Weniger Ungleichheit durch Beratung: Individuelle Förderung hilft, sozial vorgezeichnete Bildungspfade zu verlassen
Abstract
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Full text
Erdmann, Melinda; Pietrzyk, Irena; Schneider, Juliana; Helbig, Marcel; Jacob, Marita Article Weniger Ungleichheit durch Beratung: Individuelle Förderung hilft, sozial vorgezeichnete Bildungspfade zu verlassen WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung Provided in Cooperation with: WZB Berlin Social Science Center Suggested Citation: Erdmann, Melinda; Pietrzyk, Irena; Schneider, Juliana; Helbig, Marcel; Jacob, Marita (2022) : Weniger Ungleichheit durch Beratung: Individuelle Förderung hilft, sozial vorgezeichnete Bildungspfade zu verlassen, WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung, ISSN 2943-6613, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Berlin, Iss. 177 (3/22), pp. 44-47, https://bibliothek.wzb.eu/artikel/2022/f-25012.pdf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/327777 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Weniger Ungleichheit durch Beratung Individuelle Förderung hilft, sozial vorgezeichnete Bildungspfade zu verlassen Trotz steigender Studierendenquoten in Deutschland ist die Wahrscheinlichkeit, dass junge Menschen ein Studium aufnehmen, viel höher, wenn ihre Eltern auch schon studiert haben. Um diese Bildungsungleichheit abzubauen, werden seit einigen Jahren vermehrt individuelle Beratungsprogramme gefördert. Ein Forschungsprojekt hat genau hingeschaut – und kann die Wirkung eines solchen Programms belegen. Melinda Erdmann, Irena Pietrzyk, Juliana Schneider, Marcel Helbig und Marita Jacob Der Anteil junger Menschen mit Abitur steigt kontinuierlich. Dennoch bleibt das deutsche Bildungssystem durch starke soziale Ungleichheit beim Übergang in die Hochschulbildung geprägt. Die Entscheidung, ob junge Menschen nach dem Abitur studieren oder eine berufliche Ausbildung beginnen, ist weiterhin maßgeblich davon bestimmt, welchen Bildungsabschluss ihre Eltern haben: Abiturient:innen aus Nichtakademikerhaushalten nehmen selbst bei guten Noten seltener ein Studium auf als Abiturient:innen aus Akademikerfamilien. Diese anhaltende Ungleichheit widerspricht der Forderung nach Chancengleichheit. Viele junge Menschen können ihre Potenziale so nicht voll ausschöpfen. Um dieser Ungleichheit entgegenzuwirken, wurden in den letzten Jahren vermehrt Unterstützungsprogramme verschiedener Art angeboten, meist in einer späten Phase der schulischen Laufbahn. Diese variieren zwischen kurzen Workshops und längerer individueller Beratung. Trotz des breiten Angebots liegen jedoch relativ wenig Befunde über deren Wirkung vor – dies gilt insbesondere für intensive und individuelle Programme. Gesicherte Aussagen über die Wirkung sind meist nur mit aufwendigen und langfristigen Forschungsvorhaben möglich, zum Beispiel mit experimentellen und längsschnittlichen Untersuchungen. Denn die anvisierten Ziele der Programme, wie etwa der Studienbeziehungsweise Ausbildungserfolg, zeigen sich meist viel später. Im Rahmen des Projekts „Zukunftsund Berufspläne vor dem Abitur“ (ZuBAb) konnte ein solches Forschungsvorhaben umgesetzt werden. Wir hatten die Möglichkeit, ein bereits existierendes intensives Beratungsprogramm für Schüler:innen der gymnasialen Oberstufe in Nordrhein-Westfalen, das „NRW-Talentscouting“, experimentell und über einen längeren Zeitraum zu untersuchen. Unsere zentralen Untersuchungsfragen waren von den Zielen des Beratungsprogramms geleitet: Wir wollten 44 | Mitteilungen Heft 177 September 2022
wissen, inwiefern eine intensive Beratung mehr junge Menschen ohne akademisch gebildete Eltern für ein Studium begeistern kann und ob das Programm dadurch die soziale Ungleichheit beim Übergang zum Studium verringert. Um diese Fragen zu beantworten, begleiteten wir junge Menschen des Abiturjahrgangs 2019 in NRW über einen längeren Zeitraum und befragten sie in verschiedenen Stadien ihrer Bildungslaufbahn – von der Schule bis zum nachschulischen Bildungsweg. Zudem wurde einem Teil dieser Schüler:innen die Teilnahme am intensiven Beratungsprogramm angeboten, das wir wissenschaftlich begleiteten. Dies war Teil des experimentellen Studiendesigns, mit dem wir verlässliche kausale Schlüsse über die Wirkung des Programms ziehen konnten. Konkret