Städtesystem
Abstract
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Full text
Parnreiter, Christof Book Part Städtesystem Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Parnreiter, Christof (2018) : Städtesystem, In: ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Ed.): Handwörterbuch der Stadtund Raumentwicklung, ISBN 978-3-88838-559-9, ARL - Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover, pp. 2459-2464, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-55992332 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/225894 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/
Die ARL ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft ChristofParnreiter Städtesystem S.2459bis2464 URN:urn:nbn:de:0156‐55992332 CC‐Lizenz:BY‐ND3.0Deutschland In: ARL–AkademiefürRaumforschungundLandesplanung(Hrsg.): HandwörterbuchderStadt‐undRaumentwicklung Hannover2018 ISBN978‐3‐88838‐559‐9(PDF‐Version)
2459 Der Begriff Städtesystem bezeichnet die Summe der Städte in einer räumlichen Einheit und ihre Verbindungen. Ziel der +TWXHMZSLNXYJXKZSPYNTSFQJ;JWĆJHMYZSLJSZSI-NJWFWHMNJS_Z NIJSYNą_NJWJS&ZKLWZSI[TS9MJTWNJRFSLJQZSIRJYMTINXHMJR Nationalismus sind die Ergebnisse der Städtesystemforschung unzureichend geblieben. Städtesystem Gliederung 1 Einleitung 2 Bedeutung von Städtesystemen für Raumplanung 3 Kritik 4 Relevanz Literatur Christof Parnreiter
Städtesystem 2460 1 Einleitung Der Begriff Städtesystem wurde von dem Ökonomen und Geographen Brian Berry (1964: 160) in der wissenschaftlichen Debatte verankert: „[C]ities may be considered as systems – entities comprising interacting, interdependent parts“. Konzeptionell baute Berry sowohl auf den Standortmodellen von Christaller und Lösch als auch auf der Tradition der Sozialökologie auf, verbunden mit der in den 1960er Jahren populären Systemtheorie und der Kybernetik. Methodisch setzte Berry – ebenfalls im Einklang mit dem Zeitgeist – große Hoffnungen in die Faktorenanalyse und computergestützte Quantifizierung ganz allgemein, denn Analysen „in laboratory-type experimental situations“ (Berry 1964: 155) würden Modellierungen von ▷Stadtentwicklung mit Prognosekraft ermöglichen (▷Prognose). Zu den Erkenntnissen der Literatur zu Städtesystemen gehört, dass Stärke und Geschwindigkeit des Austausches zwischen Städten nicht primär durch Distanz bestimmt sind. Wissen etwa breitet sich nach Pred (1977) in netzwerkartigen Strukturen aus, in denen Städte gleichen Ranges einander „näher“ sind als räumlich dichter beieinander gelegene Orte unterschiedlicher Größe. Ein weiterer zentraler Themenkomplex ist die Frage, inwieweit Städte in einem System arbeitsteilig und damit komplementär verbunden sind oder ob es eine Städtehierarchie gibt (oder eine Verbindung von beiden). Während ein Großteil der Literatur die Idee einer Städtehierarchie verfolgt, betonen etwa Blotevogel (2002) für Deutschland und Taylor (2004) für das World City Network arbeitsteilig-komplementäre Austauschbeziehungen. 2 Bedeutung von Städtesystemen für Raumplanung In ▷Raumplanung und ▷Raumordnung ist die Frage der Städtesysteme insofern von Bedeutung, als dass die Herstellung gleichwertiger Lebensbedingungen im ganzen Staatsgebiet zu den Säulen der Raumentwicklungspolitik zählt (▷ Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse; ▷Raumentwicklung), was vielfach mit der Schaffung ausgewogener Städtesysteme im Sinne der rank-size rule identifiziert wird. Die auf die 1940er Jahre zurückgehende Annahme eines Gesetzes, dass in einem reifen Städtesystem die größte ▷Stadt doppelt so viele Einwohnerinnen und Einwohner wie die zweitgrößte habe usw., gilt als Leitbild einer Politik, die das Entstehen regionaler Disparitäten verhindern bzw. bestehende abbauen möchte. Die normative Ausrichtung auf ein dezentrales Städtesystem wird des Weiteren mit dem Argument begründet, dass polarisierte Städtesysteme mit einer ausgeprägten Primatstadtstruktur wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung abträglich seien. Dieser Standpunkt fußt auf der Annahme, dass bei einem ausgewogenen