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"Window-dressing" in Bankbilanzen

Wittstock, Jan

Abstract

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Full text

Wittstock, Jan Article "Window-dressing" in Bankbilanzen Kredit und Kapital Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Wittstock, Jan (1972) : "Window-dressing" in Bankbilanzen, Kredit und Kapital, ISSN 0023-4591, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 5, Iss. 2, pp. 206-227, https://doi.org/10.3790/ccm.5.2.206 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/292679 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. 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Es liegt deshalb nahe, daß die Kreditinstitute „Bilanzgestaltung"1 betreiben, um bestimmte Erwartungen zu erfüllen (und nach Möglichkeit noch zu übertreffen), die in der Öffentlichkeit bezüglich der in den Bilanzen ausgewiesenen Angaben bestehen. Diese Erwartungen der für die Geschäftspolitik der Banken bedeutsamen Öffentlichkeit richten sich insbesondere auf die Liquidität. Die Banken befleißigen sich daher, in ihren Bilanzen einen Liquiditätsstatus auszuweisen, der Vertrauen in ihre jederzeitige Zahlungsfähigkeit gewährleistet. — Zu den Kriterien, nach denen eine Bank beurteilt wird, gehört außer der Liquidität auch der Umfang der Bilanzsumme2. Dieser gilt vielfach als Maßstab für die Bedeutung eines Instituts und damit oft auch als Kennzeichen der „Sicherheit" der Bank in den Augen der Öffentlichkeit. I. Ursachen des „window-dressing" Um das Vertrauen in ihre Liquidität aufrechtzuerhalten und zu stärken, achten die Banken darauf, daß ihre Zahlungsmittel'bestände an 1 Vgl. dazu R. Wittgen, Die publizitätsorientierte Bilanzgestaltung von Aktienbanken, in ZFB, Jg. 35 (1965), S. 724 ff. 2 Zur publizitätswirksamen Bedeutung der Bilanzsumme vgl. u. a. R. Wittgen, a.a.O., S. 727, und F. Malt, Grundlagen der Ergebnisausweispolitik bei Aktienbanken, Diss. Hamburg 1968, S. 118 f. — Wenn in den Geschäftsberichten der Banken sowie in der Wirtschaftspresse das im Berichtsjahr erzielte „Wachstum" des Geschäfts betont wird, so beziehen sich solche Aussagen meist auf die Erhöhung der Bilanzsumme. — Vgl. auch G. Draheim, Ist die Bilanzsumme ein Wettbewerbsargument? In: Wirtschaftswoche, Nr. 21, 21. 5. 1971, S. 41. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.5.2.206 | Generated on 2023-01-16 13:26:18 ,Window-dressing" in Bankbilanzen 207 den Stichtagen ihrer veröffentlichten Bilanzen einen bestimmten Stand nicht unterschreiten. Das primäre Zahlungsmedium der Kreditinstitute sind bekanntlich die in der Bilanzposition „Guthaben bei der Deutschen Bundesbank" ausgewiesenen Zentralbankguthaben. Auf diese, hier kurz als „ZBG" bezeichnete Position soll sich unsere Untersuchung beschränken. Der ZBG-Bestand einer Bank erfüllt drei Funktionen: Erstens dient er als Zahlungsbereitschaftsreserve; zweitens ist er das Medium der Mindestreservehaltung; drittens hat er eine rein öffentlichkeitsbezogene Aufgabe (Werbefunktion). Die Herausstellung des ZBG-Bestands zur Vertrauenswerbung in der Öffentlichkeit hat mit der von der Bank getroffenen Vorsorge für Auszahlungsanforderungen direkt nichts zu tun. Welche ZBG-Bestände zur Sicherung der Liquidität im Einzelfall erforderlich sind, läßt sich in der Regel von Außenstehenden nicht beurteilen. Die Zahlungsbereitschaftsreserve der Bank für einen Plantag wird von den erwarteten Einund Auszahlungen sowie dem spezifischen Risikoverhalten der zuständigen Entscheidungsträger bestimmt3. Diese zur Sicherung der Liquidität auch am Bilanzstichtag zu haltende ZBG-Reserve braucht mit dem zum Zweck der Standingpflege für den Bilanzstichtag vorgesehenen ZBG-Bestand keinesfalls übereinzustimmen. Dessen Höhe ist nicht auf den von der einzelnen Bank jeweils geschätzten Zahlungsmittelbedarf zurückzuführen, sondern auf die Vorstellungen externer Wirtschaftssubjekte, denen die Bank Rechnung tragen muß, wenn sie nicht das in sie gesetzte Vertrauen gefährden will. Betreibt eine Bank in Anpassung an bankexterne Wertansichten eine Bilanzfrisur („Bilanzverschönerung"), so bezeichnet man dies als „window-dressing"4 im weiteren Sinne. Im engeren Sinne wollen wir unter diesem Begriff die Gestaltung nur des ZBG-Bestands verstehen und nur dann von „window-dressing" sprechen, wenn die Höhe des ZBGBestands am Bilanzstichtag von dem Streben der Bank nach Standing3 Zu diesem Problem vgl. J. Wittstock, Eine Theorie der Geldpolitik von Kreditinstituten — Grundlagen einzelwirtschaftlicher Optimierung bankbetrieblicher Zentralbankguthaben, Duncker & Humblot, Berlin, 1971, S. 130 ff., 140 ff. 4 Zur Begriffsbestimmung, die in der Literatur im einzelnen nicht einheitlich erfolgt, vgl. „Window-dressing", in Deutsche Sparkassenzeitung, Nr. 70, vom 9. 9. 1966, S. 1; ferner Enzyklopädisches Lexikon für das Geld-, Bankund Börsenwesen, 3. Aufl., red. von E. Achterberg und K. Lanz, Bd. II, Frankfurt 1967/68, S. 1835; H. Lipfert, Der Geldmarkt, 6. Aufl., Frankfurt 1967, S. 16. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.5.2.206 | Generated on 2023-01-16 13:26:18 208 Jan Wittstock oder Eigenadressenpflege bestimmt wird. — „Window-dressing" liegt dagegen nicht vor, wenn das geschäftspolitische Ziel der Liquiditätssicherung oder das der Erfüllung des Mindestreserve-Solls für die Höhe des für den Bilanzstichtag vorgesehenen ZBG-Bestands maßgeblich ist. — Ob sich „window-dressing" in der Bankpraxis nachweisen läßt, wird nachstehend noch untersucht. Da den Interessenten außerhalb der Bank zur Beurteilung der Liquiditätssituation nur die in der Bilanz veröffentlichten, stichtagsbezogenen Bestandsgrößen zur Verfügung stehen, ist anzunehmen, daß Banken diese Größen am Bilanzstichtag auf den Stand zu bringen versuchen, der ihrer Meinung nach geeignet ist, bei der für sie bedeutsamen Öffentlichkeit die gewünschte Wirkung zu erzielen. Bei der publizitätspolitisch begründeten, stichtagsbezogenen Variation einer Bilanzposition geht die Bank davon aus, daß die ausgewiesenen Bestände von den Adressaten der Bilanz auch für die Zeit zwischen den Bilanzstichtagen als für die Bank typisch vermutet werden oder daß die Stichtagsrelevanz der Bilanz schlechthin übersehen wird. Würde die Bilanz der Bank bestimmten Erwartungen der Öffentlichkeit (insbesondere den Erwartungen der Gläubiger in Bezug auf die Liquiditätssituation) nicht entsprechen, so müßte die Bank für ihr Geschäft negative Reaktionen befürchten, wie z. B. den Abzug von Einlagen. Andererseits hat die Bank die Möglichkeit, durch eine stichtagsbezogene Manipulation bestimmter Positionen für sich vorteilhafte Verhaltensweisen auszulösen, die sowohl das Passiv-, als auch das Aktivgeschäft stärken. „Window-dressing" wird eine Bank nur betreiben, wenn sie den zur Sicherung ihrer Liquidität oder zur Erfüllung ihres Mindestreserve-Solls am Bilanzstichtag erforderlichen ZBG-Bestand publizitätspolitisch für zu niedrig hält. Als Maßstab für seine publizitätspolitisch „richtige" Höhe dienen bestimmte, branchenübliche Strukturnormen, die der Öffentlichkeit als Beurteilungskriterien dienen. Diese Normen, wie z.B. die Relation des ZBG-Bestands zu den kurzfristigen Verbindlichkeiten oder zur Bilanzsumme, sind Durchschnittswerte der Branche und der jeweiligen Bankengruppe. Um nicht negativ aufzufallen, muß die Bank darauf achten, daß die sich aus ihrer Bilanz ergebenden Kennzahlen keine — im zwischenbetrieblichen Vergleich — unterdurchschnittlichen Werte annehmen. Vielmehr dürfte die Bank bemüht sein, günstigere Relationen als ihre Konkurrenten auszuweisen. . OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.5.2.206 | Generated on 2023-01-16 13:26:18 „Window-dressing" in Bankbilanzen 209 Je nach den angewandten Modalitäten — auf die hier nicht näher eingegangen werden soll — ist das „window-dressing" für die Bank aus mehreren teilweise einander ergänzenden Gründen vorteilhaft: 1. Durch „window-dressing" lassen sich die aus der Bilanz ersichtlichen Liquiditätskennzahlen verbessern und zwar insbesondere durch zugunsten des ZBG-Bestands erfolgende Bestandsumschichtungen auf der Aktivseite der Bilanz. 2. Wird der ZBG-Bestand durch Bestandserweiterungen erhöht, d. h. verlängert sich die Bilanz entsprechend, so zeigt die Entwicklung der Bilanzsumme ein „Wachstum" des Kreditinstituts. Audi in diesem Fall verbessern sich bestimmte Liquiditätskennzahlen. 3. Sowohl durch Umschichtungen als auch durch Bestandserweiterungen kann eine Stabilisierung der ausgewiesenen Geschäftsentwicklung herbeigeführt werden. Zur Erklärung dieser drei mit dem „window-dressing" verfolgten Handlungsziele muß außer dem bereits angedeuteten Konformitätsstreben (Orientierung am Branchendurchschnitt) auch das Kontinuitätsstreben der Bank erwähnt werden5. Nicht nur die Bilanzen konkurrierender Kreditinstitute, sondern auch die für vorangegangene Perioden veröffentlichten eigenen Bilanzen der Bank setzen Maßstäbe, mit denen die Öffentlichkeit die Bank beurteilt. Daher ist bei der Bilanzgestaltung darauf zu achten, daß der ZBG-Bestand in seiner absoluten Höhe und in seinen Relationen zu anderen, für die Beurteilung der Liquidität bedeutsamen Positionen kontinuierlich an den jeweils vorangegangenen Bilanzausweis anschließt. Würde eine diskontinuierliche Entwicklung sichtbar, so könnten bei einem als zu niedrig (oder zu hoch) empfundenen ZBG-Bestand Zweifel an der künftigen Zahlungsfähigkeit (oder Ertragskraft) der Bank auftreten. Auch das Streben nach einer Stabilisierung der ausgewiesenen Geschäftsentwicklung ist Ausdruck der Verhaltensgrundsätze Konformität und Kontinuität. Der Bilanzausweis soll weder bei einem zwischenbetrieblichen Bilanzvergleich noch bei einem Periodenvergleich der eigenen Bilanzen aus dem Rahmen fallen. Zu diesem Ziel kann das „window-dressingK in folgender Weise beitragen: Zeigt die Bilanzsumme im Vergleich zu der Entwicklung der eigenen Bank in den Vorjahren und/ oder im Vergleich zu den erwarteten Jahresabschlüssen konkurrierender 6 Vgl. dazu u. a. R. Wittgeny a.a.O., S. 728 und 736. 