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Wirtschaftliches Wachstum der Entwicklungsländer und Entwicklungshilfe

Uhlig, Christian

Abstract

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Uhlig, Christian Article Wirtschaftliches Wachstum der Entwicklungsländer und Entwicklungshilfe Schmollers Jahrbuch für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Uhlig, Christian (1970) : Wirtschaftliches Wachstum der Entwicklungsländer und Entwicklungshilfe, Schmollers Jahrbuch für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, ISSN 0036-6234, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 90, Iss. 6, pp. 667-692, https://doi.org/10.3790/schm.90.6.667 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291231 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Die Verbesserung der mondialen Sozialstruktur als Ziel Entwicklungspolitik und Entwicklungshilfe gehören zumindest für den Rest dieses Jahrhunderts zu den bedeutendsten Aufgaben, die unter dem Ziel der Veränderung und Verbesserung der „mondialen" Sozialstruktur im weitesten Sinne zu erfüllen sind. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind die großen Wohlstandsunterschiede zwischen den verschiedenen Teilen der Welt nicht zuletzt durch den rapiden Ausbau der Kommunikationsund Transportmittel allgemein offenbar geworden. Der Krieg hatte zudem klar gemacht, daß die politische Führungsrolle der europäischen Länder verloren war, daß diese zur Behauptung ihrer eigenen Position sogar der entscheidenden Unterstützung durch die bisher in kolonialer Abhängigkeit gehaltenen Länder bedurften. Die prinzipiell antikoloniale Einstellung der USA wie der Sowjetunion sowie das Wirken der Vereinten Nationen brachten eine Stärkung des nationalen Elements in den abhängigen Gebieten mit sich. All das führte zu dem, wie Myrdal es formulierte, „Großen Erwachen" der armen Länder. Sie wurden sich der Unterentwicklung im Vergleich zu den Industrieländern bewußt und forderten kategorisch energische Maßnahmen zur Beseitigung dieser Unterschiede1. Dabei ist das vom Ideal des europäisch-amerikanischen Lebensstandards geprägte Lebenshaltungsniveau der reichen Länder, trotz aller ihm innewohnenden Problematik, zum Wohlfahrtsziel aller Nationen der Erde geworden. Der inzwischen eingeleitete Ausgleichsprozeß, der durch die Intensivie1 Vgl. dazu Gunnar Myrdal: ökonomische Theorie und unterentwickelte Regionen. Stuttgart 1959. S. 4 f. Dieser Prozeß der Bewußtwerdung der Armut und der Reichtumsunterschiede ist vergleichbar mit der von Sombart beschriebenen Entstehung der Arbeiterfrage im 19. Jahrhundert. Der Arbeiter „war durch die Entwicklung des Verkehrs, durch die Ausbreitung der Bildung zu einem viel schärferen Beobachter geworden, vor allem auch zu einem viel schärferen Kritiker seiner Lebenshaltung. Es war in ihm also die Fähigkeit gleichsam zur Auflehnung gegen den Elendsdruck kunstvoll herangebildet worden, und daß diese Fähigkeit zur Kritik, zur Auflehnung nun auch ausgenutzt wurde, dafür ... sorgte insbesondere der Kontrast, der durch die Ausbildung der großen Reichtümer auf Seiten der Unternehmerschaft ... als eine Folge der Ausbreitung des Kapitalismus sich herausstellte" (Werner Sombart: Die gewerbliche Arbeiterfrage. Berlin und Leipzig 1912. S. 27 f.). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.6.667 | Generated on 2023-04-04 11:43:51 668 Christian Uhlig rung des internationalen Austausches von Ideen und Waren, von Arbeitskräften, Kapital und Dienstleistungen vorangetrieben wird, läßt dabei die Übernahme dieses Wertstandards einer rationalisierten Industriegesellschaft als "völlig irreversibel erscheinen2. Um den Entwicklungsprozeß in Gang zu bringen und zu beschleunigen, haben die Industrieländer seit den fünfziger Jahren in verschiedenem Umfang, aus unterschiedlicher Motivation und in verschiedenen Regionen finanzielle und technische Hilfe an Entwicklungsländer geleistet3. Auf der ersten Welthandelskonferenz 1964 wurde vereinbart, daß als Soll für die Entwicklungshilfe der Industrieländer 1% ihres Volkseinkommens anzusehen ist; auf der zweiten Konferenz 1968 wurde der Satz sogar auf 1 % des Bruttosozialprodukts erhöht. Die Geberländer bemühen sich — schon aus Gründen der politischen Optik — trotz aller Einwände gegen die Fixierung eines solchen Prozentsatzes4 um die Erfüllung dieser Auflage. Im folgenden soll zunächst eine Übersicht über das Wachstum des realen Bruttoinlandsproduktes sowie des Sozialprodükts pro Kopf von 1960—1968 gegeben werden. Sodann wird auf das Problem der Bedarfsschätzung der Entwicklungshilfe eingegangen und ein Modell für die Berechnung entwickelt. Mit Hilfe dieses Modells wird der Entwicklungshilfebedarf für die zweite Entwicklungsdekade auf der Grundlage der Zielgröße eines realen Sozialproduktwachstums von 6% jährlich berechnet und mit den Ist-Zahlen der Leistungen bzw. der Projektionen verglichen. II. Die Problematik des Wirtschaftswachstums der Empfängerländer 1960 wurde von den Vereinten Nationen das „Erste Entwicklungsjahrzehnt" verkündet, das von den Entwicklungsländern selbst wie auch von den Industrieländern erhöhte Entwicklungsanstrengungen und -opfer forderte. Es sollte dazu beitragen, das Problem der Unterentwicklung, wenn nicht zu beseitigen, so doch wenigstens in seiner akuten Bedrohlichkeit einzudämmen. Die Vollversammlung der Vereinten Nationen setzte als Minimalziel für die Dekade eine jährliche Zuwachsrate des realen Sozialprodukts von mindestens 5 % für die Gesamtheit der unterentwickelten Länder bei unterschiedlichem Wachstum in den einzelnen Ländern. 2 Vgl. Karl Schiller: Zur Wachstumsproblematik der Entwicklungsländer. In: Ders.: Der Ökonom und die Gesellschaft. Stuttgart 1964. S. 205. 