Städtesystem ein Wirtschaftsraum besser integriert würde, wodurch wirtschaftliche Innovationen leichter diffundieren und damit stärkere Wachstumsprozesse ermöglicht werden. Eine ausgeprägte Primatstadtstruktur steht per definitionem im Widerspruch zu dem Ziel, regionale Disparitäten abzubauen. Urban primacy bedeutet ja, in den Worten des US-amerikanischen Geographen Mark Jefferson (1939: 227), der den Begriff prägte, dass „the largest city shall be supereminent, and not merely in size, but in national influence“. Wie dieses Ungleichgewicht allerdings hinsichtlich seines Einflusses auf wirtschaftliche und soziale Entwicklungsprozesse einzuschätzen ist, darüber gibt es im fachwissenschaftlichen Diskurs keinen Konsens. Hatte Jefferson
Städtesystem 2461 die Primatstadt ursprünglich eindeutig positiv als Ergebnis und Zeichen von Entwicklung konnotiert, und zwar in entwickelten wie unterentwickelten Ländern, setzte sich mit Hoselitz’ (1955) Unterscheidung in „generative and parasitic cities“ die Position durch, dass Primatstädte, die nun insbesondere im Kontext der Dritten Welt als „over-urbanization“ thematisiert wurden, das Land aussaugten und ein Entwicklungshemmnis darstellten. Allerdings lässt die empirische Evidenz darüber keine gesicherten Aussagen zu: Seit Berry (1961: 587) zu dem Schluss gekommen ist, dass „there are no relationships between type of city size distribution and either relative economic development or the degree of urbanization of countries“, haben Studien keinen, einen nur schwachen, einen krummlinigen oder auch einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Polarisierungsgrad seines Städtesystems und dem Entwicklungsstand eines Landes aufgezeigt (Parnreiter 2017). Insofern kann die normative Ausrichtung der Raumentwicklungspolitik auf ausgewogene Städtesysteme zutreffend mit dem Hinweis, dass räumliche Disparitäten (▷Disparitäten, räumliche) per se abzulehnen seien, begründet werden, nicht aber mit ihrer Funktionalität für wirtschaftliche Entwicklung. 3 Kritik Insgesamt konnte die Forschung zu Städtesystemen die an sie gestellten Erwartungen nicht erfüllen. Wie Krugman (1996: 417) bemerkt, ist es ihr nicht gelungen, auffällige empirische Regelmäßigkeiten in der Größe und Verteilung von US-Städten zu erklären, „[what] indicates that […] we are still missing something extremely important. Suggestions are welcome“. Dieses fehlende Etwas ist eine Theorie von Stadt und ▷Raum. Die Literatur zu Städtesystemen ist im Wesentlichen deskriptiv geblieben und hat in erster Linie attributive Daten wie Bevölkerungsgröße, Beschäftigung oder Unternehmenssitze verwendet, um auf Interaktionen zwischen Städten zu schließen. Ausdruck dieser konzeptionellen Schwäche ist, dass die auf Christaller zurückgehende Idee einer Städtehierarchie sich zwar wie ein roter Faden durch die Literatur zieht, dass aber nicht begründet werden konnte, ob, wie und warum Rangfolge (also Größenverhältnisse) oder Anordnung (Lageverhältnisse) mit Hierarchie (soziale Verhältnisse, nämlich Beziehungen von Überund Unterordnung) zusammenhängen. Diese Kritik trifft auch dort zu, wo relationale, auf Verbindungen bezogene Daten verwendet wurden: Wie hängt das Aufkommen an Flugpassagieren mit Überund Unterordnung zusammen? Zudem bleibt unklar, ob und wie die Idee einer Städtehierarchie mit der Konzeption, Städte innerhalb eines Systems verhielten sich arbeitsteilig und komplementär zueinander, zu vereinen sei. Das Problem, Beschreibungen (wie die Verteilung städtischer Attribute im Raum) in den Rang von Erklärungen zu erheben, zeigt sich paradigmatisch anhand der rank-size rule, die die räumliche Ordnung reifiziert. Obwohl man so, wie Bartels (1979: 123; Hervorhebung durch den Autor) erkannte, „kaum zu direkten inhaltlichen Aussagen über die gesellschaftlichen Qualitäten und Zusammenhänge eines Siedlungssystems“ komme, findet sich die Behauptung eines kausalen Zusammenhangs zwischen einer hohen Primatstellung und Unterentwicklung bis heute in (vor allem deutschsprachigen) stadtgeographischen Lehrbüchern (Parnreiter 2013).
