Die volkswirtschaftlichen Kosten der Arbeitskräftefluktuation
Abstract
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Full text
Aschfalk, Bernd; Marettek, Alexander Article Die volkswirtschaftlichen Kosten der Arbeitskräftefluktuation Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Aschfalk, Bernd; Marettek, Alexander (1966) : Die volkswirtschaftlichen Kosten der Arbeitskräftefluktuation, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 86, Iss. 6, pp. 679-694, https://doi.org/10.3790/schm.86.6.679 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291125 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Die volkswirtschaftlichen Kosten der Arbeitskräftefluktuation Von Bernd Aschfalk und Alexander Marettek, Berlin I. Wesen der volkswirtschaftlichen Kosten Der Begriff volkswirtschaftliche Kosten wird bis jetzt in der Volkswirtschaftslehre noch nicht einheitlich verwendet. So bestehen Unterschiede hinsichtlich des Begriffsumfangs -und der Bezeichnung. Man benutzt die Begriffe „Sozialkosten", „«Gesellschaftliche Kosten" umd „Volkswirtschaftliche Kosten" synonym. Im angelsächsischen Sprachbereich ist der Begriff „social costs" üblich. Wegen der mangelnden Eindeutigkeit des Begriffsinhalts muß nachfolgend zunächst das Wesen der volkswirtschaftlichen Kosten klargestellt werden, da sonst nicht deutlich wird, inwiefern und in welchem Umfang die Fluktuation volkswirtschaftliche Kosten verursacht. Diese eingehende Behandlung des Begriffs der volkswirtschaftlichen Kosten ist insbesondere schon deshalb von Bedeutung, weil speziell die volkswirtschaftlichen Kosten der Fluktuation literarisch bisher vernachlässigt wurden. Die vorliegenden Untersuchungen zur Frage der Kosten der Fluktuation erfolgten unter betriebswirtschaftlichen Aspekten, d. h. man behandelte nur die Frage, welche und wieviel Kosten dem Betrieb durch Fluktuation entstehen. Es ist das Verdienst Kapps, als erster eine umfassende Studie unmittelbar über das Problem der volkswirtschaftlichen Kosten verfaßt zu haben1. Nach Kapp bezieht sich „der Begriff der ,Sozialkosten6.. . auf alle diejenigen Verluste und Schäden (bezieht), die Drittpersonen oder die Gesellschaft als Folge der Produktion erleiden und für die private Unternehmer nicht ohne weiteres verantwortlich gemacht werden können"2. 1 K. William Kapp: Volkswirtschaftliche Kosten der Privatwirtschaft. TübingenZürich 1958. Übersetzt aus dem Englischen. Originaltext: The Social Costs of Private Enterprise. Havard University Press 1950. 2 Kapp: Volkswirtschaftliche Kosten a. a.O. S. 13. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.6.679 | Generated on 2023-04-04 11:37:54
680 Bernd Aschfalk und Alexander Marettek Kapp nennt und behandelt dazu im einzelnen: 1. Die Beeinträchtigung des Menschen (Betriebsunfälle, Berufskrankheiten, Frauenund Kinderarbeit sowie die volkswirtschaftlichen Kosten der Ausbeutung des Menschen) 2. Die volkswirtschaftlichen Kosten durch Luftverunreinigung 3. Die volkswirtschaftlichen Kosten durch Gewässerverunreinigung 4. Plünderung und Vernichtung der Fauna 5. Die vorzeitige Erschöpfung von Energiequellen 6. Bodenerosion, Bodenauslaugung und Abholzung 7. Die volkswirtschaftlichen Kosten des technischen Fortschritts 8. Die volkswirtschaftlichen Kosten der Arbeitslosigkeit und brachliegender Produktionsfaktoren 9. Monopole und volkswirtschaftliche Verluste 10. Volkswirtschaftliche Kosten der Distribution 11. Volkswirtschaftliche Kosten im Transportwesen 12. Der Leerlauf der Wissenschaft Kapp nennt folgende zwei Kriterien8: „1. Sie (die volkswirtschaftlichen Kosten, d. Verf.) isind aus ider