IAB-Prognose 2024/2025: Zähe Wirtschaftsschwäche beeinträchtigt den Arbeitsmarkt
Abstract
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Full text
Bauer, Anja et al. Research Report IAB-Prognose 2024/2025: Zähe Wirtschaftsschwäche beeinträchtigt den Arbeitsmarkt IAB-Kurzbericht, No. 19/2024 Provided in Cooperation with: Institute for Employment Research (IAB) Suggested Citation: Bauer, Anja et al. (2024) : IAB-Prognose 2024/2025: Zähe Wirtschaftsschwäche beeinträchtigt den Arbeitsmarkt, IAB-Kurzbericht, No. 19/2024, Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung (IAB), Nürnberg, https://doi.org/10.48720/IAB.KB.2419 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/306571 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/
IAB-KURZBERICHT Aktuelle Analysen aus dem Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung In aller Kürze ●Die deutsche Wirtschaft steckt in einer Schwächephase fest. Die Erholung verzögert sich weiter und das Bruttoinlandsprodukt wird im Gesamtjahr 2024 um 0,1 Prozent zurückgehen. Für das Jahr 2025 erwarten wir ein unterdurchschnittliches Wachstum von 0,4 Prozent. ●Der Arbeitsmarkt wird durch den aktuellen Wirtschaftsabschwung zunehmend beeinträchtigt. Gemessen an der schwachen Konjunktur hält sich die Beschäftigung aber vergleichsweise gut. ●Die Zahl der Erwerbstätigen steigt im laufenden Jahr um 170.000 und 2025 noch einmal um gut 180.000. Mit einem Anstieg um 170.000 und 60.000 nimmt allerdings auch die Zahl der Arbeitslosen in den beiden Jahren zu. ●Die meisten zusätzlichen Stellen wird es im Bereich Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit geben. Für das Produzierende Gewerbe erwarten wir im Prognosezeitraum Rückgänge. ●Das Erwerbspersonenpotenzial wächst in diesem Jahr um rund 200.000 Personen, im kommenden Jahr um etwa 140.000 Personen. ●Trotz eines kräftigen Anstiegs der Teilzeitquote auf über 40 Prozent im Jahr 2025 sinkt die Arbeitszeit je Erwerbstätigen in beiden Prognosejahren jeweils um nur 0,1 Prozent. 19 | 2024 Die deutsche Wirtschaft steckt seit über zwei Jahren in einer stagnativen Phase fest und eine Erholung lässt bislang auf sich warten. Mehr und mehr leidet darunter auch der Arbeitsmarkt. Der Kurzbericht gibt einen Ausblick auf die Entwicklung in den Jahren 2024 und 2025. Die Schwächephase zieht sich Die deutsche Wirtschaft findet seit Längerem nicht mehr aus der Schwächephase heraus. Im letzten Jahr schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) leicht um 0,3 Prozent und in diesem Jahr zeichnet sich Ähnliches ab. Zwar gab es zu Jahresbeginn Signale der Besserung: Im ersten Quartal wuchs das BIP preis-, saisonund kalenderbereinigt um 0,2 Prozent, und auch die Vorlaufindikatoren signalisierten bis ins späte Frühjahr ein Anziehen der Konjunktur. Allerdings sank das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal um 0,1 Prozent durch Konsumzurückhaltung, schwache Investitionstätigkeit und einen verhaltenen Außenhandel. Auch die Vorlaufindikatoren trübten sich im Laufe des zweiten und dritten Quartals wieder ein und deren Erholung ist bislang nicht ersichtlich. Deutschland wird sich daher noch länger auf einer Durststrecke befinden. Insbesondere die Industrie ist durch Umbrüche stark belastet. Wir erwarten für dieses Jahr einen Rückgang des BIP um 0,1 Prozent und im nächsten Jahr ein schwaches Wachstum von etwa 0,4 Prozent. Die Weltwirtschaft befindet sich im Spannungsfeld geopolitischer Konflikte (Handelsrouten durch das Rote Meer, Naher Osten, Ukraine), zunehmender Handelsstreitigkeiten und der Umkehr der Geldpolitik. Die Wirtschaft der USA zeigte sich weiter widerstandsfähig und konnte im ersten Halbjahr 2024 deutlich zulegen. Allerdings bleibt die Inflation erhöht und der Arbeitsmarkt kühlt ab. Zudem erhöht sich die Unsicherheit aufIAB-Prognose 2024/2025 Zähe Wirtschaftsschwäche beeinträchtigt den Arbeitsmarkt von Anja Bauer, Hermann Gartner, Timon Hellwagner, Markus Hummel, Christian Hutter, Susanne Wanger, Enzo Weber und Gerd Zika
