Frieden von unten: Zivilgesellschaftliche Versöhnung in Kolumbien
Abstract
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Full text
Minatti, Wolfgang Article Frieden von unten: Zivilgesellschaftliche Versöhnung in Kolumbien WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung Provided in Cooperation with: WZB Berlin Social Science Center Suggested Citation: Minatti, Wolfgang (2024) : Frieden von unten: Zivilgesellschaftliche Versöhnung in Kolumbien, WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung, ISSN 2943-6613, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Berlin, Iss. 184 (2/24), pp. 35-39, https://bibliothek.wzb.eu/artikel/2024/f-26278.pdf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/327912 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Frieden von unten Zivilgesellschaftliche Versöhnung in Kolumbien Konflikte verstehen, Dialog fördern, Frieden verstetigen - unter dem Schlagwort „Peacebuilding“ hat die internationale Staatengemeinschaft zahlreiche Maßnahmen entwickelt, um nach gewalttätigen Auseinan dersetzungen Gesellschaften friedlich zu entwickeln. Meist allerdings werden diese Maßnahmen von Regierungen oder internationalen Or ganisationen in die Bevölkerung getragen. Anders in Kolumbien, das auf einen jahrzehntelangen Bürgerkrieg zurückschaut. Wolfgang Minatti Krieg und Gewalt sind auf der ganzen Welt so präsent wie schon lange nicht mehr. Sozioökonomische Ungleichheiten, ideo logische Polarisierung oder aber regionale Machtinteressen führen zu einer Vielzahl von innerstaatlichen Konflikten und traditionellen Kriegen zwischen Staaten. Die Auswirkungen dieser Konflikte sind Leid, Zerstörung und eine Beeinträchtigung der Lebensentfaltung von un zähligen Menschen weltweit. Wie kann Frieden gestärkt werden? Unter dem englischen Begriff des „Peacebuilding“ werden jene Instrumente versammelt, die der interna tionalen Staatengemeinschaft zur Verfügung stehen, um Frieden zu schaffen und zu konsoli dieren. Sie umfassen eine Vielzahl von Aktivi täten, die darauf abzielen, die Ursachen von Konflikten zu beleuchten, den Dialog zu fördern und Friedensprozesse nachhaltig zu gestalten. Beispiele sind im Balkan, in Irland, Äthiopien oder der Zentralafrikanischen Republik zu be obachten. Diese Instrumente werden kontinuierlich weiterentwickelt. Doch den allermeisten liegt die Annahme zugrunde, dass Krieg und Kon flikt dort entstehen, wo der Staat schwach ist. Folglich schien der Aufbau starker, liberaler und demokratischer Institutionen des Rechts staats die Lösung für globale Konfliktherde und die Konsolidierung von Frieden zu sein. Doch zum Ende der 2000er Jahre setzte sich die Einsicht durch, dass im Zuge von Peace building geschaffene staatliche Institutionen Legitimität in der Bevölkerung brauchen. Friedensprozesse dürfen sich nicht auf elitäre Zirkel beschränken, sie müssen der breiten Bevölkerung Raum zur Teilhabe bieten. Auch wenn die Prozesse meist zentral und von oben, also „top down“, angeregt wurden, wur den immer häufiger lokale Akteur:innen ein gebunden. Doch trotz dieser beständigen Weiterentwick lung haben nationale und internationale Bemü hungen dieses institutionell-liberalen Peace building, meist im Globalen Süden unter der Leitung von Institutionen des Globalen Nor dens, bestenfalls gemischten Erfolg. Begrenzte Ressourcen, politische Blockaden, vor allem aber vom Krieg geprägte Mentalitäten und die Herausforderung, eine Kultur der Versöhnung und des Dialogs zu etablieren: Es gibt viele Hürden, die überwunden werden müssen, um erfolgreiche Friedensprozesse zu ermöglichen. Allerdings gibt es Hoffnung: Gerade im Globa len Süden entwickeln sich neue Ansätze, die Titelthema 35
