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Einkommens- und Vermoegensentwicklung in Deutschland

Eissel, Dieter

Abstract

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Eissel, Dieter Article Einkommensund Vermoegensentwicklung in Deutschland Intervention. Zeitschrift fuer Ökonomie / Journal of Economics Provided in Cooperation with: Edward Elgar Publishing Suggested Citation: Eissel, Dieter (2004) : Einkommensund Vermoegensentwicklung in Deutschland, Intervention. Zeitschrift fuer Ökonomie / Journal of Economics, ISSN 2195-3376, Metropolis-Verlag, Marburg, Vol. 01, Iss. 1, pp. 22-29, https://doi.org/10.4337/ejeep.2004.01.04 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/277012 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Interpretiert man eine Schuldenreduzierung als notwendige Bedingung, dann liegen die hinreichenden Bedingungen für einen nachhaltigen Entwicklungspfad beispielsweise in einer Politik für ausländische Direktinvestitionen und andere Bereiche, die die Abhängigkeit von ausländischen Kapitalimporten radikal reduziert. Da allerdings per Definition nicht alle Länder der Welt eine solche Politik der Überschüsse gegen den Rest der Welt realisieren können, bedürfte es auch einer Form der multilateralen Koordination zur internationalen Verteilung von Überschüssen und Defiziten. Ob und wie eine solche Koordination erreichbar ist, und wie die spezifischen Politikanforderungen zur Erzielung von externen Überschüssen auszugestalten sind, könnte ema der zukünftigen Berichte zu Handel und Entwicklung der UNCTAD sein. Einkommensund Vermögensentwicklung in Deutschland Dieter Eißel* Vorbemerkung Insgesamt können nicht nur bei der Einkommens-, sondern noch mehr bei der Vermögensverteilung nur Annäherungswerte an die tatsächliche Verteilung gefunden werden, denn »das Bild über die Verteilung und ihre Entwicklung in Deutschland (ist) so diffus wie die vorhandenen Datenquellen lückenhaft und die methodischen Ansätze vielfältig sind« (Becker : ). Dies gilt insbesondere für die Datenlage bei hohen Einkommen und bei den Vermögen. Wichtige Datenquellen für das Geldvermögen und die Vermögenseinkommen der privaten Haushalte stellen in erster Linie die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung des Statistischen Bundesamtes und die gesamtwirtschaftliche Finanzierungsrechnung sowie laufende Kreditstatistiken der Deutschen Bundesbank dar. Auch Ergebnisse der Einkommensund Verbrauchsstichprobe (EVS), des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP) und der Steuerstatistik können verwendet werden. Bei den EVS-Daten ist jedoch zu beachten, dass Haushalte mit mehr als DM . Monatseinkommen nicht befragt werden und daher Daten über die sehr reichen Haushalte nicht vorliegen. Im Prinzip könnte dieser Engpass durch die Steuerstatistiken behoben werden. Diese liegen aber in der Regel noch viel länger zurück. Wegen der Aussetzung der Vermögensteuer werden z. B. seit  auch keine entsprechenden Daten mehr erhoben. Die Daten sind daher – zumindest in den oberen Einkommensbereichen – eher als Trends zu verstehen. Über Armut wissen wir dagegen mehr. Dass sie zugenommen hat, liegt – entgegen der verbreiteten Meinung – nicht an gesunkenen Verteilungsspielräumen, denn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) hat auch im letzten Jahrzehnt, das politisch durch * Universität Gießen. 