WERNER SOMBART – Geist, Gesellschaft und Wirtschaft
Abstract
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Full text
Ziegenfuß, Werner Article WERNER SOMBART – Geist, Gesellschaft und Wirtschaft Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Ziegenfuß, Werner (1949) : WERNER SOMBART – Geist, Gesellschaft und Wirtschaft, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 69, Iss. 3, pp. 1-26, https://doi.org/10.3790/schm.69.3.1 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290669 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
257] 1 WERNER SOMBART Geist, Gesellschaft und Wirtschaft Von Werner Ziegenfuß, Berlin Inhaltsverzeichnis: I. Verschiedene Begriffe „Geist" S. 3 — II. Keine historischpsychologische Ableitung des Geistes S. 6 — III. „Vergeistung" und „Rationalisierung" S. 12 — IV. Kapitalistischer Geist und soziale Wirklichkeit S. 17 — V. Sozialismus S. 20. Vielleicht schwieriger noch als für andere Wissenschaften, die in ähnlicher Lage sind, ist es für die Soziologie, in Zeiten dogmatischpolitischer Auseinandersetzungen ihren sachlichen Gegenstand scharf und fest im Auge zu behalten, ihren Erkenntnisweg aus eigener Verantwortung unbeeinflußt von äußerlichen Motiven weiterzugehen und sowohl an positiven Einsichten wie an methodischer Klarheit fortschreitend zu gewinnen, obgleich ihre Stellung im System der Wissenschaften durchaus nicht als allgemein anerkannt und sachlich gesichert gelten kann. Die Vorherrschaft eines parteipolitisch und staatlich oktroyierten Dogmas vollends wirkt kaum in einem anderen wissenschaftlichen Forschungskreis so leicht und so gründlich verwirrend wie in der Arbeit der Gesellschaftswissenschaft, die sowohl immer darauf angewiesen ist, aus dem denkend erlebten gesellschaftlichen Dasein Stoff und Anregung zu finden, als auch ihre Erkenntnismethode freihalten muß von außerwissenschaftlichen Zwecken und Tendenzen. Es sind noch nicht zwei Jahrzehnte vergangen, seit in Deutschland mit dem „Handwörterbuch der Soziologie" eine erste zusammenfassende Übersicht über jenen Grundbestand an Erkenntnissen und Methoden festgelegt wurde, der inmitten einer lebhaften Bewegung als verhältnismäßig allgemeingültig anerkannt werden konnte. Seitdem mußte die Soziologie aus Gründen, die nicht bei ihr selbst lagen, in den Hintergrund traten, und wenn sie nunmehr auch wieder freier arbeiten kann, so muß sie doch außer den vielerorts kaum zu überwindenden allgemeinen Schwierigkeiten unserer kulturellen und praktischen Situation noch die Aufgabe bewältigen, sich von neuem auf ihre Grundlagen zu besinnen und wieder anzuknüpfen, wo allzuviele ohnedies nicht sehr starke Gedankenfäden zerrissen sind. Es kann sich dabei zunächst nicht einmal so sehr darum handeln, den Gesamtbestand ihrer ErScbmollers Jahrbuch LXiX, 3 i* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:02:40
2 Werner Ziegenfuß [258 kenntnisse neu und reicher zu entfalten. Diese Aufgabe bleibt einer künftigen Zusammenarbeit der nicht sehr zahlreichen wissenschaftlichen Soziologen in unserem Land untereinander und der Auswertung der wieder zugänglich werdenden Forschungsergebnisse des Auslandes vorbehalten. Zunächst kommt es darauf an, die grundsätzlichen Bestimmungen und die Einsichten, die den Rahmen und die Kategorien, die Methode und das Erkenntnisziel der Soziologie klären, wieder lebendig zu machen, soweit sie früher bereits erarbeitet worden waren. In diesem Sinn wollen die folgenden Bemerkungen der Rückbesinnung auf jenen geistigen Standort dienen, von dem aus einer der fruchtbarsten Geister in dem Bereich der wirtschaftsgeschichtlichen und wirtschaftsoziologischen Forschung, Werner Sombart, eine außerordentliche Fülle nicht allein von Erkenntnissen zur Problematik der modernen Wirtschaftsgesellschaft, sondern auch von prinzipiellen Klärungen vor allem zu dem Zusammenhang von Wirtschaft und Gesellschaft, von Nationalökonomie und Soziologie uns geschenkt hat. Es kann natürlich nicht die Aufgabe einer knappen Skizze sein, die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse aus dem Werke des so ungemein vielseitigen Gelehrten vor Augen zu führen. Diese sind in den Grundbestand der wirtschaftswissenschaftlichen Erkenntnis und Problematik hinein verarbeitet worden und haben der Soziologie zumindest eine Fülle von Anregungen und einzelnen Einsichten bei ihrem Bemühen um die Erforschung der modernen europäisch-amerikanischen gesellschaftlichen Wirklichkeit übermittelt. In dieser Hinsicht wird die positve Einzelforschung den überkommenen Ertrag aufnehmen, prüfen, ergänzen und umbilden. Darüber hinaus besteht die Aufgabe, das Wirtschaftsleben nach dem von Sombart mit dem Beginn des ersten Weltkrieges angesetzten Ende der „hochkapitalistischen" Wirtschaftsepoche in gleicher enzyklopädisch-systematischer Weise zusammenfassend vor Augen zu stellen, wie Sombart das europäische Wirtschaftsleben „historischsystematisch" in seinem größten Werk, dem „Modernen Kapitalismus", durchdacht hat. Bislang ist freilich weder in der allgemeinen realen gesellschaftlich-ökonomischen Geschichte unserer Gegenwart noch im Fortschreiten der wissenschaftlichen Erkenntnis der Augenblick spürbar geworden, der ein solches Unternehmen erfolgversprechend erscheinen lassen könnte. Was aber heute bereits nicht ganz unnütz sein dürfte, ist die Prüfung einzelner Begriffe und Bestimmungen, mit denen ein Meister wie Sombart seine Auffassungen und seine Methode sich und uns hat klären wollen. Dabei kann es sich nur um einige Momente und Thesen handeln, die wir herauslösen, weil sie für die künftige Entwicklung der beiden mit einander eng verbundenen Problemstellungen der Soziologie und der Nationalökonomie besonders bedeutsam erscheinen. Es wird schon einiges gewonnen sein, wenn es gelingt, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:02:40
