Rüstungsfinanzierung als Gegenstand der währungstheoretischen und währungspolitischen Literatur
Abstract
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Full text
Köllner, Lutz Article Rüstungsfinanzierung als Gegenstand der währungstheoretischen und währungspolitischen Literatur Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Köllner, Lutz (1972) : Rüstungsfinanzierung als Gegenstand der währungstheoretischen und währungspolitischen Literatur, Zeitschrift für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften (ZWS) - Vierteljahresschrift der Gesellschaft für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, Verein für Socialpolitik, ISSN 0342-1783, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 92, Iss. 2, pp. 205-217, https://doi.org/10.3790/schm.92.2.205 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291271 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Literatur Rüstungsfinanzierung als Gegenstand der währungstheoretischen und währungspolitischen Literatur Ein Überblick Fragen der Rüstungsfinanzierung im hier verstandenen Sinne wurden in der deutschen währungstheoretischen und währungspolitischen Literatur in diesem Jahrhundert mit unterschiedlicher Intensität und verschiedenartiger methodischer wie fachlicher Intension diskutiert. Einmal spiegelt diese Situation deutlich die jüngste deutsche Geschichte mit zwei Kriegen und den sich an sie anschließenden wirtschaftlichen und währungspolitischen Folgen wider, zum anderen werden auch Züge des methodischen Einstellungswandels zur Thematik sichtbar. Während noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein eine historisierende Betrachtung erkennbar ist1 (ohne daß die deutsche historische Forschung eine „große" umfassende Monographie zur Rüstungsfinanzierung hervorgebracht hätte), überwiegen im jüngeren Schrifttum methodisch-pragmatische Betrachtungsweisen, wie sie die Konjunktur-, Kreislauf-, Finanzund Wachstumstheorie seit der Mitte der dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts nacheinander entwickelt haben2. Die Abgrenzung gegenüber anderen Bereichen neben der reinen Währungstheorie und Währungspolitik fällt dann nicht sonderlich schwer, wenn man sich an die traditionellen fachwissenschaftlichen Disziplinen hält. So müssen aus einer traditionellen Übersicht überlieferte Fragestellungen der güterwirtschaftlichen Rüstungswirtschaft, der Finanzwirtschaft (und damit auch der Staatsfinanzierung durch monetäre Mittel des Bankund Zentralbanksystems) wenigstens teil1 So etwa bei Stroell, v. Eheberg und auch noch bei Jecht. Gustav Stolper nimmt insofern eine Sonderstellung ein, als er gediegene fachwissenschaftliche Kenntnisse journalistisch eindringlich weiterzugeben wußte. Die vollständige Bibliographie der im Text genannten Autoren befindet sich im Anhang. 2 So etwa bei Klingemann, Blochowitz und Regling. Bei diesen Autoren überwiegt der modelltheoretische Ansatz, was vom heutigen Standpunkt der Methodenlehre nahezu selbstverständlich zu sein scheint, was es angesichts eines Rückblickes auf 70 Jahre währungsund finanztheoretischer Diskussion der Rüstungsfinanzierung aber gerade nicht ist. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.2.205 | Generated on 2023-04-04 11:48:40
206 Literatur weise ebenso ausscheiden wie etwa versteckte Rüstungsausgaben durch Arbeitsbeschaffung, „aktive" Konjunkturpolitik oder der ganze Problemkreis der Kriegsfolgekosten in Gestalt von Reparationen, Lastenausgleich im Innern oder der strukturellen Wandlungen, die ein Krieg hinterläßt3. Natürlich ist eine derartige Eingrenzung der Thematik weder konsequent noch durchführbar — wie allein schon ein flüchtiger Blick auf die Theorie des Staatskredites zeigt — noch überhaupt wünschenswert, denn sowohl die Wirklichkeit als auch die Theorie haben früher eng gezogene fachliche Grenzen interdisziplinär aufgeweicht und die Unmöglichkeit einer scharfen, systematisch zwar befriedigenden, aber sachlich unzulässigen Abgrenzung der reinen Währungstheorie und der Theorie einer reinen Währungspolitik