22 Forum Dieter Eißel: Einkommensund Vermögensentwicklung in Deutschland 23 kontinuierliche Einschnitte in das System der sozialen Sicherung geprägt ist, nicht abgenommen, sondern ist – wenngleich in niedrigen Raten – gestiegen. Nur  ging das BIP in realen Preisen um ,  zurück. Im Ergebnis gab es  ein BIP (in Preisen von ) von . Mrd.  und damit allein in diesem Jahr real  Mrd.  mehr als , die für eine zusätzliche Verteilung zur Verfügung standen. Die Arbeitnehmer /innen konnten allerdings im Durchschnitt hiervon ebenso wenig profitieren wie diejenigen, die auf Sozialtransfers angewiesen sind. Auch die öffentlichen Haushalte gerieten in eine massive Finanzkrise. Stattdessen stiegen die durchschnittlichen Gewinne, massiv unterstützt durch Steuerentlastungen. Daten zur wachsenden Ungleichheit: Einkommen Eine Ausgangslage für die Umverteilungspolitik bildet die Verteilung der funktionellen Einkommen zwischen Kapital und Arbeit auf dem Markt. Hier ist bereits eine Schieflage zu erkennen. Die Bruttolohnquote (der Anteil der Arbeitnehmereinkommen am Volkseinkommen) ging bereinigt (d. h. bei konstant gehaltener Quote von Arbeitnehmer /inne/n an den Erwerbstätigen) von einem Höchststand von ,   bis  in Westdeutschland auf nur noch ,  zurück. Im vereinigten Deutschland stieg die Quote von  mit ,  bis  zunächst an (auf , ) und sank danach wieder ab ( auf , ). Zuletzt gab es wieder einen leichten Anstieg ( auf , ), ohne allerdings die Höhe von Anfang der achtziger Jahre wieder zu erreichen (Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung : Ziff. .). Zur Vermeidung prekärer Lebenslagen, die vor allem durch Einkommensarmut bedingt sind, steht dem (Sozial-)Staat das Instrumentarium der Sozialtransfers und Steuerpolitik zur Verfügung, damit diejenigen, die kein oder zu geringes Markteinkommen erzielen, durch das staatliche Transfersystem ein Einkommen erhalten, das ein angemessenes Leben ermöglicht. Tatsache ist jedoch, so auch der »Erste Armutsund Reichtumsbericht« der Bundesregierung: »Die Bestandsaufnahme und Analyse der Entwicklung in Deutschland bis  macht in fast allen Lebensbereichen deutlich, dass soziale Ausgrenzung zugenommen und Verteilungsgerechtigkeit abgenommen hat« (Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung : XV). Entsprechend den Ergebnissen der EVS  war jeder achte Haushalt (, ) von Armut bedroht, weil er über weniger als das durchschnittliche Einkommen von DM . verfügte. Besonders von Armut betroffen sind allein Erziehende (, ) (Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend : ) und Arbeitslose. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) belegt in einer Auswertung des jährlichen SOEP für Westdeutschland ebenfalls einen Anstieg der Armutsquote (weniger als   des durchschnittlichen Äquivalenzeinkommens) von ,  () auf ,  (); für Ostdeutschland blieb diese Quote mit ,  () und gegenwärtig ,  dagegen relativ konstant (Otto / Siedler : ). Ein besonderer Skandal ist sicherlich, dass in 24 Forum Dieter Eißel: Einkommensund Vermögensentwicklung in Deutschland 25 Deutschland rund eine Million Kinder in Armut leben, wobei sich – der EVS zufolge – das Armutsrisiko erhöht hat:  waren von den Kindern bis  Jahre ,  von Armut betroffen,  lag die Quote bei , . Ähnliche Trends mit ,  bzw. ,  gibt es auch bei der Gruppe der Kinder von  bis  Jahren (Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung : ). Wachsender Reichtum in den Händen Weniger fällt mit wachsender Armut im unteren Einkommensbereich