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Die statischen und dynamischen Modelle in der modernen Wirtschaftstheorie

Ischboldin, Boris

Abstract

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Ischboldin, Boris Article Die statischen und dynamischen Modelle in der modernen Wirtschaftstheorie Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Ischboldin, Boris (1956) : Die statischen und dynamischen Modelle in der modernen Wirtschaftstheorie, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 76, Iss. 1, pp. 33-54, https://doi.org/10.3790/schm.76.1.33 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290841 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Die Bedeutung des statischen Modells S. 36. — 3. Die rein statische Wirtschaft S. 39. — 4. Die kinetische Wirtschaft S. 45. — 5. Die gleichmäßig fortschreitende Wirtschaft S. 46. — 6. Die Wirtschaft der konsekutiven Gleichgewichte S. 48. — 7. Die rein dynamische Wirtschaft S. 50. In der modernen Wirtschaftstheorie wird die Volkswirtschaft nicht nur als ein begrifflich realer sozio-ökonomischer Überbau, sondern auch als ein rein heuristisches Prinzip betrachtet, d. h. als ein analytisches Instrument im Sinne einer Skala der Annäherungen. Eine derartige Skala ist aus folgenden Gründen wichtig: 1. Sie stellt eine Hierarchie von Deutungen eines bestimmten Begriffes dar, wobei jede folgende Deutung einen höheren Grad der Wirklichkeit aufweist, obwohl die hochdynamische Wirklichkeit nie in ihrer ganzen Komplexität erfaßt werden kann. 2. Die Skala zwingt zu einem analytischen Denken, welches von vereinfachten Pränissen und folglich von allgemeinen Begriffen ausgeht. 3. Die erste oder niedrigste Stufe dieser Skala befaßt sich mit dem sogenannten „Normalzustand". Mit anderen Worten, sie beschreibt, wie sich das mit Hilfe der Annäherungsskala analysierte Phänomen unter den am meisten vereinfachten und daher „idealen" oder „normalen" Bedingungen entwickeln würde. In manchen Fällen zeigt sie, wie sich das Phänomen entwickeln würde, wenn es seinen natürlichen Tendenzen folgen könnte. Die Skala der Annäherungen an den Begriff der Volkswirtschaft Die auf den Begriff der Volkswirtschaft als „instrumentales Modell" angewandte Skala der Annäherungen umfaßt folgende konsekutive Stufen: Schmollers Jahrbudi VXXV1, 1 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.1.33 | Generated on 2023-04-04 11:24:01 34 Boris Ischboldin [34 1. Die stationäre oder rein statische Wirtschaft 2. Die kinetische Wirtschaft Beide Stufen oder Modelle sind statisch, obwohl der kinetischen Wirtschaft ein gewisses dynamisches Element innewohnt. 3. Die gleichmäßig fortschreitende Wirtschaft 4. Die Wirtschaft der konsekutiven Gleichgewichte, die gewöhnlich als eine „Wirtschaft relativer Statik" definiert wird. 5. Die rein dynamische Wirtschaft Die letzten drei Modelle stellen eine dynamische oder fortschreitende Wirtschaft dar, die sich der Wirklichkeit nähert. Die letzte Stufe ist der Wirklichkeit am nächsten. 1. Das statische Modell Der erste Versuch, in der Wirtschaftstheorie ein statisches Modell zu entwickeln, wurde von François Quesnay unternommen, indem er eine makro-ökonomische Analyse des stationären Kreislaufes des Wirtschaftslebens durchführte. Der erste Nationalökonom, der eine wirklich bewußte Unterscheidung zwischen Statik und Dynamik traf, war John St. Mill. Der erste amerikanische Pionier auf diesem Gebiet war John B. Clark. Einige moderne Nationalökonomen, so z. B. Léon Walras, William Jevons und Hans Peter zeigen eine Vorliebe für das statische Bild. Andere, wie John Maurice Clark, Frank Knight und B. S. Keirstead befassen sich mehr mit der wirtschaftlichen Dynamik. Nicht selten kommt es vor, daß ein Nationalökonom, der anfangs eindeutig zur statischen Theorie beitrug, später führend auf dem Gebiete der wirtschaftlichen Dynamik wird. Typische Beispiele hierfür sind Schumpeter, John B. Clark, Pareto und v. Wieser. Einige Wissenschaftler wie Marshall, Cassel, Liefmann und Spann wenden beide Methoden gleichzeitig an, ohne sie auf bestimmte ihrer Werke zu begrenzen. Am interessantesten ist der Übergang von einer Methode zur anderen bei Schumpeter und Pareto. Daher besteht ein großer Unterschied zwischen den Werken Pareto's vor und nach 1906, als auch zwischen den Werken Schumpeter's vor und nach 1912. Es ist jedoch zu bemerken, daß Pareto die dynamische Methode in der Wirtschaftstheorie nie so sehr vertrat wie in der Soziologie. In der Gegenwart gibt es einige dynamische Nationalökonomen wie Struve, André Marchai, Simon Kuznets und Mukerjee, die sich offen gegen ein vereinfachtes oder statisches Bild des Wirtschaftslebens aussprechen; Die meisten Vertreter der dynamischen Methode jedoch, wie Schumpeter, Knight, John M. Clark, Pirou, Perroux und Vleugels OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.1.33 | Generated on 2023-04-04 11:24:01 Statische und dynamische Modelle in der modernen Wirtschaftstheorie 35 geben zu, daß die