bewiesen. Dies wurde spätestens klar, als im Dritten Reich einmal Maßnahmen der Arbeitsbeschaffung und der Krisenbekämpfung sich unmerklich mit einer von der politischen Führung angestrebten Aufrüstung vermischten, während etwa gleichzeitig die Hinwendung zum makro-ökonomischen Kreislaufund Wachstumsdenken — in Deutschland mit einer durch den Zweiten Weltkrieg bedingten Verzögerung — auch der Währungstheorie einen neuen Platz innerhalb der allgemeinen Wirtschaftstheorie zuwies4. Die politische Ökonomie — so vieldeutig dieser Begriff seit Friedrich List und Karl Marx auch war — hat ihrerseits nie ein Hehl daraus gemacht, die währungstheoretischen und währungspolitischen Fragen der Rüstung innerhalb eines größeren Systemzusammenhanges zu sehen, und sie hat die werturteilsfreie Betrachtung in Modellen und isoliert vorgestellten Einzelfällen gar nicht mitgemacht, sondern — im Gegenteil — in diesem Bemühen eine besonders geschickte methodische Verschleierungstaktik einer interessengebundenen „bürgerlichen" Wirtschaftswissenschaft gesehen. Daß die modellmäßige Isolierung einzelner Bereiche der Wirtschaftsund Währungswissenschaft mit der jeweils vorgenommenen Einzementierung politischer Daten methodisch — möglicherweise vom einzelnen Forscher ungewollt — dazu führen kann, die Währungstheorie in den Dienst herrschender sozialer oder politischer Strömungen zu stellen, steht in der Tat außer Frage, wenn auch die Zahl derjenigen namhaften Natio3 Vgl. hierzu etwa die Arbeiten von Alfons Schmitt und Wilhelm Prion aus den dreißiger Jahren sowie die Reparationsdebatte auf den Tagungen der List Gesellschaft in den zwanziger Jahren oder die von Thomas herausgegebene Dokumentation zur Geschichte der deutschen Wehrund Rüstungswirtschaft. Neuerdings hierzu: Gregor Janssen: Das Ministerium Speer, Deutschlands Rüstung im Krieg. Berlin-Frankfurt/M.-Wien 1968. 4 Vgl. hierzu vor allem die Arbeiten von Burkheiser und die umfangreiche Arbeit von Kroll; ferner Otto Donner und Bernhard Benning. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.2.205 | Generated on 2023-04-04 11:48:40
Literatur 207 nalökonomen, die im Dritten Reich in diese Fallgrube gerieten, vergleichsweise klein blieb, da der Widerspruch zwischen methodischem Anspruch und politischem Engagement stets frühzeitig sichtbar wurde. Eine Gruppe für sich bildet die Reihe von Aufsätzen im BankArchiv in den Jahren 1939 -1943, in denen damals und später bekannte Autoren wie z. B. Pritzkoleit, Veit, Terhalle, Burkheiser, Rupp, Jostock, Hunscha u. a. sich zu den grundlegenden Fragen der Kriegsfinanzierung äußerten. Eine Zwischenbilanz während des Zweiten Weltkrieges zogen Bark und Schwarz. Diese und andere Beiträge wurden in erkennbarer Distanz zur politisch-militärischen Situation geschrieben, was sich für die Gruppe der Vorträge und Arbeiten der Akademie für Deutsches Recht oder die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Wirtschaftswissenschaftler durchgehend nicht behaupten läßt. Die klassische finanztheoretische Frage: Steuern oder Anleihen?, die im 19. Jahrhundert die Parlamentsdebatten immer wieder beschäftigt hat, tauchte angesichts der zurückgestauten Inflation und der eingeschlagenen Mischfinanzierung aus verschiedenen Quellen nicht wieder in jener zugespitzten Form auf, wie es vor und noch während des Ersten Weltkrieges geschehen war (Heinrich Dietzel: Kriegssteuer oder Kriegsanleihe ?). Die von der neomarxistischen Schule (wenn dies ein einheitlicher Begriff ist) vorgelegten Arbeiten zur Rüstungsfinanzierung können nur teilweise überzeugen, einmal weil die Geldund Währungstheorie seit eh und je ein Stiefkind marxistischen Denkens geblieben ist, andererseits, weil die voreilige Vermischung von (dualistischer) Klassentheorie mit währungstheoretischen Spezialfragen genau das Gegenteil von dem bewirkt, was die marxistische Wirtschaftsund Gesellschaftstheorie sich auf ihre Fahnen schrieb, nämlich einen entscheidenden neuen Beitrag zur umfassenden Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse zu leisten, die weiterführende