Untersuchungen einzelner Entwicklungsländer. Peru, Tunesien, Ägypten und Syrien
Abstract
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Full text
Stucken, Rudolf (Ed.) Book Untersuchungen einzelner Entwicklungsländer. Peru, Tunesien, Ägypten und Syrien Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 21 Provided in Cooperation with: Verein für Socialpolitik / German Economic Association Suggested Citation: Stucken, Rudolf (Ed.) (1960) : Untersuchungen einzelner Entwicklungsländer. Peru, Tunesien, Ägypten und Syrien, Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 21, ISBN 978-3-428-40342-4, Duncker & Humblot, Berlin, https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/285408 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/legalcode.de
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Schriften des Vereins für Socialpolitik Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften N eue Folge Band 21 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
SCHRIFTEN DES VEREINS FUR SOCIALPOLITIK Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften Neue Folge Band 21 Untersuchungen einzelner En twicklungsländer Peru - Tunesien -Agypten und Syrien Von Prof. Dr. E. Egner Ministerialrat G. Seiler Prof. Dr. R. Stucken Herausgegeben von Prof. Dr. Rudolf Stucken VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT BERLIN 1960 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Untersuchungen einzelner Entwicklungsländer Peru· Tunesien· Ägypten und Syrien VOll Prof. Dr. E. Egner Ministerialrat G. Seiler Prof. Dr. R. Stucken Herausgegeben von Prof. Dr. Rudolf Stucken VERLAG VON DUNCKER & HUMBLOT BERLIN 1960 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
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Inhaltsverzeichnis Wirtschaftliches Wachstum in Peru und seine Widerstände Von o. Prof. Dr. Egner, Göttingen .............................. . . . . . 7 Tunesien, der Modellfall eines Entwicklungslandes Von Ministerialrat G. Seiler, Düsseldorf ............................ 65 Ägypten und Syrien, Entwicklungsbedingungen und Entwicklungschancen Von Prof. Dr. Rudolf Stucken, Erlangen............................ 93 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
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Wirtschaftliches Wachstum in Peru und seine Widerstände Von o. Prof. Dr. Erich Egner, Göttingen Zur Einführung: Vorhaben und Anlaß Die folgende Untersuchung möchte ein Länderbericht sein, d. h. sie will d,ie Probleme wirtschaftlicher Unterentwicklung am konkreten Beispiel Perus beleuchten. Dadurch tritt die ganz individuelle Situation dieses Landes in Sicht, deren Schilde:mng aber nicht Selbstzweck ist. Es können, wie mir scheint, die allgemeinen Merkmale wirtschaftlichen Wachstums aus dem Zustande der Unterentwicklung heraus gut an diesem F,alle verdeutlicht werden. Das Schwergewicht liegt dabei auf der Problemanalyse, weder auf der bloßen Beschreibung, noch auf den wirtschaftspolitischen FoLgerungen, die nur abschließend kurz berührt werden. Obwohl es hier um Prolbleme der wirtschaftlichen Unterentwicklung geht, wird dieser Begriff vermieden, da man ihn öfter .. als anstößig empfunden hat - wenn ·auch nicht in Peru, wo man ihn laufend im Munde führt. Auch der Ausdruck "Entwicklungsland" wird um<glangen, da alle von modernen Wirtschaftsmethoden berührten Volkswirtschaften eigentlich Entwicklungsländer sind. Deshalb wird hier die Rede von einem nichtindustrialisierten oder Rohstoff-Land vorgezogen, das von den industrialisierten Ländern abgehoben wird. Wi:mn Peru in dieser Arbeit zum Demonstrationso.bjekt gemacht wird, so soll darin keine Abwertung des Landes liegen, das niemanden, der mit ihm in Berührung gekommen ist, gleichgültig lassen kann. Immer hiat ,es seit den Tagen Alexander v. Humboldts über Max Uhle, den Begründer der peruanischen Archäologie, bis auf unsere Tage die deutsche Forschung angezogen. Immer wieder gibt es neue Fragen und Rätsel auf, nicht zum Wenigsten auch auf dem hier verfolgten wirtschaftlichen und sozialen Gebiet. Ich bin nach 'Peru ausgezogen, um in der Ferne, in dieser nach dem Worte von R. Prebisch "peripheren Wirtschaft" das ganz Andere zu entdecken. Das Fremde fesselte mich, nahm mich gefangen und g,ab mir schwere iProbleme auf. Es zog mich an und stieß mich zugleich durch seine Widersprüche ab. Das vorläufige Ergebnis meiner Studien ließ mich dann .im ganz Anderen unsere eignen Schwächen und Probleme entdecken. Das wird hier nicht ausdrücklich dargestellt, ist aber zwischen den Zeilen zu lesen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
14 Erich Egner auf den Menschen der industriellen Zivilisation oft einen eigenartigen Reiz aus, verhindern aber eine mit rationalen Mitteln herbeizuführende Umgestaltung der primitiven Lebensformen. Statt dessen sind die einer solch'en Sozialordnung eingegliederten Menschen von vielerlei AberglaU!ben beherrscht, von magischen Vorstellungen getrieben, was mancherlei Unzweckmäßigkeiten ihres Verhaltens - in bezug auf die Ernährung, die Körperpflege, die Wohnung, die Kindererzäehung u. a. - mit sich bringt. Die Problematik eines solchen Traditionalismus tritt besonders bei der Behandlung von Krankheiten hervor. So ist es nicht nur der Mangel an ärztlicher Versorgung, der a,bseits von den Städten eine erhebliche Rolle spielt, sondern zum guten Teil auclJ. das Mißtrauen gegenüber der modernen Medizin, das die Indianer der Sierra ,an ihren überkommenen Hei1praktiken festhalten läßt. "Die Indianer stehen der wissenschaftlichen Medizin noch feindlich gegenüber und außerhalb des Umkreises staatlicher Wohlfahrtspflege und Prärventionsmaßnahmen l1 ." Deshalb ist es kein Wunder, wenn ihre Sterlblichkeit hoch liegt, die durchschnittliche Lebenserwartung dieser Menschen hat man in einer Veröffentlichung aus dem Jahre 1946 auf 32 bis 40 Jahre gesclJ.ätzt 12 • Diese Zustände werden heute allerdings in einen 1angsamen Auflösungsprozeß hineingezogen. Die landwirtschaftliche Grundlage der Eigenwirtschaft ist teils durch den Bevölkerungsdruck, teils durch eine voranschreitende Bodenerosion, teils durch den Verfall alter indianischer Talhang-Terr,assierungen immer schmaler geworden. Deshalb bröckelt die Selbstversorgungswirtschaft allmählich ab, greift das Streben nach gelegentlichem geldlichen Hinzuverdienst um sich. Dieser schafft dann Berührungen mit der Außenwelt. Aber auch unabhängig davon vermehren sich die Kontakte mit modernen Lebensformen. Das Auto dringt immer weiter zu einsamen Siedlungen vor und kehrt häufiger zurück. Mit ihm treten mehr oder weniger durch die moderne Zivilisation geprägte Menschen und in ihren Händen befindliche Industrieprodukte in den Gesichtskreis der bisher isolierten Eingeborenen. Das ist der Beginn des wirtschaftlichen und sozialen Wandlungsprozesses. Neben diesem eigenwirtschaftlichen Sektor steht in der gespaltenen Wirtschaft der Marktsektor. Für diesen hat die NachJbarschaft zum eigenwirtschaftlichen Teil der Gesamtwirtschaft tiefgreifende Folgen. Die Selbstversorgung bringt zunäclJ.st eine Verengung der Marktversorgung und dadurch eine Verkleinerung aller Marktgrößen mit sich. 11 M. H. Kuczynski-Godard und C. E. Paz Soldcin, Diseccion deI Indigenismo Peruano, Lima 1948, S. 111, hier zitiert nach Indigenous Peoples, S.141. 12 lLO, Indigenous Peoples, loe. eit., S. 96. Naeh Angabe von Michel Berveiller (Mirages et visages du Perou, Paris 1959, S. 198) sind von 3700 Ärzten in Peru nicht weniger als zwei Drittel in Lima tätig. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Wirtschaftliches Wachstum in Peru und seine Widerstände 15 Man kann oft feststellen, wie eine industrielle Produktion schnell in die Gefahr kommt, die Fassungskraft des Marktes zu überschreiten. So ist z. B. eine peruanische Zuckerfabrik dazu übergegangen, aus dem Zuckerrohrabfall, der sog. Bagasse, Papiersäcke herzustellen. Dies Beispiel kann von anderen Zuckerfabriken nicht nachgeahmt werden, weil man dadurch in eine völlige Überfütterung des Marktes hineingeraten würde. Das ist kein Ausnahmefall. Da die moderne Technik in der Regel mit ihrer Vervollkommnung die Tendenz zu wachsenden optimalen Produktionskapazitäten in sich trägt, wird die begrenzte Aufnahmefähigkeit des Marktes zu einer Bremse für die Rationalisierungsfähigkeit der Produktion. Die Enge des peruanischen Marktes erg1bt sich aber nicht nur daraus, daß höchstens 50 Ofo der Bevölkerung Marktteilnehmer sind, sondern ebenso daraus, daß die meisten dieser Marktteilnehmer über minimale Geldeinkommen verfügen und dementsprechend kaufkraftschwacheKonsumenten sind. Diese Kaufkraftschwäche hängt damit zusammen, daß es durch die Kleinheit des Marktes zu keiner rechten Entfaltung der Arbeitsteilung kommt. Je geringer die Auflösung der SeLbstversorgung, um so geringer ist die Arbeitsteilung ausgebaut, um so geringer ist die Spezialisierung unter den erwerbstätigen Menschen entwickelt, um so gerin.ger ist ihre Arbeitsproduktivität. Dementsprechend gering ist schließlich ihr Arbeitseinkommen. Die geringe Spezialisierung führt auch zu der eigenartigen Lage, daß einerseits viele Menschen mit ihrer Arlbeitskr,aft im Markte nicht ausgeschöpft werden, daß andererseits und als Folge dieses Tatbestandes viele nebeneinander mehreren Erwerbstätigkeiten nachgehen, die unter Umständen gar nicht miteinander verwandt sind und sehr unterschiedliche Anforderungen stellen. Ich bin Männern begegnet, die aus fünf verschiedenen Quellen ihr (ArbeHs-)iEinkommen bezogen. Dadurch wird erreicht, daß solche Menschen von der einen Arbeit zur anderen hetzen und daß keine mehr in Ruhe und sorgfältig erledigt werden kann. Ganz andere Folgen der gespaltenen Wirtschaft erkennt man, wenn man den Blick auf die innere Struktur der Marktwirtschaft wirft. Dann sieht man, daß diese sich von den Märkten einer industrialisierten Volkswirtschaft erheblich unterscheidet. So fallen dem europäischen Besucher zunächst die groflen Preisunterschiede im Innern des Landes auf. Apfelsinen und Pampelmusen etwa kann man in Tingo Maria jenseits der Anden, wo sie in Mengen gedeihen, zu ungefähr einem Zehntel des Preises erstehen, den man in Lima als dem zentralen Marktplatz des Landes bezahlen muß, wo der Preis nicht weit von dem abliegt, zu dem man die Früchte im Herzen Deutschlands erstehen kann. Darin offenbart sich die mangelnde Kommunikation der regionalen Teilmärkte und ihre geringe Integration zu einer volkswirtschaftlich'en Einheit. Nur so wird auch das Paradoxon verständlich, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
16 Erich Egner auf das man immer wieder stößt, daß nämlich zahlreiche Produkte, deren Rohstoffe reichlich im Lande vorhanden sind, nicht im Inlande erzeugt, sondern vom Auslande importiert werden. Das gilt z. B. für Schokolade, obwohl das Land Kakao, Milch und Zucker in Mengen hervorbringt. Auf Grund der schlechten Verkehrsbedingungen sind die an verschiedenen Orten im Landesinnern anfallenden Roh- oder Halbstoffe wirtschaftlich für den maßgebenden Markt nicht vorhanden, so daß sich die Einfuhr der Fertigwaren auf dem Seewege lohnt 13 • Ähnliches kann man bei anderen Lehens- und Genußmitteln, aber z. B. auch bei Porzellan beobachten. Es wäre eine übermäßige Vereinfachung der Lage, wenn man solche Erscheinungen und damit die mangelnde Integration des volkswirtschaftlichen Marktes allein auf den Verkehrsfaktor zurückführen wollte. Man müßte dann, obwohl bessere und billigere Verkehrsmittel gewiß bedeutsam wären, auch auf das Fehlen anderer Produktionsvoraussetzungen wie der unternehmerischen Erfahrungen, des technischen Wissens, der Kapitalversorgung, der Marktor:ganisation, der Ergänzungsbetriebe hinweisen. Was aber eigentlich fehlt, sind nicht einzelne, in dieser Weise aufzähl.bare Produktionsvoraussetzungen, auch nicht die mangelnde räumliche Integration, die nur symptomatische Bedeutung hat, sondern ganze Entwicklungsstadien des Marktgeschehens. Der peruanisch·e Markt unterscheidet sich, was bei einer bloßen Außenbetrachtung der Dinge leicht übersehen wird, wesentlich durch seine geringere innere Ausreifung von den Märkten hochentwikkelter Volkswirtschaften. Diesen Tatbestand sichtbar zu machen, soU die Aufgabe des folgenden Abschnittes sein, der ihn durch die Unterscheidung von Wirtschaftsbereichen gegensätzlicher Struktur und unterschiedlicher historischer Abkunft im Rahmen der Volkswirtschaft aufzudecken sucht. 3. Wirtschaftsbereiche und historische Schichten im Aufbau der Volkswirtschaft Wirtschaftsbereiche und historische Schichten, von denen hier die Rede ist, meinen zwei Seiten desselben Sachverhalts. Man kann im Aufbau der peruanischen Wirtschaft fünf Wirtschaftsbereiche unterscheiden, die zugleich ein verschiedenes Alter haben. Die heiden ältesten Bereiche sind noch naturalwirtschaftlicher Natur und gehen deshalb auf sehr frühe Zeiten zurück. Daneben stehen zwei Bereiche marktwirtschaftlicher Struktur und zwischen beiden Gruppen ein Bereich des übeI'\ganges. Je geringer ihr Alter, um so näher stehen sie der modernen Wirtschaft. Die Buntheit dies·er Strukturformen um- 13 Es gibt zwar schon eine bescheidene nationale Produktion an Schokolade, die bisher aber sowohl preislich als auch qualitativ im Schatten des Aus1andsangebotes lebt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Wirtschaftliches Wachstum in Peru und seine Widerstände 17 schließt, wie sich z,eigen wird, ein wichtiges Element peruanischer Wirtschaftsproblematik. Man kann in diesem Lande dicht nebeneinander im Mittelalter, in der beginnenden Neuzeit und in der Gegenwart leben. a) Die indianischen comunidades. Der älteste dieser Wirtschaftsbereiche ilSt derjeni,ge der indilanischen Markgenossenschaften, der "comunidades", wie man heute sagt. Diese urtümliche Genossenschaftsform geht vermutlich auf weit frühere Zeiten als das Inkareich im 15. Jahrhundert zurück, von dem sie im übrig,en konserviert wurde, leitet sich wahrscheinlich 'Von den alten ayllu's aJb, die ursprünglich blutsverwandte Gruppen, wie etwa die Sippen bedeuteten, dann aber mit deren kollektivem Grundeigentum gleichgesetzt wurden. überraschenderweise können die ayl1us oder comunidades auch als Markgenossenschaftoeru angesprochen werden, da durch einen rätselhaften Zufall die gemeinsame Flur der Dorfgenossen in der Ketschua-Sprache wie im Deutschen die "Mark" als "marka" angesprochen wurde 14 • Die alten comunidades zeichneten sich durch die Ausgliederung des Hofgrundstücks für die individuelle Nutzung und einer Allmende für die allgemeine Nutzung aus. Das restliche Nutzland wurde alljährlich unter die beteiligten Familien je nach deren Größe neu verteilt. Feldbestellung und Ernte erfolgten familienweise, doch kannte man dabei auch das System des "ayni", der gegenseitigen Nachbarschaftshilfe. Ein veräußerbares Individualeigentum war im Rahmen dieses Systems unmöglich. Obwohl der größte Teil solcher Markgenossenschaften die spanische Kolonialzeit nicht überlebt hat und auch die Republik sie erst 1920 rechtlich anerkannt hat, ist es erstaunlich, wie viele sich trotzdem auf die Gegenwart retten konnten. Für das Jahr 1950 gab die offizielle Statistik 1322 comunidades mit einer Bevölkerung von reichlich 1 Million Köpfen an 15 • Allerdings erkennt man auch -den beschränkten Wert solcher Zahlen, wenn man hört, daß es comunidades mit einem Umfang von 8400 ha und überreichlich Land pro Kopf des einzelnen Mitgliedes, aber auch solche mit 8 ha und mit comunerosgibt, die über fast kein Land verfüg-en 16 • 14 Zum Vorstehenden gibt es eine breite Literatur, von der hier nur Louis Baudin, EI Imperio Socialista de los Incas, 4. Aufl. Santiago de Chile 1955, S. 139-41, zitiert werden soll. Stel1enweis,e wird die Bezeichnung ayllu heute noch gebraucht. So werden im Raume von Cuzco viele Dörfer in zwei Teile aufgeteilt, von denen wie in aLten Ze:iten der eine als das obere und der andere als das untere ayllu bezeichnet werden. Vgl. Cesar Guardia Mayorga, La Reforma Agraria en el PerU, Lima 1957, S. 92. 15 Vgl. ILO, Indigenous Peoples S. 318. Die Bedeutung dieser Zahlen versteht man, wenn man berücksichtigt, daß die Gesamtbevölkerung Perus 1950 sich auf 8,5 Millionen belief. Legt man die oben angenommene Proportion von 50 Ofo als Anteil der eingeboTenen Bevölkerung zugrunde, so heißt das, daß fast ein Viertel aller Indianer - und ein noch größerer Teil der Gebirgsbevölkerung - in den comunidades lebte. 2 Schriften d. Vereins f. Socialpol1tik 21 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
18 Erieh Egner Reinaga wurde in einem Falle von den Leitern einer solchen Markgenossenschaft erklärt, über deren Größe könne man keine Angaben machen. Man brauche zehn Tage, um deren Grenzen abzuschreiten, und auch dann blieben noch zwei Exklaven übrig. Deshalb könne man die Gesamtgröße nicht kalkulieren 16 • Wie der Umfang, so schwankt auch die Zahl der in einer Kommune lebenden Menschen sehr. Es gibt solche mit 50 und andere mit 2000 Bewohnern 17 • Heute ist die alte Struktur dieser Gebilde in Verfall geraten. So haben sich oft dem Privateigentum sehr nahe kommende Zustände herausgebildet, wenn man von dem Recht der freien Grundstücksveräußerung absieht. Die Gemeinsamkeit ist manchmal auf die gemeinsame Nutzung von Weiden oder die Unterhaltung von Straßen und Bew,ässerungsanlagen eingeschrumpft 18 • Immerhin ist der Geist der gegenseitigen Hilfsbereitschaft noch lebendig. Die Hauptschwäche dieser Wirtschaftsform, die noch in hohem Maße selbstgenügsam ist, besteht darin, daß sie, von Ausnahmen abgesehen, zu einer Konservierung überholter Produktionsmethoden und einer entsprechend geringen Produktivität geführt hat 19 • Demgegenüber gibt es Bestrebungen, die comunidades durch Einführung moderner g,enossenschaftlicher Prinzipien in ihrer Leistungsfähigkeit zu heben. b) Die quasi-feudale Großlandwirtschaft der Anden. Bei diesem zweitältesten Wirtschaftsbereich PerUs handelt es sich um die Nachwirkungen der spanischen KoJonialperiode, in welcher dieser Großgrundbesitz zuerst entstanden ist. Die Latifundienwirtschaft tritt hier wie auch sonst in der Welt oft verbunden mit dem Absentismus auf. Sie ist nach außen hin, dadurch daß der Grundherr sein oft großstädtisches Leben aus den Erträgen seines Grundbesitzes zu finanzieren sucht, schon monetarisiert, dagegen nur in sehr geringem Umfange in ihrem Innern. Hier erinnert ihre Struktur an die mittelalterliche Grundherrschaft in Europa. Daher die häufige Rede von den feudalen Einschlägen dieser Wirtsmaftsform. Der Grundherr oder sein Verwalter, der mayordomo, bewirtschaftet das zur Hazienda gehörende Land nur zum geringen Teil selbst. Das meiste Land - man schätzt im Durchschnitt etwa zwei Drittel der Nutzfläche - ist teils an Pächter (als yanacona, aparcero oder arrendire bezeichnet), teils an in eigenem Betriebe beschäftigte Arbeiter (colono oder peon genannt) vergeben. Auch kirchliche Einrichtungen sind Großgrundbesitzer 20 • 16 Cesar Augusto Reinaga, La Fisionomia Economioa deI Peru, Cuzeo, 1957, S. 64/65. 17 Vgl. Moises Poblete Troncoso, Condiciones de Vida y de Trabajo de la Poblaeion Indigena deI Peru, Genf, Internationales Arbeitsamt, 1938, S.55. 18 C. Guardia Mayorga, loe. cit., S.90. 19 M. Poblete Troncoso S.61 u. FAO u. IBRD Bericht, Teil II, S.154. 20 Emilio Romero, Geografia Economiea, loe. cit. S.286/87. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Wirtschaftliches Wachstum in Peru und seine Widerstände 19 D~ese quasi·-If.eudale Großlandwirtschaft ist politisch besonders umstritten. Genaue Zahlen über ihre Bedeutung gibt es nicht. Immerhin teilt ein so unparteiischer Beobachter wie der US-Amerikaner Th. R. Ford mit, daß die Grundbesitzverteilung in der Sierra, um die es sich hier alle~n handelt, wie folgt aussieht (Werte vermutlich für 1950)21: Grundbesitzverteilung in der Sierra 17 000 Betriebe in Größen unter 6 ha = 64,6 % aller Betriebe verfügen über .............................. 27500 ha 2 600 Betriebe in Größen über 300 ha = 9,9 % aller Betriebe verfügen über .............................. 1 021 000 ha Diese Ziffern täuschen allerdings insofern in ihrer Bedeutung, als eine Reihe von Riesenbetrieben zum großen Teil aus unfruchtbarem Gebirgsgelände besteht. Die größte m~r feststeUbare Hazienda mit 190 000 ha soll zu nicht weni·ger als 80 Ofo solches Unland umfassen 22 • Auch die nutzbaren Teile gestatten bei der Kargheit der Natur in den Höhen des Altiplano -3500 bis über 4000 m - nur eine extensive Weidewirtschaft. Für die politisch·e Linke ist die Enteignung und Aufteilung dieser Riesenbetriebe ein Hauptprogrammpunkt. Die F AO- und IBIRiD-Denkschrift urteilt dagegen über die Zweckmäßigkeit eines Abbaues der Latifundien sehr vorsichtig. Die Großbetriebe verfügen danach oft über qualifizierte Leiter, die mit Hilfe moderner Technik befriedigende Leistungen erbringen, wenn auch zugegeben wird, daß einige solcher Betriebe in traditionaler und verschwenderischer Weise verwaltet werden. Eine Neuverteilung des Landes der Hazienden wird nur so lange als sinnvoll bezeichnet, als die Erträge der Großbetriebe nicht höher als diejenigen der kleinen Landwirte sind, die die Nutznießer einer solchen Agrarreform sein würden 23 . Dem muß aber hinzugefügt werden, daß das Problem dieses Wirtschaftsbereiches sich nicht nur auf die agrarische Mengenleistung, sondern ebenso auch auf die Qualifizierung seiner Arbeitskräfte erstreckt. An der sozialen Abhängigkeit der Pächter und Landarbeiter, die vielfach auch Dienstverpflichtungen ihrer g·anzen Familie umschließt, deshalb die Abwanderung selbst der jungen Generation aus dem Herr- 21 Thomas R. Ford, Peru, Man and Land, Univ. of Florida Press, Gainesville, 1955, S.67. 22 Cesar Augusto Reinaga, EI Indio y la Tierra en Mariätegui, Cuzco 1959, S. 99 ff., besonders S. 105. In Bolivien hat es vor der Enteignung nach diesem Autor Hazienden mit mehr als 1 Million ha gegeben. 23 FAiO und IBRD Denkschrüt, 11. Teil, S.41-42, 47 u. besonders 157. Arus einem. Manuskript von Peter B. Diebold. einem Mitglied der FAO- Mission in Peru, über "Soeio-Economic Imbalance in Agriculture" vom Jahre 1958 ist zu erS'ehen. daß sdch bei gleichmäßiger Verteilung aller Latifundien der Sierra auf die dortigen Kleinbauern für jeden einzelnen ein Gewinn von etwa 0,2 ha ergeben würde. 2' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
20 Erich Egner schaftsbereich der Hazienden sehr erschwert, hat sich die Kritik immer wieder entzündet 24 • Auf die Dauer wird eine Leistungssteigerung dieser Menschen ohne den Abbau des überkommenen Herrn-Knechts-Verhält- nisses nicht zu erreichen sein. Inwieweit dazu die Zerschlagung der Großbetriebe der zweckmäßigste Weg ist, bleibt allerdings eine hier nicht zu prüfende offene Frage. c) Die selbständigen Kleinfarmer und Handwerker: Sie verkörpern den dritten Wirtschaftsbereich. Unter den landwirtschaftlichen Produzenten ist dieser Typ noch relativ jung, scheint sich erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt zu haben. Reinaga führt seine Entstehung auf die Wirkung des bürgerlichen Gesetzbuches zurück, das 1936 nach 80jähriger Geltung außer Kraft gesetzt ist 25 • Als Wirtschaftsfigur ist der Kleinbauer, alb er ebenso der Handwerker -dieser ist bald Landhandwerker und steht dann dem Kleinbauern nahe, bald städtischer Handwerker, der dem "Preiswerker" Karl Bücher's in der "Stadtwirtschaft" entspricht - einer historisch weit älteren Schicht zuzuordnen, nämlich der Frühzeit der Marktbildung. Deshalb wurde dieser Wirtschaftsbereich oben als ein solcher des Überganges von der Selbstversorgungszur Marktwirtschaft bezeichnet. Dafür spricht einmal die Tatsache, daß für diese Farmer wie für die Landhandwerker die Selbstversorgung noch eine wichtige Rolle spielt, obwohl sie in neuerer Zeit zurückgegangen ist, was sich bei den städtischen Handwerken schon in der Kolonialzeit vollzog26. Die Landhandwerker sind aus der häuslichen Selbstversor.gung entstanden und betreiben neben dem Handwerk die Landwirtschaft. Reinaga hat den Grad der Selbstversorgung bei den Kleinfarmern auf 50 Ufo ihrer Produktion geschätzt 27 • Für das hohe Alter dieses Wirtschaftsbereiches spricht zum anderen das Festhalten an traditionalen und kapitalextensiven ProduktionsmetJhoden mit entsprechend niedrigen Erträgen, schließlich aber auch die Art der Marktbeschickung. Diese ist für diesen Zusammenhang besonders kennzeichnend. Sie erfolgt, wie der soeben zitierte Autor eingehend darstellt, oft durch Aufkäufer, die zu den Bauern oder Handwerkern freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten wissen, was sie nicht an deren übervorteilung hindert. Sie sind meist Mestizen. Sie kommen mit Geschenken zu ihren Lieferanten, unter denen der Alkohol eine Rolle spielt, sie bestimmen den Preis, geben unter Umständen auch Kredit. Eine Abwandlung dieses Zwischenhändlers (rescatista) liegt dort 'Vor, wo ein indianisch,er Vieh treiber (arriero) sich zum Marktverkäufer der Dorf- 24 M. Poblete, S. 76 ff. 25 Reina.ga, EI Indio, S.117. 26 Vgl. Emilio Romero, Historia Econ6mica des Peru, Buenos Aires 1949, S.140/42. 27 Reinaga, EI Indio, S. 78. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Wirtschaftliches Wachstum in Peru und seine WideTstände 21 produkte aufschwingt. Neben diesem Verkauf an Großhändler gibt es die andere Form der Beschickung des Einzelhandelsmarktes. Dabei zieht der Indio oder seine Frau mit den Waren selbst zum Markt, auf den Wochen- oder Sonntagsmarkt, wie sie über das ganze Land hin vom :kleinsten zentralen Orte bis zur Großstadt eine große Rolle spielen. Um die Waren dort an letzte Verbr,aucher abzusetzen, nimmt man große Mühen und weite Wege auf sich, die man keinem Europäer zumuten könnte 28 • Über die zahlenmäßige Bedeutung dieses Wirtschaftsbereiches Angaben zu machen, ist sehr schwer. Beim Zensus von 1940 haben sich 40 Ofo aller in der Landwirtschaft Erwerbstätigen als se1bständige Landwirte bezeichnet, wodurch man für das Jahr 1957 auf 0,9 Millionen kommen würde. Außerdem verzeichnet die Statistik 435 000 Selbständige im gewerblichen Sektor, worunter man sich in der Hauptsache kleine Handwerker vorstellen muß. Die Unsicherheit solcher Angaben folgt aus der Tatsache, daß der Übergang von der Selbständtgkeit zur Unselbständigkeit in Peru ein fließender ist. Der eigene Betrieb reicht oft für den Familienunterhalt nicht aus, desha~b ist man auf einen Hinzuverdienst angewiesen. Das gilt besonders für die kleinen Landwirte. Die Indios sind einmal auf die schlechteren Böden durch die Großbetriebe abgedrängt worden, zum anderen durch die Erbteilung in eine extreme Parzellenwirtschaft - das sog. minifundio - hineingeraten. So wird man gezwungen, alle oder einige Familienangehörillge entweder bei größeren Landwirten oder im Bergbau oder in der Stadt zu verdingen. d) Die großunternehmerische Rohstoffproduktion: Der Abstand der bisher besprochenen Wirtschaftsform von der Gegenwart wird deutlich, wenn jetzt der Blick auf den vierten Wirtschaftsbereich geworfen wird, der die peruanisch-e Volkswirtschaft kennzeichnet. Die großunternehmerische Rohstoffproduktion wird durch die sog. kommerzielle Landwirtschaft im Küstengebiet, die Großbetriebe des Bergbaues im Gebirge und schließlich durch die Erdölgesellschaften verkörpert. In allen diesen Fällen handelt es sich um Unternehmungen mit einem relativ hohen Kapitaleinsatz, der zum großen Teil aus dem Auslande gekommen ist. Sie halben die Form von Aktiengesellschaften, wenn auch in einzelnen Fällen von Familien-Aktiengesellschaften. Alle Unternehmungen dieses Bereichs sind überwiegend exportorientiert, liefern Stapelwaren des Welthandels, nämtich Baumwolle und Zucker einerseits, Blei, Kupfer, Silber, Zink und Eisenerz andererseits, schließlich Erdöl und seine Derivate. Sie sind desha1b der typische Ausdruck eines "Rohstofflandes" mit monokultureller Ausfuhrtendenz, wenn auch im Falle Perus das Gewicht mehr auf der Rohstoffausfuhr als 28 Zum Vorstehenden vgl. außeT Reinaga loc. cit. S. 76 ff. die ILO-Schrift Indigenous Peoples, S. 264 u. 443/45. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
