Traktat über kritische Vernunft Zu dem gleichnamigen Buch von Hans Albert
Abstract
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Full text
Siebel, Wigand Article Traktat über kritische Vernunft Zu dem gleichnamigen Buch von Hans Albert Schmollers Jahrbuch für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Siebel, Wigand (1970) : Traktat über kritische Vernunft Zu dem gleichnamigen Buch von Hans Albert, Schmollers Jahrbuch für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, ISSN 0036-6234, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 90, Iss. 1, pp. 67-74, https://doi.org/10.3790/schm.90.1.67 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291209 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Literatur Traktat über kritische Vernunft Zu dem gleichnamigen Buch von Hans Albert* Das Engagement für „rationales Denken" und „kritische Vernunft" und speziell für die Philosophie Karl Poppers kennzeichnet alle Schriften Hans Alberts. Gegenüber früheren Veröffentlichungen ist jedoch festzustellen, daß dieses Buch nicht nur eine Anwendung der Poppersehen Thesen auf die verschiedensten Fragestellungen beinhaltet, sondern auch eine Art zusammenfassender Darlegung und Absicherung der eigenen Position ist, wenn man will, eine Art philosophische Selbstdarstellung. Der „polemische Akzent", den der Autor, wie es heißt, „keineswegs zu verbergen sucht" (S. 6), und mit ihm der Ideologieverdacht gegenüber dem bekämpften Gegner kommen weniger, als man bei Albert bisher gewöhnt war, zum Ausdruck. Daher vermag die Redlichkeit der Argumentation mehr als früher zu überzeugen. Nach der Darstellung der eigenen Position setzt sich der Autor nacheinander mit dem Ideologieproblem, mit der modernen (protestantischen, teils auch katholischen) Theologie, mit der hermeneutischen und analytischen Philosophie und mit der Theorie der Politik auseinander. Ansatz und Durchführung der Kritik sind in jedem Falle von der Zielsetzung bestimmt, die Unhaltbarkeit gegnerischer Positionen dadurch nachzuweisen, daß sie das „Prinzip der kritischen Prüfung" nicht radikal verwendet haben. Die Kritik gegenüber der nicht aus Popperschem Denken erwachsenen Philosophie und der Theologie läßt sich nach Albert in dem von ihm sogenannten „Münchhausen-Trilemma" (S. 13) zusammenfassen. Voraussetzung ist, daß das klassische Prinzip der zureichenden Begründung als geltend angesehen wird. Nach Albert verlangt dieses Prinzip nicht nur eine zureichende, sondern eine perfekte Begründung für jede wissenschaftliche Aussage. Wenn dem so ist, so hat man nicht nur eine Begründung für die vorgetragenen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu liefern, sondern auch die Begründungen selbst müssen ihrer- * Hans Albert: Traktat über kritische Vernunft. Tübingen 1968. J. C. B. Mohr (Paul Siebeck). X, 190 S. 5« OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.1.67 | Generated on 2023-04-04 11:45:12
68 Literatur seits wieder begründet werden. Das führt zu einer Situation mit drei Alternativen, die alle drei unakzeptabel sind. Man hat die Wahl zwischen 1. einem unendlichen Regreß, der, indem man immer weiter zurückgehend Begründungen für Begründungen anhäuft, praktisch nicht durchzuführen ist; 2. einem logischen Zirkel, der dadurch entsteht, daß man auf Aussagen zurückgeht, die vorher schon als begründungsbedürftig angesehen wurden, und der folglich logisch fehlerhaft ist, und 3. einem Abbruch des Verfahrens an einem bestimmten Punkt, der eine Suspendierung des Prinzips bedeutet. Die letzte Alternative führt zu „Dogmen", deren