zusammen. Betrachtet man die Einkommensverteilung nach sozio-ökonomischen Haushaltsgruppen, so zeigt sich, dass das Wachstum der (Netto-)Einkommen bei den Selbständigen mit einem Plus von DM . in den er Jahren weit vor den Zuwächsen aller anderen Haushaltsgruppen lag. Die Daten der EVS von  belegen zudem, dass die Selbständigen-Haushalte nicht nur im Durchschnitt ihre Einkommen überdurchschnittlich erhöhen konnten, sondern dass sie auch über eine entsprechend größere Sparsumme verfügten. Sie konnten im Durchschnitt DM . pro Monat an Ersparnis bilden. Haushalte mit Einkommen aus Arbeitslosengeld bzw. -hilfe hatten dagegen mehr Ausgaben als Einkommen und verschuldeten sich im Monat durchschnittlich mit DM . Arbeiterhaushalte konnten bei einer monatlichen Ersparnis von DM  nur rund ein Drittel der Sparsumme der Selbständigen zurücklegen. Bei Beamten- (DM .) und Angestelltenhaushalten (DM ) betrug der Abstand zur Ersparnis der Selbständigen rund   bzw.   (Statistisches Bundesamt :  ff.). Tabelle : Netto-Jahreseinkommen je Haushalt in Deutschland in DM nach dem überwiegenden Lebensunterhalt 1991 2000 nominales Wachstum absolut Selbständige 140.624 173.091 32.467 Beamte 66.303 76.473 10.170 Angestellte 56.720 69.041 12.321 Arbeiter 47.136 56.523 9.387 Arbeitslose 31.098 36.574 5.476 Rentner 32.662 40.486 7.824 Pensionäre 44.980 53.199 8.219 Sozialhilfeempfänger 20.927 26.013 5.086 Haushalte insg. 50.265 60.826 10.561 Quelle: Statistisches Bundesamt  24 Forum Dieter Eißel: Einkommensund Vermögensentwicklung in Deutschland 25 Nach Größenordnungen gegliedert, weisen die Daten der EVS  aus, dass in der erfassten obersten Einkommensgruppe (. bis DM .) die monatliche Ersparnis bei durchschnittlich DM . pro Monat lag, während am unteren Ende die Verschuldung wuchs: Bei Einkommen unter DM . pro Monat verschuldeten sich die Haushalte mit monatlich durchschnittlich DM  und in der nächsten Einkommensgruppe (. bis DM .) immerhin noch mit DM  (Statistisches Bundesamt :  ff.). Hier ist eine Armutsspirale vorgezeichnet, während im oberen Einkommensbereich über Ersparnisse Vermögen aufgebaut oder vergrößert wird, welches wiederum Einkommen generiert. Obwohl es die Arbeitnehmer und ihre Familien sind, welche die größte Abgabenlast (insbesondere durch Zuwächse bei der Lohnund Mehrwertsteuer) tragen, werden sie jetzt von den Kürzungen im Sozialbereich am stärksten betroffen. Im Gegensatz dazu haben sich die Wohlhabenden mit politischer Unterstützung mehr und mehr vom Fiskus verabschiedet. Berücksichtigt man nur die Besteuerung der Kapitalgesellschaften durch Körperschaftsteuern und die der Personengesellschaften bzw. Familienbetriebe durch die veranlagte Einkommensteuer, dann ergibt sich folgende Entwicklung: Zu Beginn der Ära Kohl  hatten beide Steuerarten zusammen noch einen Anteil von ,  am GeAbbildung : Steuerentwicklung - * Anteil ausgewählter Steuern in  der Lohnsteuer Einkommensteuer Mineralölsteuer Gewerbesteuer Körperschaftsteuer Umsatzsteuer 5 10 15 20 25 30 35 40 1960 64 68 72 76 80 84 88 92 96 2002 Quelle: Eigene Berechnung und Darstellung nach Veröffentlichungen des Bundesministeriums der Finanzen und Statistischem Bundesamt * ab  Gesamtdeutschland 26 Forum Dieter Eißel: Einkommensund Vermögensentwicklung in Deutschland 27 samtsteueraufkommen, beim Regierungswechsel zu Rot-Grün  betrug der Anteil ,  und , d. h. nach drei Jahren rot-grüner Regierung, betrug der Anteil zusammen nur