259] Werner Sombart — Geist, Gesellschaft und Wirtschaft 3 gewisse Begriffe, die nicht immer gleichmäßig genau gefaßt erscheinen, schärfer zu profilieren und es dürfte im Geiste Sombarts sein, der seinem methologischen Hauptwerk „Die drei Nationalökonomien" das Motto gab: „Qui bene distinguit, bene docet", wenn wir auch seine eigenen Begriffsbildungen kritisch prüfen. Es wird sich zeigen, daß sein nicht immer ganz präzis scheinender Sprachgebrauch nicht allein durchaus konsequent ist, sondern daß sonst leicht übersehbare Tönungen des Begriffs durch eine zunächst kaum auffallende Verschiedenheit im Wortgebrauch deutlich zum Ausdruck gelangen. Wir nehmen es uns vor, den Begriff des „Geistes", der bei Sombarts Deutung des Wirtschaftslebens und der gesellschaftlichen Erscheinungen eine so hervorragende Rolle spielt, zu klären, und wir wählen als Beispiel hierbei vor allem Sombarts Theorie des „kapitalistischen Wirtschaftssystems". Die ungeheure Fülle an Erkenntnisstoff, die Sombart mit seinem „historisch-systematischen" Gedankengefüge wissenschaftlich bewältigt und die in dem Werk über den „Modernen Kapitalismus" als die Darstellung des „gesamteuropäischen Wirtschaftslebens von seinen Anfängen bis zur Gegenwart" erscheint, und die vielseitige und begrifflich differenzierte Mannigfaltigkeit von Details, zu der er seinen Forschungsertrag entfaltet, können für den weniger kritisch eingestellten Soziologen oder Nationalökonomen fast notwendig den Eindruck erwecken, als sei das moderne Wirtschaftsleben wesenseins und umfangsmäßig in Deckung mit jenem speziellen Wirtschaftssystem, das Sombart das „kapitalistische" nennt, und daran könnte sich eine Identifizierung der modernen „bürgerlichen" Wirtschaft mit dem Sozialgefüge der kapitalistischen Wirtschaft knüpfen, deren politische Konsequenzen dann naheliegen würden. Auch um einer solchen irrtümlichen Ineinssetzung entgegenzuwirken, werden wir die prinzipiellen Grenzen prüfen, die einem derartigen begrifflichen Schema gesteckt sind. Von diesem Beispiel aus können wir uns weiterführen lassen zu den sich zwanglos daran knüpfenden Fragen des Zusmmenhanges von Gesellschaft und Wirtschaft und der Zusammengehörigkeit von Nationalökonomie und Soziologie. I. In seinem erkenntniskritischen Hauptwerk „Die drei Nationalökonomien" (1930) bestimmt Sombart das „Wirtschaftssystem" am Beispiel des „Kapitalismus" als „Muster" eines „Stilzusammenhangs". Als einen solchen bezeichnet er „einen Zusammenhang, bei dem alle einzelnen Tatbestände zwar nicht zweckbezogen, weil kein einheitlicher gesetzter Zweck vorhanden ist, aber doch — und zwar auch realiter (an sich selbst) — sinnbezogen, die Handlungen also sinnorientiert sind, weil der ,Sinn' des Ganzen den Sinn jeder Einzelerscheinung bestimmt" (S. 211 f.). Beweis hierfür ist, daß „die einzelne Unterneh1* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:02:40
4 Werner Ziegenfuß [260 mung, der einzelne Lohnvertrag, die einzelne Buchung" ihren „Sinn" finden „im Sinn des kapitalistischen Wirtschaftssystems; jeder Arbeiter handelt orientiert4 am ,Geist des Kapitalismus"6 (S. 212). Diese Formulierung mag stellvertretend stehen für ähnliche Bestimmungen in anderen Zusammenhängen (vgl. etwa noch Handwörterbuch der Soziologie, 1931, S. 258 f.). Vom Verständnis dessen, was Sombart unter „Geist" und „Sinn" versteht, hängt es also ab, ob wir Gegenstand und Leitthema seiner Hauptwerke richtig begreifen. Sombart weist selbst darauf hin, wie vieldeutig der Begriff des Geistes ist („Vom Menschen", 1938, S. 16 f.). Wir können daher nicht überrascht sein, wenn wir auch im Sprachgebrauch Sombarts eine ganze Reihe von Bedeutungen dieses Ausdrucks festzustellen haben. Wir zählen auf, ohne Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen: 1. „Alle Gesellschaft ist Geist". Das bedeutet „die Tatsache der Verbundenheit der Menschen" („Soziologie, was sie ist und was sie sein soll", 1936, S. 23). Geist ist das ontologische Wesen der Gesellschaft. Er hat universellen Charakter. 2. „Eint sich eine Mehrheit im Geiste, so bildet sie einen Verband" (Handwörterbuch der Soziologie, S. 29). Geist gewinnt funktionale Bedeutung als Prinzip der Einung zu generellen Formen des Zusammenlebens, den „Verbänden". Die „Geisthaftigkeit" macht „das menschliche Dasein zum Verbandsein", heißt es mit einem Anklang an die erstgenannte Bedeutung (a. a. 0. S. 222). 3. In der Gestalt des „Idealen" schafft der Geist eine besondere Art von Verbänden, die „idealen" oder „echten". Es erscheint ein „irgendwelches Geistige: die Idee der Familie, die Tradition, das Totemtier, die Verfassung, die bewußt erlebte Geschichte" und „macht diese Gruppen Blutsverwandter zu Verbänden" (Handwörterbuch d, S., S. 224). Damit tritt das Geistige als ein Inhaltliches auf und wirkt gleichzeitig als Formmoment gegenüber anderen von ihm unabhängigen Gegebenheiten. Es erscheint der Beginn eines Dualismus zwischen Geist und Nichtgeist. Dieser wird deutlicher, sobald nicht mehr die sozialen Beziehungen schlechthin Geist sind, sondern 4. „alles, was an (!) den sozialen Beziehungen Geist ist", als die „F o r m" bezeichnet, „alles übrige" zum „Inhalt" wird (a. a. 0. S. 223). Das Geistige als das Formmoment bleibt dabei das die Verbindlichkeit begründende gesellschaftliche Wesen und als solches ein Allgemeines gegenüber dem besondernden „Inhalt". Einen höheren Grad von Eigenbedeutung gewinnt der Geist, wenn er Inhalte, die er in sich aufnimmt, kraft seiner Formung objektiviert. Es erscheint dann der Geist als 5. selbst gegenständlicher „Sinnzusammenhang", abgelöst von dem Menschen. Dieser kann sein Verhalten dem „objektivierten" OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:02:40