Wirtschaftsrechnung der disponierenden Wirtschaf tssubjekte ausgeschlossen; 2. sie werden auf dritte Personen oder die Gesamtheit abgewälzt4." Die genannten Kriterien treffen für alle volkswirtschaftlichen Kosten zu, die vom Arbeitnehmer „verschuldet", id. h. auf Grund unwirtschaftlichen Arbeitens von ihm verursacht werden. Damit sind sie zur Leistungserstellung nicht unbedingt erforderlich; denn sie übersteigen ein gewisses Normalmaß. Als Maßstab hierfür könnten die Vorgaben einer Standardkostenrechnung auf der «Basis einer normalen Leistungsfähigkeit benutzt werden. Die Überschreitungen dieser Vorgaben haben, betriebswirtschaftlich gesehen, Kostencharakter. Sie stellen jedoch auch volkswirtschaftliche Kosten dar; denn erstens gehen sie nicht in <die Wirtschaftsrechnung des disponierenden Wirtschaf tssubjekts, hier in die des unökonomisch arbeitenden Arbeitnehmers als Kostenverursacher ein, sondern in «die des Betriebes, unid zweitens werden die vom Arbeitnehmer unnötig verursachten Kosten zunächst auf den Betrieb als Dritten abgewälzt. Analog müssen diese Überlegungen auch für die betriebswirtschaftlichen Kosten der Fluktuation gelten, sofern sie von Arbeitnehmern 3 Kapp: Art. Sozialkosten. In: HdSw. 9. Band. Stuttgart-Tübingen-Göttingen 1956. S. 525. 4 Ähnlich Friedrich. Bülow: Volkswirtschaftslehre. Berlin und Frankfurt a. M. 1957. S. 321. Ähnlich auch Elisabeth Lauschmann, die es für zweckmäßig hält, „nur diejenigen Kosten als social costs zu bezeichnen, die neben bzw. zusätzlich zu den von den einzelnen Ökonomen für die Erstellung ihrer Produkte selbst aufgewandten Kosten entstehen44. Entsprechend diesem Begriffsinhalt schlägt sie als deutsche Bezeichnung den Ausdruck „soziale Zusatzkosten" vor. (Elisabeth Lauschmann: Zur Frage der „social costs44. Jahrbuch für Sozialwissenschaft. Bd. 4/10 (1959). S. 202. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.6.679 | Generated on 2023-04-04 11:37:54
Die volkswirtschaftlichen Kosten der Arbeitskräftefluktuation 681 „verschuldet" werden. Das ist dann der Fall, wenn Kündigungen seitens der Arbeitnehmer einen gewissen „Normalsatz" übersteigen. Für die Bestimmung dieses Normalsatzes sind zwei Gesichtspunkte maßgebend: Erstens ist eine bestimmte vom Arbeitnehmer verursachte Fluktuation im Interesse seiner beruflichen Fortbildung und damit \der Erhöhung seiner Leistungsfähigkeit notwendig und somit wünschenswert. Zweitens muß eine Fluktuation tendenziell zu den Orten höchster volkswirtschaftlicher Produktivität (= Unternehmen mit überdurchschnittlichen Gewinnen und dadurch möglichem vergleichsweise höheren Lohnniveau) als vorteilhaft angesehen werden. Die für eine solche Normalfluktuation entstehenden Kosten sind somit „produktiv" aufgewendet. Sie müssen vom Gesamtbetrag der Fluktuationskosten "abgesetzt werden. Nur der dann verbleibende Betrag kann als volkswirtschaftliche Kosten bezeichnet werden. Nunmehr ist zu prüfen, ob iund in welchem Umfang betriebswirtschaftliche Kosten gleichzeitig als volkswirtschaftliche angesehen werden müssen, die aus UnWirtschaftlichkeiten herrühren, für die der Betrieb verantwortlich ist. Diese Frage ergibt sich, weil derartige Kosten in /die Wirtschaftsrechnung des Betriebes eingehen, d. h. von ihm als 'dem Verursacher auch getragen werden, mithin das erste Kriterium für volkswirtschaftliche Kosten nicht vorliegt. Diese Frage gilt analog für den hier interessierenden Spezialfall, für die dem Betriebe entstehenden Kosten aus ider Fluktuation, soweit diese von ihm zu verantworten ist. Vergleicht man die weiter oben aufgeführten, van Kapp in zwölf Punkten behandelten