14 Kredit und Kapital 2/1972 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.5.2.206 | Generated on 2023-01-16 13:26:18 210 Jan Wittstock Banken ein zu geringes Wachstum6, so lassen sich ZBG-Bestand und Bilanzsumme durch Geldgeschäfte erhöhen, die sich am Stichtag in der Bilanz niederschlagen7. Ist dagegen zu erwarten, daß die Bilanzsumme und ggf. auch der ZBG-Bestand aufgrund von Sondereinflüssen „zu stark" wachsen, kann die Bank ihre „window-dressing"-Aktionen — verglichen mit den entsprechenden Maßnahmen für die jeweils vorangegangene Bilanz — abbauen und ggf. ganz auf sie verzichten. Die Bank gewinnt dadurch mehr Spielraum für die Erhöhung des ZBG-Bestands durch „window-dressing" in den Bilanzen der Folgejahre. — Ebenso lassen sich die Relationen des ausgewiesenen ZBG-Bestands zu anderen Bilanzpositionen durch „window-dressing" beeinflussen. II. Empirische Untersuchung des „window-dressing" in den Jahresbilanzen der Banken in der Bundesrepublik Unsere einführenden Überlegungen zum „window-dressing" haben ergeben, daß für die Banken hinreichende Gründe bestehen, die in ihren veröffentlichten Bilanzen ausgewiesenen Zentralbankguthaben (ZBG) zu beeinflussen und somit eine öffentlichkeitsbezogene Bilanzgestaltung zu betreiben. Im folgenden soll diese These nun empirisch überprüft werden, und zwar am Beispiel der Jahresabschlüsse der Banken in der Bundesrepublik. Stichtag dieser Jahresbilanzen ist der Ultimo des Kalenderjahres8. Es ist also zu untersuchen, ob (und ggf. wie) der per 31. Dezember ausgewiesene ZBG-Bestand der Banken von dem sonst üblichen Umfang dieser Position abweicht. Sofern die Banken tatsächlich „windowdressing" betreiben, müßten sie am Jahresultimo über überdurchschnittlich hohe Zentralbankguthaben verfügen. Unser Untersuchungszeitraum erstreckt sich von Mitte 1963 bis Mitte 1971, umfaßt also acht Einjahresperioden, die jeweils von Juli bis Juni 6 Das ausgewiesene Wachstum ist bereits insofern als ein Beitrag zur Eigenadressenpflege der Bank anzusehen, weil von einer als „dynamisch" geltenden Bank eine besondere Anziehungskraft auf potentielle Kunden sowie auch auf Bankfachpersonal ausgeht. 7 Die dazu erforderlichen Geldaufnahmen werden allerdings durch zwei Überlegungen begrenzt: (1) Es muß eine befriedigende Relation der Verbindlichkeiten zum Eigenkapital eingehalten werden. (2) Ein ZBG-Bestand, der erheblich über den Umfang hinausgeht, welcher von den Adressaten der Bilanz als zur Liquiditätssicherung notwendig angesehen wird, kann einen Mangel an gewinnfördernden Geschäftsmöglichkeiten vermuten lassen. 8 Es gibt nur wenige, bei der Betrachtung aller Bilanzsummen quantitativ nicht ins Gewicht fallende Ausnahmen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.5.2.206 | Generated on 2023-01-16 13:26:18 „Window-dressing" in Bankbilanzen 211 laufen. Der 31. Dezember liegt somit etwa in der Mitte einer jeden Periode. Sämtliche statistischen Angaben sind den Monatsberichten der Deutschen Bundesbank entnommen, bzw. daraus errechnet. (Diese Daten gingen aus der monatlichen Bilanzstatistik sowie der Mindestreservenstatistik hervor.) — Die in den Monatsberichten veröffentlichten Angaben über die ZBG-Bestände der Banken sind im Zeitablauf untereinander nur begrenzt vergleichbar, da (1) sie stets stichtagsbezogene Bestände darstellen und (2) Änderungen der Höhe der Mindestreserven die Vergleichbarkeit einschränken. Daher wollen wir nicht die ZBG-Bestände selbst, sondern bestimmte Kennzahlen miteinander vergleichen. Zunächst ist für jeden Monat und für jede untersuchte Bankengruppe der im Durchschnitt aller Tage des Monats gehaltene ZBG-Bestand zu errechnen. Dieser Durchschnittsbestand läßt sich der Mindestreservenstatistik der Bundesbank entnehmen und wird als „durchschnittliche Ist-Reserve" bezeichnet (tägl. ZBG im Monatsdurchschnitt). Diese Größe ist die Summe aus Reserve-Soll und Uberschußreserven. — In der „Bankenstatistik nach Bankengruppen" (Reihe 1 der statistischen Beihefte zu den Monatsberichten) wird der jeweils am Monatsende vorhandene ZBG-Bestand veröffentlicht. Das Verhältnis dieses Monatsendbestands zur durchschnittlichen Ist-Reserve ergibt für jeden Monat eine Kennzahl. Aus der Zusammenstellung dieser monatlichen Kennzahlen lassen sich Aussagen über das „window-dressing" herleiten. — Da sich diese Aussagen auf die Kennzahlen und nicht auf einen Vergleich verschiedener ZBG-Monatsendbestände stützen, entstehen keine Verzerrungen durch Mindestreserveeinflüsse9. Es ist anzunehmen, daß im Falle einer Änderung des für die Bank geltenden durchschnittlichen Mindestreservesatzes sich der ZBG-Bestand am Monatsende sowie die durchschnittliche Ist-Reserve (die vom Reserve-Soll normalerweise nur sehr wenig abweicht, vgl. Tabelle 1) im gleichen relativen Umfang ändern. Indem die Kennzahlen auf dem durchschnittlichen ZBG-Ist-Bestand während des Monats aufbauen, dessen Höhe mit jeder Änderung des durchschnittlichen Mindestreservesatzes variiert, erfassen sie die ZBGBestände als Zeitraumgröße. Zugleich neutralisieren die Kennzahlen eventuelle Mindestreserveeinflüsse. Tabelle 1 enthält die Zusammenstel9 Die Vergleichbarkeit verschiedener ZBG-Monatsendbestände würde beeinträchtigt werden durch vom Zentralbankrat beschlossene Mindestreservesatzänderungen sowie durch Wandlungen in der Struktur der reservepflichtigen Verbindlichkeiten der Bank. Aus der Struktur dieser Passiva sowie den allgemein geltenden Mindestreservesätzen ergibt sich der für die Bank zutreffende durchschnittliche Mindestreservesatz. 14* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.5.2.206 | Generated on 2023-01-16 13:26:18 212 Jan Wittstack lung der für unsere Analyse bedeutsamen Positionen und zwar für „Alle Bankengruppen". Aus Raumgründen beschränken wir uns hier auf die Periode 1969/197010. Tabelle 1 Alle Bankengruppen Jahr Monat ZBG am Monatsende Mill. DM Res.-Soll Mill. DM Oberschußreserven Mill. DM Tägl. ZBG im Monatsdurchschnitt Mill. DM Kennzahl 1 : 4 Jahr Monat 1 2 3 4 5 1969 Juli 17 399 17 946 162 18 108 0,96 Aug. 19 996 19 495 229 19 724 1,01 Sept. 19 449 19 645 625 20 270 0,96 Okt. 18 848 20 162 112 20 274 0,93 Nov. 16 378 17 641 171 17 812 0,92 Dez. 19 045 15 967 564 16 531 1,15 1970 Jan. 17 802 18 315 131 18 446 0,97 Febr. 16 831 18 087 159 18 246 0,92 März 17 119 18 072 i 154 18 226 0,94 April 17 810 17 870 129 17 999 0,99 Mai 18 130 i 17 965 173 18 138 1,00 Juni 20 027 18 332 149 | 18 481 1,08 Betrachtet man zunächst nur den Monat Dezember, so fällt auf, daß der ZBG-Bestand am Jahresultimo erheblich über dem Durchschnittsbestand in diesem Monat liegt. Noch deutlicher tritt die auffallende Höhe des Jahresendbestands hervor, wenn man ihn mit den Beständen vergleicht, die im Durchschnitt aller übrigen Monate gehalten wurden. Die Spalte „Tägl. ZBG im Monatsdurchschnitt" enthält den je Tag realisierten Durchschnittsbestand je Monat. Im Dezember übertrifft der Monatsendbestand den Monatsdurchschnittsbestand ganz erheblich, während in den meisten übrigen Monaten der Endbestand deutlich unter dem Durchschnittsbestand liegt. — Faßt man die Kennzahlen der 11 Monate des Jahres ohne Dezember zu einer Kennzahl zusammen und 10 Für die Daten der Perioden 1963/64 bis 1968/69 vgl. J. Wittstock, a.a.O., S. 245 f. Auch die Angaben für die weiter unten untersuchten Bankengruppen sind dort auf S. 249 - 254 bis einschließlich 1968/69 enthalten. Wir können uns daher hier auf die Wiedergabe der bis Mitte 1971 aktualisierten Ergebnis-Tabellen beschränken. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.5.2.206 | Generated on 2023-01-16 13:26:18 „Window-dressing" in Bankbilanzen 213 vergleicht diesen Durchschnittswert mit der Dezemberkennzahl, so liegt der Dezemberwert um 18,4% höher als der Durchschnitt aus den 11 Monaten, die von dem Stichtag der Jahresbilanz nicht betroffen sind. Daß auch in den weiteren untersuchten Perioden die Durchschnittswerte für Januar bis November von den Dezemberkennzahlen erheblich überschritten werden, zeigt Tabelle 2. Selbst in dem Ausnahmejahr11 1968/69 ist eine deutliche Überschreitung festzustellen. — Die Tatsache, daß die Kennzahlen der Monate Januar bis November den Wert 1 in der Regel unterschreiten, ist mit dem Verhalten der Banken bei der Erfüllung ihrer Mindestreserveverpflichtung zu erklären. Um das Risiko der Nichterfüllung des Reserve-Solls zu meiden, halten die Banken in der ersten Monatshälfte überdurchschnittlich hohe Zentralbankguthaben, so daß gegen Ende des Monats entsprechend geringere ZBG-Bestände erforderlich sind. Darauf wird unten noch eingegangen. Tabelle 2 Kennzahlen für „Alle Bankengruppen" Periode Durchschnitt Jan. - Nov. Dezember Abweichungen im Dezember inVo 1 2 3 1963/64 0,944 1,32 + 39,9 1964/65 0,945 1,17 + 23,9 1965/66 0,951 1,19 + 25,1 1966/67 0,932 1,21 + 29,9 1967/68 0,964 1,29 + 33,8 1968/69 1,085 1,18 + 8,7 1969/70 0,971 1,15 + 18,4 1970/71 0,983 1,09 + 10,9 Die Durchschnittswerte für Januar bis November werden im Untersuchungszeitraum demnach im Dezember um 8,7 % bis 39,9 % übertroffen. Die Werte in Spalte (3) errechnen sich aus ^jy^-vlOO. Auf gleiche Art sollen nun einzelne Bankengruppen untersucht werden. Wir beschränken uns dabei auf die drei Gruppen der Kreditbanken (Großban11 Aufgrund der starken Devisenbewegungen, von denen die Bundesrepublik während der Spekulation um die Währungsparität der DM betroffen wurde, ist der Kennzahlendurdischnitt für die 11 Monate ohne Dezember atypisch hoch. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.5.2.206 | Generated on 2023-01-16 13:26:18 220 Jan Wittstock Tabelle 9 Zentralbankguthaben in Prozent des Durchschnitts der vier monatlichen Ausweistage Ausweistag Periode 7. 15. 23. 