Skala der Annäherungen, die aus dem am meisten vereinfachten oder statischen Modell der Volkswirtschaft entwickelt wird, als ein hervorragendes methodologisches und pädagogisches Hilfsmittel dienen kann. Besonders François Perroux behauptet, daß ein statisches Modell ein „reservoir" von Hypothesen darstellt. Einige führende Nationalökonomen wie John B. Clark, Pigou und Cassel stiften dadurch Verwirrung, daß sie (im Englischen) von einem statischen oder stationären „State" reden. Es ist logischer, von einem statischen Bild oder einem statischen Modell der Volkswirtschaft oder des Wirtschaftslebens zu sprechen. Der Ausdruck „State" heißt nicht nur soviel wie Status, sondern hat eine Nebenbedeutung, die in diesem Zusammenhang unerwünscht ist*. Wenn wir von einer stationären Wirtschaft sprechen, schalten wir gewöhnlich den Staat aus, wenngleich sich auch eine stationäre totalitäre Wirtschaft vorstellen ließe. So schließt z. B. Pigou den staatlichen Einfluß nicht aus, wenn er sein rein statisches Modell entwickelt. Ferner gibt es Nationalökonomen, die an einem stationären Modell interessiert sind und zu einer mathematischen Darlegung ihrer Verallgemeinerungen Zuflucht nehmen, die aber nicht ausdrücklich feststellen, daß ihre Analyse nur die erste Annäherung an die wirtschaftliche Wirklichkeit betrifft. Diese Neigung, den hochabstrakten oder vereinfachten Charakter der auf statische Modelle der Volkswirtschaft angewandten mathematischen Formeln zu verheimlichen, ist sehr verwirrend und! schadet unserer Disziplin. Doch die statische Methode ist für die Wirtschaftstheorie sehr nützlich, vorausgesetzt, daß sie offen als rein methodologisches Hilfsmittel angewandt wird. Mit anderen Worten, sie kann nicht als Ausgangspunkt dienen, von dem aus sich das untersuchte Phänomen wirklich entwickelte, aber sie kann die Normen aufzeigen und als logisches Werkzeug wissenschaftlicher Analyse dienen. Ein statisches, insbesondere ein stationäres Modell kann nur als eine abstrakte Norm nützlich sein, mit der die wirklichen Tatsachen analytisch verglichen werden. Jedweder Versuch, dieses Modell an die Stelle einer wirklichen dynamischen Volkswirtschaft zu setzen, wird die Wirklichkeit dadurch verzerren, daß er die Methoden der' mathematischen Physik mit ihren festliegenden Voraussetzungen einführt, die aber für den Gegenstand der Volkswirtschaftslehre nicht geeignet sind, was von Friedrich v. Wieser besonders betont wurde. Schumpeter hatte vollkommen redit, wenn er behauptete, daß das Modell einer stationären Wirtschaft, die sich selbst reproduziert, nichts als eine methodologische Fiktion ist. * Die oben erwähnte Mehrdeutigkeit besteht nur im Englischen, wo das Wort „State" gleichzeitig Zustand und Staat bedeutet. 3* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.1.33 | Generated on 2023-04-04 11:24:01 36 Boris Isdiboldiii [36 2. Die Bedeutung des statischen Modells Das statische Modell einer Volkswirtschaft ist aus folgenden Gründen von Bedeutung: 1. Es umfaßt die zwei unteren Stufen der Annäherungsskala und gibt deshalb die am meisten vereinfachte und idealisierte Darstellung des Wirtschaftslebens innerhalb einer entwickelten Volkswirtschaft. In bezug auf eine Volkswirtschaft als Ganzes kann ein solcher Zustand in der Wirklichkeit nie auftreten. Und dennoch kann man sich selbst ein stationäres Modell als ein „normales" Bild vorstellen, das verwirklicht werden könnte, wenn eine freie Geldtauschwirtschaft vollkommen organisiert würde, wenn das Moment der Ungewißheit vollständig beseitigt und die Wirtschaft wirklich frei von jedweden institutionellen Einwirkungen wäre, oder, wie v. Wieser sagt: . . .wenn sie von jeder Machtanwendung frei wäre, die vom Staat oder von einer anderen regulativen Struktur ausgeht. In einer statischen Wirtschaft muß die Gesellschaft die Kräfte des Fortschritts ausschalten, da diese Kräfte eine Wirtschaft in Bewegung und Unruhe versetzen. Bei der Formulierung dieses Gedankens können wir mit John B. Clark sagen, daß eine statische Gesellschaft von Kräften beeinflußt wird, die von der starren Organisation, aber nicht von der Entwicklung ausgehen. Die moderne statische Theorie sollte man nicht mit der statischen Doktrin der klassischen Nationalökonomen, wie sie in der Hauptsache von John St. Mill vertreten wurde, verwechseln. Und dies aus zwei Gründen: a) Sie gibt nicht vor, sich mit dem wirklich vollkommenen oder idealen Zustand zu befassen, der als eine Ausstrahlung des Naturrechtes aufgefaßt werden könnte; sie ist hingegen bemüht, die Normen zu bestimmen, zu denen das wirkliche Wirtschaftsleben tendiert, ohne sie jedoch in nennenswertem Maße zu erreichen. Man erinnere sich in diesem Zusammenhang daran, daß viele klassische Nationalökonomen glaubten, daß sich die Dinge immer von einem vorwärtsdrängenden Stadium zu einem besseren stationären Zustand entwickelten, und zwar im Sinne eines hohen Konsums und der Vollbeschäftigungswirtschaft. Marx definierte ein solches hauptsächlich von