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Präferenzmuster städtischen Wohnens in Hamburg: Hintergründe und Entscheidungsprozesse

Breckner, Ingrid

Abstract

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Breckner, Ingrid Book Part Präferenzmuster städtischen Wohnens in Hamburg: Hintergründe und Entscheidungsprozesse Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Breckner, Ingrid (2019) : Präferenzmuster städtischen Wohnens in Hamburg: Hintergründe und Entscheidungsprozesse, In: Scholich, Dietmar (Ed.): Reurbanisierung zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Ein Blick auf nordwestdeutsche Städte und Regionen, ISBN 978-3-88838-423-3, Verlag der ARL - Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover, pp. 98-116, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-4233067 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/205057 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nd/3.0/de/ Die ARL ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft Breckner, Ingrid: Präferenzmuster städtischen Wohnens in Hamburg: Hintergründe und Entscheidungsprozesse URN: urn:nbn:de:0156-4233067 CC-Lizenz: BY-ND 3.0 Deutschland S. 98 bis 116 Aus: Scholich, Dietmar (Hrsg.): Reurbanisierung zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Ein Blick auf nordwestdeutsche Städte und Regionen. Hannover 2019 Arbeitsberichte der ARL 27 98 27 _ REURBANISIERUNG ZWISCHEN WUNSCH UND WIRKLICHKEIT Ingrid Breckner PRÄFERENZMUSTER STÄDTISCHEN WOHNENS IN HAMBURG: HINTERGRÜNDE UND ENTSCHEIDUNGSPROZESSE Gliederung 1 Städtisches Wohnen und Reurbanisierung: Zum Konzept des Beitrags 1.1 Relevante Kriterien städtischer Wohnstandortentscheidungen 1.2 Städtisches Wohnen im Spiegel qualitativer Daten 2 Beziehungen zwischen Wohnund Arbeitsstandorten 2.1 Städtische Vielfalt von Erwerbsmöglichkeiten 2.2 Vereinbarkeit von Beruf und Familie 2.3 Urbane Freiheitsgrade vor, während und nach dem Erwerbsleben: Selbstbestimmung in der Nutzung von Räumen, Kontakten und Infrastruktur 3 Städtisches Wohnen und Mobilität 3.1 Mobilitätsanforderungen und Mobilitätsinfrastruktur 3.2 Mobilitätspraktiken 4 Zum Umgang mit urbanen Zumutungen 4.1 Wohnkosten 4.2 Lärm und Geruch 4.3 Zugang zu Stadtnatur 5 Städtisches Wohnen und Reurbanisierung: Schlussfolgerungen Literatur Kurzfassung Auf der Basis einer Sekundärauswertung qualitativer Studien zu stadtregionalen Wanderungsprozessen in der Metropolregion Hamburg seit 1998 fokussiert dieser Beitrag Motive, Prozesse und Rahmenbedingungen städtischen Wohnens. Sie manifestieren sich in vergleichenden Bewertungen städtischen und suburbanen Wohnens sowie in Hintergründen der Präferenzen für urbane Wohnstandorte. Diese Informationen ergänzen das Spektrum möglicher Erklärungen für Reurbanisierung um Aspekte des sozialen Handelns von Wohnenden. Schlüsselwörter Kriterien städtischer Wohnstandortentscheidungen – Rahmenbedingungen städtischen Wohnens – städtische Wohnqualität als Magnet für Reurbanisierung 99PRÄFERENZMUSTER STÄDTISCHEN WOHNENS IN HAMBURG Patterns of urban living preferences in Hamburg: background and decisionmaking processes Abstract On the basis of a secondary analysis of qualitative investigations of urban regional migration processes in the Metropolitan Region of Hamburg since 1998, this paper focuses on the motives, processes and parameters of urban living. These manifest themselves in comparative evaluations of urban and suburban living, and also in the backgrounds of preferences for urban residential locations. This information extends the spectrum of possible explanations for reurbanisation with factors related to the social behaviour of residents. Keywords Urban residential location decision-making criteria – parameters for urban living – urban quality of life as a magnet for reurbanisation 1 Städtisches Wohnen und Reurbanisierung: Zum Konzept des Beitrags Wissenschaftliche und gesellschaftliche Diskurse zum Bedeutungszuwachs städtischer Wohnstandorte fokussieren Phänomene von Reurbanisierung unter Bezugnahme auf demografische, wirtschaftliche, politische und/oder sozio-kulturelle Manifestationen auf unterschiedlichen räumlichen Maßstabsebenen (vgl. Läpple 2004; Matthiesen 2004; Porter/Shaw 2009; Brake/Herfert 2012; Fricke/Siedentopp/Zakrzewski 2015 oder Körner-Blätgen/Sturm 2016a/b). Spezifischere thematische Ausrichtungen finden sich in Arbeiten zu Reurbanisierung und Mobilität (vgl. Matthes 2016) oder in