grund der dort anstehenden Wahlen. China steckt weiter in der Immobilienkrise, das BIP wuchs aber im ersten und zweiten Quartal ebenfalls. In Europa verringert die Europäische Zentralbank (EZB) infolge gesunkener Inflation die Leitzinsen und setzt damit positive Impulse. Insbesondere die südeuropäischen Länder expandieren. Dementsprechend konnte das BIP der Eurozone im ersten Halbjahr 2024 wieder etwas stärker steigen als noch im Vorjahr. Dennoch war die Entwicklung im deutschen Außenhandel im letzten Halbjahr durchwachsen. Im ersten Quartal sendete dieser noch positive Signale und gab Hoffnung auf einen möglichen Aufschwung. Allerdings war dies nur kurzfristig: Die Exporte sanken im zweiten Quartal preis-, saisonund kalenderbereinigt um 0,2 Prozent, die Importe stagnierten. Die Exporterwartungen im Verarbeitenden Gewerbe nehmen seit dem Sommer wieder ab. Der verhaltene Außenhandel zeigt sich auch in der Produktion. Die Industrieproduktion sinkt seit über einem Jahr. Aber zumindest der seit 2022 andauernde Rückgang der Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe flacht sich am aktuellen Rand ab. Insgesamt dürfte der Außenhandel in diesem Jahr nur wenig vom Wachstum der wichtigen Handelspartner profitieren. Für das nächste Jahr ist wieder etwas mehr Schwung zu erwarten. Entscheidend wird sein, wie sehr sich die Absatzmärkte im Zuge der Handelskonflikte verändern, wie sich die Stellung Chinas im Welthandel wandelt und wie schnell sich die deutschen Exporteure an diese Veränderungen anpassen können. Die Investitionen gaben in Deutschland zuletzt deutlich nach: Die Bruttoanlageinvestitionen nahmen im zweiten Quartal nach der leicht positiven Entwicklung im Vorquartal ab. Die Investitionen in Ausrüstungen sind deutlich zurückgegangen und auch die Investitionen in Bauten waren rückläufig. In diesem Bereich machen sich zunehmend strukturelle Einflüsse bemerkbar: Zwar üben Dekarbonisierung, Digitalisierung und demografischer Wandel Anpassungsdruck auf die Unternehmen aus, aber das noch immer erhöhte Zinsniveau, wie auch die gestiegene Unsicherheit in Bezug auf die Transformationsund Klimapolitik beeinträchtigen die dafür nötigen Investitionen. Die Baukonjunktur, die infolge der hohen Inflation und Zinsen starke Nachfrageeinbrüche hinnehmen musste, bleibt beeinträchtigt. Die Produktion im Bauhauptgewerbe, die begünstigt durch den milden Winter schwungvoll ins erste Quartal startete, sank seitdem wieder. Immerhin gaben die Auftragseingänge im Bauhauptgewerbe nicht weiter nach, sondern stabilisieren sich auf niedrigerem Niveau. Für dieses Jahr gehen wir davon aus, dass sich die Investitionsschwäche fortsetzt, da sich positive Impulse aus Zinssenkungen der EZB erst zeitverzögert materialisieren. Im nächsten Jahr besteht aber Hoffnung, dass sich die Investitionen wieder stabilisieren. Die vom Konsum erhofften Impulse blieben bislang aus, wodurch sich die Schwächephase noch länger zieht. Der private Konsum schrumpfte im zweiten Quartal, nachdem er zum Jahresbeginn noch gestiegen war. Die Konsumausgaben des Staates nahmen im zweiten Quartal wieder deutlich zu, nachdem sie im ersten Quartal leicht sanken. Das Konsumklima erholt sich seit Beginn des Jahres, liegt aber noch immer deutlich im negativen Bereich. Insgesamt ist die Dynamik eher schwach. Es zeigt sich eine gewisse Kaufzurückhaltung und eine gestiegene Sparneigung. Zwar stiegen die Reallöhne im ersten und zweiten Quartal mit jeweils über 3 Prozent deutlich, allerdings liegen sie noch immer unter dem Vor-Corona-Niveau. Die Inflationsrate war im ersten Halbjahr rückläufig und lag im August unter der 2-Prozent-Marke. Allerdings ist die Kerninflation (Inflation gemessen ohne Preisveränderungen für Energie und Lebensmittel) noch erhöht. Insbesondere Dienstleistungen verteuerten sich, auch wegen Zweitrunden effekten der Lohnsteigerungen. Da dieser Prozess noch nicht beendet ist, ist anzunehmen, dass die Kerninflation noch einige Zeit über der 2-Prozent-Marke liegen und den Konsum hemmen wird. Wir gehen für dieses Jahr davon aus, dass die Impulse aus dem Konsum nicht ausreichen, um die Wirtschaft zu stützen, die Dynamik sich im nächsten Jahr angesichts steigender Einkommen aber verstärkt. Für dieses Jahr ist angesichts der Ausgangslage frühestens zu Jahresende von einer leichten Verbesserung der Konjunktur auszugehen. 