Die Sowjetwirtschaft – heute
Abstract
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Full text
Weber, Adolf Article Die Sowjetwirtschaft – heute Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Weber, Adolf (1960) : Die Sowjetwirtschaft – heute, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 80, Iss. 5, pp. 23-52, https://doi.org/10.3790/schm.80.5.23 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290953 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
535] 23 Die Sowjetwirtschaft — heute Eine Antikritik Von Adolf Weber - München Kürzlich hat sich George F. Kennan, einer der besten amerikanischen Diplomaten, der sowohl vor wie nach dem zweiten Weltkrieg eine maßgebende Stelle bei der amerikanischen Botschaft in Moskau innehatte, über die Aussichten einer friedlichen Koexistenz zwischen dem Westen und der Sowjetunion geäußert (Foreign Affairs 1960, S. 171 ff.). Er weist mit aller Entschiedenheit die Redensart zurück, die Sowjetunion habe von allem Anfang an die friedliche Koexistenz als Grundprinzip ihrer Außenpolitik proklamiert. Die Erfahrungen belasteten die Begriffe „Friede" und „friedlich", wie sie von den Kommunisten so häufig gebraucht würden, ganz erheblich. „Ein Friede, der dem allgemeinen Sicherheitsverlangen entsprechen soll, muß auf dem Grundsatz der unantastbaren Freiheit der Völker aufgebaut sein. Es gibt freilich auch einen anderen Frieden — den Kirchhofsfrieden unter einer Zwangsherrschaft. So wie die Sowjets mit dem Wort „Friede" um sich werfen, gehen sie daran vorbei, daß man Völker auch ohne sichtbare Gewaltanwendung unterdrücken kann — unter Umständen schon durch bloße Drohungen." Kennan hält aber trotzdem für die Zukunft eine friedliche Koexistenz nicht für ausgeschlossen, wenn die Statsmänner hüben und drüben die gemeinsame Verantwortung für die verfahrene geschichtliche Situation und ihre Normalisierung ohne Hintergedanken zu übernehmen bereit sind. Dazu sei vor allem erforderlich, daß die Sowjets sich unbefangen ein der objektiven Wahrheit entsprechendes Bild von der Sachlage machten und unter Verzicht auf Propaganda für ihre Ideologie echte Friedenspolitik betrieben. In meinem Buche „Sowjetwirtschaft und Weltwirtschaft" (Berlin 1959) habe ich auf einem eng begrenzten Gebiete die „objektive Wahrheit" zur Geltung zu bringen versucht. Ich äußerte mich zu der im Titel angedeuteten Problematik lediglich als Vertreter der Volkswirtschafts lehre, also einer der vielen Interessenbereiche und Tätigkeitskreise, die das Gesamtleben eines Volkes ausmachen; die OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.5.23 | Generated on 2023-04-04 11:28:45
24 Adolf Weber [536 Volks wirtschaftslehre darf bei ihren Überlegungen die volkswirtschaftlichen Erwägungen nicht außer Acht lassen, aber ihr Erkenntnisobjekt ist viel umfassender, und ohne Werturteil ist sie für diie Volkswirtschaftspolitik sinnlos. Von dem Standpunkt der Volks Wirtschaft aus habe ich zu den Wachstumsbedingungen der Sowjetwirtschaft ebenso unbefangen Stellung zu nehmen, wie der Botaniker zu den Wachstumsbedingungen einer interessanten Pflanze. Gewiß werden dabei hüben und drüben Vorurteile eine Rolle spielen, aber „tarnen est laudanda voluntas", der gute Wille ist jedenfalls dann zu loben, wenn man sich bemüht, in der Diskussion auch einem Gegner gerecht zu werden. Erfreulicherweise hat zu meinen Ausführungen J. Kronrod, derzeit einer der angesehensten Sozialökonomen in der Sowjetunion, in einem Aufsatz in der führenden Zeitschrift Woprosy Ekonomiki (1960, Heft 2), unter der Überschrift „Adolf Webers kritischer Feldzug" in einem längeren Aufsatz Stellung genommen. Wenn ich nicht irre, ist es seit vielen Jahren das erste Mal, daß in einer sowjetrussischen Zeitschrift ein nichtmarxistischer Vertreter der Sozialökonomie eingehend kritisiert wird. Kronrod schließt seinen Aufsatz mit dem Satz: „Die Scheuklappen der kapitalistischen Gesellschaft hindern Professor Weber daran, den großen Schritt der neuen Gesellschaft zu sehen." Nun habe ich aber gerade in den letzten Jahren die Volkswirtschaft dieser „kapitalistischen Gesellschaft", die sich übrigens in den verschiedenen „kapitalistischen" Ländern ßehr verschieden gestaltet, hart kritisiert, z. T. mit ähnlichen Argumenten, wie ich sie der derzeitigen Sowjetwirtschaft gegenüber glaube anführen zu müssen1. Ich habe in dem von Kronrod kritisierten Buche weder irgendeine Ideologie verteidigt oder angeklagt, ich habe auch nicht als Politiker, erst gar nicht als Parteipolitiker das WoTt genommen. Dagegen rede ich einer marktwirtschaftlichen Orientierung das Wort, die ich sehr wohl von einer volkswirtschaftlichen Ordnung zu unterscheiden weiß, für die insbesondere eine ausgleichende Gerechtigkeit für die am gemeinsamen Schaffen Beteiligten das Kernstück sein muß. Seit dem XX. Parteitag hat sich deutlich sichtbar eine Wandlung in dem Wesen der Sowjetwirtschaft vollzogen. Vorbereitet hat sich diese Wandlung unter dem Zwang der Entwicklung schon Jahre vorher, also bereits unter Stalin. Seit Lenin auf dem X. Parteitag (1921) die Nep-Politik und damit eine gewisse Rückkehr zu „kapitalistischen" Methoden verteidigte, unter dem Motto „Leider war des Übels zu 1 Vgl. meine jüngsten Publikationen: Wolken am Konjunkturhimmel 1. Aufl. Juni 1959, 2. Aufl. Okt. 1959. — Unsere gegenwärtige Konjunktur in: Die Aussprache, Arbeitsgemeinschaft selbständiger Unternehmer, Mai 1960, S. 109 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.5.23 | Generated on 2023-04-04 11:28:45