3 Vgl. Christian Uhlig: Zur Entwicklungshilfepolitik großer Geberländer. Ein Vergleich der Motive, Leistungen und Strategien. Jahrbuch für Sozialwissenschaft, Bd. 20 (1969), S. 377 ff. 4 Vgl. dazu z. B. Hans W. Singer: Kritische Bemerkungen zur Festlegung der EinProzent-Klausel. Wirtschaftsdienst, 48. Jg. (1968), S. 380 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.6.667 | Generated on 2023-04-04 11:43:51 Wirtschaftswachstum der Entwicklungsländer und Entwicklungshilfe 669 Die bisherigen Ergebnisse zeigen, daß dieses Ziel mit Mühe zu verwirklichen sein wird. Die Entwicklungsländer konnten zwar nach Berechnungen des OECD Development Centre von 1960 bis 1968 bei beträchtlichen jährlichen Schwankungen im Durchschnitt ein jährliches Wachstum von 5°/o erreichen5, aber dieser Wert vermittelt insofern einen zu positiven Eindruck, als darin auch die hohen Wachstumsraten von 6,8% für die sogenannten Entwicklungsländer Europas und von 7,7% für die zum Teil erdölreichen Länder des mittleren Ostens enthalten sind6. Bei den Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP), der Bevölkerung und des BIP pro Kopf für die Regionen der Entwicklungsländer 1960—1968 (in Preisen von 1960) im jährlichen Durchschnitt zeigt sich folgendes Bild7: Tabelle 1 Wachstumsraten für Regionen der Entwicklungsländer 1960 - 1968 BIP Bevölkerung BIP pro Kopf Europa Afrika Nördl. d. Sahara Südl. d. Sahara Lateinamerika Nordund Zentralamerika Südamerika Asien Mittelost Südasien Fernost Insgesamt 6,8 3,4 2,6 3,7 4,7 6,2 4,1 5,3 7,7 4,3 5,6 5,1 1,5 2.5 2.6 2,2 2,9 3,2 2,9 2,7 2.7 2,6 2.8 2,6 5,3 0,9 - 0,06 1.5 1,7 3,0 1,3 2.6 5,0 1.7 2.8 2,5 5 Vgl. OECD (Hrsg.): Entwicklungshilfe. Politik und Leistungen der Mitglieder des Ausschusses für Entwicklungshilfe. Jahresprüfung 1969. Paris 1969. S. 135. 6 Bei Vergleich der "Wachstumsraten der Länder wird klar, wie heterogen der Kreis der Entwicklungsländer zusammengesetzt ist. Es fehlen offenbar noch immer aussagekräftige Kriterien hinsichtlich der Einbeziehung in den Kreis der Entwicklungsländer. Daß Spanien und Griechenland als Entwicklungsländer gelten, Portugal dagegen nicht, ist nur aus politisch-historischen Gegebenheiten zu erklären. Auch Israel ist mit einem Pro-Kopf-Einkommen von etwa 1400 $ kein typisches Entwicklungsland mehr. 7 OECD Development Centre: National Accounts of Less-Developed Countries. Zit. in OECD (Hrsg.): Jahresprüfung 1969, a.a.O., S. 135 ff. Die Zahlen für 1967 und 1968 sind teilweise geschätzt; Zahlenungenauigkeiten ergeben sich durch Aufoder Abrundung. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.6.667 | Generated on 2023-04-04 11:43:51 670 Christian Uhlig Das Bild wird noch stärker modifiziert, wenn man die regionale Aufteilung genauer betrachtet. Daraus wird deutlich, daß einige Regionen nur ein unzureichendes Wachstum aufweisen. Nach Europa und dem mittleren Osten erzielten zwar Zentralamerika mit 6,2% und der Ferne Osten mit den Wachstumsgebieten Korea, Taiwan und Thailand, 1968 auch Malaysia und Birma, mit 5,6% relativ hohe Zuwächse. Die bevölkerungsreichen Regionen Südasiens und Südamerikas aber erreichten nur 4,3 % und Afrika südlich der Sahara 3,7 % sowie nördlich der Sahara sogar lediglich 2,6%. Das seit dem Jahre 1967 erfolgte Wachstum einiger Länder, deren Entwicklung bisher relativ unbefriedigend verlief, hat dazu beigetragen, das Minimalziel für die Periode 1960—68 zu erreichen. Hier ist vor allem das sehr gute Ergebnis Indiens für 1967 mit 10,5% zu erwähnen (1968: 4,2%). Bisher konnte Indien nur ein Durchschnittsergebnis für 1960—66 von 3% aufweisen. Pakistan hatte 1967 und 1968 — bei einem von vornherein besseren Gesamtergebnis von etwa 5,5 % — eine Steigerung der Zuwachsrate auf 8,3% bzw. 6% zu verzeichnen. Wichtig war die wirtschaftliche Stabilisierung in Indonesien (1960—66 durchschnittlich 2,4%, 1967 4,7 %). Im mittleren Osten hat der Iran seine Position erheblich verbessert (1967: 9,0%, 1968: 8%, 1960—66 im Durchschnitt 6,8%), während Jordanien, Israel und Syrien 1967 beträchtliche Rückgänge zu verzeichnen hatten, die aber 1968 teilweise ausgeglichen werden konnten. In Lateinamerika sind Argentinien und Uruguay Länder mit nur schwachem Wachstum. 1968 ergab sich aber eine gewisse Besserung. Die Entwicklungssituation in Afrika ist sehr uneinheitlich. 1967 hatte Marokko mit einer Zunahme des Sozialprodukts um 7,9% seine Position verbessert, während die VAR (Ägypten) und Tunesien Rückgänge in ihren Wachstumsraten zu verzeichnen hatten. 1968 war für Marokko und Tunesien ein außergewöhnlich günstiges Jahr. Algeriens Position hat sich seit der Unabhängigkeit noch nicht konsolidiert. Im schwarzen Afrika weisen Äthiopien und der Sudan, neuerdings auch Tansania, Kenia und Gabun über dem Durchschnitt liegende Wachstumsraten auf. Ghanas Position verbesserte sich 1968 beträchtlich, während Ugandas Wachstum sich abschwächte. Sonst sind die Ergebnisse jedoch nicht sehr befriedigend8. Wesentlich weniger optimistisch ist die Situation dann zu beurteilen, wenn das Bevölkerungswachstum berücksichtigt wird. Hier offenbart sich das echte Problem der unterentwickelten Länder; denn für die Zeit von 1960—68 läßt sich insgesamt nur eine Zunahme des ProKopf-Produktes von 2,5% verzeichnen. Dabei wird auch bei dieser 8 Vgl. OECD: Jahresprüfung 1969, a.a.O., S. 131 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.6.667 | Generated on 2023-04-04 11:43:51 Wirtschaftswachstum der Entwicklungsländer und Entwicklungshilfe 671 Globalzahl der Ernst der Situation durch die günstigeren Werte für Europa verwischt. Die Bevölkerungswachstumsraten der Entwicklungsländer in Übersee verzeichnen allgemein Werte zwischen 2,2 und 3,2%, während diejenigen in Europa nur 1,5% aufweisen. Die Kombination von hohen Bevölkerungswachstumsraten und niedrigen bzw. mäßigen Wachstumsraten des Sozialproduktes führt zwangsläufig zu einer nur geringfügigen Veränderung des Sozialproduktes pro Kopf, die besonders in Afrika (0,9%), Südamerika (1,3%) und Südasien (1,7%) auffällt. In einigen Regionen und Ländern ist sogar ein Rückgang des Sozialproduktes pro Kopf zu verzeichnen, so z.B. in Nordafrika in Höhe von — 0,06%. Aus der Analyse der Wachstumsraten geht hervor, daß in einigen Ländern eine gewisse positive Entwicklung zu beobachten ist. Ihr Ausmaß reicht aber bisher in kaum einem Falle aus, den notwendigen Absprung in ein selbstgetragenes Wachstum zu sichern, ganz abgesehen davon, daß weiterhin die Tendenz dahin geht, daß sich der Abstand des Sozialproduktes pro Kopf zwischen Industrieund Entwicklungsländern vergrößert. Die strukturellen Gründe für die Schwierigkeiten der Entwicklung sind vielfach erörtert worden9. Dabei handelt es sich um Probleme sowohl im sozialen und gesellschaftspolitischen wie im rein wirtschaftlichen Bereich. Vielfach herrschen noch