261] Werner Sombart — Geist, Gesellschaft und Wirtschaft 5 Geist gegenüber „adäquat" oder „inadäquat" vollziehen (a. a. 0. S. 222). Beispielsweise ist in diesem Sinn die Wirtschaft objektivierter, „niedergeschlagener" Geist („Die drei Nationalökonomien", S. 210). Darüber hinaus können 6. besondereZwecke durch sie bestimmte Organisationen als geistig „objektive" konstituieren (Handwörterbuch d. S., S. 222). Hier erscheint dann am Ende der „Geist eines Kollektivs ... selbständig ... neben und außer diesem" („Vom Menschen", S. 233). Das besagt, daß in solchen Fällen, in denen das Geistige sich zu einer eigenen Potenz herausbildet, es über jenen Charakter der „Objektiviertheit" hinaus, der den Geist bereits aus dem unmittelbaren Lebenszusammenhang löst, geradezu neben und außerhalb der gesellschaftlichen Wirklichkeit zumindest gedacht werden muß. Die bisher aufgeführten Bedeutungen des Geistbegriffs haben ihren Sinn in der Soziologie und Wirtschaftssoziologie Sombarts, sofern einzelne Erscheinungen in Frage stehen, denen sie angemessen sind. Sie reichen indessen nicht aus, um jenes für Sombarts Forschungen zentrale Phänomen zu verstehen, das er den „kapitalistischen Geist" nennt. Was mit diesem gemeint wird, erscheint greifbar vorgestellt etwa dann, wenn Sombart von den Mitteln spricht, durch die es „dem Kapitalismus" gelingt, das nach ihm benannte „kunstvolle System einer weitausgreifenden Gesellschaftswirtschaft zu schaffen". Diese fassen sich zusammen in der „Rationalisierung aller Elemente des wirtschaftlichen Prozesses, die formell nichts anderes als deren Anpassung an die Bedürfnisse des Kapitalismus bedeutet, materiell aber in einer allgemeinen Vergeistung seelischer Inhalte besteht". Diese „Vergeistung (oder Versachlichung) bezieht sich auf die Wirtschaftsform, in der und durcfi die alle wirtschaftlichen Vorgänge sich abwickeln: die kapitalistische Unternehmung, sowie auf alle Werkbetriebe und auf die Formen, in denen sich der Güterumsatz abspielt (Handel und Kredit)" („Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus", 1927, S. 953). An dieser zusammenfassenden Definition tauchen zwei Probleme in Hinsicht auf den Geistbegriff auf, denen wir genau nachzugehen haben, bevor wir hoffen dürfen, auch den „Geist des Kapitalismus" recht zu verstehen. Das erste besteht darin, daß solche Ausführungen, wie die zitierte, denen sich beliebig viele ähnlich klingende zur Seite stellen lassen, den Gedanken nahelegen, es sei „der Kapitalismus" gleichsam eine selbständig auftretende und agierende geistige Potenz. Allzuoft, zunächst aber nur in der Tagespublizistik und namentlich in der politischen Diskussion, wird in diesem Sinne von „dem" Kapitalismus und entsprechend dann auch etwa von „dem" Sozialismus gesprochen, als seien dies Entitäten, die selbständig agieren, aus eigener Machtvollkommenheit sündigen oder Gutes vollbringen könnten. Ohne Frage OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:02:40
6 Werner Ziegenfuß [262 können wir in einer kritisch begrenzteii Bedeutung des Wortes unter dem Kapitalismus das gedachte Ganze aller in seinem Sinne wirkenden konkreten Antriebe und Mächte usw. verstehen. Dieser erscheint damit als eine lediglich vorstellungsmäßige Zusammenfassung von im übrigen genau erfaßbaren konkreten Gegebenheiten. Aber es ist doch noch etwas anderes, eben ein eigenes einheitliches Wesen mit gemeint, das dem Kapitalismus einen eigenen geistigen Charakter gibt und ihn sinnhaft aus sich heraus wirksam werden läßt. Wie haben wir dies zu verstehen? Die andere Frage, die sich mit einer Textstelle wie der wiedergegebenen stellt, ist die, daß neben diesem anscheinend eigenartigen Geistwesen des Kapitalismus noch zwei weitere Begriffe von Geist auftauchen, die offenkundig etwas ganz anderes meinen, der Ausdruck der „Vergeistung" sowie der der „Rationalisierung". Da der Mensch nur einen Geist und ein Denken hat, können mit diesen Begriffen nicht absolut verschiedene Momente gemeint sein. Es ergibt sich die Aufgabe, die gemeinten Bedeutungen von dem allgemeinen Geistbegriff abzuleiten und sie in einen sinnvollen Zusammenhang miteinander zu bringen, wenn wir eine Stelle, wie die angeführte, richtig verstehen wollen. II. Daß die erste unserer beiden Fragen nicht willkürlich gestellt ist, zeigt sich, sobald wir auf jene ausführlichen Darlegungen hinblicken, mit denen Sombart das Entstehen des Kapitalismus vom Menschen her verständlich machen will. Die gelegentliche Feststellung, „Kapitalismus muß erst da sein, ehe es kapitalistische Motive gibt" („Die drei Nationalökonomien", S. 227), gewinnt eine konkrete Bedeutung, wenn wir die Genese des kapitalistischen Geistes uns vor Augen führen, die Sombart in seinem Werk über den „Bourgeois" darstellt. Zunächst fällt es auf, namentlich im Vergleich mit den aufgezählten Bedeutungen des Geistes, der beispielsweise als „Form" gegenüber dem Seelischen als „Inhalt" erscheint, daß der „Wirtschaftsgeist" gleichgesetzt wird mit der „Gesamtheit seelischer Eigenschaften und Tätigkeiten, die beim Wirtschaften in Betracht kommen" („Der Bourgeois", 1913, S. 2). Dieser Begriff bedeutet so ziemlich das Gegenteil jener Vorstellung von der Objektiviertheit des Geistes, mit der die gegebene Reihe der Bedeutungen als mit dem 6. Geistesbegriff schließt. Da außerdem bei der „Menschenart Bourgeois" das „Geistige" im Gegensatz erscheint zum „Sozialen" (a. a. 0. S. III), müßte man erwarten, daß der eigentümliche „bourgeoise" oder „kapitalistische" Wirtschaftsgeist nunmehr aus den menschlichen Wesenszügen und seelischen Besonderheiten dieser „Menschenart" entwickelt wird. Für einen Geist als eigene Potenz neben dem Seelischen und Sozialen bliebe dabei kaum ein Platz. Eine solche Forschung würde „psychologisch" zu nennen sein, jedoch OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:02:40