wurden hierfür Schüler:innen zufällig einer Kontrollgruppe (Personen, die nicht am Beratungsprogramm teilnahmen) oder einer Experimentalgruppe (Personen, die an der Beratung teilnahmen) zugewiesen. Durch die zufällige Zuordnung war die Vergleichbarkeit der Gruppen sehr hoch. Wir konnten so sicherstellen, dass der gefundene Effekt auf dem Programm und nicht auf anderen Faktoren beruht. Ohne eine zufällige Zuordnung könnten Jugendliche, die ein Studium aufnehmen wollen, öfter an einer Beratung teilnehmen als unentschlossene Jugendliche. Ein Vergleich zwischen diesen beiden Gruppen würde dann suggerieren, dass die Personen durch die Beratung einen Studienwunsch entwickelt hätten. Dies wäre aber ein Fehlschluss, da das Ergebnis eher auf die höhere Teilnahmebereitschaft zurückzuführen wäre. Ein solcher sogenannter Selbstselektions-Bias soll durch die zufällige Zuordnung verhindert werden. Unsere ersten Ergebnisse waren ernüchternd. So zeigte sich direkt nach dem Abitur, also zum Zeitpunkt der ersten Möglichkeit, ein Studium aufzunehmen, kein Effekt der intensiven Beratung auf die nachschulische Bildungsentscheidung von jungen Menschen ohne akademisch gebildete Eltern. Beratene Personen entschieden sich direkt nach dem Abitur nicht anders als Personen, die keine Beratung erhalten hatten. Dieses Bild änderte sich aber entscheidend, als wir die gesamte Gruppe ein Jahr später noch einmal zu ihren aktuellen Bildungswegen befragten. Eineinhalb Jahre nach dem Abitur konnten wir deutliche Unterschiede zwischen den zwei Gruppen erkennen. Zu diesem Zeitpunkt förderte die intensive Beratung durchaus die Aufnahme eines Studiums bei Schüler:innen ohne akademisch gebildete Eltern. Diese Personen nahmen zu 8 Prozentpunkten häufiger ein Studium auf als Personen ohne akademisch gebildete Eltern, die nicht am Beratungsprogramm teilgenommen hatten. Mit dieser Erkenntnis ist jedoch noch nicht die Frage beantwortet, ob mit einer intensiven Beratung die soziale Ungleichheit reduziert wird. Zwar haben wir gesehen, dass die Studienaufnahmequote für Schüler:innen ohne akademisch gebildete Eltern zunahm. Von einer Verringerung der sozialen Bildungsungleichheit kann allerdings erst gesprochen werden, wenn sich der Abstand zwischen dem Anteil der studierenden Menschen in der Gruppe mit und in der Gruppe ohne akademisch gebildete Eltern reduziert. Daher haben wir uns den Programmeffekt auch für die jungen Menschen angeschaut, die eigentlich nicht im Fokus des Programms standen, aber dennoch nicht grundsätzlich davon ausgeschlossen sind: junge Menschen mit akademisch gebildeten Eltern. Unsere Analysen zeigten sehr interessante Ergebnisse. Um uns ein Bild davon zu machen, wie groß die Bildungsungleichheit beim Übergang zum Studium ohne die individuelle Beratung war, betrachteten wir die unterschiedlichen Studienquoten von jungen Menschen mit und ohne akademisch gebildete Eltern aus unserer Kontrollgruppe. Wir fanden einen beachtlichen Unterschied von 21 Prozentpunkten bei den Jugendlichen ohne Beratung. Unter diesen entschieden sich 77 Prozent der Personen mit „Wir wollten wissen, inwiefern eine intensive Beratung mehr junge Menschen ohne akademisch gebildete Eltern für ein Studium begeistern kann“ „Eineinhalb Jahre nach dem Abitur konnten wir deutliche Effekte der Beratung erkennen“ Titelthema 45
akademisch gebildeten Eltern und 56 Prozent ohne akademisch gebildete Eltern für ein Studium. Dieser Unterschied übertraf sogar die Werte, die wir bisher aus der Forschung mit empirischen Daten kannten. In der Gruppe der Personen, die eine individuelle Beratung erhalten hatten, war dieser Unterschied sehr viel kleiner. Denn interessanterweise führte die Beratung nicht nur dazu, dass junge Menschen ohne akademisch gebildete Eltern häufiger ein Studium aufnahmen, sondern auch dazu, dass sich junge Menschen mit akademisch gebildeten Eltern häufiger für eine Ausbildung entschieden. Der Unterschied bei der Studienaufnahme zwischen den sozialen Gruppen in der Experimentalgruppe wurde insgesamt auf 6 Prozentpunkte verringert, was eine verhältnismäßige Reduktion um über 70 Prozent darstellt. Die individuelle Beratung führte also nicht insgesamt zu einer höheren Studierendenquote, vielmehr veränderte sich nur die soziale Zusammensetzung der Personen, die sich für ein Studium oder für eine