John St. Mill empfohlenes Modell als ein „unmögliches Monstrum", das mit dem unvermeidlichen Fortschritt unvereinbar ist. b) Sie betrachtet eine statische Wirtschaft als ein eindeutig mechanisches System vollkommener gegenseitiger Wechselwirkung, nicht aber als einen losen Zustand „natürlicher Anpassungen", wie es von einigen frühen klassischen Autoren vorgeschlagen wurde. So war z. B. Ricardo an einigen statischen Einzelerscheinungen, wie dem sogenannten natürOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.1.33 | Generated on 2023-04-04 11:24:01 Statische und dynamische Modelle in der modernen Wirtschaftstheorie 37 liehen Preis, dem natürlichen oder normalen Lohn usw. interessiert. Letzterer Unterschied ist heutzutage weniger augenfällig. Denn die moderne Deutung der klassischen Doktrin, wie sie von John B. Clark, Marshall und Oppenheimer gegeben wurde, systematisiert die klassische statische Theorie in einem solchen Maße, daß Ricardos „ideale Herrschaft der natürlichen Werte" — um mit Paul Douglas zu sprechen — fast mit der modernen Theorie der statischen Wirtschaft identisch ist. Aus diesem Grunde ist die zuerst erwähnte Unterscheidung weniger umstritten, aber um so wichtiger. Denn die modernen statischen Nationalökonomen werden sich allmählich klar, daß sie eine streng theoretische, d. h. eine approximative oder allgemeine Theorie dadurch aufbauen, daß sie die wirtschaftliche Wirklichkeit vereinfachen, um die verschiedenen Kräfte zu isolieren und sie getrennt unter künstlichen und unveränderten Bedingungen zu analysieren. Mit anderen Worten, eine statische Wirtschaft wird heutzutage hauptsächlich vom Standpunkt der betreffenden Annäherungsskala als ein normaler oder idealisierter Zustand betrachtet, d. h. also als ein rein instrumentales Hilfsmittel und nicht etwa weil eine solche Wirtschaft bestehen würde, wenn die Menschheit vollkommen wäre. Da diese Theorie auf einer ganzen Reihe von Normen basiert, die von einzelnen Erscheinungen (wenn nicht von der gesamten Volkswirtschaft) erreicht werden können, ist sie als Werkzeug der Analyse sehr nützlich. Letztere Tatsache wird, wenn auch nicht voll und ganz, von einigen zeitgenössischen Nationalökonomen, wie z. B. Simon Kuznets erkannt. 2. Das Ontologische oder Grundprinzip der statischen Methode ist der Begriff des Gleichgewichtes. Es wird angenommen, daß jede Veränderung, welche eintritt, die Kräfte, die sie hervorrufen, zum Ausgleich bringt. Dadurch wird automatisch ein Zustand hergestellt, in dem jede eventuelle Veränderung vollkommen und schnell ausgeglichen wird. Im Falle einer stationären, d. h. rein statischen Wirtschaft, ist die Ruhe vollkommen, denn die entgegengesetzten Kräfte kontrollieren sich gegenseitig ständig in einem Maße, daß es letztlich überhaupt keine Veränderung gibt. Das Gleichgewicht ist eine eindeutige Norm, auf die hin sich jedes dynamische Phänomen im wirklichen Leben bewegt, ohne sie aber auch nur für eine nennenswerte Zeit zu erreichen. Genau wie die Luft einen Druckausgleich anstrebt, bezwingt im Prinzip das Wasser seine Oberfläche. In Wirklichkeit jedoch fließt das Wasser unaufhörlich, bis es angehalten wird; denn die Sonnenhitze stellt Unebenheiten her, die vom Fluß des Wassers seiner Tendenz nach beseitigt werden. Wenn das Wasser von der Einwirkung der Sonne befreit werden könnte, würde es aufhören, sich zu bewegen. Audi das sozio-ökonomische Leben kann einem totalen Gleichgewichtssystem zuOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.1.33 | Generated on 2023-04-04 11:24:01 38 Boris Iscbboldin [38 streben, obwohl nur einige getrennte Erscheinungen (wie der einzelne Preis oder ein Einzelbetrieb) einen analogen Zustand erreichen können, der als „partielles Gleichgewicht" bezeichnet werden könnte. Es ist allgemein bekannt, daß Alfred Marshall diesem Tatbestand besondere Aufmerksamkeit widmete. Der Begriff des Gleichgewichtes wurde von Quesnay in die Volkswirtschaftslehre eingeführt. Doch bisweilen wird dieser Begriff so mißbraucht, daß er unsere Disziplin zu entmenschlichen droht. Einige mathematisch gesonnene Nationalökonomen gehen so weit, daß sie die Bewegung materieller Güter von jedwedem Wirtschaftssubjekt, d. h. von einem wirtschaftenden Individuum und einer wirtschaftenden Sozialstruktur loslösen. In einem gewissen Sinne haben sie recht, insofern nämlich, als in einer kapitalistischen Wirtschaft die Waren, insbesondere die Produktionsfaktoren, sich fast medianisch von einem Punkte niedrigerer zu einem solchen höherer wirksamer Nachfrage (d. h. Preises) bewegen und daß jede Bewegung — zumindest unter normalen Bedingungen — den Preisunterschied, der sie (die Bewer gung) verursacht, beseitigt. Diese Nationalökonomen vergessen jedoch, daß der sogenannte Kreislauf der Güter, der durch den Preismechanismus erklärt werden kann, nur dadurch ermöglicht wird, daß kalkulierende und handelnde Wirtschaftssubjekte von vorangehenden Generationen Wohlstand erben, ihn reproduzieren, steigern und den ganzen quasi-automatischen Tauschmechanismus betreiben. Wenn der menschliche Geist die Welt der materiellen Güter verließe (und selbst wenn es sich um vollkommene Automaten handelte) und die menschliche Betätigung aufhörte, dann gäbe es keine Bewegung der Güter. Insbesondere müssen wir bedenken, daß diese Bewegung weitgehend von der menschlichen Wertung sowie von der Neigung zu konsumieren, zu investieren und zu horten bestimmt wird. Ohne einen aktiven Menschen gibt es keine wirtschaftliche Tätigkeit. Diese Tatsache wurde sehr klar von Friedrich List verstanden und betont. 