263] Werner Sombart — Geist, Gesellschaft und Wirtschaft 7 nicht „geistwissenschaftlich". Es wäre vollends kein Anlaß anzunehmen, es sei mit dem kapitalistischen Geist ein eigentümliches Wesen gemeint, das unabhängig von dem gemeinmenschlichen Seelenwesen existierte. Eine These wie die, es müsse Kapitalismus geben, bevor es kapitalistische Motive geben könne, erschiene dann geradezu als Paradoxie. Denn wie wäre dies möglich, wenn der Wirtschaftsgeist — auch der Kapitalismus wäre ein solcher! — nichts anderes bedeutet als die Zusammenfassung des Seelischen, also auch der Motive der in Frage stehenden „Menschenart"? Wenn wir weiter lesen, die „allererste Voraussetzung für ein richtiges Verständnis wirtschaftlicher Vorgänge" sei „die Einsicht, daß der Geist des Wirtschaftslebens gründlich verschieden" sein könne und die „bei der Vornahme wirtschaftlicher Handlungen erforderten Qualitäten ebenso verschieden von Fall zu Fall" seien, „wie die leitenden Ideen und Grundsätze, nach denen die wirtschaftliche Tätigkeit eingestellt wird", dann besagt das in Hinsicht auf jenen „Geist" nichts Besonderes. Sofern dieser verschieden sein soll bei einem „Handwerker alten Schlages" und bei einen* „modernen amerikanischen Unternehmer" („Der Bourgeois", S. 4), dann ist damit nach dem Vorangehenden nicht mehr gesagt, als daß beides eben verschiedene „Menschen" sind. Aus der seelischen Eigenart dieser Menschen und aus ihren besonderen Motiven müßte also nunmehr das Eigentümliche des Kapitalismus abgeleitet werden. Genau das geschieht aber nicht. Schon in diesem verhältnismäßig frühen Werk Sombarts, das noch nicht die „phänomenologischen" Unterscheidungen zwischen dem „Ideellen" und dem „Seelischen" kennt, die Sombart später bewußt in s«in Denken aufnimmt, kommt er in der konkreten Untersuchung zu einem durchaus anderen Verhältnis des Kapitalistischen zu dem Seelischen und zu dem menschlichen Motivzusammenhang. Es gelingt nicht, den kapitalistischen Geist wirklich psychologisch abzuleiten, sondern dieser muß vielmehr doch als ein Wesen für sich vorausgesetzt werden, damit die menschlichen Phänomene, die dargestellt werden, überhaupt als zu dem Kapitalismus gehörig erkennbar werden können. Das wird mit einer geradezu „naturalistisch" klingenden Wendung deutlich, wenn es heißt, die merkantilistische Staatskunst ließe „Keime kapitalistischen Geistes bei den Untertanen zur Reife bringen" (a. a. 0. S. 112). Eine solche Formulierung drückt nichts anderes aus als die Tatsache, daß der „kapitalistische Geist" eben nicht aus generellen seelischen Eigentümlichkeiten, sei es auch einer besonderen „Menschenart" entwickelt werden kann, sondern daß es dazu eben der „Anlagen" eines besonderen, eben des kapitalistischen Geistes bedarf. Der Versuch, den Sombart macht, aus den seelischen Eigentümlichkeiten einiger Typen von Menschen den Kapitalismus sich entfalten zu lassen, erbringt mit seinem negativen Ergebnis den Beweis dafür. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:02:40
8 Werner Ziegenfuß [264 Sombart will die charakteristischen Eigenschaften des kapitalistischen Geistes in einer Reihe von „Grundtypen kapitalistischen Unternehmertums" — nicht etwa in bloßen „Vorläufern"! — aufweisen. Aber wenn man seine Darstellung genau prüft, muß man feststellen, daß das Spezifische des Kapitalismus dabei nicht abgeleitet, sondern als Leitidee vorausgesetzt wird. Weder die „Freibeuter" („Der Bourgeois", S. 95), noch die „Feudalherren" (a. a. 0. S. 102) oder die „Staatsbeamten" (a. a. 0. S. 111) entwickeln die auszeichnenden Wesenszüge des kapitalistischen Geiste« aus ihrem Seelenleben und Wesen heraus oder haben von sich aus kapitalistische Züge. Wenn vollends Colbert zitiert wird mit dem Wort: „Ich glaube: darüber wird man sich leicht einigen können, daß es nichts anderes als die Geldmenge in einem Staate ist, die den Grad seiner Größe und seine Macht bestimmt", und wenn erklärt wird, dieses Wort „könnte ebensogut als oberster Grundsatz jeder kapitalistischen Unternehmung aufgestellt werden, wenn man nur statt Geldmenge: Größe des Profits setzen will" (a. a. 0. S. 111), dann zeigt, es sich, daß yi Wahrheit der kapitalistische Charakter des Denkens erst unterschoben werden muß, wenn man den großen Merkantilisten zum Kapitalisten stempeln will. Denn jenes „wenn" kann sachlicherweise nicht zugestanden werden, weil es „Profit" außerhalb einer bereits bestehenden kapitalistischen Wirtschaft nicht geben kann. Gerade dieses Streben nach Profit ist das Neue und Kennzeichnendste des Kapitalismus, und dies existiert im Denken und in der Praxis des Merkantilismus noch nicht. Näher an das Wesen des Kapitalisten führen die weiteren „Grundtypen" heran, jedoch sind auch sie eben nicht kapitalistisch, und es bedeutet keine Bereicherung der Erkenntnis, wenn man sie theoretisch gewaltsam zu Repräsentanten des kapitalistischen Geistes macht, um diesen als menschlich-historische Realität zu erklären. So heißt es: „Spekulanten als ein besonderer Typ des kapitalistischen Unternehmers sind die Gründer und Leiter von Spekulationsunternehmungen. Die aber treten mit dem Augenblick in Erscheinung, in dem ein Projektenmacher die nötigen Geldmittel auftreibt, um seine Idee in die Wirklichkeit umzusetzen; indem also ... Projektenmachen sich mit der Unternehmung verbindet" („Der Bourgeois", S. 115). Aber eine Projekte realisierende Unternehmung braucht doch nicht im mindesten eine kapitalistische zu sein. Ganz im Gegenteil sind die Unternehmungen in der großen Zeit der Projektemacher, wie J. J. Becher, Angelegenheiten der Fürsten und des Adels, die zwar viel Geld brauchen, aber so etwas wie einen rechenmäßig zu ermittelnden und „verdienten" Profit nicht kennen. Wenn es weiterhin von den „Kaufleuten" als dem nächsten „Typ des kapitalistischen Unternehmers" heißt, es seien „diejenigen, die kapitalistische Unternehmungen aus dem Warenoder OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:02:40