Städtesystem 2462 Ein weiteres Problem der Literatur zu Städtesystemen ist ihr methodischer Nationalismus. Als Einheit, innerhalb derer Städte und ihre Verbindungen untersucht wurden, wurde bis in die jüngste Vergangenheit meist – und meist ohne explizite Begründung – der Nationalstaat angenommen. Diese Beschränkung entspricht aber nicht frühen konzeptionellen Intentionen: Berry und Pred (1961: 7) weisen beispielsweise auf eine weitverzweigte Siedlungshierarchie von Gehöften bis zur nationalen Metropole hin, die ihrerseits durch world cities in die Weltwirtschaft integriert werde. Hier findet sich nicht nur der Begriff world city, Jahre bevor Peter Hall (1966) ihn popularisierte, sondern auch die Idee potenziell globaler Verbindungen zwischen Siedlungen unterschiedlichster Größe, Bedeutung und Lokalisierung (▷Metropole/Global City). Doch das Potenzial, Städtebeziehungen in überlappenden, von lokal zu global reichenden Skalen zu begreifen, wurde nicht ausgeschöpft. Die meisten Studien hielten ihre Städte in nationalen (oder europäischen) Containern gefangen, was angesichts der auch in den 1960er und 1970er Jahren evidenten grenzüberschreitenden Geld-, Handels-, Migrationsoder Wissensströme zwischen Städten engstirnig anmutet (man denke nur an Detroit als zeitweilige Hauptstadt der Automobilisierung der Welt). 4 Relevanz Städte als interagierend, interdependent und damit als eine spezifische Einheit schaffend zu fassen, ist damit aber keinesfalls obsolet. Städte sind heute mehr denn je elementare Untersuchungseinheiten – in ihnen lebt mehr als die Hälfte der Menschheit, in ihnen findet der Großteil weltweiter Produktion statt, sie sind Knotenpunkte für Migrationen (▷ Migration) und Politiknetzwerke, und sie gelten als strategische Ansatzpunkte in der Bekämpfung des Klimawandels (▷Klima, Klimawandel). Zudem ist im Zuge der World-City-Forschung die nationalstaatliche Fixierung aufgeweicht worden – heute werden Städtesysteme oder -netze zunehmend auf globaler Ebene untersucht (GaWC 2015). Darüber hinaus gelten Beziehungen zwischen Städten als Kern einer Theorie wirtschaftlicher Entwicklung: Nicht nur Agglomerationseffekte (▷Agglomeration, Agglomerationsraum) zählen für Wachstum, sondern auch Netzwerkexternalitäten, also jene positiven Effekte, die aus dem Austausch mit anderen Städten entstehen (▷Netzwerke, soziale und organisatorische): „The external relations of cities are not an optional ‘add-on’ for theorising the nature of cities. Connections are the very raison d’être of cities“ (Taylor 2004: 1). Patin solcher Überlegungen ist Jane Jacobs (1970: 35): „[N]o city economy seems to have grown in isolation from other cities. A city does not grow by trading only with a rural hinterland. A city seems always to have implied a group of cities, in trade with one another“. Dass Berry (1964: 160 f.) ganz ähnlich formulierte („The most immediate part of the environment of any city is other cities“), ging in der raumwissenschaftlich-quantifizierend geprägten Forschung zu Städtesystemen der 1960er und 1970er Jahre leider unter. Entgegen Jacobs’ Vorstellung, dass Beziehungen zwischen Städten durchweg Win-win-Konstellationen sind, soll hier die Idee der Städtehierarchien nochmals aufgegriffen werden. Natürlich sind Städte nicht hierarchisch angeordnet: New York kann Mexico City nichts befehlen – und schon gar nicht auf Basis von Merkmalen wie Bevölkerungsgröße oder Beschäftigung in unternehmensorientierten ▷Dienstleistungen. Solche attributiven Daten führen nur zu einem Ranking, das per se nichts über Beziehungen von Überund Unterordnung aussagt.