Wahrheit, wie behauptet wird, gewiß ist und die daher nicht der Begründung bedürfen. Aus diesem „Trilemma" gelangt man nur heraus, indem man sich für die Methode der kritischen Prüfung entscheidet. Diese neue Konzeption differiert vor allem insofern gegenüber der „klassischen Lehre", als sie keinen Rekurs auf irgendwelche Dogmen notwendig macht. Damit wird zugleich auch jeder Unfehlbarkeitsanspruch für irgendeine Instanz „zugunsten eines konsequenten Fallibilismus zurückgewiesen" (S.36). Die Methode ist dabei „nichts anderes als eine fundamentale Technologie für das Problemlösungsverhalten, die sich an bestimmten Wertgesichtspunkten orientiert" (S.40). Wichtiger Bestandteil ist der „theoretische Pluralismus" (S.49). Es lohnt sich nämlich stets, nach „Alternativen" zu suchen, weil man niemals sicher sein kann, daß eine bestimmte Theorie wahr ist. Anstelle von Dogmen sind jetzt Problemlösungen zu erreichen, die für mögliche Kritik offenbleiben, daher dem Widerstand der Realität und dem Widerstand anderer Mitglieder der Gesellschaft ausgesetzt sind und sich dabei „bewähren oder scheitern können" (S. 73). Der theoretische Pluralismus ist also ein Mittel, die Dogmatisierung von theoretischen Auffassungen zu verhindern (S. 53). Da mit dieser Methode des „Denkens in Alternativen" (S. 51) kein archimedischer Punkt gesucht wird, ist das Münchhausen-Trilemma vermieden worden. In der Moralphilosophie führt das Begründungspostulat zu den gleichen Schwierigkeiten wie im Bereich der Erkenntnistheorie. Wer für konkrete Werturteile und damit auch für moralische Entscheidungen eine zureichende Begründung sucht, der wird „ganz in der Weise, die von Max Weber vorgeschlagen wurde" auf letzte Werte rekurrieren müssen, die keiner weiteren Begründung mehr fähig sind (S.72). Die Frage ist jedoch, ob man die letzten Wertaxiome und damit auch die einzelnen Werturteile als Dogmen verstehen muß. Wenn man sie einfach als Hypothesen behandeln würde, dann müßte es „zulassig sein, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.1.67 | Generated on 2023-04-04 11:45:12
Literatur 69 Alternativen in Erwägung zu ziehen und neue Perspektiven zu entwerfen, aus denen sich andere Lösungen ethischer Probleme ergeben als die bisher üblichen" (S. 75). Dieses Ergebnis würde jedoch wenig nützen, wenn es nicht gelänge, eine Verbindung zum Bereich der Erkenntnis herzustellen. Die grundsätzlich zu akzeptierende scharfe Trennung von Sachaussagen und Werturteilen geht nämlich nicht so weit, daß die Erkenntnis für die Kritik des ethischen Denkens irrelevant wäre. Das läßt sich an „Brücken-Prinzipien" (S. 76) erweisen, wozu der Satz „Sollen impliziert Können" zu zählen ist. Ein weiteres solches Prinzip, das „Kongruenz-Postulat" (S.77), fordert, daß normative Behauptungen, „um sinnvoll zu sein", nicht die Existenz von Faktoren involvieren dürfen, die für die Erkenntnis nicht in Betracht kommen. Daher können sich bestimmte Werturteile „durchaus im Lichte einer revidierten sachlichen Überzeugung als mit bestimmten Wertüberzeugungen, die wir bisher hatten, unvereinbar erweisen. Die kritische Verwendung der erwähnten Brücken-Prinzipien ist ein Mittel, solche Unvereinbarkeiten aufzudecken" (S. 78). Eine weitere Form von Kritik kann sich daraus ergeben, daß „neue moralische Ideen erfunden werden, von denen aus bisherige Lösungen moralischer Probleme fragwürdig erscheinen". „Der Kritizismus, der uns diese Möglichkeit verschafft, hat im übrigen selbst moralischen Gehalt. Wer ihn übernimmt, entscheidet sich damit ... für eine Lebensweise" (S.79). Die skizzierte