Soziale Liebe im Vergleich zu anderen Maximen des zwischenmenschlichen Lebens
Abstract
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Full text
Wiese, Leopold von Article Soziale Liebe im Vergleich zu anderen Maximen des zwischenmenschlichen Lebens Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Wiese, Leopold von (1966) : Soziale Liebe im Vergleich zu anderen Maximen des zwischenmenschlichen Lebens, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 86, Iss. 6, pp. 655-663, https://doi.org/10.3790/schm.86.6.655 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291123 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Soziale Liebe im Vergleich zu anderen Maximen des zwischenmenschlichen Lebens Von Leopold von Wiese, Köln I. Einleitung Im Bestreben, das Dasein der nach uns kommenden Menschen harmonischer zu gestalten, als es uns heute vergönnt ist, sucht der seiner Verantwortung bewußte Ethiker und Soziologe nach einem Prinzip, in dem die Grundzüge des Systems seiner Forderungen zusammengefaßt werden können. Ich bin seit Jahren bestrebt, diese primäre Maxime in den Worten „soziale Liebe" zu formulieren. Bei diesen beiden Worten ist man leicht geneigt, an eine dem Alltag nahestehende, jedermann theoretisch — wenn auch nicht praktisch — recht geläufige Weltanschauung zu denken. Indessen zeigt sich bei einer Vertiefung in ihren Sinn, welch eine Problemfülle hinter diesem „populären" Ausdruck verborgen ist. In der Schrift „Der Mitmensch und der Gegenmenisch im sozialen Leben der nächsten Zukunft"1 habe ich deshalb ein besonderes Kapitel (Kap. XIV) der Interpretation des Begriffs „soziale Liebe" gewidmet2. Doch scheint es mir notwendig, die Wesenszüge der sozialen Liebe nicht nur selbständig und isoliert zu zeigen, sondern sie auch ähnlichen Maximen, die in der Gegenwart von Einfluß auf die Meinungsbildung sind, gegenüberzustellen und auf ihren Wahrheitsgehalt durch einen Vergleich mit der hier vertretenen Auffassung zu prüfen. Dem Leser wird die Frage nahegerückt: Welcher Gesinnung soll ich den Vorzug geben? Das Prinzip „soziale Liebe" kann l-eich-t mißverstanden werden, weil in dem Worte Liebe viele Artund Gradunterschiede verknüpft sind. Oft ist damit eine seelische Kraft der Hingabe gemeint, die die Erfordernisse und Möglichkeiten des Alltags übersteigt. Aber durch die Beifügung des Eigenschaftswortes „sozial" ist eine Abschwächung der Innigkeit gemeint, die sonst dem Worte Liebe entspricht. Ich 1 Leopold von Wiese: Der Mitmensch und der Gegenmensch im sozialen Leben der nächsten Zukunft. Köln 1966. 2 Mit ihm wiederhole ich hier nur in andeutender Kürze das Hauptsächliche; ich muß aber zur völligen Klärung auf die dortigen Ausführungen verweisen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.6.655 | Generated on 2023-04-04 11:37:49
656 Leopold von Wiese sagte darüber: „Soziale Liebe ist frei von Schwärmerei, Überschwang und Mystik. Sie ist gekennzeichnet durch ihr« Unterordnung unter die Gebote des Verstandes, des praktisch Erreichbaren und der Abhängigkeit von Zeit und Raum. Gewiß soll sie nicht kalte Berechnung und bloße Nutzenerwägung sein; sie soll uns vielmehr von der selbstsüchtigen Kalkulation befreien. . . Sie muß das solide Fundament für das sonst so schwer faßbare Gebäude der Menschheit sein8.44 Dieser Ausdehnung des Begriffs als eines auf das Allgemein-Menschliche, schlechtweg Universal-Humane gerichteten Prinzips kann auch der Wortgebrauch des Wortes Liebe insofern entgegenstehen, als es sich zumeist auf etwas Persönliches, zumal auf das Paarverhältnis bezieht und für die Zusammenhänge in großen sozialen Gebilden, besonders in