3. Die realen wirtschaftlichen Erscheinungen sind so fließend und so komplex, daß sie besser verstanden werden, wenn man sie als Abweichung von einer Norm auffaßt. Diese Norm kann entweder fiktiv sein, wie etwa eine stationäre Nachfrage, oder aber auch ein erreichbares Ideal wie der „normale Preis", der gerade die objektiv normalen Gesamtkosten deckt. Eine dynamische Erscheinung ist leichter zu verstehen, wenn man sie mit einem anderen dynamischen Phänomen er« klärt, welches verhältnismäßig weniger fließend ist» Daher sieht die Statistik in den zyklischen Schwankungen eine Abweichung von einem Trend, der in sich selbst eine Entwicklung, d. h. eine Bewegung ausdrückt. Ludwig Mises und Erik Lindahl sagen zurecht, daß, wenn man weiß, unter welchen Bedingungen die Variablen sich überhaupt nicht OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.1.33 | Generated on 2023-04-04 11:24:01 Statische und dynamische Modelle in der modernen Wirtschaftstheorie 39 oder nur auf die lange Sicht ändern, man leicht die wirklichen Ursachen ihrer Schwankungen erkennen und man verstehen kann, warum sie von dem scheinbar normalen Zustand abweichen. Schumpeter behauptet, daß jeder Geschäftsmann sich seinen „Normalzustand46 konstruiert, an dem er seine wirklichen Leistungen messen kann. 3. Die rein statische Wirtschaft Die stationäre Wirtschaft stellt das am meisten vereinfachte Modell einer statischen Wirtschaft und daher die unterste Stufe der Annaherungsskala dar. Die folgenden Aussagen beziehen sich auf eine solche rein statische Wirtschaft. 1. Eine stationäre Wirtschaft ist eine reine Fiktion, denn sie basiert auf der Annahme, daß in dem gesamten Wirtschaftsleben keine Veränderung stattfindet. Mit anderen Worten, alle sozio-ökonomischen Daten haben angeblich keine Veranlassung zur Veränderung, v. Wieser drückt diesen Gedanken folgendermaßen aus: „Unter stationären Bedingungen gibt es nur ein Funktionieren ohne Fortschritt oder Rückschritt." Nicht nur die wirtschaftlichen Phänomene selbst bleiben unverändert, sondern auch die gesamte materielle und soziale Umwelt ist im Ruhestand. Folglich wird auch angenommen, daß Bevölkerung, Fruchtbarkeit, Organisation, Technik und Geschmack unverändert bleiben. 2. Eine stationäre (oder rein, statische) Wirtschaft befindet sich in einem vollkommenen oder totalen Gleichgewicht. Im Prinzip bedeutet dies, daß jedes wirtschaftliche Gut wie auch jedes Wirtschaftssubjekt, insbesondere das wirtschaftende Individuum sich im Gleichgewicht befinden. Ein einzelnes wirtschaftliches Gut kann auf folgende zwei Weisen im Gleichgewicht sein: a) Es ist in einem annäherungsweisen (tentativen) Gleichgewicht, wenn sein verwirklichter Marktpreis nur die Nachfrage und das Angebot des betreffenden Gutes ins Gleichgewicht bringt. b) Es ist in einem endgültigen Gleichgewicht, wenn der verwirklichte Marktpreis mit dem „normalen Preis" oder mit den objektiv normalen Gesamtkosten zusammenfällt. Im letzteren Falle sollte der verwirklichte Marktpreis ferner ein Gleichgewicht zwischen Produktion und Konsumtion herstellen. Die Unterscheidung zwischen den beiden aufgeführten Fällen wurde von Henry Moore durchgeführt. In einer stationären Wirtschaft muß jedes Gut sich im endgültigen Gleichgewicht befinden, d. h. in einem doppelten Gleichgewicht, denn der verwirklichte Marktpreis paßt die wirksame Nachfrage an das OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.1.33 | Generated on 2023-04-04 11:24:01 40 Boris Ischboldin [40 wirksame Angebot an und gleicht zur selben Zeit dem tatsächlichen normalen Preis im oben erwähnten Sinne. Daneben muß es auch im totalen Gleichgewicht sein, da es keine potentiellen Käufer und Verkäufer gibt. Andrerseits ist in einer dynamischen Wirtschaft ein verwirklichter Marktpreis häufig nur in einem annäherungsweisen Gleichgewicht. Es kann vorkommen, daß der Marktpreis unter die objektiv normalen Gesamtkosten, d. h. unter die Gesamtkosten des vermutlichen Grenzproduzenten fällt, weil eine Datenänderung, etwa in der Gesetzgebung oder in der Technik, jederzeit den vermutlichen Grenzproduzenten in einen submarginalen Produzenten verwandeln kann, so daß der Marktpreis gleich den neuen (unerwarteten) objektiven Normalkosten sein wird. Dieses Beispiel setzt voraus, daß in den objektiv normalen Kosten eine Veränderung eingetreten ist. Es kann jedoch unter dynamischen Bedingungen vorkommen, daß vielleicht