2025 dürfte das deutsche BIP zwar wieder steigen, aufgrund der strukturellen transformationsbedingten Belastungen bleibt das Wachstum aber un2IAB-Kurzbericht 19|2024
Entwicklungstendenzen von Bruttoinlandsprodukt (BIP) und Arbeitsmarkt in Deutschland 2018 bis 2025 BIP in Mrd. Euro (preis-, saisonund kalenderbereinigte Quartalswerte) Erwerbstätige und Arbeitslose in 1.000 (saisonbereinigte Monatswerte) A1 Veränderung der Ursprungswerte gegenüber Vorjahr Ist-Entwicklung Modellprognose Prognoseintervall Jahresdurchschnitte Erwerbstätige ArbeitsloseBIP + / – % 1) Aktualisierung der Zeitreihen ab 1991 aufgrund der VGR-Generalrevision 2024. 2) Prüfaktivitäten zum Arbeitsvermittlungsstatus von Arbeitslosengeld-II-Berechtigten wirkten sich im zweiten Quartal 2019 erhöhend auf die Arbeitslosenzahlen aus. Anmerkung zu den Prognoseintervallen: Zu jedem Zeitpunkt wird der realisierte Wert mit einer Wahrscheinlichkeit von 2/3 innerhalb des Bandes liegen. Also wird beispielsweise die Erwerbstätigkeit im Juni 2025 mit einer Wahrscheinlichkeit von 2/3 zwischen 46,13 Mio. und 46,58 Mio. Personen liegen. Quelle: Destatis, Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Berechnungen des IAB; Stand September 2024. © IAB 2024 20252018 2019 2020 2021 20232022 III III IV III III IV III III IV III III IV III III IV III III IV III III IV III III IV 2024 20252018 2019 2020 2021 20232022 Jan. Apr. Juli Okt. Jan. Apr. Juli Okt. Jan. Apr. Juli Okt. Jan. Apr. Juli Okt. Jan. Apr. Juli Okt. Jan. Apr. Juli Okt. Jan. Apr. Juli Okt. Jan. Apr. Juli Okt. 3.200 3.000 2.800 2.600 2.400 2.000 2.200 880 860 900 920 930 940 800 810 820 910 890 870 830 840 850 3.200 3.000 2.800 2.600 2.400 2.000 2.200 46.400 46.200 47.000 46.800 47.200 44.000 44.200 44.400 44.600 44.800 45.000 45.200 45.400 45.600 45.800 46.000 2024 20252018 2019 2020 2021 20232022 46.400 46.200 46.800 47.000 47.200 44.000 44.200 44.400 44.600 44.800 45.000 45.200 45.400 45.600 45.800 46.000 Erwerbstätige1) BIP1) + 0,4 % – 0,1 % + 1,1 % + 1,0 % –4,1 % +3,7% + 1,4 % – 0,3 % Arbeitslose2) 46.60046.600 880 860 900 920 930 940 800 810 820 910 890 870 830 840 850 3IAB-Kurzbericht 19|2024
terdurchschnittlich. Insgesamt erwarten wir für 2024 einen Rückgang des realen BIP von 0,1 Prozent (Prognoseintervall ±0,2 %-Punkte; Kalendereffekt –0,0 %-Punkte). Für 2025 prognostizieren wir eine Zunahme der Wirtschaftsleistung um 0,4 Prozent (Prognoseintervall ±1,2 %-Punkte; Kalendereffekt –0,1 %-Punkte). Die Entwicklung seit 2018 und die Prognosewerte sind in Abbildung A1 (Seite 3) dargestellt und in Tabelle T1 zusammengefasst. Wirtschaftsprognosen weisen grundsätzlich beträchtliche Unsicherheiten auf, die durch die Prognoseintervalle verdeutlicht werden. Eine Eskalation der Handelsstreitigkeiten, aber auch der geopolitischen Spannungen, stellen für Deutschland aufgrund der starken Exportabhängigkeit Abwärtsrisiken dar. Zu diesen würde auch eine fortschreitende Deindustrialisierung gehören. Ein Ergebnis im unteren Band wäre in einer solchen Situation denkbar. Aufwärtschancen bestehen bei einer schnelleren Erholung des Konsums, aber auch bei einer dynamischeren Erholung des Außenhandels, wodurch auch eine Entwicklung im oberen Band möglich ist. Abweichungen zu den Summen kommen durch Rundung zustande. Aktualisierung der Zeitreihen ab 1991 aufgrund der VGR-Generalrevision 2024. 