Wolfqanq Minatti ist Gastwissenschaftler in der Abteilung Global Governance des WZB, wo er zu Fragen der Legitimität in Herrschaftsverhältnis sen im Kontext der Konflikt- und Friedensfor schung arbeitet. Er promovierte am European University Institute (EUI) in Florenz, Italien. [email protected] Foto: ® WZB/Bernhard Ludewig, alle Rechte Vorbehalten. Partizipation nicht als Teil von Top-down-Pro- zessen sehen, sondern auf das Engagement und die Handlungskraft lokaler Initiativen und Be wegungen setzen, die ihren eigenen Prozess der Friedenskonsolidierung konzipieren und umsetzen. Wie fordern diese neuen Bewegungen beste hende Friedensprozesse heraus? Und was kön nen wir daraus lernen? Das lässt sich am Bei spiel der Friedensbewegung in Kolumbien zei gen, die ich im Zuge meiner Feldforschung zum kolumbianischen Bürgerkrieg kennengelernt habe. Der Bürgerkrieg zwischen der kolumbiani schen Regierung und der größten Rebellen truppe des Fandes, den Revolutionären Streit kräften Kolumbiens (FARC), dauerte fast 60 „Der kolumbianische Bürgerkrieg dauerte fast 60 Jahre, fast eine halbe Million Menschen kamen ums Leben“ Jahre und betraf alle Bereiche der kolumbiani schen Gesellschaft, baut neuesten Schätzungen kamen dabei fast eine halbe Million Menschen ums heben. Im Jahr 2016 konnte die Bevöllcerung endlich in einem Referendum über ein Friedensabkommen mit den FARC abstimmen. Doch anders als von Beobachterinnen erwar tet, lehnte eine knappe Mehrheit der Kolum bianerinnen den Frieden und die Amnestie für die Rebellen ab - vorangegangen war eine Polarisierungskampagne der konservativen Kräfte, die das Abkommen als zu großzügig kritisierten. Die Befürwortung des Abkom mens wurde daher von vielen als Zeichen der Unterstützung der FARC an sich gewertet. Eini ge Zeit später konnten die Konfliktparteien un ter Einbindung des Parlaments, nicht aber der Bevölkerung ein leicht abgeändertes Abkom men unterzeichnen, und die FARC legten die Waffen nieder. Der Ansatz des Friedensabkommens von 2016 unterschied sich deutlich von vorangegangenen Peacebuilding-Prozessen sowohl in Kolumbien als auch in anderen Konfliktgebieten. Nicht nur war die Rolle internationaler Geberstaaten und Akteure auffallend limitiert; das Friedensab kommen sah auch verschiedenste Möglichkei ten zur Beteiligung der Zivilgesellschaft am „Die Regierung von Duque versäumte es, das durch die Demobilisierung der Rebellen entstandene Machtvakuum in abgelegeneren Regionen zu füllen“ Friedensprozess vor. Doch die Umsetzung des Friedensabkommens erwies sich als äußerst schwierig, weil 2018 der Konservative Ivan Du que mit einer Kampagne genau gegen dieses Friedensabkommen zum Präsidenten gewählt wurde. Unter der Regierung von Duque ging der Staat nur langsam notwendige Strukturrefor men an und versäumte es, das durch die Demo bilisierung der Rebellen entstandene Machtva kuum in abgelegeneren Regionen des Fandes zu füllen. Gleichzeitig nahm die Gewalt im Fand wieder zu, hunderte von Friedensaktivistünnen wurden ermordet. Anders als es der etablierte institutionell-liberale Peacebuilding-Ansatz vo raussetzt, hatte die neue Regierung also wenig bis kein Interesse an der Friedenskonsolidie rung „top down“. Die Frustration in der Bevölke rung entlud sich schließlich in den größten 36 WZB | Mitteilungen Heft 184 Juni 2024