Verhaltensweisen vor, die kaum an die Erfordernisse des modernen industriellen Produktionsprozesses angepaßt sind. Die geistige, technische und wirtschaftliche Revolutionierung im europäisch-amerikanischen Kulturkreis, die Voraussetzung für das wirtschaftliche Wachstum war, beginnt in den Entwicklungsländern erst heute zum Tragen zu kommen. Das hängt nicht zuletzt mit weltpolitischen Vorgängen, insbesondere der kolonialen 9 Aus der umfangreichen Literatur seien einige Werke genannt: Peter T. Bauer und Basil S. Yamey: The Economics of Under-developed Countries. London-Cambridge 1957. — Richard F. Behrendt: Soziale Strategien für Entwicklungsländer. Frankfurt 1965. — Hans Besters und Ernst E. Boesch (Hrsg.): Entwicklungspolitik. Handbuch und Lexikon. Berlin, Mainz 1966. — Jagdish Bhagwati: Wirtschaftsprobleme der Entwicklungsländer. München 1966. — Gottfried Eisermann (Hrsg.): Soziologie der Entwicklungsländer. Stuttgart 1968. — Norman S. Buchanan und Howard S. Ellis: Approaches to Economic Development. New York 1955. — Benjamin Higgins: Economic Development. New York 1959. — Albert 0. Hirschman: Die Strategie der wirtschaftlichen Entwicklung (New Häven 1958). Stuttgart 1967. — Reimut Jochimsen: Theorie der Infrastruktur. Tübingen 1966. — Charles P. Kindleberger: Economic Development. 2. Aufl. New York 1965. — W. Arthur Lewis: Die Theorie des wirtschaftlichen Wachstums. Tübingen, Zürich 1956. — Hla Myint: The Economics of the Developing Countries. London 1964. — Gunnar Myrdal: ökonomische Theorie und unterentwickelte Regionen, a.a.O. — Barbara Ward: Die reichen und die armen Völker. München 1962. — Louis J. Zimmerman: Arme und reiche Länder. (Den Haag 1969) Köln 1963. — Eine umfassende Analyse der gegenwärtigen Schwierigkeiten im Entwicklungsprozeß am Beispiel Südasiens bringt Gunnar Myrdal: Asian Drama. 3 Bde. New York 1968. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.6.667 | Generated on 2023-04-04 11:43:51 672 Christian Uhlig Ära zusammen, die eine selbständige Ausrichtung auf die Belange einer eigenständigen Volkswirtschaft weitgehend verhinderten10. Die ursprüngliche Konzentration auf eine selbstversorgende Landwirtschaft ist bis heute strukturbestimmend. Die notwendigen Produktivitätsfortschritte im Bereich von Landwirtschaft und Industrie erfordern insgesamt einen hohen Kapitalaufwand, der die Kapitalkraft vieler Entwicklungsländer übersteigt. Die private Kapitalbildung war infolge des niedrigen Sozialproduktes relativ gering und vor allem in für die moderne Entwicklung häufig unbrauchbaren Anlagearten erfolgt11. Zudem ist das Steuersystem, das dem Staat die für die Finanzierung des Entwicklungsprozesses notwendigen Investitionsmittel verschaffen könnte, häufig nicht sachgerecht organisiert. Hinzu kommt die allgemein zu beobachtende Ineffizienz der Verwaltung. Das Bildungswesen, das die Grundlagen für die Vermittlung und Aufnahme moderner Verhaltensweisen und Techniken bildet, ist nicht ausreichend ausgebaut oder nicht auf die Bedürfnisse der modernen wirtschaftlichen Entwicklung ausgerichtet. Eine wichtige Rolle spielt außerdem die Tatsache, daß die Entwicklungsländer im Außenhandelsbereich sowohl auf der Importais auch auf der Exportseite vom Handel mit den Industrieländern abhängen. Der Bedarf an Kapitalund hochwertigen Konsumgütern muß in den Industrieländern gedeckt werden. Andererseits gehen die Exporte der Entwicklungsländer, die noch immer vor allem Rohstoffexporteure sind, zum größten Teil in die Industrieländer. Das bedeutet, daß die Importkapazität der Entwicklungsländer ganz erheblich von der Nachfrage nach Rohstoffen in den Industrieländern beeinflußt wird. Wenn auch diese Nachfrage nach dem Zweiten Weltkrieg beachtlich gestiegen ist, so ist die Abhängigkeit vom Absatz weniger 10 Durch die Einbeziehung in ein von den entwickelten Ländern wirtschaftlich und vor allem auch politisch beherrschtes Weltwirtschaftssystem wurde durch die Entwicklung der Rohstoffproduktion eine starke Ausrichtung der Struktur der Entwicklungsländer auf die Bedürfnisse der Industrieländer erreicht. Lokale industrielle Produktionsansätze konnten sich dadurch sowie infolge der mangelnden wirtschaftspolitischen Absicherung gegenüber den Machtpositionen der Industrieländer kaum weiter entwickeln. Wenn eine Entwicklung stattfand, so ergab sich in den Überseeländern im wesentlichen eine wirtschaftliche „Contrastruktur", die die Wirtschaftsstruktur der Industrieländer komplementierte. Eine Breitenstruktur mit eigenen Produktionen in verschiedenen Wirtschaftsbereichen bildete sich jedoch nicht heraus. Vgl. dazu Karl Schiller: Zur Wachstumsproblematik der Entwicklungsländer, a.a.O., S. 209. — Gunnar Myrdal: ökonomische Theorie und unterentwickelte Regionen, a.a.O., S. 59. — Ragnar Nurkse: Pattern of Trade and Development. In: Gottfried Haberler und Robert M. Stern (Hrsg.): Equilibrium and Growth in the World Economy. Economic Essays by Ragnar Nurkse. Cambridge (Mass.) 1961. S. 285. — Zur speziellen Entwicklung in Indien: Wilfred Malenbaum: Prospects for Indian Development. London 1962. S. 150 ff. — Ludwig Alsdorf: Vorderindien. Braunschweig 1955. S. 129 f. — W. A. Lewis: a.a.O., S. 73, 382 ff. 11 Vgl. Hirschman: a.a.O., S. 19 ff.; ganz abgesehen davon regen die Risiken am heimischen Markt zur Kapitalflucht an. Vgl. dazu Walter Krämer: Kapitalflucht aus Entwicklungsländern. Bielefeld 1969. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.6.667 | Generated on 2023-04-04 11:43:51 Wirtschaftswachstum der Entwicklungsländer und Entwicklungshilfe 673 Massenprodukte insofern problematisch, als sich die Schwankungen der Konjunktur in den Industrieländern schnell auf die Absatzlage der Entwicklungsländer auswirken. Zudem besteht bei vielen Produkten die Tendenz, daß infolge geringer Nachfrageelastizität der Absatz trotz sinkender Preise kaum steigt, so daß häufig ein Stagnieren, wenn nicht sogar ein Absinken der Deviseneriöse die Folge ist. Die allgemeine Devisenund Kapitalknappheit der Entwicklungsländer, die sich nicht zuletzt in der schnellen Erhöhung der Nettoverschuldung gegenüber dem Ausland12 niederschlägt, ist einer der Hauptgründe dafür, warum die Übertragung von Kapitalmitteln zu günstigen Bedingungen aus den Industrieländern einen unverzichtbaren Faktor für das wirtschaftliche Wachstum der Entwicklungsländer darstellt. III. Der Bedarf an Entwicklungshilfe Um eine Vorstellung vom Gesamtproblem zu erhalten, soll zunächst geprüft werden, in welchen Größenrelationen der Kapitalbedarf der Entwicklungsländer und der notwendige Zufluß an Entwicklungshilfemitteln gesehen werden muß. Das Problem der Kapitallücke in Entwicklungsländern ist vielfach diskutiert worden und hat eine Reihe von Bedarfsrechnungen angeregt, die je nach den zugrunde gelegten Prämissen zu unterschiedlichen Werten gelangten. In einer frühen Studie von 1951 schätzten die Vereinten Nationen den jährlichen Kapitalbedarf auf durchschnittlich 19,1 Mrd. $, wenn bei einem erwarteten Bevölkerungswachstum von 1,25% eine Einkommenssteigerung pro Kopf der Bevölkerung von 2 % gewünscht wird. Als Ausgangsbasis wurde das Volkseinkommen des Jahres 1949 in Höhe von 97 Mrd. $ für alle Entwicklungsländer zugrunde gelegt. Die heimische Ersparnisbildung lag bei 5,2 Mrd. d. h. also nur bei etwa 5 % des Volkseinkommens. Der jährlich notwendige Zufluß an Auslandshilfe wurde dementsprechend auf knapp 14 Mrd. $ berechnet13. Andere Autoren kamen aufgrund günstigerer Prämissen zu wesentlich niedrigeren Werten, nämlich zu einem jährlichen Auslandskapitalbedarf von etwa 6,5—7,5 Mrd. $14. Rosenstein-Rodan 12 Diese wurde von der Weltbank für 1967 auf 43,6 Mrd. $ geschätzt. Die Höhe der Zinsund Tilgungszahlungen liegt bei 4 Mrd. Zwischen 1962 und 1967 stieg die Verschuldung jährlich, um etwa 10%). Vgl. OECD (Hrsg.): Development Assistance. 1968 Review. Paris 1968. S. 134 f. 13 Vgl. United Nations: Measures for the Economic Development of Underdeveloped Countries. Report by a Group of Experts appointed by the Secretary General of the United Nations. New York 1961. S. 75 ff. — Dazu audi Willy Kraus: Entwicklung der Wirtschaft. In: Besters u. Boesch (Hrsg.): a.a.O., S. 452 ff., bes. S. 504. 14 So z. B. Max M. Millikan and Walt W. Rostow: A Proposal. Key to an Effective Economic Policy. New York 1958. — Paul G. Hoffmann: One Hundred Countries, One and One Quarter Billion People. Washington 1960. 43 Schmollers Jahrbuch 90,6 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.6.667 | Generated on 2023-04-04 11:43:51 674 Christian Uhlig berechnete für die Zeit von 1962—76 für eine von 1,8 auf 2,5 % ansteigende Wachstumsrate des Pro-Kopf-Einkommens einen Bedarf an Auslandskapital von insgesamt 89 Mrd. $, d. h. von jährlich 6,4 Mrd. $ für 1962—1971 und von 5,0 Mrd. $ für 1972—197615. Eine weitere Schätzung fertigte 1959 das GATT an. Bei dem Ziel einer realen Pro-Kopf-Einkommens-Erhöhung von 3,2 % und einem Bevölkerungswachstum von 2%, einem konstanten Kapitalkoeffizienten (gleich reziproke Kapitalproduktivität) von 3 :1 sowie einer heimischen Sparrate für 1960 von 7%>, die bis 1969 auf 10,2% ansteigt, ergab sich ein Auslandskapitalbedarf für 1960 von 12,9 Mrd. $ und für 1969 von 12,7 Mrd. $16. Tinbergen errechnete 1964, daß die Entwicklungshilfe von damals 8,4 Mrd. $ auf mindestens 15 Mrd. und später auf 20 Mrd. $ jährlich steigen müsse, um ein jährliches Wachstum von 2—4% zu erreichen. Diese Zahlungen müßten über eine längere Zeit von mindestens 20 Jahren geleistet werden17. Prebisch hatte in einer allerdings stark kritisierten Vorausschätzung des Handelsdefizits der Entwicklungsländer für 1970 einen Devisenbedarf von 20 Mrd. $ festgestellt18. Balassa hat den „trade gap" dagegen auf lediglich 9,4—12 Mrd. $ geschätzt19. 15 Vgl. Paul N. Rosenstein-Rodan: Bedarfsbestimmung und Verwendungsplanung von Auslandsmitteln in Entwicklungsländern. Konjunkturpolitik, 1964, S. 163 ff. — Ders.: International Aid for Underdeveloped Countries. The Review of Economics and Statistics, Bd. 43 (1961), S. 117 f. Rosenstein-Rodan definiert dabei als Kapitalhilfe die Mittel, die für Entwicklungszwecke langfristig vergeben werden. Er schließt deshalb Exportkredite, die er überwiegend als Absatzhilfen für die Industrie der Geberländer ansieht, sowie kurzfristige Kapitalübertragungen und den speziell von den USA gewährten „Defense Support" als Entwicklungshilfe aus. Auch die privaten Auslandsinvestitionen, die durch den Marktmechanismus ausgelöst werden und dem Investor Renditen bringen, sieht er nidit als echte Entwicklungshilfe an. Immerhin berücksichtigt er diese bei der Berechnung des gesamten Kapitalflusses in Entwicklungsländer, die ölinvestitionen allerdings nur zur Hälfte. Vgl. Rosenstein-Rodan: International Aid, a.a.O., S. 109 f. 16 GATT: International Trade 1959. Geneva 1960. S. 50 f. Hinsichtlich der Erhöhung der Ersparnis wird angenommen, daß die marginale, auf den Einkommenszuwachs bezogene Sparquote mit 25 °/o beträchtlich über der durchschnittlichen Quote von 7°/o liegt. In den Berechnungen von Rosenstein-Rodan wird die marginale Sparquote nur als doppelt so hoch wie die durchschnittliche angenommen. 17 Vgl. Jan Tinbergen: Shaping the World Economy. New York 1962. S. 120 f. — Dazu auch „Entwicklungshilfe muß verdoppelt werden". Interview mit Jan Tinbergen. Wirtschaftsdienst, 44. Jg. (1964), S. 405 ff. 18 Vgl. Raul Prebisch: Towards a New Trade Policy for Development. Report of the Secretary General of the UNCTAD. Genf 1964; später rechnete die UNCTAD für 1975 mit einem „trade gap" von 17 bis 26 Mrd. $ in Preisen von 1960. Vgl. OECD (Hrsg.): 1968 Review, a.a.O., S. 33. — Zur Kritik vgl. Institut für Weltwirtschaft der Universität Kiel (Hrsg.): Auswertung der Dokumentation der Welthandelskonferenz. Heft 1. Stuttgart 1966, S. 71 ff. — Harry G. Johnson (Economic Policy towards Less Developed Countries. London 1967. S. 27) bezeichnete Prebischs Schätzungen als „dramatisierende Statistik". 