auf Grund einer Panik einige Güter in einer Weise gehortet werden, daß ein Grenzbetrieb einen Gewinn erzielt, was wiederum impliziert, daß die betreffenden verwirklichten Preise für eine gewisse Zeit über den objektiv normalen Kosten liegen, die ihrerseits unverändert bleiben. Eine solche Entwicklung kann in einer stationären Wirtschaft, wo jede Annahme richtig und jede Handlung normal ist, nicht vorkommen. Ferner muß sich unter stationären Bedingungen jeder verwirklichte Marktpreis mit dem subjektiv erwarteten Preis decken. Vom Standpunkt des Individuums ist dies der Fall, wenn der Preis, den er bezahlt, dem Preis gleich ist, den er zu zahlen bereit ist. Unter diesen Umständen gibt es keine Konsumentenrente. Dies wird auch vom Standpunkte der gesamten Volkswirtschaft der Fall sein, wenn der verwirklichte Marktpreis dem Preis gleich ist, den der vermutliche Grenzkäufer zu zahlen bereit ist. Wiederum unter dynamischen Bedingungen kann es geschehen, daß ein Preis über die Kaufkapazität des vermutlichen Grenzkäufers steigt, der dadurch zum submarginalen Käufer wird. In einer stationären Wirtschaft ist das ganze System miteinander verbundener, auf einem vollkommenen Markte gehandelter Güter in vollständigem Gleichgewicht, da jeder Marktpreis ein normaler Preis ist und keine Diskrepanz zwischen dem Marktwert und dem entsprechenden Preis besteht. Ferner vermeidet in einer solchen Wirtschaft jedes individuelle oder strukturelle Wirtschaftssubjekt jedwede Veränderung, weil es für es weder eine Möglichkeit noch ein Motiv gibt, durch eine Änderung seiner Handlungsweise seine Lage zu verbessern. Das als reiner Konsument aufgefaßte wirtschaftende Individuum ist im totalen Gleichgewicht, wenn es den Grenznutzen des erworbenen Gutes mit dem entsprechenden Preis gleichsetzt, d. h. wenn es einen subjektiv normalen Preis zahlt. Wenn der Einzelne es auf OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.1.33 | Generated on 2023-04-04 11:24:01 47] Statische und dynamische Modelle in der modernen Wirtschattstheorie 47 eine Zunahme des Wissens, wodurch die Weckung natürlicher latenter Kraftquellen beschleunigt wird. Da eine solche Wirtschaft den Fortschritt impliziert, können wir Bouldings Standpunkt nicht teilen, wonach sie weniger realistisch als eine kinetische Wirtschaft ist, die jegliches Wachstum ausschließt. 2. Die Wirtschaft ist gleichmäßig fortschreitend, weil das Wachstum der Bevölkerung proportional zu der gleichzeitigen Produktionssteigerung verläuft. Wenn daher die jährliche prozentuale Bevölkerungszunahme bekannt ist, weiß man genau die volkswirtschaftliche Zuwachsrate. In jedem Falle gibt es eine bestimmte Zuwachsrate des Sozialproduktes, die immer konstant ist, da angenommen wird, daß die Bevölkerung um eine konstante Rate wächst. In diesem Falle wird die Bevölkerungszunahme absolut und nicht relativ sein, weil das Produkt je Kopf der Bevölkerung das gleiche bleibt. 3. Das Realkapital wird nicht nur erhalten oder reproduziert, sondern auch systematisch zum Wohle der wachsenden Bevölkerung vermehrt. Diese Vermehrung ist jedoch streng proportional dem jährlichen Wachstum des Sozialproduktes und damit dem Wachstum der Bevölkerung, die beide um eine konstante Rate zunehmen. Folglich nimmt das Realkapital um eine konstante Rate zu, so daß sein Wachstum gleichförmig ist. Die technischen Koeffizienten erfahren nur eine mäßige Änderung, weil sie sonst das Prinzip des proportionalen Wachstums verletzen könnten. Dasselbe gilt von dem Wissensschatz, der auch nur um eine konstante und mäßige Rate zunehmen kann. Der Prozeß des dynamischen Sparens wird in einer solchen Wirtschaft sehr vordringlich, weil die verfügbaren Produktionsfaktoren zum Teil für die Produktion zusätzlicher Realkapitalgüter verwandt werden. In diesem Falle wird die Befriedigung bestehender Bedürfnisse beschränkt, um das Realkapital im selben Ausmaß wie die Gesamtproduktion wachsen zu lassen. Man kann annehmen, daß dabei Arbeit und Realkapital vollbeschäftigt sind, denn jede größere Störung ist mit der gleichmäßigen und langsamen Entwicklung unvereinbar. Die größten Beiträge zu der Theorie der gleichmäßig fortschreitenden Wirtschaft wurden von Gustav Cassel und Alvin Hansen geliefert. Eine solche Wirtschaft kommt der Wirklichkeit näher, wenn angenommen wird, daß die Wachstumsrate des Sozialproduktes, die dem gleichzeitigen Bevölkerungswachstum proportional ist, nicht konstant ist, oder, mit anderen Worten, sich nicht Jahr für Jahr wiederholt, sondern ständig größer wird. Diese Wirtschaft wäre dann nur noch in dem Sinne gleichmäßig fortschreitend, als die ständige Zunahme des Sozialproduktes und des Realkapitals proportional dem dauernden und ebenfalls ungleichen Bevölkerungswachstum ist. Im allgemeinen wird jede wirtschaftliche Erscheinung in einem solchen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.1.33 | Generated on 2023-04-04 11:24:01 48 Boris Isdiboldin [48 Fall nur während der betreffenden Periode um eine konstante Rate wachsen. Die gleichmäßig fortschreitende Wirtschaft wäre in der Tat „progressiv", wenn die konstante Wachstumsrate der Bevölkerung kleiner wäre als die der Gesamtproduktion. Es ist interessant festzustellen, daß sich Alfred Marshall mit einem etwas begrenzten Modell der gleichmäßig fortschreitenden Wirtschaft beschäftigte, das er als ein Modell „ausgeglichenen Fortschrittes" (balanced progress) definierte, und dabei annahm, daß der materielle Wohlstand und die Bevölkerung um ungefähr die gleiche Rate wachsen. 