22 Erich Egner auf der Monokultur liegt. Historisch gesehen entsprechen diese Merkmale dem Kapitalismus im Stile des 19. Jahrhunderts, wenn tatsächlich auch die hier in Frage kommenden Unternehmungen sich fast alle erst seit dem ,Beginn des 20. JahJ.'lhunderts entwickelt haben. Für die Volkswirtschaft ist dieser Wirtschaftsbereich deshalb von besonderer Bedeutung, weil 80 bis 85 % des Exports von ihm abhängen und auf diesem Wege der Zuschußbedarf an Lebensmitteln und ein beträchtlicher Teil des Bedarfs an Kapitalgütern gedeckt wird. Trotzdem ist dieser Wirtschaftsbereich mit besonderen Problemen beladen. Sie hängen zum großen Teil mit dem Mißtrauen zusammen, das man in weiten Kreisen ihm gegenüber an den Tag legt. Man beargwöhnt die Kapitalmacht, die man den leitenden Männern der großen Unternehmungen zuschreibt, besonders wenn es sich um Ausländer oder docll um Menschen zwar peruanischer Nationalität, aber ausländischer Abkunft handelt. Das Stigma des "Gringo", des Fremden aus Westeuropa oder Nordamerikla, <verliert man auch nicht, wenn die Familie schon seit mehreren Generationen im Lande sitzt und längst nationalisiert worden ist. Man befürchtet, daß die Leitungen dieser Unternehmungen nur ihrem Profitinteresse oder demjenigen ausländischer Kapitalgeber dienstbar sind. Obwohl die Unternehmer den Arbeitern gegenüber patriarchalische Methoden anwenden, eine Art von betrieblicher Wohlfahrtspolitik entwickeln, deren sie sich sonst im Lande nicht erfreuen ~önnen, gelingt es ihnen nicht, das soziale Klima zu beruhigen. Es ist gespannt und unstabil, weshalb Streiks und Arbeiterunruhen häufig sind, bei denen es nicht selten zu Gewalttätigkeiten kommt. So ist dieser Wirtschaftsbereich mit viel Ressentiment belastet, ist er nächst der quasi-feudalen Landwirtschaft Hauptansatzpunkt kommunistischer Propaganda 29• Unter diesen Umständen überrascht es vielleicht nicht mehr, wenn man in einer us-amerikanischen Dissertation, die gewiß nicht kommunistischer Ideologie verdächtig ist, folgende Sätze lesen kann 30 : "Die Tatsache, daß Peru wirtschaftlich ein koloniales Land ist, tritt zu seinen Problemen hinzu und kompliziert das Bild. 60 Ofo der peruanischen Eisenbahnen gehören für die Dauer den Engländern. Eine deutsche Familie besitzt Casa Grande, wo 45 % der peruanischen Zuckerernte erzeugt werden. Italienern gehört eine Bank und das Elektrizitäts-, Kraft-, Licht- und Straßenbahn-Monopol in Lima. US- Kapital steckt in der Cerro de Pasco Copper Corporation, die 95 % des Kupfers und mehr als die Hälfte der großen Gold- und Silberproduk- 29 Deshalb ist es kein Zufall, daß diese Wirtschafts bereiche in Bolivien verstaatlicht worden sind, nachdem dort im Jahre 1951 eine sozialrevolutionäre Regierung ans Ruder kam. 30 Harry Kantor, The Ideology and Program of the Peruvian Aprista Morvement, Berkeley 1953, S. 5 (Univ. of California Pwblications in Political Sdence, Vol. 4, No. 1). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Wir1:schafUiches Wachstum in Peru und seine Widerstände 23 tion des Landes hervorbringt. And.€re wichtige US-Unternehmungen mit Investitionen in Peru sind die International Petroleum und die W. ,po Grace and Co., die praktisch ein Monopol für die Schiffahrt zwischen den USA und Peru hat." Das häufig auftauchende Monopolargument ist im übrigen bei Unternehmungen, die in einer scharfen Weltmarktkonkurrenz stehen, !Von problematischem Wert. Mit größerem Recht kann man von der oligopolistischen Stellung dieser Unterner.- mungen als Einkäufer im Lande sprechen, so etwa auf dem Arbeitsmarkt, auch im Verhältnis der großen Bergbauunternehmungen zu den kleinen Bergwerken, die ihre Erzeugung an jen€ verkaufen u. a. m. e) Der industriewirtschaftliche Bereich: Der fünfte und letzte Wirtschaftsber€ich hebt sich wiederum deutlich von demjenigen der Groß- Rohstoffproduktion ab. War diese typisch für Entwicklungen des 19. Jahrhunderts mit dem Gegensatz von Rohstoff- und Industrieländern, so hat das 20. Jahrhundert die Tendenz zur überwindung dieses Geg€nsatzes und damit zur Aufhebung der Importabhängigkeit von Rohstoffländern in bezug auf Industrieprodukte mit sich g,ebracht. So entwickelte sich der industriewirtschaftliche Bereich, der 1. durch die Verarbeitung der im Lande gewonnenen Rohstoffe und Halbwaren, 2. durch die Erstellung (industrieller) Fertigwaren mit Hilfe moderner Technik und 3. durch die primäre Ausrichtung auf die Versol1gung des Binnenmarktes gekennzeichnet ist. Diese jüngste Schicht im Aufbau der Gesamtwirtschaft ist zunächst noch dünn und mehr das Produkt äußerer Anstöße als eines inneren Wachstums. Solche Anstöße gingen von d€n beiden Weltkriegen, besonders dem letzten, aber auch von dem Zustrom europäischer Einwanderer und der Korea-Krise aus. Immerhin sind eine Reihe von Industriezweigen ohne beträchtliche Stützung im heimischen Markte lebensfähig gemacht worden. Peru hat mit gering,eren industriellen Schutzzöllen als andere Länder gear,beitet. Es wird sOIgar darüber geklagt, daß eine rein fiskalische Orientierung der Zollpolitik zu einer geringen Belastung des Konsumgüterimports und einer relativ höheren von Halbwaren und Kapitalgütern geführt habe 31 • Die industrieUe Hauptentwicklung hat sich erst in den letzten 15 Jahren vollzogen. So weist der industri€lle Produktionsindex mit der Basis 1949/51 = 100 für 1945 den Wert von 82, für 1955 von 145 und für 1958 von 149 aus 32 • Die industrielle Produktion ist mithin während des letzten Jahrzehnts im Durchschnitt um die Hälfte gewachsen. Damit hat Peru gut mit der Entwicklung in anderen südamerikanischen Staaten Schritt gehalten. Die industrielle Beschäfti- 31 Cepal-Bericht, loc. cit. S. 158, 32 Vgl. d€nl von der Cepal herausgegebenen Economic Survey of Latin America 1956, United Nations, New York 1957, S.147, Der WeTt für 1958 w;urde ergänzt nach der "Renta Nacional 1942-1957", S,15. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
30 Erich Egner schritts und obwohl Peru mit diesen Werten im internationalen Vergleich keineswegs an letzter Stelle steht, besagt dieser Gesamtdurchschnitt der Volkswirtschaft relativ wenig, weil er das Ergebnis weit auseinander liegender Einzelwerte ist. Errechnet man das Pro-Kopf- Einkommen für die drei Landschaftsteile Perus im Jahre 1957, so ergibt sich fÜJr die Costa ein Wert von 249 $, für die Sierra von 79 $ und die Selva von 47 $. Auch diese Zahlen drücken noch nicht die größten Gegensätze des Landes aus. Die Extremwerte ergeben sich bei einer Aufgliederung der Volkswirtschaft nach Departamentos mit einem Spitzenwert von 328 $ pro Kopf in Lima und einem Niedrigstwert von knapp 22 $ im Departamento Madre de DiOS 42• Das ist ein Verhältnis von 15: 1. Diese großen Unterschiede sind wohl teilweise durch verschiedene Grade der Monetarisierung des Ein:kommens zu erklären, dadurch, daß in Lima ein Naturaleinkommen kaum eine Rolle spielt, in der Sierra und Selva aber eine erhebliche BedeutUiIlg hat. Trotzdem ist nur ein kleiner Teil der Einkommensdiskrepanzen als eine solche optische Täuschung aufzufassen. In der Hauptsache handelt es sich um durchaus reale Einkommensunterschiede, die sich aus der verschiedenen Wirtschaftsstruktur der Landschaftsteile ergeben. In diesen großen Wohlstandsgegensätzen der verschiedenen Regionen spiegelt sich wieder eine strukturelle Schwäche der Volkswirtschaft. Von den beiden GesichtspUiIlkten dieses .Nbschnittes her, von der unterschiedlichen Fähigkeit zur Wertschöpfung und Einkommensbildung sowohl der Wirtschaftszweige als auch der Regionen des Landes, stößt man auf die krassen Kontraste inneI1halb der peruanischen Wirtschaft. Ihre Beobachtung entspricht dem, was schon zum Schlusse des letzten Abschnittes über die Wirtschafts'hereiche und historischen Schichten festgestellt wurde. Das schwächste Glied einer Kette bestimmt ihre Belastungsfähigkeit. So halten die in bezug auf ihre Einkommerubildung schwächsten Wirtschaftszweige und Wirtschaftsregionen die ganze wirtschaftliche Entwicklung auf. Diese kann nicht zu man gelegentlich ganz andere Werte. So zitiert Charles P. Kindletlerger, Economic Development, New Y()Il'k 1958, S.6, die UN-Veröffentlichiung "National and per Capita Income in Seventy Oountries", New York 1949, die für dies Jahr statt der 75 $ meiner Quelle 100 $ und eine Veröffentlichung von M. L. Watkins vom Center for International Studdes des Massachusetts Institute of Technology, der für 1953 statt meiner 111 $ ein durchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen von 140 $ angibt. Eine Aufhellung dieser Wddersprüche ist mir mangels näherer Erläuterungen nicht möglich. 42 Alle diese Werte sind auf Grund des dW'chschnittlichen Dollar-Kurses für 1957 aus den Angaben in peruanischen Soles der "Renta Nacional 1942-1957", Lima 1959, S.49, errechnet worden. Es weroen hier dW'chweg Dollar-Werte statt der originären Soles-Werte angegeben, um die TrÜibung des Bildes durch die Inflationierung der peruanischen Währung der Nachkriegszeit zu vermeiden. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
WirtschafUiches Wachstum in Peru und se.ine Widerstände 31 einem "selbsttätigen" Wachstum ausreifen, solange sie mit dem Ballast einer solchen wirtschaftlichen Rückständigkeit belastet ist. 5. Die außen wirtschaftliche Verflechtung Die hohe .außenwirtschaftliche Verflechtung Perus, die für alle Rohstoffländer kennzeichn~md ist, trat schon bei Besprechung des WirtschJaftsbereichs der großunterneihmerischen Rdhstoffproduktion in Sicht. Dieser Zusammenhang muß hier noch etwas verdeutlicht werden. Da- bei zeigt sich, daß die außenwirtschaftliche Abhängigkeit Perus insgesamt, vor allem aher die Importa,bhängi1gkeit seit dem zweiten Weltkrieg·e beträchtlJich gewachsen ist. Der Anteil der Einfuhr am Bruttosozialprodukt ist von 1942 bis 1957 von 11,5 'fJ/ o auf 22,6 Ofo gestiegen, d. h. um fast 100 'Ofo, deT Anteil der Ausfuhr am Bruttosozialprodukt dagegen nur von 16,7 10 /0 auf 18,6 Ofo, d. h. um runde 10 °W 3• Die Zusammensetzung der Einfuhr ist im großen und ganzen stabil geblieben und umfaßt zu rund einem Viertel Konsumgüter, zu fast 50 ()/o Kapitalgüter, während der Rest auf Rohstoffe und Hal:bwaren entfällt. überraschend ist 'bei den eingeführten Konsumgütern der hohe Anteil der Lebensmittel, 'Voran eines großen Postens von Weizen, aber auch von Fleisch, Milch, Milchprodukten und Nahrungsfetten. Bei den sonstigen Konsumgütereinct:uhren spielt auch der Import von Textilien noch eine beträchtliche Rolle. Bei den Roh- und Halbwaren springt der hohe Einfuhrbedarf von Holz ins Auge bei einem Lande, das über ungeahnte Holzreserven verfügt 4\ ferner von Flugzeugbenzin, Dieselöl und Schmieröl in einem Lande, das eine beträchtliche Erdölproduktion besitzt. Dagegen entspricht der hohe Einfuhr<bedarf von Maschinen, Apparaten, Fahrzeugen und feinmechanischem Gerät, der den Hauptposten der Gruppe Kapitalgüter ausmacht, durchaus den Erwartungen. Die Zusammensetzung der Ausfuhr wurde schon (lIben bei Besprechung der Großrohstoffproduktion erkennbar. Die landwirtschaftlichen Stapelwaren Baumwolle und Zucker halten in ihrer Exportbedeutung seit Läng,erem den bergbaulichen Produkten etwa das Gleichgewicht. Während aber in den ersten Nach:kriegsjahren die landwirtschaftlichen Produkte ein leichtes übergewicht hatt'en, verschob sich die Lage inzwischen zugunsten der Bergbauprodukte. (Prozentualer Exportanteil der landwirtschaiftlichen Produkte gegenüber den bergbaulichen 1950 = 51: 45, 1957 dag.egen 40 : 45.) Sehr an Bedeutung verloren hat die Ausfuhr an Erdöl und seinen Derivaten. In den letzten Jahren hat sich schon ein bescheidener Export an Industriewaren entwickelt. Vorwiegend handelt es sich dabei um Produkte der Fischwirtschaft, nämlich um F'ischkonserrven, Fischmehl und Fischöl. 43 Ren1a, Nacional deI Peru 1942-1957, Lima 1959. S.39. 44 Vgl. dazu den Cepal-Bericht S. 103. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
32 Erich Egner Das Hauptproblem der peruanischen Außenwirtschaft besteht in den schwankenden Austauschrelationen, die sich aus Verschiebungen in den Preisverhältnissen der Einfuhr- und AusfUihrgüter ergeben. Das ist das viel erörterte Problem der "terms of trade". Die Handelsbilanz ist in steigendem Maße passiv, obwohl die ausgeführten Gütermengen zugenommen haben. Das zeigen die folgenden Zahlen: Der peruanische Außenhandel nach Mengen (in 1950 1952 1954 1956 Ausfuhr 1,801 1,934 3,870 5,000 Einfuhr ...... 641 838 815 1,310 1000 t) 1957 6,227 1,427 Der peruanische Außenhandel nach Werten (in Millionen US-Dollar) 1950 1952 1954 1956 1957 Ausfuhr 193,6 238,7 247,6 311,4 330,0 Einfuhr ...... 186,2 287,5 249,7 361,0 400,1 Saldo + 7,4 - 48,8 - 2,1 - 49,6 -70,1 Quelle: Renta NacionaI deI Peru 1942-1957, Lima 1959, S.172. Die Sprache d1eser Zahlen ist eindeutig. Setzt man die eingeführten und ausgeführten Mengen des Jahres 1950 = 100, so ist die Ausfuhr bis zum Jahre 1957 auf 346 gestiegen, die Einfuhr dagegen nur auf 223. Bei gleichen Preisverhältnissen und gleicher gütermäßiger Zusammensetzung des Außenhandels wie im Jahre 1950 würde sich durch die im Jahre 1957 ausgetauschten Gütermengen ein Aktiv-Saldo von rund 200 Millionen Dollar statt des ausgewiesenen Defizits er,geben haben. Der Passiv-Saldo der Außenhandelsbilanz ist deshalb das Ergebnis der 'Verschlechterten Austauschrelation. Näher besehen stellt man dann allerdings auch fest, daß nicht allein die Verschlechterung der terms of trade im letzten Jahrzehnt Außenhandelsnöte geschaffen hat, sondern daß ebenso bedeutsam ihre Unstabilität ist. Geht man von der Austauschrelation des Jahres 1950 als Grundwert aus, so nähern sich die Preisverhältnisse mehrmals diesem an, um sich dann schnell wieder von ihm zu entfernen. Diese Abweichungen vollziehen sich mit einer einzigen Ausnahme zuungunsten PerUs, während ein Vergleich mit der Lage in einem Industrielande wie der deutschen Bundesrepublik dort einen umgekehrten Trend deutlich macht. Die Entwicklung der Austauschrelationen in Peru. und der deutschen Bundesrepublik 1950 1951 1952 1953 1954 1955 1956 1957 1958 Peru .......... 100 114,9 83,4 74,5 99,6 80,1 97,4 98,5 84,2 Deutschland ...... 100 95,9 108,3 116,3 116,2 113,6 114,8 116,1 126,4 Quellen: Für Peru bis 1956 Anuario Estadistico 1956/57, S.519, für 1957 und 1958 Boletin de Estadistica Peruana 1959 II, Nr.3, S.557; für die Bundesrepublik Deutschland bis 1956 Geschäftsberichte der Bank Deutscher Länder 1955 und 1956, später Monatsberichte der Bundesbank. Für 1958 umgerechnet auf Grund des neuen Index mit Basis 1954. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Wirtschaftliches Wachstum in Peru und seine Widerstände 33 iKlar tritt in diesen Zahlen der Rohstoffboom im Zusammenhang mit der Korea-Krise am Anfang der dargestellten Zeitreihe hervor. Im übrigen spiegelt sich darin der Trend des Welthandels in der Nachkriegszeit, der gegenüber der Vorkriegszeit ein relatives Absinken der Nahrungsmittel- und landwirtschaftlichen Rohstoff-Importe durch die Industrieländer bei einem relativen Anstieg des Industriegüter-Imports durch die Rohstoffländer mit sich brachte 45 • Allerdings ist die daraus hervorgewachsene Verschlechterung in den terms of trade der Rohstoffländer unter dem Blickwinkel eines größeren Zeitraums nicht zu dramatisieren, da die Ungunst verschwindet, sobald man für ihre Bemessung auf einen früheren Zeitpunkt zurückgreift. So stellte der Sachverständig,en-Ausschuß des GATT fest, daß nicht die Nachkriegszeit, sondern die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen für die Außenhandelsrelation der Rohstoffländer besonders ungünstig gewesen sei. In den Jahren 1956 bis 1957 dagegen hätten die terms of trade dieser Länder sich ,,·etwa auf der Höhe von 1928" gehalten 46 • Unter diesen Umständen ist es nicht überzeugend, wenn man grundsätzlich Ull'dallgemein eine Benachteiligung der Rohstoffländer im Welthandel gegenüber den Industrieländern behauptet. Eine dahin wirkende Zwangsläufigkeit kann nicht nachgewiesen werden. Dann bleibt aber nur die ander'e 'angesichts der Austauschrelationen für die Rohstoffländer bestehende Schwierigkeit übrig, auf die schon hingewiesen wurde, diejenige ihrer Unstabilität. In dem heftigen und häufigen Hin- und Herschwanken der terms of trade liegt die eigentliche crux der Rohstoffländer in bezug auf ihre außenwirtschaftliche Verflechtung. Daß diese Unstabilität eine Folge der eigenartigen Wirtschaftsstruktur dieser Länder ist, läßt sich leicht plausibel machen. Sie er.giibt sich aus der Erfahrungstatsache, daß die Lebensmittel und Rohstoffe des Welthandels weit stärkeren Preisschwankungen als die Industriegüter unterlieg,en. Diese Beobachtung liegt hinsichtlich der Agrarprodukte schon der King'schen Regel zugrunde. Sie ist darauf zurückzuführen, daß die Einkommenselastizitäten der Nachfrage für die Ausfuhrgüter der Rohstoffländer im allgemeinen niedrig, jedenfalls kleiner als 1 sind, während die Einkommenselastizitäten der Industl'iegüter, wenigstens in den Rohstoffländern, die Tendenz ha:ben, recht hoch, d. h. größer als 1 zu sein 47 • 45 Vgl. dazu den Bericht eines Sachverständigen-AusschUlSSes des GATT, Er,twick.lungstendenzen im interna1:lionalen Handel, Genf 1958, deutsche Ausgabe, BerUn 1959, § 119 ff. 46 Entwick.lungstenden:ren im internationalen Handel, loc. cit. § 133. 47 Nach dem Cepal-Bericht, S. XXVI, betrug die Nachfrage-Elastizität nach Importgütern in Peru während der Jahre 1945-55 nicht weniger als 2, bei Einschränkung der Betrachtung auf die Jahre 1948-55 immer noch 1,57. 3 Schriften d. Vereins f. Socialpolltik 21 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
34 Erich Egner Aus di,esen Zusammenhängen wird in Peru und in allen Ländern gleicher Lage der weit verbreitete Ruf nach einer Diversifiz,ierung der Produktion mit Hilfe einer Industrialisierung der Volkswirtschaft verständlich. Man möchte unter eigener Verarbeitung der im Lande erzeugten Rohstoffe zu einer Selbstversorgung in bezug auf die wichtigsten Industriegüter kommen. Man möchte dadurch die hochgradige Störungsanfälligkeit der heimischen Wirtschaft überwinden, die sich aus ihrer eigenartigen Weltmarktverflechtung bisher ergeben hat. Nicht, daß man nach Autarkie strebt, wohl möchte man im Export einerseits neben Bodenleistungen in erhöhtem Maß.e Arbeitsleistungen an das Ausland liefern, andererseits auch Güter anbieten, die nicht so preisempfindlich im Weltmarkte sind, wie die bisherigen Spezialitäten der Rohstoffländer. Im RückJblick auf die bisherige Umschreibung der peruanischen Wirtschaftslage ergibt sich, daß die Volkswirtschaft unter einem Zwang zum Umbau ihrer Wirtschaftsstruktur 'Von folgenden Seiten her steht: Erstens läßt der Bev'Ölkerungsdruck einen wachsenden Unterhaltsbedarf entstehen. Mit dem Vordringen hygienischer und sanitärer Methoden wird er voraussichtlich noch wachsen. Zweitens. ist die gespaltene Wirtschaft unfäJhig, diesem wachsenden Bedarf mit einer entsprechenden Proouktivitätssteigerung Rechnung zu tragen. iDeshalb ist es notwendig, die noch bestehende Selbstversorgungswirtschaft dem Markte einzugliedern. Drittens zeigt sich, daß eine solche Zielsetzung den versch'iedenen Wirtschaftsbereich,en gegenüJber, die zugleich historische Schichten sind, vor recht unterschiedliche Aufgaben stellt. Die alten Schichten Ihr,emsen die wirtschaftliche Entwicklung alb. Viertens ergab sich, daß eine entsprechende Bremswirkung auch aus der unzureichend entwickelten Wertschöpfung der Wirtschaftszweige Landwirtschaft und Industrie einerseits und der armen Wirtschaftsregionen in Sierra und Selva andererseits hervorwächst. Fünftens wurde deutlich, daß d~e 'bisherige Eingliederung Perus als RohstoffHef.erant in den Weltmarkt destaJbilisierende Wirkungen für die V{)lkswirtschaft mit sich bringt und sie dadurch von außen herertheblichen Erschütterungen aussetzt. 11. Teil: Hemmungen des wirtschaftlichen Entwicklungsprozesses Die Darstellung der wichtigsten Strukturmerkmale hat bisher nur die Voraussetzungen geschaffen, von denen aus jetzt die Entwicklungsproblemeder peruanischen Volkswirtschaft ins Auge gefaßt werden können, auf welche diese Untersuchung in erster Linie abzielt. Es geht dabei darum, der zentralen Schwiedgkeiten gewahr zu werden, mit denen diese Entwicklung helastet ist. Daß alles wirtschaftliche Wachstum Opfer kostet, 'Von Fehlschlägen mit größeren oder geringeren OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Wirtschaftliches Wachstum in Peru und seIne Widerstände 35 Verlusten für die Gesamtheit begleitet ist, leicht zu Existenzkrisen ganzer Volksschichten führt, ist €ine Erfahrung der alten Industriestaaten. Man sollte das durch eine kluge Entwicklungspolitik aber zu vermeiden trachten, indem man Lehren aus diesen Erfahrungen zieht. Doch ist auch nicht zu verkennen, daß die Starllbedingungen für die wirtschaftliche Entwicklung und eine darauf abzielende Politik in den Rohstoffländern im V€rgleich zu den Industrieländern beträchtlich erschwert sind. Das ergibt sich im peruanischen Falle schon aus der bisherigen Strukturanalyse und wird nun durch die Betrachtung von Folg€ersch€inungen der Wirtschaftsstruktur noch deutlicher werden. 1. Die mangelnde Unternehmer-Initiative Die Schwierigkeiten der wirtschaftlichen Entwicklung offenbaren sich dem Besucher Perus zunächst in einer Erscheinung, auf die er immer wieder zu seinem Erstaunen stößt, in dem weit verbreitet€n Beschäftigungsmangel. Er macht sich besonders auf der Ebene der geringen 'Qualifikationen, 'bei der ungelernten Arbeit im Sinne industrieller Maßstäbe, geltend. Auf höhe nm iEbenen mit steigender Spezialisierung verliert sich das überangelbot, von Einzelfällen abgesehen. So hat man gelegentlich festgestellt, daß es zuviel Landwirtschafts-Inge- nieure, die unseren Diplom-Landwirten entsprechen, im Lande gibt, so daß ein T·eil von ihnen fachfremd oder in Positionen besch.äftigt wird, die keine akademische Ausbildung erfordern 48 • Ähnliche Schwierigkeiten grbt es bei wirtsch·aftswissenschaftlichen Universitätsabsolventen, wie man aus Klagen über fehlende Fortkommensmöglichkeiten in der Privatwirtschaft entnehmen Ikann. Das Hauptproblem liegt aber doch bei d€r unqualifizi€rten Arbeit. Es ist vi,el von der verkappten Arbeitslosigkeit in der Landwirtschaft der Rohstoffl.änder gesprochen worden. Sie r'besteht hier in ausgesprochenem Maße überall dort, wo die Landwirtschaft extensiv betrieben wird, d. h. dlwon ausgenommen ist nur die intensive "kommerzielle" Landwirtsch·aft des Küstenge!bietes. 1D0ch ist der Beschäftigungsmangel nicht auf die landwirtschaftlich,en Arbeitskräite beschränkt. Er findet sich ebenso beim ländlichen Gewerbe, das mit der Landwirtschaft des Gebirges noch €ng verflochten ist, reicht bis in den städtischen Bereich hinein. D€r städtische Beschäftigungsmangel ist im Grunde nUr eine Ausstrahlung der ländlichen Arbeitslosigkeit, da diese erst zu den teils zeitlich begrenzten, teils dauernden .A!bwanderungen ländlicher Bevölkerungsteile in die Städte führt. Die unzureichende landwirtschaftliche Existenzgrundlage läßt die Indios sich der Stadt zuwenden, wo sie einen Erwerb zu finden hoffen. \Darin sehen sie sich nur allzu oft enttäuscht, da es auch hier an Besch·äftigungsgelegenheiten mangelt. 48 Vgl. den FAO- und IBRD-Bericht, Teil II, S.247. 3* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