30./31. i 1966 Durchschnitt Januar - November Dezember Abweich, im Dez. 110,07 107,24 - 2,6 % 102,64 88,30 -14,0% 95,48 96,03 + 0,6% 91,80 108,44 + 18,1 % 1967 Durchschnitt Januar - November Dezember Abweich, im Dez. 109,62 100,70 - 8,1% 100,77 92,35 - 8,4% 96,87 91,07 - 6,0% 92,73 115,88 + 25,0% 1968 Durchschnitt Januar - November Dezember Abweich, im Dez. 105,65 109,76 + 3,9% 96,51 100,26 + 3,9% 100,11 84,79 - 15,3 % 97,73 105,19 + 7,6% 1969 Durchschnitt Januar - November Dezember Abweich, im Dez. 105,33 117,11 + 11,1 % 104,90 94,07 - 10,3 % 96,66 88,68 - 8,3% 93,09 100,17 + 7,6% 1970 Durchschnitt Januar - November Dezember Abweich, im Dez. 107,54 102,66 - 4,5 % 101,61 99,12 - 2,5% 96,15 98,42 + 2,4% 94,71 99,81 + 5,4% Ultimo der Monate Januar bis Novemiber sind per Ende Dezember überdurchschnittlich hohe ZBG-Bestände festzustellen. Die Schwerpunkte der Mindestreservehaltung der Banken liegen im Dezember um den 7. (Vorbereitung auf die durch den bevorstehenden Quartals-Steuertermin verursachten Anforderungen) und am Ultimo. Tabelle 9 zeigt, daß die Banken zum Jahresultimo von ihrer sonst befolgten Strategie der monatlichen Mindestreservehaltung abweichen: Die Kennzahlen für die per 31. Dezember gehaltenen ZBG überschreiten durchweg die entsprechenAufwertungsspekulation betroffen wurden; die — atypische — Zahlenreihe für November 1968 lautet 91,89; 88,27; 116,24; 103,61. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.5.2.206 | Generated on 2023-01-16 13:26:18 Window-dressing" in Bankbilanzen 221 den Werte für den 30./31. der übrigen Monate im Untersuchungszeitraum und zwar um 5,4 bis 25,0 %. Der überdurchschnittlich hohe Bedarf an Zentralbankguthaben zum Jahresultimo kommt auch in der Zinsentwicklung am Tagesgeldmarkt zum Ausdruck. Eine Untersuchung der für die Bundesrepublik repräsentativen Tagesgeldsätze in Frankfurt/M. zeigt für den Zeitraum seit 1963, der auch unserer Analyse der ZBG-Bestände zugrunde liegt, das in Tabelle 10 zusammengestellte Ergebnis. Verglichen werden die Zinssätze für Ultimogeld mit denen für Tagesgeld (Tg) in der Zeit vom 1.-30. Dezember sowie 24. - 30. Dezember und dem am 31. Dezember geltenden Lombardsatz der Deutschen Bundesbank17. Die Zinssätze für Jahresultimogeld18 sind demnach die höchsten Sätze für täglich fälliges Geld im Dezember. Sie liegen außerdem wesentlich über dem Lombardsatz, der in der Regel die Obergrenze für die Zinssätze am Tagesgeldmarkt bildet. Tabelle 10 Zinssätze für tägliches Geld im Dezember °/o p. a. Jahr Ultimogeld Tg 24. -30. 12. Höchstsatz 1.-30. 12. Lombardsatz Durchschnittssatz für Dezember Jahr Höchster Satz Niedrigster Satz Höchster Satz Niedrigster Satz Höchstsatz 1.-30. 12. Lombardsatz Durchschnittssatz für Dezember Jahr 1 2 3 4 5 6 7 1963 5Vf 5 27/s 2 3Vs 4 1964 51/* 5Va 33/s 2V4 3Vi VU 1965 68/4 65/s 43/4 3 5 5 4^67 1966 8 73/4 6V4 5V2 6V4 6V4 5,85 1967 5 4V2 2Vs lS/4 B 3Vs 3'V2 2,77 1968 4Vi 4V4 3 • IV2 3 31/* 1,84 1969 12V2 IIV2 5 B 3V2 IOV2 9 8,35 1970 8V2 7V 2 6 B 77/8 8 71/2 7,52 17 Quelle der Daten bis einschl. 1967: Monatsberichte der Deutschen Bundesbank, Teil IV, Tabelle 2 f „Tagesgeldsätze in Frankfurt am Main nach Bankwochen". Seit Ende 1968 wird nur noch der Monatsdurchschnittszins für Tagesgeld veröffentlicht (Teil V, Tabelle 5), der nun auch den Zins für Ultimogeld enthält. Mit Schreiben vom 26. 10. 1970 nannte die Bundesbank dem Verfasser die nicht mehr veröffentlichten Zinssätze. 18 Die Sätze für Jahresultimogeld sind in den Sätzen der Spalten 3, 4 und 5 von Tabelle 10 nicht enthalten. In den Jahren, in denen der 31. 12. (und OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.5.2.206 | Generated on 2023-01-16 13:26:18 222 Jan Wittstock Bezieht man die Zinssätze für Jahresultimogeld allein auf den 31. Dezember, für den das Geld zum Zwecke des „window-dressing" benötigt wird, so errechnen sich für die Banken noch erheblich höhere Zinskosten: Da der 1. Januar des folgenden Jahres stets geschäftsfrei ist, gilt der für Ultimogeld vereinbarte Zins mindestens auch für diesen Tag19. Aufgrund von 3 geschäftsfreien Tagen errechneten sich die effektiven Zinskosten beispielsweise für Jahresultimogeld 1967 mit 13 % statt 43/4%20. Auch Ende 1970 galt der Jahresultimozins für insgesamt 4 Zins-Tage21, wodurch ein bremsender Einfluß auf die für Ultimogeld vereinbarten Zinssätze ausging. — Wenn im Geldhandel der Banken an einem bestimmten Tag im Dezember verschiedene Sätze für Tagesgeld und für Ultimogeld genannt werden, so liegt der Satz für Ultimogeld stets erheblich höher22. Es zeigt sich also, daß für tägliches Geld am Jahresultimo wesentlich höhere Zinssätze gezahlt werden als an den übrigen Tagen der letzten Dezemberwoche (und im Dezember überhaupt). Das in der letzten Dezemberwoche noch zu realisierende Mindestreserve-Soll ist den Banken hinreichend bekannt. Zur Erfüllung ihrer Mindestreserveverpflichtungen könnten sie sich ZBG an den Tagen vor dem Jahresultimo zu erheblich niedrigeren Sätzen beschaffen. Bis zum vorletzten Geschäftstag des Dezembers könnten die Banken ihr Reserve-Soll fast ganz erfüllen (und am Ultimo nur noch die Zahlungsfbereitschaftsreserve halten), um die nicht benötigten ZBG als Jahresultimogeld zu hohen Zinssätzen auszuleihen. Da die Banken — insgesamt betrachtet — von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch machen, zeigt dies ihre Bereitschaft, für den angestrebten ZBG-Bestand am Bilanzstichtag einen Preis zu zahlen. Wenn eine Bank sich mit einem niedrigeren ZBG-Bestand am Jahresultimo begnügt, so 30. 