Einsichten als die überlieferte „bürgerliche", disziplingebundene Forschung verspricht. So fällt es zum Beispiel auf, daß in den Büchern von Vilmar und Hallgarten zwar stets die Rüstungskosten in den westlichen demokratischen oder parademokratischen Staaten erörtert werden, während die Rüstungskosten in der Sowjetunion und in ihren Satellitenländern oder in China völlig übergangen werden, soweit diese nicht von vorneherein als systembezogen gerechtfertigt erscheinen (Schutz vor der kapitalistischen Einkreisung usw.). Eine Ausnahme macht die geistreiche Skizze von Henning , der die Rüstungslasten in West und Ost einer kritischen, gesellschaftsdialektischen Schau unterwirft. Die Situation ähnelt der Imperialismusdebatte seit Hilferding und Rosa Luxemburg: Imperialistisch sind immer nur die anderen, das eigene Gesellschaftssystem kennt derartige Strömungen nicht, obwohl doch OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.2.205 | Generated on 2023-04-04 11:48:40
208 Literatur kein geringerer als Joseph Schumpeter die überzeitliche, systemtranszendente Rolle des Imperialismus im Leben der Völker nachgewiesen hat. Daß sich hier — man möchte sagen: wieder einmal — die Analyse vorgegebener gesellschaftlicher Verhältnisse mit utopischen Vorstellungen der Gesellschaftsphilosophie mischt, braucht nicht weiter erörtert zu werden. Nun gibt es freilich auch noch eine andere Form der politischen Ökonomie, die weder das nationale Flair eines Friedrich List kennt noch den Anspruch einer alles erklären wollenden neomarxistischen Gesellschaftsanalyse erhebt: die neuerdings im engen Zusammengehen mit der mathematisch fundierten ökonomischen oder ökonometrischen Entscheidungslehre entwickelte pragmatische Handlungswissenschaft. Sie ist insofern eine neue Form des Modelldenkens, als sie an die Stelle aus der Historie oder aus der Kontinuität der fachwissenschaftlichen Diskussion bezogener Prämissen ihrer Modelle erklärte politische Zielvorstellungen alternativen Charakters setzt, was zwar für die Wirtschaftsund Währungswissenschaft keineswegs unbedenklich ist, aber insofern ehrlicher bei gleichbleibender methodischer Sauberkeit gegenüber dem bisher praktizierten Modelldenken ist, als der Satz: „Wenn ... dann ..." entscheidungstheoretisch die gesellschaftspolitischen Alternativen nicht nur klar formuliert, sondern darüber hinaus die von Max Weber und seiner Richtung vorgenommene Unterscheidung in Wissenschaft und Politik als Beruf beizubehalten erlaubt. Die Ansätze für eine solche Betrachtungsweise sind freilich noch spärlich, aber es steht zu erwarten, daß die Systemanalyse sich dieses Komplexes annehmen wird. Nicht von ungefähr wurde der Begriff „technisch-industriell-militärischer Komplex" als gesellschaftliches Großaggregat innerhalb moderner Industriegesellschaften sowohl in den USA als auch in der UdSSR (dort freilich als Ausdruck der Systemkritik des „Kapitalismus") nahezu gleichzeitig entwickelt. Eine vergleichende Darstellung der internationalen Rüstungslasten findet sich für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg bei Knauss und bei Ramstein, die sich damit in die Nähe der von Karl Helfferich publizierten Schriften stellen. Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg vermißt man eine umfassende vergleichende Darstellung der Rüstungsund Kriegskosten der am Zweiten Weltkriege beteiligten Industriestaaten, die auch die volkswirtschaftlichen Folgewirkungen einbezieht. Lütge und Lapp haben Beiträge zum innerdeutschen Vergleich der Rüstungslasten im Ersten und im Zweiten Weltkrieg vorgelegt. Wir können erkennen: Die Beschäftigung mit der Thematik Rüstungsfinanzierung stellt einerseits ein Abbild der geschichtlichen Situation eines Jahrhunderts dar, das zwei Weltkriege erdulden mußte, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.2.205 | Generated on 2023-04-04 11:48:40