36 Erich Egner So entsteht eins der großen und paradox:en Probleme der Volkswirtschaft. nie Menschen wandern aus dem Gebirg,eab, das ihnen keinen ausreichenden Unterhalt hietet. iDie Abwanderung ist a'ber nicht groß genug, um dort eine fühlbare Entlastung von dem bestehenden Bevölkerungsdruck zu schaUen. Sie ist zugleich 'bei dem anhaltenden Nachschub zu groß, um von den Städten, besonders den größeren Städten, assimiliert zu wer.den. Di,es Unvermö,gen der Städte ist in erster Linie eine Folge ihrer geringen 'industriellen Entwicklung. Nur mit ihrer Hilfe könnte man einen laufenden Zustrom 'Von AI1beits- kräften absorbieren. Daß es nicht zu dieser Entwicklung kommt, widerspricht aller theoretischen Erwartung, denn das große Arbeitsangelbot müßte zusammen mit dem dadurch hervol'g,erufenen Lohndruck einen Anreiz für den Ausbau der industriellen Produktion schaffen. Dieser Stimulus genügt aber nicht, um das wichtigste Entwicklungshindernis zu ü:berwinden, das sich dem in den Weg stellt. Es 'besteht in dem Fehlen einer ausreichenden auf industrielle Ziele gerichteten Unternehmer-Initiative. Ehe die Hintergründe dieses Tatbestandes analysiert werden, müssen hier die Folgen Jbel,euchtet werden, die sich aus diesem Entwicklungshindernis ergeben. Dadurch gerät ein großer Teil der städtischen Zuwanderer aus einer Not in die andere. Sie leben unter trostlosen hygienischen Verhältnissen in den städtischen Elendsvierteln, den sog. barriadas, dementsprechend traurig ,ist ihr Gesundheitszustand. Auf kümmerlichste Weise surnen sie sich ein·en Erwerb 'zu schaffen, bei der Schwierigkeit dessen werden sie oft genug auf Bettelei und Diebstahl abgedr,ängt. Ausdruck dieser Existenznot ist die oft groteske Al'beitsverschwendung, bei der die Menschen unter Nichtachtung der in ihnen angelegten höheren Leistungsfähigkeiten durch körperliche Arbeit, die ihnen mit primitivsten Hilfsmitteln abverlangt wird, als Lasttiere verwandt werden. Der dalbei erzielte Entgelt entspricht der so erreichten minimalen Arbeitsproduktivität. Eine andere Begleiterscheinung dieser Existenznot ist die außerordentliche Aujblähung des Handels ohne produktive Funktionen. Dieser macht sich als Bagatellhandelüberall breit, werk- 'und feiertags, tags und nachts, innerhalb und außerhalb der Marktplätze, in den Geschäftsstraßen, am Bahnhof, im Zuge, am parkenden Omnibus, bei den Vergnügungszentren usw. Teils hat er seinen festen Verkaufs ort, teils ist er ambulant, teils legal, teils und wohl zum ,größeren Teil illegal. Eine Unzahl von Waren zweifelhafter Qualität und Herkunft kann man so in kleinsten Mengen erstehen. Die Konkurrenz ist da:bei so hoffnungslos groß, daß man nur durch den Einsatz unendlicher Geduld, durch die 'Erregung von etwas Mitleid - die Händler sind ganz überwiegend Frauen und Kinder - und durch bestmöglich'e Übertölpelung des Kunden ganz 'bescheiden auf seine OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Wirtschaftliches Wachstum in Peru und seine Widerstände 37 Kosten kommen kann. Die Grenze zwischen Arbeitslosigkeit und Arbeit, zwischen Bettelei und Verkaufstätigkeit ist hier flüssig geworden. Fragt man, warum diese unausgenutzten Ar'beitskräfte nicht durch Unternehmer in sinnlvollen prodUlktiven Einsatz gebracht werden, so stößt man auf eine ganze Reihe von Faktoren, die hier im Vergleich zur Lage in den alten Industrieländern erschwerend wirken. Man kann sie zusammengenommen auf die Formel des fehlenden Industrieklimas bringen. Die Erschwerungen ergeben sich erstens aus den mangelnden unternehmerischen ErfaJhrungen auf industriellem Gebiet. Es fehlt nicht völlig an Menschen mit unternehmerischem Können. Man kennt sich aber nur auf dem kommerziellen Sektor aus, was eine hochgradig spekulative Gesinnung, das Streben nach kurzfristigem hahen Gewinn mit sich bringt. Es fehlt dagegen der Sinn für langfristige, rational auskalkulierte Dispositionen, für eine Politik der Bedarfsweckung für heimische Industrieprodukte durch Bereitstellung von qualitativ einwandfreien Standardwaren, für den Grundsatz großer Umsatz, kleiner Nutzen. Die Erschwerungen ergeben sich zweitens aus dem Fehlen von Ratgebern und Vorbildern, an denen man sich orientieren könnte. Inländische Erfahrungen gibt ,es nicht und ausl,ändische Vorbilder führen leicht in die Irre. Deshalb kann man daraus keinen Nutzen ziehen, muß man alle wichtigen Fragen nach eigenem Gutdünken entscheiden, so in 'bezug ,auf das zu wählende techni:sche Verfahren, das den örtlichen Bedingungen angepaßt sein muß, in bezug auf die Betriebsgröße, in bezug auf die Or,ganisation des Betrie'bsablaufs, von Einkauf und Verkauf. Drittens ergeben sich Schwierigkeiten aus dem Fehlen ergänzender Dienste, mit denen man in entwickelten Volkswirtschaften als etwas S.ellbstverständlichem rechnen kann. Es mangelt an qualifizierten Kräften. Mitarbeiter muß der Unternehmer sich erst selbst heranziehen, deshal1b muß er zuerst alles selbst im Auge behalten. Er muß damit rechnen, daß die noch nicht angelernten Arbeitskr,äfte in der Produktion vieles verderben, was durch qualifiziertere Arbeiter vermieden werden könnte. Es ist kein Kapitalmarkt vorhanden, auf den man sich abstützen kann. Deshalb muß der Unternehmer sein eigener Kapitalgeber sein, soweit ihm nicht persönliche Beziehungen weiterhelfen. Der Eigenkapitalbedarf ist wesentlich höher als unter den Bedingungen alter Industrieländer. Der Kapitalbedarf ist insgesamt höher wegen des Zwanges zu einer großen Vorratshaltung an Roh- und Hilfsstoffen, an maschinellen Ersatzteilen, weil Komplementärbetriebe fehlen, mit denen man in einem industriellen Milieu rechnen kann, weil es manchmal auch am vollständig,en Ausbau der Infrastruktur mangelt, auf die ein Industriebetrieb angewiesen ist. Mir begegnete ein Unternehmer, der Steinkohlen abbaute und mangels anderer Ver- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
38 Erich Egner kehrsmögEchkeiten auf iEselsrücken abtransportierte. Der Kapitalbedarf einer Unternehmung ist aber auch deshalb höher als in Industriestaaten, weil man mit einem hohen Grad nicht ausgenutzter ProduktionSkapazitäten rechnen muß. Diese überraschende Tatsache, die in Lateinamerika eine sehr verbreitete Schwäche der Industrie sein soll, geht nicht allein auf die Eng,e des Absatzmarktes, sondern darÜlber hinaus auf die Schwierigkeiten zusätzlicher Kapitalbeschaffung einerseits und auf den Mangel an technischen Spezialisten und Qualitätsartbeitern andererseits zurück, der die Einführung mehrerer Schichten und damit eine bessere Ausnutzung der Produktionsanlagen meist verhindert 49 • Viertens spielen auch Imponderabilien eine Rolle, die mit der geringen Rationalisierung des Marktes zusammenhängen. Das äußert sich einmal in einer mangelhaften Zahlungsmoral eines beträchtlichen Teils der .Konsumenten. Der erste Angestellte, den jeder Geschäftsmann braucht, so wurde mir gesagt, ist der cobrador, der Kassierer, der nichts als f.ällige Forderungen einzutreIben hat und am Erträgnis seiner iBemühungen beteiligt ist. Es soll Menschen geben, die aus unpünktlicher Zahlung ·einen Sport zu machen suchen. Daß dies alber möglich ist, hängt zum anderen damit zusammen, daß die Justiz bei der Eintreibung von Schulden nur zä1hflüssig arbeitet. Prozesse kosten Geld und dauern oft jahr,elang. In der Zwischenzeit sucht sich der Schuldner seinen Verpflichtungen zu entziehen. 'Er ÜJbertvägt sein Eig,entum auf Familienang.ehörige. Wenn der Prozeß sein Ende erreicht, hesitzt er nichts mehr, geht der Gläubiger leicht leer aus. Das alles fürt zu dem Ergebnis des außerord~mtlich erhöhten Risikos für jeden Geschäftsmann, der mit langfristiger Disposition und mit der Kapital-,Immobilisierung in fixen Anlagen ·für einen erst zu erschließenden Markt unter dem Druck ein·er überlegenen ausländischen Konkurrenz zu ar:beiten sucht. Die abschreckende Wirkung des hohen Unternehmerrisikos in den Anfangsstadien des Industrialisierungsprozesses kann kaum überschätzt werden. Das Risiko ist allerdings nicht nur ein Hemmschuh der industriellen Entwicklung, sondern zugleich auch ein sehr bedeutsames Regulativ, das vor leichtfertigen Fehl- i1westitionen in einem Lande warnt, in dem man mit seinen Kapitalien vorsichtig umzugehen gezwungen ist. Die Entmutigung der Unternehmerinitiative durch Sorge vor allzu hohen Risiken hat deshalb nicht nur eine negative, sondern durchaus auch eine positive Seite. Um der Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung willen kommt es nicht darauf an, den Unternehmern mehr Mut zur übernahme von Risiken einzuflößen, sondern diese Risiken nach Möglichkeit zu vermindern. 49 Cepal-Bericht, S.67/69, 305. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Wirtschaftliches Wachstum in Peru und seine Widerstände 39 2. Das Konsumentem,erhalten Man hat sich daran gewöhnt, im Sinne Joseph Schumpeters die Unternehmer als die Triebkraft der wirtschaftlichen Entwicklung aufzufassen, übersieht da/bei alber, daß sie eigentlich nur als Beauftragte der Konsumenten tätig werden, da diese das Unternehmerhandeln nachträglich honorieren müssen. Ohne eine für den Fortschritt aufgeschlossene Konsumentenschaft wird alle wirtschaftliche Entwicklung unmöglQch. In Peru stößt man statt dessen weithin auf ein stationäres Konsumentenverhalten und dies auf zwei verschiedenen Ebenen. Das eine M,al /handelt ,es sich um die reiche Oberschicht der kleinen Zahl alteingesessener Familien europäischer .A:bstammung, die die Schlüsselpositionen des Landes in Händen halten. Hier hängt man einem seigneurialen iKonsumstil an, d. h. man fühlt sich als Angehöriger der Herrenschicht des Landes und sucht dementsprechend aufzutreten. So entfaltet man einen möglichst glänzenden Aufwand, ist man in einem den Europäer überraschenden iMaße auf Repräsentation bedacht, sucht man den Eindruck eines großzügig-verschwenderischen Lebens zu erwecken, das ijber !kleinlich·es Geldrechnen ebenso wie über Erwerbsarbeit erhafben ist. Der vornehme Mann lebt nur seinen Neigungen oder auch freiwillig übernommenen Verpflichtungen. Dazu bedarf es aber des Besitzeinkommens, das ihm das ererbte Familienvermögen verschafft und ihn "unabhängig" macht. Diese Konsumentenhaltung ist auf die Erhaltung des status quo der überkommenen Wirtschafts- und Sozialstruktur, a:ber nicht auf der·en Umbau durch eine moderne, wirtschaftliche Entwicklun.g gerichtet. iDem steht als andere Ebene eines stationären Konsumverhaltens die arme un.d breite Unterschicht des Landes gegenüber, die durch die Indianerbev'Ölkerung und einen Teil der Indianermischlinge verkörpert wird. Diese Menschen leben auf einem von tEuropa her unrvorstellbar erbärmlichen Unterhaltsniveau, das ein körperlich,es und geistiges Dahinvegetieren mit sich gebracht hat. Trotzdem sind sie aber nicht auf den wirtschaftlichen Fortschritt bedacht, sondern 'bereit, sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Vor dem Gedanken an eine dauerhafte Besserung ihrer Lage haben sie längst resigniert. Seit Menschengedenken ist es nicht anders gewesen, deshalb glaUlbt man auch nicht, daß die Verhältnisse sich in absehbarer Zeit wesentlich ändern werden, jedenfalls nicht zum Besseren. So bringt man allen Neuerungen ein tiefes Mißtrauen entgegen. Bedarf es eines Beweises, daß man mit solchen Menschen keine moderne Wirtschaft bauen kann? Solange die vermögende Oberschicht ihre Mittel für einen Luxuskonsum oder für Ausgaben im Auslande statt für die wirtsch'aftliche Inlandsentwicklung verwendet, solange der Wille zu wirtschaftlichem und sozialem Aufstieg in der Unterschicht OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
46 Erich Egner fen zwischen der Arbeiter- und Unternehmerseite, die mit der wirtschaftlichen Lage der Unternehmung und der Leistung des Arbeiters nichts mehr zu tun haben. Es wird versucht, die Löhne über das Maß des wirtschaftlich Vertretbaren hinaufzuschrauben. Da die Arbeiter selbst nicht urteilsfähig, aber leicht aufzuwiegeln sind, wird dadurch die Atmosphäre der gegen.seitigen Zusammenarbeit vergiftet. Außerdem wird das unternehmerische Risiko sehr erhöht. Diese Politisierung der Gewerkschaften hat sich im Extrem zwar nicht in iPeru, sondern in anderen südamerikanischen Staaten vollzogen, sie strahlt aber dorthin aus. Im Kern handelt es sich hier um das Problem der Gewerkschaftsführer, die nicht AIibeiterselbsthilfe im Sinne der klassischen Gewerkschaftsbewegung, sondern Politik als Machtkampf zwischen politischen Gruppen betreiben. Der Allifstieg 'Von Arbeitedührern, die mehr sind als politische Agitatoren, kann nicht von heute auf morgen erwartet werden. Er setzt im Grunde die Heranbildung der qualifizierten Industriearbeiterschaft schon voraus, an deren Formung die Gewerkschaften mitwirken sollen. Sicher ist die Bildung einer Arbeiterelite erst das Ergebnis einer praktischen und geistigen Bewährung. Heute entstammen die Arbeiterführer meist nicht der Arbeiterschaft selbst, sondern der Mittelschicht. Arbeiter mit dem für solche Aufgaben erforderlichen Weitblick fehlen im allgemeinen. Die Paradoxie der Lage kann man an folgender Beobachtung erkennen: Bei dem großen Mangel an 'Qualitätsarbeitern bemüht sich das Internationale Arbeitsamt an einigen Stellen des Landes, junge Menschen sorgfältig dazu auszubilden. Das eine dieser Zentren in Chucuito am Titicaca-8ee konnte ich besuchen. Dort wurden 57 ausgewählte Indianer im Alter von 17 bis 20 Jahren in einem zweijährigen Lehrgang theoretisch und praktisch geschult. Sie waren gemeinsam in einem Internat untergebracht, es gab drei Klassen, je eine für Tischlerei, Schlosserei und Automechanik. Der iEindruck, den die Zöglinge machten, war ausgezeichnet, er hätte in einer gleichartigen europäischen Institution nicht besser sein können. Das Ergebnis dieser Bemühungen, bei denen wohl unter anderen künftige Arbeiterführer ihre Grundschulung hätten erfahren können, bestand aber nach Aussagen des Leiters darin, daß man am Ende der AuSbildung Not hat, diese nun vollwertig qualifizierten Arbeitskräfte in für sie geeigneten Arbeitsplätzen unterzubringen. Das ist die Lage in einem Lande, in dem eine Lehrlingsausbildung, wie wir sie im Handwerk und in der Industrie kennen, nicht existiert und in dem über einen allgemeinen Rückstand der technischen Ausbildung g,eklagt wird 59 • Der Cepal-Bericht glaubt für das Jahr 1955 59 Z. B. Jose Carlos Maricitegui im 4. Kapitel seiner ,,7 Ensayos de Interpretaci6n de la Realidad Peruana", zuerst Lima 1928. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Wirtschaftliches Wachstum in Peru und seine Widerstände 47 im ganzen Lande 23 800 qualifizierte Arbeiter feststell€n zu könn,en, von denen er aber sagt, daß sie in Wirklichkeit nur mittelmäßig qualifiziert seien. Der Bericht meint w€iter, daß :f)ür die industrielle Entwicklung des Landes bis zum Jahre 1965 zusätzlich weitere 50000 qualifizierte ArJbeiter benötigt würden, daß man es aber mit Hilfe der vorhandenen Ausbildungsstätten nur auf 13 500 werde bringen können. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so kraß, ist die Lage bei den Ingenieuren der mittl€ren und höheren Stufe. Hier benötigt man zusätzlich zu den vorhandenen 2800 Technikern bis zum Jahre 1965 etwa 4950 Kräfte, während man nur etwa 3000 als Absolventen der bestehenden Lehranstalten: erwarten kann. Der Bericht schließt diese Feststellungen mit folgenden Worten ab: "Insgesamt kann man sicher sein, daß die Inv€stitionen mit dem höchsten wirtschaftlichen Ertrag, die das Land künftig vornehmen kann, in der Errichtung von Lehrwerkstätten für die Heranbildung qualifizierter Arbeiter und von Anstalten für die höhere technische Ausbildung bestehen 60 ." Letztlich aber handelt es sich um der wirtschaftlichen Entwicklung willen nicht nur um die technische Ausbildung, sondern um das ganze Schulsystem und dabei wiederum besonders um die Grundschulung der Jugend in den ländlichen Gebieten des Gebirges. Vorläufig spielt der Analphabetismus noch €ine beträchtliche Rolle im Lande. Eine neuere Ziffer über seinen Umfang ist mir nicht bekamnt geworden. Der Zensus von 1940 gab 56,6 '0J0 der Bevölkerung als Analphabeten an, die sich aber 'So über das Land verteilten, daß sie 32,45 Ofo der Bevölkerung in der Costa, 73,16 '(Jlo in der Sierra - in deren Kerngebieten sogar 81,45 °/0 - und 49,54 '(Jlo in der Selva ausmachten 61 • Dank der inzwischen betriebenen Alphabetisierungs-Campagne dürften diese Prozentsätze heute gesenkt worden sein. Trotzdem ist die Aufga:be einer Grundschulung der ganzen Bevölk€rung noch längst nicht gelöst. 4. Der Kapitalmangel Ein w€iterer iEngpaß für den wirtschaftlichen Entwicklungsprozeß besteht in dem Kapitalmangel der noch nicht industrialisierten Länder. Mane.-hmal hat mim ihn sogar für das wichtigste Entwicklungshindernis gehalten:. Aus solcher Auffassung spricht jedoch eine Ideologie, die das Entwicklungsproblem auf einen einzigen Gesichtspunkt zu verkürzen sucht, es durch Kapitalzufuhr von außen für lösbar hält 62 • Damit g,eht me1st eine Idealisierung der Auslandsgeschenke, der sog. "grants", einher. Die Unzulänglichkeit dieser Meinung kann man sich durch die Gegenthese klar machen, daß die Kapitalbereitstellung nicht 60 Cepal-Bericht, S. 300 ff., das Zitat S. 304. 61 ILO, IndJiJgenous Peoples S. 181 und 183. 62 Vgl. dazu die Kritik von Bruno MoH, Curso Superior de Finanzas, Lima 1955, S.258. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
48 Erich Egner eine Vorbedingung, sondern eine Folge der wirtschaftlichen Entwicklung ist. Wenn diese erst einmal einen Anstoß erhalten hat, so wird die Finanzierung der weiteren Expansion aus Unternehmungsgewinnen möglich. Der russische Weg der Entwicklungspolitik läuft auf die Idealisierung einer solchen inneren Auf'bringung durch Selbstfinanzierung aus der Produktion hinaus. Die Wahrheit liegt, wie meist bei solchen Antithesen, in der Mitte. Kapital ist eine wichtige Entwicklungsbedingung, wenn auch nicht die einzige und die absolut wichtigste. Der Grad seiner Wichtigkeit hängt von der jeweiligen Gesamtkonstellation ab. Die Entwicklung wird erleichtert, wenn Inlands- und Auslandsfinanzierung zusammenkommen, obwohl auf die Dauer nur die eigene KapitalIbildung der Volkswirtschaft den Entwick:lungsprozeß tragen kann. Die Hauptschwierigkeit der Kapitalversorgung von Rohstoffländern liegt in dem Fehlen einer "iKapitalmentalität", die auf die Pflege der Voraussetzungen für die Bildung und die Erhaltung von Kapital bedacht ist. Wenn die einen am Existenzminimum leben und die anderen im und vom ererbten Reichtum, so fehlt den ersten die Möglichkeit, den zweiten der Anreiz zur Kapita1bildung. Es fehlt bei den Besitzenden auch der Trieb zur Kapitalerhaltung, da extensiv genutzter Grundbesitz sich im wesentlichen von selbst erhält. Dort, wo aber der Sparwille vorhanden ist, führt er leicht nicht zu einer volkswirtschaftlichen Kapitalbildung. Gelder werden gehortet oder in Preziosen und Edelmetallen angelegt oder auch zum Ankauf von Immobilien benutzt, deren Verkäufer sie wieder konsumtiv verausgaben. Leihgelder, ob inländischer oder ausländisch.er Herkunft, werden bei gewagten Unternehmungen vertan, da man das eingegangene Risiko nicht einzuschätzen wußte, oder sie begünstigen zu Lasten des eigenen Sparens einen steig,enden Lebensstandard. Das alles sind Entwicklungsbremsen, deren Lockerung nur erreicht werden kann, wenn sich das Sparen für die Kapitalbildung als ein Mittel zum wirtschaftlichen Aufstieg erweist, das die Aufstiegswilligen in ihren Bann zieht. Der Bildung einer Kapitalmentalität steht zunächst die Inflationspolitik im Wege, die während des letzten Jahrzehnts und besonders während der letzten Jahre unter dem Einfluß der sich verschlechternden außenwirtschaftlich,en Lage in P.eru große Fortschritte machte. Der DoHarkurs der peruanischen Währungseinheit, des Sol, betrug im Durchschnitt des Jahres 1938 1 $ = 4,47 Soles. 1946 machte der Freikurs 7,75 Soles aus, er stieg dann 'bis 1957 auf 19,07 und bis Ende 1958 auf 25,09 Soles. Der Regierungswechsel des Sommers 1959 hat der weiteren Beanspruchung der Zentralbank durch den Staat jetzt ein Ende gesetzt und zu einer Stabilität des Sol etwa auf dieser Höhe geführt. Die fortschreitende Inflation bestrafte nicht nur den Sparer, sondern zwang auch den Unternehmer zu einer steigenden Kapital- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Wirtschaftliches Wachstum in Peru und seine Widerstände 49 ausschüttung an den Staat, da das Anlagevermögen der Unternehmungen nich,t der Geldentwertung entsprechend neu bewertet werden durfte und dadurch wachsende Sclreingewinne entstanden, die durch Gewinn- und Ü'bergewinnsteuern progr,essiv belastet wurden 63 • Andere Schwierigkeiten ergeben sich aus der Struktur des Kreditapparates. Z.war fehlt es nicht an Hanken. Neben der Zentralbank, die ein ha1bstaatliches Unternehmen ist, und einigen staatlichen Entwicklungsbanken - }e ·eine für Landwirtschaft, Bergbau und Industrie - gibt ,es Sparkassen und ·eine Reihe von Großbanken. Diese sind zum Teil ausländischer Abkunft. Wichtiger als dies ist die Tatsache, daß die Großbanken und bedeutenden VersicherungJsgesellscha.ften ganz in Lima konzentriert sind. Infolgedessen wird über den Zentralismus der Bankenwe'lt geklagt. Es läuft dort das sarkastische Wort um, daß die Bank eine Institution sei, deren Eigenart darin bestehe, daß sie das Geld der Armen im Kreditwege an die Reichen weiterleite 64 • Damit wird darauf ~ngespielt, daß die Großhaniken die ihnen aus vielen Quellen zufließenden Gelder über ihre Zentralen vorwiegend großen Kreditnehmern zugänglich machen, da diese ihnen die besten Kreditsicherheiten zu bieten vermögen. Da die kleinen Einleger zum großen Teil in den Provinzen, die Großkreditnehmeraber meist in der Landeshauptstadt sitzen, läuft dies Verfahren praktisch auf eine finanzielle Absaugung der Provinzen zugunsten der Metropole hinaus . .Äihnliches wie für die Gelder der Großbanken wird auch für die Mittelverwendung der Versicherungsgesellschaften und Sparkassen in HypotJhekarkr,edit be'klagt 64 • Hinzu kommt, daß ein organisierter Kapitalmarkt nur in rudimentärer Form existiert. Zwar gibt es eine Effektenbörse. Diese spielt aber nach dem Cepal-Bericht nur eine ,geringe Rolle. Die meisten Aktienumsätze vollziehen sich außerhalb von ihr 65 • Dennoch sind die Unternehmung.en zum großen Teil als Aktiengesellschaften organisiert, da dies die ·einzige Gesellschaftsform mit beschränkter Haftung ist, die das dortige Recht kennt. Außerdem wird bei ihr die Selbstfinanzierung, die eine der wichtigsten Finanzierungsformen ist, durch die Steuergesetzg.ebung begünstigt. Es werden sogar alle möglichen, nicht auf Erwerb abzielende Einrichtungen, wie gesellige Clubs, als Aktiengeselschaftengegl'ündet. Die Aktien bleiben aber 'in solchen Fällen wie bei den Unternehmungen meist in den Händen eines kleinen Kreilses von Menschen 65 • Ihr,e Emission kann nicht über den anonymen 63 Hierzu ist auf einige Arbeiten von Romulo A. FeTrero zu verweisen, besonder,g auf "Comentarios acerca de los Impuestos eri el Peru", Lima 1955, und auf "Directivas para un Programa de Desarrollo Eeonomieo Nacional, Lima 1956. Siehe auch Bruno Moll, Problemas Monetarios Contemporäneos, Lima 1951, Kap. IV, S. 111 ff. 64 Vgl. Fernando Balaunde Terry, La Conquista deI Peru por los Peruanos, Lima 1959, S. 52 und 61 ff. 6f> Cepal-Bericht, loe. cit. S. 153. 4 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 21 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
