[Rezension] Arbeitssoziologie
Abstract
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Full text
Peters, Christian Helge Book Review — Published Version [Rezension] Arbeitssoziologie KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Provided in Cooperation with: Springer Nature Suggested Citation: Peters, Christian Helge (2023) : [Rezension] Arbeitssoziologie, KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, ISSN 1861-891X, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Wiesbaden, Vol. 75, Iss. 4, pp. 521-524, https://doi.org/10.1007/s11577-023-00927-x This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/312283 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
LITERATURBESPRECHUNGEN https://doi.org/10.1007/s11577-023-00927-x Köln Z Soziol (2023) 75:521–524 Arbeitssoziologie Christian Helge Peters Angenommen: 22. November 2023 / Online publiziert: 8. Dezember 2023 © The Author(s) 2023 Manske, Alexandra: Neue Solidaritäten. Arbeit und Politik im Kulturbetrieb. Bielefeld: transcript 2023. 228 Seiten. ISBN: 978-3-8376-6490-4. Preis: C35,–. In der Arbeitsund Industriesoziologie ist die Auffassung verbreitet, dass Solidarität vor allem in industriellen Beziehungen möglich ist, in denen es feste Arbeitszusammenhänge und eine relativ homogene Belegschaft gibt. Mit dem stetigen Wegfall klassischer Arbeitsbeziehungen wird diese Solidarität aber immer prekärer. Gerade im Kulturbetrieb mit seinen vielen freien Künstlerinnen und Künstlern und der starken Konkurrenz scheint Solidarität äußerst schlechten Bedingungen zu unterliegen. Vor diesem Hintergrund benennt Alexandra Manske ihr Forschungsproblem: „Während allgemein eine nachlassende, interessenpolitische Bindekraft konstatiert wird, scheint es im Kulturbetrieb umgekehrt zu sein. Dort steigt die Anziehungskraft von Interessenvertretungen. Solidarität steht hoch im Kurs“ (S. 9). Wie Manske im 1. Kapitel ausführt, möchte sie diesen „Solidaritätsaufschwung“ (S. 9) erklären und dabei gleichzeitig Rückschlüsse auf den „Wandel von Arbeitspolitik“ (S. 9) ziehen. Ihre Leitfrage lautet: „Wie und in welchen Solidaritätsformationen verläuft die Arbeitspolitik im Kulturbetrieb?“ (S. 12). Auf das „Wie“ kommt es ihr an, um die „eigene Logik“ (S. 14) des Kulturbetriebs zu verstehen. Der Kulturbetrieb umfasst dabei sowohl einzelne Institutionen wie Oper oder Theater als auch die Vielfalt unterschiedlicher Formen von Kulturarbeit. Dieser Zugang ist sowohl empirisch als auch theoretisch sehr produktiv. Theoretisch, wie sie selbst darlegt, weil seit Boltanskis und Chiapellos Arbeiten zum neuen Geist des Kapitalismus, zum flexiblen Kapitalismus (Koppetsch, Lorey), aber auch zum unternehmerischen C. H. Peters Institut für Soziologie, Martin Luther-Universität Halle-Wittenberg Friedemann-Bach-Platz 6, 06108 Halle (Saale), Deutschland E-Mail: [email protected] K
522 C. H. Peters Selbst (Bröckling) Kulturschaffende als paradigmatischer Motor dieser neuen Ökonomieformen erklärt werden, die weniger in kollektiven Strukturen organisiert sind (S. 11). Darüber hinaus schließt sie eine empirische Lücke, weil es bisher nur wenige Studien zum „Thema Arbeit und Politik“ (S. 13) im Kulturbetrieb gibt. Im 2. Kapitel stellt die Autorin ihren „konzeptionellen Zugriff auf das Thema Arbeitsmarktpolitik“ (S. 17) vor. Sie kann überzeugend ihren Anschluss an Pierre Bourdieus Ungleichheitsund Feldtheorie und seine Studien zum Kunstund Politikfeld darlegen, um die Arbeitsbedingungen im Kulturbetrieb theoretisch als Machtverhältnisse mit spezifischen Regeln zu fassen, in dem verschiedene Gruppen um die Durchsetzung ihrer Interessen konkurrieren (2.1.). Daran anschließend wendet sie sich mit Rückgriff auf Klassenund Berufskonzepten den „arbeitspolitischen Spiele[n] im Kulturbetrieb“ (S. 17) zu, um die „Organisationsweisen“ (S. 25) dieser Interessenvertretungen besser zu verstehen. Diese sind weniger von Gewerkschaften und Berufsverbänden als von „professionelle[n] Assoziationen“ (S. 35) geprägt (2.2.). In 2.3. erarbeitet sie schließlich ihren letzten zentralen Begriff, den der Solidarität, in praxisnaher, weniger gewerkschaftlicher und stärker kulturwissenschaftlicher Perspektive, der normativ recht offenbleibt, um dem Material mehr Offenheit zuzugestehen und eine Form von „gegenseitige[r] Verantwortung, Verpflichtung und Interdependenz“ (S. 40) bezeichnet, ohne auf ein homogenes „Wir“ zu zielen. Die Autorin erörtert im 3. Kapitel ihre Methodologie. Sie entscheidet sich plausibel für einen Methodenmix, der „Teilnehmende Feldbeobachtungen, Interviews mit Akteur:innen, Expertengespräche sowie Dokumentenanalysen umfasst“ (S. 48). Untersuchungsorte sind Berlin und Hamburg, erhoben wurden die Daten zwischen 2018 und 2020. Ihr Material umfasst insgesamt „38 Interviews mit erwerbstätigen Künstler:innen und Expert:innen“ (S. 48), die nach der Dokumentarischen Methode ausgewertet wurden, um an das praxisleitende Wissen der Akteurinnen und Akteure zu gelangen (S. 52). Ziel ist es, „theoretische und empirische Forschungsarbeit als wechselseitigen Prozess“ (S. 47) zu initiieren. In Kapitel 4 und 5 werden die empirischen Ergebnisse dargelegt. In ersterem geht es um die „Arbeitswelten“ (S. 55) der darstellenden Künste: Einerseits darum, wie sich der Theaterbetrieb in den 1990er-Jahren immer weiter zu einem „QuasiMarkt“ (S. 73ff.) gewandelt hat, der neoliberalen Logiken von Marktorientierung, Flexibilisierung der Arbeit und Produktion folgt; andererseits zeigt die Autorin, wie die freie Szene zuerst als ein „Distinktionsprojekt“ (S. 87ff.) zum institutionellen Kulturbetrieb entstanden ist und sich zunehmend institutionalisiert und professionalisiert hat. Dieses Kapitel gibt interessante Einblicke in die Organisationsund Arbeitsweisen des Kulturbetriebs, die die Bedingungen für Solidarität darstellen. Das 5. Kapitel bildet das Kernstück des Buches, weil hier die entscheidenden neuen empirischen und konzeptionellen Überlegungen vorgestellt werden. Das Kapitel widmet sich den „arbeitspolitischen Spielen in den darstellenden Künsten“ (S. 103) und in ihren vielfältigen Interessenvertretungen detailliert, sodass ich nur die für mich wichtigsten Ergebnisse des insgesamt sehr spannenden Kapitels besprechen kann: die verschiedenen „Facetten von Solidarität“ (S. 110). Die Autorin legt dar, warum das Theater eine „sozialkritische Gemeinschaft“ (S. 110) oftmals jenseits der Gewerkschaften bildet, die aktiv normative Ansprüche an gute Arbeit formuliert und zudem ein „sozial-moralisches Wir“ (S. 114) bildet, das gemeinsam für K
Arbeitssoziologie 523 die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen (Arbeitsprozesse, Machtbeziehungen, Finanzierung, Löhne) innerhalb und außerhalb des Theaters aktiv ist. Besonders interessant ist hier, wie institutionelles und freies Theater sich trotz ihrer Unterschiede annähern, um Verbesserungen zu erkämpfen. Die erfolgversprechendste Form der Solidarität fasst die Autorin als „inklusive Solidarität“ (S. 160), der es im Gegensatz zu den meisten Formen gewerkschaftlicher Solidarität nicht um die Abgrenzung von bestimmten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, sondern um die Inklusion möglichst vieler unterschiedlicher Gruppen am Theater und darüber hinaus geht, denn nur so können bestehende Konkurrenzsituationen überwunden werden und erhöhen sich die eigenen Machtressourcen. Inklusive Solidarität ist ein „professionspolitisches Zusammengehörigkeitsund Verpflichtungsgefühl“ und ein „Prinzip der Selbstorganisation und -ermächtigung“ (S. 160). Im 6. Kapitel werden die Ergebnisse der bisherigen Untersuchung nochmals reflektiert, indem