staatlichen Organisationen nicht recht geeignet erscheint. Doch ein Hauptanliegen der folgenden Betrachtungen ist gerade die Erstrekkung der sozialen Liebe auf die Gesamtge&ellschaft; darin liegt die Problematik und Schwierigkeit unserer Aufgabe, die aber deshalb eine sachlich-nüchterne Behandlung erfordert. II. Der Nutzen Zu den Maximen, von deren Geltung sich manche einen größeren positiven Erfolg als von sozialer Liebe versprechen, gehört auf Grund der Erfahrungen, die man im täglichen Leben macht, der Nutzen. Audi die Philosophie ist an diesem Grundsatze nicht vorübergegangen und hat uns in den letzten hundert Jahren die Systeme des Utilitarismus und des Pragmatismus beschert. Dabei wollen die Pragmatiker gewiß nicht den rücksichtslosen, individuellen Egoismus verherrlichen, sondern ihm durch Erstreckung auf die Sphäre des allgemeinen (kollektiven) Nutzens eine höhere Weihe verleihen. Aber Menschenkenner belehren uns, daß, psychologisch betrachtet, der Allgemein-Nutzen nur eine Unterart des individuellen Nutzens ist. Das Streben nach universalem Nutzen entstehe aus der Erkenntnis des persönlichen Vorteils. Es offenbart sich dem klugen oder schlauen Menschen aus seiner Lebenserfahrung, daß ohne Berücksichtigung des Grüppeninteresses auch der persönliche Nutzen auf die Dauer nicht gewahrt werden könne. Der Mensch sei stets erfüllt vom Verlangen, sein eigenes Wohl zu wahren; letztlich aus diesem Streben nach Behauptung des Selbstinteresses erkläre sich auch die Sorge um das Gemeinwohl. Aus Egoismus leite sich psychologisch auch die Pflege des Gemeinwohls ab. Man betrüge sich und die Umwelt, wenn man die Sorge «um das Wohl 8 t>. Wiese: a.a.O. S. 60 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.6.655 | Generated on 2023-04-04 11:37:49
Soziale Liebe 657 anderer Menschen nicht aus Selbstsucht ableite. Wer wirklich Gutes für die Mitmenschen wolle, könne nur durch Entfachung des Nutzens für sich selbst und dadurch für andere praktisch wirklich Brauchbares leisten. Richtig sei, eine rechte soziale Ordnung zu schaffen. Aus ihr ergebe aich das Gemeinwohl. Man stelle seine Arbeitsund Geisteskraft in den Dienst dieser Aufgaben und leite diese Art nüchterner und ehrlicher Pflichterfüllung nicht aus Gefühlen eines angeblichen Altruismus her. Das Nützliche sei das allen Menschen dienliche Mittel. Wer helfen wolle, appelliere nicht an Empfindungen, die der Pflege des Ich widersprechen. Aber gerade in diesem angeblich ehrlichen Bekenntnis zum Prinzip des Nutzens uind nicht zur sozialen Liebe liegt der Irrtum. Es gibt kein Gemeinwohl, das nur aus dem Verlangen nach eigenen Vorteilen entspringt. Ich sagte dazu4: „Wer den Nutzen höher stellt als die soziale Liebe, wird schließlich erkennen müs&en, daß er in die Irre gegangen ist; er mag eine Zeitlang Erfolge zu buchen haben und mit Hohn feststellen, daß seine Partner die Opfer ihrer Gutwilligkeit sind." Sobald sich herausstellt, daß das einseitige Streben nach Erlangung eigener Vorteile jemandem Gewinne einbringt, wird in diesem Menschen der Gegenmensch geweckt; jetzt sucht er auf Kosten der Lebensgefährten immer mehr Vorteile für sich allein zu ziehen — eis sei denn, die soziale Liebe lehre ihn, daß er schließlich immer mehr vereinsamt und sich seine äußeren Gewinne in Verluste an inneren Werten wandeln. Dabei lasse ich ganz außer Betracht, daß auch etwa die Mehrung des Einkommens, die Erhöhung beruflicher Positionen und Vermehrung der Befehlsgewalt schließlich recht oft schwindet. Damit soll nicht ein maßvolles Streben nach Nutzen abgelehnt und eine nachlässige Lebensführung gepriesen werden; aber dieses Streben muß von