Massenprotesten, die Kolumbien seit den 1970er-Jahren gesehen hatte. Trotzdem entwickelte sich zwischen 2016 und 2022 eine neue Friedensbewegung im Land. So arbeitete eine noch vor Ivan Duque eingesetzte Wahrheitskommission im Schatten des schlep penden Friedensprozesses an der Untersu chung des brutalen internen Konflikts in Ko lumbien. Ihr Ziel war es, die Ursachen, Verläufe und Folgen des Konflikts, insbesondere die Menschenrechtsverbrechen der bewaffneten Gruppen und des kolumbianischen Militärs, in mehr als 14.000 Einzel- und Gruppeninter views zu dokumentieren und so eine gesell schaftliche Basis für Versöhnung zu schaffen. Außerdem konnte die Kommission an eine in Kolumbien seit Jahrzehnten wachsende Struk tur von lokalen und regionalen Friedensinitia tiven anknüpfen, die sich nun gemeinsam mit der Kommission für Programme zur Förderung der Versöhnung und des Dialogs zwischen den ehemaligen Konfliktparteien einsetzten. Zusammen haben sie öffentliche Foren für Dia log und Partizipation im städtischen und länd lichen Raum angestoßen und so eine von der „Vertreter:innen der Wahr heitskommission ermutig ten dazu, im Dialog und Zuhören zu einer Kultur der convivencia - des friedlichen Zusammen lebens - beizutragen“ Regierung unabhängige Friedensbewegung an gestoßen. In diesen Foren fanden Menschen unterschiedlichster Altersgruppen und Gesin nung Raum für Ausdruck, Zuhören und Aufar beitung: Ehemalige Guerrillakämpfer:innen und Opfer, die gemeinsam Kulturräume schaf fen und bespielen; junge Musiker:innen, die ihre Konflikterfahrungen thematisieren und nationales Vergeben fordern; Künstler:innen, die Wände mit dem Schmerz der letzten fünf Jahrzehnte, aber auch der Hoffnung auf einen Neubeginn bemalen; und Vertreter:innen der Wahrheitskommission, die dazu ermutigten, im Dialog und Zuhören zu einer Kultur der „convivencia“ - des friedlichen Zusammenlebens - beizutragen. Die Wahrheitskommission regte die Einrich tung von 28 „Casas de la Verdad“ (Wahrheits häusern) als Teil einer Strategie zur Förderung des Vertrauens im ganzen Land an. Diese Häu ser dienen nicht nur als Räume für die Zeugen aussagen von Opfern und Tätern, sondern auch als soziale Zentren, die lokalen zivilgesell schaftlichen Akteur:innen Diskussionsräume bieten, damit sie selbst zur Dokumentation und einem besseren Verständnis des bewaffneten Konflikts beitragen können. In den Wahrheits häusern und in ihrem Umfeld soll persönlicher Austausch stattfinden, aber auch dokumentari sche und künstlerische Ausstellungen und digi tale Präsentationen. Der Weg zum Frieden in Kolumbien bleibt voller Hindernisse. Doch die Wahrheitskom mission hat eine lokale Friedensinfrastruktur angeregt. Durch die Betonung der Graswur zelebene, also den Aufbau eines breiten Netz werks an Initiativen und die Integration und Ermächtigung von Menschen, die sich beteili gen wollen, wurde eine neue transformative Kraft im Land etabliert. Genau diese lokale Infrastruktur unzähliger Initiativen und Zu sammenschlüsse für den Frieden leistete ei nen wichtigen Beitrag dazu, dass Kolumbien 2022 zum ersten Mal in der Geschichte des Landes einen linken Präsidenten wählte: Gus tavo Petro kandidierte mit dem Programm, den langsamen Friedensprozess zu beschleu nigen und auf sämtliche noch aktive bewaff nete Gruppen auszuweiten. Ob dieser Prozess des „paz total“ (totaler Frie den), wie Petro sein Ziel nennt, Erfolg haben wird, ist noch nicht klar. In jedem Fall aber ist zu beobachten, dass die Friedensbewegung in Kolumbien eine neue Art von Peacebuilding „Hier hat sich eine Bewegung formiert, die dezentral in vielen kleinen zwischenmenschlichen Gesten Versöhnung und Dialog pflegt“ gestaltet. Zwar ist die Demokratisierung von Friedensprozessen schon lange eine Forderung von Friedensaktivist:innen auch innerhalb des institutionell-liberalen Feldes. Doch in Kolum bien bedeutet das eine deutlich klarere und 38 WZB | Mitteilungen Heft 184 Juni 2024