1) Das Erwerbspersonenpotenzial setzt sich zusammen aus Erwerbstätigen, Erwerbslosen nach ILO und Stiller Reserve (inkl. arbeitsuchender Nichterwerbspersonen). Quelle: Destatis, Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Berechnungen des IAB; Stand September 2024. © IAB Entwicklung von Wirtschaft und Arbeitsmarkt 2018 bis 2025 T1 2018 2019 2020 2021 2022 2023 Prognose 2024 Prognose 2025 A. Die Nachfrage nach Arbeitskräften Bruttoinlandsprodukt preisbereinigt Veränderung gegenüber Vorjahr in % + 1,1 + 1,0 – 4,1 + 3,7 + 1,4 – 0,3 – 0,1 + 0,4 Stundenproduktivität Veränderung gegenüber Vorjahr in % + 0,3 + 0,7 + 0,9 + 1,3 + 0,1 – 0,6 – 0,4 + 0,1 Arbeitsvolumen Veränderung gegenüber Vorjahr in % + 0,8 + 0,3 – 4,9 + 2,4 + 1,2 + 0,4 + 0,3 + 0,3 Durchschnittliche Jahresarbeitszeit Veränderung gegenüber Vorjahr in % – 0,5 – 0,6 – 4,3 + 2,2 – 0,1 – 0,4 – 0,1 – 0,1 Erwerbstätige Veränderung gegenüber Vorjahr in % + 1,3 + 0,9 – 0,7 + 0,2 + 1,4 + 0,7 + 0,4 + 0,4 Veränderung gegenüber Vorjahr in 1.000 + 588 + 413 – 325 + 87 + 622 + 336 + 170 + 185 Jahresdurchschnitte in 1.000 44.878 45.291 44.966 45.053 45.675 46.011 46.181 46.366 davon: Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in 1.000 32.964 33.518 33.579 33.897 34.507 34.790 34.947 35.119 Veränderung gegenüber Vorjahr in 1.000 + 730 + 554 + 61 + 318 + 610 + 283 + 157 + 173 Veränderung gegenüber Vorjahr in % + 2,3 + 1,7 + 0,2 + 0,9 + 1,8 + 0,8 + 0,5 + 0,5 B. Das Angebot an Arbeitskräften Erwerbspersonenpotenzial1) Jahresdurchschnitte in 1.000 47.324 47.551 47.496 47.597 47.995 48.397 48.598 48.739 Veränderung gegenüber Vorjahr in 1.000 + 351 + 227 – 55 + 102 + 397 + 402 + 202 + 141 C. Die Arbeitsmarktbilanz Arbeitslose Jahresdurchschnitte in 1.000 2.340 2.267 2.695 2.613 2.418 2.609 2.778 2.840 Veränderung gegenüber Vorjahr in 1.000 – 193 – 73 + 429 – 82 – 195 + 191 + 170 + 61 Arbeitslosenquoten (in % aller zivilen Erwerbspersonen) 5,2 5,0 5,9 5,7 5,3 5,7 6,0 6,1 davon: SGB III in 1.000 802 827 1.137 999 808 875 977 997 Veränderung gegenüber Vorjahr in 1.000 – 54 + 25 + 310 – 138 – 191 + 66 + 102 + 20 SGB II in 1.000 1.538 1.440 1.559 1.615 1.610 1.734 1.802 1.843 Veränderung gegenüber Vorjahr in 1.000 – 139 – 98 + 119 + 56 – 5 + 124 + 68 + 41 Anteil SGB II in % 65,7 63,5 57,8 61,8 66,6 66,5 64,8 64,9 Veränderung gegenüber Vorjahr in %-Punkten – 0,5 – 2,2 – 5,7 + 4,0 + 4,8 – 0,1 – 1,6 + 0,1 Stille Reserve Jahresdurchschnitte in 1.000 1.079 980 979 1.008 977 1.052 912 868 Veränderung gegenüber Vorjahr in 1.000 – 95 – 99 – 1 + 30 – 32 + 75 – 139 – 44 davon: Stille Reserve im engeren Sinn 276 196 307 370 320 316 210 207 Veränderung gegenüber Vorjahr in 1.000 – 55 – 80 + 111 + 63 – 51 – 3 – 106 – 3 Stille Reserve in Maßnahmen 803 784 672 638 657 735 702 661 Veränderung gegenüber Vorjahr in 1.000 – 40 – 19 – 112 – 34 + 19 + 78 – 33 – 41 4IAB-Kurzbericht 19|2024
Konjunkturschwäche zieht den Arbeitsmarkt in Mitleidenschaft Der zähe Wirtschaftsabschwung hat die Arbeitsmarktentwicklung gedämpft. Die Arbeitslosigkeit hat seit Mitte 2022 zugenommen, die Beschäftigung steigt nur noch gedämpft. Gemessen an der negativen Konjunktur hält sie sich insgesamt dennoch vergleichsweise gut. So wurden trotz der langanhaltenden Wirtschaftsflaute immer neue Rekordstände bei der Erwerbstätigkeit erreicht. In der Tat reagiert die Erwerbstätigkeit in Deutschland seit der Weltfinanzkrise im Jahr 2009 wesentlich robuster auf konjunkturelle Schwankungen als in den Zeiten davor (Klinger/Weber 2020). Angesichts der Arbeitskräfteknappheit versuchen viele Betriebe, ihre Beschäftigten selbst in konjunkturellen Schwächephasen zu halten. Der aktuelle Wirtschaftsabschwung wurde durch die Energiekrise ausgelöst. Diese hat nicht nur die Produktion gesenkt, sondern auch die Schaffung neuer Stellen behindert (Hutter/Weber 2023). Die hohe Inflation beeinträchtigte zudem die Entwicklung in beschäftigungsintensiven Dienstleistungsbereichen (Zika et al. 2022a). In der Folge bekam auch der Arbeitsmarkt einen Dämpfer. Das IABArbeitsmarktbarometer signalisiert gerade für die Arbeitslosigkeit eine ungünstige