immobilienwirtschaftlichen Veröffentlichungen, die Entwicklungen auf Wohnungsmärkten auch im Spiegel des Reurbanisierungsdiskurses analysieren (vgl. bulwiengesa 2017 oder ZIA 2017). Diese Arbeiten liefern u.a. Hinweise zu einer Evidenz des Reurbanisierungstrends. Wie lange er anhalten wird, ist unter Immobilienfachleuten umstritten: Der Rat der Immobilienweisen stellt in seinem Gutachten fest, dass sich „die Zuwanderung aus Deutschland durch das Schwarmverhalten junger Menschen auf der Suche nach einem lebendigen Umfeld“ in Berlin und München erkennbar und in Hamburg möglicherweise „deutlich abschwächt“ (ZIA 2017: 249). Demgegenüber geht bulwiengesa (2017: 1) „von einer weiterhin hohen Dynamik der Kernstädte in Agglomerationsräumen und verstädterten Räumen“ aus: „Durch ökonomisch stabile Strukturen, Erwerbsmöglichkeiten, hohe Urbanität bzw. vielfältige Freizeitund Kulturmöglichkeiten sowie [aufgrund, I. B.] einer gut ausgebauten Infrastruktur ziehen sie nationale und internationale Bewohner an. Die Wanderung hin zu starken Wirtschaftsräumen bleibt auch in Zukunft der zentrale Grund für die Dynamik dieser Regionen“ (ebd.). Auch die Untersuchungen von Körner-Blätgen/Sturm (2016a/b) konstatierten eine nachweisbare Attraktivität von Großstädten v.a. für junge Menschen sowie junge und ältere Frauen. Ihre Befunde zeigen außerdem, dass die Zahl der privaten Haushalte in Großstädten schneller steigt als die Zahl der Einwohner, wodurch die Wohnungsnachfrage zusätzlich zur Zuwanderung angeheizt wird. Welche Zusammenhänge sich hinter diesen deskriptiven Daten verbergen und wie das komplexe Geschehen der in- 100 27 _ REURBANISIERUNG ZWISCHEN WUNSCH UND WIRKLICHKEIT dividuellen und kollektiven Wahl von städtischen Wohnstandorten in welchen Zeitphasen und Räumen zu erklären ist, stellt jedoch nach wie vor eine wissenschaftliche und politische Herausforderung dar. Im Wissen um Schwierigkeiten einer befriedigenden Erklärung der Wechselwirkungen verschiedener Einflussfaktoren auf Reurbanisierungsphänomene versucht dieser Beitrag Bewertungen städtischer Wohnstandorte in Hamburg durch abgewanderte und zugezogene Haushaltstypen zu rekonstruieren. Dies erfolgt mit dem Ziel, Deutungsmuster und relevante Kriterien städtischen Wohnens unter Berücksichtigung unterschiedlicher Lebensphasen und kontextueller Rahmungen zu verstehen, um den Stellenwert des Wohnens in Reurbanisierungsprozessen in Verbindung mit anderen Einflussfaktoren zu konkretisieren. Im Anschluss an die konzeptionellen und methodischen Erläuterungen in diesem einleitenden Kapitel richtet sich das analytische Blickfeld in den Folgekapiteln auf Präferenzmuster städtischen Wohnens bei abgewanderten und zugezogenen Haushalten sowie deren Prägung durch > Beziehungen zwischen Wohnund Arbeitsstandorten, > städtisches Wohnen und Mobilität sowie > den Umgang mit urbanen Zumutungen. In jedem dieser Abschnitte werden Querverbindungen zwischen unterschiedlichen Alltagspraktiken herausgearbeitet. Dadurch soll verdeutlicht werden, dass einzelne Zusammenhänge allein weder die Komplexität städtischer Wohnstandortscheidungen noch deren jeweilige, möglicherweise nur temporäre Auswirkung auf Reurbanisierungsphänomene angemessen abzubilden vermögen. Abschließend werden die Befunde im Hinblick auf Zusammenhänge zwischen städtischem Wohnen und Reurbanisierung interpretiert. 1.1 Relevante Kriterien städtischer Wohnstandortentscheidungen Entscheidungen für oder gegen städtisches Wohnen erfolgen nach den ausgewerteten Befunden zu stadtregionalen Wanderungsprozessen stets in Verbindung mit beruflichen Konstellationen, Mobilitätserfahrungen und -anforderungen sowie Alltagspraktiken in mehr oder minder befriedigenden städtischen Wirklichkeiten. Welche Relevanz unterschiedliche Haushalte diesen Rahmenbedingungen jeweils zuschreiben und welche Arrangements sich im urbanen Alltag daraus für welche Zeiträume herausbilden, erweist sich keineswegs als einheitlich. Städtisches Wohnen präsentiert sich empirisch als eine vielschichtige Landschaft von Kompromissen, die einzelne Personen für sich selbst und mehrere Mitglieder eines Haushaltes miteinander und mit ihrem sozialen Umfeld schließen müssen. Ambivalenzen und Widersprüche prägen solche Kompromisse ebenso wie Wissensbestände und Erfahrungshintergründe sowie räumliche gesellschaftliche Wirklichkeiten in bestimmten geschichtlichen Zeitfens- 101PRÄFERENZMUSTER STÄDTISCHEN WOHNENS IN HAMBURG tern. Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, städtisches Wohnen in einem ersten Schritt fallanalytisch mit einem qualitativen, verstehenden Zugang zu erschließen, um danach typologische Figurationen städtischen Wohnens und ihre möglichen Auswirkungen auf Reurbanisierungsprozesse herauszuarbeiten. Auf der Grundlage vorliegender Fallanalysen aus unterschiedlichen Untersuchungen (vgl. Abschnitt 1.2) konzentriert sich dieser Beitrag auf die Identifikation der thematischen Varianz, mit der die Relevanz von Berufstätigkeit, Mobilität, Versorgungsund Freizeitpraktiken und städtischen Lebensbedingungen für oder gegen städtisches Wohnen in bestimmten Zeitabschnitten begründet wird. Städtisches Wohnen sowie Entscheidungen für einen Verzicht auf dessen Vorteile erweisen sich dabei weder als statische noch als kontinuierliche, sondern als mehr oder weniger dynamische Phänomene mit unterschiedlichen sozialen und räumlichen Bezügen. Die angestrebte Erschließung von Typologien städtischer Präferenzmuster und deren Entstehungsgeschichte erfolgt in der Annahme, dass sie die Beurteilung von Reurbanisierungstrends um Einflüsse des sozialen Handelns auf Entwicklungsprozesse städtischer Zuwanderung und deren Konjunkturen auf dem Markt von Wohnimmobilien ergänzen können. 1.2 Städtisches Wohnen im Spiegel qualitativer Daten Als Datengrundlage stehen für diesen Beitrag qualitative Explorationen städtischen Wohnens aus unterschiedlichen selbst durchgeführten Forschungsprojekten1 sowie aus einer sekundäranalytischen Auswertung einer jüngst durchgeführten qualitativen Befragung im Rahmen einer Dissertation zu „Reurbanisierung und Verkehr“ zur Verfügung (vgl. Matthes 2016). Auch wenn das städtische Wohnen nicht im direkten Fokus der Untersuchungen stand, wurden in allen qualitativen Primärerhebungen Motive für städtisches Wohnen bzw. für dessen Ablehnung erhoben. Dieses empirische Material wurde für den vorliegenden Beitrag mit der Perspektive auf Konnotationen zu Reurbanisierungsphänomenen erneut ausgewertet. In der ersten Hamburger Suburbanisierungsstudie im Jahr 1997 wurden ins Umland abgewanderte und vergleichbare in Hamburg verbliebene Haushalte nach ihren Wanderungsbzw. Bleibemotiven befragt (vgl. Breckner/González/Menzl 1998). Die zweite – als Vergleich der stadtstaatlich geprägten Regionen Hamburg und Berlin angelegte und im Zeitraum 2004 – 2006 durchgeführte – Untersuchung fokussierte die Wechselwirkung von Wohnsuburbanisierung mit Entwicklungen der Arbeitsmärkte und der kommunalen Finanzen in ausgewählten Umlandgemeinden (vgl. Menzl 2007; Wixforth 2009). Aus Gründen der räumlichen Vergleichbarkeit werden aus dieser Studie nur die Ergebnisse der befragten Haushalte aus dem Hamburger Untersuchungsgebiet verwendet. In der Hamburger HafenCity lag der Schwerpunkt der Untersuchung auf der Ermittlung von Zuzugsmotiven und Alltagserfahrungen der Menschen, die in den ersten beiden Bauabschnitten in den neuen Stadtteil gezogen sind. Hierbei 1 Dies sind Befunde aus Studien zu Suburbanisierungsmotiven in der Metropolregion Hamburg sowie in Berlin-Brandenburg (vgl. Breckner/González/Menzl 1998; Breckner 2006; Menzl 2007) sowie aus einer qualitativen Befragung von Haushalten, die in Wohnungen der ersten beiden Bauabschnitte in die Hamburger HafenCity zugezogen sind (vgl. Menzl/González/Breckner et al. 2011). 102 27 _ REURBANISIERUNG ZWISCHEN WUNSCH UND WIRKLICHKEIT handelt es sich zweifellos um einen besonderen Fall eines zentral gelegenen Stadtgebietes, das durch die Transformation ehemaliger Hafenflächen für eine zunächst privilegierte Wohnnutzung in Eigentum und freifinanzierter oder genossenschaftlicher Miete erschlossen wurde. Im Kontext von Reurbanisierung zeigt dieser Fall, dass solche städtischen Wohnstandorte auch von Haushalten aus urbanen Randbereichen und aus suburbanen Räumen nachgefragt werden. Die befragten Haushaltstypen decken hinsichtlich Alter, Einkommen, Größe und Mobilitätspraxis ein breiteres Spektrum ab, als in medialen Diskursen vorschnell angenommen (vgl. Menzl/González/ Breckner et al. 2011: 38 ff.). Zu den Studien, an denen die Autorin jeweils beteiligt war, liegen Transkripte qualitativer Interviews vor, die für diesen Beitrag unter dem Aspekt der Reurbanisierung erneut ausgewertet wurden. Die Sekundärauswertung der im Jahr 2013 mit problemzentrierten Interviews erhobenen Befunde von Gesa Matthes (2016: 188 ff.) basiert auf deren Darstellung in Kapitel 5 der Dissertation. Die