537] Die Sowjetwirtschaft — heute 25 viel und des Guten zu wenig" wurden auf keinem Parteitag die sozialökonomischen Leistungen der vergangenen Zeit so erbarmungslos kritisiert, wie das Chruschtschow auf dem XX. Parteitag getan hat. Gewiß geschah das nicht zuletzt deshalb, weil dem Heroenkult, der mit Stalin betrieben wurde, ein Ende gemacht werden sollte, aber Chruschtschow war und ist doch zu sehr Pragmatiker, um zu verkennen, daß für Rußland eine neue Zeit gekommen ist, die für neue Aufgaben neue Wege erforderlich macht; ohne Verzicht auf das Endziel: Eroberung der Welt für den Kommunismus. Das für die Sozialökonomie entscheidend Wichtige scheint mir zu sein, daß die Lehre Stalins: „Für die Verbesserung dieses oder jenes Produktionsinstruments, dieses oder jenes Elements der produktiven Kräfte dürfen nicht maßgebend sein die Alltagsinteressen, nicht irgendein unmittelbar greifbarer Vorteil, sondern die gesellschaftlichen Resultate derartiger Verbesserungen", preisgegeben worden ist. Diese Preisgabe schließt dreierlei in sich: 1. In der Gegenwart muß der Lebensstandard aller Volksschichten durch die technischen Fortschritte nachhaltig verbessert werden; 2. die Fesseln, in die der dialektische und historische Materialismus das Streben nach unmittelbaren materiellen Fortschritten für die lebende Bevölkerung legte, werden gelockert; 3. der auswärtige Handel wird gefördert, nicht um hier und da fehlende Devisen zu beschaffen, sondern bewußt, um an den Vorteilen der internationalen Arbeitsteilung — mehr Güterarten, größere Gütermengen, besserer Ausgleich des volkswirtschaftlichen Soll und Haben — teilzunehmen. Kronrod sieht in meinem Buch deshalb einen Fortschritt, weil es die „theoretische Kritik des sozialistischen Wirtschaftssystems mit der konkreten Analyse" verbinde. Vom Standpunkt dieser „synthetischen Position", wie Kronrod sich ausdrückt, mache ich gegen die überschwenglichen Hoffnungen der Sowjets vier Bedenken geltend: 1. Beeinträchtigung der Produktivität des freien Entschlusses durch ungenügende Achtung der Freiheit und der Würde des nach Gottes Ebenbild geschaffenen Menschen; 2. Unproportionalität des volkswirtschaftlichen Kräfteeinsatzes; 3. erschwerte und ungenügende Neubildung sowie Verschwendung des volkswirtschaftlichen Produktivkapitals; 4. im System liegender Verzicht auf die wesentlichen Vorteile einer durch die Marktpreisbildung geordneten internationalen Arbeitsteilung. Kronrod versucht Stellung zu nehmen. Sehen wir, mit welchem Erfolg. Ich benutze bei meiner Antikritik Material aus der jüngsten Vergangenheit, das ich in meinem Buche noch nicht berücksichtigen konnte. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.5.23 | Generated on 2023-04-04 11:28:45
26 Adolf Weber [538 1. Das, was Kronrod zu meiner ersten These zu sagen hat, ist auffallend wenig. Es ist eigentlich nur die Versicherung, daß in der sozialistisch-kommunistischen Wirtschaft das Normensystem dafür sorge, daß jeder nach seiner Leistung unter Verzicht auf jede Ausbeutung entlohnt werde. In jüngster Zeit mehren sich jedoch in der Sowjetwirtschaft die Anzeichen, daß dies nicht genügt, um den einzelnen zu bestmöglichen Leistungen anzuspornen. Auf dem XI. Parteitag 1922 meinte Lenin: „Der Kommunist, der die größte Revolution gemacht hat, auf den vierzig europäische Länder mit der Hoffnung auf Erlösung vom Kapitalismus blicken, muß von einem simplen Handlungsgehilfen lernen, der zehn Jahre in einer Mehlbude herumgelaufen ist, während er, der verantwortliche Kommunist das nicht nur nicht versteht, sondern nicht einmal versteht, daß er es nicht versteht." Das, was Lenin damit meinte, war gewiß nicht das technische Können des Handlungsgehilfen in der kapitalistischen Welt, sondern die Entfaltung der menschlichen Wirksamkeiten, wie sie bei dem Leistungswettbewerb freier Menschen, die zu gemeinsamer Arbeit miteinander sich verbunden fühlen, zur Selbstverständlichkeit wird. Die Volkswirtschaft Preußens war nach den Niederlagen im Kampfe gegen Napoleon in einer schlimmeren Lage als in der Gegenwart viele „unentwickelte Länder", denen heute unser Mitleid und unsere Hilfsbereitschaft gilt. Ganz aus eigener Kraft hatte das gedemütigte und aufs äußerste ausgebeutete Land sich im Laufe einiger Jahrzehnte emporgearbeitet. Die Grundgedanken der Wirtschaftspolitik, die dies ohne jede fremde Hilfe ermöglicht hatten, wurden vom Freiherrn vom Stein in seiner Nassauer Denkschrift (1807) folgendermaßen gekennzeichnet: „Das zudringliche Eingreifen der Staatsbehörden in private Angelegenheiten muß aufhören, und dessen Stelle hat die Tätigkeit des Bürgers einzunehmen, der nicht in Formen und Papier lebt, sondern kräftig handelt." Wir wissen, wie erfolgreich Stein und die Staatsmänner, die mit ihm arbeiteten, auf dieser Grundlage den Wiederaufbau des zusammengebrochenen Preußens in die Wege zu leiten vermochten. Ein Jahrhundert später meinte Gustav Schmoller rückschauend: „Die großen Männer, die den preußischen Staat 1808 bis 1840 wieder aufrichteten, konnten das nur, indem sie eine freie ,commercial society4 schufen." Das, was den großartigen Aufschwung Preußen-Deutschlands im 19. Jahrhundert hervorbrachte, war nicht nur der Leistungslohn, der materielle Anreiz, sondern Fleiß, Ehrlichkeit, Ordnungssinn, Solidarität der Menschen, die sich als Kinder eines Vaters, der nicht von dieser Welt ist, verbunden und verpflichtet fühlten. Daraus ergab sich von selbst das Verantwortungsgefühl jedes einzelnen, als freier Bürger im Dienste des Ganzen selbständig zu OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.5.23 | Generated on 2023-04-04 11:28:45
539] Die Sowjetwirtschaft — heute 27 handeln. Allerdings vorläufig noch ohne daran gehindert zu werden durch Monopole der Unternehmer und der organisierten Arbeiter. Die christliche Weltanschauung trug dazu bei, die Würde des Menschen über alles zu setzen, weil die Auffassung vorherrschte, ein jeder sei ohne Unterschied des Standes und der Rasse nach Gottes Ebenbild geschaffen. Die daraus sich ergebenden Folgen zog freilich die Gesetzgebung erst in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts im Sinne des Strebens nach ausgleichender Gerechtigkeit. Als Vertreter der Volks wirtschafts lehre habe ich nicht zu untersuchen, wieviel von diesem Glauben in den heutigen „kapitalistischen" Ländern noch vorhanden ist, sondern lediglich festzustellen, daß dieser Glaube, soweit er lebendig bleibt, wesentlich dazu beiträgt, auch ein Optimum des gemeinsamen Schaffens und der sozialen Zufriedenheit zu erzielen. Montesquieu sagt in seinem „Esprit des lois": „Wunderbar! Die christliche Religion, die nur die Glückseligkeit des künftigen Lebens zum Gegenstand zu haben scheint, begründet auch das Glück des gegenwärtigen Lebens." Die in meinem Buche gestellte Frage, was der Sozialismus-Kommunismus, der auf seinen Atheismus ßtolz ist, als Ersatz für dieses Aktivum zu bieten vermag, beantwortet Kronrod nicht. Daß es nicht genügt, an die Stelle von Gott, der von allen Menschen, die an ihn glauben, als Vater verehrt wird, den Götzen Technik zu setzen, empfinden auch in der Sowjetunion, wenn nicht alles täuscht, in neuester Zeit die denkenden Philosophen und Sozialökonomen immer mehr. Im Juni 1958 fand in Moskau eine Tagung der gesellschaftswissenschaftlichen Abteilung der Akademie der Wissenschaften