50 Erich Egner Kapitalmarkt, sondern nur durch Verkauf im Freundes- und Bekanntenkreise erfolg,en. Darin äußert sich deutlich die fehlende Kapita:lmentalität. Man wagt das Geld nicht jenseits eines unmittelbaren Bekanntenkreises anzulegen. Bei dieser Lag.e ist es kein Wunder, daß für wnternehmerisch geneigte Menschen, die selbst uber kein Kapital verfügen, der Weg zu selbständiger produktiver Betätigung hier versperrt ist. Statt dessen ist die Finanzkraft des Landes, auch wenn man <Vom Staate und dem Auslandskapital, von dem sogleich zu sprechen ist, einmal absieht, in einem ,erstaunlich eng.en Kreise konzentriert. Dazu schreibt ein allem Extremismus fernste!hender und konservativer Autor wie der Nationalökonom der Universität Cuzco Reinaga: ",Für niemand ist es ein Geheimnis, daß diese wirtschaftlkhe Oligarchie sich in 30 Familien verkörpert, die alle in Lima wohnen und deren Namen weithin und alljährlich durch die Banco de Credito verbreitet werden. Wir verzeichnen sie nur um der Information willen, indem wir sie aus dem ,Vademecum deI Inversionista 1956/57' (Lima, Banco de Credito) alphabetisch ausziehen 66 ." Es folgt dann eine Liste VOll1 70 Namen unter. Angabe der von ihnen bekleideten Vorstands- und AUEsichtsratsposten, unter denen 21 Familien mit 2 bis 5 Familienmitgliedern, 10 weitere Namen mit nur je einem Angehörigen vertreten sind. Alle zusammen besetzen etwa 200 Vorstands- und Aufsichtsratsposten in vermutlich allen bedeutenderen Untemrehmungen des Landes, soweit sie sich nicht in ausländischen Händen befinden. Der Einfluß dieser Familien erstreckt sich meist neben anderen Unternehmungen auf eine der Großbanken oder der Versicherungsgesellschaften, manchmal nach beiden Seiten hin zugleich. Reinaga fügt der von ihm wiedergegebenen Liste die Bemerkung an, daß diese Lage eine potentielle Verlknüpfung zwischen wirtscha,fUicher und politischer Macht mit sich bringe, wodurch das heutige Bild Perus Ähnlichkeit mit dem~enigen der europäischen Nationen im 19. Jahrhundert gewinne. Diese Parallele mit der europäischen Vergangenheit des 19. Jahrhunderts ist allerdings nur teilweise zutreffend. Sie mag für die Konzentration der iKapitalmacht in relativ wenigen Händen gelten. Sie stimmt dagegen nicht in bezug auf den hier entscheidenden Gesichtspwnkt der Kapitalmentalität. Das 19. Jahrhundert hat in Europa die Aufgabe gelöst, die in Peru jetzt noch zur Lösung aufgegeben ist. Es wurden breite Volksschichten zum Sparen erzogen und die so gebildeten Spargelder durch die unpersönliche Organisation des Kapitalmarktes der Produktion zugänglich gemacht. Das wurde nur durch die Gewissenhaftigkeit des Umganges mit diesen Mitteln erreicht, die das Risiko des Sparers auf das menschenmögliche Maß verminderte. 66 cesar Augusto Reinaga, La Fisionomia Economica deI Peru, Cue;co 1957, S.172 u. 178. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Wirtschaftliches Wachstum in Peru und seine Widerstände 51 Nur unter solchen Voraussetzungen kann sich die iKapitalmentalität entfalten, die für die Entpersönlichung und VersachHchung der Kreditbeziehungen die Voraussetzung bildet. Ein Ansatz dazu scheint immerhin auch hier schon gegeben zu sein. Dar.auf stößt man besonders beim Auslandskapital. Dies ist seit dem Jahre 1951 in betr,ächtlichem Umfange zugeflossen. Das gesamte Auslandskapital im Lande ist von 439 Millionen Dollar im Jahre 19'50 auf 800 Millionen Dollar im Jahre 1958 angewachsen. Den letzten Betrag veranschlagte' man auf rund 15 % der Gesamtinvestitionen in der peruanischen WirtschJaft 67 • Ein solcher Zustrom ist nur dadurch möglich geworden, daß die ausländischen Kapitalgeber die in Peru ilwestierten Mittel für hinreichend gesichert betrachteten. Sie wirken insofern als Schrittmacher einer Kapitalmentali~ät im Lande, indem sie zeigen, welche Erfolge durch eine vorsichtige Kapitaldisposition zu erzielen sind. Darin liegt eine nicht weniger wichtige Leistung als der direkte produiktive Beitrag des Auslandskapitals. Doch würde die Anstoßwirkung für die Entwicklung des heimischen Kapitalmarktes wesentlich erhöht werden, wenn die ausländischen Gelder sich nicht wie bisher meist auf ganz in ihrer Hand befindliche Unternehmungen und dazu noch solche der Rohstoffprodukti.on für den EXJport konz.entrierten, sondern stärker die Zusammenarbeit mit einheimischem Kapital in der Versorgung des Binnenmarktes suchen würden. BiSher stehen bei der Aufnahme von AUJSlandskapital der Bergbau - mit 198 Millionen Dollar im Jahre 1956 - und die Erdölproduktion - mit 129 Millionen Dollar im gleichen Jahre - obenan, während die Industrie nur etwa 30 Millionen an sich gezogen hat G8 • Das sind knapp 10 0J0 aller industriellen Investitionen im Lande. Die meisten dieser Mittel sind als Direktinvestitionen gekommen, soweit nichtöffentliche internationale Finanzinstitute ihre Mittel über öffentliche peruanische Entwicklungshanken lenkten oder peruanische Wertpapiere im Auslande untergebracht wurden. Nachdem bisher sCJ!Viel von der Kapitalmentalität die Rede war, die es zu entfalten gilt, muß schließlich noch ein Gesichtspunkt bedacht werden, der damit nur am Rande zu tun hat, aber trotzdem auf ein wichtiges Hindernis der Kap~talversorgung hinweist. Dabei handelt es sich um die aus der Str,uktur des Rohstofflandes mit seiner Weltmarktabhängigkeit erwachsenden Schwi'erigkeiten. Wenn man die konkreten Ziffern der Kapitalbildung in der Volkswirtschaft während der letzten 11/2 Jahrzehnte betrachtet, so verraten sie eine erstaunliche Unstabili- 67 Cepal-Bericht, S.21/22. 68 Vigl. Cepal-Bericht, S. 156. Außerdem benutzte ich eine vom Servicio de Infurmaciones de los Estados Unidos de America herausgegebene Broschüre "EI Rol de las Inversiones Norteamericanas dentro de la Economia Peru:ana", Lima, o. J. (ca. 1957). 4' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
52 Erich Egner tät {vgl. dazu die TabeUe üher die Kapitalbildung in Peru). Was das rur eine nach Ausbau ihres Produktionsapparates strebende Volkswirtschaft bed'eutet, liegt auf der Hand. Allein die Bevölkerungsvermehrung, zugleich aber der Ausbau vieler langfristiger Anlagen wie der landwirtschaftlichen Meliorationen, von Siedlungsvorhaben nach Art der Kolonisation in der Selva, von Verkehrswegen, erfordern über viele Jahre sich erstreckende lruvestitioruspläne. [),iese müssen bei Schwankungen der jährlichen Investitionsquote am Volkseinkommen, die über die ,Spanne von 2 Ibis 20 Ofo hinausreichen, in größere Schwierigkeiten geraten. Die Kapitalbildung in Peru 1942-1957 Brutto· Netto- Anteil der Jährl. Veränd. Investitionen Investitionen Netto-Investiti- d. Netto-Invest. Volkseinkom- Jahr in Millionen $ in Millionen $ onen am Volksam Volksmen pro Kopf (USA) (USA) einkommen einkommen in $ (USA) in % in % 1942 31 6 1,5 - 52 43 72 33 8,1 + 6,6 54 44 82 26 5,5 -2.6 63 1945 80 31 5,5 +-0 73 46 158 29 4,6 -0,9 78 47 180 74 11,4 +6,8 81 48 118 41 6,3 - 5,1 79 49 161 73 11,4 +5,1 75 1950 201 145 18,6 +7,2 90 51 335 195 20,3 +1,7 108 52 357 188 18,1 -2,2 116 53 333 100 9,9 -8,2 111 54 298 159 16,7 +7,8 102 1955 398 182 16,8 +0,1 118 56 454 89 7.7 -9,1 117 57 523 23 1,9 -5,8 123 Quelle: Renta Nacional deI Peru 1942-1957, Lima 1959, S.38 (Spalte 1-4) und S.34 (Spalte 5). Hier sieht man, daß die Überwindung der Kapitalnöte zwar in hohem Maße eine Sache des Strebens nach Bildung einer Kapitalmentalität im Volke ist, daß man das Problem aber von dieser Seite allein doch nicht auflösen kann. Es muß der stru'ktureHe Umbau der Volkswirtschaft hinzutreten, der eine gleichmäßigere Spar- und Kapitalbildung erlaubt. Das heißt im Grunde nichts anderes, als daß erst mit voranschreitender Entwicklung das Kapitalproblem seine Schärfe verliert. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Wirtschaftliches Wachstum in Peru und seine Widerstände 53 s. Politische Widerstände Als letzter Hemmungsfaktor für den wirtschaftlichen Entwicklungsprozeß sind jetzt die Schwierigkeiten anzufülhren, die sich dafür auf der politischen Ebene herausbilden. Der Staat ist an sich dazu berufen, durch seine Politik nach Kräften die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern. Da der konkrete Staat aber hinter den dadurch an ihn gestellten Anforderungen mehr oder weniger zurückbleibt, wächst sich sein Handeln oft in das Gegenteil, zu Entwicklungshindernissen aus. Dieser Gesichtspunkt hat drei verschiedene Seiten, einmal handelt es sich um die allgemeine politische Lage im Staate, zum anderen um die spezielle von ihm betriebene Wirtschaftspolitik und schließlich um seine Sozialpolitik. In bezug auf die allgemeine politische Lage ergeben sich in Peru Schwierigkeiten aus dem immer wi·eder beklagten Zentrahsmus der Staatsverwaltung 69 • Er führt einerseits zu einer Hypertrophie der zentralen Verwaltung, die vom grünen Schreibtisch in der Landeshauptstadt aus regiert, einen langen Instanz.enweg und große Zeitverluste mit sich bringt, andererseits zu einer Erstickung der örtlichen und regionalen Initiativkräfte führt, die man umgekehrt möglichst wecken sollte. Es wächst daraus eine allgemeine Schwächung der vom Zentrum abgelegenen Regionen hervor, da diese - mit der alleinigen Ausnahme von Arequipa, der zweitgrößten Stadt des Landes, die der Sitz einer politisch.en Fronde ist und dadurch dem Egoismus der Landeshauptstadt Einhalt zu bieten sucht, -allein nach Lima ausgerichtet sind, sofern sie nicht in ihrer Isolierung nur dahinvegetieren. Gleichzeitig hat sich Lima zum Wasserkopf des Landes ausgebildet. Hier vollzieht sich eine Scheinblüte, die allzu leicht als die Erfüllung des Entwicklungstraumes angesehen wird. Demgeg.enüber wird hier auf die Feststellung Gewicht gelegt, daß diese Entwicklung sich in erheblich·em Maße zu Lasten aller anderen Landesteile vollzieht und deshalb keine Förderung, sondern eher eine Behinderung für die Gesamtentwicklung des Landes bedeutet. Von einer anderen Seite her wird die Leistung der Staatsverwaltung durch ihre Unstabilität herabgesetzt. Durch häufigen Regierungswechsel und damit verbundenen Personalaustausch wird die Verfolgung einer gradlinigen PdliUk oft unmöglich gemacht. So konnte etwa Th. R. Ford feststellen, daß an derartigem Regierungswechsel und den damit verbundenen Änderungen in den Ziels.etzungen un:d Planungen die peruanische Agrarpolitik der letzten Jahrzehnte letztlich gescheitert ist 70 • Die FAO- und lBRD-Denkschrift hat eine Statistik über die 69 Emilio Romero, Historia Economica deI Peru, Buenos Adres 1959, S.374/75. 70 Th. R. Ford, Man and Land in Peru, Gainesville 1955, S. 125. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
54 Erich Egner Häufigkeit des Wechsels in den leitend€n Stellungen des Agrarministeriums aufgestellt, wodurch die Aussagen dieses Autors bestätigt werden. Der Wechsel in höheren Verwaltungsposten Perus dargestellt am Beispiel des peruanischen Agrarministeriums Summe Stellungen 1948 49 50 51 52 53 54 55 56 57 1948 bis 1957 Landwirtscha.ftsminister ...... 1 1 1 1 1 3 1 9 Staatssekretär 1 1 1 3 7 Abteilungsleiter ........ 1 3 2 2 2 2 1 13 23 Dezernat:sleiter ........ 4 5 2 2 5 6 2 5 31 Die Tabelle gilbt an, wie oft der Inhaber der angegebenen Stellungen in den verschiedenen Jahren gewechselt hat. Quelle: FAO- und IBRD-Bericht, Teil II, S.378. Die Leistungsfähigkeit des staatlichen Verwa!ltungsapparates wird schließlich auch durch eine unzureichende Durchsetzung des Leistungspr,inzips bei der Siellenverga'be in der öffentlichen Verwaltung beeinträchtigt, womit eine unzureichende Besold'lU1g einhergeht. ;Dadurch werden viele Beamte zu einem NebenerW€I'Ib ver anlaßt, der dann einen erheb1ichen Teil ihrer Kraft beansprucht. Die F AO- und IBiRD-Denk- schrift, die diese Zusammenhänge im Agrarsektor verfolgt, erklärt, daß die gesetzlichen Grundsätz·e für die PersonaleinsteHungen des Staates an sich gesund seien, daß sie aber "oft durch die Intervention lokaler Politiker unw.irksam gemacht werden"71. Es müsse mit der Leistungsbel1ücksichtigung eine gena'llere Verantwortungsabgrenzung innerthalb der Verwaltung Platz greifen und danach das Gelhalt abgestuft werden. Daß auch wirtschaftspolitische Maßnahmen sich entwicklungshemmend auswirken können, besonders wenn sie den Tendenzen des Marktgeschehens zuwiderlaufen, ist eine alte Erfahrung. Zwar hat Peru schon 1949 grundsätzLich den Schritt zu einer liberalen Wirtschaftspo1itik getan. Doch hat man damals, augenscheinlich um des Konsumentenschutzes, aher auch um der Inflationsbekämpfung willen, einige Marktmanipulationen be~behalten, die im Laufe der Jahre schwere Marktverzerrungen mit sich gebracht haben 72 • Zum Teil ist eine Höchstpreispolit~ bei Lebensmitteln ohne g€setzliche Grundlage von örtlichen und regionalen Dienststellen im Lande betr1e1ben worden. Die anderen Maßnahmen ergriff der Staat. So n FAO- und IBRD-Denkschriit, Teil II' S.365. 72 Zu den folgenden Alngaben vgl. FAO- u. IBRD-Denkschrift, Teil II, S.180 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Wirtschaftliches Wachstum in Peru und seine Widerstände 55 schrieb er der "kommerziellen" Landwirtschaft der Küste vor, daß sie neben dem Anbau ihr·er Exportprodukte 1~ bis 30 Ofo der Nutzfläche mit Lebensmitteln für den heimischen Verbr.auch zu bestellen hätte. Diese sog. Politik des "pan llevar" mutete den Betrieben erhebliche Ertragsopfer zu, konnte allerdings nur in der Nähe von Lima wirklich durchgesetzt werden. Der Staat zwang ferner die Reisproduzenten, ihm selbst ihre gesamte Ernte zu billigen !Preisen zu verkaufen, was den Erfolg einer Qualitätsminderung und eines iProduktionsrückganges hatte, so daß man Reis importieren mußte, nachdem man gerade erst Reis-Exporteur geworden war. Die Regierung suchte die Fleischpreise niedrig zu halten, was dazu führte, daß dies zur Viehzucht von der Natur prädestinierte Land steigende Fleischimporte nötig hatte, die su:bventiorüert wurden und daß man im Lande meist SchJuhsohlen als Flejlsch zu essen bekam. Auch die Milchproduktion wurde wegen eines Höchstpreises unrentabel. Andere Eingriffe gab es noch bei Weuen und Brot, für Zucker, Kaffee, Gummi und für den Guano, der von einer staatlichen Monopol-Gesellschaft zu einem Drittel des Exportpreises im In1ande verkauft wurde. Schließlich gab es noch Mietkontrollen und Benzinhöchstpreise. Um diese letzten, deren Erhöhung mit fortschreitender Inflation am Widerstand der Taxi-Chauffeure in Lima gescheitert war, kam es zu einem schweren Konflikt, nachdem der inländische Hauptproduzent in Gestalt einer us-amerikanischen GeseHschaft sich geweigert hatte, weitere Investitionen für den steigenden Bedarf 'Vorzunehmen. Sie waren unrentabel geworden. ·Gleichz·eitig schrumpfte der bisherige Erdölexport so zusammen, daß der Augenblick eines Zufuhrbedarns vorauszusehen war, während im Lande es sich bei den herrschenden Preisen lohnte, das Benzin anderen Energiequellen vorzuziehen und darüber hinaus die ältesten und unzweckmäßig gewordenen Autos noch weiter zu betreiben 73. Erst nach überstehen eines Streiks der Taxi-iFahrer konnte die Regierung Beltran nach ilhrem Antritt im Sommer 1959 die Benzinpreise erhöhen. Die Mehrzahl dieser Regulierungen dürfte heute der Vergangenheit angehören. Nach den wirtschaftspolitischen Eingriffen ist jetzt der Blick den sozialpolitischen Maßnahmen zUZluwenden und der Frage, inwieweit sie sich als ein Hemmnis der wirtschaftlichen Entwicklung erwiesen ha:ben. Es ist eine bekannte Tatsache, daß viele nichtindustrialisierte Länder sich um einen möglichst modernen Ausbau ihrer Sozialpolitik bemüht haben. Das gilt auch ffÜr Peru. Die Ergebnisse dieser Bemühungen haben nicht recht befriedigt, wie aus der Krihk hervorgeht, die sie bei einer Reihe von inländischen und ausländischen Sachverständigen gefunden haben. Diese Beanstandungen schlugen sich 73 Vgl. dazu den Cepal-Bericht, S. 123/24. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
62 Erich Egner Allerdings hat diese Entwicklung im agrarischen Bereich die Voraussetzung, daß in steigendem Maße Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft in andere Beschäftigungen überführt werden. Dafür kommt in größerem Stile nur die Industrie in Betracht. Hier zeigt sich die enge Verflechtung der agrarischen mit der industriellen Entwicklung. Landwirtschaft und Industrie, m. a. W. die primäre und sekundäre Produktion, können nur in gegenseitiger Abstützung, indem der eine Wirtschaftssektor marktbildend für den anderen wird, eine wirtschaftliche Expansion hervorrufen. Wohl spielt daneben die in der "tertiären Produktion" der iDienstleistungen tätige Bevölkerung eine Rolle. iDoch muß zunächst mit deren Schrumpfung gerechnet werden, da sie in mancher Hinsicht unproduktiv aufgebläht war. Deshalb hängt die Kaufkraftsteigel'ung der breiten Volksteile neben der Landwirtschaft von der industriellen Bevölkerung ab. Deren Lage ist wiederum eine Funktion des Ausbaues der industriellen Produktion. Durch ein Industrieförderungsgesetz hat man in Peru neuerdings die industrielle Entwicklung zu stimulieren gesucht 84 • Dadurch werden Unternehmern für die Erzeugung von Waren, die auf eine Liste von "Produkten von fundamentaler Bedeutung" gesetzt wurden, beträchtliche finanzielle Vorteile eingeräumt, so durch ZoUbefreiungen bei dafür benötigten Importen, durch Steuernachlässe für einige Jahre, durch Abschreibungsvergünstigungen, durch Staatsbürgschaften für Maschinenanschaffungen, durch Kredite bei der staatlichen Industriebank. Schließlich sucht der Staat solchen Unternehmern auch bei der Grundstücksbeschaffung behilflich zu sein. Das Ganze mutet dem Staate erhebliche finanzielle Opfer zu. So nützlich die dadurch geschaffenen Anreize auch sein mögen, so muß doch vor ihrer überschätzung gewarnt werden. Man darf nicht vergessen, daß der Staat um dieser finanziellen Geschenke willen andere zusätzlich belasten muß. Es hat w.enig Sinn, ältere Unternehmungen verstärkt zu besteuern, um dadurch jungen Unternehmungen den Start zu ermöglichen. Desha~b kann es sich bei dieser Methode der Entwicklungspolitik immer nur um in beschränktem Umfange ergriffene Maßnahmen handeln. Sie bedeuten eine Hilfe sekundärer Natur, der gegenüber die primären Aufgaben des Staates nicht zu kurz kommen dürfen. Bei diesen primären Aufgaben geht es um die Schaffung eines günstigen Industrieklimas im Lande. Dies regt allein durch sein Vorhandensein die industrielle Unternehmungslust an. Dem dient alles, was eine Ris,ikominderung der Unternehmurug mit &ich bringt, voran die monetäre und rechtliche Sicherheit. Darüber hinaus schlägt sich hier nieder, inwieweit die gesamte Politik des Staates dem Unternehmer sein Fortkommen erleichtert oder erschwert. Eine spezielle Hilfe kann 84 Ley de Promocion Industrial vom 26. XI. 1959, Textabdruck: in der Zeitung "La Prensa", Lima, vom 1. Dezember 1959. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Wirtschaftliches Wachstum in Peru und seine Widerstände 63 der Staat ferner durch Marktaufklärung schaffen, indem er dem angehenden Unternehmer die Unterlagen bereitstellt, die ihm eine Kalkulation seiner Marktchancen in der Volkswirtsch·aft gestatten. Wichtig ist ferner die Staatshilfe bei der Beschaffung geeigneter Mitarbeiter, sei es der Spezialisten, sei es der Arbeitskräfte, wozu ein Arbeitsnachweiswesen erforderlich ist. Schließlich ist die Vermittlung günstiger Kredite nicht die geringste der staatlichen Entwicklungsaufgaben. Doch 'brauchen die so vermittelten Kredite keinen Subventionscharakter zu tragen. Es gi'bt, wie diese wenigen Andeutungen zeigen, mancherlei Ansätze für eine staatliche Entwicklungspolitik, aber es gibt keine Patentlösung für diese. Alle solchen Maßnahmen sind nur technische Hilfsmittel, die dazu beitmgen mögen, dem wirtschaftlichen Wachstum den Boden zu ebnen, die dies aber nicht zwangsläufig auslösen können. Letztlich geht es dabei um einen sich im Menschen vollziehenden Prozeß, um menschlichen Wandel und das Ergreifen der ihm durch die industrielle Gesellschaft gebotenen Möglichkeiten. Von dieser menschlichen Seite hängt das Gelingen der Entwicklungsbemühungen schließlich ab. Hier k{)mmt es darauf an, ob man den Mut hat, den Absprung in die egalitäre Gesellschaft des Industrialismus zu wagen. Das heißt im peruanischen Falle, daß man das große und bisher praktisch ungenutzte wirtschaftliche Potential, das in der indianischen Bevölkerung liegt, für die Gesamtheit erschließen muß. Mit der in diesen Menschen unentwickelt schlummernden Produktivkraft wurde in der Vergangenheit, wird noch heute eine große Verschwendung getrieben. Nicht in den Naturgaben, sondern in ihnen liegen die wirtschaftlichen Hauptchancen des Landes für die Zukunft. Um sie zu nutzen, kommt es aber darauf an, den Indianer in menschlicher und sozialer Hinsicht auf ein kulturelles Niveau zu heben. Geistiger Standard und qualitative Leistungsfähigkeit des arbeitenden Menschen sind im Großen und auf die Dauer gesehen zwei Seiten ein und derselben Medaille. Zum Schluß mag hier der oben zitierte Ausspruch Robert Del8!Vignette's noch einmal variiert werden: Die indianische Unterschicht wird das wirtschaftliche Wachstum vorantragen oder das wirtschaftliche Wachstum wird gar nicht in Peru vorangetragen werden. Entweder die Ober- und Mittelschicht werden sich mit der Unterschicht zu der Einheit einer Nation integrieren, dann wird dadurch das wirtschaftliche Wachstum angetrieben werden. Oder es werden wie bisher zwei Rassen, zwei Völker, zwei Klassen fremd nebeneinander herleihen, dann muß alle Anstrengung um die Förderung des wirtschaftlichen Wachstums vergebliche Mühe bleiben. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
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Tunesien, der Modellfall eines Entwicklungslandes Von Ministerialrat G. Seiler, Düsseldorf Zu Beginn des Jahres 1957 hatte die tunesische iRegierung um die Entsendung von Sachverständigen gebeten, um nach Gewinnung der politischen Unabhängigkeit nunmehr auch in den mehr und mehr in den Vordergrund tretenden Wirschafts- und Finanzfragen nach einer Bestandsaufnahme Vorschlä~ für eine nationale tunesische Wirtschafts- und Finanzpolitik zu erhalten. Im MitteLpunkt einer derartigen Untersuchung sollte daher damals die Frarge stehen, wie sich Tunesien ohne Gefährdung seiner g€rade gewonnenen politischen Unabhängigkeit aus den mannigfachen Verflechtungen seiner Wirtschaft mit der früheren Prote'ktoratsmacht Frankreich lösen könne, um durch eine wirtschaftspolitische Neuorientierung eine Stärkung der einheimischen Wirtschaft und eine Hebung des LebensstandaDds seiner Bevö1kerung zu erzielen. Das seinerzeit erstattete Gutachten beschränkte sich also bei einer Analyse der tunesischen Wirtschaft auf Bereiche und Vorgänge, die für die erbetenen überlegungen von besonderer Wirksamkeit waren. Es beanspruchte dagegen nicht, einen vollständigen überblick über die tunesische Wirtschaft und ihre Probleme zu geben. Wesentlich war vielmehr, bestimmte typische Erscheinungen und strukturelle Begebenheiten so weit darzustellen, als sich daraus die Sonderheiten der zum 'Franc-Block und zur französischen Zollunion gehörenden tunesischen Wirtschaft im Zusammenhang mit ihren besonderen historischen und geographischen Gegebenheiten erklärten. Hieraus wieder zog das Gutachten bestimmte Folgerungen, die es a}s Leitsätze und konkrete Vorschläge der tunesischen Regierung zur Berücksichtigung bei der Gewinnung einer eigenständigen tunesischen Wirtschaftspoli tik empfahl. Nach diesem Hinweis erscheint es daher auch zulässig, die im Jahre 1957 verwerteten statistischen Angaben, die zudem noch auf früheren Jahren basieren, für die Darstellung der Wirtschaftsstruktur unkorrigiert zu lassen. Nur, wenn seitdem sich wirklich entscheidende Veränderungen gezeigt haben, die von einer Neuorientierung der wirtsc4aftspolitischen Linie zeugen, sollen sie natürlich in voller Klarheit wiedergegeben werden. 5 Schriften d. Vereins f. Soclalpol1t!k 21 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
66 G. Seiler Nach Erstattung des Gutachtens sind inzwischen drei Jahre verflossen, und es muß von besonderem Interesse sein, heute festzustellen, ob und in welchem Umfange damals gezogene Schlüsse durch die eingeschlagene tunesische Wirtschaftspolitik bestätigt wurden. Um das Ergebnis vorwegzunehmen, Tunesien ist ein Beispiel dafür, daß die Wirtschaftshilfe für Entwicklungsländer sich weder in reiner Kapitalhilfe erschöpfen darf, ohne daß zuvor mit dem Entwicklungsland die für seine Bevölkerung sinnvollsten Wege der Wirtschaftspolitik untersucht worden sind, noch, daß umgekehrt über eine akademische Beratung hinaus nicht nunmehr auch die materiellen Hilfestellungen, die sich als erforderlich gezeigt haben, gewährt werden. Die bisherigen Ansätze einer eigenständigen tunesischen Wirtschaftspolitik und die Anstrengungen, die von diesem Land gemacht werden, lassen hoffen, daß hier der Schritt in die Zukunft gelingt. Die Prüfung, wie es für Tunesien möglich sei, nach der nationalen Befreiung des Landes auch wirtschaftlich größere Entfaltungsmöglichkeit zu gewinnen, hemmende bestehende Wirtschaftsverflechtungen zu lösen und vor allem zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen, erfordert zunächst, die für den tun es ischen Wirtschaftsraum charakteristischen, strukturellen Tatbestände und wahrscheinlichen Entwicklungslinien darzustellen. Aus ihrer Wertung ist dann die Erkenntnis zu gewinnen, in welchen Punkten dieses Wirtschaftsgeschehen beeinftußbar und auf das gewünschte Ziel lenkbar erscheint. D1e tunes.ische Wirtschaft reigt, als wohl für den gesamten Maghreb*- Raum charakteristisch, in den letzten statistisch erfaßten Jahren ein nicht zu übersehendes Zurückbleiben der wirtschaftlichen Entwicklung gegenüber den wachsenden Bedürfnissen einer ungewöhnlich stark zunehmenden Bevölkerung. Dieser entschei,dende Ausgangspunkt der Untersuchung stellt sich in folgenden markanten Zahlen dar: Bevölkerungsstruktur Auf einer Fläche von rund 125 000 km 2 zeigt die Bevölkerung von jetzt etwa 3,8 Mio in den letzten 25 Jahren eine Zunahme um etwa zwei Drittel, während in der gleichen Zeit der Produktionszuwachs unter einem Viertel lag. Bei einem Geburtenüberschuß von rund 70 000 .im Jahr (Geburtenziffer 41 pro 1000, England 16, Frankreich 20) ist die Bevölkerung in ihrem Aufbau relativ jung, mehr als die Hälfte ist jünger als 20 Jahre. Diese wachsende Bevölkerung hat den Drang, in die Städte und den fruchtbaren Küstenstreifen des Landes abzuwandern, weil dort am ehesten Arbeitsmöglichkeiten gegeben sind. * Unter Maghreb-Raum versteht man die Nordafrikanischen Küstenländer Marokko, Algerien und Tunesien. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Tunesien, der Modellfall eines Entwicklungslandes 67 37 '0/ 0 der Einwohner leben in Städten VOn mehr als 1000 Einwohnern; im Süden ist die Bevölkerungsdichte je km 2 etwa 5, in der Bannmeile von Tunis etwa 160. Rund zwei Drittel der Gesamtbevölkerung leben in dem Küstenstreifen von Bizerta bis Sfax bei einer durchschnittldchen Bevölkerungsdichte von 100 bis 150 pro km 2• Stand der Beschäftigung Das Bild wäre nicht vollständig, wenn man sich nicht weiter vergegenwärtigt, daß von diesen rund 3,8 Mio Einwohnern nur etwa knapp 900000 produktiv sind, d. h. einen ständigen Arbeitsplatz haben; mit anderen Worten, jeder Beschäftigte hat außer sich selbst mehr als 3 Personen (Frauen, Kinder, Arbeitslose), volkswirtschaftlich gesehen, zu erhalten. Dabei müssen außer den etwa 80 000, die in den Städten als Arbeitslose (beschäftigungslose Arbeitnehmer) registriert sind, weitere 250000 im Sinne einer modernen Volkswirtschaft als unproduktiv angesehen werden, so daß man tatsächlich von dem Vorhandensein von 330 000 Arbeitslosen - oder nahezu Arbeitslosen - ausgehen muß. Man kann aber auch die Auffassung hören, daß die Zahl dieser sogenannten Unterbeschäftigen sogar noch weit höher liegt. Die Verbindung zwischen diesem Bevölkerungsbild und der wirtschaftlichen Struktur Tunesiens wird bereits durch eine Analyse der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nach Beschäftigungsarten herbeigeführt. Dabei zeigt sich auf den ersten Blick die ganz überwiegende Bedeutung der Landwirtschaft als Reservoir für eine Bereitstellung von Arbeitsplätzen. Von der GesamtJbeschäftigtenzahl entfallen etwa 80 '0/ 0 auf Tätigkeiiten in der Landwirtschaft. Daß demgegenüber der Beitrag der Landwirtschaft als Teilgebiet der Volkswirtschaft zum Brutto-SoziaLprodukt Tunesiens nur etwa 40 '0/ 0 beträgt, erklärt sich aus der auch anderwärts bekannten geringeren volkswirtschaftlichen Wirksamkeit landwirtschaftlicher Betätigung; mit anderen Worten, rein landwirtschaftliche Länder werden fast Jmmer einen geringeren Lebensstandard haben als Industrieländer. Das zeigt auf einen Blick auch die Lohnsumme in der Landwirtschaft, die nur etwa 4 Millionen Dinar* bei einer GesamtlohIliSumme von 30 Millionen Dinar im Lande beträgt. Auch Leistungen aus der Familienkasse sind für die Landwirtschaft erst in Vorbereitung. Von den restlichen 60 Ofo der inländischen Brutto-Produktion entfallen je rund 30 Ofo auf Industrie und Handwerk einerseits sowie auf den Handel andererseits. Die Zahl der Arbeitsplätze ist dagegen auf diesen Wirtschaftsgebieten verhältnismäßig gering. * l' Dmar = 10 DM. 5· OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