Ausbildung entschieden. Ob diese positive Entwicklung langfristig auch den Effekt hat, dass das aufgenommene Studium abgeschlossen wird, können wir zum aktuellen Zeitpunkt nicht beantworten. Jedoch weisen detaillierte Analysen der Abiturnoten – die in einem starken Zusammenhang mit dem Studienerfolg stehen – auf eine gute Prognose hin. Auf der einen Seite waren es vor allem junge Menschen mit überdurchschnittlich guten Abiturnoten aus Familien ohne akademische Erfahrung, die sich häufiger für ein Studium entschieden. Auf der anderen Seite haben Personen mit akademisch gebildeten Eltern sich eher für eine Ausbildung entschieden, wenn ihre Abiturnoten unter dem Durchschnitt lagen. Unser Resümee ist, dass eine individuelle und intensive Beratung, wie sie in NRW durchgeführt wird, sowohl junge Menschen ohne akademisch gebildete Eltern stärker für ein Studium motiviert als auch die soziale Un- „Die Beratung führte auch dazu, dass sich junge Menschen mit akademisch gebildeten Eltern häufiger für eine Ausbildung entschieden“ 46 | Mitteilungen Heft 177 September 2022
gleichheit beim Übergang zur Hochschule reduziert. Da die Beratung auch die Bildungsentscheidung von Personen mit akademisch gebildeten Eltern beeinflusst hat, entkoppelte das Programm für alle sozialen Gruppen die nachschulische Bildungsentscheidung von der sozialen Herkunft. Dies erreichte die Beratung, indem sich die jungen Menschen stärker ihren Potenzialen entsprechend für ein Studium oder eine Ausbildung entschieden. Neben diesen zentralen Erkenntnissen zeigt unsere Studie, dass die positive Wirkung des Programms nur aufgrund der langfristig angelegten wissenschaftlichen Begleitung erkannt werden konnte. Ein halbes Jahr nach dem Abitur zeigte sich noch kein Programmeffekt. Offensichtlich bilden sich die sozialen Ungleichheiten beim Studienübergang in Deutschland erst ein Jahr nach dem Abitur heraus. Ohne den langen Atem von Politik und Wissenschaft hätten wir also die Programmeffekte nicht entdecken können. Melinda Erdmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am WZB in der Forschungsgruppe der Präsidentin im Projekt „Zukunftsund Berufspläne vor dem Abitur“ (ZuBAb). melinda.erdma[email protected] Irena Pietrzyk ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität zu Köln am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (ISS) im Projekt „Zukunftsund Berufspläne vor dem Abitur“ (ZuBAb) und Gastwissenschaftlerin am WZB in der Forschungsgruppe der Präsidentin. irena.pietrzy[email protected] Juliana Schneider ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität zu Köln am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (ISS) im Projekt „Zukunftsund Berufspläne vor dem Abitur“ (ZuBAb) und Gastwissenschaftlerin am WZB in der Forschungsgruppe der Präsidentin. [email protected] Marcel Helbig ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsgruppe der Präsidentin am WZB und Arbeitsbereichsleiter „Strukturen und Systeme“ am Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) in Bamberg. ma[email protected] Marita Jacob lehrt an der Wirtschaftsund Sozialwissenschaftlichen Fakultät am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (ISS) der Universität zu Köln. Sie ist Prodekanin für Akademische Karriere der WiSo-Fakultät. marita.jacob@ uni-koeln.de Literatur Erdmann, Melinda/Pietrzyk, Irena/Helbig, Marcel/Jacob, Marita/Stuth, Stefan: „Können intensive Beratungsprogramme soziale Ungleichheit beim Übergang in die Hochschule reduzieren? Ergebnisse eines Feldexperiments“. In: Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, 2022, Jg. 48, H. 1, S. 137162. Online: https://www.econstor.eu/handle/10419/ 251280 (Stand: 23.08.2022). Erdmann, Melinda/Pietrzyk, Irena/Schneider, Juliana/Helbig, Marcel/Jacob, Marita/ Allmendinger, Jutta: Bildungsungleichheit nach der Hochschulreife – das lässt sich ändern. Eine Untersuchung der Wirksamkeit eines intensiven Beratungsprogramms 1,5 Jahre nach dem Abitur. Discussion Paper P 2022-002. Berlin: WZB 2022. Online: https://biblio thek.wzb.eu/pdf/2022/p22-002.pdf (Stand: 03.02.2022). Der Text ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC BY 4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ „Das Programm entkoppelte für alle sozialen Gruppen die nachschulische Bildungsentscheidung von der sozialen Herkunft“ Titelthema 47