statt, die der Theorie des Aufbaus des Kommunismus gewidmet war. Bei dieser Gelegenheit kritisierte Kronrod die in der Literatur verbreitete Definition der sozialistischen Produktionsverhältnisse als Beziehungen der freundschaftlichen Zusammenarbeit und der sozialistischen gegenseitigen Unterstützung von Menschen, die frei von Ausbeutung sind. Die Ausdrücke „Zusammenarbeit" und „gegenseitige Unterstützung" besäßen einen moralisch-ethischen Charakter und drückten keine wirtschaftlichen Kategorien aus. Er schlug folgende Definition vor: „Sozialistische Produktionsverhältnisse sind Beziehungen zwischen Menschen bei der materiellen Produktion und deren Austausch, die auf dem gesellschaftlichen Eigentum an den Produktionsmitteln, auf der Verteilung nach der Leistung und auf der Aneignung des Mehrprodukts einzig und allein durch die Werktätigen basieren." Das scheint mir vom Standpunkt des Leninismus richtig zu sein, aber es genügt offenbar nicht, wenn das Optimum des gesellschaftlichen Erfolges und der Verdrängung des „Ichs" durch das „Wir" erzielt werden soll. Das wurde auch in der Diskussion verschiedentOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.5.23 | Generated on 2023-04-04 11:28:45
28 Adolf Weber [540 lieh deutlich. Der Kampf zwischen Technokraten und Theokraten wird gerade auch im Interesse des nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolges in der Sowjetunion nicht zur Ruhe kommen. Am deutlichsten wird das Versagen der Technokraten, trotz aller Versuche, gemachte Fehler durch etwas Besseres zu ersetzen, in der Landwirtschaft. Am Anfang des 19. Jahrhunderts pries Sismondi, der erste „Katheder-Sozialist", den Bauer, „der mit seinen Kindern die ganze Arbeit auf seinem Erbteil verrichtet, der weder seinen Pachtzins an jemanden über ihm noch einen Lohn an jemanden unter ihm bezahlt". Um die Jahrhundertwende erklärte Karl Kautsky in seiner „Agrarfrage", die die marxistische Anschauung zu verteidigen bemüht war, das, was Sismondi sage, sei kein erfundenes, sondern von einem scharfen Beobachter nach der Natur gemaltes Bild. Die geistige Kraft, die von Sismondi so eindrucksvoll geschildert wurde, suchen die bolschewistischen Machthaber durch Technik und Organisation zu ersetzen. Der Mißerfolg ist im Laufe der Jahrzehnte immer wieder deutlich geworden. Kennzeichnend ist aber, daß jüngst der Agramer Universitätsprofessor Mirkovic in seiner „Einführung in die Wirtschaft Jugoslawiens" meint: „Seit 1945 hat sich die Produktion in der Landwirtschaft nicht vergrößert. Die neuen Produktionsverhältnisse haben nicht zu einer Erhöhung der Fruchtbarkeit des Bodens beigetragen. In vielen Fällen war sogar ein Rückgang zu beobachten infolge Mangels an richtiger Pflege." Und auf Grund der Erfahrungen, die in Polen insbesondere auf dem Lande gemacht wurden, meinte Zenon Kliszko, ein Freund Gomulkas, der materielle Anreiz sei ein schlechter Motor. Er dürfe zwar nicht unterschätzt werden, aber der wahre Mensch betrachte nicht als einziges Ziel seines Lebens und Arbeitens den materiellen Vorteil. Es gelte, die geistigen Kräfte zu mobilisieren. Chruschtschow suchte das verfahrene landwirtschaftliche Problem zu meistern durch Abschaffung der Maschinen-Traktoren-Station (MTS) und durch Veränderung der Besitzverhältnisse zwecks beschleunigten Überganges zum Großbetrieb unter Verdrängung des Restes einer bäuerlichen Eigenwirtschaft. Dabei dienten zunächst die Sowchosen als Vorbild. Nun zeigte sich aber, daß die im Sinne des Kommunismus höhere Wirtschaftsform des Staatsgutes weniger erfolgreich war als die niedere Wirtschaftsform der genossenschaftlichen Cholchosen. Es wird berichtet, daß infolge des Überganges der Cholchose-Bauern zu Sowchosenarbeitern die Leistungen zurückgingen. Im Dezember 1959 sagte der damalige Landwirtschaftsminister in einer Rede, die sich mit den neugeschaffenen Sowchosen beschäftigte: „In den Sowchosen mangelt es an Wohnraum und an Getreidespeichern. Die Versorgung des Viehs mit Ställen hat sich verschlechtert. Die IndexOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.5.23 | Generated on 2023-04-04 11:28:45
541] Die Sowjetwirtscliaft — heute 29 Ziffern der Produktion in den landwirtschaftlichen Haupterzeugnissen sind pro ha jetzt bei den Sowchosen niedriger als bei den Cholchosen." Unzweifelhaft sind im Leben der Sowjetunion einige Ansätze festzustellen, an die Stelle des staatlichen Zwanges gesellschaftliche Selbstverwaltung zu setzen. Im April 1958 hat Chruschtschow in einer Rede vor dem Konsomolkongreß darauf hinauslaufende Anregungen gegeben. Als Organe der „gesellschaftlichen Selbstverwaltung" werden genannt das Dorfgericht, das Kameradschaftsgericht in Fabriken und bei Behörden, die Wohnungsgenossenschaften, die Produktionskonferenzen in den Betrieben. Im Dienste des öffentlichen Ordnungsdienstes beteiligen sich die „Volksdrustinen" der Arbeiter und Angestellten; sie sind u. a. bemüht, daß der Anstand bei Volksvergnügen gewahrt wird. Es wäre erfeulich, wenn diese „Selbstverwaltung64 mehr wäre als ein Ornament zu dem parteiamtlichen Zwang. Ein Beweis dagegen brauchen noch nicht allgemeine Versicherungen zu sein, wie jüngst (Mai 1959) eine Erklärung der „Iswestija": „Es versteht sich von selbst, daß der Übergang einzelner Funktionen von den Staatsorganen auf gesellschaftliche Organisationen durchaus keine Minderung der Rolle des sozialistischen Staates und seiner Organe beim Aufbau des Kommunismus bedeutet." Für die zunehmende Kritik an dem Kollektivprinzip zugunsten einer gewissen Selbstverwaltung sprechen auch die Ansätze zu einer Wiederbelebung des gewerkschaftlichen Eigenlebens. In der Zeit Stalins waren die Gewerkschaften im wesentlichen nur ausführende Organe im Dienste der zentralen Planwirtschaft. In einem Aufsatz, den das Gewerkschaftsorgan „Trud" im Dezember 1957 veröffentlichte, wird darüber geklagt, daß es in der Führung des sozialistischen Wettbewerbs noch viel Formalismus gäbe. Die Gewerkschaften müßten verstärkt die schöpferische Initiative der Arbeiter, Ingenieure und Techniker zur Entfaltung bringen. Die leitenden Gewerkschaftsfunktionäre sollten einen großen Teil ihrer Zeit in Betrieben und auf Baustellen unter den Arbeitern und Angestellten verbringen, um so ein Maximum von Initiative bei der Verbesserung der Organisation, der Produktion, der Arbeitsund Lebensbedingungen der Arbeiter zu erreichen. Freilich wird gleichzeitig nachdrücklich betont: „Die Gewerkschaften können ihre Aufgabe nur unter Führung der Partei, mit ihrer Hilfe und Unterstützung lösen." Ist jedoch die Warnung Trotzkijs vor einer „ungezügelten Oligarchie der Parteibonzen'6 ungerechtfertigt? Wenn diese Frage verneint werden muß, ist dann „Einsicht in die Notwendigkeit", die an die Stelle einer ehrlich gemeinten persönlichen Freiheit treten soll, ein tragfähiges Fundament für den Aufbau eines nachhaltigen Volkswohlstandes? Allerdings wird durch derartige Hinweise das Wort Adlai StevenOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.5.23 | Generated on 2023-04-04 11:28:45