noch ,  (vgl. Eißel ). Dass die Steuerund Abgabenlast weitgehend bei den Arbeitnehmer /inne/n hängen blieb, kann man schon daran erkennen, dass deren Bruttolöhne in den Jahren von  bis  durchschnittlich zwar um rund   wuchsen, nach den Abzügen durch Lohnsteuer (+ ) und Sozialabgaben (+ ) die Nettoeinkommen jedoch nur um   stiegen; in realer Kaufkraft gemessen musste eine Einbuße von -  hingenommen werden (Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung : Ziff. . ff). Vermögensverteilung Nach Angaben der Deutschen Bundesbank standen dem für Ende  geschätzten Brutto-Vermögen (außer Produktivvermögen) in Höhe von , Billionen DM Schulden in Höhe von , Billionen DM entgegen, so dass ein Reinvermögen von , Billionen DM bleibt. Jeder Haushalt hatte demnach im Durchschnitt DM . an Geldvermögen und DM . an Gesamtvermögen. Tabelle : Entwicklung des Vermögens der privaten Haushalte brutto in Billionen DM Diese Durchschnittsangaben täuschen jedoch darüber hinweg, dass erstens das Vermögen in Deutschland erheblich konzentriert ist und dass es zweitens eine beachtliche Anzahl von Haushalten gibt, die über gar kein Vermögen verfügen. Nach Angaben der EVS nahm der Anteil der Haushalte, die z. B. über keinerlei Geldvermögen verfügen, in der Zeit von  bis  in Westdeutschland von ,  auf ,  und in Ostdeutschland von ,  auf ,  zu. Das heißt in Deutschland hatten  immerhin , Millionen Haushalte keinerlei Geldvermögen. Angaben über die Konzentration der Vermögensbestände privater Haushalte können letztmals aus der Vermögensteuerstatistik von , allerdings eingeschränkt nach den Bewertungsmaßstäben des Steuerrechts, entnommen werden. Die Daten zeigen, dass die Finanzämter  im früheren Bundesgebiet rund eine Million natürliche Personen / Haushalte zur Vermögensteuer veranlagten; in den neuen Ländern war die VermögenInsgesamt Geld Immobilien langlebige Gebrauchsgüter 1991 10,0 3,4 5,4 1,2 1995 12,7 4,5 6,7 1,5 1998 14,5 5,5 7,3 1,7 1999 17,3 6,7 8,8 1,7 Quellen: Bedau , Deutsche Bundesbank  26 Forum Dieter Eißel: Einkommensund Vermögensentwicklung in Deutschland 27 steuer nicht eingeführt worden. Das steuerlich bewertete Gesamtvermögen der veranlagten Personen belief sich auf  Mrd. DM, worauf  Mrd. DM Vermögensteuer zu entrichten waren. Die gewährten persönlichen und sachlichen Freibeträge bzw. Freigrenzen führten dazu, dass kleinere und mittlere Vermögen nicht veranlagt und somit nicht in der Vermögensteuerstatistik erfasst wurden (Statistisches Bundesamt ). Im Ergebnis zeigt die Vermögensteuer-Statistik von , dass   der Steuerpflichtigen ein steuerlich bewertetes Gesamtvermögen von bis zu DM . hatten; auf sie entfielen   des Gesamtvermögens und   der Vermögensteuer. . Haushalte (,  der Veranlagten) hatten ein steuerliches Vermögen von mindestens  Millionen DM, darunter  Haushalte von mindestens  Millionen DM. Die »oberen Zehntausend« der Steuerpflichtigen (  der Veranlagten) besaßen   des Gesamtvermögens; ihr Anteil an der Steuerschuld betrug  . Auf die . reichsten Haushalte entfielen   des Gesamtvermögens; sie hatten   des Steuervolumens zu zahlen (Bedau :  f.). Die Konzentration der Vermögen ist folglich hoch. Dies gilt auch für die sehr selten erfassten Produktivvermögen: »Die Analyse ergab eine sehr hohe Konzentration des unmittelbaren privaten Unternehmensbesitzes« (Bach / Bartholmai : ). Bach und Bartholmai errechneten für  ein Rohvermögen der gewerbesteuerpflichtigen Unternehmen