68 G. Seiler Das Problem, das sich vom Standpunkt des Arbeitsmarktes hier aufwirft, liegt also darin, daß selbst bei einer verstärkten Industrialisierung die Gewinnung zusätzlicher Ar.beitsplätze immer nur begrenzt sein wi.rd, weil die Voraussetzungen für den arbeitsintensiven Großbetrieb mit mehreren 1000 Arbeitsplätzen westeuropäischen Ausmaßes wirtschaftsstrukturell (Mangel an Wasser, Mangel an Energie) z. Zt. jedemf,aHs noch nicht gegeben zu sein scheinen. A:uch für eine aJbsehbare Zukunft wird Tunesien also sein Augenmerk dem weiteren Ausbau und Aufbau der Landwirtschaft mit Nachdruck widmen müssen. Zwar werden auch einer Mechanisierung der Landwirtschaft insoweit zunächst Grenzen gesetzt sein, als sie zu einem Verlust an Arbeitsp1ätzen führen würde. AlleI'dings scheint diese Grenze noch in weiter Ferne zu liegen, solange noch der Großteil des Bodens - allein im Getreideanbau von 600 000 ha rund 500 000 ha -nach traditionellen Methoden ohne moderne Ackergeräte bewirtschaftet wird. Wirtschaftsstruktur D1e starke Klimaabhängigkeit der Landwirtschaft macht es schwierig, sie mit einem festen Anteil in der volkswirtschaftlichen Rechnung erncheinen zu lassen. Immerhin gibt es Durchschnittswerte für die letzten Jahre, die klar zeigen, daß die für eine volkswirtschaftliche Wertung entscheidende Produktion auf Getreide, Oliven, Zitrusfrüchte, Datteln und Wein entfällt. Der GetreideaIlibau befindet sich zu zwei Dritteln in der Hand von Europäern, der Olivenbau dagegen zu 80 % im Besitz von Tunesiern. Der Getreideanbau hat noch in den letzten Jahren an Ausdehnung zugenommen. Bei Getreide, Wein und Datteln und Zitrusfrüchten geht die Ausfuhr ausschließlich nach Frankreich, und 'zwar zu Preisen, die über den Weltmarktpreisen liegen. Zur Stützung des Preises, wie auch um eine Reserve ,anzulegen, hat die Regierung damit begonnen, die Olivenernte zum Teil auf!Zukaufen und einzulagern. Die wachsende Bedeutung des Alfa-Grases auf einer Fläche von rd. 1,5 Millionen ha wird im wesentlichen davon abhängen, in welchem Umfange es gelingt, den Rohstoff bereits im Lande zu Rohzellulose zu verarbeiten. Eine Fabrik mit amerikanischer Ausrustnmg und einer jährlichen Produktion von, 25 000 to Papiermasse soll 1961 die Verarbeitung der Halfagräser aufnehmen. Die tunesische Regierung hat richtig erkannt, daß eine Ausweitung der Landwirtschaft Ülberwiegend von der Schaffung neuer und zusätzlicher Bewässerungsmöglichkeiten abhängt. Denn erst die Bewässerung erlaubt den übergang zur arbeitsintensiven Boderubestellung vor all,ern mit Gemüse. Das Medjerda-Projekt* sollte daher mit allen * Es handelt sich dabei um die Regulierung und Aufstauung des MeICljerda-Flusses für Zwecke der Bewässerung. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Tunesien, der Modellfall eines Entwicklungslandes 69 zur Verfügung stehenden Mitteln vorwärtsgetrieben werden, und so lange bier nicht abschließende Ergebnisse vorliegen, besteht für die Inangriffnahme weiterer Vorhaben großen Ausmaßes - etwa für die Mitte oder den Süden des Landes -die Gefahr der Verzettelung von Mitteln und Kräften. Das schließt natürlich nicht aus, örtliche .Aufgaben, für die besonders günstige Voraussetzungen vorliegen, auch an anderen Stellen des Landes zu übernehmen. Vor allem aber würde in der Umgestaltung der Bestellungsmethoden in der Landwirtschaft vom traditionellen auf einen modernen Ackenbau eine ganz wesentliche Produktionssteigerung denkbar sein. Weiter zeigen Erfahrungen im gesamten Mittelmeerraum, daß eine Aufforstung der verkarsteten Flächen ohne eine einschneidende Einschränkung der Ziegenhaltung nicht möglich ist. Die Fortschritte der Aufforstung sind bei einer Fläche von rd. 990 000 ha bisher noch nicht befriedigend. Neben der Bewässerung ist der Wald wegen der Wasserhaltung unersetzbar. Zudem besteht hier die Möglichkeit, die Aufforstungsa:r.beiten weitgehend durch Kräfte durchführen zu lassen, die z. Zt. ,aribeitslos sind; sie ließen sich also als Notstandsarbeiten gleichzeitig für eine Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ausnutzen. Im Zusammenhang mit diesen Fragen der Aufforstung sollte auch geprüft und durch praktische Versuche kontrolliert werden, wieweit nicht der Ausfall bei einer eingeschränkten Ziegenhaltung im Norden und im Küstenstreifen durch Aufzucht von Rindern aus südafrikanischen oder südamerikanischen Steppengebieten in den versteppten Landstrichen der Mitte des Landes aufgefangen oder sogar weit überwogen werden kann. Hierbei handelt es sich allerdings um Rassen, die nicht in erster Linie als Milchproduzenten in Frage kommen, sondern deren volkswirtschaftlicher Wert fast ausschließlich auf dem Anfall von Fleisch und Häuten beruht. Die ungenügende Ausnutzung der Kapamtäten in der Fischerei ist auffallend. iDie rund 20 bestehenden Fabriken für F~schkonserven sind wegen mangelnder Anlieferung zum Teil nicht ausgenutzt. Die Produktion geht mit einem Wert von rund 760000 Dinar fast ausschLießlich nach Frankreich. Wie für die Landwirtschaft trifft es sicherlich auch für den industriellen Sektor der tunesischen Wirtsch,aft zu, daß hier Möglichkeiten für eine Steigerung der Produktion erschlossen werden können. Aber diese Möglichkeiten sind nicht unbegrenzt und zudem, weil es sich weitgehend um für die Ausfuhr bestimmte Rohstoffe handelt, von der Entwicklung der Weltmarktpreise abhängig. Es zeigt sich hier also dn ähnlicher Weise eine Unstabilität der tunesischen Wirtschaft wie bei der Landwirtschaft in folge der KlimaaJbhängigkeit. Sie ;beruht dm industriellen Sektor auf dem hohen Anteil gerade des Bergbaues mit OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
70 G. Seiler über 30 Ofo der Ausfuhr bei einem Anteil von etwa 8 Ofo des Nationaleinkommens gleich rund 11 bis 12 Millionen Dinar. Nun sind an in Tunesien produzierten Mineralien Eisener.ze zwar auf dem Weltmarkt gesucht, zumal wenn sie die Qualität der hier geförderten Haematite haben, Phosphate der hiesigen Qualitäten aber nur schwer absetzbar, so daß es sogar zweifelhaft ist, ob die Ausfuhr in bisheriger Höhe von etwa 5,6 Millionen Dinar aufrechterhalten werden kann. Im Augenblick ist die Energieversorgung des Landes bei starker Verlagerung von Kohle auf Erdöl zwar ausreichend und auch für einen !Zusätzlichen Bedarf bei anlaufender Industrialisierung durch vorausschauende Planung und Anlage von Wasserkraftwerken gerüstet, aber doch eben weitgehend einfuhrabhängig. Zudem sind die Preise für elektrische Energie ungewöhnlich hoch und infolgedessen für die Schaffung von energieahhängiger Industrie hemmend. Neben der Ausweitung der Kapazitäten bei Phosphaten, Eisen und Blei und gegebenenfalls Anreicherung der Mineralien in der ersten Verarbeitungsstufe im Lande müßte die Tendenz dahin gehen, vor allem auf breiter Ebene Klein- bis Mittelindustrie zur Deckung des verschiedenartigsten Konsumbedarfs entstehen zu lassen, während für Textilien und Leder bei entsprechender Verbreiterung des Rohstoffanfalls (Steigerung der Schaf- und Rinderzucht) wahrscheinlich gute Voraussetzungen für sogar größere Betriebe gegeben sein könnten. Die schon erwähnten unausgenutzten Kapazitäten bei der Konserven- und auch der Mühlenindustrie zeigen allerdings, daß hier noch weitergehende Zusammenhänge vor allem mit den bestehenden Außenhandelsbeziehungen vorliegen, die eine an sich gegebene Entwicklungsmöglichkeit nicht zum ZU\ge kommen lassen. Rein strukturell sind die erwähnten industriellen Möglichkeiten jedenfalls gegeben. Der koloniale Aspekt der tunesischen Wirtschaft Die iDarstellung würde aber nun der wirklichen Sachlage nicht gerecht werden, wenn eine charakteristische Seite des Wirtschaftsbildes von Tunesien unerwähnt bliebe: Das ist die uilibestreitbare Tatsache, daß auf eine noch zum Teil in mittelalterlichen Vorstellungen lebende und nach vor kapitalistischen Regeln ablaufende Wirtschaft eine moderne kapitalistische Wirtschaft während der Protektoratszeit aufgelagert wurde, ohne daß diese beiden Wirtschaftsformen eine annähernd harmonische Einheit eingegangen wären. Vor allem Landwirtschaft und Handwerk werden überwiegend nach solchen vorkapitalistischen Methoden betrieben, während Industrie und Handel fast ausschließlich in der Hand von Europäern mit der modernen Kapitalwirtschaft naturgemäß auch die wirtschaftliche überlegenheit, die mit der Beherrschung von Bank- und Versicherungswesen, Schiff- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Tunesien, der Modellfall eines Entwicklungslandes 71 fahrt und großen Kapitalgesellschaften verbunden ist, bei dem nichttunesischen Bevölkerungsteil konzentrierte. Das eindeutige Bild dieser Sammlung aller wirtschaftlichen Kraft in der Hand von Europäern zeigt die Landwirtschaft, wo schon 1937 di'e besten Böden mit rund 1,7 Mio ha zu 95 Ofo im französischen Besitz waren. Allein 23 Ufo dieses Landes waren dabei aber in der Hand von nur vier großen Gesellschaften, die z. T. ilirerseits noch Bergbauinteressen vertreten. Es läßt sich dabei nicht bestreiten, daß die landwirtschaftliche Nutzung in der Vergangenheit wenig Vorsorge für die Erhaltung der Bodenkraft, wie Schutzmaßnahmen gegen Bodenerosionen, ausreichende Düngung zur Regeneration usw. hat erkenen lassen. Eine Folge dieser Ballung aller wirtschaftlichen Kraft .in der Hand von Europäern war natürlich die Entstehung einer Kaufkraft bei diesen, die weit über der der tunesischen Bevölkerung liegt und dn Verbindung mit der Zugehörigkeit des Landes zur franc-Zone zu einem Einpendeln der Preise auf etwa dem durchschnittlichen Preisniveau IFrankreichs geführt hat. So erklären sich die ungewöhnlich hohen Preise von Grund und Boden in den Städten und die für die tunesische Bevölkerung kaum bezah1baren Mieten in Mietwohnungen modernen europäischen Zuschnitts. Verhältnismäßig unberührt ist von dieser Entwicklung noch das Lohnniveau geblieben, wenn auch europäische Spitzenkräfte mit Löhnen von europäischer Höhe abgefunden werden. Das wird auch fiür die Zukunft unvermeidbar sein, will man solche Kräfte für den Aufbau des Landes gewinnen. Im allgemeinen aber liegt der Stand der Löhne weit unter dem europäischen Durchschnitt. So erhält z. B. der ungelernte Al"Ibeiter allgemein nur einen Lohn von 70 bis 80 Millimes = 0,70 bis 0,80 DM je Stunde. Es wird aber notwendig sein, dieses Lohnniveau vorläufig im wesentlichen unverändert zu lassen, wenn Tunesien nicht seine gegenwärtige Aussicht, für ausländische Investionen billige Aflbeitskräfte an Ort und Stelle zur Verfügung zu haben, verlieren will. Zu diesem Punkt wird bei der Erörterung einer Assoziation an den Gemeinsamen Markt noch besonders Stellung zu nehmen sein. So wenig nun die !Zivilisatorischen Erfolge der Protektoratszeit, wie die technische Erschließung des Landes und die erstaunlichen sanitären Verbesserungen, übersehen werden dürfen, kann ein objektiver Beobachter aber auch nicht an diesem dargestellten kolonialen Aspekt des tunesischen Wirtschaftsbildes vorbeigehen. Als Ergebnis ist festzuhalten, daß die ins Land gebrachte kapitalistische Wirtschaftsmethode zwar zweifelsohne zu großen absoluten Erfolgen in ihrem eigenen Wirkungsbereich geführt hat, und daß diese Ergebnisse wirtschaftlicher Erschließung, wie Straßen, Eisenbahnen, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
78 G. Seiler 1. Sehr große Abhängigkeit Tunesiens vom Außenhandel. Das Nationalein!kommen Tunesiens (Netto-Sozialprodukt zu Faktorkosten) beträtgt 1957 etwa 165 Mio Dinar, seine Einf.U'hr reichlich 60 Mio Dinlar, das sind naihezu ZlWei Fünftel des Nationaleinkommens. Dieser Anteil ist mehr als doppelt so hoch wie in Frankreich oder in Deutschland und vielen anderen Ländern. Indessen ist zu berücksichtigen, daß, je großer ein Land -gemessen an Einwohnerzahl und Wirtschaftskr.aft, -desto geringer im aUgemeinen der Anteil des Außenhandels am Volkseinkommen ist. Dementsprechend wird bei kleineren und' wirtschaftlich schwächeren Ländern dieser Anteil in aller Regel veI'ihältnismäßig groß. Ein hoher Anteil des Außenhandels am gesamten wirtschaftlichen Geschehen ist daher für Tunesien als natürlich anzusehen und wird ohne schädliche Einschränkungen in absehbarer Zukunft nicht zu 'beheben sein. Doch sollte es wohl möglich sein, durch ,geeignete Maßnahmen zu erreichen, daß künftig das Volkseinkommen stärker steigt als d~eEinfuhr, so daß innerhalb einer nicht allzu langen Zeit ein Zustand erreichbar sein dürfte, bei dem der Anteil der Einfuhr am Volkseinkommen einen Satz von etwa 30 Ofo nicht übersteigt. 2. Sehr starker Fehlbetrag der Außenhandelsbilanz. In den letzten Jahren bis 1957 hielt sich die Einfuhr in der eben erwähnten Größenordnung von 60 Mio Dinar, die Ausfuhr aber nur in einer solchen von 40 Mio Dinar mit der Fo~ge einer großen Albihängigk,eit des Landes VQIl1 Ausland. Es ist das Bestreben jedes Landes, auf die Dauer ein annäherndes Gleichgewicht zwischen Einfuhr und Ausfuhr in seiner HandelsbiLanz herzustellen, il1iSbesondere wenn nicht andere verhältnismäßig stabile Elemente der Zahlungsbilanz (Erträgnisse von Auslandsanlagen, aus Versicherungsverhältnissen, aus dem Fremdenverkehr usw.) tendenziell den FehLbetrag der Handelsbilanz ausgleichen. In Tunesien dagegen wird die Lücke in der Zahlungsbilanz, die sich aus dem Einfuhrüberschuß er,gibt, seit geraumer Zeit nur durch öffentliche und private Kredite des Auslandes, d. h. vorwiegend rFrankreichs und neuerdings der USA geschlossen. Es muß alleldings berücksichtigt werden, daß, Länder, die sich in der Entwicklung befinden, regelmäßig auf Auslandshilfe angewiesen sind und damit für eine mehr oder minder lange Anlaufzeit einen beträchtlichen EinfuhrtÜberschuß in Kauf nehmen müssen, es sei denn, sie entschlössen sich zu einer harten Austerity-Politik. In diesem Falle müßten sie aber ihrer Bevöllkerung so große Opfer in Bezug auf den Verbrauch zumuten, daß, praktisch alle Investitionen, die die Entwicklung der wirtschaftlichen Kräfte des Landes erfordert, von der Bevölkerung unverzüglich bezahlt werden, d. h. bevor sich die Vorteile der Investitionen auswirken könnten. Es müßte also eine Beschränkung der OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Tunesien, der Modell(all eines Entwicklungslandes 79 Einfuhr von VeI'lbrauchsgütern erfolgen und eine übersteigerung der Ausf'uhr auch solcher Güter, deren Verbrauch im Lande selbst erwünscht wäre. Solche Opfer von einem Volke zu verlangen, wäre schon schwierig, wenn es sich eines verhältnismäßig hohen LebensstandaIds erfreute. Einem Volk, das wie das tunesische verhältnismäß1g arm ist - vgl. die Ausführungen auf S. 71 ff. -, wird eine solche Einschränkung kaum zugemutet werden können. Das Volk wird umgekehrt nicht ohne Recht von seiner Regierung eine baLdige Hebung seines Lebensstandards erwarten. Es muß daher als unvermeidbar -angesehen werden, daß auf längere Zeit hinaus Tunesien einen starken Ütberschuß der Einfuhr über die Ausfuhr haben wird, wenn es weder auf weitere Investitionen verzichten noch seiner Bevölkerung unzumutbare Einschränkungen des privaten VeI'lbrauchs auferlegen will. Es müßte aber möglich sein und sollte daher angestrebt werden, binnen einer nicht zu langen Reihe von Jahren den Fehlbetrag der Handelsbilanz wenn nicht absolut, so doch relativ fühlbar zu senken, etwa derart, daß die Einfuhr die Ausfuhr nicht mehr wie z. Zt. um die Hälfte, sondern nur noch um etwa 1/ 4 oder 1/ 5 übersteigt. 3. Ungünstiges Wertverhältnis zwischen Einfuhr- und Ausfuhrgütern. Aus den vorHegenden Unterlagen ergibt sich, daß Einfuhr und Ausfuhr Tunesiens nicht nur in ihren Gesamtwerten star,k voneinander aJbweichen, sondern auch ihrer Struktur nach wertmäßilg sehr verschieden sind. W,ährend die Einfuhr weitgehend aus industriellen Produkten von verhältnismäßig hohem Wert je Gewichtseinheit besteht, setzt sich die Ausfuhr überwiegend aus Rohprodukten und nicht bearbeiteten landwirtschaftlichen Erzeugnissen zusammen. Dabei ist der Außenhanrlelsanteil der Primärprodukte von LandwirtschJaft und BeI'lgbau, die ihrerseits 2/ 3 der Gesamtproduktion umfassen, höher als 70 Ofo. Die Einfuhr hat zUJdem je Gewichtseinheit weniger als 1/ 6 des Wertes der Ausfuhr. Bis zu einem gewi:ssen Grade ist dies in einem noch der Entwicklung bedürftigen Lande von vorwiegend agrarischem Charakter natürlich und auch auf längere Zeit nicht zu ändern. Insbesondere der durchschnittliche Wert der Einfuhr wird sich nur verändern lassen, wenn man sich ZlU einer Politik der Austerity entschließen, also IlU Importrestriktionen für alle Waren, die nach dem Lebensstandard der tunesischen Bevölkerung nicht unbedingt lebensnotlW-endig erscheinen, greifen sollte. Der Anteil der Einfuhr an Lebens- und Genußmitteln bewegt sich allein in einer Größ.enordnung von mehr als 14 Mio Dinar. Hier wird sich das Bild der HiandelsbilaIliZ fraglos verändern lassen, wenn der Aufbau einer eigenen Industrie für die Verarbeitung von Produkten der Landwirtschaft vorangetrieben wi:r:d. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
80 G. Seiler Denn es kann in diesem Zusammenhang keinem Zweifel unterliegen, daß bei der verhältnismäßig schwachen Struktur der tunesischen Wirtschaft ohne Hilfsquellen von erheblichem Gewicht das Vorhanldensein von über 200 000 Europäern mit ihrer ganz anders ausgerichteten Kaufkraft auch zu Einfuhren geführt hat, die den Bedürfnissen der großen Mehrheit der Bevölkerung nicht angemessen waren. Es wil1d daher Auf,gabe der tunesischen Regiel1ung sein, ihr stärkstes Augenmerk darauf zu lenken, zur Verfügung gestellte Auslandshilfe in ernter Linie zur Schaffung produktiver Kapazitäten im Lande ~u verwenden und die Bevölkerung systematisch in einer übernahme von Tätigkeiten in der indw;triellen Produktion zu unterweisen. So wül1de die Einrichtung eigener Textil- und Lederfertigungsindustrien zu einer weiteren fühlbaren Entlastung dieses Postens der Handelsbilanz aluf der Einfuhrseite führen, ja wahrscheinlich sogar die Möglichkeit der Ausfuhr auf diesen Gebieten zur Folge haben. Denn es sollte wohl möglich sein, durch stärkere Verlagerung der Ausfuhr a:uf be- oder verarbeitete Erzeugnisse - unter Umständen durch Errichtung einer Veredelungsindustrie -, das iMißverhältnis zwischen Ein- und Ausfuhrwerten im Laufe einer nicht zu langen Frist so zu ändern, daß der Wert der to-Ausfuhr nicht weniger als 1/ 4 (statt bisher 1/ 6) der tü-lEinfuhr beträgt. Dies wäre ein Verhältnis, wie es auch in anderen vorwiegend agrarischen Ländern ohne allzu dirigistische Methoden erreichbar gewesen ist. 4. Große Einseitigkeit des Außenhandels in bezug auf seine Richtung. Vom gesamten Außenhandel geht und kommt ein überaus großer Teil in die und aus der Franc-Zone; 2/ 3 der Ausfuhr wird dorthin geliefert. Bei der Einfuhr ist der Anteil dieser Zone noch größer; er beträgt dort rund 4/ 5• Es ist klar, daß eine solche Konzentration des Außenhandels auf einen begrenzten Raum für die Dauer mit gewissen Nachteilen wirtschaftlicher Art verbunden sein wird. Daß sich auch auf anderen als auf wirtschaftlichen Gebieten hieraus Folgerungen er,geben können, liegt auf der Hand. Wie in einer vom Secretadat d'Etat a l'Information im März 1957 herausgegebenen Darstellung der tunesischen Wirtschaft hervorgehoben wird, ist die bemerkenswert eIlIge Verflechtung der tunesischen und der französischen Volkswirtschaft nur zum Teil rein wirtsch'aftlich bedingt und somit für die Dauer anzustreben. Ein erheblicher Teil dieser Verflechtung ist überwiegend durch die geschichtliche Entwicklung bedingt. Insoweit ist fo;1gendes xu bemerken: Den Hauptgrund für die bestehende Einseitigkeit des tunesischen Außenhandels stellt offenbar die seit langem bestehende Zollunion z,wischen Tunesien und 'Frankreich dar. Diese Union, die zweifellos OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Tunesien, der Modellfall eines Entwicklungslandes 81 wesentliche Vorteile für die Entwicklung des Landes in der Vergangenheit hatte, lenkte alber ebenso sicher die Warenströme von den Richtungen ab, die sie ohne eine solche zollmäßige Begünstigung halben würden. Waren dritter Länder können in Tunesien nur in Ausnahmefällen wettbewerbsfähig gegenüber französischen Waren sein, da sie diesen gegenüber eine erhebliche zusätzliche Zollbelastung zu tragen haben. Auch die Ausfuhr Tunesiens wird nahezu zwangsläufig in die Richtung der Franc-Zone gedrängt, wo allein sie zollmäßige Vorteile IgenIeßt, die ihr anderwärts versagt ble~ben. Diese Einseitigkeit des tunesischen Außenhandels, wobei sich bemerkenswerterweise der Warenaustausch fast ausschließlich mvischen der französischen Metropole und Tunesien, nicht aber mit den in die Zollunion eingeschlossenen französischen Ülberseegebieten volLzieht - weil es sich offenbar gleichfalls um wenig entwickelte Länder mit dem gleichen Impor1lberlarf und ähnlichem Ausfuhrangebot handelt - findet nun iihren eindrucksvollsten Niederschlag in der Zahlungsbilanz. Zahlungsbilanz Dabei ist die Zahlungsbilanz ganz überwiegend durch die Ergebnisse von Import und EXJPort bestimmt, während die Dienstleistungsbewegungen, wie schon dargestellt, von geringerer Bedeutung sind. Nach den Unterlagen des Fina11lZIIlinisteriums ·betrug dieses Defizit bei den Dienstleistungen (Tourismus, Frachten, Reisen) im Jahre 1956 rd. 4,3 Mio Dinar. IFür das Jahr 1955 ergaben sich nach dem statistischen Jahl'lbuch, Ausgabe 1956, folgende Zahlungsvorgänge aus der Handelsbilanz: 1. Franc-Zone: 28,5 Mio Dinar (im Mittel der letzten 5 Jahre etwa 26 iMio Dinar) 2. Dollar-Raum: 3. Sterling-Raum: 0,9 Mio Dinar + 2,6 Mio Dinar 4. Sonstiger EZlU-Raum: + 5. Andere Länder: + 0,4 Mio Dinar 0,1 Mio Dinar. Insgesamt ergibt sich daraus ein Zahlungsdefizit von rd. 26 Mio Dinar. Für 1956 betrug dieses Defizit sogar vd. 28 Mio Dinar. Alle weiteren überlegungen brauchen sich aber nur auf das Defizit mit der Franc- Zone zu beschränken, da die Zahlungsvorgänge mit anderen Währungsg'ebieten mindestens bis zum Augenblick der AufkiinJdigung der Zollunion ihrem Umfang nach unbedeutend waren. Tendenziell ist hier bemerkenswert, daß Tunesien wahrscheinlich bei einer gewissen Einschränkung seines Handels mit Frankreich und 6 Schriften d. Vereins f. Socialpolitlk 21 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