Entwicklung in den nächsten Monaten. Über den Wirtschaftsabschwung hinweg hat sich die Zahl der Beschäftigten, die arbeitslos werden, erhöht. Im längerjährigen Vergleich ist das Entlassungsrisiko zwar noch immer niedrig, zum Beispiel auch geringer als vor der Corona-Krise. Im Verarbeitenden Gewerbe, auf dem Bau, in der Zeitarbeit und im Handel hat sich aber eine negative Entwicklung festgesetzt. Auch haben sich die Jobchancen von Arbeitslosen nicht wieder nachhaltig erholt, die mit Pandemiebeginn und im Jahr 2022 eingeknickt waren. Die Zugänge gemeldeter Stellen liegen historisch niedrig. Entsprechend liegt die Langzeitarbeitslosigkeit deutlich über dem Vor-Corona-Niveau. Trotz des hohen Arbeitskräftebedarfs zeigen sich hier Verfestigungstendenzen. Dies spiegelt sich auch in der Arbeitslosigkeit von Niedrigqualifizierten, die ebenfalls deutlich über dem Stand von 2019 liegt. Der Mismatch auf dem Arbeitsmarkt zwischen den Qualifikationsniveaus und den Anforderungsniveaus der Stellen hat seit Corona also zugenommen; zwischen den erlernten und gesuchten Berufen ist dagegen kein höherer Mismatch ersichtlich. Trotz der angespannten wirtschaftlichen Situation gehen wir davon aus, dass sich der Aufwärtstrend bei der Beschäftigung fortsetzen wird, wenn auch spürbar gedämpft (vgl. Abbildung A1). Dies liegt zum einen an der grundsätzlichen Robustheit der Arbeitsmarktentwicklung. Zum anderen wächst der Arbeitskräftebedarf weiter: in der Pflege aufgrund der Alterung, in der Erziehung mit dem Kita-Ausbau, im Handwerk unter anderem wegen der Energiewende (Zika et al. 2022b) und in der IT im Zuge der Digitalisierung. Dabei dürfte sich die grundsätzliche Arbeitskräfteknappheit mit der Verrentung der Babyboomer noch verschärfen. Für das Jahr 2024 rechnen wir damit, dass die Zahl der Erwerbstätigen um 170.000 Personen über dem Vorjahr liegen wird (Prognoseintervall ±30.000). Im kommenden Jahr wird eine Zunahme um 180.000 Erwerbstätige prognostiziert (Prognoseintervall ±220.000). Die Zahl der Arbeitslosen wird 2024 um 170.000 Personen steigen (Prognoseintervall ±20.000) und im Jahr 2025 noch einmal um 60.000 (Prognoseintervall ±140.000). Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung wächst nur noch schwach Im Jahr 2023 waren 34,79 Millionen Personen beziehungsweise drei Viertel der Erwerbstätigen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die schlechte Wirtschaftsentwicklung hinterlässt aktuell deutliche Spuren: Die regelmäßig kräftigen Zuwächse des vergangenen Jahrzehnts werden nicht mehr erreicht. Für dieses Jahr prognostizieren wir ein vergleichsweise schwaches Plus von 160.000 auf 34,95 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Auch für das kommende Jahr ist hier nur mit einer geringen Beschleunigung zu rechnen, wir erwarten eine weitere schwache Zunahme um 170.000 auf dann 35,12 Millionen Personen. Dennoch wird damit ein neuer Höchststand erreicht. Die Anstiege beruhen allein auf der sozialversicherungspflichtigen Teilzeitbeschäftigung, wohingegen die Zahl der 5IAB-Kurzbericht 19|2024
sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten in beiden Prognosejahren leicht sinkt. 4,89 Millionen Personen beziehungsweise fast 11 Prozent der Erwerbstätigen gehörten 2023 zur Gruppe der marginal Beschäftigten.1 Seit dem Ende der Corona-Krise sind hier tendenziell leichte Anstiege zu verzeichnen; zuletzt war die Entwicklung aber nicht eindeutig. Nach wie vor kann nicht ausgeschlossen werden, dass diese Erwerbsform an den jahrelangen sinkenden Vor-Corona-Trend anknüpft. Wir erwarten für dieses Jahr einen leichten Anstieg um 10.000 auf 4,90 Millionen marginal Beschäftigte und für den Jahresdurchschnitt 2025 keine wesentliche Änderung. Mit 3,85 Millionen Personen waren im Jahr 2023 gut 8 Prozent der Erwerbstätigen Selbstständige oder mithelfende Familienangehörige. Ihre Zahl ist seit zwölf Jahren rückläufig. Der Trend dürfte zum Teil demografisch zu erklären sein, die Selbstständigkeit scheint aber auch generell an Attraktivität einzubüßen. Die Zahlen am aktuellen Rand zeigen, dass sich die Rückgänge mittlerweile abschwächen. Für den Jahresschnitt 2024 erwarten wir ein Minus von 30.000 auf 3,82 Millionen Personen. Für 2025 rechnen wir noch mit einem kleinen Rückgang um 10.000 auf 3,81 Millionen Personen. Damit wird der tiefste Stand seit 30 Jahren erreicht. 