Erscheinungsformen volkswirtschaftlicher Kosten mit den beiden von ihm formulierten Kriterien sowie mit seiner Definition, so ist festzustellen, daß einige ider genannten Erscheinungsformen dadurch nicht gedeckt wenden. Dies gilt z. B. für Teile der volkswirtschaftlichen Kosten der Arbeitslosigkeit und brachliegender Produktioinsfaktoren5, „soziale Verluste, die durch Monopole verursacht werden, Sozialisten, die innerhalb des Verteilungsprozesses und im Transportwesen entstehen, und letztlich Verluste, die sich aus der Behinderung der wissenschaftlichen Forschung ergeben"6. Kapp sieht selbst, daß derartige Volkswirtschaftlichie Kosten nicht voll von seinen Kriterien gedeckt werden; denn er fährt fort: „Diese sozialen Verluste unterscheiden sich insofern von anderen Sozial5 Diese Beispiele umfassen auch solche Fälle, in denen der arbeitsplatzwechselnde Arbeitnehmer — gleichgültig, ob er kündigte oder gekündigt wurde — vorübergehend, d. h. zwischen Beendigung des alten und Beginn des neuen Arbeitsverhältnisses, unbeschäftigt war und somit nichts zur Bildung des Sozialprodukts beitragen konnte. 6 Kapp: Volkswirtschaftliche Kosten a.a.O. S. 2. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.6.679 | Generated on 2023-04-04 11:37:54
682 Bernd Aschfalk und Alexander Marettek kosten, als sie nicht notwendigerweise eine Abwälzung von Kosten auf Dritte mit sich bringen, sondern sich eher in einer verminderten Leistungsfähigkeit des Wirtschaftssystems als Ganzem äußern7." Derartige volkswirtschaftliche Kosten stellen praktisch einen Nutzenentgang der Volkswirtschaft dar, der im übrigen nicht generell als Folge der Produktion angesehen werden kann8. Im angelsächsischen Sprachgebraudi spricht man hier von „social opportunity costs". Damit wird der Biegriff der volkswirtschaftlichen Kosten erheblich erweitert: Neben dem iGutsverzehr, der durch die Produktion hervorgerufen wird und Dritten oder der Allgemeinheit zur Last fällt, bezieht Kapp letztlich auch alle Verluste in den Begriff der volkswirtschaftlichen Kosten ein, die durch unökonomischen oder überhaupt fehlenden Einsatz von vorhandenen Produktionskräften entstehen. Bei konsequenter Anwendung dieses erweiterten Begriffs stellen sich vom Betriebe verschuldete Unwirtschaftlichkeiten als volkswirtschaftliche Kosten dar; denn sie bedeuten bei Betrachtung aller Betriebe eine verminderte Leistungsfähigkeit des Wirtschaftssystems als Ganzem. Als gedanklicher Maßstab für derartige Unwirtschaftlichkeiten kommen hier ebenfalls die Vorgaben einer Standardkostenrechinuing in Frage. Die Mengenabweichungen könnein als social opportunity costs angesehen werden, weil sie einen über das zur Leistungserstellung unter normalen Bedingungen Notwendige bzw. Übliche hinausgehenden Mehrverbrauch darstellen. Insoweit sind also audi von den Betrieben zu verantwortende betriebswirtschaftliche Kosten gleichzeitig volkswirtschaftliche Kosten. Als Ergebnis kann somit festgestellt wenden, daß bei der Begriffsbildung der volkswirtschaftlichen Kosten ein engerer und ein weiterer Begriff zu unterscheiden ist. Der engere Begriff beruht voll auf den Kriterien, die Kapp für die volkswirtschaftlichen Kosten nennt. Hierher gehören auch alle vom Arbeitnehmer durch Arbeitsplatzwechsel verursachten Kosten, sofern sie aus einer übernormalen Fluktuation entstehen. Der weitere Begriff ist dadturch gekennzeichnet, daß er zusätzlich den volkswirtschaftlichen Nutzenentgang, die social opportunity costs, umfaßt. Hierher gehören solche Fluktuationskosten, die vom Betrieb zu verantworten sind und auch von ihm getragen werden. Diese stellen dadurch jedoch einen Nutzenentgang für die Gesamtheit dar, daß das Überschreiten eines als normal oder zur Leistungserstellung im weiteren Sinne erforderlich zu bezeichnenden Güterund Dienstever7 Kapp: Volkswirtschaftliche Kosten a.a.O. S. 2. 