82 G. Seiler Verlagerung auf andere Länder und Währungsgebiete sein absolutes Defizit in der Zahlungsbilanz verringern könnte. Es fragt sich nur, ob andere Länder in ähnlicher Weise die Lücke in der Zahlungsbilanz durch Bereitstellung von Krediten zu schließen bereit sind. Denn defizitär dürfte die Zahlungsbilanz mindestens für die nächsten J.ahre in jedem Falle bleilben. Dieses Bild der Zahlungsbilanz wurde bisher nur durch die französischen Ausgaben überdeckt, die 1956 mit etwa 14,5 iMia ffrs als Investitionshilfe und mit rd. 47 Mia ffrs für Militär- und Zivilausgaben ins Land flossen. Denn hier darf nicht ve'rgessen werden, daß sich eine fremde Stationierungstruppe von dem wirtschaftlichen Blickpunkt der Zahlungsbilanz aus als wertvoller Devisenspender darstellt. Auch im Fall Tunesien, hier natürlich im gleichen WährungSigebiet, wirkte sich die Klaufkr,aft der französisch,en Truppe dahin aus, daß sich die Zahlungsbilanz mit Frankreich um etwa 36,5 Mio Dinar besser darstellte, als wenn diese Franc-Beträg.e auf diesem Wege nicht ins Land g,ebracht worden wären. Ähnliches gilt für die ZiviJ..a.usg,atben in HCfue von rd. 6,5 Mio Dinar und die Rentenzahlung,en an die Anciens Com.battants mit einem Betrage von etwa 4 Mio Dinar. Dieses seit Jahren verhältnismäßig gleichbleibende Bild von Handels- und Zahlungsbi1anz kennzeichnet Tunesien als das typische Anleilieland, wobei bisher der negativen Leistungsbilanz (Handel- und Dienstleistungen) eine positive Kapitalbilanz auf Grund der französischen Hilfsleistungen und Investitionen gegenüberstand. Nachdem sich in den letzten Jahren dieses Bild schon insoweit änderte, als erhebliche Kapita1beträge von den Guthaben auf den Sparkassen und Banken abflossen, also auch die Kapitalbilanz die Tendenz zeigte, negativ zu werden, mußte nach Einstellung der französischen Hilfsleistungen das Problem des Ausgleichs fraglos brennend werden. Nach einer Darstellung des Finanzministeriums zeigte die Zahlungsbilanz für 1956 in ihren großen Zügen etwa folgendes Bild: Von einem im Bankkonten- und Postverkehr nachweisbaren Zahlungsdefizit von rd. 62 Mio Dinar sind etwa 44 Mio Dinar auf Grund des bisherigen Wirtschaftsauflaufs normal und unvermeidlich. Der Rest von rd. 18 Mio Dinar stellt sich dagegen als Kapitalauswanderung innerhalb der Franc-Zone im Zusammenhang mit einem langsamen Rückgang der französischen BevöLkerung dar. Von den 44 Mio Dinar sind wieder der Hauptanteil, nämlich 28 Mio Dinar auf das Defizit der Handelsbilanz und rd. 4,3 Mio Dinar auf das Defizit der Leistungsbilanrz zurückzuführen. Im übrigen handelt es sich um verschiedene Posten, wie vor allem die Überweisung von Gewinnen, Löhnen usw. sowie um Gold- und Devisenankäufe im Ausland. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Tunesien, der Modellfall eines Entwicklungslandes 83 Dieses ZahlungsdefiZlit von rd. 62 Mio Dinar W1Urde im Jahre 1956 durch unmittelbare oder mittelbare Zahlungen Frankreichs voll ausgeglichen, ja sogar um ein wenig überschritten. Der Hauptposten waren die fran2lösischen Militärausgaben im Lande mit etwa 36,7 Mia ffrs. Ferner die Zivilausgaben mit etwa 6,6 Mia ffrs. und die Zahlungen an die Anciens Combattants mit 4 Mia ffrs. Bei den direkten AusgaJben Frankreichs handelt es sich um die bekannte Finanzhilfe, mit der der außerordentliche Haushalt (Titel II) in Höhe von rd 14,5 Miia ffrs. abgedeckt -wurde. Die Gesamtleistungen des fr.anzÖSischen Staates beliefen sich also a:uf rd. 61,8 Mia ffrs. Hierzu kamen aber noch private Kreditaufnahmen bei französischen FinaIl!Zierungsinstituten in Höhe von rd. 4 Mia ffrs. Dieser Ausgleich ist nach dem gegenwärtigen Stand der Entwicklung seit 1957 nicht mehr gewährleistet. Der Fortfall der Finanzhilfe bedeutet zunächst einmal, daß in Höhe dieses Betrages ein ungedecktes Zahlungsdefuzit entstanden ist. Aber auch der für den Ausgleich sehr entscheidende Betrag von 36,5 Mia Urs. an Militärausgaben hat seitnem Verringerungen erfahren, die insoweit zu einem weiteren ungedeckten Zahlungsdefizit führen werden, als nicht durch strukturelle Verbesserung der Handelsbilanz ein Ausgleich geschaffen wird. Unterstellt man einmal die gegenwärtige Kapitalflucht als voruberg-ehend, so durfte selbst bei einer schon optimistisch eingeschätzten Verbesserung der Handelsbilanz immer noch mit einem Zah1ungs- defizit zu rechnen sein. Das heißt, um den notwendigen Ausgleich z'u erzielen, mriißte die unmittelbare Finanmilfe des Auslands wieder mindestens in bisheriger Höhe weitergeführt werden. Dabei ist zur Zeit kaum übersehbar, welche Auswirkungen der wiederholt angekündigte und im Herbst 1959 vollzogene Austritt ws der französischen Zollunion auf die Entwicklung der Handels- und Zahlungsbilanz haben werden. Aufhebung der Zollunion mit Frankreich und Anschluß an einen größeren Wirtschaftsraum Sicherlich ist eine völlige Lossagung von der Zollunion geignet, für Tunesien manche der dargestellten negativen Aspekte der Handels- und Zahlungsbilanz in ihrer Auswirkung abz;uschwächen. Ob a-ber der beabsichtigte Weg, die Zollunion durch bilaterale Verträge zu ersete:en, zu einem wirklichen Wandel der Zahlungsbilanz des Landes beitragen kann, muß doch sehr dahingestellt bleiben. Engräumige EiIliZJelverträge führen notwendig zu jeweiligen gegenseitigen Zugeständnissen, das heißt im Sinne einer optimalen Ausschöpfung der handelspolitischen Möglichkeiten zu Beeinträchtigungen, die sich aus 6' OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
84 G. Seiler der Lage von P,artner zu Partner gesehen zwangsläufig ergeben, sich aber nur schwer untereinander koordinieren lassen. Seiner ganzen Struktur nach ist Tunesien aber ein Land, das bei seinem zwangsläufig großen Außenhandelsanteil am Sozialprodukt auf einen möglichst großen Wirtschaftsraum angewiesen ist. Vor allem bedarf Tunesien aber als vorwiegender Produzent von Agrarprodukten der Erg'änzung durch große industrielle -Räume, die als Absatzmärkte in Frage kommen, auf Grund ihrer eigenen Konkurrenzlage untereinander aber auf der anderen Seite Tunesien in die Lage versetzen, benötigte IndU!strieprodukte zum günstigsten Preis einzukaufen. Aus diesem ganz entsche~denden Grunde bieten überlegungen, die auf einen wirtschaftlichen Zusammenschluß der Maghreb-Länder hinauslaufen, keine Lösung der wirtschaftlich'en Probleme Tunesiens, d:i die Ergänzung durch Länder mit einer leistungsfähigen, das heißt preiswerten industriellen Produktion völlig fehlt. Selbst der gelegentlich geäußerte Gedanke, einen wirtschaftlichen Zusammenschluß aller AIligrenz·erländer des westlichen Mittelmeerraumes anzustreben, kann dem dargestellten ganz grundsätzlichen Bedürfnis der tunesischen Wirtschaft nicht gerecht werden. Tunesien steht hier tatsächlich vor der Frage, ob es in seiner handelspolitischen Orientierung unzulängliche Zwischenlösungen versuchen, oder nicht besser vorziehen soll, die sich bietende optimale Lösung eines Anschlusses an den europäischen Großraum mit der Konzentration aller seiner industriellen Kaparzitäten zu wählen. Scl1:on 1957 mußte sich daher die Fra,g·e stellen, üb nicht die in Rom unter~eichneten Verträge über den Gemeinsamen Markt neue Lösungsmöglichkeiten bieten, die den Interessen der tunesischen Wirtschaft in vollem Umfange gerecht werden. Diese Verträge stellen es bekanntlich Tunesien frei, sich dem Gemeinsamen Markt zu assozi- ~eren. In dem Annex zum Vertragswerk ist eine .A!bsichtserklärung der Mitgliedsländer enthalten, in der den unabhängigen Ländern der Franc-Zone Verhandlungen Ülber eine wirtschaftliche Assoziierung mit der Gemeinschaft vorgeschlagen werden sollten. Auf den ersten Blick scheint eine solche Assoziierung nur Vorteile für das Land zu bieten. Nach Ablauf der vertragsgemäßen übergangszeiten kJönnten die Ausfuhrgüter des Landes die gleichen Zollbefreiungen in den übrigen fünf Ländern des Gemeinsamen Marktes erhalten wie bisher i.n Frankreich. Hierbei ist noch besonders zu berücksichtigen, daß es sich um Länder mit sehr großer Wirtschaftskraft handelt, die übrigens - vielleicht mit Einschränkungen hinsichtlich Italiens - einen erheblichen EinfuhI1bedarf gerade an solchen Gütern haben, die Tunesien jetzt und in absehbarer Zeit a.usführt und ausführen wird. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Tunesien, der Modellfall eines Entwicklungslandes 85 Die Länder des G€meinsamen Marktes sind andererseits auch klassische Erzeuger der meisten Güter, die Tunesien für den Ver,brauch seiner Be'Völkerung und für seine Inv·estitionen einführen wird. Dem Lande würde daher kiiinftig in unveI~gleichlich weiterem Umfange als bisher die Möglichkeit geboten werden, dort IZU kaufen, wo ihm das Angebot am preiswertesten oder sonst wirtschaftlich am mveckmäßigsten erscheint, ganz abgesehen von dem allgemeinen Interesse jedes Landes, seine Käufe auf die Märkte verschiedener Volkswirtschaften zu verteilen und damit Risiken verschiedener Art zu vermindern. Die vorstehend geschilderten Vorteile für die Einfuhr und die Ausfuhr des Landes und damit für seine gesamte Wirtschaft würden sich noch vergrößern, wenn sich andere wirtschaftlich wichtige Länder im Rahmen einer Freihandelszone an den Gemeinsamen Markt angliedern W1Ürden. Da für Tunesien selbst in irgendwie absehbarer Zeit wohl ebenfalls nur eine "Assoziierung", nicht aber eine integrierte Beteiligung am Gemeinsamen Markt in Frage kommen dürfte, bliebe dem Lande überdies die Fre~heit, seine AußeIllzölle gegenüber an nicht an diesem Markt beteiligten Ländern nach seinen eigenen wirtschaftlichen Bedürfnissen IZU regeln. Wie weit hierzu die z. zt. bestehenden besonderen Bindungen an Frankreich künftig neu gestaltet werden müssen, wäre noch besonders zu untersuchen. Auch bei diesen Unternehmungen sollte jedoch nicht aus dem Auge verloren werden, daß Ibis zu einem gewisS€n Grade auch in Zukunft eine Sonderregelung der wirtschaftlichen Beziehungen zu Frankreich den wohlverstandenen Interessen Tunesiens sehr wohl entsprechen könnte. Diesem unleugbaren Vorteil einer Assoziierung an den Gemeinsamen Markt stehen aber bei objektiver Betrachtung auch gewisse Bedenken gegenüber, die sich alleroings bei näherer Untersuchung als nicht ausschlagg,ebend erweisen, weil das Vertragswerk für den Fall der Assoo:iierung alle Verhandlungsmöglichkeiten offen läßt. Tunesien hat wie alle in der Entwicklung begriffenen Länder ein verständliches Interesse daran, seine bestehende keineswegs ideale Wirtschaftsstruktur nicht unverändert zu erhalten, sondern in Richtung einer gewissen Industrialisierung zu ändern. Eine derartige Industrialisierung in vernünftigen Grenzen würde auch, was nicht selten übersehen wiro, nicht nur im eigenen Interesse des Landes lieg·en. Auch seine Handelspartner müssen daran interessiert sein. Erfahrungsgemäß ist gerade ihre Ausfuhr am stärksten in andere Industrieländer gerichtet und übersteigt dorthin bedeutend ihre Ausfuhr in ganz oder überwiegend agrarische lJänder. Der Aufbau einer Industrie in einem Lande erfordert nun aber nach allen internationalen Erfrahrungen einen gewissen, oft unterschätzten Zeitraum, währenddessen die junge Industrie eines besonderen Schutzes und einer OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
86 G. Seiler besonderen Ermutigung auch auf dem Zollgebiet bedarf. Sogenannte "Erziehungszölle" sind während dieser Zeitspanne unvermeidlich. Innerhalb der vorgesehenen freien Handelszone werden sich aber für eine solche Übergangszeit Möglichkeiten schaffen lassen, der besonderen Lage und den besonderen Aufgaben Tunesiens auf den Ckbieten der industriellen Entwicklung Rechnung zu tragen. Dies wird insbesondere zum Schutz solcher Industriezweige zu prüfen sein, die sich mit der Be- und Verarbeitung im Lande gewonnener Rohprodukte befassen. Hierzu gehören namentlich die Lebensmittelindustrie, aber wohl auch gewisse Zweige der Textilindustrie und der keramischen Industrie, die an eine lange handwerksmäßige Entwicklung im Lande und vorhandene Fertigkeiten der Bewohner anknÜlpfen könnten. Es ist aber als kaum fraglich anzunehmen, daß solche Sicherungen in den Verhandlungen mit der Gemeinschaft erreichbar sind, nachdem schon für die überseeischen Länder und Gebiete in ähnlicher Weise im Vertragswerk selbst, besonders im Artikel 133 Abs. 3, derartige "Erziehungszölle" und sog.ar Finanzzölle zur Finanzierung der Haushalte ausdrücklich vorbehalten sind. In diesem Zusammenhang ist auch folgende Überlegung anzustellen: Die vorhandene brachliegende AI1beitskraft und vel'gleichsweise niedrige Löhne könnten im Rahmen einer größeren Zollgemeinschaft ein starker Anreiz für Industrien der Partnerländer sein, gewisse lohnintensive Betriebe nach Tunesien zu verlagern und dort Waren zu erzeugen, die wegen Mangels an Arbeitskräften in ihrem Heimatlande nicht oder nur zu wesentlich erhöhten Kosten hergestellt werden könnten. Natürlich wird nur ein bestimmter Kreis von Industrien hierfür in Betracht kommen, denn der Lohnfaktor ist nur einer von vielen Elementen, die für die Wahl des Betriebsortes entscheidend sind. Aber es kann unter Umständen ein sehr wichtiger Faktor sein. Immerhin könnte bei entsprechender Ermutigung durch die Wirtschafts- und Steuerpolitik des Landes mancher Industriezweig nach Tunesien gezogen werden, der aufbauend auf Rohstoffen des Landes oder auch auf Rohstoffen, die aus dritten Ländern bezogen werden, Zwischen- oder Endprodukte herstellt, die dann zollfrei oder zollbegünstigt in die Länder des Gemeinsamen Marktes geliefert werden könnten. Vielleicht können gerade die sich hieraus ergebenden Möglichkeiten für die tunesische Wirtschaft im Rahmen des Ckmeinsamen Marktes in absehbarer Zeit eine noch größere Bedeutung erlangen als die unmittelbaren Auswirkungen der günstigeren Einkaufs- und Verkaufs aussichten in den Partnerländern. Abschließend läßt sich sagen, daß die im Vertragswerk und in der Durchführungskonvention über die Assoziierung der überseeischen Länder und Hoheitsgebiete mit der Gemeinschaft aufgestellten Grund- OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Tunesien, der Modellfall eines Entwicklungslandes 87 sätze darauf hinauslaufen, die Lebensverhältnisse der Bevöl~erung zu bessern und eine Hebung des allgemeinen Lebensstandards sowie eine soziale, kulturelle und wirtschaftliche Erschließung der Gebiete zu fördern. Diesem Zweck dient vor allem der in der Durchffihrungskonvention geschaffene Entwicklungsfonds in Höhe von rd. 580 Mio Dollars für die Dauer der ersten fünf Jahre. Es ist dabei ausdrücklich ausbedungen, daß in den überseischen Gebieten nur solch€ Vorhaben durchgeführt werden, welche die Billigung der Vertreter der einheimischen Bevölkerung gefunden haben. Durch die Regelung dürfte die Gewähr geg,eben sein, daß die Anstrengungen der europäischen Staatengemeinsch,aft von den überseeischen Gebieten als ein echter und in ihrem eigenen Interesse liegender Beitrag zu ihrer Entwicklung angesehen werden, und daß kein Verdacht bestehen bleiben sollte, als ob die Mitgliedsstaaten der europäischen Wirtschaftsg€meinschaft in diesen Gebieten eig€ne Interessen unter Vernachlässigung der Interessen der örtlichen Bevölkerung verfolgten. Auf dieser Grundlage kann eine kssoziierung nur im Interesse des Landes Tunesien liegen, wobei eine Modifizierung der für die überseeischen Gebiete aufgestellten Grundsätze entsprechend den besonderen Verhältnissen des Landes durchaus denkbar ist. Das Problem der Währungsunion mit Frankreich und die Gründung einer eigenen Notenbank Sch{)n die Untersuchung der Handelsbilanz hat die ungewöhnlich enge Verflechtung der tunesischen Wirtschaft mit Frankreich gezeigt; die Zugehörigkeit des Landes zur Franc-Zone unter den Bedingungen des iFinanzabkommens v{)m 3. Juni 1955 ist aber demgegenüber ein Umstand von noch viel entscheidenderer Bedeutung. Insbesondere die Bestimmung des Art. 10 dieses Abkommens, die Tunesien verpflichtet, alle Devisena:uflüsse aus seinem Handel einem zentralen Fonds in Paris i~führen, aus dem dann auf der Gegenseite der notwendige Devisenbedarf flur Verrügung gestellt wird, el'Weist sich als eine besonders enge Bindung an das Währungsgebiet der Franc-Zone, da naturgemäß über diese Devisenbereitstellung der gesamte Strom des Außenhandels beeinflußt werden kann. Die tunesische Regierung hat daher auch sehr bald die Gründung einer eigenen Notenbank angekündigt, wie sie auch sonst innerhalb größerer Währungsräume den angeschlossenen Ländern fast durchweg zur Verfügung steht (z. B. innerhaLb der Franc-Zone in Marokko und innerhalb des Sterlinggebietes den meisten Commonwealthstaaten und -g~bieten). Das Fehlen einer solchen Staats- und Notenbank beraubt die Regierung des Landes vieler Möglichkeiten, die auch in Ländern OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
94 Rudolf Stucken Ich habe mir Ibei meiner Untersuchung die Frage gestellt: Welche Steigerung des Volkseinkommens ist möglich bei äußerer finanzieller Stabilität? In dieser auf die Untersuchung einzelner Länder ausgerichteten Al'beit habe ich die grundsätzliche Frage, ob durch inflationistische Maßnahmen die Entwicklung gefördert werden könne, nicht aufgeworfen; sondern ich bin von der Erfahrung ausgegangen, daß die Durchbrechung der äußeren finanziellen Stabilität bei Ländern, die wie Ägypten und Syrien zu ~hrer Entwicklung ausländische Investitionsgüter br,auchen, kein Vorteil ist. Die Voraussetzung der äußeren finanziellen Stabilität schließt die innere finanzielle Sta:bilität praktisch mit ein, insoweit die ausländischen Volkswirtschaften ihrerseits die innere finanzielle Stabilität bewahren. Die äußere finanzielle Stabilität der Entwicklungsländer ist auch für die Bundesrepublik Deutschland von großem Interesse: Bei Stockungen der Auslandszahlungen wird der Bund aus den Bürgschaften und Garantien, die er an die deutschen Lieferanten von Investitionsgütern gewährt hat, in Anspruch genommen, mithin der Staatshaushalt der Bundesrepublik belastet; das ganze Verfahren der Bürgschaften und Garantien ist aber bekanntlich so aufgelbaut, daß die Inanspruchnahme aus den Bürgschaften und Garantien die seltene Ausnahme und nicht die Regel bildet. Im Zuge der Entwicklung wird die DevisenrbilalllZ des Entwicklungslandes einerseits veIibessert, aber andererseits auch belastet. Eine Verbesserung der Devisenbilanz erfolgt, wenn die inländische Mehrproduktion zur Verdrängung bisheriger Importe bzw. zu steigenden Exporten führt. Eine BelJastuIlig der Devisenbilanz ergibt sich, insoweit die inländische Mehvproduktion auf die Nutzung ausländischer Anlagegüter, den Import von Roh- und Hilfsstoffen und auf ausländische 'Fachhäfte angewiesen ist; da:bei spielt es keine Rolle, ob die Mehrproduktion für den Export, die Verdrängung von Importen oder für die Befriedigung einer steigenden inländischen Nachfrage bestimmt ist, die auf Grund steigender inländischer Einkommen wirksam wird. Außeroem erfordert die künftige Belastung der Devisenrbilanz, die aus der Verwendung steigender Einkommen erwächst, genügende Berücksichtigung, denn regelmäßig muß damit gerechnet werden, daß die zus·ätzliche Produktion für den Inlandsbedarf nicht ohne weiteres individuals share of the national income. TakiiIlg into cons~deration that popu1ation will increase during that period from 23.5 mUllions to 32 mil- Hons, the total national income should then rise to about 2470 million pounds, so that the individual's share may reach 77 pounds which is double the present level"; in ähnlicher Weise für Syrien vgl. Projet detaille du Plan Quinquennal de l'Industrialisation de la Syrie, Bureau des Doeumentations Syriennes et Arabes, Damas, S. 4. 2 1 Ägyptisches Pfund (.:eE) = ca. 12,06 DM = 2,87 $; 1 Syrisches Pfund (.:eS) = ca. 1,92 DM = 0,46 $. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Ägypten u. Syrien, Entwicklungsbedingungen u. Entwicklungschancen 95 mitkommt, sei es aus natürlichen oder rechtlichen Gründen - letzteres gilt etwa für Ägypten ibezüglich des Tabaks -, sei es, daß eine an sich mögliche Produktionsausweitung zumindest vorläufig unterbleiben muß, etwa weil der erforderliche Kapitaleinsatlz nicht aufgebracht werden kann. Soll eine im Ausgangszeitpunkt gegebene äußere finanzielle StaJbilität erhalten bleiben, so darf mit einer Verbesserung der Devisenbilanz nur eine g.anz bestimmte Vergrößerung des Volkseinkommens einhergehen, wobei die Relation von den jeweiligen Gegebenheiten der betrachteten Volkswirtschaft abhängig ist. Die bestehenden Zusammenhänge lassen sich in den folgenden Formeln ausdrücken: Ich gehe von einer .ausgeglichenen Deviserubilanz aus; dann erfolgt eine zusätzliche Produktion A - bezogen auf eine Zeiteinheit, ein Jahr -, diese Produktion soll, soweit nicht als Folge der Einkommenssteigerung (LlE) im Inland konsumiert, bisher getätigte Einfuhren verdrängen oder ins Ausland eXiportiert werden. So erfolgt also eine Störung der Devisenbilaruz im Sinne eines Deviseni1berschusses. Ich frage nun, bei welcher Erhöhung des Einkommens (LlE) die Devisenbilanz wieder ausgeglichen ist, wenn folgende Bedingungen gegeben sind: Verwendung des Einkommens Bereich I (Bereich der die Devisenlage verbessernden Produkt1on) ....... . Bereich II (Produktion nicht vermehrbar) .. Bereich UI (Produktton vermehI1bar) Bereich IV (reine Auslandsgüter) ....... . a' LI E b· LI E c' LI E d· LI E Devisenbedarf der zusätzlichen Produktion ror Nutzung von Investiüonsgütern, für Rohstoffe, Hilfsstoffe pp. BereichJ I IX • A Bereich III Y' c· LI E (Y' zusätzliche Produktion) Es ergeben sich die folgenden Beziehungen: A-A' IX = LI E ',a + LI E· b + LI E· C· Y + LI E·d A - A· IX = LI E (a + b + C· Y + d) A-A'IX (1) LI E a + b + c . Y + d (2) oder, da a + b + d = 1 - c A-A'IX LI E = ---,---- l-c+c·y An die Stelle von A oder neben A können auch andere zusätzliche Deviseneinnahmen D treten, z. B. in Devisen anfallende Royalties OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
96 Rudolf Stucken ~Konzessionsabgaben), Fremdenverkehrseinnahmen, Rimessen von Auswanderern usw. Daraus ergibt sich die dritte Form: (3) A-·(I. L1E=---~ l-c+c·y In Worten ausgedruckt heißt das: Die Höhe des möglichen !Zusätzlichen Einkommens ist abhängig von der Höhe der zusätzlichen devisensparenden oder -bringenden Produktion abzüglich des damit verbundenen Au:tlwandes an Devisen; ferner von den Größen c und y, d. h. je größer der Bereich ist, in dem die inländische Produktion mit der zunehmenden inländischen Nachfrage mitkommt, und je weniger diese zusätzliche inländische Produktion auf ausländische Maschinen, Roh- und Hilfsstoffe und ausländische Fachkräfte angewiesen ist, um so höher kann das Z'usätzliche Einkommen werden, ohne daß die finanzielle Stabilität gestört wird. Auch anders geartete zusätzliche Deviseneinnahmen können das mögliche zusätzliche Einkommen heben. In diesen Erkenntnissen sehe ich die entscheidenden Fragestellungen für die Untersuchung der einzelnen Länder. Selbstverständlich ist mit der Herausarbeitung des Spielraumes für Einkommenserhöhungen noch nicht gesagt, daß. dieser Spielraum auch tatsächlich ausgefüllt wird, denn daz'U bedarf es noch einer Aktivität, die entweder von privaten Unternehmern oder von der Staatsführung oder aber von beiden ausgehen kann. Im Falle Syriens kommt hierbei dem privaten Unternehmert'Um, man denke an die Entfalt'Ung der landwirtschaftlichen Produktion in der Ddezireh, offensichtlich ein größerer Anteil zu als im Falle Ägyptens, wo die Aktivität des staatlichen Elementes stank dominiert. Auf jeden Fall ,ist in heiden Gebieten heute ein hohes Maß von Aktivität zu konstatieren. Ich kann mich nun den einzelnen Wirtschaftszweigen Ägytens und Syriens in einer dem üblichen angenäherten Aufteilung - Landwirtschaft, Industrie, Urproduktion außerhalb der Landwirtschaft, Sonstiges - und den weiteren besonderen Devisenquellen zuwenden und fragen, wie sich die dort gegebenen Verhältnisse auf die Größen von A, (1., C und y sowie auf die Größe D auswirken. Zunächst einmal zur Landwirtschaft. Die Landwirtschaft und die Ausdehnungsmöglichkeit der landwirtschaftlichen Produktion ist für die Entwicklungsländer eine viel bedeutendere Grundlage der Einkommenssteigerung, als das in fortgeschrittenen Industrieländern der Fall ist. Nur in wenigen Fällen -nicht jedoch in Ägypten und Syrien - spielen andere Arten von Urproduktion, nämlich die Erdölgewinnung und die Ausbeutung sonstiger Bodenschätze, und die daraus 2m gewinnenden Einkommen die dominierende Rolle. Die Landwirtschaft eI'bringt in der Regel die OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Ägypten u. Syrien, Entwicklungsbedingungen u. Entwicklungschancen 97 bedeutendsten Mehrexporte, durch die die Devisenlage verbessert wird, und von der Möglichkeit der Ausdehnung der landwirtschaftlichen Produktion wird auch stark die Größe c Jbeeinflußt, denn gewöhnlich wird in Entwicklungsländern mehr als die Hälfte des zugewachsenen Einkommens für landwirtschaftliche Produkte verwandt. Als gänzlich verfehlt muß ich nun gerade bei der Landwirtschaft die Annahme ansprechen, daß der Einkormnenszuwachs in irgend einem festen Verhältnis zur Größe der zusätzlich aufgewandten Investitionsmittel stehe (dieses Verhältnis wird ja gewöhnlich durch den sogen anten Kapitalkoeflfizienten zum Ausdruck gebr,acht); ich bin vielmehr zu dem Ergebnis gekommen, daß dieses Verhältnis von Zeit zu Zeit und von Ort zu Ort und je nachdem, wo die Aktirvität ansetzt, größte Veränderung.en aufweist. Die MöglichJkeit der Ausdehnung der landwirtschaftlichen Produktion kann abhäng.ig sein von großen Investitionen, z. B. Be- oder Entwässerungsanlagen. Sie kann ,aber auch abhängig sein von "kleinen Mitteln", also sie kann auch ohne große IIWestitionen gegeben sein 3• Diese Ausdehnung der landwirtschaftlichen Produktion "mit kleinen Mitteln" scheint mir in Syrien eindeutig möglich zu sein, so daß mit kleinen Mit.teln zumindest die Anpassung der Produktion an den mit wachsender Bevölkerung und steigendem Einkommen zunehmenden Bedarf erfolgen kann. Wir halben es in Syrien mit seinen im Verhältnis zur Bevölkerung großen Flächen kulturfähigen Bodens ja noch mit einer relativ extensiv betriebenen Landwirtschaft zu tun, hier ist mit vermehrter Verwendung von Düngemitteln und Schädlingsbekämpfungsmitteln und besseren Ackergeräten, mit ibesserer Beratung und Schulung noch viel zu wollen. Vor allem .aber ließe sich mit kleinen Mitteln die Humushaltigkeit des Bodens und die Wasserführung verbessern, zunächst einmal dadurch, daß d.as Verbrennen des Dungs aufhört, daß die Viehhaltung und ebenso die Gl'Ündüngung verstärkt und daß die Möglichkeiten des Dryfarming planmäßig genutlzt werden. Ein besonderes die Ertragsfähigkeit des Bodens in Frage stellendes Element bildet auch die starke Ziegenhaltung. In Ägypten ist in den vergangenen Jahren die landwirtschaftliche Produktion gerade noch mit der gewachsenen Bevölkerung mitgestiegen, einige Zahlen sprechen allerdings auch dafür, daß· sie bereits hinter der BeV'ölkerungszunahme zurückgeblieben ist; die Hoffnung, daß in den kommenden Jahren die landwirtschaftliche Produktion :3 Zur Entlastung des nachfolgenden Textes von Zahlenangalben wurden detailHerte Ang~ben über die Produktion und den Außenhandel wdchtiger landwirtschJaftlicher Erzeugnisse Ägyptens und Syriens in Tabellenforrn zuzammengestellt (vgl. Tabellen I bis IV) und diesem Beitrag als Anhang beigegeben. 7 Schriften d. Vereins f. Socialpolitik 21 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
