[Rezension] Ungleichheitsforschung
Abstract
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Full text
Behrmann, Laura Book Review — Published Version [Rezension] Ungleichheitsforschung KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Provided in Cooperation with: Springer Nature Suggested Citation: Behrmann, Laura (2024) : [Rezension] Ungleichheitsforschung, KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, ISSN 1861-891X, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Wiesbaden, Vol. 76, Iss. 4, pp. 963-966, https://doi.org/10.1007/s11577-024-00978-8 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/315446 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de
LITERATURBESPRECHUNGEN https://doi.org/10.1007/s11577-024-00978-8 Köln Z Soziol (2024) 76:963–966 Ungleichheitsforschung Laura Behrmann Angenommen: 7. November 2024 / Online publiziert: 29. November 2024 © The Author(s) 2024 Gamper, Markus und Annett Kupfer: Klassismus. Bielefeld: transcript 2023. 252 Seiten. ISBN: 978-3-8252-5927-3. Preis: C22,–. Studierende für Fragen der Ungleichheitsforschung zu interessieren, war in meiner bisherigen Lehrpraxis selten eine Herausforderung. Dabei ist zu beobachten, dass sich im Zuge der sozialstrukturellen Veränderungen der Studierendenschaft die inhaltlichen Interessen verschieben: Zunehmend stehen Auseinandersetzungen mit der Bedeutung ihrer sozialen Herkunft im Vordergrund. Diese Diskurse um das Arbeiterkind an der Hochschule stellen jedoch eine Lücke in der soziologischen Einführungsliteratur dar. Genau an dieser Stelle bietet das Einführungsbuch „Klassismus“ einen attraktiven Zugang zur Ungleichheitsforschung, da es diese biographisch motivierten Interessen aufgreift und soziologisch fundiert. Markus Gamper und Annett Kupfer verfolgen in dem Lehrbuch den Anspruch, das Forschungsfeld Klassismus zu sortieren, in soziologischen Theoriespektren der Ungleichheitsforschung zu verankern und Einblicke in aktuelle Forschungsfelder zu geben (S. 21f.). Im Unterschied zu bisher und aktuell vorgelegten Einführungen und Überblicken gehen sie weder aktivistisch noch mit dem Ziel des Empowerments an das Thema heran. In der vorgelegten Definition von Klassismus als „strukturelle, kulturelle oder auch individuelle Praktiken und Einstellungen, die Menschen aus unteren sozioökonomischen Klassen oder Klassenmilieus stigmatisieren und/oder diskriminieren und soziale, kulturelle oder ökonomische Hegemonien produzieren oder reproduzieren“ (S. 129), wird ihre ungleichheitssoziologische und machttheoretische Lesart deutlich. L. Behrmann Institut für Soziologie, Bergische Universität Wuppertal Gaußstr. 20, 42119 Wuppertal, Deutschland E-Mail: Behrm[email protected] K
964 L. Behrmann Nachdem die Autoren in das Thema, seine Aktualität und Relevanz eingeführt und eine hilfreiche Leserführung gegeben haben (S. 7–27), wählen sie ihren inhaltlichen Ausgangspunkt in einer Aufbereitung ungleichheitssoziologischer Fundamente mit Fokus auf Klassismusaspekte. Aufbauend auf soziologischen Theorien der Macht betrachten sie Klassismus aus zwei Positionen: der „sozialstrukturell-ungerechtigkeitsorientierten“ und der „antidiskriminatorischen“, die sie in unterschiedlichen Theoriesträngen verankern. Für die Lektüre ist zu berücksichtigen, dass diese idealtypische Unterscheidung nicht immer trennscharf ist. So wird im Folgenden immer wieder deutlich, dass die lesenswerte und anregende Zusammenführung der verschiedenen Diskussionsstränge teilweise zulasten der inhaltlichen Stringenz der Argumentation geht. Die Autoren begreifen das Phänomen Klassismus aus einer machtsoziologischen Perspektive, die eine kritische Lesart der Reproduktion gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse anstößt, wie sie in Teilen der Ungleichheitsforschung in den letzten Jahren vernachlässigt wurde. Auf den ersten 100 Seiten werden Leserinnen und Leser umfassend in Modelle und Theorien der Ungleichheitsforschung eingeführt (S. 27–130). Legt man das ausführlichere Lehrbuch „Soziale Ungleichheit“ von Nicole Burzan daneben, wird deutlich, dass sich der hohe Anspruch dieses Überblicks in notwendigen Verkürzungen niederschlägt. Hervorzuheben ist, dass Gamper und Kupfer Fragen der Benachteiligung in den größeren Kontext der Gerechtigkeitsforschung stellen und damit die häufig vernachlässigte Relation der Ungleichheitsforschung zu gesellschaftlichen Gleichheitsund Gerechtigkeitspostulaten zum Thema machen. Darüber hinaus greifen sie unter der „antidiskriminatorischen Perspektive“ Prozesse wie Stigmatisierung und Diskriminierung als Prozesse der Genese von Klassismus auf und erweitern damit die strukturelle Lesart um die „Handlungsebene“. Unklar bleibt, wie sich Klassismus zum Klassifizieren verhält. Die Idee, Klassismus als „doing“ zu begreifen (S. 14), indem Praktiken, Mechanismen und Prozesse der Reproduktion von Klassismus untersucht werden, wird im Buch nicht konsequent umgesetzt – auch aufgrund mangelnder Forschung zu dieser Perspektive. Das zweite Kapitel mündet in die bereits zitierte Definition von Klassismus, die durch eine schrittweise eingeführte instruktive grafische Darstellung unterstützt wird. Das dritte Kapitel ist das Herzstück des Buches (S. 131–162). Die Autoren stellen die strukturelle Verfestigung der Reproduktion der Benachteiligung sozialer Unterschichten heraus, indem sie Kapitalismus, Meritokratie, Individualisierung und gesellschaftliche Einstellungen in ihrer Entwicklung kritisch referieren. Zur Untermauerung ihrer Argumente greifen sie auf empirische Studien und Diagnosen der Gegenwartsgesellschaft zurück. Insgesamt weckt das Kapitel inhaltliches Interesse für eine weitere Auseinandersetzung, allerdings fehlt eine Einbeziehung aktueller internationaler Beschreibungen (u.a. der anschlussfähige französische Diskurs) und damit eine globale Perspektive ebenso wie eine genauere Herausarbeitung der Reproduktionsmechanismen. Spannend ist die Fokussierung auf einzelne gesellschaftliche Bereiche im vierten Kapitel (S. 136–186). Hier stellen Gamper und Kupfer je aktuelle Forschungen zu den Feldern Arbeitsmarkt, Bildung, Gesundheit, Rechtssystem, Medien, Politik und Wohnen vor. Die Darstellungen sind aufgrund der Seitenzahl notwendigerweise seK
Ungleichheitsforschung 965 lektiv. Sie zeigen aber deutlich den bestehenden Forschungsbedarf auf, der sich in Relation zu den internationalen Debatten vor allem der deutschsprachigen Klassismusforschung stellt. Das Kapitel eignet sich, um in verschiedene Fragestellungen und Forschungsfelder der Klassismusforschung einzuführen und zu weiterführenden Projekten anzuregen. Das fünfte Kapitel bricht mit der Logik des Fließtextes und präsentiert kurze, prägnante Stellungnahmen zu elf kritischen Anfragen an die Klassismusforschung (S. 187–192). Darunter: „Akademischer Diskurs – ,Wenn Subalterne nicht gehört werden‘ oder ,Wenn Nicht-Subalterne laut sprechen‘“ mit der wichtigen Frage, wer eigentlich für wen mit welchen Konsequenzen in der Klassismusforschung spricht. Insofern bieten sich diese Kontroversen für weiterführende Diskussionen in den Lehrveranstaltungen an. Als Lehrende hätte ich mir in diesem Kapitel mehr Hinweise auf weiterführende Literatur gewünscht. Das Kapitel sechs (S. 193–204) fasst das dichte Buch zusammen und wirft zentrale Schlaglichter auf das Thema und bietet so für fortgeschrittene Studierende auch einen Einstieg in das Themenfeld. Das