12.) auf einen geschäftsfreien Tag fällt, umfaßt die von der Bundesbank ausgewiesene letzte Dezemberwodie nur die Tage bis zum 29. 12. (28.12.), und die Sätze für den letzten Gesdiäftstag werden als Jahresultimosätze ausgewiesen. 19 Wie die Statistiken der Bundesbank zeigen, ist tägliches Geld im Januar bedeutend weniger wert als am 31. 12., so daß die Banken ihren Bedarf für die ersten Tage des neuen Jahres billiger Anfang Januar eindecken könnten. 20 Nimmt man einen durchschnittlichen Zins von AZU °/o an, so galt dieser für 4 Tage, da der letzte Geschäftstag des Jahres auf den 29. 12. fiel. In der letzten Dezemberwoche war Tagesgeld durchschnittlich weniger als 2 °/o wert und in der ersten Januarwoche etwas mehr. Bewertet man daher 3 Tage mit je 2 °/o, so betrugen die Zinskosten für 1 Tag 19 °/o —6 °/o = 13 °/o p. a. 21 Aus diesem Grunde wurden mit 8V2-7V2°/o nur wenig mehr als der Lombardsatz gezahlt. 22 So wurden z.B. am 30. 12. 1968 für Tagesgeld nur l8/4°/o gezahlt, für Ultimogeld dagegen 5 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.5.2.206 | Generated on 2023-01-16 13:26:18 „"Window-dressing" in Bankbilanzen 223 entstehen ihr keine Aufwendungen für Geldaufnahmen zwecks „window-dressing", oder sie erzielt Erträge für Ausleihungen von Ultimogeld. Die Sparkassen profitieren durch Verzicht auf „window-dressing" von den hohen Zinssätzen für Jahresultimogeld. Beispielsweise hielten die Sparkassen am 31. Dezember 1969 1184 Mill. DM weniger als sonst im Dezember dieses Jahres durchschnittlich je Tag, während die übrigen Bankengruppen an diesem Jahresultimo weit überdurchschnittliche ZBGBestände realisierten. Da der Zins für Jahresultimogeld um rund 33/4 % über dem Durchschnittszins für Tagesgeld im Dezember 1969 lag, waren die Sparkassen in der Lage, durch die Anlage dieses Betrages am Tagesgeldmarkt ihre Zinserträge um fast 250 000 DM zu verbessern. Für alle anderen Institute, die — wie gerade im vergangenen Jahr — über eine Verschlechterung ihrer Rentabilität klagen, liegt die Überlegung nahe, ob die durch das „window-dressing" verursachten Kosten durch darauf zurechenbare Gewinnerwartungen gedeckt werden. IV. Schlußbetrachtung Hält die Bank am Jahresultimo, d. h. am Stichtag ihrer Jahresbilanz, einen ZBG-Bestand, der über die erforderliche Zahlungsbereitschaftsreserve hinausgeht, so schmälert dies cet. par. ihren Gewinn, weil das „window-dressing" zusätzliche Aufwendungen verursacht oder zum Ausfall anderenfalls erzielbarer Erträge führt. Würde die Bank auf w window-dressing" verzichten, so könnte sie am Bilanzstichtag alle nicht als Zahlungsbereitschaftsreserve benötigten ZBG zu hohen Zinssätzen ausleihen. Anhaltspunkte dafür, daß die Zahlungsbereitschaftsreserve am Dezemberultimo stets erheblich höher sein muß als am Ultimo der übrigen Monate23, bestehen nicht. Auch unter Mindestreserveaspekten ist es nicht notwendig, am Jahresultimo überdurchschnittlich hohe ZBG zu halten. Wenn die Banken am Ende des Jahres dennoch ZBG-Bestände realisieren, die den durch die Zahlungsbereitschaftsreserve gebotenen 25 Selbst wenn die Zahlungsbereitschaftsreserve am Jahresultimo etwas höher sein sollte, würde dies an unserer Aussage über das „window-dressing" nichts ändern. Da der während des Monats gehaltene durchschnittliche ZBGBestand den Monatsendbestand bereits enthält, erhöht der auf das „windowdressing" zurückzuführende Betrag anteilig auch die Basis, auf die die Abweichungen des ZBG-Bestands zum 31. 12. bezogen sind. Durch diese Tatsache tritt der Umfang des „window-dressing" in den Tabellen eher etwas zu niedrig in Erscheinung. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.5.2.206 | Generated on 2023-01-16 13:26:18 224 Jan Wittstock Stand deutlich überschreiten, so ist dies allein durch die „window-dressing"-Hypothese erklärbar. Wie unsere empirische Analyse ergeben hat, sind die Banken offensichtlich bereit, ihre Gewinnsituation zu belasten, um am Bilanzstichtag über hohe ZBG-Bestände zu verfügen. Beim „window-dressing" tritt das Gewinnziel somit hinter das Ziel der Standingpflege zurück. Alle untersuchten Bankengruppen mit Ausnahme der Sparkassen betreiben zum Jahresultimo ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes „window-dressing". In besonders großem Maße tritt es bei den Regionalbanken und Girozentralen auf. Die ZBG der Girozentralen betragen am 31. Dezember, wie die empirische Untersuchung ergab, das Zweibis Dreifache des in den übrigen Monaten der 12-Monatsperiode durchschnittlich realisierten Umfangs (wobei ein evtl. Einfluß von Mindestreservesatzänderungen ausgeschaltet ist). Dagegen halten die Sparkassen am Jahresultimo — relativ gesehen — niedrigere Bestände als