unterschiedlichen Erhebungszeiträume des für diesen Beitrag ausgewerteten empirischen Materials sind zwar nicht vergleichbar, da sich die Rahmenbedingungen des Wohnens sowohl im Hamburger Kern als auch im Umland durchaus verändert haben. Eine Betrachtung empirischer Befunde aus unterschiedlichen Untersuchungszeiträumen bietet aber die Chance, Veränderungen der relevanten Kriterien für städtisches Wohnen in unterschiedlichen Haushaltstypen ins Blickfeld zu nehmen und deren mögliche Auswirkungen auf Reurbanisierungstrends in unterschiedlichen raumzeitlichen Kontexten zu hinterfragen. Da das empirische Material ausschließlich in Hamburg und dessen suburbanem Umland erhoben wurde, besteht kein Anspruch auf eine allgemeine Geltung für andere urbane und suburbane Räume der Bundesrepublik. Die ausgewählten, teilweise von den Befragten zugespitzt formulierten kontrastierenden Aussagen zeigen lediglich, in welcher Spannweite sich Ambivalenzen für Wohnstandortentscheidungen bewegen und dass auch aus der Stadt abgewanderte Haushalte in anderen Lebensphasen zu ‚Reurbanisierern‘ werden können. 2 Beziehungen zwischen Wohnund Arbeitsstandorten Wohnund Arbeitsstandorte werden von berufstätigen Menschen stets in Beziehung gesetzt, weil sie die größere oder geringere Entfernung zum Arbeitsort im Alltag überwinden müssen. Städte sind insofern für diesen Personenkreis attraktiv, als sie ein breiteres Spektrum und somit eine größere Auswahl von Erwerbsmöglichkeiten bieten. Die bessere Ausstattung von Städten mit Infrastruktur für Alltagsund Gesundheitsversorgung, Bildung und Mobilität erleichtert die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und erweitert Möglichkeiten für Freizeitpraktiken. Aber auch Personen, die noch nicht oder nicht mehr im regulären Erwerbsleben stehen, bieten Städte Gelegenheiten zur Aufbesserung ihrer finanziellen Grundlagen aus Taschengeld, wohlfahrtsstaatlichen Transferleistungen oder Altersbezügen und Zugang zu einem vielfältigeren sozialen, politischen und kulturellen Alltagsleben. Welche Bedeutungen Befragte aus den unterschiedlichen Untersuchungen diesen Aspekten zumessen und wie Letztere mit ihrer Wohnstandortentscheidung in Verbindung stehen, wird im Folgenden anhand des vorliegenden empirischen Materials diskutiert. 103PRÄFERENZMUSTER STÄDTISCHEN WOHNENS IN HAMBURG 2.1 Städtische Vielfalt von Erwerbsmöglichkeiten Die Befunde aus beiden Hamburger Suburbanisierungsstudien verweisen auf eine unterschiedliche Relevanz des vielfältigen städtischen Arbeitsmarktes. Die Mehrheit der Befragten ist im Zuge der Familiengründung mehr oder weniger freiwillig ins Hamburger Umland umgezogen: Manche erfüllten sich damit den Wunsch der Eigentumsbildung und erhofften sich bessere räumliche Bedingungen der Kindererziehung, andere wären gerne in der Stadt geblieben, wenn sie eine passende und bezahlbare Wohnung gefunden hätten. Eine systematische Auseinandersetzung mit Arbeitsmöglichkeiten im Umland fand nur bei wenigen Befragten statt. Männer behielten als ‚Ernährer‘ der Familie mehrheitlich ihren Arbeitsplatz in der Großstadt oder suchten einen neuen im verstädterten Umland. Dafür nahmen sie entsprechende Pendelwege, meist mit dem privaten Pkw, in Kauf. Frauen mit Kindern, die ihre Berufstätigkeit nicht aufgeben wollten oder konnten, waren durch erziehungsbedingte Ortsbindung auf Arbeitsgelegenheiten und Kinderbetreuung am suburbanen Wohnort angewiesen oder mussten sich ebenfalls auf das Pendeln zwischen Wohnung und Arbeitsstätte einlassen (vgl. ausführlicher Abschnitt 2.2). Männer, die ihre Berufstätigkeit mit dem Umzug ins Umland dorthin verlagert hatten, begründeten dies mit erhöhtem Platzbedarf für ihre selbstständige Tätigkeit oder mit dem Umzug ihres Unternehmens, weil in der Stadt notwendige Entwicklungsmöglichkeiten fehlten. Diesbezüglich wurde deutlich, dass mit Wohnsuburbanisierung auch eine Umlandwanderung von Unternehmen einhergehen kann. Letztere hat – wenn auch zeitlich versetzt – zu einer funktionalen Mischung von Umlandgemeinden und längerfristig zur Herausbildung von städtischen Kernen im Umland beigetragen (vgl. Beitrag Matthes in diesem Band). Die nach Haushaltstyp, Geschlecht und Qualifikation unterschiedlichen Beziehungen zwischen Wohnund Arbeitsstandorten spiegeln sich auch in Daten zu Pendlern in der Stadtregion Hamburg. Zum Zeitpunkt der zweiten Suburbanisierungsstudie pendelten deutlich mehr Menschen aus dem Umland nach Hamburg ein (vgl. Abbildung 1). Dieser Trend hat sich nach einer Studie des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) aus dem Jahr 2013 kaum verändert: „Die Zahl der Einpendler mit Wohnsitz außerhalb und Arbeitsplatz innerhalb Hamburgs stieg von 237.100 im Jahr 1989 auf 321.202 im Jahr 2012 an – ein Zuwachs von mehr als 35 %. Bei den Auspendlern fiel der Anstieg mit einer Verdoppelung von 50.200 auf 102.349 noch stärker aus. Insgesamt ergab sich in 2012 ein Pendlersaldo von 218.853 Personen. Diese Entwicklung ist auf eine zunehmende Suburbanisierung der Bevölkerung und von Betrieben (Arbeitsplätzen) sowie auf die günstige Beschäftigungsentwicklung und die Anziehungskraft der Stadt Hamburg zurückzuführen“ (Holtermann/Otto/Schulze 2013: 14). In den Interviews mit Neusiedlern in der Hamburger HafenCity zeichnet sich ein genau konträrer Trend ab: Von den insgesamt 20 befragten Haushalten und zehn beteiligten Haushalten an einer Gruppendiskussion haben vorher die Hälfte am Hamburger Stadtrand oder im Hamburger Umland gewohnt. Den meisten von ihnen war innerstädtisches Wohnen jedoch aus der Kindheit oder durch Ausbildungszeiten vertraut. Mit dem Umzug bezweckten sie v.a. eine Reduzierung der Wegezeiten zu den meist inner- 104 27 _ REURBANISIERUNG ZWISCHEN WUNSCH UND WIRKLICHKEIT städtisch gelegenen Arbeitsplätzen. Die andere Hälfte der Haushalte ist bewusst innerstädtisch umgezogen oder aus deutschen bzw. ausländischen Städten zugewandert. Letztere kannten Hamburg meist aus früheren Arbeitserfahrungen und wünschten sich deshalb, hier auch mal zu wohnen. Ein lange in der Schifffahrtsbranche tätiger Gesprächspartner, der aus dem Ausland mit Frau und Hund in die HafenCity zugezogen ist, begründet seine Entscheidung wie folgt mit lokalen Vorkenntnissen: „(…) ich habe das ja überlegt, wo wird was gebaut (…). (…) übrigens ist mein Büro, in dem ich viele Jahrzehnte gearbeitet habe, bei zwei unterschiedlichen Firmengruppen (…) hier (…) in Richtung Hopfenmarkt, 240 Meter, ich kenne also diese Gegend hier und die Stadt wie meine Westentasche (…) und ich habe mich auch immer wohl gefühlt hier.“ (HC/B9 2007:8)2 Abbildung 1: Pendlerbeziehungen in der Region Hamburg im Jahr 2002 / Quelle: TUHH – DFG-Projekt Suburbanisierung im 21. Jahrhundert Bei einer großen Mehrheit des insgesamt ausgeprägt stadtaffinen Personenkreises spielte die Verkürzung von Arbeitswegen oder die Verbesserung der Erreichbarkeit des Arbeitsplatzes zu Fuß, mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Fahrrad sowie im Falle entfernterer Arbeitsplätze mittels Pkw, Bahn oder Flugzeug eine zentrale Rolle für die Umzugsentscheidung. Wenn ein Umzug nach oder in Hamburg nicht realisierbar gewesen wäre, konnten sich die meisten dieser Befragten nur eine andere Stadt in der Bundesrepublik oder im Ausland vorstellen. Nur einer der befragten Haus2 Die kursiv gesetzten Zitate stammen aus unveröffentlichten Interview-Transkripten. 111PRÄFERENZMUSTER STÄDTISCHEN WOHNENS IN HAMBURG noch an familiäre Immobilienerbschaften und Freizeitimmobilien oder tradierte Freizeitpraktiken (wie z.  B. ihr standortabhängiges Segeln an der Nordsee) gebunden und investierten in ein städtisches Objekt, weil ihre Kinder, denen sie auch etwas ‚Akzeptables‘ vererben wollten, eher urbane Wohnpräferenzen haben. Aufgrund des Wohnens an unterschiedlichen Orten sind solche Haushalte in der HafenCity nur temporär präsent und befürchteten Kritik von Nachbarn, weil sie im Falle von Abwesenheit nicht zur sozialen Kontrolle im Wohnumfeld beitragen. Um sich vermuteten kritischen Fragen und Anmerkungen nicht aussetzen zu müssen, hielten sie sich in der Kontaktaufnahme zu ihren städtischen Nachbarn zurück. Damit schlossen sie sich aber auch aus den existierenden vielfältigen realen und virtuellen sozialen Netzwerken aus und nahmen deshalb deutlich weniger Attraktionen ihres städtischen Wohnstandortes in Anspruch als andere. Befragte mit eher städtisch geprägten Wohnbiographien und außergewöhnlichen beruflichen Mobilitätsanforderungen praktizierten multilokales Wohnen hingegen ganz anders: Sie definierten den Wohnstandort in der HafenCity als „Hauptwohnsitz“ und versuchten, sich trotz temporärer Abwesenheit mit Nachbarn zu vernetzen und im Stadtteil zu engagieren. Diese lokale Praxis widerspricht der Annahme, dass multilokale Haushalte anonymer wohnen als solche mit einer dauerhaften Anwesenheit am Wohnort. Stadtaffine Multilokale wissen offenbar, wie notwendig es bei einem mobilen Lebensstil ist, sich jeweils auch lokal zu verorten und entwickeln im Prozess länger anhaltender Multilokalität die dafür notwendigen Kompetenzen. Bei steigenden gesellschaftlichen Mobilitätsanforderungen verändert sich allmählich die traditionelle Vorstellung von Sesshaftigkeit. So entstehen auch mehr und mehr Haushalte, die Erfahrungen eines mobilen Lebensstils teilen und sich gegenseitig unterstützen können. Dies ist eher an städtischen Wohnstandorten der Fall, weil sich dort mehr Menschen mit einer komplexen beruflichen und privaten Mobilitätspraxis konzentrieren. 