271] Werner Sombart — Geist, Gesellschaft und Wirtschaft 15 gegen den Schöpfer, ohne dessen die Welt erhaltende Urgewalt auch sein eigenes zerstörend-eigenschöpferisches Werk nicht einmal den Schein einer selbständigen Existenz gewinnen könnte. Die Wirkungen des Geistes im Sinne der dritten Gruppe von Ausdrücken bleiben zwar destruktiv in Hinsicht auf den die Gesellschaft von Grund auf konstituierenden Geist, aber dieser ist doch die nicht wegdenkbare Voraussetzung dafür, daß jene überhaupt in Aktion treten können. Das „rationale66 Moment bedeutet nun nichts Zufälliges, sondern es ist grundsätzlich in allem gesellschaftlichen Dasein als geistigem angelegt. Denn überall gibt es „Geisthaftigkeit" im Sinne der „Intentionalität66 als „Fähigkeit, sich und die Vorgänge der Welt aus einem allgemeinen Kausalzusammenhang herauszuheben46 dadurch, daß der Gedanke „seelische Vorgänge objektiviert und in Zeichen, Symbolen, Werken zum Ausdruck bringt, denen er einen ,Sinn', eine ,Bedeutung6 beilegt, die er andern mitzuteilen vermag66 (Handwörterbuch d. S., S. 221 f.). Eine absolute Irrationalität fällt also mit der Grenze der Menschenwelt überhaupt zusammen. Indessen ist das Intendieren doch bereits zu unterscheiden von dem Seelenhaften, und es haftet ihm ein Ansatz des Negativen gegen das „Organische66, sogar gegen das Personhafte an. In diesem Zusammenhang klingen die Erkenntnisse der Seelisches und Geistiges scharf trennenden Phänomenologie bereits an. Wenn Sombart auf der Intentionalität eine eigene, wenn auch drittrangige Gruppe von Verbänden begründet sein läßt als „geistige Einheiten einer Mehrheit von Menschen66 (Handwörterbuch d. S., S. 233), sofern diese ein „gleiches intentionales Objekt66 haben, dann wirkt eine solche besondere Gegenstände heraushebende Funktion des Geistes nicht allein gegenüber dem allgemeinen Kausalzusammenhang, dem sie gegenübersteht, sondern auch innerhalb des Zusammenlebens, aus dem sie besondere Verbände herausformt, zumindest den unreflektiert-kontinuierlichen Lebenszusammenhang aufhebend. Sie hat aber weder in Hinsicht auf ,die Person, noch auf das Zusammenleben, das sie auf ihre Art vergeistigt, einen direkt negativen Charakter. Ihr einen solchen vorwerfen, etwa weil sie „Organisches66 zerstöre, hieße dem „Naturalismus66 verfallen, was ganz gewiß nicht im Sinne Sombarts wäre („Soziologie, was sie ist.. .66 S. 9 f.). Erst indem die Intentionalität sich zur Ratio konkretisiert, gewinnt sie einen gesellschaftlich fragwürdigen Charakter. Sie begründet die „rationalen66 Berufe im Gegensatz zu den „natürlichen66, die einer „wenn man will, göttlichen Bestimmung66 zu verdanken sind. Die rationalen Berufe zerfallen wiederum in „persönlich-rationale66 und „sachlich-rationale66 (Handwörterbuch d. S., S. 26). „Persönlich-rationale66 sind solche „Tätigkeitsbereiche, die um den lebendigen Arbeiter herumgelagert, von ihm und seinen Lebensbedingungen her ihre Abgrenzung erfahren, gleichsam ein Ausfluß und ein Ausdruck seiner perOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:02:40
16 Werner Ziegenfuß [272 sönlichen Schaffenskraft sind: etwa die alten Handwerksberufe". Hier behält der Begriff des „Rationalen" noch etwas von jenem positiv-geisthaften Sinn, den die bereits zitierte Stelle über das Handwerk als eine noch nicht „entgeistigte" Wirklichkeit ausdrückt. Grundsätzlich anders verhält es sich mit den „sachlich-rationalen" Berufen. Sie bestimmen ein Tätigkeitsgebiet „nach rein sachlich-rationalen Gesichtspunkten.. . ohne Rücksicht auf die Person, die die Tätigkeit ausübt: die Berufe in der modernen Wirtschaft". Die Funktion des Rationalen als des in seiner Negativität gegen das Persönliche konstruktiven Denkens zerstört das Grundwesen des Geistes im Zusammenleben. Der „ökonomische Rationalismus, von dem vor allem alle kapitalistischen Organisationen durchdrungen sind" (Handwörterbuch d. S., S. 259) führt schließlich zu einer „wesentlich rationalistisch zweckhaft gestalteten Wertung von Menschen", sie „greift hinüber auf immer weitere Kulturgebiete" (a. a. 0. S. 260). Im Hinblick auf diesen Sinn des Rationalen gewinnt das „Irrationale" eine doppelte Bedeutung. Es kennzeichnet zunächst das außerhalb des ökonomischen Rationalismus noch fortlebende Dasein. Damit ist es im positiven Sinn geisthaft und wird nicht allein im romantischen Irrationalismus ein besonders betonter und bewerteter Inhalt des Lebens, sondern erscheint zugleich als ein liebevoll hervorgehobener Gegenstand der Erkenntnis („Die drei Nationalökonomien", S. 170 f.). Daneben heißt „irrational" das endgültig einen positiven Sinn Verlierende, das nicht einmal sachlich-rational Gestaltete, also das Gestaltlose schlechthin. Diesen Charakter der Irrationalität hat in besonderem Maße beispielsweise als Ganzes gerade das im einzelnen rationalistische Wirtschaftssystem des Kapitalismus. Außerhalb der den speziellenkapitalistischen Zwecken dienenden Organisationen sind in der kapitalistischen Wirtschaft „weite Gebiete des Wirtschaftslebens der Irrationalität verfallen", und es ist charakteristisch für seine Wesenverbundenheit mit dem kapitalistischen Rationalismus, wenn es sich der „wirtschaftliche Sozialismus zur Aufgabe stellt", jene Irrationalität des Ganzen „völlig aus dem Wirtschaftsleben auszutilgen" (Handwörterbuch d. S., S. 259). „Planmäßigkeit" gibt es bei dem Kapitalismus nur innerhalb der „Einzelwirtschaften"; innerhalb der Wirtschaftsgesamtheit fehlt diese durchaus, „während im Unterschiede dazu wiederum der Sozialismus diese Planmäßigkeit zu einer allgemeinen, die einzelnen Wirtschaften in ihrer Gesamtheit umfassenden machen will" (a.a.O.). Man kann diesen Sachverhalt, der ein genereller innerhalb der modernen „bürgerlichen" Gesellschaft ist, erläutern im Hinblick auf den „Stil". „Stilzusammenhänge" sollen, nach Sombart, dann erkennbar sein, wenn Erscheinungen sich „als zugehörig zu einem Sinnzusammenhang" bestimmen lassen („Die drei Nationalökonomien", S. 213). Stil OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:02:40