unter Einbeziehung von Freiberuflern und Landwirten von , Billionen DM (ebenda: ). »Vom Reinvermögen aller Unternehmen  in Höhe von , Bill. DM entfielen rund , Bill. DM auf private Haushalte. In gesamtwirtschaftlichen Darstellungen taucht dieser Teil der privaten Vermögen nicht auf, obwohl er – gemessen an den übrigen Vermögensbeständen (Immobilien, Geldund Gebrauchsvermögen, zum Jahresende  schätzungsweise  Bill. DM) – eine nicht zu vernachlässigende Größe darstellt« (ebenda: ). Aktuelle Zahlen über das gesamte Finanzvermögen sind von der Deutschen Bank Research veröffentlicht worden. Nach deren Angaben ist es in der Zeit von  bis  um durchschnittlich   pro Jahr gestiegen und lag im Jahr  bei . Mrd.  (. Mrd. DM) (Deutsche Bank Research : ). Interessant sind dabei die Veränderungen in der Anlageform: Die Zahlen belegen, dass die Deutschen Mitte der  Jahre Aktien, Wertpapiere und Fonds als relativ neue Anlagen für sich entdeckt haben: Während noch in der zweiten Hälfte der  Jahre im Durchschnitt rund  Mrd. DM pro Jahr für den Erwerb von derartigen Anlagen ausgegeben wurden, hat sich diese Summe nach Angaben der Deutschen Bundesbank im Jahr  auf , Mrd. DM erhöht (Deutsche Bundesbank : * ff.). Das ist eine Steigerung in elf Jahren um das ,-fache. Erst danach verlangsamte sich aufgrund der Börsenturbulenzen der Kauf spekulativer Papiere. Gegenwärtig gibt es nach Angaben des Deutschen Aktieninstitutes rund , Millionen Aktienund Fondsbesitzer. Hochrechnungen aufgrund von Umfragen zeigen, dass im Jahr    der westdeutschen und   der ostdeutschen Haushalte Aktien besaßen; für Investmentzertifikate (überwiegend Fonds) lagen diese Zahlen bei   bzw.  . Bemerkenswert ist dabei, dass die Einkommen aus diesen Kapitalanla- 28 Forum Nadja Rakowitz: Die rot-grüne Gesundheitsreform 29 gen nicht in dem Maße besteuert werden wie Erwerbseinkommen. Dies gilt nicht nur wegen der mangelnden Transparenz und einer illegalen Praxis der Steuervermeidung (insbesondere bei Zinseinkünften), sondern betrifft auch die erheblichen Wertzuwächse, die aufgrund der deutschen Gesetzgebung weitgehend steuerfrei bleiben. Allein von  bis  lagen die unversteuerten Kursgewinne nach Angaben des DIW bei , Mrd. DM (Bedau : ). Genauere Angaben über die Vermögensmillionäre wurden vor kurzem durch eine private Finanzierungsgesellschaft (Merrill Lynch und Cap Gemini Ernst & Young) in einem »German Wealth Report « veröffentlicht (Merrill Lynch /Cap Gemini Ernst & Young ). Seit über  Jahren beobachtet diese Finanzgesellschaft das Segment der Reichen und Superreichen. Ihre Publikation zeigt, dass immer mehr Deutsche EuroMillionäre geworden sind. Deren Zahl ist von  bis  um jährlich ,  auf insgesamt . gestiegen. Ihr Geldvermögen stieg in diesem Zeitraum jährlich um   auf ein Gesamtvermögen von . Milliarden . Insgesamt ,  des gesamtdeutschen Vermögens werden von nur ,  der erwachsenen deutschen Bevölkerung gehalten. . Superreiche mit mehr als  Millionen  an Privatvermögen besaßen insgesamt  Mrd. . Die Anzahl wohlhabender Privatkunden (High Net Worth Individuals / HNWIs) in Deutschland – Privatanleger mit einem Finanzvermögen von jeweils mehr als einer Million US-Dollar ( .) ohne Berücksichtigung von Immobilienbesitz – ist bis Ende  sogar auf . gestiegen, was einer Verdoppelung seit  entspricht. Dies geht aus dem von Cap Gemini Ernst & Young und Merrill Lynch im Juni  veröffentlichten »World Wealth Report « hervor (Merrill Lynch /Cap Gemini Ernst & Young ). Dass der Fiskus so schonend mit den Reichen umgeht, liegt vor allem an Änderungen des Steuerrechts und hat nichts z. B. mit der Rechtssprechung des Verfassungsgerichts im Zusammenhang mit der Vermögensteuer zu tun. Das Verfassungsgericht hatte lediglich die Ungleichbehandlung von Immobilienund Geldwerten moniert und auf eine Abhilfe bis Ende  gedrängt. Da der Gesetzgeber diese Frist nicht eingehalten hat, darf die Vermögensteuer seit  nicht mehr erhoben werden. Konjunkturimpulse hat die Umverteilung zugunsten der Wohlhabenden und des Unternehmenssektors nicht gebracht; im Gegenteil: die Arbeitslosigkeit stieg weiter. Von daher ist es dringend geboten, nicht nur aus Gründen der Stimulierung der Nachfrage, sondern vor allem zugunsten des sozialen Ausgleichs und gesellschaftlichen Zusammenhalts die Richtung der Umverteilung umzukehren und die Wohlhabenden wieder stärker in die Pflicht zunehmen. Literatur Bach, Stefan / Bartholmai, Bernd (): Vermögenswert der Unternehmen – Besitz und Beteiligungen privater Haushalte, in: DIW-Wochenbericht, Jg. , Nr. , S. – Becker, Irene (): Einkommensund Vermögensverteilung in Deutschland: Ein Bild mit unscharfen Konturen, in: Politische Bildung, Jg. , Nr. , S. – 28 Forum Nadja Rakowitz: Die rot-grüne Gesundheitsreform 29 Bedau, Klaus Dietrich (): Geldvermögen und Vermögenseinkommen der privaten Haushalte, in: DIW-Wochenbericht, Jg. , Nr. , S. – Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (): Statistisches Taschenbuch, Berlin Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung (): Lebenslagen in Deutschland. Der erste Armutsund Reichtumsbericht der Bundesregierung, Bonn Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (): Gerechtigkeit für Familien, Schriftenreihe Band , Stuttgart Deutsche Bank Research (): Geldvermögen in Deutschland und Euroland, in: Aktuelle emen, Nr.  Deutsche Bundesbank (): Monatsbericht der Deutschen Bundesbank, H.  Deutsche Bundesbank (): Monatsbericht der Deutschen Bundesbank, H.  Eißel, Dieter (): Einkommensund Vermögensverteilung. Argumente gegen eine wachsende Schieflage, in: Eicker-Wolf, Kai et al. (Hrsg.): »Deutschland auf den Weg gebracht.« Rot-Grüne Wirtschaftsund Sozialpolitik zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Marburg, S. – Merrill Lynch und Cap Gemini Ernst & Young (): German Wealth Report , www.de.cgey.com Merrill Lynch und Cap Gemini Ernst & Young (): German Wealth Report , www.de.cgey.com/servlet/GB/menu/ Otto, Birgit / Siedler, omas (): Armut in Westund Ostdeutschland, in: DIW-Wochenbericht, Jg. , Nr. , S. – Statistisches Bundesamt (): Nettoeinkommen und Zahl der Haushalte nach Haushaltsgruppen  bis , Wiesbaden Statistisches Bundesamt (): Pressemitteilung: Vermögensteuerpflichtige natürliche Personen/Haushalte , Wiesbaden Statistisches Bundesamt (): Einkommensund Verbrauchsstichprobe, Heft , Wiesbaden Die rot-grüne Gesundheitsreform: Modernisierung als Umverteilung Nadja Rakowitz* Das Gesundheitswesen ist – nicht nur in Deutschland – ein bedeutender ökonomischer Faktor. Mit einem Anteil von ca. zehn Prozent des BIP (ca.  Milliarden Euro Umsatz) liegt der Gesundheitssektor deutlich über dem Anteil der Kraftfahrzeugindustrie (vgl. Paetow : ). Trotz dieser im internationalen Vergleich relativ hohen Ausgaben hat der Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen im Jahr  * Universitätsklinik Frankfurt, Institut für Medizinische Soziologie.