18 Bela Balassa: Trade Prospects of Developing Countries. Homewood 1964. S. 104 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.6.667 | Generated on 2023-04-04 11:43:51 Wirtschaftswachstum der Entwicklungsländer und Entwicklungshilfe 681 und heimischer Sparrate mit dem Bedarf an Auslandskapital gleichgesetzt. Tatsächlich handelt es sich aber zunächst lediglich um die Feststellung einer Finanzierungslücke. Es wäre denkbar, daß diese teilweise durch die Aktivierung bisher ungenutzter heimischer Ressourcen geschlossen wird. Im vorliegenden Fall soll jedoch die volle Differenz den Bedarf an Auslandshilfemitteln bezeichnen. Den Berechnungen liegt also die Hypothese zugrunde, daß der limitierende Faktor des Wachstums die nicht ausreichend vorhandenen Investitionsmittel sind, die durch Zufluß von Auslandshilfe ergänzt werden müssen. Daß es sich bei der Annahme, die heimische Sparrate sei der einzige limitierende Faktor für das notwendige Wachstum um eine starke Vereinfachung handelt, sei betont. Chenery und Strout heben als weitere Problemfaktoren das beschränkte Angebot an technischem und organisatorischem Wissen, die begrenzte Möglichkeit der Beschaffung von importierten Gütern und Diensten sowie für die langfristige Entwicklung die relativ geringe strukturelle Flexibilität zur Anpassung an Veränderungen der internen und externen Nachfrage hervor43. Die Bedarfsberechnungen beruhen im allgemeinen auf einem Wachstumsmodell des Harrod-Domar-Typs mit linear-limitationaler Produktionsfunktion Y = / (/C, L), wobei Y das Bruttosozialprodukt, K den Kapitalbestand und L das Arbeitsangebot bezeichnen44. Es wird unterstellt, daß Kapitalbestand und Sozialprodukt bzw. deren Veränderungen in bestimmter Relation zueinander stehen. Diese Beziehung wird durch den durchschnittlichen bzw. marginalen Kapitalkoeffizienten K AK. I (k — y bzw. ^Y oder ^y 9 wobei / die Veränderung des Kapitalbestandes, also die Investition, darstellt) ausgedrückt45. Als limitierender Faktor für das Wachstum wird wegen der vorausgesetzten hohen Elastizität des Arbeitsangebots sowie der konstanten Produktionstechnik allein das Kapital angesehen. So wird der Kapitalkoeffizient als Konstante behandelt, d. h. der Zuwachs des Sozialproduktes ist eine lineare Funktion der Erhöhung des realen Kapitalbestandes bzw. der Investition46. « Vgl. Chenery und Strout: a.a.O., S. 681 ff. 44 Zur Ableitung des Modells vgl. Kurt Eisner: Wachstumsund Konjunkturtheorie. In: Werner Ehrlicher, Ingeborg Esenwein-Rothe, Harald Jürgensen, Klaus Rose (Hrsg.): Kompendium der Volkswirtschaftslehre. Bd. 1, Göttingen 1967. S. 252 ff. — Alfred E. Ott: Einführung in die dynamische Wirtschaftstheorie. Göttingen 1963. S. 215 ff. — Stephen Enke: Economics for Development. London 1964. S. 174 ff. — Albert O. Hirschmann: a.a.O., S. 27 ff. 45 Der reziproke Wert des Kapitalkoeffizienten ergibt die Produktivität der Investition (—= —). 46 Chenery und Strout bemerken, daß die Wahl eines konstanten Kapitalkoeffizienten „a matter of convenience" sei. „The introduction of a nonlinear relation OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.6.667 | Generated on 2023-04-04 11:43:51 682 Christian Uhlig Für die folgende Betrachtung ist vor allem der Domarsche Ansatz interessant. Dieser „geht von der ,dualistischen Natur6 der Investition aus", d. h. von deren Kapazitätsund Einkommenseffekt. Es wird die Rate des Investitionszuwachses ausgewiesen, die für die Realisierung eines störungsfreien, gleichgewichtigen Wachstums notwendig ist47. Dieser Aspekt ist der Situation in den Entwicklungsländern angemessen, da es dort darauf ankommt, den für die Erhöhung des Sozialprodukts notwendigen Investitionsbedarf zu ermitteln. Die Investitionen von heute haben in der nächsten Periode einen durch die Höhe des Kapitalkoeffizienten bestimmten Kapazitätseffekt für das Sozialprodukt; deshalb (1) h =k(Yt + 1-Yt) . Die Höhe der Investitionen in der Periode t folgt aus (2) It =Yt-Cti wobei (3) Ct = c-Yt = (l-s)Yt . c bezeichnet die Konsumquote, s die Sparquote. Aus (1), (2) und (3) ergibt sich die homogene Differenzengleichung 1. Ordnung mit der allgemeinen Lösung (4) Yt = Y0.(l+^j Für die Investition errechnet sich daraus unter Annahme von It = St = s-Yt (5) w0.(1+|.y. Die Wachstumsrate (w) für das Sozialprodukt wie die Investition ist danach (6) to = £ . between capital and output would not materially effect the conclusions of our analysis. Intercountry regression analyses suggest that there is a reduction in the capital-output ratio at higher growth rates but little relation to per capita income. Efforts to estimate more general production functions from time series in underdeveloped countries have been quite inconclusive because of the limited data available" (a.a.O., S. 685, Fußnote 11). 47 Ott: a.a.O., S. 215. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.6.667 | Generated on 2023-04-04 11:43:51 Wirtschaftswachstum der Entwicklungsländer und Entwicklungshilfe 683 Das Wachstum des Sozialprodukts bzw. aller anderen Größen, z.B. der Investition, wird also durch die Höhe der Sparquote, des Kapitalkoeffizienten bzw. der Produktivität der Investition bestimmt. Da es bei der Feststellung des Kapitalbedarfs der Entwicklungsländer um das wirtschaftspolitische Problem geht, für eine im vorhinein als erwünscht angesehene Zielgröße des Sozialproduktwachstums (wr) den notwendigen Sparbzw. Investitionsbedarf (sr) festzustellen, läßt sich auch schreiben48 (7) sr = wr-k . Da es in den Entwicklungsländern vor allem auf die Steigerung des Sozialprodukts pro Kopf ankommt, zugleich aber mit einer beträchtlichen Wachstumsrate der Bevölkerung (6) zu rechnen ist, muß dieser Aspekt besonders in die Rechnung einbezogen werden. Kompliziert wird die Situation außerdem dadurch, daß meist die heimische Spartätigkeit in den entsprechenden Ländern nicht ausreicht, um die Realisierung einer bestimmten Zielgröße des Sozialproduktzuwachses pro Kopf (r) zu ermöglichen. Die tatsächlich notwendige Investitionsquote (ir) dürfte also im allgemeinen größer als die heimische Sparquote (sh) sein, ir (nach (7) = sr = wr' k) muß also als zu bestimmende Variable den Rechnungen zugrunde gelegt werden. Anschließend stellt sich dann die Frage, wie die notwendigen Investitionen finanziert werden können. Dabei ergibt sich möglicherweise eine Lücke zwischen notwendigen Investitionen (Ir) und tatsächlichem heimischen Sparen (SÄ), das den für das angestrebte Wachstum benötigten Auslandskapitalbedarf (A) anzeigt. Solange diese Lücke besteht, ist ein selbsttragendes Wachstum der Entwicklungsländer bei gegebenen Zielgrößen nicht gesichert49. Unter Berücksichtigung der Rate des inländischen Bevölkerungswachstums (b) sowie der angestrebten Zielgröße des Sozialproduktzuwachses pro Kopf (r) muß das Sozialprodukt in der Zeit zumindest wie folgt zunehmen50: (8) Yrt = Y0 [(1 + b) (1 + r)]t . 