scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

"Wir brauchen Bewegung, auch nach #IchBinHanna" – Bedingungen und Optionen im Wissenschaftssystem

Hornberg, Carla,Suckow, Silvio

Abstract

EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.

Full text

Hornberg, Carla; Suckow, Silvio Article "Wir brauchen Bewegung, auch nach #IchBinHanna" – Bedingungen und Optionen im Wissenschaftssystem WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung Provided in Cooperation with: WZB Berlin Social Science Center Suggested Citation: Hornberg, Carla; Suckow, Silvio (2022) : "Wir brauchen Bewegung, auch nach #IchBinHanna" – Bedingungen und Optionen im Wissenschaftssystem, WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung, ISSN 2943-6613, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Berlin, Iss. 177 (3/22), pp. 22-25, https://bibliothek.wzb.eu/artikel/2022/f-25007.pdf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/327772 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Im Interview Carla Hornberg und Silvio Suckow „Wir brauchen Bewegung, auch nach #IchBin Hanna“ – Bedingungen und Optionen im Wissen schaftssystem Zu forschen und zu lehren, eigene Fragestellungen und Lösungswege entwickeln zu können, gilt immer noch vielen als Traumjob. Doch ein Berufsweg in der Wissenschaft ist von Unsicherheit und Konkurrenz gekennzeichnet. Die Bildungsforscherin Carla Hornberg und der Wissenschaftsforscher Silvio Suckow waren ein Jahr lang Sprecherin und Sprecher der jungen Wissenschaftler*innen am WZB. Im Gespräch mit Gabriele Kammerer und Kerstin Schneider haben sie Auskunft darüber gegeben, wie sie – aus eigener Erfahrung und durch viele Gespräche und Netzwerke – die Situation der nächsten Generation in der Wissenschaft einschätzen. Was haben Sie über die Bedingungen akademischer Arbeit erfahren? Suckow: Die Situationen, in denen promoviert wird, sind sehr unterschiedlich: Das gilt für die Betreuungskonstellationen, die Dauer der Beschäftigungsverträge und die Vorbedingungen. Menschen haben ganz unterschiedliche Fähigkeiten und Motivationen, sie finanzieren sich über Stipendien, über Stellen in der Wissenschaft, in extremen Fällen über Arbeitslosengeld. Hornberg: Das WZB bietet einen besonderen Arbeitskontext. Ich hatte von Anfang an die Perspektive auf einen Vier-Jahres-Vertrag, ich bin zu 65 Prozent angestellt, in einem sehr engen Betreuungsverhältnis, habe viel Unterstützung bekommen, hatte Fortbildungen, Zugänge zu verschiedenen Netzwerken. Wir hören aber oft von weniger guten Bedingungen, von Überforderung in der Lehre und beim Forschen. Vielen bleibt wenig Zeit zum Promovieren. Kurze Anstellungsverhältnisse bieten keine Planbarkeit. Dazu kommt der Druck, der auf einem lastet, das Verschwimmen von Zeitgrenzen, Arbeiten in die Abende hinein, übers Wochenende, im Urlaub – sofern der überhaupt genommen wird. Junge Wissenschaftler*innen haben sich zusammengetan unter dem Twitter-Hashtag #IchBinHanna. Was verbirgt sich dahinter? Suckow: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat einen Videoclip veröffentlicht, in dem die Figur „Hanna“ stellvertretend für junge Forschende in Deutschland erklärt, warum Befristungen und Flexibilität im Wissenschaftssystem gut seien. Das gab die Sicht der Forschungsförderer wieder, aber eben nicht die Sicht der Postdocs und Promovierenden. So entstand dieser Hashtag #IchBinHanna auf Twitter. Die Diskussion dahinter ist natürlich schon viel älter, also: Wie strukturieren wir wissenschaftliche Karrieren? Da gibt es eine ziemlich steile Pyramide: Es promovieren noch relativ viele Studierende nach dem Masterstudium. In der Postdoc-Phase sind schon weniger beteiligt und bis hin zu einer Professur schaffen es die wenigsten. Das schafft viel Unsicherheit. Was müsste denn geschehen? Suckow: Es müsste mehr entfristete Stellen geben, mit besonderen Aufgaben – zum Beispiel in der Lehre oder im Transfer, in der Vermittlung von Inhalten. Sie könnten aus ausgelaufenen Professuren entstehen, müssten aber keine Professuren mit ganzem Lehrstuhl sein. Da gibt es schon durchgerechnete Modelle, z. B. von der Jungen Akademie. Ich denke auch, dass die Doktorandenund Postdoc-Phasen getrennt betrachtet werden sollten. Die Doktoranden-Phase ist logischerweise befristet; die Postdoc-Phase muss aber