der sozialen Liebe geleitet werden, so daß man nicht den eigenen Nutzen durch die Nöte der Mitmenschen erkauft. Die soziale Liebe verlangt nicht, die sinnvollen Ansprüche des Ich zu vernachlässigen, aber ihre Leitung und Begrenzung durch die Mitmenschlichkeit. Der Nutzen darf nicht oberste Maxime der Lebensführung sein. III. Die Hingabe an den Fortschritt Eine andere häufige Maxime an Stelle der sozialen Liebe ist das Vertrauen in eine ständige Entwicklung zum Vollkommneren. Es besteht die Überzeugung, daß sich das zwischenmenschliche Verhältnis 4 v. Wiese: a.a.O. S. 64. 42 Schmollers Jahrbuch 86,0 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.6.655 | Generated on 2023-04-04 11:37:49
658 Leopold von Wiese allmählich oder plötzlich in einen beglückenderen Zustand wandelt und wir aus der Hingabe an die Idee des Fortschritts hinreichende Lebenskraft schöpfen können. Man erwartet, daß sich die Menschen im Laufe der Zeit vervollkommnen und daß das Neue, das uns die Zukunft bringt, uns bereichert. Dazu müssen wir uns zunächst vergegenwärtigen, wie sich in der Regel dieses Neue zum Überkommenen, zur Tradition verhält. In einer kleinen Schrift5 habe ich als Grundregel fiir den Ablauf der Zeit die These vertreten: „Es gibt nichts völlig Neues, und es gibt keine völlige Erhaltung des Vergangenen; sondern das Neue tritt zum Alten hinzu, verändert es, kompliziert es in mancher Richtung, vereinfacht es aber in anderer. Das Neue ist das umgestaltete Alte." Es scheint mir nicht nötig zu sein festzustellen, ob im typischen Dasein der Menschen der Wechsel oder die Beharrung überwiegt. In gewissem Betracht bleibt die Menschennatur im wesentlichen gleich. Die sie beherrschenden Triebe und Bedürfnisse beeinflussen die Handlungen der Menschen stark. Diese sind einerseits auch von den geistigen Kräften der Ichheiten abhängig, nicht minder aber von den wechselnden Bedingungen des Außer-lch der Umgebung. Man kann bei der Darstellung dieses Zwiespaltes, je nach der gestellten Aufgabe, die Vergänglichkeit der Kreatur hervorheben oder aber den beständigen geschichtlichen Wandel der Ereignisse und Erlebnisse in den Vordergrund stellen. Bei der Frage nach dem Einflüsse der Zeit auf das sittliche Verhalten der Menschen ist es ferner von Bedeutung, ob nicht in der Zukunft ein ethischer Wandel zu erwarten ist, der unsere Nachfahren vor neue Probleme stellt und dazu führt, daß das Vergangene verges&en wird. Bei der Hervorhebung des zu erwartenden Neuen lassen sich Pessimisten und Optimisten unterscheiden. Von jenen, die Untergang und Verderben prophezeien, soll hier nicht gesprochen werden, sondern von den um wissenschaftliche Forschung bemühten Entwicklungstheoretikern, deren Blick hoffnungsvoll auf zukünftigen Wandel gerichtet ist. Mir scheint es ratsam, als modernes Beispiel für eine solche optimistische Auffassung auf Julian Huxleys „Essays of a Humanist" hinzuweisen6. 5 Vgl. Leopold v. Wiese: Wandel und Beständigkeit. Berlin 1964. S. 25. 6 Ich frage, wie sich meine Schrift „Wandel und Beständigkeit44 zu Huxley» Buch verhält, das in der deutschen Übersetzung erschienen ist. (Julian Huxley: Ich sehe den künftigen Menschen, Natur und neuer Humanismus. München 1965.) Als ich meine Arbeit 1964 veröffentlichte, kannte ich das Werk noch nicht. Ich hätte mich sonst gern mit ihm befaßt. Hier sei vermerkt, daß es zwei ausgezeichnete Kapitel „Psychischer Stoffwechsel" und über den „humanistischen Rahmen44 enthält. Leider sind diese wertvollen Essays in einem Bande mit Aufsätzen verbunden, die an Ideengehalt hinter dem ersten Teil des Buches zurückstehen (ab S. 150). Störend ist die Übersetzung des zurückhaltenden englischen Titels „Essays of a Humanist44 in die reißerische Überschrift „Ich sehe den künftigen Menschen44. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.6.655 | Generated on 2023-04-04 11:37:49