4 Zum Umgang mit urbanen Zumutungen Städtisches Wohnen ist selbst dann, wenn sich dafür eine Präferenz herausgebildet hat, durchaus auch mit alltäglichen Zumutungen z.  B. in Form von steigenden Wohnkosten, Lärm, Luftbelastung oder heterogenen Nachbarschaften verknüpft. Städter nehmen sie wahr und lernen im Idealfall, Konzentrationen solcher Zumutungen zu vermeiden bzw. sie gegenüber Vorteilen des städtischen Wohnens abzuwägen. Gelingt eine solche Balance nicht, ist ein Rückzug von städtischen Wohnstandorten vorprogrammiert und dann aus der jeweiligen Erfahrungsperspektive nur folgerichtig. Unerträgliche Zumutungen städtischen Wohnens werden für Reurbanisierung insofern relevant, als sie diese längerfristig infrage stellen und erneut einen gesellschaftlichen Trend der Suburbanisierung einleiten können. Vor diesem Hintergrund ist Stadtpolitik gut beraten, wenn sie neben Anstrengungen für attraktive Ausbildungsund Arbeitsplätze auch die Quantität und Qualität sowie die Kosten des städtischen Wohnens im Blickfeld behält, um Risiken einer Abwanderung erwünschter und notwendiger Bevölkerungsgruppen und Fachkräfte zu vermeiden. 112 27 _ REURBANISIERUNG ZWISCHEN WUNSCH UND WIRKLICHKEIT 4.1 Wohnkosten Höhere städtische Wohnkosten3 – sei es für Mietund Eigentumswohnungen oder unterschiedliche Haustypen – werden in vielen der ausgewerteten Interviews angesprochen. In der ersten Suburbanisierungsstudie wurde der Typus des Preisoptimierers herausgearbeitet, der ins Umland zieht, weil er dort sogar im Eigentum günstiger wohnen kann als in der Stadt (vgl. Breckner/González/Menzl 1998). Bei diesem Personenkreis zeigte sich eine dominante Präferenz für freistehende Einfamilienhäuser, die aber in einigen Fällen aus Kostengründen nicht umsetzbar war. Als Kompromiss wurde dann ein Reihenhaus erworben, in dem sich einige mit dem Wohneigentum verknüpfte Erwartungen nur begrenzt einlösen ließen. Dieser Traum vom Wohneigentum blieb bei vielen Befragten – auch bei zunehmenden Überlegungen, wieder zurück in die Stadt zu ziehen – erhalten, u.a. weil in der Stadt für den Verkaufswert der suburbanen Immobilie keine entsprechende Wohnqualität zu verwirklichen war. Rückwanderer aus dem Umland müssen – das wurde in der zweiten Suburbanisierungsstudie und in der HafenCity-Befragung deutlich – häufig ihren Wohnflächenverbrauch reduzieren, wenn sie an zentralen städtischen Standorten wohnen wollen (vgl. Menzl/González/Breckner et al. 2011). Einige Befragte, die vom Stadtrand oder aus dem Ausland in die HafenCity zugezogen waren, hatten vorher ihr Einfamilienhaus verkauft und suchten sich angemessenes Eigentum im Geschosswohnungsbau. Andere Befragte hatten gemietete Häuser oder Wohnungen am Stadtrand oder im Umland gekündigt und genau überlegt, wie sie die höheren Mieten oder den Eigentumserwerb in der HafenCity finanzieren können. Zu den Wohnkosten rechneten solche Befragte auch regulär anfallende Mobilitätskosten; sie kompensierten die höheren Wohnkosten in der HafenCity u.a. mit einer Reduzierung von Pkw-Besitz oder sogar einem Verzicht darauf und verringerten die Entfernungen zu alltäglich relevanten Orten der Arbeit und Reproduktion durch den Umzug. So eingesparte Kosten und z.T. deutlich verkleinerte Wohnflächen ermöglichten das teurere Wohnen in der HafenCity. 4.2 Lärm und Geruch Städtisches Wohnen ist nicht nur teurer, sondern an vielen Orten auch lauter, beschäftigt den sensiblen Geruchssinn und beeinflusst die Qualität der Atemluft. Die Ölmühle am Südrand der HafenCity reizt z.  B. Geruchsnerven ebenso wie entweichende Luft aus Lüftungsanlagen von Gaststätten. Hinzu kommen Geruchsund Feinstaubemissionen der vielfach noch mit Schweröl betriebenen Schiffe. Als Lärm empfinden einige Städter auch Kindergärten oder Schulen mit Freiräumen in der Nachbarschaft, deren Toleranz inzwischen gerichtlich angeordnet ist. Lärmwahrnehmungen beziehen sich zudem auf Geräusche aus benachbartem Gewerbe, auf unterschiedliche Fahrzeuge, die sich in Straßen eines Wohnquartiers Gehör verschaffen, auf Basketball spielende Menschen und Skater vor Wohnhäusern oder auf Besucherströme in Freizeitlaune. 