wissenschaftstheoretische Einstellung wird in den folgenden Abschnitten auf eine Anzahl von Einzelfragen angewandt. In Kapitel IV (Geist und Gesellschaft) ergibt sich für das Ideologieproblem, daß derjenige, der von der klassischen Methodologie ausgeht, „keine Möglichkeit hat, in überzeugender Weise zwischen Ideologie und Erkenntnis zu unterscheiden" (S. 87). Als Alternative bietet sich nur die Methode der kritischen Prüfung an, die „den typisch ideologischen Denkstil ersetzen kann" (S. 88). In Kapitel V (Glaube und Wissen) setzt sich Albert auf eine unkonventionelle Weise mit theologischen Fragen auseinander. Die scheinbar kritische Formel der Entmythologisierung (Bultmann) erweist sich in der protestantischen Theologie als „nichts anderes als ein hermeneutisches Immunisierungsverfahren für den Teil des christlichen Glaubens, den moderne Theologen ... unter allen Umständen retten möchten" (S. 113). Die Bagatellisierung oder gar Eliminierung des Problems der Existenz Gottes ist „keineswegs ein Symptom dafür, daß man eine höhere und weniger grobe Form des Gottesglaubens bevorzugt, sondern ein Zeichen dafür, daß man sich entweder über wichtige Konsequenzen der eigenen Weltauffassung im unklaren, oder aber daß man de facto zum Atheismus übergegangen ist, aber mittels einer theistischen Sprache die alte Fassade aufrechterhalten möchte" (S. 119). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.1.67 | Generated on 2023-04-04 11:45:12
70 Literatur „Angesichts dieser Theologie ist man geneigt, die Frage zu stellen, ob da nicht vielleicht sogar der ziemlich unverschleierte Dogmatismus des katholischen Denkens vorzuziehen ist" (S. 120), bei dem sich in neuerer Zeit allerdings auch „Aufweichungserscheinungen" (S. 125) zeigen. Im VI. Kapitel (Sinn und Wirklichkeit) wird gegen analytische und hermeneutische Philosophie geltend gemacht, daß sie einen „methodologischen Separatismus" (S. 149) verträten, der eine Aussonderung der menschlichen Welt aus der Natur verlange. Darüber hinaus verhielten sie sich antirationalistisch, da sie eine Kritik der verstehend zu erfassenden Sinngegebenheiten „im wesentlichen ausschließen wollen". Eine Lösung der Sinnproblematik im Rahmen des Kritizismus führt zu Überlegungen, die nicht die Nützlichkeit der Kategorie „sinnvolles Handeln" bestreiten, aber doch ein über das Yerstehensproblem hinausgehendes Erklärungsproblem mittels sozialer Gesetze („nomologische Deutung") demonstrieren. Dazu ist eine brauchbare, erklärende Theorie des Verhaltens zu suchen und ferner sind die Normierungen des Verhaltens in einem kritischen Kontext zu analysieren (S. 152 f.). Im abschließenden VII. Kapitel (Das Problem einer rationalen Politik) spricht sich Albert für einen sozialen und politischen Pluralismus aus, um den theoretischen Pluralismus durchführen zu können. Die „kritische Methode" „muß institutionell gestützt" (S. 174) werden. Eine rationale Sozialkritik leistet insofern einen Beitrag zur Lösung praktischer Probleme, als sie unter Berücksichtigung der Realisierbarkeit Alternativen des Handelns vorschlägt. Von ihr her ist das Rechtfertigungsdenken der politischen Theologie ebenso zu verwerfen wie das der demokratischen Ideologie (S. 179). Die Alternativ-Analyse erhält so gesehen in gewissem Umfang die Form einer „rationalen Diskussion zwischen Verfechtern verschiedener Auffassungen", die Politik den Charakter „rationalen sozialen Experimentierens". Die durch das ganze Buch konsequent hindurchgezogene Idee der „kritischen Prüfung" ist in den erstrebten Intentionen vielfach überzeugend, und auch