30 Adolf Weber [542 8on nicht widerlegt: „Für viele in der freien Welt bedeutet Freiheit die Freiheit von politischer Verantwortung." 2. In einem Aufsatz über die gegenwärtige Konjunkturlage, den ich ungefähr gleichzeitig für die „Aussprache", das Organ der Arbeitsgemeinschaft selbständiger Unternehmer, fertiggestellt habe, gab ich einem Abschnitt die Überschrift: „Statistische Illusionen". Es ist erstaunlich, wie leichtfertig globale Ziffern über Sozialprodukt, Volkseinkommen, Index der Lebenshaltungskosten, Arbeitsproduktivität, Gesamtproduktivität, benutzt werden, um den nachhaltigen volkswirtschaftlichen Fortschritt ins rechte Licht zu rücken. Man sollte doch stutzig werden, wenn man feststellen muß, daß das Sozialprodukt während des Krieges hauptsächlich infolge steigender Ausgaben für Vernichtungen und für Vernichtungsinstrumente statistisch eine Rekordhöhe erzielte. Wenn nach Schätzungen im Jahre 1957 das Volkseinkommen in den USA rund 452 Milliarden Dollar gegenüber rund 179 Milliarden Dollar in der UdSSR betrug, so kann damit wenig bewiesen werden, solange man nicht weiß, was hüben und drüben volkswirtschaftlich zur Stärkung der Leistungskraft getan wurde, oder ob sogar die gestiegenen Einkommen im Dienste der Vernichtung wirtschaftlicher Werte, der Fehlinvestition, der Verschwendung, des Raubbaues usw. erzielt wurden. Es ist für Ermittlung der zukünftigen Leistungskraft nicht einerlei, ob Milliarden, die für Rüstungsinstrumente, die schon nach ihrer Herstellung verschrottet werden müssen, weil sie veraltet sind, dadurch aufgebracht werden, daß „gespart" wird an Ausgaben für Verkehrseinrichtungen, für die immer wichtiger werdende Wasserwirtschaft, für Forschung und Unterricht, für das Gesundheitswesen usw. Man wird insbesondere aber, falls im Rahmen der Volkswirtschaft mit gegebenen Mitteln auf lange Sicht möglichst viel erreicht werden soll, eine Wahrheit im Auge behalten müssen, auf die schon Proudhon ein Hauptgewicht legte, „Der Reichtum eines Volkes hängt von der Proportionalität der Produktionselemente ab". Kronrod zitiert folgende Stelle aus meinem Buch: „Im sozialistisch-kommunistischen System ist die bestmögliche Kombination der Produktionselemente innerhalb der Gesamtwirtschaft unmöglich, weil dazu ein spontan sich bildender Preis für jede Ware und für jedes Produktionselement, besonders aber für das den volkswirtschaftlichen Fortschritt ermöglichende Produktionskapital unentbehrlich ist. Eine derartige Preisbildung ist jedoch nur auf Grund des Privateigentums an den Produktionsgütern unter freiem Leistungswettbewerb möglich." OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.5.23 | Generated on 2023-04-04 11:28:45
549] Die Sowjetwirtschaft — heute 37 steht, um Prodnktionswege einzuschlagen. Die Wichtigkeit dieses Nutzeffektes wurde schon 1934 von Stalin erkannt, als er in einer Ansprache an die Metallarbeiter meinte: „Das Wertvollste, das für die Lösung der Aufgabe einer schnellen Industrialisierung gewonnen werden müsse, ist — Zeit." In meinem hier in Betracht kommenden Buche habe ich auf Äußerungen von Chruschtschow und Mikojan hingewiesen, die im Grunde genommen dasselbe besagen. Tschernomordik meint in seiner erwähnten Schrift: „Ein Zeitgewinn erfordert Beschleunigung der Reproduktion, damit ein Minimum an gesellschaftlichen Mitteln und gesellschaftlicher Arbeit in unvollendeten Produktionen steckt, die noch keinen Nutzeffekt haben, d. h. nicht produzieren" . . . „Das Ausmaß des Aufbaus und, was die Hauptsache ist, die Richtung der Methode seiner Durchführung muß in erster Linie durch den Zeitgewinn bestimmt werden." Und in anderem Zusammenhang meint derselbe Autor: „Bei der Frage der Rentabilität spielt der Zeitfaktor eine wichtige, oft sogar eine entscheidende Rolle. Leider wird in unserer Wirtschaftsliteratur dieser Zeitfaktor größtenteils nicht berücksichtigt." Das könnte aber nur dadurch geschehen, daß die Sowjetwirtschaft einen Ersatz bieten könnte für die Zinsfunktion am Kapitalmarkt. Das ist nicht der Fall. Schon in meinem Akademievortrag „Dogma und Wirklichkeitssinn in der Sowjetwirtschaft" (März 1950) meinte ich: „Da es in der Sowjetwirtschaft nicht gelungen ist, die Zinsfunktion der kapitalistischen Wirtschaft durch irgend etwas anderes gleich Gutes oder Besseres zu ersetzen, so ist damit schon gesagt, daß sie die Wichtigkeit einer volkswirtschaftlich zweckmäßigen Kombination der Produktionselemente zwar erkennt, aber ihr nicht Rechnung zu tragen fähig ist." Derartige Überlegungen sind für die heutige Sowjetwirtschaft um so wichtiger, als der Kapitalbedarf enorm gestiegen ist, und zwar sowohl in der Konsumtionswie auch in der Produktionssphäre. Schon 1956 schrieb Chruschtschow in der Prawda: „Die Produktion vieler wichtiger Lebensmittel und Industriewaren bleibt bei uns immer noch hinter der wachsenden Nachfrage zurück. . . Die Aufgabe besteht darin, gestützt auf die vorrangige Entwicklung der Schwerindustrie, einen rapiden Aufschwung der Landwirtschaft herbeizuführen und die Leichtund Lebensmittelindustrie schneller voranzutreiben." Der Lebensstandard des russischen Volkes war damals sehr niedrig. Das soll nun viel besser werden. Aber die Konsumenten verlangen auch Herabsetzung der Preise. Dazu nahm Chruschtschow im Oktober 1959 Stellung mit den beschwichtigenden Worten: „Es wäre möglich, aber unvernünftig, die Warenpreise herabzusetzen. Denn woher sollten wir sonst die Mittel zur weiteren Entwicklung der Volkswirtschaft nehmen?" OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.5.23 | Generated on 2023-04-04 11:28:45