3 Hierbei ist zu berücksichtigen, dass der Erhebungszeitraum der hier verwendeten Daten weitgehend noch vor den Preissprüngen auf metropolitanen Wohnungsmärkten infolge der Finanzkrise aus dem Jahr 2008 lag. Heute würde sich das hohe Niveau städtischer Wohnkosten vermutlich deutlicher auf Wohnstandortentscheidungen auswirken. 113PRÄFERENZMUSTER STÄDTISCHEN WOHNENS IN HAMBURG Solche Empfindlichkeiten gegenüber städtischen „Zumutungen“ wurden in den Interviews in der HafenCity thematisiert und erforderten kluge Aushandlungsprozesse, um städtische Geräuschund Geruchslandschaften für neu Zugezogene als ‚urbane Normalität‘ erträglich zu gestalten. Dies ist nicht in allen Fällen gelungen. Die HafenCity verzeichnete durchaus auch Abwanderungen derjenigen, die sich in ihren Präferenzen für städtisches Wohnen getäuscht hatten. Ihre geringe Zahl schmälerte jedoch keineswegs die Attraktivität des innerstädtischen Wohnstandortes, wenn man die steigenden Preise der Immobilien seit dem Erstbezug, den geringen Leerstand und die niedrige Fluktuation zum Maßstab nimmt. Lärmund Geruchsbelastungen wurden auch als Umzugsgrund an suburbane Wohnstandorte benannt. Solche städtischen Zumutungen werden aber offenbar von der Priorität der Bildung von Wohneigentum überlagert. Einige Befragte an suburbanen Wohnstandorten stellten jedoch fest, dass ein ruhiges Wohnumfeld jenseits verdichteter Städte aufgrund der zunehmenden Verkehrsdichte keineswegs selbstverständlich und allenfalls in suburbanen Randlagen zu erwarten sei. 4.3 Zugang zu Stadtnatur Suburbanes Wohnen wird in öffentlichen Diskursen vielfach mit einem unmittelbareren Zugang zu Natur konnotiert. In der Realität präsentieren sich suburbane Wohnstandorte jedoch – je näher sie an Kernstädten liegen – weitgehend selbst als verstädtert. Das ‚Grün‘ hinter dem Haus ist dann weiter weg als erwartet oder wird – wie in Kernstädten – auf Balkonen, in Vorgärten, kleinen Gartenparzellen am Haus oder auf Grabeländern4 gepflegt. In der HafenCity wurden Wasserflächen in Ermangelung von weitläufigen Grünräumen zur Stadtnatur erklärt und werden von städtisch sozialisierten Bewohnerhaushalten auch als solche akzeptiert. Mehrere Befragte in der HafenCity waren – wie bereits erwähnt – froh darüber, sich von privat zu pflegender Stadtnatur entlastet zu haben und genossen angesichts beschränkter Zeitbudgets die unterschiedlichen städtischen Freiräume in Parks, Kleingärten, Schwimmbädern zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf urbanen Freizeitwegen. Erst neuerdings entflammt – angeregt durch ein anstehendes Bürgervotum – erneut der Konflikt zwischen dem Erhalt der Stadtnatur und ihrer befürchteten Gefährdung durch den zur Bewältigung von Zuwanderung erforderlichen Wohnungsbau. Letzterer wird deshalb möglichst verdichtet geplant, um Grünflächen u.a. aus ökologischen Gründen in erforderlicher Qualität zu erhalten. Ob diese Maßnahmen überzeugen, wird die Zukunft zeigen. Gelingt diese Gratwanderung nicht, können qualitative und quantitative Einschränkungen der Wahrnehmung und Nutzung von Stadtnatur erneute Abwanderungsprozesse aus städtischen Verdichtungsräumen auslösen und so dem Trend der Reurbanisierung entgegenwirken. 4 Gemeint sind Gartenflächen, die saisonal von einzelnen Haushalten oder Gruppen angemietet werden (vgl. Waeselmann 2018). 114 27 _ REURBANISIERUNG ZWISCHEN WUNSCH UND WIRKLICHKEIT 5 Städtisches Wohnen und Reurbanisierung: Schlussfolgerungen In den Präferenzmustern für städtisches Wohnen wird deutlich, dass urbane Funktionsmischung und ein qualitativ differenziertes Wohnungsangebot nicht nur Möglichkeiten bietet, Arbeitswege mit geringen Zeitverlusten zurückzulegen oder multilokale Arbeitsorte schnell zu erreichen. Auch die Vereinbarkeit von Familie mit Kindern und weiblicher Berufstätigkeit ist in der Stadt aufgrund einer breiten Variation von Kinderbetreuungsund Ausbildungsangeboten leichter zu bewältigen. Hinzu kommen die einfachere Pflege eines breiter gefächerten sozialen Netzwerks sowie der Zugang zu hochwertiger gesundheitlicher, kulinarischer und kultureller Infrastruktur. Die suburbane Funktionstrennung von Wohnen und Arbeiten hat sich durch die dem