48 Vgl. dazu Jan Tinbergen und Hendricus C. Boos: Mathematical Models of Economic Growth. New York u. a. 1962. S. 16. 49 Die Ableitungen folgen den Gedankengängen für das Modell des „investmentlimited growth" von Chenery und Strout, allerdings ohne Beschränkung durch eine begrenzte Investitionsfähigkeit. (Vgl. a.a.O., S. 685 ff.) 50 Abgeleitet von Yt + 1 = Yt + b • Yt + r • Yt + r • b • Yt; eine weitergehende Ableitung bei Harald Jürgensen: Die Funktionen des Kapitalexports für Entwicklungsländer. Schriften des Vereins für Socialpolitik. NF, Bd. 16. Berlin 1959. S. 53 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.6.667 | Generated on 2023-04-04 11:43:51 684 Christian Uhlig Wächst das Sozialprodukt lediglich um (1 + wobei r offensichtlich gleich 0 ist, so würde nur ein konstantes Versorgungsniveau gehalten. Wirtschaftlicher „Fortschritt", wie Zimmerman formuliert, tritt jedoch erst auf, wenn die Zielgröße r>0 ist51. Aus (8) ergibt sich die Rate des erwünschten Wachstums des Sozialprodukts (9) wr = (1 + b) (1 + r) - 1 . Eingesetzt in (7) unter Berücksichtigung von ir = sr errechnet sich die notwendige Investitionsquote (10) ir = wr • k = k [(1 + b) (1 + r) - 1] . Die notwendige Investitionsquote hängt also von der Höhe des Kapitalkoeffizienten, vom Bevölkerungswachstum und der angenommenen Zielgröße des Sozialprodukts pro Kopf ab. Der in der Periode t benötigte Investitionsbedarf ergibt sich dann unter Berücksichtigung von / = i-Y aus (5), (6) und (10) als Irt = k • YQ [(1 + b) (1 + r) - 1] - [(1 + b) (1 + r)]t bzw. vereinfacht (11) Iri = vY0(l + wr)* . Wie erwähnt ist die Finanzierung der Investitionen üblicherweise nur durch das heimische Sparen und einen Auslandskapitalzufluß möglich. Es ist also Irt = Sht + At . Der Auslandskapitalbedarf ergibt sich folglich als Differenz von Investitionsbedarf und heimischem Sparaufkommen, also (12) At = Irt - Sht . Für diese Gleichung ist noch die Höhe des tatsächlichen heimischen Sparaufkommens zu bestimmen. Es ist davon auszugehen, daß die durchschnittliche Sparquote über die Zeit nicht konstant bleibt, sondern mit zunehmendem Einkommen ansteigt. Es ist also die Höhe der marginalen Sparquote (s') zu berücksichtigen52. Es wird unterstellt, daß das heimische Sparen in der Periode t (13) Sht = Sh0 + s'-(YrtY0) 51 Vgl. Zimmerman: a.a.O., S. 98. 52 Die marginale Sparquote wird dabei über die Zeit hin als konstant angesehen. Diese Prämisse dürfte allerdings in der Wirklichkeit nicht immer zutreffen. Vgl. dazu Dürr: a.a.O., S. 232. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.6.667 | Generated on 2023-04-04 11:43:51 Wirtschaftswachstum der Entwicklungsländer und Entwicklungshilfe 685 beträgt. Unter Berücksichtigung von (4) und (7) erhält man (14) Sht = Y0 [sh + s' • <(1 + wT)t - 1>] . Nach Einsetzen von (11) und (14) in (12) ergibt sich die Gleichung für den Auslandskapitalbedarf. (15) At = Y0 [wr - k • (1 + wr)t - (sh + s' [(1 + wr)t - 1]>] . Dabei ist zu berücksichtigen, daß nach (9) wr = (1 + b) (1 + r) - 1 . V. Berechnung des Entwicklungshilfebedarfs bis 1980 Wendet man nun das Modell auf die tatsächliche Situation in den Entwicklungsländern an, so läßt sich die folgende Berechnung vornehmen: 1968 erreichten die Entwicklungsländer schätzungsweise ein reales Bruttosozialprodukt von etwa 300 Mrd. $. Bei einer Bevölkerungszahl von insgesamt 1728 Mill. ergeben sich daraus pro Kopf der Bevölkerung 175 $53. Setzt man das für die erste Entwicklungsdekade erwartete Wachstum des Bruttosopialprodukts von jährlich 5% als Zielgröße und unterstellt eine Rate des Bevölkerungswachstums von jährlieh 2,5%, so müßte das Bruttosozialprodukt bis 1970 330 Mrd. $ erreichen. Das Sozialprodukt pro Kopf würde auf 183 $ steigen; die jährliche Zuwachsrate betrüge dann 2,24 %54. Die für die Realisierung dieses Sozialproduktes im Jahre 1970 benötigten Investitionsmittel errechnen sich nach Gleichung (11). Legt man einen Kapitalkoeffizienten von 3,5 : 1 zugrunde, so würde der Investitionsbedarf bei 58,2 Mrd. $ liegen, bei einem Kapitalkoeffizienten von 3 :1 bei 49,9 Mrd. $55. Bei Annahme einer heimischen Sparquote 53 Das Sozialprodukt wurde aufgrund der von den United Nations für 1963 angegebenen Werte unter Berücksichtigung der durchschnittlichen Wachstumsraten des realen Sozialprodukts bis 1968 nach Tab. 1 berechnet. Vgl. UN (Hrsg.): Statistical Yearbook 1968. New York 1969. S. 591 ff. Tab. 191. - Die Bevölkerungszahl nach UN (Hrsg.): Monthly Bulletin of Statistics, Vol. XXIV (1970), Heft 1, S. 1 ff., Tab. 1. 54 Ist das Wachstum des Bruttosozialprodukts als Zielgröße gegeben und eine bestimmte Höhe des Bevölkerungswachstums unterstellt, dann erscheint das Wachstum des Sozialprodukts pro Kopf als abhängige Variable. Sie wird nach Umformung von Gleichung (9) wie folgt bestimmt: r = — 1 + 6 55 Chenery und Strout gelangten bei ihren Berechnungen für die Periode 1957 bis 1962 für 31 Entwicklungsländer im Mittel zu einem Kapitalkoeffizienten von 3,5 : 1 (a.a.O., S. 684); auch Jan Tinbergen hält diese Relation für realistisch. Vgl. seinen Beitrag Methodik der Entwicklungsplanung. In: Besters und Boesch (Hrsg.): a.a.O., S. 676 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.6.667 | Generated on 2023-04-04 11:43:51 686 Christian Uhlig von durchschnittlich 12% und marginal von 20% wäre entsprechend Gleichung (15) ein Auslandskapitalzuiluß von 16 Mrd. $ (Alternative A) bzw. 7,7 Mrd. $ (Alternative B) notwendig, um die Realisierung des gewünschten Sozialprodukts 1970 zu gewährleisten (Tab. 2)56. Interessant ist nun die Anwendung des Modells auf die Zielsetzung der Zweiten Entwicklungsdekade. Danach soll das jährliche Zielwachstum des realen Bruttosozialprodukts bei 6% liegen. Geht man wiederum davon aus, daß auch für diese Periode ein Bevölkerungswachstum von jährlich 2,5% angenommen werden muß, so würde danach das Pro-Kopf-Produkt jährlich durchschnittlich um 3,4% steigen. Auf der Basis eines Sozialprodukts für 1970 von 330 Mrd. $ müßten danach für 1975 411,6 Mrd. $ und für 1980 591 Mrd. $ ereidit werden. Die Bevölkerung stiege von 1 816 Mill. auf 2 054 bzw. 2 324Mill. Das Sozialprodukt pro Kopf würde ausgehend von 183 $ 1975 216 $ und 1980 256 $ betragen. Aus Tabelle 2 geht deutlich die beträchtliche Steigerung des Investitionsbedarfs