8 Gisela Abromeit spricht hier von „hauptsächlich durch die Wirtschaftsorganisation als solche verursachte (n) volkswirtschaftliche(n) Kosten". (Gisela Abromeit: Volkswirtschaftliche Kosten. Diss. TU Berlin 1954. S. 29.) OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.6.679 | Generated on 2023-04-04 11:37:54
Die volkswirtschaftlichen Kosten der Arbeitskräftefluktuation 683 zehrs eine gesamtwirtschaftliche Leistungsminderung bedeutet (Vergeudung vorhandener Produktivkräfte). Somit sin'd die Kosten (des Arbeitsplatzwechsels unabhängig von der Frage, ob vom Arbeitnehmer oder Betrieb zu verantworten, als volkswirtschaftliche Kosten zu bezeichnen. Deshalb können nachfolgend "die Fluktuationskosten, soweit sie einen gewissen, noch zu bestimmenden Normalsatz überschreiten, insgesamt als volkswirtschaftliche Kosten angesehen werden. II. Begriff und Messung der Fluktuation Goossens 9 ordnet den Begriff „Fluktuation" dem Begriff „Personalwech&el" unter. Er unterscheidet «den zwischenbetrieblichen PersonalWechsel (= Fluktuation), (den innerbetrieblichen Personalwechsel (= Umbesetzung von Arbeitsplätzen durch bereits im Betriebe beschäftigte Arbeitskräfte) und den außerbetrieblichen Personalwechsel (= Eintritt von Arbeitskräften in einen Betrieb, die bisher nicht beschäftigt waren, z. B. Lehrlinge, bzw. Ausscheiden von Arbeitskräften, die in anderen Betrieben nicht mehr beschäftigt werden, z. B. 'durch Tod, Pensionierung)10. Im vorliegeniden Zusammenhang ist mur die Fluktuation, d. h. der zwischenbetriebliche Wechsel von Arbeitskräften zu untersuchen. Sie umschließt (daher Ausund Eintritt, wobei in jedem Falle unmittelbar zwei Arbeitsplätze in zwei Betrieben betroffen werden. Dabei ist es unerheblich, ob das Arbeitsverhältnis infolge Entlassung durch (den Arbeitgeber oder Kündigung d/urch den Arbeitnehmer bezw. durch eine Vereinbarung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer beendet wird. Die starke Fluktuation, die in Deutschland in den letzten Jahren zu verzeichnen war, ist ein Zeichen der Vollbeschäftigung einer VolksFranz Goossens: Der Personal-Wechsel. Pöcking/Starnberger See 1957. 10 Hierbei ist nicht zu übersehen, daß auch der innerbetriebliche Personalwechsel erhebliche Kosten verursacht, was jedoch oft nicht richtig erkannt wird. Zumeist ist der innerbetriebliche Personalwechsel zu begrüßen, da er der Arbeitsverbesserung dient, indem er den „richtigen Mann an den richtigen Platz" bringt. Auch in sozialer Hinsicht hat er in der Regel eine durchaus positive Bedeutung, kann allerdings auch ein negatives Vorzeichen bekommen (Umbesetzungen auf geringer bezahlte — bzw. positionsmäßig niedrigere — Arbeitsplätze wegen Leistungsminderungen aus Altersoder Gesundheitsgründen). Fox weist auf eine englische Studie hin, nach der ein innerbetrieblicher Arbeitsplatzwechsel fast bis zu 70°/o der Kosten eines zwischenbetrieblichen Wechsels hervorruft. Robert Fox: Was kostet der Wirtschaft die Fluktuation der Arbeitskräfte (labour turnover)? In: Hessisches Institut für Betriebswirtschaft e. V. und Arbeitgeberverband der hessischen Metallindustrie e.V. (Hrsg.): Warum Arbeitskräfte wechseln: Die Fluktuation — Ursachen und Bekämpfung — Erfassung und Kosten. Düsseldorf 1960. S. 147. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.6.679 | Generated on 2023-04-04 11:37:54