2,08 Millionen Personen oder knapp 5 Prozent der Erwerbstätigen waren im Jahr 2023 Beamtinnen oder Beamte. Seit dem Tiefstand von 2016 steigt ihre Zahl wieder langsam an. Für 2024 und 2025 prognostizieren wir weitere minimale Zuwächse auf (jeweils) 2,09 Millionen Personen. Beschäftigungsabbau im Produzierenden Gewerbe Die Entwicklung über die Wirtschaftsbereiche ist heterogen. So baut einerseits vor allem das Produzierende Gewerbe Beschäftigung ab, andererseits baut hauptsächlich der Bereich Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit massiv Beschäftigung auf (vgl. Tabelle T2). Die wirtschaftlichen Umbrüche infolge der Zeitenund Energiewende in Verbindung mit einem schwächeren Außenhandel führen seit Mitte 2023 im Produzierenden Gewerbe zu einer sinkenden Beschäftigung. Da die Lage weiter angespannt bleiben dürfte, rechnen wir mit weiteren Rückgängen in Höhe von 60.000 in diesem und 50.000 1 Ausschließlich geringfügig entlohnte Beschäftigte, ausschließlich kurzfristig Beschäftigte und Beschäftigte in Arbeitsgelegenheiten (sog. 1-Euro-Jobs) werden in der Erwerbstätigenrechnung der VGR unter den marginal Beschäftigten zusammengefasst. Die Zeitreihen wurden aufgrund der VGR-Generalrevision 2024 aktualisiert (Wanger et al. 2024). 1) Aktualisierung der Zeitreihen ab 1991 aufgrund der VGR-Generalrevision 2024. Quelle: Destatis, eigene Berechnungen; Stand September 2024. © IAB Zahl der Beschäftigten nach Wirtschaftsbereichen1) 2020 bis 2025 Jahresdurchschnittlicher Bestand 2020; Veränderungen gegenüber dem Vorjahr absolut und in Prozent T2 2020 2021 2022 2023 Prognose 2024 Prognose 2025 Bestand Differenz zum Vorjahr Differenz zum Vorjahr Differenz zum Vorjahr Differenz zum Vorjahr Differenz zum Vorjahr in 1.000 in 1.000 in % in 1.000 in % in 1.000 in % in 1.000 in % in 1.000 in % Landund Forstwirtschaft, Fischerei 358 0 0,07 1 0,35 – 5 – 1,39 1 0,33 0 0,13 Produzierendes Gewerbe ohne Baugewerbe 7.937 – 99 – 1,25 28 0,36 39 0,49 – 42 – 0,53 – 42 – 0,54 Baugewerbe 2.124 35 1,66 32 1,49 17 0,75 – 17 – 0,76 – 9 – 0,41 Handel, Verkehr, Gastgewerbe 9.185 – 99 – 1,08 175 1,93 75 0,80 21 0,22 17 0,18 Information und Kommunikation 1.268 44 3,47 83 6,37 47 3,33 9 0,62 7 0,46 Erbringung von Finanzund Versicherungsleistungen 961 – 2 – 0,18 – 11 – 1,15 1 0,11 11 1,15 5 0,48 Grundstücksund Wohnungswesen 427 2 0,41 12 2,80 5 1,19 3 0,66 3 0,66 Unternehmensdienstleister 5.254 53 1,00 135 2,55 63 1,15 – 4 – 0,07 0 0,00 Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit 10.811 263 2,44 185 1,67 105 0,93 192 1,69 192 1,66 Sonstige Dienstleister 2.604 – 22 – 0,86 37 1,44 38 1,43 24 0,89 22 0,81 Gesamt 40.927 174 0,43 680 1,65 382 0,91 197 0,47 195 0,46 6IAB-Kurzbericht 19|2024
wächst dieser Bereich jedoch nur mehr moderat. Offensichtlich schreitet nun auch hier die Automatisierung, beispielsweise durch Künstliche Intelligenz, voran und dominiert den Trend, Produktionsund Dienstleistungsprozesse noch mehr zu vernetzen und zu digitalisieren. Zudem leidet dieser Bereich unter Fachkräfteengpässen. Daher erwarten wir sowohl für 2024 als auch für 2025 ein im Vergleich zu den vergangenen Jahren geringes Plus von 10.000 Personen. Unterschiedliche Entwicklung der Arbeitslosigkeit in den Rechtskreisen Arbeitslose in Deutschland werden entweder im System der Arbeitslosenversicherung nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) III oder in der Grundsicherung nach dem SGB II erfasst. Das Versicherungssystem umfasst vor allem Personen, die ihre Beschäftigung erst kürzlich verloren haben. Diese