Soziale Liebe 659 Hier ist wesentlich, daß von Huxley .die Idee der Evolution als (wie er sagt) neue humanistische Religion gegeben wird. Ich frage: Wie verhält sich das Prinzip der sozialen Liebe zu diesem sittlichen Postulate der Entwicklung? Ist Huxleys Prinzip wirklich ein — sagen wir — statt „religiöses" ein „ethisches" Prinzip? Ist es nicht, wie er es uns darbietet, mehr eine allgemein geistige Weisung, nicht zuletzt in wissenschaftlicher Beziehung? Obenan steht ihm idie Erkenntnis, während mir bei der sozialen Liebe mehr um das Verhältnis von Menschen zu Menschen zu tun ist, mögen sie nach Wissensmehrung streben oder nicht. Vor mir steht die schwerwiegende Frage: Was ist dringender: Wissensmehrung oder Caritas? Beiden Bestrebungen lauern Gefahren: Torheit und Unwissenheit können im Sozialen großen Schaden anrichten, aber kalte Härte und Gleichgültigkeit gegen die Mitmenschen gerade bei klugen und kenntnisreichen Personen nicht minder. Zwischen den beiden Prinzipien besteht aber ein tiefer Zusammenhang. Obwohl Huxley starken Nachdruck auf einen Humanismus legt, der von geistig hochstehenden Einzelmenschen verkörpert wird, so fehlt es auch bei ihm keineswegs an intensiver Bezugnahme auf das, was er (etwas umständlich) „psycho-metabolische Organisation" nennt7. Huxley, der als Evolutionist Darwins Spuren folgt und stets den schrittweisen Fortschritt der Kreatur im Auge hat, betont, daß in den letzten Stadien der Entwicklung der Psychometabolismus „an Wirksamkeit gewinnt und den allgemeinen physiologischen Stoffwechsel ergänzt"8. Die biologische Evolution finde ihre letzte Vervollkommnung in dem Ziele der „Beilegung aller Arten von Konflikten und geistigen Spannungen"9. Damit ist ein Ziel aufgestellt, das dem der sozialen Liebe entspricht; nur würde ich nicht bloß von geistigen Spannungen, sondern allgemein von Verhaltensweisen jeder Art sprechen. Auch ist bei der Hervorkehrung der sozialen Liebe nicht an ein fernes Ziel gedacht, sondern an die nahe Zukunft. Bei der Gegenüberstellung von Caritas10 und Evolution ist zu beachten, daß ein nicht bloß vorübergehender Fortschritt von einem Bereiche auf andere übergreift, also Wachstum an Erkenntnis die soziale Liebe anregt und diese zu großer Weisheit führt. Auch die allgemeine biologische Entwicklung beeinflußt das Zusammenleben in zwischenmenschlichen Gebilden. Ohne friedlicheis 7 Das griechische Wort Metabole bedeutet nicht bloß Wandlung, sondern (wie mir Hellfried Dahlmann bestätigt hat) auch gegenseitige Einwirkung, zwischenmenschliche Verbindung, enger Zusammenhang. 8 Huxley: a.a.O. S. 51. • Huxley: a.a.O. S. 65. 10 Das Wort Caritas ist hier abwechselnd mit sozialer Liebe gebraucht, aber in einem weiteren Sinne verstanden, der nicht bloß Wohltätigkeit betrifft. 42 • OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.6.655 | Generated on 2023-04-04 11:37:49