38 Adolf Weber [550 Bei all dem muß in Rechnung gesetzt werden, daß der Nachholbedarf in der Sowjetunion unverhältnismäßig größer ist als in den westlichen Kulturländern, insbesondere aber in den USA. Die gleiche Pro-Kopf-Erzeugung ist daher keineswegs gleich dem Lebensstandard pro Kopf. Mit steigender Befriedigung des Kosumgüterbedarfs werden die Konsumenten wählerischer; die Ansprüche an die Ernährung steigen, innerhalb der nächsten sechs Jahre soll die Fleischproduktion beispielsweise um 140 % gesteigert werden. Das setzt aber nicht nur Vergrößerung der Viehbestände, sondern auch erhebliche Steigerung der Getreideernte voraus. Erstaunlich rasch vermehrt sich die Nachfrage nach dauerhaften Konsumgütern: 1959 stieg der Absatz an Kühlschränken um 23 %, an Waschmaschinen um 35 °/o und an Staubsaugern um 55 °/o. Unvorstellbar groß ist der Wohnraumbedarf, und zwar sowohl in den Städten wie auf dem Lande; die Zahl der Großstädte ist in drei Jahren um 14 auf insgesamt 148 gestiegen (1956 in Deutschland 61 Großstädte). Die Wohnungsnot bekommt dadurch ihr besonderes Gewicht, daß für die in den letzten Jahren entlassenen 250 000 Offiziere — davon entfallen 70 000 auf den Wehrbezirk Moskau — Wohnungen beschafft werden müssen. Das alles muß berücksichtigt werden, wenn man sich eine Vorstellung machen will von der relativen Knappheit des für die Produktion zur Verfügung stehenden volkswirtschaftlichen Kapitals. Technisch kommt dabei der Sowjetwirtschaft zugute, daß der große Mangel an verkokbarer Kohle durch die Umstellung von Kohle auf öl und Gas wenigstens für die nächst absehbare Zeit einigermaßen überwunden zu sein scheint. Auf dem XX. Parteitag klagte Bulganin: „Im fünften Planjahrfünft blieb die Kohleförderung hinter dem Bedarf der Volkswirtschaft zurück. Das schuf Schwierigkeiten in der Brennstoffversorgung der Betriebe und des Verkehrswesens. Die Diskrepanz zwischen dem Kohlebedarf und der Kohleförderung machte sich vor allem im europäischen Teil der UdSSR bemerkbar." Noch deutlicher wurde im September 1959 die Zeitschrift Woprosi Ekonomiki. Sie stellte folgendes fest: „Das systematisch geförderte Übergewicht der hocharbeitsintensiven und teuren Steinkohle in der Brennstoffbilanz der Sowjetunion ist der Hauptgrund für die außerordentliche Höhe der Selbstkosten. Dadurch werden nicht nur die Herstellungskosten der Industrieprodukte, sondern auch der Eisenbahntransport verteuert. Die Kosten der Eisenbahntransporte verteuern die Produktionsmittel und Fertigprodukte der Industrie." Damit vergleiche man die außerordentlich optimistischen Berichte während der Stalinzeit über den großen Kohlereichtum der Sowjetunion. Nun haben Erdgas und öl den Mangel an Kohle derzeit kompensiert und überkompensiert: Der Anteil des Öls und des Gases am GesamtOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.5.23 | Generated on 2023-04-04 11:28:45
551] Die Sowjetwirtschaft — heute 39 umfang der Brennstoffproduktion soll von 31 Vo im Jahre 1958 auf 51 %> im Jahre 1965 steigen, der Anteil der Kohle von 59 % auf 43 % zurückgehen. Das bedeutet für den Bergbau das Zugeständnis von Fehlinvestitionen großen Umfanges und für die ölund Gasgewinnung enormen Kapitalbedarf für recht kostspielige Investitionen. Dabei ist es wenig wahrscheinlich, daß diese Kapitalanlagen auf lange Sicht weniger Risiko in sich bergen als in der Vergangenheit die Investitionen im Kohlenbergbau. Ich habe in meinem Buche Zahlen dafür angeführt, wie überaus schwankend in der Vergangenheit die Erdölgewinnung in Sowjetrußland war. Haben wir Grund anzunehmen, daß dies in Zukunft anders sein wird? Schon meldet Bukarest, daß die Gesamtproduktion der rumänischen Erdölförderung, die im Plan für das Jahr 1965 mit 13,5 Millionen Tonnen vorgesehen war, auf 12,5 Millionen Tonnen reduziert werden muß. Rußland baut aber nicht nur das rapide Steigen seiner heimischen Produktion weitgehend auf der Erdölbasis auf, es macht neuerdings auch Erdöl zu einem seiner wichtigsten Exportgüter. Der Export von Rohöl und Erdölprodukten hat sich seit 1953 versechsfacht. Der Export konnte zum Teil nur zu Preisen erfolgen, die — zum Teil wohl auch aus politischen Gründen — um 15 bis 20 % unter dem Weltmarktniveau lagen, was wahrscheinlich macht, daß die Lieferungen unter den volkswirtschaftlichen Kosten, also zum Nachteil der Kapitalbildung erfolgten. Wie bei der Energiebilanz werden auch bei der rasch voranschreitenden Technisierung die volkswirtschaftlichen Kosten, namentlich die Kosten des Kapitaleinsatzes vernachlässigt. Zwar haben führende Persönlichkeiten der Sowjetwirtschaft, wie ich schon in meinem Buch feststellen konnte, eingesehen, daß die großen Hoffnungen, die auf die Atomwirtschaft gesetzt wurden, für den und während des Siebenjahresplanes nicht verwirklicht werden können. Um so mehr wird jetzt Gewicht gelegt auf die Automatisierung. 1959 schrieb der „Kommunist" (Nr. 10): „Man kann sich von der Produktion der Automatisierung einen maximalen Effekt nur bei ihrer komplexen Verwirklichung und rationellen Anwendung im gesamten Produktionszyklus — vom Eingang des Rohstoffes bis zum Ausstoß der Fertigprodukte erhoffen. Eine solche Einführung der Automation ist nur bei einer Produktionsgesamtplanung im Maßstab der ganzen Volkswirtschaft möglich, unter den Bedingungen des Kapitalismus jedoch ganz ausgeschlossen. Die Automatisierung ist nur bei einer Produktionsweise in großen Serien für einen aufnahmefähigen und beständigen Markt rentabel . . Ich fürchte, hier liegt eine arge Verwirrung vor, hervorgerufen durch statistische Illusionen, wobei die statistische „Wachstumsrate" eine ihr nicht zukommende Rolle spielt. Aber mag dem OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.5.23 | Generated on 2023-04-04 11:28:45