sind im Durchschnitt formal besser qualifiziert als SGB-II-Arbeitslose und finden leichter eine neue Stelle. Da Arbeitslose im SGB-III-Bereich dem Arbeitsmarkt näher stehen, wirken sich konjunkturelle Schwankungen stärker und schneller in der Arbeitslosenversicherung aus. Die erwartete konjunkturelle Aufhellung im nächsten Jahr wird daher zunächst bei den SGB-III-Arbeitslosen sichtbar. Deren Zahl wird im Jahresdurchschnitt 2024 voraussichtlich bei 980.000 liegen, was einem Anstieg um 100.000 gegenüber 2023 entspricht (vgl. Tabelle T1). Im Jahresverlauf 2024 steigt die SGBIII-Arbeitslosigkeit, sodass zu Beginn des nächsten Jahres ein statistischer Überhang vorliegt. Mit anziehender Konjunktur wird sie im Verlauf des Jahres 2025 wieder zurückgehen. Wegen des Überhangs wird es dann – bei einem Jahresdurchschnitt von 1,00 Millionen – dennoch 20.000 mehr SGB-IIIArbeitslose geben als im Vorjahr. Wenn sich in einer wirtschaftlichen Schwächephase Arbeitslosigkeit verfestigt, schlägt sich das vor allem im Bereich der Grundsicherung nieder. Das beeinflusst auch den Verlauf der SGB-IIArbeitslosigkeit: Sie steigt 2024 im Jahresdurchschnitt um 70.000 gegenüber dem Vorjahr auf 1,80 Millionen. Die Zunahme im Jahresvergleich liegt zum Teil an einem statistischen Überhang, mit dem die Arbeitslosigkeit in diesem Rechtskreis in Beschäftigten im kommenden Jahr. Mit –20.000 Beschäftigten entfällt ein Drittel des diesjährigen Rückgangs auf das Baugewerbe, das Teil des Produzierenden Gewerbes ist. Für 2025 rechnen wir dagegen aufgrund der weiterhin hohen Nachfrage nach Wohnraum und dem Baubedarf infolge der Energiewende mit einem geringeren Rückgang in Höhe von 10.000 Personen. Die Unternehmensdienstleister entwickelten sich uneinheitlich. Zwar nahm die Beschäftigung bei den Arbeitnehmerüberlassungen ab, die wirtschaftlichen Unternehmensdienstleister bauten jedoch Beschäftigung auf, sodass in diesem Wirtschaftsbereich die Beschäftigung insgesamt nur leicht sank. Auch für dieses Jahr rechnen wir noch mit einem weiteren leichten Rückgang. Da bei besserer Konjunktur davon auszugehen ist, dass es zumindest bei den Arbeitnehmerüberlassungen zu keinem weiteren Beschäftigungsabbau kommen wird, erwarten wir für 2025 eine Stagnation. Die beiden von der Corona-Krise stark betroffenen Wirtschaftsbereiche Handel, Verkehr, Gastgewerbe sowie die Sonstigen Dienstleister befanden sich 2023 noch in einem Aufholprozess. Dieser scheint nun weitgehend abgeschlossen zu sein. Aufgrund der mittlerweile niedrigeren Preissteigerungen rechnen wir für beide Bereiche mit einer weiteren Beschäftigungszunahme in beiden Jahren – wenn auch im geringeren Umfang (jeweils +20.000). Mit einem jährlichen Zuwachs von jeweils +190.000 Personen entfallen die gesamtwirtschaftlichen Beschäftigungszuwächse fast vollständig auf den Wirtschaftsbereich Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit – was hauptsächlich am Ausbau der Kindertagesbetreuung, an der Alterung der Gesellschaft und am Zuzug von Geflüchteten liegt. Die Finanzund Versicherungsbranche baute infolge der Digitalisierung und aufgrund von Konsolidierungsmaßnahmen im Bankensektor seit 2015 fast durchweg Beschäftigung ab. Seit Ende 2023 scheint dieser Trend gestoppt zu sein und die Beschäftigtenzahlen steigen wieder. Für 2024 und 2025 rechnen wir daher mit weiteren moderaten Zunahmen um jeweils +10.000. Seit 2015 erzielte der Bereich Information und Kommunikation die prozentual höchsten Beschäftigungsgewinne. Seit Beginn des Jahres 2023 7IAB-Kurzbericht 19|2024