98 Rudolf Stucken mit kleinen Mitteln noch so zu steigern ist, daß sie mit der wachsenden Bevölkerung mitkommt, scheint mir nicht auf sicherem Boden zu stehen. In Ägypten sind in der Vergangenheit auf dem Wege der Intensivierung noch große Erfolge erzielt worden, so daß heute eine außerordentlich hohe Intensität der Bodennutzung gegeben ist. Diese hohe Intensität zeigt sich besonders in dem Verhältnis von Ernteflächen und Flächen des Ackerlandes, im Durchschnitt (!) werden 1,8 Ernten pro Jahr von der Ackerfläche gewonnen 4• Auch der relativ hohe Verbrauch künstlicher Düngemittel pro Hektar deutet auf diese hohe Intensität hin; zwar ist nach Ansicht der Fachleute das Optimum der Verwendung von Dünge- und JSchädlingSibekämpfungsmitteln noch nicht erreicht, jedoch werden keine entscheidenden Steigerungen der Erntemengen bei Annäherung an das genannte Optimum vorhergesagt. Ägypten verliert Boden bzw. die Ertragskraft des Bodens läßt mancherorts nach infolge von Versalzung, was zwar durch Ausbau der Entwässerungsanlagen verhindert werden kann, deren Herstellung aber vielfach nur mit großen Schwierigkeiten möglich [st. Man spricht oft von Ermüdrungserscheinungen des Bodens. Die Ermüdungserscheinungen werden verständlich in lZusammenhang mit der starken Ausnutzung des bewässerten Landes -uI1lbewässertes Land spielt in Ägypten für die Landwirtschaft praktisch keine RoUe - und dem Fehlen der Viehhaltung; für die Haltung von Großvieh sind die meisten Höfe schlechterdings zu klein, so daß mit einer nennenswerten Steigerung der Ertragskraft durch Steigerung der Viehhaltung nicht zu rechnen ist 5/6• Die Landwirtschaft liefert in Ägypten be- 4 Vgl. Tabelle V a im Tabellenteil zu diesem Beitrag. 5 Zur Illustration für die in Syrien und Ägypten so stark unterschiedlichen Erwartungen, die Produktivität in der Landwirtschaft mit "kleinen Mitteln" zu steigern, sei der Verbrauch an Handelsdünger im Düngejahr 1956/57 (Juli bis Juni) ausgewählt und gegenübergestellt. Er betrug in 1000 t Reinstickstoff für Ägypten 123,2, für Syrien 3,5 und in 1000 t P2 0:; 74,0 bzw. 1,0. DielSe Unterschiede haben sich seither ndchJt etwa verringert, sondern sie sind noch gewachlSen. Wenn man berückisichtig1;, daß die bebaute Fläche in Syrien eher ausgedehnter ist als in Ägypten (die F AO-Statistik gibt die Fläche des kulturfähigen Bodens für Syrien mit 4,59 und für Ägypten mit 2,61 Mill. ha an. Beide Zahlen sind jedoch nicht ohne weiteres vergleichbar, weil sie die Mehrfach-Ernten, die für Ägypten, nicht aber für Syrien typiJSch sind, unberücksichtigt lassen), dann wird ungeachtet aller Unterschiiedlichkeit der Bodennutzung doch sehr deutlich, daß sich die Mineraldrüngerverwendung in Syrien noch sehr in den Anfängen befindet im Vergleich mit Ägypten, das allerdings in dieser Hinsicht bereits auf einem überdurchschnittlichI hohen Stand angelangt ist. Ähnlich instruktive Vergleiche ließen sich noch mit einer ganzen Reihe sonstiger landwirtschaftlicher Betriebsmittel anstellen. Vgl. hierzu: FAO, Production Yearbook, 12. Bd. 1958, Rom 1959, dem die obengenannten Zahlen (S. 252 ff. und S. 6 f.) 'entnommen worden sind; ferner' Ev'a Garzouzi, Expansion agricole et pl:anification en province egyptienne, L'etude mensuelle sur l'economie et les finances de la Syrie et des pays ararbes, Nos.26 et 28 (F~vrieT et Avril 1960), Damas. Garzouzi errechnet auf Grund amtlichleI' Uruterlagen für OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Ägypten u. Syrien, Entwicklungsbedingungen u. Entwicklungschancen 99 kanntlieh nicht nur die üblichen Nahrungsmittel für die Bevölkerung, sondern auch den Haurptexportartikel, nämlich die Baumwolle. Seit Jahren bemüht man sich mit Erfolg, auch ,andere landwirtschaftliche Exportartikel zu erzeugen, um die ,AJbhängigkeit von den Baumwollmärkten zu mildern; und man hat zweifellos beachtliche Erfolge erzielt, so im Anbau und Export von Reis, Zwiebeln, Kartoffeln und im Anbau von Zuckerrohr. Aber ihre Anbaufl.ächen gehen eben doch auf Kosten der Anlbauflächen der traditionellen landwirtschaftlichen Produkte. Ich kann letztlich die Skepsis gegenüber den Hoffnungen, die landwirtschaftliche Produkti-on mit kleinen Mitteln dem Mehrbedarf einer wachsenden und reicher werdenden Bevölkerung anpassen zu können, nicht überwinden. Wir wenden uns nunmehr der Möglichkeit, die landwirtschaftliche Produktion auf der Grundlage großer Investitionen auszudehnen, zu. In Ägypten kommt hier vornehmlich das Projekt des Sadd el Ali, des Hochdammes südlich von Assuan, in Frage. Das Z'Ur Zeit der großen Schwemme von dem alten Assuandamm nicht zu stauende Wasser, das ,bisher nutzlos ins Mittelmeer abfließt, soll gestaut werden und die Grundlage für eine Ausdehnung der Ackerfläche werden und darüber hinaus große Flächen der perennierenden Bewässerung Z'Uführen, was die Vermehrung der Ernten von diesen Flächen ermöglicht. In zweierlei Hinsicht ist dieses grandiose Projekt, an dessen AusaI1beitung gerade auch deutsche Kr.äfte entschiedenen Anteil haben, stark belastend: die Ausreifungszeit dieser Investition äst relativ lang, d. h. es vergehen relativ viele Jahre vom Beginn der Bauzeit bis zum Beginn des Anfalls der mit dieser Investition zu tätigenden Mehrproduktion; und der Kapitalkoeffizient ist relativ ungünstig 7. 1957 den Netto-Produktionswert pro Hektar bebauten Bodens mit 460 $ für Ägypten und mit 97 $ für Syrien (a.a.O., S.43). 6 Vgl. Tabelle V b im Tabellenteil zu diesem Beitrag. 7 Das Hochdammprojekt soll in zwei: Ausba'UStufen abgewickelt werden. Die erste Baustufe, für die fünf Jahre veranschlagt werden, umfaßt blei einem Kostenaufwand von ca. 25 Mill . .:eE im wesentlichen DlUr vorbereitende Erdarbeiten. In den zweiten Bauabschnitt, der innerhalb sechs Jahre einen Aufwand von ca. 78 Mill. .:eE vorsieht, fällt di!e Errichtung des eigentlichen Staudamms und der Kraftwerksanlagen. Die G€samtkosten des Projekts, das ja noch sehr umfangreiche Aufwendungen für Betmd Entwässerungs,anlagen, Siedlungen, Verkehrs- und sonstige öffentliche Anlagen, insbesondere auch das elektrische Übertragungs- und Verteilungsne'tz erforoert, werden mit ca. 400 Mill. .:eE angenommen. Von diesen Investitionen insgesamt verspricht man sich eine Erhöhung des Sozialprodukts um ca. 250 Mill. .:eE jährlich. ES liegt auf der Hand, daß dieser Einkommenszuwachs aber erst nach einer sehr beträchtlichen Ausreifungsperiode tatsächlich in voller Höhe anfallen wird. Für weitere Einzelheiten siehe United Arab Republic, Central Government, Ministry of Treasury: '.Dh.e Budget Report for the Fiscal Year July 1959 - June 1960, Cairo 1960, S. 33 f. und ferner Heinz Pentzlin: Ägypten, eine Analyse der Entwicklungsprojekte, Berlin 1957, S. 29 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
100 Rudolf Stucken Demgegenüber ist die Lage in Syrien günstiger, sowohl in Hinblick auf die Ausreifungszeit als auch in Hinblick auf den Kapital~ Imeffizienten; das läßt sich bezüglich des Ghab .... Projektes sagen, das bereits 1960 abgeschlossen sein soll, wodurch ein riesiges Sumpfgebiet drainiert und weite Strecken ordnungsgemäß bewässerten Landes gewonnen werden; und das läßt sich bezüglich des Euphratdammprojektes sagen, das noch Jn der VOI'lbereitung begriffen ist, und das gilt auch hinsichtlich einer größeren Zahl kleiner und mittlerer Bewässerungsprojekte, die zur Zeit bereits in Angriff genommen worden sind und die voraussichtlich während der nächsten fünf Jahre schon wirksam werden dürften. Alle diese Maßnahmen (also einschließlich Euphratdamm) lassen einen Gewinn an neuem Bewässerungsland erwarten, der dem aus der Verwirklichung des Sadd el Ali nicht nachsteht 8• Im IFalle Syriens ist dann mit einer wesentlichen Steigerung der landwirtschaftlichen Ausfuhr, und zwar vornehmlich von Weizen und Baumwolle, zu rechnen, und zwar in einem Umfang, daß nicht nur die Auslandsschulden, die bei Ausführung dieser Projekte gemacht werden, abgedeckt werden können, sondern daß auch ein DevisenÜlberschuß als Grundlage weiterer Entwicklung bleibt (also A - A . 11 > 0). HIDgegen fragen wir UlllS, ob die Steilgerung der landwirtschaftlichen Produktion in Ägypten angesichts der in der Ausreifungszeit der Investition sich vollziehenden Bevölkerungszunahme eine solche Steigerung der Ausfuhr erlauben wird, daß wesentlich mehr Devisen erzielt werden, als zur A:bdeckung der Devisenver,pfiichtungen erforderlich sind, die beim Bau des Sadd el Ali kontrahiert werden. Alber selbst wenn sich der Erfolg hierauf beschränkt - man erhofft in Ägypten ein besseres Ergebnis - ist Entscheidendes für die Devisenbilanz erreicht, nämlich daß nicht die ägyptische 'Devisenbilanz mit den Aufwendungen :flür die Ernährung der zuwachsenden Bevölkerung belastet ist, wofür die früher erwähnten kleinen Mittel wahrscheinlich nicht die ·erforderliche Produktionsvergrößerung zu eribringen vermögen. Soll allerdings Ägypten in der Zeit der Ausreifung der ;Investition nicht eine "Durststrecke" durchl.aufen, dann wird eine entsprechende Langfristigkeit der vom Ausland zu gewährenden Anleihen für die Durchführung des Projektes nicht zu umgehen sein; und zumindest wird hierbei der Auslandsanteil der Investition durch Auslandsanleihen zu decken sein, wenn das Devisenproblem nicht in der Zeit bis zur Fertigstellung des Sadd el Ali zu einem Hemmnis der Entwicklung werden soll. 8 Vgl. International Bank for Reconstruction and Development, The Economic Development of Syria, Baltimore 1955, S. 327 ff und passim; ferner Rundschreiben 13/60 des Nah- und Mittelost-Verein, Hamburg, den 7. Mai 1960. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Ägypten u. Syrien, Entwicklungsbedingungen u. Entwicklungschancen 101 Diese Betrachtung über Investitionen, die mit großen Mitteln durchgeführt werden, mögen etwas klargemacht halben: daß das Entwicklungsland in der Regel keine freie Wahl hat, ob es sich Investitionen mit niedr,igerem oder höherem Kapitalkoe:ßfizienten zuwenden will; die Höhe des Koeffi.zienten ist mehr oder weniger schicksalhaft bedingt. Ich komme nunmehr zu einem ernsten Sonderproblem bezüglich der landwirtschaftlichen Produktion. Es betrifft die Landreform; in Gebieten der Plantagenkultur würde auch die Frage der Nationalisierung im landwirtschaftlichen Sektor eine Rolle spielen, doch [st dies in meinem Untersuchungsgebiet nicht von Belang. Landreform ist kein eindeutiger Begriff - letzten Endes kann man auch die Verstaatlichung des Grund und Bodens und die Beseitigung der individualwirtschaftlichen Ordnung der landwirtschaftlichen Produktion als Landreform Ibezeichnen. Hier wollen wir nur die spezifischen Formen der iLandreform betrachten, die im Untersuchungsgebiet eine Rolle spielen, nämlich 1. die Veränderung der Pachtverhältnisse und 2. die V.eränderung der Eigentumsverhältnisse mit oder ohne Veränderung der BetriEibsstruktur. In Agypten hat die Landreformgesetzgebung von 1952 vornehmlich eine Veränderung in der Höhe der Pachten gebracht; die Umverteilung des Eigentums tritt demgegenÜiber an ökonomischer Bedeutung zurück. Der Eingriff in die Pacht- und Eigentumsverhältnisse war in Ägypten eine Maßnahme von unbedingter Notwendigkeit. Infolge der starken Zunahme der Bevölkerung - Verdoppelung in 50 Jahren -, mit der verglichen die Ausdehnung der Ackerfläche minimal (16 Ufo) war, und bei der unzulänglichen Möglichkeit für die ländliche Bevölkerung, in städtische Berufe überzugehen, w.aren die Pachtsätze auf eine unerhörte Höhe gestiegen und war somit eine sozial durchaus unerwünschte Einkommensverteilung eingetreten. Die Landreform brachte deshalb vor allem eine entschiedene Minderung der Pachtsätze, wodurch der Anteil der Fellachen an dem aus der Landwirtschaft erzielten Einkommen erhöht, der ,Anteil der Grundeigentümer vermindert wurde. Im !Zuge der Enteignung des Landes, das bei den einzelnen Eigentümern eine bestimmte Höchstgrenze überschritt, und seiner Neuverteilung wurde der Tendenz nach eine Veränderung der Einkommensverteilung in gleicher Richtung erzielt; darii:ber hinaus l:>edeutete die Überfü<hrung des Landes in das Eigentum des Bauern eine Besitzfestigung, von der man sich eine erhöhte Produktivität verspricht - ob mit Recht oder Unrecht, lasse ich offen. Man kann nun wohl sagen, daß die lLandreform in Ägypten ohne starke Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Produktion über die Bühne gegangen ist. Auch soweit das Eigentum betroffen wurde, ergab sich OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
102 Rudolf Stucken in der Regel keine Veränderung der Betriebsstruktur; die Fellachen waren auch als Pächter schon Bauern, d. h. mit den nötigen Ackerger,äten versehen und in der Bodenbebauung erfahren. Es kann offensichtlich keine Rede davon sein, daß die Entlastung der Fellachen von iPachten und sonstigen Albgaben (Zu einer Minderung der Produktion geführt hat, wie das in manchen anderen Entwicklungsländern im Zuge einer Landreform sehr wohl zu befürchten ist. Die Lebenslage der ,Fellachen hat sich veI1bessert, und das hat sich in einem erhöhten Konsum niedergeschlagen, sowohl in einem erhöhten ~onsum yon Nahrungsmitteln als auch in einem erhöhten Konsum von iIndustrieerzeugnissen, was besonders von der Textilindustrie vermerkt wurde. Dem steht nun die Ve~minderung der Einkommen der bisherigen Grundeigentümer gegenüber, mithin Verringerung der großen Einkommen zugunsten der kleinen. Die :ü!bliche Folge einer solchen Veränderung der Einkommensstruktur ist bekanntlich eine Verminderung der Ersparnisbil<;iung, die auch wohl tatsächlich eingetreten ist. Eine solche Minderung der Ersparnisbildung dn einem Entwicklungsland könnte zu einem ernsten Hemmnis iiür die Entwicklung werden. Aiber es ist zu beachten, wie die Ersparnisse bisher wn der feudalen Oberschicht verwandt worden sind. Ein erheblicher Teil wurde ins Ausland transferiert, ein nennenswerter Teil in Schmuck angelegt oder gehortet. Beim Streben nach Rendite wurde die Anlage dn Grund und Boden bevorzugt. Die Transferierung ins Ausland wurde durch die Devisenzwangswirtschaft wenn nicht unterbunden, so doch zumindest erschwert; das Horten ist kein Vergnügen, wenn man Angst vor Inflation hat. Die AnLage in landwirtschaftlich,em Grund und Boden war durch die Landreiiorm unmöglich gemacht, und alles kann und will man auch nicht in Schmuck anlegen. So kam es dahin, daß die Grundeigentümer mit ihren Ersparnissen vielfach in den Bau aufwendiger Wohn- und Geschäftshäuser in Cairo und Alexandria auswichen. Nachdem sich das einige Jahre vollzogen hatte, griff die Regierung im Interesse anderer dringlicherer Entwicklungspl-äne ein, der Bau von aufwendigen Häusern dieser Art wurde von besonderen Genehmigungen abhängig gemacht und die Mieten wurden zwangsweise um 20 Ufo gesenkt; zum Verständnis beim deutschen Leser sei vermerkt, daß die Bauten meist mit Eigenmitteln, nicht mit Hypothekendarlehen errichtet wurden und daß die Rendite relativ hoch war. Auf diese Weise ist die Investition in diesen aufwendigen Wohn- und Geschäftshäusern entsch'eidend gesenkt worden, und es ist - anscheinend mit Erfolg - die Tendenz zur Anlage der Ersparnisse in industriellen Anlagen und in Staats titeln ausgelöst worden, so daß die Mittel für Entwicklungsprojekte nicht geschmälert worden sind. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Ägypten u. Syrien, Entwicklungsbedingungen u. Entwicklungschancen 103 In Syrien wurde die ägyptische Landreformgesetzgebung im Herbst 1958 nach der Vereinigung im großen und ganzen übernommen; sie wurde in Hinblick darauf, daß in Syrien auch unbewässertes Land eine Rolle spielt, ergänzt, aber es kann wohl kaum davon die iRede sein, daß die Zeit zwischen der Vereinigung (1. Februar 1958) und der Landreformgesetzgelbung ausgereicht hätte, um die in Syrien vielfach von den ägyptischen Verhältnissen abweichenden Bedingungen sorgfältig zu berücksichtigen. ,Allerdings liegen in großen Gebietsteilen durchaus Ähnlichkeiten vor, besonders in der Weise, daß auch hier das Großgrundeigentum durch Verpachtung an kleinbetriebliche Pächter genutzt wird. Insoweit nun solches Großgrundeigentum umverteilt wird, läßt sich mit gleichen Ergebnissen wie im Falle Ägyptens rechnen. Ein völlig anderes Bild bietet sich jedoch in solchen Gebietsteilen, z. B. in der [)jezireh im Nordosten Syriens, wo wir es nicht nur mit Großgrundeigentum, sondern auch mit ausgeprägten GroßIbetrieben, ja iRieserubetrieben, zu tun haben. Hinzu kommt, daß diese landwirtschaftlichen Großbetriebe meist mit den modernsten amerikanischen Maschinen arbeiten und dabei mit relativ wenigen bezaJhlten Arbeitskräften auskommen; ferner daß das Land zum Teil Eigentum von Stammeshäuptlingen ist, zu denen die Unternehmer der landwirtschaftlichen Großbetriebe in einer Art Pachtverhältnis stehen. Wenn man nun hier eine Umverteilung des Landeigentums vornimmt, dann handelt es sich zugleich um eine Abwandlung der bisherigen Betriebsstruktur. Man beachte, daß die nach dem Gesetz in erster Linie in Frage kommenden Siedler, die AI'Ibeit.skräfte -nicht einmal all-round-gelernte Landarbeiter, sondern eher Spezialisten masch~erter Landwürtschaftsbet!1i€lbe -keinesfalls Bauern sind, sie verfügen weder über die nötigen Ackergeräte, noch Ülber entsprechende Kenntnisse im Landbau, noch über Kredit usw. Es erscheint völlig aussichtslos, es diesen zu überlassen, einen geigneten Anbauplan ,allif,zusteUen, das richtige Saatgut auSZ'Uwähl,en, d1:!n Zeitplan für die Bodenbearbeitung, den richtigen Augenblick für die Ernte zu bestimmen und die Regelung der Bewässerung selbst in die Hand zu nehmen. Wenn die landwirtschaftliche Produktion im Falle der Aufteilung des Bodens nicht katastrophal absinken soll, dann läßt sich das nur erreichen auf Grund des IFunktionierens der vom Gesetzgeber vorgesehenen Cooperativen. Die Leiter di:eser Cooperativen müssen mehr sein als Leiter einer Genossenschaft, sie müssen zugleich "Siedlungsberater" sein. Das F'unktionieren dieser Cooperativen ist eine Persönlichkeitsfrage, vodäufig zweifle ich, daß die geeigneten iPersönlichkeiten, die Füihrerqualitäten mit fachlichem Können vereinigen müssen, da sind. Mein Vorschlag ging dahin, solche iLeiter von Coorperativen orts- und tätigkeitsnahe auf ,einem dafür zu schaffenden OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
110 Rudolf Stucken Beweis für die These von den Kinderkrankheiten scheint mir das 'Funktionieren der "alten Industrien" ~u el'bringen; in Ägypten handelt es sich vornehmlich um das Ginning. and Pressing, das ist die Baumwollentkörnung und die Gewinnung des Öls aus der Baumwollsaat, und um die Textilindustrie, nämlich Spinnerei und Weberei. Wir finden auf diesen Gebieten glänzend organisierte Betriebe, die qualitativ hochwertige Produkte schaffen, offensichtlich sind die technischen, die betriebswirtschaftlichen und auch die sozialen Betriebsprobleme gemeistert worden. tDemg.eg~müber gibt es in neuen Unternehmungen ilweifellos auch Fehldispositionen, zumal wenn diese Betriebe zu früh der Führung oder Beratung durch die Lieferfirmen der Maschinen und Anlagen entz'Ügen werden; es zeigt sich dann möglicheI'lweise eine Experimentierlust ohne ausreichende Einsicht in die Konsequenzen, es besteht nicht immer Sinn für die Notwendigkeit, mit mehrfachen Sicherheiten zu arbeiten und auf die Vollausnutzung bis zur Grenze der Tragfähigkeit zu verzichten. Aber auch diese neuen Industrien werden einmal "alte" Industrien sein, und ich habe keine Sorge, daß dann die PrOlbleme ebenso gemeistert werden wie in den heutigen alten Industrien. - Selbstverständlich wäre es unsinnig, wenn man schon jetzt in einem Lande wie Ägypten Fabrikationen entwickeln wollte, bei denen alles auf die "Entwicklungsarbeit" ankommt, es sei denn, daß dieser Produktionsaufbau im Wege von Lizenzen und in kontinuierlichem Kontakt mit ausländischen FiI1men vor sich geht, die alte Erfahrungen, !bedeutende Patente haben und fortlaufend Neuerungen schaffen. Ich habe hier vornehmlich von Ägypten gesprochen, und ZJWar deshalb, weil in Zusammenhang mit einigen unerfreulichen Vorkommnissen in Ägypten die Fr,age der Eignung der Führungskräfte aufgeworfen worden ist. In Syrien, wo durch Auswanderung und Rückwanderung schon immer ein stärkerer Kontakt mit dem Ausland geherrscht hat, wo man wohl überhaupt von einer stärker ausgeprägten "kapitalistischen" Mentalität sprechen kann als in Ägypten, hat die 'Frage geringere .A:ktualität. Zur Frage der Arbeitskräfte. Zur industriellen Produktion gehört Einfügung in eine Ordnung, Regelmäßigkeit der Arbeit und ununterbrochene Sorgfalt. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der Industrieaufbau in Ägypten zu Beginn unerhörte Schwierigkeiten zu überwinden hatte. Die Arbeitskräfte kamen meist aus Fellachenhütten, sie waren nicht an regelmäßige Ar:beit gewöhnt, unterernährt, vielfach Analphabeten. Auch die Al'beitskräfte, die aus städtischem Milieu kamen, waren meist unzulänglich; man denke an die Verhäl tnisse, die in Städten zu herrschen pflegen, wenn auf dem Lande eine 't'iesenhafte "verdeckte" Arbeitslosigkeit gegeben ist. Es hat dann eine OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Ägypten u. Syrien, Entwicklungsbedingungen u. Entwicklungschancen 111 planmäßige Emiehungsarbeit durch die Betriebe selbst stattgefunden. Man sorgte dafür, daß die Arbeiter wenigstens eine kräftige Mahlzeit zu sich nahmen, man gewöhnte sie an Hygiene, SaUlberkeit, zweckentsprechende saubere und heile Kleidung, man sorgte, daß sie lesen und schreiben lernten. Wir sehen hier den Gegensatz zu manchen iberoamerikanischen Ländern und Spanien, wo der Industrieaufbau mit Kündigungsschutz begonnen und dadurch die E!I"ziehungsarbeit, bis zur Lockerung der unheilvollen Bestimmungen, unmöglich gemacht wurde. - In Syrien sind die Verhältnisse bezüglich der Qualität der Arbeitskräfte von vornherein günstiger gewesen, was mit der besseren <Situation in der Landwirtschaft zusammenhängt. Es gab weniger Analphabeten, die Leute waren Ibesser ernährt und an regelmäßige Arbeit mehr gewöhnt, sie waren zu höherer Leistung befähigt, zumal auch die Löhne der syrischen Al'beiter in drei- bis vierfacher Höhe der Löhne der ägyptischen Arbeiter liegen (die AJbschirmung des syrischen Marktes sicherte dagegen, daß die Höhe der Löhne zum Hemmnis der Industrieentrwicklung wul\de; ich komme darauf zurück beim Problem der Vereinigung Ägyptens und Syriens). - Allerdings ist es wohl unbestreitbar, daß die Leistung des syrischen Arbeiters hinter der des westeuropäischen und die Leistung des ägyptischen Arbeiters hinter der des syrischen zurückbleibt, ebenso wie die Leistung des westeuropäischen Arbeiters hinter der des us-ame!I"ikanischen zurückzubleiben pflegt. Bezieht man aber den Lohnaufwand auf die Einheit der Leistung, so ist die Reihenfolge möglicherweise umgekehrt. Die Schwierigkeiten des Anfangs. Gegegeben ist die Situation, die Fried!I"ich List vor sich sah, als er sich für die Industrialisierung Deutschlands einsetzte: es gibt ,andere konkurrierende Länder, die weiter fortgeschritten sind, der Anfang bringt zusätzliche Kosten, die möglicher'weise durch die Lohnunterschiede nicht ausgeglichen werden. Wir haben es hier mit Staaten zu tun, die das von Friedrich List geforderte Mittel des Erziehungszolles kräftig anwenden, die darüber hinaus die neuen wirkungsvolleren Mittel beherrschen, nämlich Einfuhrverbote oder Einfuhrkontingentierung in Zusammenhang mit der Devisenzwangswirtschaft, eventuell auch das Operieren mit unterschiedlichen Wechselkursen. Man bedient sich eventuell auch eines "Zusatzausfuhrverfahrens", das auf eine AusfuhrsUlbventionierung hinausläuft, wie sie Deutschland in den dreißig er Jahren angewandt hat. England hat zur Zeit seiner Vorherrschaft in Ägypten die Entwicklung der Industrie dadurch aufgehalten, daß es die Anwendung solcher Methoden unmöglich machte; es handelte sich da/bei in erster Linie um die Textilindustrie, an deren Entwicklung auf ägyptischem Boden man in England keineswegs interessiert war. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