die „arbeitspolitischen Konfliktformationen“ (S. 183), insbesondere zwischen Hierarchien am Theater sowie zwischen den unterschiedlichen Interessenvertretungen an Fragen der guten Arbeit diskutiert werden. Zentrales Kriterium guter Arbeit ist die „Balance von künstlerkritischen Interessen der Selbstbestimmung und sozialkritischen Interessen der sozialen Absicherung“ (S. 188). Die „kulturpolitische Lobbyarbeit“ (S. 192) wird gegenwärtig immer mehr zur zentralen Ressource zur Durchsetzung der eigenen Interessen, weil sie „Allianzen“ (S. 192) knüpft und „Narrative über Solidarität und soziale Gerechtigkeit im Kulturbetrieb in den öffentlichen und politischen Raum“ (S. 192) einbringt. Das Buch schließt im 7. Kapitel mit einem knappen Fazit und einem Ausblick mit einer spannenden Perspektive: „Solidarität in projektgetriebenen Arbeitswelten“ (S. 199) wird selbst immer mehr zu einer „Projekt-Solidarität“ (S. 199), die nach „flexiblen Mustern“ „klassenübergreifende Allianzen“ (S. 199) schafft. Diese Spezifik macht das „Neue“ der Solidarität aus. Die große Stärke des Buches liegt genau hier, neue Arbeitskampfformen zu untersuchen, die in einem Arbeitsfeld erprobt werden, dass durch seine Organisationsund Arbeitsweisen Interessenvertretung erschwert. Auf diese Weise gibt die Autorin tolle Einblicke in die Bedingungen, Möglichkeiten und neuen Formen von Arbeitskämpfen im Kulturbetrieb. Kritisch hingegen sehe ich, dass die Empirie nur für das 5. Kapitel zentral ist und hier auch ihre konzeptionellen Konsequenzen herausgearbeitet werden. Gerade in Kapitel 4 ist die Empirie mehr Illustration der diskutierten Literatur und setzt weniger konzeptionelle Akzente, entgegen dem eigenen Anspruch. Darüber hinaus spielen die vielfältigen Theorien aus dem 2. Kapitel für die Auswertung der Empirie eine eher untergeordnete Rolle. Am Ende werden die theoretischen Konsequenzen der Empirie ebenfalls zu zaghaft ausgeführt, bspw. in Bezug auf den veränderten, profanisierten und „ernüchterten Künstlerhabitus“ (S. 196), der um seine materiellen Interessen kämpft oder in der Diskussion um einen neuen Solidaritätsbegriff, der das „Doing“ und „Wie“ von Solidarität gegenüber der Formulierung abstrakter normativer Prinzipien fokussiert (S. 200). Hier bleibt das Buch hinter den eigenen Potenzialen zurück. Ich erachte das Buch dennoch als äußerst lesenswert, weil es über die Möglichkeiten von Solidarität in der Arbeit aufklärt, obwohl die Bedingungen so erscheinen, als sei sie nicht mehr möglich. In einer sich stetig differenzierenden, postindustriellen K
524 C. H. Peters und projektbasierten Arbeitswelt mit immer mehr Subjektivierung, Flexibilisierung und hybriden sowie freien Arbeitsformen bildet die Studie einen Ausgang, um über neue Formen von Solidarität nachzudenken und sie politisch zu organisieren. Funding Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL. Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/ licenses/by/4.0/deed.de. Hinweis des Verlags Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral. Christian Helge Peters Dr., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg im Projekt „Gute Arbeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt“ und Koordinator für das Teilinstitut Halle im „Forschungsinstitut gesellschaftlicher Zusammenhalt“. Forschungsschwerpunkte: Arbeit im Anthropozän, (posthumane) Kollektivitäten, Affektund Emotionstheorien und alte und neue Materialismen. Aktuelle Publikationen: Zwischen Affinität und Solidarität. Formen des gesellschaftlichen Zusammenhalts, in: Zeitschrift für Kulturund Kollektivwissenschaft, Schwerpunktheft „Solidarität, Loyalität und andere affektive Kräfte und ihr Verhältnis zu rationalen Kollektivierungsgründen“, hrsg. von Jan Marschelke und Danae Simmermacher. Jg. 8, H. 1., S. 75–108, 2022. K