273] Werner Somhart — Geist, Gesellschaft und Wirtschaft 17 gibt es in der modernen Gesellschaft im Leben wie in der Kunst aber immer nur im Lebensumkreis und im Schaffen einzelner Persönlichkeiten, nirgends im ganzen. IV. So ist das kapitalistische Wirtschaftssystem als ein in seinen einzelnen Einheiten, wenn auch nicht im ganzen rationales, zwar ein „System" oder ein „Stilzusammenhang" als eine geistig begreifbare Einheit, aber diese geistige Einheit ist lediglich ein theoretisches Gebilde. Sie ist ontologisch und insbesondere soziologisch keine Realität. Der Geist, der das kapitalistische Wirtschaften „beherrscht", ist nicht der ursprüngliche gesellschaftlich verbindende und Gesellschaft erst konstituierende, sondern er ist individualistisch, sachhaft und gegen die Person gewandt. Er ist rationalistisch in dem soziologisch negativen Sinn der bloß sachzwecklich interessierten Berechnung. Aber selbst diese wenn auch soziologisch negative, so doch technisch und ökonomisch im einzelnen höchst konstruktive Funktion des rationalen Geistes kennzeichnet das kapitalistische Wirtschaftssystem nicht als ein Ganzes, sondern nur in seinen einzelnen Verkörperungen und Verrichtungen. So kann die kapitalistische Wirtschaft wohl als System gedacht und einheitlich vorgestellt werden als eine Gesamtheit, die in ihrer Tendenz im einzelnen rational, im ganzen irrational ist, aber sie existiert r e a 1 als Uneinheitlichkeit, als Unzusammenhang, der auch nicht durch seine partielle Rationalität ein irgendwie selbst rationaler werden kann. Es ist eine bedenkliche Folge eines gegen sich selbst unkritischen Denkens, wenn diese reale Systemlosigkeit und Uneinheit gedanklich für das Bewußtsein vielleicht sogar in der Praxis des Wirtschaftsmenschen und des Politikers überblendet wird von jener vorstellungsmäßigen Einheit eines kapitalistischen Wirtschaftssystems. Zu einem solchen fundamentalen Irrtum trägt allerdings auch Sombart bei, wenn er behauptet, der Kapitalismus als Wirtschaftssystem sei ein „Muster" eines „Stilzusammenhanges", was bedeuten soll, daß jede Handlung erfolge in wenn auch unbewußter „Übereinstimmung mit dem überindividuellen Sinnzusammenhang" („Die drei Nationalökonomien", S. 212), und wenn er gleichzeitig den „,Geist4" der „Gotik", der eine in der Tat echte und sinnhafte Stileinheit in Wirklichkeit begründet, als weiteres Beispiel heranzieht. Denn ein größerer Gegensatz als zwischen dem Stilzusammenhang der Gotik und dem im ganzen nur durch seine Auflösung eines Sinnzusammenhanges charakterisierbaren, wenn auch partiell rationalen Kapitalismus ist nicht denkbar. Setzt man Sombarts allgemeine Bestimmung des Gesellschaftlichen als des Verbundenseins im Geist voraus und übernimmt man seine Bestimmung des Wesens der Verbände als Grundformen des ZusammenSchmollci'8 Jahrbuch LXIX, 3 % OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:02:40
18 Werner Ziegenfuß [274 lebens, dann bedeutet ein kapitalistischer Geist und ein von ihm beherrscht gedachtes Wirtschaftssystem den Ungeist der Rationalisiertheit im einzelnen und die Systemlosigkeit im ganzen. Der Grad, in dem ein solcher Geist und ein solches Wirtschaftssystem gesellschaftlich zur Wirklichkeit werden, gibt nicht nur nicht den Maßstab her für das Vorhandensein eines Stilund Sinnzusammenhanges, sondern gerade für das Ausmaß der Auflösung des geistigen Grundwesens der Gesellschaft, damit auch des Stils und für die Vernichtung der Motive, aus denen sich das Zusammenleben in „echten" Verbänden (Handwörterbuch d. S., S. 266 f.) entfalten kann. Eine kapitalistische Wirtschaft, also eine Wirtschaft, die unter der Vorherrschaft des kapitalistischen Geistes stehend gedacht wird, ist somit soziologisch eine im gleichen Maße geistund sinnentfremdete und also unsoziale. Zwar spricht Sombart enthusiastisch von dem „gewaltigen Kosmos64, „den die kapitalistische Wirtschaft darstellt". Das Hauptmerkmal eines Kosmos, die sinnvolle Geordnetheit fehlt ihr indessen nach seinen eigenen Worten durchaus, sofern man nicht nur einen technisch-organisatorischen, sondern einen gesellschaftlichen Sinnzusammenhang erwartet. Wenn der Kapitalismus ein „wundersames Gefüge bildet, dessen einzelne Teile kunstvoll ineinandergreifen" („Das Wirtschaftsleben im Zeitalter des Hochkapitalismus", S. 951), dann darf nicht vergessen werden, daß dieses Gefüge, wiederum nach Sombarts Darstellung, nur um den Preis der Aufhebung und zumindest Einschränkung wesentlichster Voraussetzungen eines sinnvollen menschlichen und gesellschaftlichen Lebens zustandekommt. Nicht ganz im Einklang mit der Grundhaltung seiner Soziologie bekennt Sombart: „Was wollen die gelegentlichen Störungen (zu denen man natürlich Störungen, wie die durch den Weltkrieg verursachten, nicht rechnen darf) besagen angesichts der überwältigenden Tatsache, daß in der kapitalistischen Wirtschaft aus dem Nichts (!) ein System herausgebildet ist, das es ermöglicht hat, eine um Hunderte von Millionen anwachsende Bevölkerung zu ernähren, zu bekleiden, zu behausen und mit allerhand Schmuck und Tand zu behängen und allabendlich zu amüsieren?" (a. a. 0. S. 952). Ist es so sicher, daß diese „Störungen" nur „gelegentliche" sind? Könnte es nicht sein, daß sie ihren tiefen Grund darin haben, daß dieses „System" den prinzipiell verfehlten Versuch macht, die sinnhafte Verbundenheit des Zusammenlebens zu ersetzen durch ein rational-technisches Schema äußerlicher Funktionsverflechtungen, gleichsam als wollte man die in sich gerundete Geschlossenheit eines Kreises mit einer Anzahl von Tangenten verwechseln, die man von außen her an ihn heranlegt? Nichts anderes als eine soziologische „Quadratur des Zirkels" bedeutet ein Versuch, rationale Schemata an die Stelle einer geistig-ursprünglich entstehenden Lebensgesamtheit der Gesellschaft zu setzen. Und die von Sombart mit einer OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:02:40