mancher Teilaspekt vermag unmittelbar einzuleuchten. Das zugrunde liegende wissenschaftstheoretische Konzept fordert jedoch zum Widerspruch heraus. Eine Prüfung, zumal eine kritische, kann nur dann von Erfolg sein, wenn vor Beginn der Prüfung das Kriterium festgestellt wurde, auf das hin geprüft werden soll. Anders gesagt — man muß einen Maßstab besitzen, auf dem man die einzelnen Prüfungsgegenstände nach ihrem Wert anordnen kann. Wo liegt nun dieses Kriterium bei dem von Albert vertretenen „rationalen Denken"? Die Rationalität kann es nicht sein, denn sie liegt ja in der Idee der kritischen Prüfung selbst. Nach ausdrücklicher Feststellung (S. 65) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.1.67 | Generated on 2023-04-04 11:45:12
Literatur 71 von Albert ist die Annahme oder Ablehnung von Theorien, Hypothesen, Forschungstechniken ebenso wie die Wahl zwischen dem Begründungsund Prüfungsprinzip eine Sache der „Entscheidung", d.h. sie können wissenschaftlich nicht begründet werden. Albert will damit aber sicher nicht die Annahme eines blinden Dezisionismus vorschlagen. Vielmehr hat er eine Vielzahl von Gründen (z. B. im MüchhausenTrilemma) beigebracht, die für die Übernahme des Kritizismus sprechen sollen. Es wäre also die Frage zu stellen, was denn das Kriterium für die Prüfung einer oder mehrerer Theorien sein kann. Darauf gibt es nur eine Antwort: Das Kriterium liegt darin, ob die zu prüfende Theorie mit dem Sachverhalt übereinstimmt, den sie darzustellen vorgibt. Dieses Kriterium ist das Kriterium der Wahrheit. Eine Prüfung von Theorien und Aussagen kann also grundsätzlich nur unter Voraussetzung der Erreichbarkeit der Wahrheit (in diesem Sinne) gelingen. Gerade diese Erreichbarkeit wird aber von der kritischen Theorie bezweifelt. Die kritische Ablehnung von falschen Theorien (die grundsätzlich unendlich zahlreich sind) vermag jedenfalls nicht zu einer Annäherung an die Wahrheit zu führen. Es ist überdies fraglich, ob eine solche Ablehnung überhaupt ohne Hinblick auf die Wahrheit erfolgen kann. Würde aber Albert ausdrücklich ein Kriterium für eine Prüfung bestimmen — nebenbei erwähnt werden z.B. „Erklärungskraft" (S.49), „Leistungsfähigkeit" (S. 54), „Bezugnahme auf vorliegende Problemsituation" (S. 75) —, so wäre er sogleich dem Münchhausen-Trilemma ausgesetzt. Denn z. B. die größere Leistungsfähigkeit ist zweifellos zu begründen, die Begründung ist wiederum zu begründen usw. Einem konsequenten, d.h. das Trilemma vermeidenden Kritizismus, bleibt daher nichts anderes übrig, als den Weg des Dezisionismus zu gehen und somit über die Gründe seiner Entscheidungen Stillschweigen zu bewahren. Die von Albert vertretene Theorie fordert aber auch an anderer Stelle zu Einwänden heraus. Nimmt man an, die Alternativen unterlägen nicht der Begründungspflicht, so könnte es scheinen, als bestehe ein Zusammenhang zwischen dem kritischen Forscher und den vorgetragenen Alternativen nur insofern, als dieser jene zu sammeln habe. Das würde jedoch einer objektivistischen Erkenntnistheorie entsprechen, die glaubt, das Erkenntnisobjekt vom Erkennenden isoliert betrachten zu können. Tatsächlich geht aber der gesamte Standpunkt des Forschers (und damit allle seine Erfahrungen) in den Erkenntnisprozeß ein. Nur auf dem Hintergrund seiner sämtlichen gewonnenen Einsichten (und d. h. möglichen Gründe) wird er zu dieser Erkenntnis bzw. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.1.67 | Generated on 2023-04-04 11:45:12