6. Die Wirtschaft der konsekutiven Gleichgewichte Das zweite Modell der dynamischen Wirtschaft ist die Wirtschaft der „konsekutiven Gleichgewichte", die von den meisten Nationalökonomen, insbesondere von Franz Oppenheimer, Vilfredo Pareto, Henry Moore und Hans Peter als die Wirtschaft „komparativer Statik" definiert wird. Schumpeter und John B. Clark sprechen von „successive equilibria", während einige andere einflußreiche Autoren wie Léon Walras und François Simiand es vorziehen, von „konsekutiven Ungleichgewichten" zu sprechen, was praktisch auf dasselbe hinausläuft. Dieses Modell der dynamischen Wirtschaft basiert auf der Annahme, daß das Leben einer Volkswirtschaft sich nicht gleichmäßig oder proportional entwickelt, sondern in einem Strom dahinfließt und periodisch einen kurzfristigen statischen Zustand oder ein „temporäres Gleichgewicht" erreicht. Unter Vollbeschäftigung tritt ein „bewegliches Gleichgewicht" (moving equilibrium) auf, wenn — in der Terminologie Schumpeters — alle Preise und Quantitäten fiir einen Moment „Gleichgewichtswerte" annehmen. Es wäre vielleicht besser, zu sagen, daß sie ihre „normalen Dimensionen" annehmen. Da eine solche Wirtschaft den Kräften des Fortschrittes unterliegt, wird das betreffende Gleichgewicht durch eine Veränderung einiger Phänomene, wie etwa durch eine radikale Verbesserung der Produktionsmethoden oder eine rapide Bedürfnissteigerung, verzerrt. Ein Zustand des Ungleichgewichtes wird die Folge sein. Da jedoch angenommen wird, daß unter normalen Bedingungen das dynamische Wirtschaftsleben ein Prozeß organischen Wachstums ist, muß es sich schnell an die veränderten Daten anpassen, so daß ein neues Gleichgewicht, gewöhnlich auf einer etwas höheren Ebene, zustande kommt. Da das neue Gleichgewicht auf einer etwas höheren Ebene liegt, stellt die gesamte Periode eine mehr oder weniger normale Entwicklung dar, die nicht durch eine größere Störung wie eine wilde Inflation oder eine soziale Revolution entwurzelt ist. Vergleicht man z. B. die Geldlöhne und das Volkseinkommen in den USA von 1939 und 1954, so OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.1.33 | Generated on 2023-04-04 11:24:01 Statische und dynamische Modelle in der modernen Wirtschaftstheorie 49 wird man zeigen können, wie sie auf ein höheres Gleichgewicht gebracht wurden. Während dieser Periode gab es in Amerika kein ^entwurzelndes" Ereignis. Normalerweise wird eine Änderung des Niveaus nicht sehr groß sein, da eine ganze Reihe von Preisen und Löhnen „festkleben". Das neuerreichte Gleichgewicht wird in einer späteren verhältnismäßig rapiden Entwicklung durch einige neue Änderungen wirtschaftlicher Daten beseitigt werden, worauf wiederum ein neuer Zustand des Ungleichgewichtes folgt. Aus diesem Grunde besteht unter obiger Annahme kein Unterschied zwischen Schumpeters Feststellung einer Skala konsekutiver Gleichgewichtszustände und Simiands Behauptung, daß es sich um eine Skala sukzessiver Ungleichgewichte handelt. Beide Phänomene sind zeitlich unterbrochen. Der eine unterstreicht das konsekutive Ungleichgewicht, wenn er betonen will, daß jede unebene Entwicklung als Evolution aufgefaßt turbulent ist. Sehr typisch in diesem Sinne ist Franz Oppenheimer, der an Hand einer Folge statischer Modelle einen evolutionären Prozeß beschreibt. Dasselbe gilt auch von Hicks. Man könnte jedoch auch eine Theorie der konsekutiven Gleichgewichte entwickeln, ohne die Existenz einer Evolution einzugestehen. In letzterem Falle gäbe es ein ziemlich statisches Bild. Eine ähnliche Behauptung wird von Forstmann aufgestellt, der da sagt, daß die „komparative Statik" ziemlich nahe an die statische Theorie kommt, wenn die Zeitspanne zwischen konsekutiven Gleichgewichtszuständen sehr groß ist. Andernfalls gibt es ein dynamisches zusammengesetztes Modell. Da Harrod die sukzessiven Gleichgewichtszustände in einem „vertikalen Sinne" vollkommen voneinander trennt und sie nur auf horizontale Weise vergleicht, lehnt er notwendigerweise die dynamische Natur unseres zweiten dynamischen Modells ab. Hans Peter zufolge ist es möglich, eine statische Theorie der dynamischen Wirtschaft zu entwickeln, indem man die sukzessiven Gleichgewichte auf ein einziges Phänomen, den „Trend", zurückführt. Der Trend ist jedoch seinem Wesen nach selbst eine dynamische Erscheinung, denn er stellt die allgemeine Entwicklungsrichtung dar, die ja auch negativ sein kann. Es wird angenommen, daß ein solcher Trend verhältnismäßig