660 Leopold von Wiese und harmonisches soziales Leben wird auch die physische Beschaffenheit gehemmt« Blicken wir vergleichend auf die gegenwärtigen Tendenzen, die dort die naturwissenschaftlichen und technischen Bereiche, hier die sittlich-humanitären Zusammenhänge beherrschen, so stehen wir vor großen Fortschritten auf jenem Gebiete und erwarten wir neue Überraschungen der Vervollkommnung, die sich durch eine verhältnismäßig einheitliche Zielsetzung charakterisieren, während es auf dem Gebiete des sozialen Verhaltens und der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis zwar nicht an Fortschritten gebricht, aber eine verwirrende Vielfalt der Bestrebungen und ein erheblicher Gegensatz in dem besteht, was man unausreichend Weltanschauung nennt. Besonders die Politik vermag in Zielsetzung und praktischer Gestaltung nicht dem Vergleiche mit der Technik standzuhalten. In Hinsicht auf die metaphysischen, besonders die religiösen Elemente stehen wir einem Gegensatz gegenüber, der von kindlich abergläubigem Fühlen bis zum absoluten Atheismus reicht. Das Ziel Huxleys eines alle umfassenden „Psychometabolismus" liegt noch in weiter Ferne. Doch wir wollen vom Evolutionismus zu diesem zuletzt berührten Fragenkomplex auf metaphysischem Gebiete weiterschreiten und fragen, wie sich das Prinzip der sozialen Liebe zur Metaphysik verhält. Gerade hier besteht die Sorge, daß sich in der Welt de<s Religiösen neue Gegensätze auftürmen können. Neue ethische Prinzipien, die mit einseitiger Zuspitzung aufgestellt werden, vermehren die Konflikte zwischen den Menschengruppen, statt sie zu vermindern. Zumal wenn neue „Du-sollst-Forderungen" Jahrtausende alten Geboten entgegengestellt werden, wird die geistig-seelische Welt noch mehr gespalten. Aber die Forderung der sozialen Liebe enthält keine Aussage vom Übernatürlichen, Nichtwahrnehmbaren. Weder neigt sie zur Gottesleugnung noch zu dogmatischen Behauptungen über eine jenseitige Welt. Sie bekennt sich in der Metaphysik zu einem Ignoro. Sie vermag über die 'Geheimnisse der Urgründe des Seins und Nicht-Seins auszusagen, strebt aber mit Entschiedenheit nach einer Gesinnung, deren Ziel die Universalität der Menschenliebe ist — nicht auis der persönlich-individuellen, sondern auch im Bereiche des kollektiven Zusammenhangs aller Völker, Staaten und Quasi-Staaten. Ebenso wie auf außenpolitischen so auf innervölklichen Gebieten sucht sie Harmonie. Mit dieser Hervorhebung des irdischen Bereichs ist keine Abischwächung der metaphysisch begründeten Religiosität verknüpft. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.6.655 | Generated on 2023-04-04 11:37:49
Soziale Liebe 661 IV. Individualismus und Kollektivismus Doch diese Erwägungen über den Einfluß der Metaphysik führen zu dem Gegensatz, den ich zunächst in einem üblichen, aber unausreichenden Sprachgebrauch den von Individualismus und Kollektivismus nennen möchte. Wie verhält sich das Prinzip -der sozialen Liebe zu diesem so viel behandelten Gegensatz? Man kann alsbald die weitere Frage stellen: Ist dieses Prinzip individualistisch oider kollektivistisch gemeint? Ein starkes Hindernis für die Verständigung über Individualismus ist die Vieldeutigkeit. Zum mindesten ist eine Zweiteilung notwendig. Entweder stellt sich der einzelne Mensch, das Ich, dem Ganzen der ihn umgebenden und auf ihn eindringenden Welt entgegen und fühlt sich mit Angst oder mit Beglückung als etwas Selbständiges ihr gegenüber. Oder es stellt sich im Gegensatz dazu die Person bestimmten sozialen Gruppen entgegen und sucht sich als Selbst-Interessent zur Geltung zu bringen. Je nachdem, ob man diese Alltagsverkleinerung oder die philosophische, das Innenleben beherrschende Überzeugung meint, handelt es sich um zwei sehr verschiedene Haltungen. Die soziale Liebe zieht ihre Kraft aus der „philosophischen Gesinnung", während die andere mancherlei Mißlichkeiten des mit Egoismus zusammenhängenden Geltungsbedürfnisses ausgesetzt ist. Entsprechendes gilt vom Kollektivismus: Es gibt eine Gemeinschaftsidee, die das Wohl aller Menschen betrifft, die als ein einheitlicher Typ von bestimmten Lebewesen aufgefaßt werden. Hier zeigt sich eine enge