Literatur 209 während gleichzeitig die Wirtschaftsund Währungstheorie Wandlungen erlebt hat, die sie zum Teil aus sich heraus, zum anderen Teil im Wechselspiel mit den gegebenen gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnissen entwickelt hat. Es ist ohne weiteres einzusehen, daß sich für die wissenssoziologisch interessierten Forscher hier ein neues, wenn auch abgestecktes Feld ergeben hat. Daß selbstverständlich über den wissenschaftlichen Aspekt hinaus auch ein kritischer wissenschaftstheoretischer — was mit Ausnahme einer dem Verfasser bekanntgewordenen Studie über die „Sprache der Deutschen Bundesbank" von R. Pohl im währungswissenschaftlichen Bereich noch nicht geschehen ist — und sprachkritischer Ansatz möglich ist, braucht nicht bezweifelt zu werden. Denn der Glanz des Wilhelminischen Kaiserreiches, die „schimmernde Wehr" vor 1914, spiegelt sich im wissenschaftlichen Schrifttum ebenso wider wie die Ratlosigkeit nach dem Zerfall der politisch-militärischen Ordnung, 1918/19 stärker noch als nach 1945. Das selbstbewußte Bildungsbürgertum und die mit dem „Staat", der universitären „Freiheit" oder dem „Heer" usw. heimlich verbundene deutsche Gelehrsamkeit wird im älteren Schrifttum sichtbar, selbst wenn man die persönliche Biographie der Autoren im einzelnen nicht kennt5. Nicht daß der Hurra-Patriotismus bis zum „Steckrübenwinter" von 1917 das Schrifttum über die Rüstungsfinanzierung vor und während des Ersten Weltkrieges analytisch völlig entwertet hätte; aber aus der heutigen Distanz lesen sich manche Abhandlungen verständlicherweise anders, als sie den Zeitgenossen erscheinen mußten. Ebenso etwa wie für die militärische Strategielehre älterer Schule der Rückzug ein fast peinlich ausgeklammertes Stiefkind blieb, so tauchen währungspolitische Erörterungen über die Kriegsfolgen, über Demontagen, Lastenausgleich und Währungsreform in Deutschland immer erst nach den historischen Ereignissen auf. Dies mag ein menschlich verständlicher Zug sein, dennoch deutet er auf einen grundlegenden methodischen Mangel hin: daß nämlich von vorneherein nicht alle mit der Rüstungsfinanzierung zusammenhängenden Fragen erörtert wurden. Denn selbst bei einem „siegreich" begonnenen Krieg muß der als endgültiger Sieger sich Sehende doch annehmen, daß die Fragen der Liquidation eines Krieges, wenn schon nicht bei ihm, so doch bei dem Besiegten auftreten werden, womit er ja in irgendeiner Form auch in Berührung kommen wird. Insofern waren die pragmatischen Angelsachsen der deutschen Währungswissenschaft voraus, als sie bereits während des letzten Krieges Pläne für die internationale Währungsordnung für die Zeit nach dem Kriege entwickelten oder erste Pläne 5 So — bei einiger Vorsicht — etwa bei Kretzschmann und Kurt Hesse sowie bei Pantlen und Stucken in seinen damaligen Veröffentlichungen. Ein besonderes Schicksal hatte die „Wehrwirtschaftslehre" Adolf Lampes, die einzige Monographie, die im Dritten Reich zu dieser Thematik geschrieben wurde. 14 Zeitschrift für Wirtschafts* und Sozialwissenschaften 92,2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.2.205 | Generated on 2023-04-04 11:48:40
210 Literatur für die währungspolitische Behandlung des geschlagenen Deutschland ausarbeiteten, zwar auch in letzter Stunde (1944 wurde das BrettonWoods-Abkommen unterzeichnet), aber doch noch zeitig genug, um die Übergangszeit nach dem totalen Zusammenbruch Deutschlands 1945 bis zur amerikanischen initiierten Währungsreform von 1948 (ColmDodge-Goldsmith-Plan) und dem Aufbau eines nach US-amerikanischem Vorbild aufgebauten zweistufigen Zentralbanksystems vergleichsweise kurz zu halten6. Außer der Einrichtung der Reichskreditkasse gab es im Dritten Reich Hitlers hingegen nichts, was man als tragenden Zukunftsplan für die europäische Währungsordnung nationalsozialistischer Prägung für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hätte ansprechen können. (Hierzu die Arbeiten von Holzhauer und Otto Christian Fischer.) Das Thema Rüstungsfinanzierung war nach dem Zweiten Weltkrieg lange Jahre in Deutschland tabu. Die Greuel des Krieges, die Erlebnisse der großen Katastrophe, die jeder einzelne erfuhr, haben ihre Spuren bis in die wissenschaftliche Diskussion hinein gezeichnet. Sehr behutsam