hervor, der schließlich 1980 nach Alternative A 124 Mrd. nach Alternative B 106 Mrd. $ ausmacht. Allerdings nimmt auch das heimische Sparaufkommen zu. Es zeigt sich jedoch, daß hier eine wesentliche Aktivierung stattfinden muß, soll nicht die benötigte Auslandshilfe eine auf die Dauer kaum haltbare Größenordnung erreichen. Denn bei Annahme von heimischen Sparquoten von durchschnittlich 12% und marginal 20% würde der Bedarf an Auslandskapital von 1970 16 Mrd. $ auf 1975 31 Mrd. $ und 1980 32 Mrd. $ steigen. Das bedeutet, daß das Sparverhalten nicht dem zum Ziel gesetzten Wachstum entsprechen würde, denn der Bedarf an Auslandshilfe nimmt von 1970 bis 1980 nicht ab, sondern zu. Eine günstigere Situation würde sich ergeben, wenn die Sparquoten mit durchschnittlich 15% und marginal 25% angesetzt werden57. Dann läge der Bedarf an Auslandskapital nach Alternative A 2) für 1975 bei 15,4 Mrd. und 1980 bei nur nodi 9,4 Mrd. $. Eine weitere bedeutsame Verbesserung würde eintreten, wenn sich der Kapitalkoeffizient auf die allerdings außergewöhnlich günstige Relation von 3 :1 drücken ließe. Dann betrüge bei Annahme der niedrigeren Sparneigung (Alternative B 1) der Auslandskapitalbedarf 1975 nur 17,4 und 1980 14.6 56 Nach Untersuchungen der UNGTAD erreicht nur Vs der Entwicklungsländer eine heimische Sparrate von durchschnittlich 20°/o, woran vor allem die ölproduktionsländer beteiligt sind; 1U aller Länder weist Sparraten unter 10% auf. Vgl. OECD (Hrsg.) : 1968 Review, a.a.O., S. 125 ff. — Chenery und Strout berechneten Raten zwischen 9 und 16 •%, im Durchschnitt von 12l0/o. Die marginale Rate lag zwischen 2 und 26fl/o, im Durchschnitt bei 19°/o (a.a.O., S. 684). 57 Daß eine solche Annahme voraussetzt, daß u. a. das Problem der Kapitalflucht aus Entwicklungsländern gelöst wird, sei unterstrichen. Vgl. dazu Krämer: Kapitalflucht aus Entwicklungsländern, a.a.O., passim. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.6.667 | Generated on 2023-04-04 11:43:51 Wirtschaftswachstum der Entwicklungsländer und Entwicklungshilfe 687 Tabelle 2 Der Kapitalbedarf der Entwicklungsländer bis 1975 bzw. 1980 1970 1975 1980 Bruttosozialprodukt (Mrd. $) (Zielrate des Wachstums wr bis 1970 5 %, bis 1980 6 o/o jährlich) 330 442 591 Bevölkerung (Mill.) (Zuwachsrate b = 2,5 °/o jährlich) 1816 2 054 2 324 Sozialprodukt pro Kopf ($) (Zuwachsrate r bis 1970 2,24 °/o, bis 1980 3,41 % jährlich) 183 216 256 Investitionsbedarf ( It ) (Mrd. $) A) Kapitalkoeffizient 3,5 : 1 B) Kapitalkoeffizient 3:1 58,2 49,9 92,7 79,5 124,1 106,4 Heimisches Sparaufkommen ( S (Mrd. $) 1) s = 12 °/o; s' = 20% 2) s = 15%; s' = 25% 42,2 61,9 77,4 91,8 114,8 Auslandskapitalbedarf ( At ) (Mrd. $) AI) A 2) B 1) B 2) 16,0 7,7 30,8 15,3 17,6 2,1 32,3 9,3 14,6 0 — = nicht berechnet Mrd. $. Im Falle der Erhöhung der Sparneigung (Alternative B 2) könnte 1975 fast eine volle Deckung des Investitionsbedarfs durch heimisches Sparaufkommen erreicht werden. 1980 würde die Auslandshilfe völlig überflüssig. Es ergäbe sich sogar ein Sparüberschuß, der eine Erhöhung der Investitionsquote und damit der Wachstumsrate ermöglichen würde. Es bestände dann immerhin die Aussicht auf ein „self-sustained growth". Es sei nochmals darauf verwiesen, daß diesen Berechnungen ein stark spekulativer Charakter anhaftet. Sie können nicht mehr als grobe Anhaltspunkte für den quantitativen Verlauf des Entwicklungsprozesses und den möglichen Bedarf an Auslandskapital vermitteln. In diesem Zusammenhang seien hier die Hinweise Hirschmans zitiert, der feststellt: „Es schadet ... natürlich nichts, solche Berechnungen anzustellen, wenn nicht mehr erwartet wird, als daß sie eine ungefähre Vorstellung von dem Kapitalbetrag vermitteln, der im Verlauf des Wachstumsprozesses wahrscheinlich gebraucht wird. Doch wenn OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.6.667 | Generated on 2023-04-04 11:43:51 688 Christian Uhlig man glaubt, daß die in dem Modell angenommenen funktionalen Beziehungen eine sinnvolle Beschreibung des Entwicklungsprozesses darstellen, kann ein Punkt erreicht sein, an dem das Modell eher zu einem Hindernis als zu einer Hilfe für das Verständnis der Wirklichkeit der unterentwickelten Länder wird58." VI. Vergleich von Bedarf und tatsächlichen Leistungen Wie sieht nun ein Vergleich mit den Ist-Zahlen der Entwicklungshilfeleistungen aus? In den Jahren 1957 bis 1968 sind von den im Development Assistance Committee (DAC) der OECD zusammengeschlossenen westlichen Industrieländern insgesamt 111,0 Mrd. $ (ohne Militärhilfe), von der Sowjetunion und den übrigen Ostblockländern etwa 3,5 Mrd. $ in die Entwicklungsländer geflossen59. Im Durchschnitt wurden also jährlich Mittel in Höhe von 9,5 Mrd. $ übertragen. Die Gesamtsumme für die Jahre 1957—1968 entspricht etwa dem jährlichen Volkseinkommen eines hochentwickelten Landes wie z. B. der Bundesrepublik. 1968 leisteten die DAC-Mitglieder einen Entwicklungshilfebeitrag von 12,9 Mrd. davon 7,2 Mrd. aus öffentlichen Mitteln. Einschließlich der Leistungen der übrigen Länder (einschl. des Ostblocks) sowie der multilateralen Institutionen wurden 13,1 Mrd. $ aufgebracht. Der Gesamtbetrag der OECD-Länder entsprach einer Relation von 0,97 °/o ihres Volkseinkommens bzw. von 0,77% ihres Bruttosozialproduktes. Bei den öffentlichen Leistungen lag die Relation zum Sozialprodukt bei 0,43 %60. Vergleicht man diese Leistungen für 1968 mit dem auf der Basis des oben entwickelten Modells zu errechnenden Auslandshilfebedarfs, so ergibt sich folgendes Bild. Bei einer Zielgröße des Sozialproduktwachstums von 5% jährlich beläuft sich der Investitionsbedarf zur Realisierung des Zuwachses 1969 bei einem Kapitalkoeffizienten von 3,5 :1 auf 55,1 Mrd. $. Unterstellt man nun eine heimische Sparquote von durchschnittlich 12 % und marginal 20 %, so betrüge das heimische Sparaufkommen etwa 39 Mrd. $. Der Auslandskapitalbedarf liegt danach bei etwa 16 Mrd. Die tatsächlichen Leistungen von 13 Mrd. $ können also den Bedarf bisher nicht voll decken. Dabei ist zudem zu berücksichtigen, daß in dem ausgewiesenen Leistungsbetrag 58 Hirschman: a.a.O., S. 29. 5» Vgl. OECD (Hrsg.): Jahresprüfung 1969, a.a.O., S. 419 bzw. 88; bei den Zahlen für den Ostblock handelt es sich um sehr grobe Schätzungen. Angaben über den Mittelfluß nach Kuba und Jugoslawien sind nicht enthalten. 