sonst; am 31. Dezember 1969 zeigte sich sogar der niedrigste aller Monatsendbestände der Periode 1969/70. Im Gegensatz zu den Girozentralen, die sich zu Universalbanken entwickelt haben und Geschäftsbereiche zu stärken suchen, für die eine besondere Standingpflege erforderlich scheint, sehen die Sparkassen — wohl aufgrund ihrer andersartigen Kundenstruktur — das „window-dressing" offensichtlich nicht als erforderlich an24. Gefördert wird das zur Standingpflege betriebene „window-dressing" durch das Kontinuitätsstreben und den Bilanz-Konformismus der Banken. Ist der ZBG-Bestand am Bilanzstichtag — verglichen mit dem jeweils vorangegangenen Bilanzausweis — aus der Sicht der für die Bank maßgeblichen Öffentlichkeit zu niedrig, so könnte dies Vermutungen über eine ungünstige Geschäftsentwicklung auslösen, die jeder realen Grundlage entbehren. Wenn eine Bank dem weit verbreiteten Brauch des „window-dressing" folgt und dadurch ihre ZBG-Bestände in der Vergangenheit mehr oder weniger stark aufgebläht hat, muß sie ihn daher auch in Zukunft befolgen, da externe Beobachter anderenfalls eine 24 Eine Erklärung für das von den Girozentralen in besonders auffallendem Maße betriebene „window-dressing" mag die Tatsache sein, daß diese Institute mit den Kreditbanken (die das „window-dressing" ebenfalls praktizieren) vor allem auch in solchen Geschäftsbereichen konkurrieren, in denen die anzusprechenden Geschäftspartner besonders auf das Bilanzbild achten. Dies gilt etwa für das Auslandsgeschäft sowie den Geldund Devisenhandel — Bereiche, in denen die Sparkassen kaum aktiv sind. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.5.2.206 | Generated on 2023-01-16 13:26:18 Window-dressing" in Bankbilanzen 225 Verschlechterung der Liquiditätssituation oder eine Abschwächung des Wachstums vermuten könnten. Außerdem muß die einzelne Bank davon ausgehen, daß die mit ihr konkurrierenden Institute ebenfalls „windowdressing" betreiben. Um bei zwischenbetrieblichen Bilanzvergleichen nicht negativ aufzufallen, paßt sie sich daher dem Verhalten der Konkurrenten an. Als Folge ist kein Institut bereit, aus dem „Gleichschritt" aller Banken auszuscheren, wenn in seiner Bankengruppe das „windowdressing" üblich ist. Eher besteht die Gefahr der Übertreibung, weil kein Institut hinter seinen Konkurrenten zurückstehen möchte. Die Folgen des „window-dressing" lassen sich in wenigen Punkten zusammenfassen: 1. Publizitätseffekte positiver und negativer Art, 2. Gewinnminderung (zumindest kurzfristig), 3. Aufblähung der Bankbilanz, sofern die für das „window-dressing" benötigten ZBG auf dem Kreditwege beschafft wurden. Als „positiv" ist der Publizitätseffekt aus der Sicht der Bank dann einzuschätzen, wenn das „window-dressing" einen Beitrag zur Eigenadressenpflege darstellt oder wenn es notwendig ist, um eine anderenfalls drohende Verschlechterung des Standing zu verhindern. Die Bank will sich der Öffentlichkeit in einem bestimmten Gewand darstellen, das für die Lage zwischen den Bilanzstichtagen keineswegs charakteristisch zu sein braucht. Als Instrument dienen dazu nicht nur die Jahres-, sondern auch die veröffentlichten unterjährigen „Bilanzen"25. Allerdings hat die Bank zu prüfen, ob die für ihr Geschäft wichtige Öffentlichkeit in Kenntnis des „window-dressing" in irgendeiner Form negativ darauf reagiert. Es ist anzunehmen, daß ein großer Teil der Adressaten, deren Urteil die Bank durch kosmetische Operationen an ihrer Bilanz zu beeinflussen sucht, das „window-dressing" bemerkt und es als Täuschungsversuch beurteilt. Wenn die Öffentlichkeit mehr und mehr zu der Überzeugung käme, die Banken streuten ihr Sand in die Augen, würde ihr Vertrauen in die Aussagefähigkeit der Bankbilanzen schwinden — soweit dies nicht ohnehin schon der Fall ist. Würde aber die Glaubwürdigkeit der Banken in der Öffentlichkeit leiden, so 25 Diese „Bilanzen" dienen im Gegensatz zum Jahresabschluß ausschließlich Publizitätszwecken. In der BRD betreiben die Großbanken für ihre Zweimonatsbilanzen ein klar erkennbares „window-dressing". Vgl. dazu J. Wittstock, a.a.O., S. 257 ff. 15 Kredit und Kapital 2/1972 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.5.2.206 | Generated on 2023-01-16 13:26:18 226 Jan Wittstock stellt sich die Frage, ob die Institute mit dem „window-dressing" letztlich nicht gerade das Gegenteil von dem erreichen, was sie ursprünglich bezweckt haben, nämlich ihr Ansehen zu pflegen und zu stärken. Zusammenfassung Mit „window-dressing" bezeichnet man die seit langem bekannte Übung der Banken, die Höhe bestimmter Positionen ihrer Bilanzen durch eigens zur „Bilanzverschönerung" betriebene und daher stichtagsbezogene Maßnahmen zu beeinflussen. Im engeren Sinne bedeutet „window-dressing" die bilanzpolitisch motivierte Manipulation des Zentralbankguthabenbestands. Ursache dieses „window-dressing" ist das Bestreben der Banken, der an ihren Bilanzen interessierten Öffentlichkeit ein möglichst günstiges Bild ihrer Liquidität darzulegen. Außerdem