40 Adolf Weber [552 sein, wie es will, der Markt ist um so aufnahmefähiger und um so beständiger, je größer er ist. Die Enge des „Ostblocks" reicht in keiner Weise aus, um die weltwirtschaftliche Weite zu ersetzen. Daher werden Kapitalfehlleitungen um so wahrscheinlicher werden, je enger der Raum ist, auf dem die Vollautomatisierung durchgeführt werden soll. Für die beschleunigte Automatisierung wurde ein Staatskredit von 100 Milliarden Rubel bewilligt; im Gosplan sollen in den nächsten sechs Jahren 27 Betriebe ihre Produktion vollständig automatisieren, bis dahin werden allein Moskau über 1000 vollund halbautomatische Fertigungsstraßen, über 500 mechanisierte Fließbänder und rund 14 000 Automaten, Halbautomaten und andere hochproduktive moderne Apparaturen in Betrieb genommen. Diese Andeutungen mögen genügen, um den riesenhaften Bedarf der Sowjetwirtschaft an volkswirtschaftlichem Kapital auch für die modernisierte Industrie zu illustrieren. Dazu kommen eine mit der Reduzierung der Soldatenzahl verbundene erhebliche Vermehrung des Aufwandes für die technische Rüstung sowie die hohen Kosten, die für die Befriedigung der wissenschaftlichen Neugier durch die Weltraumforschung aufgewendet werden müssen. So steht man vor einem volkswirtschaftlichen Aufwand an v o r getaner Arbeit, dessen Kühnheit Bewunderung verdient? Oder ist nicht diese Kühnheit ein volkswirtschaftlicher Leichtsinn? Kronrod möchte derartige Bedenken zerstreuen durch Hinweis auf die Entwicklungsgeschichte der Wirtschaft der UdSSR: „Zur Zeit der Vorkriegsfünf jahrespläne während des Krieges und auch während der Zeit des Wiederaufbaus in der Nachkriegszeit hielt die Gesellschaft planmäßig die Befriedigung des Interesses am Bedarf wesentlich zurück; ebenso drängte sie auch eine Reihe von Industriezweigen zurück zugunsten der Förderung der Schwerindustrie und der Frontversorgung." Aber nun soll und will man alles auf einmal: Strukturänderung in der Landwirtschaft, Strukturänderungen in der Energieversorgung, einen Riesenanlauf zur Automatisierung der Industrie, kostspielige Weltraumforschung, rasch sich entwickelnde Technik für die Rüstung und — rasche Verbesserung des Lebensstandards. Das alles ist nur möglich durch eine Kapitalbildung, die das bisherige Ausmaß weit übersteigt. Daß diese Tatsachen durch die vorgebrachten statistischen Ziffern verdunkelt, aber nicht beseitigt werden können, geht aus den früheren Darlegungen hervor. Man setzt sich — nicht nur in der Sowjetwirtschaft — über die volkswirtschaftlichen Schwierigkeiten, die eine rasche Vermehrung der fixen Kosten durch Technisierung bewirken, durch die Redensart hinweg: Technisierung ist Rationalisierung. Das wird sie aber im volkswirtschaftlichen Sinne nur dann sein, wenn die Proportionalität OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.5.23 | Generated on 2023-04-04 11:28:45
553] Die Sowjetwirtsdiaft — heute 41 in der Verwendung der vor der Produktion zur Verfügung stehenden Produktionsfaktoren gewahrt bleibt. Auch ist dies nur nach Überwindung einer mehr oder minder langen Zwischenzeit möglich; denn L der Gegenwert der Investition wird erst geraume Zeit nach der Investition durch die an den Markt kommenden produzierten Güter sukzessiv erzielt; 2. die Absatzgeschwindigkeit der neuproduzierten Waren ist langsamer als die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes, das in Form von Löhnen, Materialkosten usw. in die Volkswirtschaft strömt. Daß dadurch auch in den kapitalistischen Ländern ernste Anpassungsschwierigkeiten entstehen können, erleben wir zur Zeit in der Bundesrepublik. Die Gefahr ist aber in der Sowjetwirtsdiaft noch größer, weil die Preise als volkswirtschaftliche Richtungsweiser, die sie auf Grund marktwirtschaftlicher Orientierung erhalten, in der Sowjetwirtschaft ihre Dienste versagen. Das sind Schwierigkeiten, über die die Sowjetwirtschaft nicht hinwegkommt durch Hinweis auf das marxistische Wertgesetz. Wosnessensky meint in seiner Schrift „Die Kriegswirtschaft in der Zeit des vaterländischen Krieges (deutsche Übersetzung 1948)": „Der staatliche Plan nützt das Wertgesetz au«, um die gesellschaftliche Arbeit auf die verschiedenen Zweige der Wirtschaft zu verteilen, wie es das Interesse des Sozialismus erfordert." Wosnessensky wurde zwar später von Stalin liquidiert, aber der zitierte Satz gibt doch wohl die Meinung des marxistischen Sozialismus-Kommunismus wieder. Marx wiederholt, indem er seine Verteilungslehre aus der Wertlehre ableitet, zunächst eine Erkenntnis, die schon Adam Smith mit aller Klarheit im 8. Kapitel des ersten Bandes seines Hauptwerkes folgendermaßen aussprach: „Das Produkt der Arbeit ist deren natürliches Entgelt. Im „Naturzustand" — ohne Bodenokkupation und Kapitalakkumulation — „gehört das Produkt der Arbeit dem Arbeiter." ... „Sobald der Boden aber Privateigentum wird, fordert der Landlord eine Quote aller der Produkte, welche der Arbeiter auf seinem Boden hervorbringen kann, die, des Landlords Rente, bildet den ersten Abzug vom Produkt des Arbeiters. Da nun weiter der Arbeiter selten soviel Lebensmittel hat, um sich bis zur nächsten Ernte zu erhalten; da ihm diese vorgeschossen werden müssen von dem Kapitalisten, ... so bildet dieses Plus, der Profit, den zweiten Abzug vom Produkt des Arbeiters . . . Das Erzeugnis fast aller anderen Arbeit ist dem gleichen Gewinnabzug unterworfen." Auf diese einwandfreie Überlegung bauten Marx seine „Mehrwerttheorie" und La&salle sein „ehernes Lohngesetz" auf. Die marxistischen Planwirtschaftler behaupten nun, „Marx hat in treffendster Weise das Problem der Wertbildung mit der Frage nach der Einkommensquelle der gesellschaftlichen Gruppen verbunden." Wenn dem so wäre, dann müßte man als Folge hinnehmen, daß in der sozialistischen Planwirtschaft OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.5.23 | Generated on 2023-04-04 11:28:45
42 Adolf Weber [554 arbeitslose Einkommen nicht beseitigt, sondern nur verschoben werden: Der zufällig auf produktiveren Boden und mit produktiverem Kapital tätige Arbeiter würde bei gleicher Arbeit ein größeres Produkt für sich in Anspruch nehmen. Daraus ergibt sich, daß die Planwirtschaft im Grunde genommen weder auf die Grundrente noch auf den Zins als Einkommensquellen verzichten kann, wenn sie es ernst nimmt mit dem Kampf gegen arbeitslose Einkommen. Sie kann aber diese Einkommenskategorien für den Staat einkassieren. Damit ist aber nicht die Frage beantwortet, was für den nachhaltigen volkswirtschaftlichen Erfolg zweckmäßig ist: Grundrente und Zins im freien Leistungswettbewerb oder deren Unterschlupf im Zifferwerk der staatlichen Funktionäre? Die Marxisten antworten mit dem Hinweis auf die vorhandenen monopolistischen Tendenzen im System des freien Wettbewerbs. Daß derartige Tendenzen vorhanden sind, kann nicht bestritten werden. Aber diese Tendenzen sind am Markte der Bodenprodukte, wenigstens soweit es sich um landwirtschaftliche Erzeugnisse handelt, ohne Nachhelfen der Gesetzgebung kaum vorhanden; am Kapitalmarkt und erst recht an dessen Vorhof am Geldmarkt weht die scharfe Luft der internationalen Konkurrenz. Von den drei Produktionsfaktoren (-elementen) ist eine monopolistische Tendenz am ehesten am Arbeitsmarkt festzustellen: je kostspieliger und kurzlebiger die technische Apparatur ist, um so mehr ist der Arbeitgeber auf den Arbeiter