60 Vgl. OECD (Hrsg.): Development Assistance Committee. Statistical Tables for the 1969 Annual Aid Review. Paris 1969. S. 14 und 58 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.6.667 | Generated on 2023-04-04 11:43:51 Wirtschaftswachstum der Entwicklungsländer und Entwicklungshilfe 689 alle öffentlichen und privaten Leistungen, einschließlich der kurzund mittelfristigen Exportkredite, der Stützungshilfen, Reparationszahlungen usw. enthalten sind. Die Summe entspricht also nicht den von Rosenstein-Rodan zugrundegelegten Kriterien. Die öffentlichen Leistungen allein sind weit von dem Bedarfswert entfernt. Weiterhin handelt es sich um Nominalzahlen, während sich die Zielgrößen und dementsprechend die Bedarfsberechnung auf das reale Wachstum beziehen. Der nominale Bedarf läge also höher, so daß sich der Abstand zu den Leistungen vergrößert. Dennoch erscheint der Hinweis berechtigt, daß die erbrachten Gesamtleistungen — bei allen Einschränkungen, die hinsichtlich ihrer Struktur und Effizienz zu machen sind — einen respektablen Teil des Auslandskapitalbedarfs, wie er nach dem Modell zu errechnen ist, decken konnten. Der tatsächliche Kapitalfluß hat somit sicherlich nicht wenig zur Erreichung des jetzigen Sozialproduktes der Entwicklungsländer beigetragen. Die zukünftige Entwicklung des Mittelflusses hängt davon ab, an welcher Sollgröße — 1 % des Volkseinkommens oder 1 °/o des Bruttosozialprodukts — sich die Geberländer orientieren, ob sie den gesetzten Satz erfüllen und vor allem, welches Wachstum sie selbst verwirklichen können. Was die Festlegung des Satzes anbetrifft, ist die — zumindest moralische — Verbindlichkeit von 1 % des Bruttosozialprodukts jetzt wohl eindeutig klar. Audi der Pearson-Bericht legt ihn seinen Empfehlungen zugrunde. Zur Konkretisierung und um die Regierungen eindeutiger zu verpflichten, wird dort außerdem empfohlen, daß die öffentlichen Entwicklungsleistungen auf 0,7 % des Bruttosozialprodukts der Geberländer gesteigert werden61. Nach Projektionen der OECD wird das Bruttosozialprodukt der Mitgliedsländer bis 1975 um jährlich durchschnittlich 4,3 °/o steigen. Die Entwicklungshilfeverpflichtung würde sich bei Orientierung am Bruttosozialprodukt dann für 1975 auf insgesamt 21 Mrd. $, bei einem Anteil der öffentlichen Leistungen von 0,7 % des Bruttosozialproduktes auf allein etwa 15 Mrd. $ stellen62. Soll dieser Wert erreicht werden, dann müßte das Gesamtaufkommen an Entwicklungshilfeleistungen für 1975 immerhin um 64 % gegenüber 1968 gesteigert werden63. Das würde beträchtliche zusätzliche Anstrengungen von Seiten der Geberländer voraussetzen; denn 1968 lagen die Gesamtleistungen — also einschließlich der privaten Mittel — nur um 40% höher als 1961. Die 61 Ware 1968 dieser Satz erfüllt worden, so hätte allein die öffentliche Entwicklungshilfe 11,6 Mrd. $ erbracht. Vgl. Pearson-Beridit: a.a.O., S. 180 ff. 62 Zu den angegebenen Berechnungen vgl. OECD (Hrsg.): Review, a.a.O., S. 31 ff.; die Schätzung der öffentlichen Leistungen durch die Pearson-Kommission geht sogar auf 16,2 Mrd. $ (vgl. a.a.O., S. 181 f.). 63 Der Pearson-Beridit nennt als notwendige durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der öffentlichen Leistungen von 1968 bis 1975 14,1% (vgl. a.a.O., S. 182). 44 Schmollers Jahrbuch 90,6 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.6.667 | Generated on 2023-04-04 11:43:51 690 Christian Uhlig öffentlichen Mittel waren sogar nur um 18% gestiegen. Da der Zuwachs des Sozialproduktes beachtlich größer war, sank der Anteil der Gesamtleistungen am Bruttosozialprodukt von 0,96 °/o (1961) auf 0,77% (1968), der der öffentlichen Leistungen von 0,68 auf 0,43 64. Vergleicht man für 1975 den Sollwert der gesamten öffentlichen und privaten Entwicklungshilfeleistungen mit dem nach der Modellrechnung ermittelten Bedarf, so ist im Vergleich zur Alternative A 1) noch mit einer beträchtlichen Lücke (10 Mrd. $) zu rechnen. Könnte man dagegen von der Alternative A2), also einer höheren Eigensparleistung, ausgehen, so wäre die Deckung des Bedarfs entsprechend der Zielgröße des erwünschten Sozialproduktzuwachses gut zu erreichen. Es ergäbe sich sogar die Chance, durch ein über den Mindestbedarf hinausgehendes Angebot von Entwicklungshilfe ein etwas höheres Wachstum des Sozialprodukts pro Kopf als das angestrebte von 3,4% im Jahr zu verwirklichen. Bis 1980 würde sich bei anhaltendem Wachstum der Industrieländer und weiterer Bereitstellung von 1 % des Bruttosozialprodukts für die Entwicklungshilfe auch die Deckung des Auslandshilfebedarfs nach Alternative A 1) ermöglichen lassen. Könnte die heimische Ersparnis in den Entwicklungsländern allerdings auf die Werte der Alternative A 2) gebracht werden oder sollte es tatsächlich gelingen, aufgrund der Ausreifung langfristiger Großinvestitionen eine Senkung des Kapitalkoeffizienten auf 3 :1 zu erreichen, dann wäre erstmals die Möglichkeit gegeben, den Hilfefluß einzuschränken. Er könnte aber auch zu einer erheblichen Erhöhung der Gesamtinvestitionen in den Entwicklungsländern verwendet werden. Dadurch würde eine weitere Anhebung der Wachstumsrate des Sozialprodukts realisiert und die Aussicht verbessert werden können, das Ziel eines selbsttragenden Wachstums auf höherem Niveau zu erreichen. Voraussetzung für all das ist jedoch, daß die Leistungen der Geberländer tatsächlich auf die vereinbarten 1 % des Bruttosozialproduktes steigen. Hier sind allerdings angesichts der weltweit zu beobachtenden Entwicklungshilfemüdigkeit, insbesondere in den USA, und der für die Vergangenheit zu beobachtenden Steigerungsraten bei der Bereitstellung von Entwicklungshilfe beträchtliche Vorbehalte anzumelden; Abschließend sei nochmals darauf verwiesen, daß Schätzungen des Kapitalbedarfs und die daraus abgeleiteten Maßnahmen zur Bereitstellung finanzieller Entwicklungshilfemittel nur ein Teil einer gezielten Entwicklungshilfestrategie sein können. Es ist Galbraith zuzustimmen, daß die Entwicklungsziele nicht einseitig wirtschaftlich-quantitativ ausgerichtet sein dürfen, sondern auch kulturell-soziale Aspekte berück64 Vgl. OECD (Hrsg.): Jahresprüfung 1969, a.a.O., S. 419 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.90.6.667 | Generated on 2023-04-04 11:43:51