684 Bernd Aschfalk und Alexander Marettek Wirtschaft. Es handelt sich hierbei aber durchaus nicht um eine Erscheinung der neueren Zeit. Schwennicke11 weist darauf hin, daß bereits im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Klagen der Unternehmer über häufige Arbeitsplatzwechsel laut wurden12. Für die Zeit von 1870 bis 1890 ist der Arbeiterwechsel wiederholt mit 70 bis 80% der Belegschaft im Jahr angegeben worden. Man wind diese Angaben jedoch mit einer gewissen Vorsicht betrachten müssen13. Schwennicke führt aus, daß nur in Zeiten der Not (1914 bis 1924, 1930 bis 1935, 1945 bis 1950) .und des staatlichen Zwangs (1938 bis 1945) die Fluktuation eine Höhe hatte, die in den Jahren von 1930 bis 1955 als „normal" angesehen wurde. Vor dem ersten Weltkrieg und von 1925 bis 1929, also in Zeiten mit iauf steigender Wirtschaftsentwicklung, erreichte die Fluktuation etwa die seit 1955 bekannte Höhe. Hinsichtlich der Messung der Fluktuation besteht keine einheitliche Auffassung, so daß Vergleiche von veröffentlichten Zahlen — wenn überhaupt — nur mit größten Vorbehalten möglich sind. Das australische Arbeitsamt z. B., das sich wegen der ¡starken Fluktuation auf diesem Kontinent schon frühzeitig mit diesem Problem beschäftigte, berechnet die Kündigungen, für die Neueinstellungen notwendig werden. Andere Berechnungen beziehen alle Kündigungen mit ein, wieder andere berücksichtigen nur die Neueinstellungen. Teilweise wertden sowohl die Kündigungen als auch die Neueiinstellungen beredinet, dann wird aber nur die niedrigere der beiden Ziffern ausgewertet. In Deutschland wurde zunächst hauptsächlich die sog. „SchlüterFormel" angewandt14: T.1TT /. */ X A X 100 (m •/.) =pBb+ z Dabei bedeutet FIKz = Fluktuationskennziffer (für Monat, Vierteljahr, Halbjahr oder Jahr) A = Abgänge in der betreffenden Periode PBb = Personalbestand zu Beginn der Periode Z = Zugänge innerhalb der Periode 11 Carl H. Schwennicke: Zur Fluktuation der Arbeitskräfte. Der Arbeitgeber. 1959. S. 588 f. sowie S. 616 f. 12 Vgl. auch Helmut Schlüter: Fluktuation: Begriff — Erfassung — Ursachen — Bekämpfung. In: Hessisches Institut für Betriebswirtschaft e. V. und Arbeitgeberverband der hessischen Metallindustrie e. V. (Hrsg.): a.a.O. S. 47. 13 Das Errechnungsverfahren ist nicht bekannt, auch bestand ein anderes Kündigungsrecht als heute. 14 Vgl. Schlüter: Fluktuation: Begriff a.a.O. S. 47 f.; sowie Helmut Schlüter: Fluktuation — eine zeitgemäße Untersuchung. In: Arbeit und Sozialpolitik. 1958. S. 157 f. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.6.679 | Generated on 2023-04-04 11:37:54
Die volkswirtschaftlichen Kosten der Arbeitskräftefluktuation 685 Die Schlüter-Formel wurde bis Mitte 1961 auch von der Bundesveremigung der deutschen Arbeitgeber-Verbände (BDtA) empfohlen. Seitdem geht der BDA von folgender Formel aus15: F1Kz = PBd X 100 Hierbei repräsentiert PB^ den durchschnittlichen Personalbestand. Die Zentralstelle der Berliner Arbeitgeber-Verbänide verwendet für ihre Fluktuation&erhebungen beide Formeln16. Einig ist man sich darüber, daß zur Fluktuation „weder die natürlich bedingte Verminderung des Personalbestandes (Tod, Erreichung der Altersgrenze, Invalidisierung oder sonstige gesundheitlich bedingte Ursachen) noch die sozialrechtlich bedingten Abgänge (Übergang aus dem Arbeiterin das Angestelltenverhältnis oder umgekehrt)", zu rechnen sind17. Nur alle übrigein „echten Austritte" sind für die Ermittlung der Fluktuationskennziffer zu berücksichtigen18. Der weitaus größte Teil (>etwa 70 bis 75 ^/o) der „echten Austritte" ist z. Z. auf Kündigungen von Seiten der Arbeitnehmer zurückzuführen19. Schwierigkeiten