angewiesen, zumal wenn der Arbeiter durch die Macht der Gewerkschaften und die Fürsorge der Gesetzgebung weitgehend vom Marktrisiko befreit wird. Die Gefahr für die regulierende Wirkung der Grundrente und des Kapitalzinses droht in der grundsätzlich freien Wirtschaft nicht vom „Monopol", sondern vom „Dirigismus", der unter Einfluß politischer Macht Sonderinteressen dienstbar gemacht wird. In der neuesten Sowjetwirtschaft sind unverkennbar Ansätze vorhanden, das Grundrentenprinzip für die sozialökonomische Ordnung nutzbar zu machen. Chruschtschow meinte im Dezember 1958 (nach einem Bericht der Prawda): „Wir müssen die Bezahlung der Arbeit in den Kolchosen so ordnen, daß zu hohe, durch nichts gerechtfertigte Verdienste ausgeschlossen werden, daß aber der materielle Anreiz nicht verloren geht. ... Man wird mehr Gelder in die unteilbaren Fonds abführen. ..Nach einem Ersatz für die Selektionsaufgabe des Zinses sieht man sich aber vergebens um. Der fragwürdige Dirigismus auf Grund mehr oder minder subjektiver Erwägungen der maßgebenden Funktionäre beherrscht hinsichtlich der Kapitalbildung und der bestmöglichen Kapitalverwendung das Feld. Die Zentrale ist sich über die Wichtigkeit der Kapitalbildung und der Vermeidung unzweckmäßiger Kapitalverwendung durchaus im OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.5.23 | Generated on 2023-04-04 11:28:45
555] Die Sowjetwirtschaft — heute 48 Klaren. An die Stelle der marktwirtschaftlichen Orientierung, insbesondere der Zinsfunktion treten die Mahnungen in Form strenger Erlasse. Die Prawda berichtete im November 1959, daß Gosplan-Chef Kosygin auf einer Sitzung des Ministerrates der UdSSR über „Maßnahmen zur beschleunigten Inbetriebnahme von Produktionskapazitäten" und „die Frage der rationellsten Verwendung der zugeteilten Gelder und Materialien für Kapitalinvestitionen im Jahre 1960, Erwägungen angestellt habe". Wie oft standen derartige Erörterungen auf der Tagesordnung! Die Klagen hielten und halten unvermindert an. Ein Kapitel für sich ist die rechtzeitige Erstellung von Ersatzin/vestitionen, die immer wieder zurückgestellt wurden, zugunsten der Neuinvestitionen. Die Vernachlässigung des rechtzeitigen Ersatzes schlägt um so mehr zu Buch, weil man annehmen kann, daß die vorhandenen Kapazitäten rücksichtsloser ausgenützt werden als in den „kapitalistischen" Ländern. Die Meisterung des volkswirtschaftlichen Kostenproblems als Grundlage für Kapitalbildung und Vermeidung von Kapitalverschwendung wird noch wesentlich dadurch erschwert, daß das Standortproblem in der Sowjetwirtschaft in seiner volkswirtschaftlichen Bedeutung kaum richtig erkannt ist und daß in Verbindung damit die Transportkosten in ungenügender Weise Berücksichtigung finden. Darauf soll hier aber nicht näher eingegangen werden. Die Problematik der ungenügenden Kapitalbildung wird praktisch besonders ernst, weil die beiden anderen Produktionsfaktoren Arbeit und Bodenkraft, die einst überreichlich zur Verfügung standen, nun angesichts des steigenden Bedarfs knapp geworden sind. Jahrzehnte hindurch hat der russische Sozialismus Erstaunliches geleistet in der Aufdeckung und Nutzbarmachung neuer Kräfte, die der Boden in sich birgt, zuletzt durch die Fortschritte in der Erdölund Gasgewinnung unid -Verwendung. Aber nun scheint hier eine Grenze erreicht zu sein, die nicht dadurch beseitigt wird, daß lediglich bisheriges Brachland unter den Pflug genommen wird. Das gilt auch für ein Lieblingsprojekt Chruschtschows, die Gewinnung von neuen großen Ackerbauflächen in Sibirien. Trockenheit, Sandstürme, der Getreidewurm sind Mahnungen, daß die extensive Landwirtschaft durch eine hochqualifizierte intensive Bewirtschaftung ersetzt werden muß, „die eine maximale Produktion pro Hektar und pro Arbeitstag erbringt", so äußerte sich Chruschtschow selbst. Das bedeutet aber Substitution der Naturkraft durch Kapitalkraft. Immer wieder hat sich bestätigt, daß dann, wenn das volkswirtschaftliche Kapital, also die vor getane Arbeit, knapp wird, zunächst Aushilfe zu schaffen versucht wird durch vermehrten Einsatz von Gegenwartsarbeit, also Substitutionen durch menschliche WirksamOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.5.23 | Generated on 2023-04-04 11:28:45
44 Adolf Weber [556 keiten. Wir wissen aus den jüngsten Erfahrungen in der Bundesrepublik, daß dies nur in sehr beschränktem Umfange möglich ist. Die Grenzen des Ersatzes von Kapital durch menschliche Arbeitskraft waren lange Zeit in Sowjetrußland verhältnismäßig weit gesteckt infolge eines Überflusses an Menschen. Davon kann jetzt keine Rede mehr sein: der gewaltige Aderlaß infolge des Weltkrieges ist noch nicht überwunden, der relative Geburtenüberschuß vermindert sich, die Sterbeziffer wird infolge des stark gestiegenen Durchschnittsalters abnehmende Tendenz haben. Nach den amtlichen russischen Angaben war bereits während der Jahre 1951 bis 1955 eine merkliche Abnahme der Zuwachsrate der erwerbstätigen Bevölkerung festzustellen, für die Jahre 1955 bis 1960 ist die Zuwachsrate noch wesentlich geringer. Sehr bemerkenswert ist, daß die für 1955/60 erwartete Steigerung der wirtschaftlichen Expansion zu 85 °/o durch Steigerung der Arbeitsproduktivität erzielt wurde gegenüber nur etwa 65 % in dem vorangegangenen Jahrfünft. Zwei große Reservoire, aus denen die Industrie Jahrzehnte hindurch zusätzliche Arbeitskräfte entnehmen konnte, scheinen der Erschöpfung sehr nahe gekommen zu sein: Landflucht und Frauenarbeit. Die Landflucht wird immer mehr zu einem ernsten Problem für die Sowjetwirtschaft namentlich dann, wenn sich die Lebenshaltung der städtischen Bevölkerung weiter verbessert. Auch die Frauenarbeit wird durch steigende Realeinkommen negativ beeinflußt, sie ist zur Zeit besonders in Berufen, die sich ihrer Art nach wenig für die Frauen eignen — Bau, Bergbau — unverhältnismäßig größer als in westlichen Kulturländern. Die begrüßenswerte Förderung, die in der Sowjetunion dem Familienleben zuteil wird, muß dem Bestreben, die Frau für das Haus zurückzugewinnen, verstärkten Antrieb geben. Dem widerspricht allerdings, daß für die Kolchos-Arbeit offenbar Bestrebungen vorhanden sind, den Frauen die häusliche Arbeit und die Kindererziehung zu nehmen, damit sie ihre Kraft mehr der Arbeit außerhalb des Hauses widmen können. Das ist zugleich ein Beweis für die Richtigkeit einer Feststellung, die gelegentlich die Iswestija (Nov. 1959) machte: „In den Kolchosen ist die Frau — das kann ohne Übertreibung gesagt werden — die wichtigste Kraft." Man kann hinzufügen, auch die billigste Kraft, für die eine kostspielige technische Apparatur manchmal kaum mehr ist als ein fragwürdiges Surrogat. Ob unter diesen Umständen die von Chruschtschow verlangte und zum Teil auch schon durchgeführte Arbeitszeitverkünzung nicht zu einer zusätzlichen Verknappung der Arbeitsleistungen führt, muß die Zukunft lehren. Der Vorsitzende des Ausschusses für Arbeitsund Lohnfragen, Volkov, gab in einem Bericht Anfang Mai 1960 zu, daß OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.5.23 | Generated on 2023-04-04 11:28:45