Ziel der Autoren, die Klassismusdebatte nachzuzeichnen und zu strukturieren, stärker zu theoretisieren und mit aktueller Forschung anzureichern, ist erreicht. Welchen Nutzen bietet das Lehrbuch nun aus ungleichheitssoziologischer Perspektive? Es kann ein Türöffner für Studierende zur Ungleichheitsforschung sein. Denn es enthält eine normative Facette, die Studierende gerade in der Soziologie häufig vermissen: „Die Klassismusforschung prangert ... die Lebensbedingungen von Subalternen und Menschen aus unteren Schichten/Klassen/Milieus an und kritisiert die Prozesse, die zu diesen Lebensbedingungen führen“ (S. 107). Eine solche Verortung in der Ungleichheitsforschung ermöglicht emotionale und affektive Haltungen, sodass das Buch zur Vertiefung anregt. Dazu geht es mit seinem dichten theoretischen Gehalt in Kapitel II und den engen Bezügen zum Forschungsstand in Kapitel III und IV über die politisierende Qualität anderer Werke hinaus und macht den Gewinn einer soziologischen Bearbeitung von Klassismus sehr deutlich. Für ein Lehrbuch hätte ich mir allerdings mehr definitorische Arbeit bei der Begriffsverwendung gewünscht, zum Beispiel beim zentral gesetzten Begriff der Praktiken. Didaktisch ist das Buch konventionell auf einen ungestörten Lesefluss ausgerichtet. Das heißt es finden sich weder Zusatzmaterial, ein Glossar mit zentralen Begriffen, zusammenfassende Fragen zur Wiederholung noch Hinweise auf weiterführende Literatur im Buch. Es werden lediglich Mikrotitel verwendet, die teils allerdings unterschiedliche Ebenen adressieren. In der Zusammenschau liegt die besondere Leistung des Lehrbuchs darin, ein breites Themenfeld soziologisch sachkundig zu sortieren, eine Arbeitsdefinition vorzulegen und Forschungsfelder und -fragen für die Auseinandersetzung mit der systematischen Ausgrenzung von Menschen aus unteren Klassenmilieus anzuregen. Für die Ungleichheitsforschung entspringt aus dieser Auseinandersetzung die Aufforderung, ihr Verhältnis zum Gerechtigkeitspostulat zu bearbeiten. Die machtsoziologische Verankerung der Argumentation führt zu den Ausgangspunkten der Ungleichheitsforschung zurück und aktualisiert die Notwendigkeit einer kritischen Lesart der gegenwärtigen Sozialstruktur der Gesellschaft. Folgt man allerdings der Annahme, dass die Ungleichheitsforschung neben den Differenzbestimmungen von oben/ K
966 L. Behrmann unten, früher/heute, innen/außen auch solche benötigt, die es erlauben, die kategoriale Gleichzeitigkeit von Unterdrückungsverhältnissen zu erfassen, dann ist Klassismus notwendigerweise immer im Zusammenspiel mit anderen Unterdrückungsverhältnissen und der Herstellung von Relationen zwischen Gruppen, auch global, zu betrachten. Das Lehrbuch bietet aufgrund der dezidierten Anbindung an die Ungleichheitsforschung einen guten Ausgangspunkt, um diese Weiterentwicklung der Klassismusforschung nicht aus den Augen zu verlieren. Funding Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL. Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/ licenses/by/4.0/deed.de. Hinweis des Verlags Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral. Laura Behrmann Dr. phil., Akademische Rätin auf Zeit für qualitative Methoden am Institut für Soziologie der Bergischen Universität Wuppertal. Forschungsschwerpunkte: Soziale Ungleichheit, Qualitative Methoden, Bildungssoziologie. Veröffentlichungen: Autobiographische Praktiken des Erinnerns und Vergessenes. Soziale Ungleichheiten in Karrierewegen ostdeutscher Professor*innen. BIOS-Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen, 2024 (mit H. Haag); Bildung und soziale Ungleichheit. Deutungen und Erfahrungen von Lehrer:innen an Gesamtschulen. Frankfurt a. M. 2022. K