hinsichtlich der Beurteilung der Aussagekraft von veröffentlichten Fluktuatioixszahlen ergeben sich dadurch, daß oft nickt angegeben wird, ob bereinigte oder unbereinigte Austrittszahlen den Berechnungen zugrunde gelegt wurden. III. Umfang der Fluktuation in der BRD Umfangreiche Daten über die Fluktuation liegen lediglich für die Jahre 1959 bis 1961 auf Grund einer Untersuchung der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslos-eniversicherung vor20: 15 Zentralstelle der Berliner Arbeitgeber-Verbände (Hrsg.): Bericht über die Fluktuation in ausgewählten größeren Betrieben der Berliner Wirtschaft. II. Quartal 1966 vom 30. September 1966. 16 Die Unterschiede zwischen den sich ergebenden Fluktuationskennziffern sind bei relativ geringer Fluktuation klein, werden aber mit deren Zunahme laufend größer. Wechselt die gesamte Belegschaft einmal im Jahr, so ergibt sich bei Anwendung der Schlüter-Formel eine Fluktuationskennziffer von 50®/o, bei der BDA-Formel eine von 100 %>. 17 Vgl. Arbeitsbericht Nr. 9 des Ausschusses für soziale Betriebsgestaltung bei der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeber-Verbände. 18 Schlüter: Fluktuation: Begriff a.a.O. S. 70 f. Schlüter beredinet deshalb eine „unbereinigte" Fluktuationskennziffer, in der im Zähler sämtliche Abgänge und eine „bereinigte" Fluktuationskennziffer, in der im Zähler nur die „echten Austritte" erfaßt sind. Die Zentralstelle der Berliner Arbeitgeber-Verbände unterscheidet zwischen „Gesamtfluktuation" und „Konditionsfluktuation", wobei im Zähler des letzten Begriffs die „echten Austritte" angeführt werden. 19 Vgl. Zentralstelle der Berliner Arbeitgeber-Verbände (Hrsg.): a.a.O. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.6.679 | Generated on 2023-04-04 11:37:54
586 Bernd Aschfalk und Alexander Marettek FluktuatiHäufigkeit des Arbeitsplatzwechsels Jahr onsgradea) (in °/o) (in °/o) einmal zweimal mehrmals 1959 15,8 67,2 20,4 12,4 1960 14,5 68,7 19,5 11,8 1961 11,5 68,1 20,1 11,8 a) Anteil der Arbeitsplatzwechsler an der Gesamtzahl der Beschäftigten im jeweiligen Berichtsjahr. Nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung hat sich die Fluktuation 1965 gegenüber 1961 nicht vergrößert21. Für die nachfolgende Kostenberechnung werden die Daten der Jahre 1959 und 1965 zugrunde gelegt. Auf Grund der angegebenen Daten lassen sich die Fluktuationsquoten wie folgt beredinen (nach BDA): 1959 (Fluktuationsgrad 15,8 ®/o) einmaliger Wechsel 67,2 Vo X 15,8 = 10,62 Vo zweimaliger Wechsel (20,4 Vo X 15,8) X 2 = 6,45 °/o mehrmaliger Wechsel22 (12,4 */o X 15,8) X4 = 7,94 Vo 25,01 V® Die Fluktuationsquote beträgt somit für 1959 (gerundet) 25 %>. Bei insgesamt rd. 21,5 Mill. unselbständig Beschäftigten23 errechnen sich danach für 1959 rld. 5,4 Mill. zwischenbetriebliche Arbeitsplatzwechsel24. 1965 (Fluktuationsgrad 11,5 Vo) einmaliger Wechsel 68,1 Vo X 11,5 = 7,83 Vo zweimaliger Wechsel (20,1 Vo X 11,5) X 2 = 4,62 Vo mehrmaliger Wechsel22 (11,8 Vo X 11,5) X 4 = 5,43 Vo 17,88 Vo Die Fluktuationsquote beträgt somit für 1965 (gerundet) 18 °/o25. Bei insgesamt rd. 24,1 Mill. unselbständig Beschäftigten23 errechnen 20 Vgl. die Angaben über die Fluktuation der Arbeitskräfte in den letzten drei Jahren im Bundesgebiet einschließlich Berlin (West). In: Amtliche Nachrichten der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung (ANBA). 1962. S. 208 f. 21 Vgl. ANBA 1966. S. 151. 22 Unterstellt wird ein Durchschnitt von vier Arbeitsplatzwechseln je fluktuierender Arbeitskraft dieser Gruppe. 23 Vgl. Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland. 1966. S. 148. 24 Dieses Ergebnis liegt etwas unter dem von der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung angegebenen Wert von 5,7 Mill. (vgl. Der Arbeitgeber 1962. S. 444). 25 Diese Quote läßt sich nicht mit der von der Zentralvereinigung Berliner Arbeitgeberverbände genannten vergleichen, da diese den Durchschnitt der Fluktuationsquoten von Quartalen betreffen, während es sidi in der vorliegenden Arbeit um Jahresquoten handelt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.6.679 | Generated on 2023-04-04 11:37:54