sichtbarere Hinwendung zur Handlungsmacht kreativer und diverser Graswurzelbewegungen. Anstatt kurzfristiger und nach unten gerichte ter Ansätze für komplexe soziale und politische Konfliktlinien hat sich hier eine Bewegung for miert, die dezentral in vielen kleinen zwi schenmenschlichen Gesten Versöhnung und Dialog pflegt und Friedenskonsolidierung als langfristige Aufgabe versteht. Freilich zeigen sich in Kolumbien auch die Grenzen eines solchen Friedensprozesses. Da sich die Bewegung aus verschiedensten Initia tiven und Interessengruppen zusammensetzt, werden hier die gleichen Spaltungen und Pola risierungen sichtbar, die auch den Konflikt selbst kennzeichnen. Darüber hinaus haben sich zunehmend heterogene Akteur:innen un ter dem Schirm der Friedensbewegung ver sammelt, die nicht mehr nur für ein Ende der Gewalt eintreten, sondern für eine Vielzahl weiterer Ziele. Dazu gehört der Ausbau lokaler Infrastruktur, die Unterstützung der Opfer des bewaffneten Konflikts, Umweltschutz, die Schaffung neuer wirtschaftlicher Möglichkei ten und das Ende der militärischen Bekämp fung des illegalen Drogenanbaus. Die Breite dieses Bündnisses hat zweifellos eine bisher ungesehene Mobilisierung für den Frieden er möglicht. Doch in diesem Kontext wird der Friedensbegriff sehr weit gedeutet, was es ver schiedensten Akteur:innen erlaubt, ihre Inter essen zu verfolgen. Und letztlich haben die Er fahrungen der Friedensbewegung während der Präsidentschaft von Ivan Duque auch gezeigt, dass selbst eine breit aufgestellte Graswurzel bewegung für den Frieden auf lange Sicht den Dialog und die Kooperation mit staatlichen Ins titutionen braucht, um lokale Erfolge in natio nale Politik zu integrieren. Aber so schwierig diese Aushandlungen auch sind - die kolumbianische Friedensbewegung hat eine Alternative zum institutionell-libera len Peacebuilding aufgezeigt: eine Bewegung für den Frieden, die Raum für Dialog und Ver söhnung eröffnet und in der die Zivilgesell schaft in unzähligen lokalen Initiativen maß geblich mitbestimmt. Obwohl auch diese Pro zesse nicht frei von gesellschaftlichen Konfliktlinien sind, haben sich so im ganzen Land eine politische Kraft und eine Infrastruk tur für den Frieden entwickelt, mit denen man rechnen muss. Literatur Autesserre, Severine: Peaceland: Conflict Resolution and the Everyday Politics of International Interven tion. New York: Cambridge University Press 2014. Gomez-Suarez, Andrei: „Present-Oriented Reconcilia tion and Reparative Futures in the Making - The Case of Rodeemos El Dialogo in Colombia“. In: Futures, 2023, Jg. 154. DOI: 10.1016/j.futures.2023.103273. Jaramillo Marin, Jefferson/et al.: Participating in Peace: Violence, Development and Dialogue in Co lombia. Bristol: Bristol University Press 2023. Lederach, Angela Jill: Feel the Grass Grow: Ecologies of Slow Peace in Colombia. Stanford: Stanford Uni versity Press 2023. Ortiz-Ayala, Alejandra: „War Mentalities: Disarming State Soldiers' Hearts and Minds in Post-Agreement Colombia“. In: Civil War Paths, 2023. https://www.civil warpaths.org/war-mentalities/ (Stand 08.05.2024). Velez-Torres, Irene/Gough, Katherine/Larrea-Mejia, James/Piccolino, Giulia/Ruette-Orihuela, Krisna: „,Fests of Vests‘: The Politics of Participation in Neo liberal Peacebuilding in Colombia“. In: Antipode, 2022, Jg. 54, H. 2, S. 586-607. DOI: 10.1111/anti.12785. ©©Der Text ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC BY 4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.Org/licenses/by/4.0/ Titelthema 39