach eine weite Streuung (vergleichbare deutsche Zahlen lagen nicht vor) von 20,5 (Malta), 14,4 (Japan), 10,9 (Belgien) bis zu 4,6 (Spanien), 4,3 (Kolumbien), 4.2 (Großbritannien) und 3,8 (Ekuador). In der Diskussion wurde darauf hingewiesen, daß die vorgelegten Zahlen nicht den empirischen Beweis erbringen könnten, daß die Sparrate in reichen Volkswirtschaften hoch und in armen Volkswirtschaften niedrig sei. Es scheine vielmehr so zu sein, daß das Sparen mehr eine Sache der Notwendigkeit als eine der freien Wahl sei. Nicholas Kaldor (Cambridge) vertrat in der Diskussion die Meinung, ohne sie jedoch näher zu begründen, daß ein großer Kapitalbedarf sich selbst das nötige Kapitalangebot schaffe. Die hohe japanische Sparrate sei vor allem darauf zurückzuführen, daß der Anteil des Besitz-, Unternehmerund Unternehmenseinkommens am gesamten Volkseinkommen dort besonders hoch sei, woraus erfahrungsgemäß ein größerer Teil gespart werde als aus dem Arbeitseinkommen. Als die zweckmäßigste Art der Besteuerung in wirtschaftlich unterentwickelten Ländern bezeichnete Kaldor in seinem Referat (Die Rolle der Besteuerung in der wirtschaftlichen Entwicklung) eine SollOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.569 | Generated on 2023-04-04 11:31:55