72 Literatur diesen Erkenntnissen gelangen. Das Begründungsproblem ist also auch an dieser Stelle nicht auszuschalten. Man kann diesen Sachverhalt auch durch die Feststellung ausdrücken, daß wissenschaftliche Kritik ohne einen (in wissenschaftlicher Aufarbeitung der — eigenen und der übermittelten fremden — Erfahrungen gewonnenen) Standpunkt überhaupt ausgeschlossen ist. Albert erkennt zwar an der „Seinsgebundenheit des Denkens" scharf die ideologische Komponente, nicht aber die bedeutungsvollere wissenschaftstheoretische. Audi der Rückgang auf Popper selbst ergibt hier keine Verbesserung der Lage für die Idee der kritischen Prüfung. Das gilt sowohl für die frühere Fassung der Theorie in „Logik der Forschung" als auch für die spätere, sehr verallgemeinerte Fassung, wie sie etwa in „Conjectures and Refutations" formuliert wurde. An die letztere Fassung lehnt sich Albert vor allem an. Popper hat weder auf den Vorwurf, diaß seine Konzeption den Ausbau einer sachgemäßen systematischen Theorie nicht zulasse, da grundsätzlich alles zu falsifizieren ist, noch auf den Vorwurf, daß er das Problem der Begriffsbildung fundamental mißachte, überzeugend zu antworten gewußt. Sein Wiener Vortrag (Akten des 14. internationalen Philosophiekongresses, 1968) als eine der letzten Veröffentlichungen läßt diesen Mangel sehr deutlich erkennen. Heißt das aber schließlich nichts anderes, als daß wir eben zusammen mit Albert dem Münchhausen-Trilemma ausgeliefert seien und ein Ausweg sich nicht zeige? Keinesfalls. Die Konsequenz besteht vielmehr darin, daß eine irgendwie geartete Isolierung im Erkenntnisprozeß nicht durchführbar ist. Weder gibt es einen archimedischen Punkt, noch gibt es einen außerhalb der Welt stehenden Forscher, noch hat es einen Sinn, eine wissenschaftliche Alternative isoliert von Begründungszusiammenhängen aufzustellen. Wissenschaftliche Begründung und damit wissenschaftliche Kritik können sich also notwendig nur so abspielen, daß die ganze der Erfahrung zugängliche Welt in ihren Strukturen in den Begründungszusammenhang potentiell hineingenommen wird. Eine Methodologie, die den Begründungszusammenhang für eine Theorie ignoriert, nimmt eine Verkürzung der Welt vor und muß sich den Vorwurf der mangelnden Sachbezogenheit und damit einer spezifischen Irrationalität gefallen lassen. Der gemeinte Zusammenhang wird in der hermeneutischen Philosophie klar gesehen und als „hermeneutisdier Zirkel" bezeichnet. In Annäherung entspricht dieser dem in Punkt zwei des Münchhausen-Trilemmas ausgesprochenen Sachverhalt. Allerdings ist die hermeneutische Erkenntnisweise keinesfalls, wie meist behauptet wird, auf die Geisteswissenschaften beschränkt. Sie gilt, wenn man die Strukturfrage in den Vordergrund stellt, ebenso für die Naturwissenschaften. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.1.67 | Generated on 2023-04-04 11:45:12
Literatur 73 Insofern ist die Kritik Alberts am „methodologischen Separatismus" voll berechtigt. Daraus ist jedoch nicht zu folgern, daß sich damit das „Verstehen" als dem vom Gesetzesdenken bestimmten Begriff der „Erklärung" unterlegen erweise. Da es weder im Bereich der Naturwissenschaften, noch im Bereich der Sozialwissenschaften „Gesetze" im nomologischen Sinne gibt, sondern nur Strukturen und von daher bestimmte Relationseigenschaften und statistische Zusammenhänge, kann Erklärung nichts anderes bedeuten als Einordnung eines Phänomens in einen Strukturzusammenhang oder — was dasselbe bedeutet — begrifflich-systematische Erläuterung. Genau das Gleiche kann aber sinnvollerweise das „Verstehen" leisten. Daß die im Verstehen zu bewältigende Erfassung von „Sinn" in der systematischen