und in einfacher äußerer Aufmachung erschienen nach dem Zusammenbruch erste Bilanzen des Krieges, vorgelegt etwa von Federau, Schwerin-Krosigk (dem letzten Reichsfinanzminister des Dritten Reiches) oder von Stuebel, Lütge oder Rudolf Stucken, der freilich bereits die Aufrüstung im Dritten Reich mit zahlreichen Kommentaren versehen hatte, ebenso wie etwa Burkheiser oder Kurt Hesse. Die Aufrüstung der Bundesrepublik ist nur vergleichsweise zögernd währungsund finanztheoretisch analysiert worden, ähnlich — wie es Herbert Brandt darstellt — die westdeutsche Wiederbewaffnung bei erreichter Vollbeschäftigung zunächst nur mit Zurückhaltung von der Industrie aufgegriffen wurde. Die sozialpsychischen Hintergründe dafür können hier unerörtert bleiben7. Zu den wenigen Arbeiten aus den fünfziger Jahren gehören die beiden Aufsätze von Bodo Spiethoff. Kehren wir noch einmal zur Frage der fachlichen Abgrenzung unserer Thematik zurück: Allein das Thema Reparationen würde einen eigenen literarkritischen Aufsatz erfordern, ebenso die Fragen der Währungsordnung in Kriegsund Krisenzeiten oder die detaillierten Probleme der Schuldentilgung (und natürlich auch der Währungs6 Z. B. H. Bachmann: Angelsächsische Vorbereitungen und Pläne für die Nachkriegswirtschaft. St. Gallen 1944. — Andreas Predöhl: Die angelsächsischen Währungspläne und die europäische Währungsordnung. Weltwirtschaftliches Archiv, Bd. 58 (1943). — Heinz Sauermann: Der amerikanische Plan für die deutsche Währungsreform. Z. f. d. ges. Staatsw., Bd. 111 (1955). — Ferner die Veröffentlichungen von Wettig und der Rückblick auf die deutsche Kriegswirtschaft des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin. 7 Für die Rüstungskosten in der Bundesrepublik siehe die Arbeiten von Brandt, Klingemann, Vilmar, Schlott und Köllner. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.2.205 | Generated on 2023-04-04 11:48:40
Literatur 211 reform) nach einem siegreichen oder verlorenen Kriege. Wenn es nämlich überhaupt eine Lehre aus den kriegerischen Ereignissen dieses Jahrhunderts auf währungspolitischem Gebiet gibt, dann die, daß keineswegs die Sieger mit den durch den Krieg herbeigeführten Währungsproblemen in jedem Fall besser oder schneller fertig würden als die Besiegten, wenn auch das ökonomische Niveau, auf dem sich die Reformund Rekonstruktionsbemühungen abspielen, naturgemäß ein anderes, höheres ist. In der zeitgeschichtlichen und historischen Forschung nimmt die Kriegsund Rüstungsfinanzierung einen zwar überall beachteten, aber — wohl wegen der Komplexität der mit ihr zugleich aufgeworfenen ökonomischen Fragen — doch immer untergeordneten Platz ein. Das ist bedauerlich, da der Gang der politischen Ereignisse im Nachkriegseuropa seit 1945 die konstruktive und politisch bindende Kraft der Währungspolitik bei allen politischen Einigungsbemühungen mehrfach unter Beweis stellte. Die Literatur vor 1914 und während des Ersten Weltkrieges atmete den Geist „national"-ökonomischen Denkens, so bei Stroell, Eheberg und Dietzel. Nach dem Ersten Weltkrieg stehen, ebenso wie nach dem Zweiten Weltkrieg, die Bilanzierung der volkswirtschaftlichen Verluste und die Bemühungen um eine gesamtwirtschaftliche Schadensregulierung im Vordergrund, womit der engere Bereich unseres Themas bereits verlassen wird. Für die Zeit der dreißiger Jahre kennzeichnend war das Bemühen der Autoren, die Aufrüstung als währungstheoretisches Problem mit den damals diskutierten Fragen einer staatlich betriebenen Konjunkturpolitik und allgemeinen Wirtschaftsbelebung zusammen zu sehen. Dies entsprach der ökonomischen Philosophie jener Jahre, rückte einzelne Autoren, insbesondere den Kreis um die Akademie für deutsches Recht, aber auch in die gefährliche Nähe einer den gegebenen politischen Verhältnissen unkritisch dienenden Wissenschaft, ein Vorwurf, der nach 1945 von der jungen Heimkehrergeneration gelegentlich auch erhoben wurde8. 