275] Werner Sombart — Geist, Gesellschaft und Wirtschaft 19 großen Geste „natürlich" nicht mitgerechneten Kriege sind nur die in gesamtgesellschaftlichem Ausmaß auftretenden Beweise für die reale Unangemessenheit jener technisch-rationalen Lösung der Gesellschaftsprobleme der Menschheit, die die ursprünglichen, ethischen und im gesättigten Sinne des Wortes geistigen Verbundenheiten an die zweite Stelle rücken und praktisch als unwesentlich ansehen will. Gerade von den tieferen Einsichten der Soziologie Sombarts aus muß man zu dieser Auffassung kommen. Sieht man von der Begeisterung Sombarts für den von ihm meisterhaft dargestellten „Kosmos" der technisch zumindest eine Zeitlang so überzeugend funktionierenden kapitalistischen Wirtschaft ab, so muß man nach seinen eigenen Begriffsbestimmungen sagen, daß eine kapitalistische Wirtschaft nicht als gesellschaftliches System, sondern entgegen den von ihr mißachteten fundamentalen Wesenszügen des Zusammenlebens und andererseits wieder dank des Fortbestehens und Fortwirkens lebendig-personaler Sinnzusammenhänge im Gegensatz zu dem Vorherrschen des „Kapitalismus" überhaupt real möglich ist. Wollte man das Gegenteil behaupten und im Kapitalismus das entscheidende positive Existenzmotiv der modernen Wirtschaftsgesellschaft erblicken, dann käme das etwa dem Versuch gleich, zu behaupten, ein Organismus bleibe am Leben nicht, obgleich er an Magenkrebs leide, sondern weil er an ihm erkrankt sei, ja weil sein gesamtes Zellgewebe krebsartig wuchere. Ohne ein solches „organizistisches" Gleichnis gesprochen: es gibt weder eine kapitalistische Wirtschaft in der Wirklichkeit noch gar eine kapitalistische Gesellschaft. Wo der kapitalistische Geist im Sinn der Darstellung Sombarts erscheint, bedeutet er eine Gefährdung und Entartung des personhaften und gesellschaftlichen Wesens und damit der von diesem letztlich nicht ablösbaren Ziele und Formen des Wirtschaftens. Sinnvoll und als positive Funktion im Zusammenleben und in der „Kultur" wirksam ist das Wirtschaften nur trotz der kapitalistischen Versachlichung, Entpersönlichung, Rationalisierung und Objektivierung. Die Wirtschaft ist selbst dann, wenn ein kapitalistischer Geist in ihr einen ganzen „Kosmos" von Erscheinungen herausbildet, die theoretisch einen Begriff der kapitalistischen Wirtschaft fundieren können, nicht dank diesem kapitalistischen Charakter eine ihres Bestandes sichere und lebensvolle Wirklichkeit im Zusammenleben der Menschen, sondern nur in dem Grade, in dem in ihr aus dem bleibenden verbindenden Wesen der Gesellschaft und aus dem personhaft-geistigen Charakter des kultivierten Zusammenlebens heraus jene negativen Tendenzen des kapitalistischen Geistes oder Wirtschaftssystems innerhalb größerer Lebenszusammenhänge und unter übergeordneten, Zielen und Zwecken nutzbar gemacht und einem Sinnzusammenhang eingefügt werden. Kapitalistischer Geist ist soziologisch „denaturierter" Geist, 2* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:02:40
20 Werner Ziegenfuß [276 ein kapitalistisches Wirtschaftssystem ist Systemlosigkeit des Wirtschaftens im gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang, kapitalistische Regelungen des Zusammenwirkens sind sozial negativ in Hinsicht auf den Menschen dort, wo er auf eine ebenso unausweichliche wie schicksalsbestimmende Weise in die von dem herrschenden Wirtschaftssystem bestimmten Arbeitsbedingungen hinein gebunden und von ihnen abhängig ist. Hier wie überall zerstört der Kapitalismus die seelischen und personhaften „Inhalte", die er als „Geist" durch seine „Form" im Zusammenleben zur Erfüllung bringen müßte. V. Bezeichnet man den Charakter der in sich zusammenhängenden Verbundenheit der Gesellschaft, die innere Verbindlichkeit, als die die Gesellschaft geistig entspringt, als „sozial" in einem betonten Sinn, dann erscheint der „Sozialismus" als eine verständliche Reaktion des Zusammenlebens auf die durch den Kapitalismus in die Gesellschaft hineingetragene Negation des Sinnzusammenhanges und der personhaften Verbundenheit mit der Absicht, den sozialen Charakter der Gesellschaft wiederherzustellen. In diesem Sinn entfaltet sich die sozialistische Gedankenwelt ursprünglich in echtem gesellschaftlichem Geist und lebt sie auf eine notwendige Weise und im Einklang mit dem gestaltgebenden und verbindenden Wesen des Geistes in der Gesellschaft überhaupt. Sie macht daher neben dem „modernen Kapitalismus" das zweite hauptsächliche Forschungsgebiet von Werner Sombart aus. Anfänglich steht er dem Sozialismus nahe, wie ein großer Teil der „Intelligenz" im Ausklang des vorigen Jahrhunderts. Man erwartete vom Sozialismus die notwendige Korrektur jener geistigen und praktischen Schäden, die der in die Negation des gesellschaftlich schöpferischen Geistes gewandte Kapitalismus mit sich führt. Wenn es die Funktion des echten Geistes ist, „Zonen eines gleichförmigen Ethos" zu schaffen („Die drei Nationalökonomien", S. 266), dann lag im Widerstand gegen den alles Ethos auflösenden Kapitalismus eine wahrhaft geistige Aufgabe des Sozialismus. Daß er diese lösen würde, war die Erwartung der „ bürgerlichen" Sozialisten. Aber der „Proletarische Sozialismus" wendet sich von diesem Ziel alsbald ab, vor allem unter dem Einfluß von Karl Marx. Er zeigt sich strukturell an jenen gleichen negativen Geist gebunden, den aufzuheben nach der Auffassung der ethisch gerichteten und bestimmten Sozialisten seine erste Pflicht gewesen wäre. Daher kommt Sombart im Endergebnis eines jahrzehntelangen Studiums der sozialistischen Gedankenwelt und Praxis zu dem Ergebnis: „Jedes soziale System, das zuerst als Idee vor dem menschlichen Geiste auftaucht, d. h. sich nicht in unmerklichen Triebakten in der Geschichte allmählich verwirklicht, sondern zunächst einmal in seiner Ganzheit vorgestellt wird, ist in seiner letzten Eigenart nur zu verstehen auf dem Hintergrund desOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:02:40