Die volkswirtschaftlichen Kosten der Arbeitskräftefluktuation 693 der Wirtschaftsrechnung der .disponierenden Wirtschaftssubjekte (¡Betriebe und/oder fluktuierende Arbeitskräfte) 'ausgeschlossen", und zum anderen werden sie „auf dritte Personen oder die Gesamtheit abgewälzt". Im Statistischen Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland 1960 (S. 399) werden die Kosten der Arbeitsvermittlung und Berufsberatung für 1959 mit 297 Mill. «DM angegeben. Dieser ganze Betrag ist jedoch. nicht fliuktuationsbedingt, da hierin auch die Aufwendungen für Berufsberatung und Vermittlung von Berufsanfängern enthalten sind. Auf diese entfallen schätzungsweise 2 bis 2,5 Mill. Fälle, während die Zahl der gekündigten Arbeitnehmer, die über das Arbeitsamt eine neue Stellung erhalten, etwa mit 1,2 Mill. anzusetzen ist. Als volkswirtschaftliche Kosten auf Grund der Fluktuation können somit nur etwa ein Drittel von 297 Mill. DM, also rd. 100 Mill. DM angenommen werden. Die Kosten der Krankenkassen usw. werden mit rd. 20 Mill. DM angesetzt. Der für 1959 insigesamt anzusetzende Betrag beläuft sich somit auf rd. 120 Mill. DM. Für 1965 ist auf der Kostenbasis von 1959 ein etwa gleichhoher Betrag zu unterstellen, auf der Kostenbasis 1965 ein Betrag von etwa 175 Mill. DM. 4. Gesamtkosten Als volkswirtschaftliche Kosten der Arbeitskräftefluktuation insge samt ergeben sichsomit: 1959 (Kostenbasis 1959) 1965 (Kostenbasis 1965) 1. 2. 3. Betriebliche Kosten Gesamtwirtschaftlicher Nutzenentgang Sonstige Kosten . DM 9,15 Mrd. DM 0,26 Mrd. . DM 0,12 Mrd. DM 6,48 Mrd. DM 0,27 Mrd. DM 0,12 Mrd. DM10,24 Mrd. DM 0,32 Mrd. DM 0,18 Mrd. insgesamt • DM 9,53 Mrd. DM 6,87 Mrd. DM 10,74 Mrd. Aus dieser Tabelle ergibt sich, daß der mit Abstand größte Betrag der volkswirtschaftlichen Kosten der Arbeitskräftefluktuation (über 95 °/o) in den Betrieben anfällt. 1965 ist gegenüber 1959 bei Zugrundelegung der Kostenbasis von 1959 ein erheblicher Rückgang (um rd. 28 °/o) der gesamten volkswirtschaftlichen Kosten der Arbeitskräftefluktuation zu verzeichnen. Dieser ist hauptsächlich auf die Förderung des Winterhaus zurückzuführen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.6.679 | Generated on 2023-04-04 11:37:54
694 Bernd À6chfalk und Alexander Marettek Um die Bedeutung der ermittelten volkswirtschaftlichen Kosten der Arbeitskräftefluktuation abschätzen zu können, werden diese einmal dem jeweiligen Nettosozialprodoikt gegenübergestellt, zum anderen auf die Anzahl der unselbständig Beschäftigten bezogen: Die ermittelten gesamten volkswirtschaftlichen Kosten 'der Arbeitskräftefluktuation belief en sich 1959 auf 4,16 °/o und 1965 auf 2,67 % des Nettosozialprodiukts. Pro unselbständig Beschäftigten ergab sich für 1959 ein Betrag von 443,— DM oder knapp 37,— DM im Monat. 1965 beliefen sich diese Sätze (Kostenbasis 1965) auf 446,— DM bzw. etwas über 37,— DM pro Monat, umgerechnet auf die Kostenbasis von 1959 ergeben sich dagegen nur 285,— DM bzw. knapp 24,— DM im Monat. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.6.679 | Generated on 2023-04-04 11:37:54