kann das „window-dressing" eine Erhöhung der Bilanzsumme und damit „Wachstum" bewirken sowie einen Beitrag zur Stabilisierung der über einen Zeitraum von mehreren Jahren hin ausgewiesenen Entwicklung der Zentralbankguthaben und der Bilanzsumme leisten. Unmittelbar abzuleiten ist das „window-dressing" aus dem gesdiäftspolitischen Ziel der Standingpflege. In dem vorliegenden Artikel wurde die Hypothese vom „window-dressing" empirisch überprüft und zwar am Beispiel der Jahresabschlüsse der Banken in der Bundesrepublik seit 1963. Für diese Untersuchung wurden nidit nur die im Monatsverlauf praktizierten Strategien der Banken zur Erfüllung ihrer Mindestreserveverpflichtungen analysiert, sondern auch die auf dem Geldmarkt am Bilanzstichtag gezahlten Zinssätze. Betrachtet man die Banken insgesamt, so zeigt sich, daß sie am Jahresultimo über vergleichsweise sehr hohe Bestände an Zentralbankguthaben verfügen, die nur mit Hilfe der „window-dressing" Hypothese erklärt werden können. Eine Untersuchung der bedeutendsten 5 Bankengruppen ergab außerdem, daß 4 von ihnen ein mehr oder weniger stark ausgeprägtes „window-dressing" betreiben. Lediglich die Sparkassen verzichten auf „window-dressing". Summary Window-dressing in Bank Balance Sheets Window-dressing is the term used for the long-established practice of banks of influencing the amounts shown for certain items in their balance sheets by measures undertaken specifically to "doctor" balance sheets and hence geared to key-dates. In the narrower sense, window-dressing means manipulation of credit balances with the central bank motivated by balance-sheet policy. The cause of this window-dressing is the desire of the banks to present that section of the public which is interested in their balance sheets with as favourable a picture as possible of their liquidity. Moreover, window-dressing may have the OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.5.2.206 | Generated on 2023-01-16 13:26:18 „Window-dressing" in Bankbilanzen 227 effect of raising the balance-sheet total and hence induce "growth", and may also contribute towards stabilization of the curves showing development of central bank credit balances and balance-sheet totals over the course of several years. Window-dressing is derived directly from the business policy objective of status sustainment. This article subjects the window-dressing hypothesis to an empirical test, using the annual statements of banks in the Federal Republic of Germany since 1963. For this study, not only the strategies practiced by the banks in the course of the month to fulfil their minimum reserve obligations were analysed, but also the interest rates paid on the money market on the balance-sheet keydate. When the banks are considered as a whole, it proves that at the end of the year they have comparatively high credit balances with the central bank, which can only be explained by the window-dressing hypothesis. A study of the most important five groups of banks further showed that four of them indulge in more or less marked window-dressing. Only the savings banks refrain from window-dressing. Résumé Le « window-dressing » dans les bilans bancaires Par « window-dressing », l'on entend le déjà ancien usage des banques d'influencer le montant de certaines positions bilantaires par des mesures propres au jour du bilan en vue d'embellir celui-ci. Dans un sens plus restrictif, le « window-dressing » signifie la manipulation, motivée par une politique bilantaire, de l'avoir entretenu à la banque centrale. L'explication du « windowdressing » réside dans la tentative des banques d'offrir au public intéressé le meilleur reflet possible de leur liquidité. En outre, ce système permet d'accroître la somme du bilan et de faire état d'une « expansion » ainsi que de contribuer à la stabilisation de l'évolution des avoirs en compte à la banque centrale et des sommes de bilan sur une période de plusieurs années. Enfin, le « windowdressing » résulte directement de l'objectif opérationnel du maintien du standing. Le présent article examine empiriquement l'hypothèse de « window-dressing » en se fondant sur les comptes annuels des banques de la République Fédérale d'Allemagne depuis 1963. Pour cette enquête, l'on n'a pas seulement analysé la stratégie mensuelle des banques pratiquée pour remplir leurs obligations de réserves minimales, mais également les taux d'intérêt versés en fonction de la demande d'avoirs auprès de la banque centrale au jour du bilan. Le secteur des banques considéré dans son ensemble fait état enfin d'année d'avoirs relativement très élevés auprès de la banque centrale, qui ne s'expliquent que dans l'hypothèse du « window-dressing ». Une enquête auprès de 5 groupes bancaires a montré en outre que 4 d'entre eux pratiquent un « window-dressing » plus ou moins étendu. Les caisses d'épargne seules refusent cette pratique. 15* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.5.2.206 | Generated on 2023-01-16 13:26:18