557] Die Sowjetwirtschaft — heute 45 es infolge der Arbeitszeitverkürzungen zu mancherlei Schwierigkeiten gekommen sei, indessen Rationalisierung des Arbeitsverfahrens, Mechanisierung und Automatisierung des Arbeitsprozesses würden den erwünschten Ausgleich schaffen. Mit anderen Worten, vermehrte Kapitalbildung ist notwendig, wenn die Arbeitszeitverkürzung volkswirtschaftlich nicht zwecklos sein soll. Natürlich sind sich die selbständig denkenden Köpfe in der Sowjetwirtschaft über die zentrale Bedeutung der Kapitalbildung im klaren. Aber das, was vorgeschlagen wird zur Bekämpfung der Kapitalknappheit, läuft in der Hauptsache auf zweierlei hinaus: noch mehr Technisierung und Belastung der Landwirtschaft durch verstärkte Inanspruchnahme der „unteilbaren Fonds". Im Mai 1959 erklärte Chruschtschow: „Viele fortgeschrittene Kolchosen bemühen sich, soviel Geld wie möglich für die Bezahlung der Normtage zu verwenden. Ich bin nicht für die Ausgabe einer großen Menge Geld und Naturalien für Normtage. .. . Wir streben danach, daß die Menschen nicht an persönlichem Reichtum reich sind, der in Truhen und Sparbüchsen versteckt wird. Man muß auf jede Weise dazu anreizen, daß die Kolchosen mehr Geld in die unteilbaren Fonds abführen." Die Mittel dieser Fonds werden jedoch durch Bau von Wohnungen auf dem Lande, durch Wegebau, durch Bodenverbesserung und durch kulturelle Einrichtungen in den Dörfern schon so gut wie restlos für das Land und die Landbevölkerung nutzbar gemacht werden müssen, für die Industrie und die Städte kommen die zusätzlichen Leistungen der Landwirtschaft kaum in Betracht. Da auch langfristige Kredite seitens der kapitalistischen Länder in dem erforderlichen Umfang nicht gewährt werden und auch angesichts des zunehmenden Kapitalmangels in den meisten Ländern der freien Welt nicht gewährt werden können, bleibt nur ein Ausweg übrig: möglichst baldige allgemeine kontrollierte Abrüstung. Das gilt nicht nur für die Sowjetwirtschaft, sondern auch für die westliche Welt, wenn auch vielleicht mit etwas anderer Begründung. Dabei wird in dieser Abhandlung, bei der nur die Rede ist von unmittelbaren wirtschaftlichen Zusammenhängen, ganz abgesehen von der politischen Entspannung, die von der kontrollierten allgemeinen Abrüstung mit Recht erwartet wird und die indirekt auch ihre große sozial-ökonomisch Bedeutung hat. Für die freie Welt ist die Vorbereitung der Verteidigung unter politischem Gesichtspunkt die notwendigste Ausgabe, die sich denken läßt, deshalb bleibt sie aber volkswirtschaftlich unproduktiv. Gelingt in nächst absehbarer Zeit die kontrollierte Abrüstung nicht, werden diese unproduktiven Ausgaben weiter absolut und unheimlich steigen; darunter leidet der wirtschaftliche Fortschritt der ganzen Welt mit Einschluß des Sowjetblocks. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.5.23 | Generated on 2023-04-04 11:28:45
46 Adolf Weber [558 4. Mit Kronrod bin ich darin einig, daß Eingliederung der Sowjetwirtschaft in eine freie, d. h. unter Ausschaltung monopolistischer Macht vor sich gehende internationale Arbeitsteilung sowohl für Rußland wie für die übrige Welt von großem Vorteil sein würde. Aber er wird mir kaum zustimmen, wenn ich meine, daß sich der Sowjetblock viel leichter als die marktwirtschaftlich orientierten Länder beim weltwirtschaftlichen Güteraustausch eine Monopolstellung sichern kann. Ich komme darauf noch zurück. Ein grundsätzliches Bekenntnis zur internationalen Arbeitsteilung legte auch Mikojan in einem längeren Aufsatz ab, den das Düsseldorfer Handelsblatt im Mai 1960 veröffentlichte. Er meint: „Unserer Überzeugung nach gilt es, Mittel zur Erleichterung und zum Ausbau des internationalen Handels nicht auf dem Wege der Aufspaltung der Welt in einzelne Handelsblöcke zu suchen ... das Prinzip der Koexistenz, das von den sozialistischen und vielen anderen Ländern angenommen wurde, setzt ausgedehnte Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Ländern voraus. Deshalb müssen Bedingungen zur Erleichterung des gegenseitigen vorteilhaften Austausches von Waren und Dienstleistungen zwischen allen Ländern unter Anpassung an die Bedürfnisse der internationalen Arbeitsteilung als objektive Notwendigkeit geschaffen werden ..Dann folgt in seinem Aufsatz eine Bemerkung, die mir besonders wichtig und richtig zu sein scheint: „Die internationale Arbeitsteilung ist nicht als etwas Statisches, Erstarrtes anzusehen, sie muß die Dynamik des Wirtschaftslebens widerspiegeln." Da ist nun die Frage, ob das sowjetrussische Preissystem elastisch genug ist oder elastisch genug werden kann, um sich der in steter Bewegung befindlichen Arbeitsteilung und dem damit verbundenen Marktgeschehen anzupassen. Mikojan meint selbst in anderem Zusammenhang, „obwohl in der Sowjetunion sehr klar die Vorzüge der Arbeitsteilung erkannt werden, folgt ihre Handelspolitik noch immer strikt dem Prinzip des bilateralen Ausgleichs von Warenausfuhr und Wareneinfuhr". Der Welthandel muß aber seinem Wesen nach multilateral sein, wenn ein weltwirtschaftliches Optimum angestrebt wird. Die Vertreter der Sowjetwirtschaft, die sich notgedrungen mit einem bilateralen Güteraustausch begnügen müssen, schwächen dadurch ihre Wirtschaft und die Weltwirtschaft. Kronrod wirft mir vor, ich betrachte den kapitalistischen Konkurrenzkampf auf dem Weltmarkt als eine Art Wohltätigkeitsveranstaltung. Nichts liegt mir ferner, aber ich bin der Ansicht, daß deshalb, weil dieser Konkurrenzkampf rücksichtslos geführt wird und wohl auch geführt werden muß, nur diejenigen den Kampf mit Erfolg durchführen können, die sich so elastisch wie möglich den jeweiligen Marktbedingungen anzupassen vermögen. Das setzt aber eine marktOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.80.5.23 | Generated on 2023-04-04 11:28:45