Städtesystem 2463 Beziehungen zwischen Menschen, Firmen oder Klassen sind häufig und auf allen Maßstabsebenen durch Zentren und Peripherien gekennzeichnet – beispielsweise als „Weisungsbindungen“ oder „Eigentumsbindungen“ (Bartels 1979: 115). Diese sozialen Machtbeziehungen sind niemals raumlos: In wirtschaftsgeographischer Sicht sind Städte Knotenpunkte in (globalen) Güterketten, in denen Werte geschaffen werden, von denen aus aber auch die Wertschöpfung entlang der Kette (also in anderen Städten) organisiert und entschieden wird, wer sich wo wie viel Wert aneignen kann. Verbindungen zwischen Städten sind somit nicht nur entscheidend für Wohlstandsgewinne, sondern auch für deren – sozial und regional – ungleiche Verteilung. Manche Städte sind in dieser Geographie ökonomischer ▷Governance zentraler als andere: In Downtown New York City leben und arbeiten mehr Menschen, die Spielregeln für andere Menschen aufstellen, als in Mexico City, weshalb man New York in einer Städtehierarchie als „wichtiger“ einstufen kann. Die Städtehierarchie ergibt sich demnach aus lokalisierten und relationalen sozialen Praktiken. Die Analyse dieser Praktiken verlangt nach einer Erweiterung des methodischen Repertoires der Forschung zu Städtesystemen um qualitative Ansätze. Computergestützte Quantifizierungen reichen nicht aus, um zu verstehen, welche Akteure mit welchen Praktiken einen Ort zentral und einen anderen übergeordnet machen (Parnreiter 2014). Diese Frage ist auch 50 Jahre nach Berrys Vorstoß noch wenig untersucht und damit nach wie vor auf der Agenda. Literatur Bartels, D. (1979): Theorien nationaler Siedlungssysteme und Raumordnungspolitik. In: Geographische Zeitschrift 67 (2), 110-146. Berry, B. (1961): City size distribution and economic development. In: Economic Development and Cultural Change 9 (4), 573-587. Berry, B. (1964): Cities as systems within systems of cities. In: Papers of the Regional Science Association 13 (1), 146-163. Berry, B.; Pred, A. (1961): Central place studies: A bibliography of theory and applications. Philadelphia. Blotevogel, H. H. (2002): Städtesystem und Metropolregionen. In: Friedrich, K.; Hahn, B.; Popp, H. (Hrsg.): Nationalatlas Bundesrepublik Deutschland. Band 5: Dörfer und Städte. Leipzig 2002, 40-43. GaWC – Globalization and World Cities Research Network (ed.) (2015): The leading academic thinktank on cities in globalization. http://www.lboro.ac.uk/gawc/ (09.03.2015). Hall, P. (1966): The world cities. London. Hoselitz, B. F. (1955): Generative and parasitic cities. In: Economic Development and Cultural Change 3 (3), 278-294. Jacobs, J. (1970): The economy of cities. New York. Jefferson, M. (1939): The Law of the primate city. In: Geographical Review 29 (2), 226-232.
Städtesystem 2464 Krugman, P. (1996): Confronting the mystery of urban hierarchy. In: Journal of the Japanese and International Economies 10 (4), 399-418. Parnreiter, C. (2013): Does size matter? A critical assessment of the mega-city discourse. In: Mieg, H.; Töpfer, K. (eds.): Institutional and social innovation for sustainable urban development. London, 162-179. Parnreiter, C. (2014): Network or hierarchical relations? A plea for redirecting attention to the control functions of global cities. In: Tijdschrift voor economische en sociale geografie 105 (4), 398-411. Parnreiter, C. (2017): Primacy. In: The Wiley-Blackwell encyclopedia of urban and regional studies. Hoboken, NJ. Pred, A. (1977): City systems in advanced economies: Past growth, present processes, and future development options. New York. Taylor, P. (2004): World city Network. A global urban analysis. London. Bearbeitungsstand: 01/2018