8 Eine Verharmlosung der Thematik läßt sich in den Überschriften der populärwissenschaftlichen Schriften von Ernst Wagemann („Wo kommt das viele Geld her?") und Ernst Samhaber („Wie werden Kriege finanziert?") erkennen, die in Kontrast stehen zu dem Titel von Fleischer („Kriegsfinanzierung, unter Einschluß des totalen Krieges"), der bereits 1939 erschien. Neomarxistische Autoren machen aus der ihnen geläufigen Gedankenkette eines determinierten Geschichtsablaufes meist kein Hehl; so bei Ruth Andexel: „Imperialismus — Staatsfinanzierung, Rüstung, Krieg. Problematik des deutschen Imperialismus", eine Formulierung, die nicht nur den Inhalt als historische Kausalkette ankündigt, sondern die — im Gegensatz zur Methode der Fallstudien im systemanalytischen Sinne — überhaupt nur einen Ausschnitt der Rüstungsfinanzierung betrachtet, nämlich den im Sinne der neomarxistischen Theorie so verstandenen militanten „kapitalistischen" Imperialismus, der freilich auch in nichtprivatkapitalistischen Ländern erkennbar ist. (Hierzu: Joseph A. Scliumpeter: Zur Soziologie der Imperialismen. Archiv für Sozialwissen14» OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.2.205 | Generated on 2023-04-04 11:48:40
212 Literatur Nicht freilich das persönlich wie immer motivierbare individuelle Engagement eines Forschers und Autors steht hier zur kritischen Diskussion, sondern die fundamentale Problematik, daß eine konsequent betriebene wertfreie währungstheoretische Analyse ohne unmittelbare politische Ambition immer auch mißverstanden oder einseitig interpretiert und damit auch mißbraucht werden kann. Diese besonders in der Gesellschaftswissenschaft vorgegebene Situation eines problematischen Verhältnisses zwischen wissenschaftlicher Analyse und Beratung einerseits und politischer Anwendbarkeit und Verwertung andererseits stellt sich auch in der Lehre von Geld und Kredit. Auch in Zukunft wird jede analytische oder operationelle Arbeit über Riistungsfinanzierung, welcher Methode im einzelnen sie auch folgen mag, mißbräuchlicher Ausdeutung und Verwertung nicht entgehen können. Dem Wissenschaftler, der sich diesem Gegenstände widmet, bleibt nur die Möglichkeit zum Verzicht auf Mitarbeit oder jene Doppelfunktion, die für ihn freilich eine besondere Anspannung seiner menschlichen Möglichkeiten bedeutet, nämlich die Aufgabe der politischen Mitgestaltung auf Grund seiner fachwissenschaftlichen Kenntnisse. Die jüngere deutsche Regierungsund Parlamentsgeschichte ist nicht arm an derartigen Bemühungen qualifizierter Fachkräfte auch auf währungswissenschaftlichem Gebiet, die in den USA seit langem — freilich auch auf Grund einer anderen Wissenschaftstradition und eines anderen, vielleicht naiveren Wissenschaftsverständnisses — niemals als derart problematisch angesehen wurde wie in Deutschland. Die folgende Bibliographie möchte denjenigen, die sich währungstheoretisch, währungspolitisch oder allgemein gesellschaftspolitisch mit den Fragen der deutschen Rüstungsfinanzierung beschäftigen, ein Hilfsmittel sein. Sie ist vollständig in dem Sinne, daß alle Fachzeitschriften systematisch durchgesehen wurden. Sie kann den Anspruch erheben, daß keine wesentliche, die bisherige Diskussion repräsentierende oder der Aufarbeitung des Themas dienende Arbeit fehlt. Die Richtung künftiger Arbeiten scheint in Umrissen erkennbar zu sein: nämlich eine Verbindung der finanzierungswirtschaftlichen und finanzierungstechnischen Fragen der Rüstung mit Kategorien der costbenefit-Analyse, der social costs, einer im einzelnen noch zu konzipierenden ökonomischen „Lückentheorie", mit den sozialpsychologischen Kategorien der Aggressionsforschung sowie der noch im Werden beschaft und Sozialpolitik, 46. Bd. [1919].) Der Ausdruck „Dämonie" im Zusammenhang mit der Rüstungsfinanzierung ist doppeldeutig. Entweder man meint unmittelbar die Dämonie der Zerstörung (wie z. B. Rauda) oder neben dieser auch die einseitige Verurteilung jeglicher Rüstungsausgaben, obwohl bisher makrosoziale Aggressionen erkennbar weder allseitig hinreichend abgebaut noch anderweitig kanalisiert wurden, so bei Köllner. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.92.2.205 | Generated on 2023-04-04 11:48:40