2 Im Vergleich mit dem Statistischen Bundesamt (https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/05/PD24_192_13.html) verwendet das IAB einen enger gefassten Begriff der Stillen Reserve. das Jahr gestartet ist. Im Jahresverlauf 2024 steigt die SGB-II-Arbeitslosigkeit aber weiter etwas an. Die SGB-II-Arbeitslosigkeit reagiert erst verzögert auf die wirtschaftliche Belebung und wird im Verlauf des Jahres 2025 noch weiter steigen. Im Jahresdurchschnitt wird sie dann bei 1,84 Millionen Personen (+40.000) liegen. Der Einsatz von Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik wirkt sich unmittelbar auf den Bestand der Arbeitslosigkeit aus, da die Teilnehmenden nicht als arbeitslos gelten, sondern zur Stillen Reserve oder teils zu den Erwerbstätigen gezählt werden. Im kommenden Jahr werden weniger Maßnahmen stattfinden, da weniger finanzielle Mittel verfügbar sind, wodurch vor allem die Arbeitslosigkeit im SGB-II-Bereich im statistischen Sinne weniger als bisher entlastet wird. Stille Reserve nimmt ab Zur Stillen Reserve im engeren Sinn zählen insbesondere Personen, die im Moment nicht aktiv nach einer Arbeitsstelle suchen, aber bei besserer Arbeitsmarktlage oder unter geeigneteren persönlichen Umständen wie einer passenden Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen eine Arbeit aufnehmen würden. Bei dieser Gruppe rechnen wir für das laufende Jahr mit einem Rückgang um 110.000 Personen. So verlassen Geflüchtete, die nach ihrer Ankunft aus persönlichen Gründen noch nicht sofort eine Erwerbstätigkeit aufnehmen konnten, nun die Stille Reserve und stehen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Zudem ziehen sich vermehrt entmutigte Personen komplett vom Arbeitsmarkt zurück und würden auch bei besserer Lage beispielsweise aus Altersgründen nicht mehr nach Arbeit suchen. Im Jahresdurchschnitt 2025 stagniert die Stille Reserve im engeren Sinn. Die Stille Reserve in Maßnahmen umfasst Teilnehmende an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, die aber nicht – wie beispielsweise Beschäftigte mit Ein-Euro-Jobs oder im sozialen Arbeitsmarkt – erwerbstätig sind. Bei Maßnahmen zur Förderung der beruflichen Weiterbildung erwarten wir einen moderaten Anstieg im Prognosezeitraum, während Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung leicht rückläufig sind. Die Zahl der Personen über 58 Jahre, die aufgrund des § 53a Abs. 2 SGB II nicht zu den registrierten Arbeitslosen zählen, weil sie seit mehr als einem Jahr kein Angebot auf dem ersten Arbeitsmarkt erhalten haben, sinkt kontinuierlich, da diese Sonderregelung zum Jahresende 2022 ausgelaufen ist. Die Teilnahme von Geflüchteten an Sprachund Integrationskursen bleibt im Prognose zeitraum auf einem sehr hohen Stand. In der Summe gehen wir davon aus, dass die Stille Reserve in Maßnahmen im Jahresdurchschnitt 2024 um 30.000 und 2025 um weitere 40.000 abnimmt. Sie beträgt dann durchschnittlich 660.000 Personen. Somit sinkt die gesamte Stille Reserve in diesem Jahr um 140.000 Personen und im nächsten um 40.000, womit sie im Jahresdurchschnitt 2025 bei 870.000 liegt.2 Nachlassendes Wachstum des Arbeitskräfteangebots Das Erwerbspersonenpotenzial entspricht der Summe der Erwerbstätigen, der Erwerbslosen und der Stillen Reserve. Dessen Veränderung lässt sich auf das Zusammenspiel dreier Komponenten zurückführen – des Wanderungseffekts, des Verhaltenseffekts und des demografischen Effekts. Während die Nettomigration 2023 mit rund 660.000 Personen gegenüber dem Rekordjahr 2022 stark abgenommen hat, handelte es sich im langjährigen Vergleich dennoch um einen starken Zuzug. Die für 2024 bislang vorliegende Wanderungsstatistik zeigt eine schwächere Entwicklung als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Vor diesem Hintergrund gehen wir von einem weiteren Rückgang der Nettomigration auf 550.000 Personen im Jahr 2024 sowie auf 480.000 Personen im Jahr 2025 aus. Als Folge dieser im langjährigen Vergleich weiterhin hohen Nettozuzüge erwarten wir für das laufende Jahr ein migrationsbedingtes Wachstum des Erwerbspersonenpotenzials um 360.000 Personen, für das kommende Jahr um 330.000 Personen. Darüber hinaus wächst das Arbeitsangebot auch als Folge der kontinuierlich steigenden Erwerbsbeteiligung, insbesondere bei Frauen und Älteren. Für das Jahr 2024 erwarten wir aufgrund dieses 8IAB-Kurzbericht 19|2024