112 Rudalf Stucken Sonderproblem für den Industrieaufbau: die Vereinigung Ägyptens und Syriens zur Vereinigten Arabischen Republik. Die Vereinigung wurde auf den 1. Februar 1958 vollzogen, ist also noch relativ jungen Datums. Die Vereinigung ist nicht in der Form vollzogen worden, daß alsbald das Geldwesen vereinheitlicht und die Handelsschranken aufgehoben worden sind; sondern man ist mit großer Vorsicht an die Vereinigung auf wirtschaftlichem Gebiet herangegangen. Es sind Maßnahmen zum Schutz der syrischen Industrie ergriffen worden. Z. T. wurden Zölle beibehalten; ferner wurden die Zahlungsvorgänge in besonderer Weise geregelt, ibei der Einfuhr gewisser iKonkurrenzprodukte aus Ägypten nach Syrien wurde die Möglichkeit, mit ägyptischen Noten zu bezahlen, beschränkt, da die ägyptischen Noten zu einem Preise zu ktaufen sind, der unter dem offiziellen Verrechnungskurs liegt. Ferner bediente man sich des Mittels der Investitionskontrolle, um gewisse Industrien für Syrien vorzubehalten. Z. B. wurde für Ägypten die Produktion der feineren Baumwollwaren vorgesehen, was der Tatsache Rechnung trägt, daß in Ägypten die höherwertigen langstapeligen Baumwollsorten geerntet werden, wohingegen Syrien die gröberen Gewebe vorbehalten blieben; auch gewisse Produktionen von Eisenwaren wul'den verteilt, z. B. Ketten gewisser Stärke sollen nur in Ägypten, Ketten anderer Stärke nur in Syrien produziert werden. Ohne solche dirigistischen Maßnahmen wäre einem nennenswerten Teil der syrischen Industrie keine günstige Prognose zu stellen, denn die drei- bis vierfache Höhe der Löhne in Syrien - als Folge der höheren Prokopferträge in der syrischen Landwirtschaft - wird durch die erhöhte Leistung des syrischen Arbeiters nicht ausgeglichen. Bei uneingeschränkter Handelsfreiheit Z1Wischen Syrien und Ägyrpten müßte man mit einer Beschränkung der syrischen Industrie auf solche Produktionen rechnen, bei denen infolge der Frachtkosten oder der Verderblichkeit der Ware die billigere ägyptische Arbeitskraft nicht zur Auswirkung kommen kann. Es wäre ein Fehler, sich vor den ernsten Folgen zu verschließen, die bei hemmungsloser Verfolgung der Vereinheitlichung auf wirtschaftlichem Gebiet auftreten müssen. Tatsächlich scheint zunächst einmal die Vereinigung sich günstig für die Industrie Ägyptens ebenso wie für die Industrie Syriens ausgewirkt zu haben. Die Vereinigung hat sich doch jedenfalls dahin ausgewirkt, daß. die ägyptische Industrie eine bessere Stellung auf dem syrischen Markt erhielt als die ausländische und ebenso die syrische auf dem ägyptischen Markt. Der inter regionale Handel konnte jedenfalls zwischen Ägypten und Syrien (südliche bzw. nördliche Region der Vereinigten Arabischen Republik) laufend kräftig ausgedehnt werden und erreichte im Jahr 1958 ein Gesamtvolumen von OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Agypten u. Syrien, Entwicklungsbedingungen u. Entwicklungschancen 113 4,444 Mill. zE im Vergleich zu einem Jahresdurchschnitt von 1,677 Mill . ..eE in den J,allmm 1948/1957. Im ersten Halbjahr 1959 ist dann weiterhin eine sehr beträchtliche Steigerung auf 5,836 Mill. zE eingetreten. Die Ausdehnung des Handelsvolumens setzte allerdings schon 1954 bis 1956 deutlich ein, so daß die jüngsten Erfolge nicht ohne weiteres dem Zusammenschluß zur V.A.R. zugeschrieben werden können, immerhin erscheint es jedoch glaubwürdig, daß von der Vereinigung [n dieser Hinsicht kl1äftige Impulse ausgegangen sind und wohl weiterhin ausgehen werden 12 • Persönlichen Mitteilungen zufolge soll der verstärkte interregionale Handel zum Teil auch Importe aus anderen Ländern entbehrlich gemacht und somit zu Deviseneinsparungen geführt haben. In diesem Zusammenhang wird man jedoch nicht übersehen dürfen, daß der interregionale Handel trotz seiner Ausdehnung 'bisher noch weniger als drei Prozent des eigentlichen Außenhandelsvolumens der V.A.R ausmacht. Andererseits ist zu berücksichtigen, daß die Vereinigung der beiden jetzigen Landesteile erst zwei Jahre zurückliegt und die Dinge noch stark im Fluß sind. Zusammenfassende Betrachtung der industriellen Produktion. In ägyptischen Quellen spricht man davon, daß es durch die Industrialisierung seit der Revolution von 1952 gelungen sei, nunmehr im Jahr 90 Millionen US-Dollars, also etwa 390 Millionen DM oder gut 30 Millionen zE an Devisen einzusparen. Diese Zahl entspricht 17 % der ägyptischen Gesamteinfuhr der letzten Jahre. Für die Zukunft ist von großen weiteren Einsparungen durch Verdrängung von Einfuhr,en infolge Ferti,gstellung der vOI1gesehenen Industrieprojekte die Rede; man denke hierbei etwa an die Düngemittelfabrik in Assuan, die 1960 fertig werden soll und deren Energiebedarf durch das gleichzeiig am alten Assuandamm errichtete Elektrizitätswerk gedeckt wird. Welche Wandlung durch die Industrkilisierung bei der Einfuhr in einem längeren Zeitraum vor sich gegangen ist, mag durch folgende Zahlen charakterisiert werden: der Anteil der Einfuhren von Textilmaterialien und Textilerzeugnissen an der Gesamteinfuhr Ägyptens fiel von 1930 bis 1955 von 26,2 % auf 7,9 0J0; der Anteil der Einfuhr von Maschinen und Apparaten, elektrischen Materialien und Verkehrsmitteln stieg in der gleichen Zeit von 8 % auf 24,6 Ofo (Bank of Egypt, Economic Bulletin, Vol. IX 1956, S. 9). Daneben schlägt sich die Industrialisierung auch in den Exportzahlen Ägyptens nieder, die Exporte von Indusrieerzeugnissen nähern sich 10 % der Gesamtexporte, was etwa 8 Ofo der Gesamtimporte entspricht. Bezüglich Syriens ist zu sagen, daß die entsprechenden Zahlen weniger zu Buch 12 Detallierte Angaben über Ausmaß und Zusammensetzung des syrischägyptischen Handels finden sich im Budget Report for the Fiscal Year July 1959 - June 1960, a.a.O., S. 105 f. 8 Schriften d. Vereins f. Soclalpolltlk 21 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
114 Rudolf Stucken schlagen, ganz besonders bei einem Vergleich mit dem landwirtschaftlichen Sektor, wenn auch die Selbstversorgung in Textilerzeugnissen einen großen Aufschwung zu verzeichnen hat 13 • Die Urproduktion außerhalb der Landwirtschaft. Weder gehört Ägypten, noch gehört Syrien zu den großen Erdölländern, im Gegensatz etwa zu Iran und Irak, die gestützt auf die großen Ölgelder um ihre Entwicklung bemüht sind. In Ägypten hat die Ölproduktion in den letzten Jahren j-edoch so zugenommen, daß sie mit dem wachsenden Inlandsbedarf leidlich mitgekommen und daß von diesem keine zusätzliche Belastung der Devisenbilanz ausgegangen ist. Es muß ja nicht nur der Bedarf für Autos und Eisenbahnen gedeckt werden, sondern auch für die Versorgung mit elelttrischer Energie, zumal Ägypten nur über wenig Wasserkraft verfügt, ferner für Heizzwecke und Kochzwecke; das Öl ersetzt in Ägypten weitgehend die bei uns verwandte Kohle. iFundstellen von Öl gi'bt es bis heute vornehmlich am Roten Meer und auf der Halbinsel Sinai. Es wird gesagt, daß es sich hier um sogenannte "Taschen" handelt, die im Laufe der Zeit ausgepumpt werden, so daß fortlaufend neue Fundstätten erschlossen werden müssen. Das Urteil über die kommende Ölproduktion ist deshalb verhältnismäßig unsicher, und man kann wohl bei einer Vorschau bestenfalls von der Annahme ausgehen, daß es gelingt, den stark wachsenden Inlandsbedarf auch in Zukunft zu decken, ohne daß die Außenhandelsbilanz auf dem Gebiet der mineralischen Brennstoffe zu einer wachsenden Belastung der Devisenbilanz führt. -Die Lage in Syrien ist dadurch charakterisiert, daß man mit Erschließungsarbeiten wesentlich weiter zurück ist. Allerdings ist man in den letzten Jahren fündig geworden, und zwar im Nordosten Syriens. Es besteht der Plan zur Schaffungeiner kleinen Raffinerie im Euphratgebiet, um das dort gefundene Öl für die Traktoren und sonstigen Maschinen des nordöstlichen Landwirtschaftsgebiets nutzbar zu machen. Ferner ist die Concordia, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Erdöl-AG., im Sommer 1959 fündig geworden, über Quantität und 'Qualität liegen jedoch noch keine ausreichenden Nachrichten vor. Angesichts der Tatsache, daß eins der großen irakischen Ölfelder nicht allzuweit von der syrischen Grenze gelegen ist, ist für die Zukunft durchaus mit großen Funden in Syrien zu rechnen; jedoch ist das noch ~ukunftsmusik. Aber Syrien profitiert heute schon als Durchfuhrland vom Erdöl, besonders .ist hier an die iPipe-line der Iraq Petrol Company zu denken, die Royalties sind in den letztvergangenen Jahren in den Sätzen erheblich erhöht worden, und Syrien erzielt daraus nunmehr im Jahr rund 100 Millionen .t:S = ca. 120 Millionen 13 Zur zahlenmäßigen Entwicklung des Imports und Exports vgl. Tabelle IX und X des Tabellenteils. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Ägypten u. Syrien, Entwicklungsbedingungen u. Entwicklungschancen 115 DM gegenüber minimalen Beträgen in den Jahren 1950 bis 1952. An der P1pe-line in Horns ist eine große Raffinerie errichtet worden, wodurch sich Syrien weitgehend von der Einfuhr raffinierter Ölerzeugnisse unabhängig machen will. Was die Holzgewinnung betrifft, so ist zu sagen, daß. Ägypten und Syrien keine Waldländer sind. Hoffnungen, in Syrien unter Anbau schnell wachsender Hölzer eine Celluloseindustrie au:fibJauen zu können, sind wohl mit ISkepsis zu beurteilen. Einige andere Bodenschätze sind in Ägypten erschlossen worden, so Mangan und Phosphor, aber sie haben noch keine große Bedeutung bei der Ausfuhr erlangt, sind jedoch bedeutungsvoll für die Deckung des Inlandsibedarfes. Besondere Beachtung verdient das Eisenerzvorkommen bei Assuan. DalS Erz wird nun im Eisen- und Stahlwerk Heluan bei Kairo genutzt, wofür es etwa 900 km auf der eingleisigen Bahn, die Kairo mit Oberägypten verbindet, transportiert werden muß. (Die Kohle für Heluan kommt aus dem .A!usland, nur die Füllstoffe werden in der Nähe des Werkes gewonnen.) Nach dem Zweiten Weltkriege hatte Ägypten riesenhafte Bestände von Schrott aus dem Kriegsmaterial, das die Truppen bei der (Räumung zurückgelassen hatten, und darauf wurde eine gewisse Eisen- und Stahlindustrie aufgebaut. Allmählich jedoch versiegen diese Bestände, und dadurch ist ein besonderer Anstoß dafür gegeben, die Eisen- und Stahlgewinnung auf anderer Grundlage aufzubauen. Vorläufig bereitet das Transportproblem noch außerordentliche Schwierigkeiten, und es sind auch sonstige (Reibungen beim Produktionsprozeß aufgetreten, so daß das neue Werk noch keineswegs zur vollen Wirkung kommen konnte. Es ist damit zu rechnen, daß bei weiterer Durchorganisation des Produktionsprozesses vom Erz bis zum fertigen Träger der Bedarf an Eisen- und Stahlwaren in wesentlich größerem Umfang aus eigener Produktion gedeckt werden klann. Sonstiges: Werke der Infrastruktur. Mit Rücksicht auf die hohen Kapitalkoeffizienten bei Werken der Infrastruktur, also mit Rücksicht auf die relativ geringe Steigerung des Volkseinkommens pro Jahr, die bei ihnen mit einer Kapitalinvestition in bestimmter Werthöhe erzielt werden kann, ist es für die 'Entwicklung und ihre 'Finanzierung ungünstig, wenn solche Werke der Infrastruktur in größerem Umfang benötigt werden. Es ist hier vor allem an Verkehrswege und iEnergieversorgung zu denken. iDie Situation war für Ägypten auf diesem Gebiet in den letzten Jahren noch relativ günstig, aJber es ist die 'Frage, ob jetzt nicht eine Reihe großer iInvestitionen auf diesem Gebiet dr,ängend geworden ist, um bei der Infrastrukur mit der sonstigen Entwicklung Schritt zu halten und Reibungsverluste zu vermeiden, die mit ihrem Zurückbleiben verbunden smd. Ich denke vor- 8" OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
116 Rudolf Stucken nehmlich an zwei groß.e Werke, nämlich den zweigleisigen Ausbau der Eisenbahn Kair~ssuan und die Regulierung des Nils als Schifffahrtsweg. Ferner ist in Ägypten auf weitere Sicht das Problem der Energieversorgung akut. Wenn der Hochdamm g.ebaut wird, besteht die Möglichkeit einer weitgehenden zusätzlichen Energieversorgung aus der Wasserkraft. Wenn man dann daran denkt, den Strom nach Kairo und dem Delta zu leiten, so muß eine überlandleitung von rund 1000 km errichtet werden. Wenn man damit rechnet, im Raum von Assuan und Oberägypten eine wesentliche Erweiterung der Industrie vorzunehmen und den gewonnenen Strom in diesem Raum zu verbrauchen, dann wird erst recht der Ausbau der Verkehrswege zwischen Oberägypten und dem Raum um iKairo aktuell. Also man muß wohl auf j·eden Fall damit rechnen, daß in Ägypten große Aufwendungen für den Ausbau der Infrastruktur anstehen. -Auch im Falle Syriens ist auf dem Gebiet der Infrastruktur noch Nennenswertes zu tun. Vor allem kommt hier der Bau einer Eisenbahn von Lattaquia über Aleppo an den Euphrat und in das nordöstliche große Landwirtschaftsgebiet hinein in Frage. Die großen geernteten Mengen werden heute noch aus dem Produktionsgebiet auf Lastwagen bei unzulänglichen Wegen zum Hafen transportiert, und da:bei sollen die Frachtkosten etwa 2/ 3 des Preises für Getreide, der im Hafen erzielt wird, ausmachen. Man hofft, durch die Eisenbahn die Frachtkosten etwa auf die Hälfte ihrer bisherigen Höhe herab drücken zu können und dadurch der l.andwirtschaftlichen Produktion einen kräftigen Anstoß zu geben, zumal wenn gleichzeitig durch die Ölraffinerie im Euphrattal der Preis eines wesentlichen Kostenfaktors gedrückt wird; vielleicht vermag sich dann auch die Düngemittelfabrik, die im Anschluß an die große Ölraffinerie bei Horns gebaut wird, stärker auszuwirken, als sich das angesichts des gegenwärtigen geringen Verbrauchs künstlicher Düngemittel ohne weiteres annehmen läßt. Aber auch sonst liegt die Erschließung Syriens mittels Eisenbahnen noch im argen, und es wird viel auf diesem Gebiete zu tun sein, um im ganzen die Produktivkräfte zur vollen Entfaltung zu bringen. Bei solchen Werken der lInfrastruktur mit ihren großen Kapitalaufwendungen wird alsbald das Problem der Finanzierung aktuell. Eine langfristiige Auslandsanleihe, zumindest in den Grenzen des Auslandsanteils an der 'Investition, scheint mir hierbei durchaus am Platze zu sein. Sonstige Devisenquellen. Die Rimessen der Auswanderer sind ein bedeutender Posten für Syrien (Libanesen und Syrer gehen jn die Welt hinaus, Ägypter und Iraker nicht), doch läßt sich über die Höhe dieser Rimessen keine eindeutige Angabe machen, deshalb auch nicht über ihre Entwicklung im Laufe der Zeit. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Ägypten u. Syrien, Entwicklungsbedingungen u. Entwicklungschancen 117 Für Ägypten sind die Einnahmen aus dem Suezkanal von außerordentlicher Bedeutung, wir haben es hier mit einem Posten zu tun, der die Devisenbilanz Ägyptens annähernd ebenso stark verbessert wie der Ausbau der Industrie mit seinen Folgen für die Ein- und Ausfuhr. Schon vor der Nationalisierung des Suezkanals bildeten die Royalties und die Ausgaben der Kanalgesellschaft im Lande einen Betrag, der einen Teil der Passivität der Handelsbilanz aufwog. Inzwischen hat sich der überschuß. der Deviseneinnahmen aus dem K.anal tiber die in Zusammenhang mit ihm zu leistenden Devisenausgaben um 20 bis 30 Millionen .:t:E gehoben. Man hat nach der Nationalisierung wohl zunächst zu weitgehende Hoffnungen genährt, mit den überschüssen des Kanals die Aufwendungen für den Sadd el Ali bestreiten zu können, und man betrachtet die Ding,e jetzt nüchterner . .A!ber es ist ein Ausbau des Kanals im Gange, um den Kanal für größere Schiffe, vor allem größere Tanker, brauchbar zu machen, und nach Fertigstellung dieser Arbeiten kann mi't einer nennenswerten weiteren Einnahmesteigerung dank der Verkehrssteigerung gerechnet werden. Der Ausbau vollzieht sich in Zusammenarbeit mit großen amerikanischen Firmen, ein erheblicher Teil der Arbeiten ist schon v,ollendet und war schon finanziert, ehe die Weltbankanleihe für den Kanalausbau kam. Weiterhin ist hier an den Reiseverkehr zu denken. Als Devisenquelle ~st der ReiseveIikehr für Ägypten nicht das, was man eigentlich annehmen müßte, der Devisenanf,all steht in keinem Verhältnis zu dem, was rechnerisch als Ausgarbe der Ausländer während ihres Aufenthaltes auf ägyptischem Boden ermittelt wird 14 • Die Differenz ist zum größeren Teil zu erklären mit der den Ausländern zugestandenen Miöglichkeit,ägyptische Noten bestimmter Stückelung unbeschränkt nach Ägy.pten einzuführen, und diese illegal ins Ausland ve~brachten ägyptischen Noten sind dort wesentlich billiger zu kaufen, als man ägyptische Pfunde in Ägypten, auch unter Berücksichtigung des Touristenbonus, offiziell kaufen kann. Diese Freigabe der Hereinbringung von Noten steht im Gegensatz zu dem, was westliche Länder bei schiWerer Devisenlage getan haben. Ich nehme deshalb an, daß schon bei der bisherigen Größe des Reiseverkehrs zusätzliche Deviseneinnahmen im Gegenwert von etwa 20 Mill. .:t:E kurzfristig zu erzielen sind, wenn es gelingt, den illegalen Kapitaltransfer auf der Grundlage der Ausfuhr ägyptischer Banknoten weitgehend zu unterbinden. Die Einnahmen aus dem Reiseverkehr sind natürlich auch 14 Bei einem rechnerischen Aufwand von 20,4 Mill . .:t:E im Jahr 1956, bzw. 23,2 Mill. .:t:E im Jahr 1957 beliefen sich die tatsächlichen Erlöse aus dem Devisenumtausch der Touristen nur auf 1,9 bzw. 1,4 Mill . .:t:E. (Quelle: Nlational Bank of Egypt, Economic Bulletin, Vol. XI 1958-, S. 152 ff.) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
118 Rudolf Stucken eine Frage des Ausbaues der Annehmlichkeiten für die 'Fremden 15 ; erstklassige Unterkünfte für Ausländer gibt es vornehmlich nur in Cairo, Alexandria, Luxor und Assuan; der Bau des Hiltonhotels ~n Cairo mag dabei zu einem besonderen Anziehungspunkt für Amerikaner mit großen AusgaJben pro Tag werden. lF'ür die Entwicklung Ägyptens zu einem bedeutenden Autoreiseland, wie es beispielsweise Italien geworden ist, fehlen verschiedene VOI1bedingungen. Syrien ist noch wenig für den -Reiseverkehr erschlossen. Auch die vielen Jerusalemfahrer berühren Syrien nur kurz und ziehen ohne Aufenthalt weiter. Und dabei hat Syrien viel zu bieten durch die Größe seiner Natur, seine interessanten Städte, seine Baudenkmäler aus römischer und frühchristlicher Zeit usw. A:ber die Entfernungen sind groß, sehenswerte Plätze zum Teil schwer erreichbar, die Unterkunft nicht überall ausreichend (wenn ich auch das schönste Hotel meiner Reise in Damascus fand). Syrien hat ungehobene Schätze; aber es wird vieler Anstrengungen ,bedürfen, sie zu heben. Schlußbetrachtung Die Entwicklungschancen Ägyptens sind ohne Einschränkung positiv zu beurteHen, wenn den großen positiven Vorgängen, nämlich der Verdrängung von Einfuhren und der Ausdehnung von Ausfuhren industrieller Produkte sowie dem Ansteigen der Einnahmen aus dem Suez-Kanal, keine negativen Vorg,änge gegenübertreten. Als solche negativen Vorgänge könnten auftreten: Hemmungen in der Entfaltung der landwirtschaftlichen Produktion mit der Folge, daß diese mit dem steigenden [n1andsbedarf nicht mitkommt, ungünstige Preisentwicklung bei den landwirtschaftlichen Ausfuhrartikeln Ägyptens, wobei vornehmlich an die Baumwolle zu denken ist, Zurückbleiben der Mineralölproduktion hinter dem heimischen Bedarf. Durch den Bau des Hochdammes kann die erstgenannte Gefahr mangelnder Entfaltung der landwirtschaftlichen Produktion für einen längeren Zeitabschnitt nach seiner Fertigstellung beseitigt werden. Im Fremdenverkehr liegt wohl noch eine gewisse Devisenreserve. Die Entwicklungschancen Syriens sind ohne Einschränkung positiv zu beurteilen, wenn die Gefahren, die der landwirtschaftlichen Produktion von der Landreform und der industriellen Produktion von der Vereinigung her drohen, durch entsprechende Maßnahmen abgefangen werden. Die gesamte Situation ist in Syrien wesentlich leichter dank den großen Möglichkeiten zur Ausdehnung der landwirtschaftlichen Produktion. Neben der Vergrößerung der landwirtschaftlichen 15 Flür Elinzelheiten über die Entwicklung des ägyptischen Hotelwesens vgl. National Bank of Egypt, Economic Bulletin, Vol. XII 1959, S. 32 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Ägypten u. Syrien, Entwicklungsbedingungen u. Entwicklungschancen 119 Exporte, mit denen zu rechnen ist, trotzdem zwei Mißernten (1958 und 1959) zu relativ niedrigen Exportzahlen geführt haben, wird der industrielle Ausbau zur Verbesserung der Devisenlage führen, und zwar durch Einsparung von Importen, und ferner bringt die Durchfuhr von Rohöl Syrien vorläufig noch wachsende Einnahmen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Tab e 11 e IX Egypt: Balance of Payments, International Transactions 1949-1957 1949 1950 1951 1952 1953 1954 1955 1956 1957 A. Goods and Services I-' I\:) Exports f.o.b. Raw cotton Cl) Value at 1949 prices ..... . .... 106,1 115,3 76,2 80,3 103,0 85,5 82,4 70,0 88,4 Excess of value at current prices over va1ue at 1949 prices ...... 34,5 87,9 46,1 13,3 27,6 25,0 28,9 35,8 Other exporfß at current prices .. 31,7 25,6 39,0 18,7 21,0 25,2 31,0 43,3 47,4 AJdjustment to exchange record basis .................... .. .... 4,4 14,8 1,4 3,7 0,4 5,9 0,7 -9,7 -4,6 Total exports ............ 142,2 190,2 204,5 148,8 137,7 144,2 139,1 132,5 167,0 Imports c.i.f. . ,' ............. ... . . -148,3 -208,9 -233,8 -208,2 -166,7 -156,2 -201,3 -198,1 -218,8 Trade balance .. . ....... -6,1 -18,7 -29,3 -59,4 -29,0 -12,0 -62,2 -65,6 -51,8 Nonmonetary goLd .............. -11,7 -13,7 -9,6 -4,7 Suez Canal dues .................. 23,0 26,2 26,4 26,6 29,1 30,6 31,8 29,3 24,3 Investment income .............. 8,9 -11,2 -12,5 -12,1 -11,0 -13,1 9,8 -5,1 1,9 ~ Governmellot, n.Le. . ............... 5,1 9,9 8,4 0,1 2,4 4,9 -8,9 -20,2 -19,2 !:: 0- Other services ......... . ........ 1,9 -2,9 0,2 -3,9 0,6 1,6 5,0 19,5 11,1 0 ;:;; Total .................... 3,3 -10,4 -16,4 -53,4 7,9 2,2 -44,1 -42,1 -33,7 rn ,... B. Miscellaneous Donations and Capital !:: (") U.S. allod UNICEF' grants .......... 1,4 10,1 9,4 :>;' (!) Private long-term ca pi tal ........ 3,9 3,6 4,3 1,9 0,9 0,3 2,2 1,2 ~ Private halances abroad ..... '.' ... 1,9 1,4 1,2 0,7 0,8 4,9 0,2 5,4 5,3 Foreign private balances in Egypt .. -1,7 0,9 0,7 1,9 0,6 1,2 0,2 0,5 2,0 Other .......................... 1,0 0,1 2,2 -17,9 Total .................... 3,7 3,1 1,4 3,2 1,1 2,6 11,9 6,7 -11,8 C. Net Errors and Omissions ........ 0,4 1,6 0,6 0,3 0,2 0,4 1,0 1,1 D. Total (A through C) .............. -11,9 -17,8 -57,2 9,3 0,6 -31,8 -36,4 -44,4 E. Monetary Movements Payments agreements (net) ...... .. 11,7 2,4 0,3 4,3 2,6 0,7 -2,1 6,1 Net IMF position ................ 0,7 -3,0 5,2 5,2 Other short-term liabilities ...... .. -7,8 -2,8 1,3 0,2 0,4 U.K.long-termlSecurities (incI'ease-) -3,2 -29,3 -14,6 10,8 4,1 2,9 12,6 17,3 Short-termsterlinglassets (increase-) 21,7 32,2 83,7 54,7 -14,0 5,3 35,1 25,4 Other short-term assets (increase -) -14,6 -7,1 -11,1 17,0 8,6 0,8 -5,5 0,3 15,8 Monetary gold (increase -) ........ -15,9 -26,6 -5,0 Total .................... 11,9 17,8 57,2 9,3 0,6 31,8 36,4 44,4 S<mrce: International Monetary Fund, Balance of Payments Yearbook, Vol. IX and X!, Washington 1958/1959. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Tabelle X Syria: Balance of Payments, Basic Global Data 1950-1957 1950 1951 1952 1953 1954 1955 Credit Debit Credit Debit Credit Debit Credit Debit Credit Debit Credit Debit A. Goods and Services ...... 93.1 118.3 108.8 140.1 119.5 148.9 142.0 152.5 191.6 222.7 200.5234.8 1. Merchandise· ...... 77.2 117.8 87.6 136.1 98.1 142.9 119.6 136.2 167.5 197.2 152.1 202.4 2. Nonmonetary gold .... ......... 0.6 --1.4 -8.5 -5.4 -7.0 3. Foreign travel ..... ........ 2.4 2.1 3.5 3.5 2.0 6.1 2.5 19.0 22.5 23.2 4. Transportation ..... . 1.4 .... 1.3 .... 1.3 .... 1.7 . ... 2.8 .... •• o ••••• 5. Insurance .. • 0 •••••• .... .... . ....... •••• O' o • ........ • ••••• o. 6. Investment income .... •••• .. 0 •• 0.4 0.5 0.4 0.2 0.2 03 0.2 0.5 0.1 1.0 7. Government, n. i. e ...... 0.4 .... 1.7 1.3 0.8 .... 5.6 0.6 5.5 0.6 6.4 0.8 8. Miscellaneous ....... 14.1 0.5 148 -15.4 0.9 12.9 0.8 13.1 -19.4 0.4 Net goods and services -25.2 -31.3 -29.4 -10.5 - 31.1 -34.3 B. Donations .... 5.4 -5.6 -5.7 -5.6 - 4.1 -3.9 - 9. Private .... 2.7 -2.6 -2.7 - 28 -2.8 -2.8 - 10. Official .... 2.7 -3.0 -3.0 -2.8 - 1.3 - 1.1 - Net donations .. 5A -5.6 -5.7 -5.6 - 4.1 -3.9 - Net total (1 through 9) ........ -22.5 -28.7 -26.7 -7.7 -28.3 -31.5 Net totll) (1 through 10) ....... -19.8 -25.7 -23.7 -4.9 -27.0 -30.4 1956 Credit Debit 230.3236.2 165.1 211.5 -3.2 19.6 19.6 .... .... •• o ••••• -0.4 24.8 0.8 20.8 0.7 -5.9 4.3 - 2.8 - 1.5 - 4.3 - - 3.1 -1.6 1957 Credit Debit 206.2203.6 163.0 185.0 5.1 - 12.6 16.8 • 0 •••••• . ....... ........... 12.3 0.8 132 1.0 2.6 - 4.3 - 2.8 - 1.5 - 4.3 - 5.4 - 6.9 - iI>: ~ !!l F ~ ::I. ? ~ ~ § C/Q ~ ~ C/Q s:: ::s i F i g: s:: ::s ~ g. ~ (') !!l ..... t-.:) ~ OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
Tab e I I e X, F 0 r t set z u n g 1950 1951 1952 1953 1954 1955 1956 1957 Credit Debit Credit Debit Credit Debit Credit Debit Credit Debit Credit Debit Credit Debit Credit Debit C. Capital and Monetary Gold 13.8 -21.4 --16.5 1.5 - 17.1 -16.3 - 03 -1.9 - Private, excluding banks (items 11-14) .. 2.5 -3.9 -6.5 -5.6 -6.2 -24.2 -- 14 -4.2 Official and Banking Institutions .. 11.3 -17.5 --23.0 - 4.1 109 -- 7.9 1.7 - 6.1 - 15. Long-term liabilities .. --3.9 --10.0 ----1.0 -4.6 --- 15.1. Loan received from Saudi Arabia .... --3.9 -------4.0 -6.0 -- - 15. 2. Repayment of debt to Lebanon - - - - -10.0 - - - --3.0 - 14 - - 16. Short-term liabilities .. ----1.2 -2.6 -14.2 --2.8 7,8 - - 4.2 17. Long-term assets ..... .... .... .... .... . ....... 0 ••••• o. . ....... •• o ••••• . ....... . ....... 18. Short-term assets ..... 134 -20.0 -- 11.1 -6.8 - 1.1 -4.0 -10.7 15.4 - 18.1. Central Bank .. 13.4 -16.3 -- 7.3 -15.3 0.1 -0.9 --13.7 13.2 - 18.2. Commercial banks ..... ........ 3.7 - - 3.8 8.5 --1.2 -4.9 3.0 -2.2 - 10. Monetary gold ...... - 2.1 -6.4 - 3.1 0.1 --2.2 - 2.1 - - - 5.1 N et errors and omissions ....... . -I -I -I 14.1 -I -I -I -I 40.2 9.9 1.3 6.0 4.3 3.4 8.8 Source: International Monetary Fund, Balance of Payments Yearbook, Vol. VIII-X, Washinton 1958/1959. .... ~ 00 ~ 0- g, ..... Ul ..... ~ ~ ~ OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-40342-4 | Generated on 2023-01-16 13:05:25
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