strukturierter ablaufen, mit einer Art von Planbarkeit für das Erreichen fester Stellen, wenn bestimmte Ziele „Kurze Anstellungsverhältnisse bieten keine Planbarkeit“ 22  | Mitteilungen Heft 177 September 2022 wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erreicht werden sollen. Und was bedeuten die Zwänge für die Wissenschaft selbst? Suckow: Die große Unsicherheit in den Karrieren führt dazu, dass die Fachpublikationen im Vordergrund stehen und die vermeintlichen Nebengeschäfte wie Interdisziplinarität, Wissenstransfer, Lehre zurücktreten. Das sind aber Dinge, die immens wichtig sind für das Wissenschaftssystem, gerade in einer Demokratie, die Wissen auch weitergeben möchte und deren Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft mit diesem Wissen arbeiten. Aber bevor eine Professur gesichert ist, ist es fast irrational, sich in anderen Kontexten zu engagieren. Was läuft denn gut im deutschen Wissenschaftssystem? Hornberg: Also was ich höre und was ich auch persönlich so erlebe, ist einfach Freude an der Arbeit! Das wissenschaftliche Arbeiten an sich ist eine große Bereicherung. Das birgt aber eben auch die Gefahr, dass man sich in ausbeuterische Verhältnisse begibt … Hier am WZB werden mittlerweile Drei-Jahres-Verträge zum Promovieren geschaffen, die auf vier Jahre ausgeweitet werden können. Das ist ein guter Rahmen für das Verfassen einer Dissertation. Es gibt die flexiblen Fördermittel, um nach Bedarf auch länger an der Dissertation zu arbeiten, ohne in finanzielle Sorgen zu geraten. Und wo hakt es? Hornberg: In unserer Zeit als Sprecher*in des Nachwuchses haben wir einen Fokus auf das Thema Mental Health gelegt. Wissenschaftsarbeit an sich ist einsam. Die Promotion macht man alleine, die Grenzen zum Privaten verschwimmen, räumlich wie zeitlich, den Laptop kann man schließlich überall aufklappen, auch am Abend und am Wochenende. Viele Studien haben die erschreckende Lage von Promovierenden gezeigt: Schon vor der Corona-Pandemie hatte über die Hälfte mit Depressionen, Schlafstörungen, Angststörungen zu kämpfen – und wiederum die Hälfte dieser Gruppe führt das direkt auf ihre Promotionserfahrungen zurück. Dessen muss man sich annehmen. Es haben sich Promovierende selbst zusammengeschlossen wie etwa Scholar Minds hier in Berlin, um ein soziales Netzwerk zu schaffen. Es gibt Mentoring-Programme, es gibt Ombudspersonen – offene Kommunikation über die Schwierigkeiten ist so wichtig. Welche Verantwortung haben die Einzelnen, und wo ist das System gefragt? Suckow: Eine Promotion fangen die meisten recht naiv an, aus Interesse an einem Forschungsthema und Spaß an den Methoden. Promovierende sind auch durchaus begehrt, weil sie wichtige Arbeit im Wissenschaftssystem machen. Es muss aber diesen Selbstschutz geben, andere Optionen im Hinterkopf zu haben. Es kann immer sein, dass es nicht klappt mit der Professur, und da muss ich wissen: Was ist mein Plan B? Was allerdings die Institutionen nicht davon entlastet, bessere Planbarkeit zu schaffen – auch über Mentoring oder Karrieregespräche. Hornberg: Die wenigsten, mit denen wir gesprochen haben, haben für sich nur die Wissenschaftskarriere als Option gesehen. Aber es fehlte oft die Möglichkeit, in andere Bereiche zu schauen, oder Wege wurden nicht wahrgenommen. In der Regel geht halt alles sehr schnell: Man macht den Bachelor und den Master, und dann ist man schon ein bisschen in den Forschungskontexten drinnen und schließt eine Doktorarbeit an. Dabei fehlt das Bewusstsein für Alternativen und für Netzwerke. Läuft es denn in anderen Ländern besser mit wissenschaftlichen Karrieren? Suckow: Ich würde immer davor warnen, einfach Dinge aus anderen Systemen zu übernehmen, weil dahinter tief verwurzelte Denk-und Fachkulturen stecken. Man kann bestimmte Dinge wie das Tenure-Verfahren aus den USA anwenden, aber die einzelnen Bundesländer und Universitäten müssen es gut fürs deutsche System ausgestalten, nicht einfach nur kopieren. Und was ganz entscheidend ist: Es müssen sich ganz verschiedene „Wissenschaftliches Arbeiten ist eine große Bereicherung. Das birgt die Gefahr, dass man sich in ausbeuterische Verhältnisse begibt“ „Es müssen sich ganz verschiedene Hierarchieund Interessengruppen austauschen“ 24  | Mitteilungen Heft 177 September 2022 Der Text ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC BY 4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Hierarchieund Interessengruppen zur Gestaltung wissenschaftlicher Karrieren austauschen. Wie funktioniert Tenure Track? Suckow: Bei Tenure-Track-Positionen wie zum Beispiel Juniorprofessuren werden Ziele festgelegt, Publikationen und Drittmittel, die eingeworben werden sollen, und wenn diese Ziele erreicht werden, dann kann die Person auf eine ordentliche Professur entfristet werden. Das ist schon eine sehr gute Option, aber man muss dazu sagen, dass die Pyramide dadurch früher steiler wird. Ein Einwand gegen eine weitere akademische Karriere könnte dann sein: Jetzt habe ich kein Tenure Track bekommen, dann lohnt es sich auch nicht, auf einer anderen Position mit wenig Aussicht auf Entfristung weiterzumachen. Das heißt, persönliche Flexibilität ist schon wichtig. Suckow: Wissenschaft ist ein Bereich, der kulturell gesehen sehr stark auf Autonomie und Offenheit, auf die Kreativität und Schaffenskraft der Forschenden angewiesen ist. Das System verändert sich auch, aber ich würde Promovierenden und Postdocs schon empfehlen, sich selbst Gedanken zu machen: Was ist realistisch, und was sind andere Perspektiven? Und sich Netzwerke außerhalb der Wissenschaft zu suchen, ist empfehlenswert. Hornberg: In seinem Video hat das Bildungsministerium ja behauptet, dass Fluktuation, selbst erzwungene, Innovation schafft. Gegen diese zynische Behauptung hat #IchBinHanna protestiert, und sie lässt sich meines Wissens auch durch keine Studien belegen. Aber es ist absehbar, dass das System Wissenschaft aktuell nicht expandiert. Und da sind wir schon gefragt, immer offen zu bleiben für andere Karriereoptionen. Wie erleben Sie den Zusammenhalt unter den Forschenden? Suckow: Das kommt stark auf die Fachkulturen an. Nach meinem Empfinden ist gerade in den Sozialund Geisteswissenschaften die Diversität an Forschungsthemen und teilweise an Methoden so groß, dass man sich ganz gut austauschen kann. Wenn wir zehn Jahre vorausblicken: Wo sehen Sie sich da? Und das System? Suckow: Ich würde mir wünschen, dass es noch weniger Verzerrungen und Diskriminierung gibt, aufgrund von sozialer Herkunft, Gender, Migrationshintergrund oder körperlichen Beeinträchtigungen. In Studien sieht man aber: Mit jeder weiteren Stufe im Wissenschaftssystem wird die Selektion unfairer. Es gibt noch viel zu wenig gleiche Chancen und am Ende auch gerechte Ergebnisse im Wissenschaftssystem. Und die zweite Sache hat mit meinem Promotionsthema zu tun: Wir brauchen mehr akademischen Raum für Interdisziplinarität. Zum Beispiel sollten bei Berufungsverfahren auch hochrangige Publikationen aus fremden Fachgebieten anerkannt werden. Nicht zuletzt die Pandemie hat gezeigt: Wir brauchen Austausch, in dem man auch mal Expertiserollen aufbricht und offen ist für andere Einflüsse, für andere Disziplinen. Das schärft auch die Fähigkeit zur Wissenschaftskommunikation. Hornberg: Es hat sich ja schon vieles in eine gute Richtung entwickelt. Ich würde mir wünschen, dass es noch weiter vorangeht. Wichtig wäre, dass es mehr Vier-Jahres-Verträge für Promovierende gibt. Auch über die Probleme in der Wissenschaft sollte offen gesprochen werden, vielleicht noch transparenter als jetzt. Gut ist, dass Bewegung zu sehen ist, dass es auch nach dem ersten Erfolg von #IchBinHanna weitergeht. Suckow: Und: In der Krise sollte nicht bei Wissenschaft und Bildung gespart werden. Das sind unsere wichtigen Ressourcen, die wir für alles brauchen, was an Herausforderung kommt. Die Zukunft ist immer offen, und wir wissen jetzt nicht, worauf wir vielleicht hätten verzichten können. Carla Hornberg ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Ausbildung und Arbeitsmarkt. Sie forscht im Horizon-2020-Projekt „Technological Inequality – Understanding the Relation between Recent Technological Innovations and Social Inequalities“ (TECHNEQUALITY). [email protected] Silvio Suckow ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe der Präsidentin. Er untersucht im Projekt „Interdisziplinarität und Forschungskreativität: Neue Verwertungswege“ das Spannungsverhältnis zwischen Interdisziplinarität und disziplinären Strukturen. silvio.sucko[email protected] „#IchbinHanna hat gegen die Behauptung protestiert, erzwungene Fluktuation schaffe Innovation“ Aus dem WZB 25