Entwicklung eines Strukturzusammenhanges aufgeht, wird auch durch die von Adam Schaff (Introduction to semantics, 1962) überzeugend dargelegte These gestützt, daß „Sinn" nichts anderes als „Begriff" bedeutet. Damit wird zugleich ausgedrückt, daß ein Begriff in der Regel Normen enthält. Diese bestimmen den Begriff als qualitativ gestuftes Kontinuum, aus dem ein Maßstab gewonnen werden kann. Damit ist der Ansatz zur Kritik der moral-philosophischen Position von Albert gegeben. Wenn wirklich ein Abgrund Sein und Sollen trennt, so vermögen die „Brücken-Prinzipien", die genannt werden, wohl kaum eine überzeugende Verbindung herzustellen. Die Begründung für die Nichtenthaltsamkeit in Werturteilen ist jedenfalls nicht gelungen. Aber Albert hat recht, wenn er darauf besteht, daß moralische Positionen kritisch analysiert und „verbessert" (S. 75) werden können. Dazu ist jedoch der Max Webersche Standpunkt aufzugeben, wie überhaupt die Annahme, daß Sollenssätze nicht aus Seinssätzen abzuleiten seien, mit der Realität in groteskem Widerspruch steht. Jede Messung, gleich auf welchem Maßstab — ob Gewicht, Intelligenz, Brauchbarkeit für eine bestimmte Funktion — stellt eine Bewertung des gemessenen Gegenstandes dar. Der Maßstab ergibt sich aus dem zugrunde liegenden Begriff bzw. strukturierten System. Je stärker die Stellung eines Gegenstandes in einem System herausgearbeitet wird, desto deutlicher ergibt sich dessen Rang, Wert, Bedeutung oder wie immer man die Stellung auf einer zum Maßstab gewordenen Qualitätsdimension bezeichnen mag. Diese Bewertung ist zentrale Aufgabe, um nicht zu sagen einzige Aufgabe der Wissenschaft. Der wertfrei urteilende Wissenschaftler ist eine in jeder Hinsicht unbrauchbare Fiktion. Es sei denn, man habe unter wertfrei zu verstehen, daß der Wissenschaftler unbegründetes persönliches Meinen zu unterlassen habe. Diese Forderung besteht zu Recht, d. h. Wissenschaft treiben verlangt stets, den gesamten relevanten Begründungszusammenhang zu berücksichtigen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.1.67 | Generated on 2023-04-04 11:45:12
74 Literatur Wenn von daher die Grenzen zwischen Politik und Wissenschaft in mancher Hinsicht fließend werden, so bleibt doch fraglich, ob man die „Konstruktion sozialtechnisch durchgearbeiteter alternativer Lösungsvorschläge als Methode politischen Denkens auszuzeichnen" (S. 179) hat. Denn politisches Handeln bedeutet zunächst Normsetzung und Normverdeutlichung im Hinblick auf die allgemeinsten Ziele der politischen Einheit, auch wenn sie sich als „pluralistisch" versteht. Erst unter diesen Normen ist die Heranziehung von Beratern geboten, die Wege zur Erreichung der gesteckten Ziele aufweisen. Solche Normen ergeben sich aus der Tradition sowie der Aufrechterhaltung der Existenz und Freiheit des politischen Gemeinwesens, dem man sich verpflichtet weiß. Wäre dieser Zusammenhang von Gruppenbewußtsein, Autorität, Moral, Tradition und Symbol nicht nur negativ als notwendiges Übel und als potentieller Gegenstand der Kritik gesehen, sondern soziologisch systematisch analysiert worden, so würde die relative Enge des wissenschaftstheoretischen Ansatzes schneller erkannt worden sein. Vielleicht führt der Weg des Autors einmal stärker in diese Richtung. Jetzt kann man seinen Kampf, den er aus seiner Sicht gegen den Unverstand führt, mit Sympathie und Respekt betrachten, auch wenn man die zugrunde liegende Strategie nicht zu akzeptieren vermag. Wigand Siebel, Saarbrücken OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.1.67 | Generated on 2023-04-04 11:45:12