statisch ist, so daß die einzelnen konsekutiven Gleichgewichte um ihn zuweilen auf eine kinetische Art oszillieren und sich gegeneinander ausgleichen. Deshalb können zyklische Schwankungen als Abweichungen von einem verhältnismäßig statischen Trend betrachtet werden. Im allgemeinen gehört das zweite Modell einer dynamischen Wirtschaft weitgehend zur Konjunkturtheorie und kann deshalb hier im einzelnen nicht besprochen werden. Das Modell der konsekutiven Gleichgewichte bezieht sich normalerweise auf den Zustand der Vollbeschäftigung. Man kann dieses Bild aber auch unter der Annahme betrachten, daß ein beSchmolle« Jalirbudi LXXVI, 1 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.1.33 | Generated on 2023-04-04 11:24:01 50 Boris Ischboldin [50 stimmtes Ausmaß an Arbeitslosigkeit ständig auf institutionelle Weise neutralisiert wird. 7. Die rein dynamische Wirtschaft Das Modell der rein dynamischen Wirtschaft ist nicht sehr entwickelt. Sein ureigenes Wesen wird auf verschiedene Weise interpretiert. Es gibt jedoch einige einflußreiche Nationalökonomen, deren Werke einem dynamischen Modell sehr nahe kommen, z. B. Vehlen, Keynes, Alvin Hansen, J. M. Clark und von Stackelberg. Andrerseits nimmt Cassel eine ausweichende Stellung ein, während andere, wie Henry Moore, Henry Schulz und Hans Peter es vermeiden, bis hinter die dynamische Skala der sukzessiven Gleichgewichte vorzudringen. Die Annahmen, auf denen das dynamische Modell der Volkswirtschaft basiert, sind unserer Ansicht nach die folgenden: 1. Es gibt kein organisches oder natürliches Wachstum der Volkswirtschaft. Neuerungen, insbesondere verwirklichte technische Erfindungen, sind so turbulent, daß plötzlich auftretende dynamische Veränderungen kein neues Gleichgewicht automatisch zustande bringen. Im Gegenteil, sie rufen einige nichtwiederkehrende Umformungen hervor oder verursachen strukturelle Änderungen, die jeden Prozeß der „Statisierung" ausschließen, sofern nicht ein starker Staat auf institutionellem Wege ein künstliches Gleichgewicht schafft oder es zumindest für eine gewisse Periode aufrecht erhält. Pantaleoni erfaßte sehr deutlich den stürmischen Charakter einer rein dynamischen Wirtschaft, wenn er sagt, daß es in einer solchen Wirtschaft kein Gleichgewicht im herkömmlichen Sinne, sondern unbegrenzte Fluktuationen gibt. ' 2. Selbst wenn die genetischen Änderungen weniger drastisch wären, würde die Häufigkeit der oligopolistischen Elemente die dynamische Wirtschaft von einem natürlichen oder automatischen Vollbeschäftigungsgleichgewicht fernhalten, so daß eine solche Wirtschaft nur ein partielles, institutionell begründetes Unterbeschäftigungsgleichgewicht erfahren kann. Dieser Gedanke ist typisch für Heinrich von Stackelberg. Audi Erwin von Beckerath beschäftigt sich mit einem nicht-automatischen „konventionellen" Gleichgewicht. Andrerseits nimmt Keynes an, daß ein Unterbeschäftigungsgleichgewicht ohne institutionelle Einwirkung hergestellt und aufrecht erhalten werden kann. Sein Standpunkt wird von Alvin Hansen geteilt, der behauptet, daß in einer wirklich dynamischen Wirtschaft das Preissystem per se keine Vollbeschäftigung bewerkstelligen kann, und daß aus diesem Grunde eine solche Wirtschaft zu einem Unterbeschäftigungsgleichgewicht tendiert, solange die Regierung sich nicht mit einer ausgleichenden Politik einschaltet. Folglich ist nach Hansens Lehre ein unOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.1.33 | Generated on 2023-04-04 11:24:01 Statische und dynamische Modelle in der modernen Wirtschaftstheorie 51 stabiles Unterbeschäftigungsgleichgewicht, welches jederzeit durch die automatischen Wachstumskräfte in seinen Dimensionen geändert werden kann, eine Norm. 3. Die rein dynamische Wirtschaft wird durch die erzwungene Untätigkeit der natürlichen Kraftquellen charakterisiert (d. h. durch das Vorhandensein ungenützter Kräfte, die bereits geweckt sind, der Bewertung unterliegen und benutzt werden sollten) wie auch durch die unfreiwillige Unterbeschäftigung der Arbeitskräfte. Letzteres ist z. B. im Sinne von Keynes der Fall, wenn ein arbeitsloser Arbeiter auch dann keine Arbeit finden kann, wenn er bereit ist, für einen geringeren Lohn zu arbeiten, selbst wenn die Preise nicht gleichzeitig sinken, d. h. wenn er bereit ist, eine Bezahlung unterhalb des bestehenden Reallohnes anzunehmen. 4. In einer rein dynamischen Wirtschaft gibt es einen sozialen Wandel, weil radikale technische und rein wirtschaftliche Änderungen sich auf die soziale Umwelt eines Wirtschaftsprozesses auswirken und eine qualitative Evolution der grundlegenden sozio-ökonomischen Institutionen verursachen. 