Wohnen folgende Suburbanisierung von Gewerbe zwar abgeschwächt, ermöglicht aber vor allem höherqualifizierten Bevölkerungsgruppen nicht immer eine adäquate Beschäftigung. Konzentrieren sich qualifizierte Erwerbsmöglichkeiten in Kernstädten, erhält das Wohnen im Umland für stadtaffine Haushalte den Status einer temporären ‚second-best‘-Option, so lange Lebensbedingungen mit Kindern in der Stadt aufgrund von Wohnkosten, Lärm, Gestank und unzureichendem Grün als belastend empfunden werden. Die genannten Aspekte können – in Verbindung mit finanziellen Handlungsspielräumen und biografischen Vorerfahrungen – Entscheidungen für eine Rückkehr an städtische Wohnstandorte oder für einen Verbleib in der Stadt begünstigen. Genießt städtisches Wohnen zudem ein höheres Sozialprestige, kann regionale Stadtwanderung – zusammen mit nationaler und internationaler Zuwanderung – Reurbanisierungstrends auslösen bzw. verstärken. Die untersuchten Befunde zeigen, dass Entscheidungen für städtisches Wohnen im Kontext einer Entwicklungsdynamik von Präferenzmustern in Abhängigkeit von Haushaltsstrukturen und ihrer Veränderung sowie von objektiven Rahmenbedingungen stattfinden. Abbildung 2 verdeutlicht, dass die Entscheidung für das Leben in Städten wie in suburbanen oder ländlichen Räumen wesentlich von sich verändernden haushaltsspezifischen Alltagsarrangements beeinflusst wird (vgl. Menzl 2007). Mehr oder weniger dauerhafte Alltagsarrangements sind jeweils Ergebnisse sich wiederholender Abwägungen zwischen subjektiv beeinflussbaren Lebensentwürfen, Fähigkeiten und Ressourcen sowie objektiven Alltagsanforderungen und ortsspezifischen Möglichkeiten. In Einpersonenhaushalten sind Alltagsarrangements leichter zu komponieren, weil eine Rücksichtnahme auf Bedürfnisse anderer Haushaltsmitglieder entfällt. Einsame Entscheidungen tragen jedoch auch das Risiko, die Komplexität wirkmächtiger Einflüsse zu unterschätzen oder Einzelaspekte einseitig zu betonen, woraus häufigere Wohnstandortwechsel resultieren können. Intensiv durchdachte Abwägungen zeigen sich in den untersuchten Befunden bei berufstätigen Paaren mit kompatiblen Interessen, Personen im Ruhestand sowie bei Haushalten mit Kindern. Insbesondere Letztere müssen unterschiedliche generationelle Ansprüche berücksichtigen und riskieren haushaltsinterne Konflikte, wenn getroffene Wohnstandortentscheidungen nicht für alle Beteiligten akzeptable Perspektiven bieten. 115PRÄFERENZMUSTER STÄDTISCHEN WOHNENS IN HAMBURG Abbildung 2: Entwicklung von Wohnstandortpräferenzen aus Alltagsarrangements / Quelle: TUHH – DFG-Projekt Suburbanisierung im 21. Jahrhundert, eigene Darstellung Bei familiären Trennungen sind es häufig die Männer, die zuerst in die Stadt ziehen, wenn sie dort arbeiten. An suburbanen Wohnstandorten konzentrieren sich dann alleinerziehende Mütter mit niedrigen Einkommen, gegebenenfalls sogar mit Bedarf an wohlfahrtsstaatlichen Transferzahlungen. Reduziertes Steueraufkommen und steigende Sozialkosten schlagen sich in eingeschränkten finanziellen Handlungsspielräumen der Gemeinden nieder, die ihnen kaum ermöglichen, die Bedürfnisse v.a. der zugezogenen städtischen Bevölkerung nach komplexer Infrastrukturversorgung zu befriedigen. Befragte alleinerziehende Mütter, die in der Stadt wohnen, betonten ihre Präferenz für die gewählte Standortentscheidung, da sie ihre erforderlichen komplexen Alltagsarrangements in der Stadt leichter verwirklichen könnten. Inwiefern Haushalte mit höherer Flexibilität in Entscheidungen über Alltagsarrangements wesentliche Träger von Reurbanisierungsprozessen sind und welche Folgen ein gegebenenfalls nachweisbares sozialstrukturelles Bias für Herkunftsund Zielorte hätte, wäre eine vertiefend zu bearbeitende Forschungsfrage. Interessant bleibt auch die Frage nach den Zeitstrukturen, die die Dauer und Dynamik von Alltagsarrangements und damit verbundene Veränderungen von Wohnstandortpräferenzen präziser erklären könnten. Nicht zuletzt wäre genauer zu untersuchen, inwiefern Haushalte mit welchem Migrationshintergrund welche städtischen Wohnstandorte warum bevorzugen und inwiefern sie damit zu Reurbanisierung und zur Vielfalt von Stadtgesellschaften beitragen (vgl. Breckner 2014). 116 27 _ REURBANISIERUNG ZWISCHEN WUNSCH UND WIRKLICHKEIT Literatur Brake, K.; Herfert, G. (Hrsg.) (2012): Reurbanisierung. Materialität und Diskurs in Deutschland. Wiesbaden. Breckner, I. 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