Verwandtschaft zum Individualismus der erstgenannten Art. Die andere Richtung des Kollektivismus macht den einzelnen Menschen zu einem bloßen Objekt des sozialen Gebildes, zu einem Apparat, der dazu dient, die Gruppe zu erhöhen als Herrschaft über jegliches Ich. Damit ist dais Verhältnis der sozialen Liebe zu den eben behandelten Verhaltenstypen geklärt. Sie identifiziert sich sowohl mit dem allgemein-mensdilichien Individualismus wie mit dem entsprechenden Kollektivismus. V. Die Maxime des Gut-Seins Es bleibt noch, einen Blick auf das Verhältnis von Erkenntnissuche und sozialer Liebe zu werfen, die schon durch die Stellungnahme zu Huxleys Evolutionismuis aufgerollt worden ist und durch ein paar Bemerkungen ergänzt werden muß. Sie betrifft den Begriff des Guten im Vergleiche mit sozialer Liebe. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.6.655 | Generated on 2023-04-04 11:37:49
662 Leopold von Wiese Seit Schopenhauer und Nietzsche heftet sich an die positive Bewertung des Guten (in der Philosophie unid ethisch begründeten Soziologie) mancher Zweifel. Schon eine präzise Antwort auf die Frage zu geben, was mit ihm gemeint ist, wird manchmal abgelehnt. Das Gute und das Böse verschränken sich mannigfach, und gut zu seim gegenüber den armen Menschen sei oft ein böses Verhalten gegen einen Dritten. Auch entbehre es einer klaren und wahren Grundlage der Erkenntnis, zumal seine Forderungen zu wechselhaft seien. Es lauerten hinter einer solchen Verhaltensweise auch manche persönlichen Schwächen; man sei gut, weil man nicht stark genug sei, unparteiisch und sachlich zu sein. Diese Zurückhaltung gegen das Gut-Sein kann sich in gleicher Richtung auch auf das Prinzip der sozialen Liebe erstrecken. Schon früher habe ich darauf hingewiesen, daß der Gebrauch des Wortes Liebe falsche Vorstellungen von den unumstößlichen Regeln des gesellschaftlichen und privaten Zusammenhangs zeitigen kann. Drohe nicht in ihr eine Erweichung, die schließlich nur das Gegenteil des Guten, Feindschaft und Böswilligkeit zeugt? Sei es nicht richtiger, die sozialen Verbindungen auf klare Erkenntnis, geradezu auf Logik aufzubauen und dem Vorbilde und Rate weiser Kenner der Menschennatur wie Schopenhauer und Nietzsche zu folgen? Der Übermensch, aber auch schon jeder das Mittelmaß unserer schwachen Gattung überragende Elite-Mensch sei streng, kampfbereit und selbstbewußt. Das Ziel einer fruchtbaren Zukunft sei klare Erkenntnis der Lebensbedingungen mit all ihren Härten und Widersprüchen, nicht nachgiebiges Mitleid. Dieser harten Weisheitslehre steht seit Sokrates die These vom harmonischen Zusammenleben, das durch Menschenliebe geschaffen wird, gegenüber, die dann von Jesus Christus zum Mittelpunkt des Strebens nach dem Gut-Sein erhoben wurde; aber über den Bereich des Persönlichen hinaus durch den Widerstand des — sagen wir kurz — Prinzip« der Staatlichkeit nicht erhoben werden konnte. Das aber ist die Aufgabe der nahen Zukunft, der wir schon heute zustreben müssen: das positiv Menschliche auch zur Basis des Kollektiv-Zusammenhangs zu machen und zugleich die privaten Beziehungen z>u veredeln. Damit ist aber die soziale Liebe kein Prinzip der Anarchie oder des Kommunismus, sondern bei allem Wandel, den der Fortschritt der Zeit mit sich bringt, eine tiefe Idee der Beständigkeit, die sich jedoch Rechenschaft gibt, daß ihr immer wieder neue Hindernisse entgegentreten, die unter Mitwirkung kluger Erkenntnis der strengen Daseinsbedingungen des Menschenlebens nach Kräften immer mehr gemeistert werden müssen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.6.655 | Generated on 2023-04-04 11:37:49