5. Den Lehren der Dialektik zufolge wird angenommen, daß eine größere Änderung in der Quantität notwendigerweise auch die Qualität eines dynamischen Phänomens verändert. So kann z. B. eine Zunahme der Betriebsgrößen zur Kartellbildung führen, d. h. sie kann eine Änderung der Marktstruktur hervorrufen. Ferner wird angenommen, daß eine Diskrepanz zwischen den Dimensionen zweier miteinander verbundener Faktoren, z. B. zwischen dem natürlichen Zins und dem Geldzins oder zwischen zwei Quantitäten desselben Faktors zu Prozessen führt, die entweder das dynamische Phänomen vertiefen (wie zum Beispiel in den Wicksellschen „kumulativen Prozessen") oder im Gegenteil dazu tendieren,, es zu vermindern. Letzterer Fall wird durch die Theorie des Multiplikators illustriert. Diese Theorie zeigt, daß der Unterschied zwischen der tatsächlichen und z. T. künstlich geschaffenen Beschäftigung produktiver Kräfte einerseits und der potentiellen Beschäftigung, die dem normalen Vollbeschäftigungszustand der Produktion angemessen ist, trotz einiger „leakages" allmählich abnimmt, wenn die eingeführte künstliche Kaufkraft als „Ankurbelung" einer Volkswirtschaft wirkt, die an einem Mangel an privater Initiative leidet. 6. Zeitgenössische rein dynamische Nationalökonomen, wie Vehlen, Gordon Hayes, Schumpeter und Wicksell, beschäftigten sich mit solch hochdynamischen modernen Problemen wie denen der Kreditschöpfung, der Inflation von Formalkapital, der Diskrepanz zwischen Sozialprodukt und der gesamten „Ausgabekraft" (spending power), des Multiplikators und der verschiedenen Erwartungen. 4* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.1.33 | Generated on 2023-04-04 11:24:01 52 Boris Ischbolclin [52 Bei unserer Behandlung der rein dynamischen Wirtschaft definierten wir die Dynamik als eine strukturelle Veränderung (d. h. als einen Fortschritt oder eine Rückentwicklung), womit wir mit unserer Ansicht nahe an die von John B. Clark und Harrod kommen. Gleichzeitig stimmt unsere Behandlung der statischen Wirtschaft mit dem häufig zitierten Satz von Hicks und Lundberg überein, daß man sich im Falle einer statischen Wirtschaft „nicht um Daten zu kümmern braucht", weil jedes statische Modell als eine im letzten starre Struktur (als ein Zustand) sich notwendigerweise auf einen bestimmten Zeitraum bezieht. Andrerseits halten wir nicht viel von der Behauptung Ragnar Frischs und Samuelsons, wonach ein System dann dynamisch sei, „wenn die zu verschiedenen Zeitpunkten entstehenden Variablen wesentlich in Erscheinung treten64. Denn, wenn wir wie z. B. Sismondi annehmen, daß das in einer gegebenen Periode ausgegebene Einkommen in dem voraufgegangenen Zeitraum verdient wurde, so können wir dieses Problem immer noch auf statische Weise behandeln, solange wir nicht zwei verschiedene Entwicklungsstufen vorausgesetzt haben, die eine strukturelle Veränderung (Evolution) implizieren. Da jede Evolution bedeutet, daß die betreffenden Phänomene mit der Vergangenheit und mit der Zukunft organisch verbunden sind, können wir letztlich auch Baumols Satz zustimmen, wonach „wirtschaftliche Dynamik das Studium wirtschaftlicher Phänomene in ihrer Beziehung zu vorauf gegangenen und nachfolgenden Ereignissen ist". Gemessen an diesen Merkmalen des rein dynamischen Modells ist Keynes trotz der Behauptung von Haberler, Harrod und Forstmann, daß das theoretische Gerüst der „Allgemeinen Theorie" ziemlich statisch sei, ein dynamischer Nationalökonom. Die erwähnte Behauptung hielt jedoch Haberler nicht davon ab, zuzugestehen, daß sich das Keynesianische System zur „Dynamisierung" eignet und einen gewaltigen Antrieb zur Konstruktion eines dynamischen Modells verleiht. Selbst in einem kurzfristigen Unterbeschäftigungsgleichgewicht, wie es von Keynes vertreten wurde, wird eine künstliche oder institutionelle Neutralisierung einiger dynamischer Faktoren vorausgesetzt, obwohl Keynes selbst diesen grundlegenden Zug seiner Theorie vielleicht verkannt hat. Wir stimmen Erich Schneider, Baumol und Forstmann bei, wonach die in einem dynamischen Modell benutzten Erwartungen (z. B. der erwartete Preis) in der Regel „evolutionär" sind, d. h. in der Vergangenheit wurzeln. Doch im Prinzip ist auch ein revolutionäres (oder zumindest ein nicht-evolutionäres) Wachstum einer Variablen ein dynamisches Phänomen, was von Wilhelm Krelle richtig erkannt wurde. Aus dem Englischen ins Deutsche übertragen von Dr. Johannes Stemmler OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.76.1.33 | Generated on 2023-04-04 11:24:01 Statische und dynamische Modelle in der modernen Wirtschaftstheorie 53 Literatur: Barre, Raymond, Les critères modernes de la statique et de la dynamique, Revue Economique, Juillet 1950, p. 185 ff. — Baumol, William, Economic Dynamics, New York 1954. — B o u 1 d i n g , Kenneth, Economic Analysis, New York 1948. — Cassel, Gustav, The Theory of Social Economy, London 1932. — Chamberlin, Edward, The Theory of Monopolistic Competition, Cambridge Mass. 1947. — Clark, John Bates, The Distribution of Wealth, New York 1927. — Clark, J. M., Preface to Social Economics, New York 1936. — Clark, J. M., The Relation between Statics and Dynamics in Economic Essays in honour of J. B. Clark, New York 1927. — D i 11 a r d , Dudley, The Economics of J. M. 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