277] Werner Sombart — Geist, Gesellschaft und Wirtschaft 21 jenigen sozialen Systems, das zur Zeit seines Erscheinens bereits Geschichte ist... Indem jedes neue System sein geistiges Auge immer gegen ein altes gerichtet hält, steht es unter dem Gesetz des alten und hat Gegensatzcharakter. Es schließt das alte gleichsam in sich, wie sehr es auch das Bewußtsein haben mag, Entwurf einer neuen und vielleicht sogar als endgültig gedachten Ordnung der gesellschaftlichen Dinge zu sein. Wenn für irgendein soziales System, so gilt diese Wahrheit für den Sozialismus', der ganz und gar nur als Gegensystem verstanden werden kann" („Der proletarische Sozialismus", 1924, Bd. I, S. 10; Sperrungen von W. S.). Da der Kapitalismus, als „Sozialsystem" betrachtet, „in seinem Kern sozialer Naturalismus" ist, weil er es „der Machtvollkommenheit der einzelnen Menschen oder der einzelnen Gruppen" überläßt, „sich diejenige Stellung in der Gesellschaft zu erkämpfen, die ihrer Stärke gemäß ist", bedeutet die Bindung an das Gesetz dieses seines Gegners für den Sozialismus, daß er der ihm eigentlich gestellten Aufgabe der Wiederherstellung des ethischen verbindenden Geistes notwendigerweise untreu werden muß. In das im ganzen irrationalistische, weil unsystematische und planlose System des Kapitalismus baut sich als seine reale Erscheinungsweise das rationalistische Geschäftsleben ein: „Die Ratio hat sich als einziges Betätigungsfeld den Gelderwerb in den einzelnen Betrieben vorbehalten." Unter dem gleichen „Gesetz", jedoch in scharfer Negation dieser vereinzelten Realisierung des rationalen Prinzips verwirklicht sich der Sozialismus: „Rationalismus soll das allgemeine Gestaltungsprinzip sein" (a. a. 0. S. 11). Daher bleibt der< Sozialismus tatsächlich an die gleiche negative Geistigkeit gebunden, durch die der Kapitalismus in einen entschiedenen Gegensatz gerät zu dem positiven, das Zusammenleben und das seelische Leben als dessen Form gestaltenden Geist. Der Kapitalismus ist nicht an einem Transzendenten als der, letzthin bestimmenden Leitidee des Geistes orientiert, sondern denkt rein immanent. Indem er das Individuum nicht unter einem verbindlich-gemeinsamen Höheren begreift, wodurch allein das Zusammenleben als Gesellschaft geistig begründet werden könnte, sondern „die höchsten Ideale" für ihn „dem Individuum nicht transzendent, sondern immanent" sind (Sperrung von W. S.) ist „folglich ... die Haltung des Individuums zum Wert nicht Opfer, sondern der Anspruch" (a. a. 0. S. 96). Genau so kann der gleichgesonnene, nur nicht auf das einzelne, sondern auf die Gesamtheit gerichtete Sozialismus nicht das eigentliche ethische Wesen des Geistes wieder zur Geltung bringen, sondern muß es vollends zerstören. Die dem immanenten Denken wissenschaftlich entsprechende Haltung ist der „Naturalismus", und wie dieser den Kapitalismus charakterisiert, so gilt auch für den Sozialismus: „Das Ziel, das sich alle Sozialisten stecken, ist die Ausdehnung des naturwissenschaftlichen ForschungsOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:02:40
22 Werner Ziegenfuß [278 prinzips auf Gesellschaft und Geschichte" (a. a. 0. S. 229). Diesen radikalen Abfall des Sozialismus von seiner ursprünglichen Aufgabe schildert Sombarts Darstellung des „Marxismus", indem er seine Ursprünge und Konsequenzen im „System" (Bd. I) und in der „Bewegung" (Bd. II) entwickelt. So erklärt sich die zunächst für manche Sozialisten als „Abfall" von früheren Idealen erscheinende Wandlung Sombarts aus der fortschreitenden Erkenntnis der sich zugleich geschichtlich erst allmählich vollkommen enthüllenden Negativität des Sozialismus gegen den soziologisch positiven Geist. Dabei mag es eine offene Frage bleiben, ob dieser Geistbegriff, der wesentlich personhaft und zuletzt von einem protestantischen Christentum her zu verstehen ist, nicht einen Kern von Dogmatismus enthält, wejcher eine vielleicht mögliche positivere soziologische Deutung des gesamten Problemkomplexes „KapitalismusSozialismus" verhindert. Man könnte es sich vorstellen, daß das an diesem Begriff des Geistes orientierte und an ihn gebundene Denken sich in der gleichen Lage befindet wie die euklidische Geometrie, die innerhalb der Möglichkeiten eines mehrdimensionalen Raumdenkens zu einem Sonderfall der Interpretation wird. Jedenfalls verfällt Sombart mit seiner Charakteristik der Nationalökonomie und der Soziologie als „verstehender Geistwissenschaft" nicht, wie etwa Othmar Spann, einer Geistesmetaphysik. Er bewegt sich in seiner Forschung bewußt und in höchstem Maße selbstkritisch innerhalb der „positiv" erkennbaren Erscheinungen. Er läßt darüber hinaus auch der „Natur" durchaus ihr Recht und anerkennt die für die Nationalökonomie vielfach entscheidende Bedeutung der materiellen Daseinsvoraussetzungen. So bemerkt er beispielsweise zu einer Zusammenstellung der zahlenmäßigen Entwicklung der Einwohner Europas von 1800 bis 1936: „Man präge sich diese Ziffern -ein: in ihnen ist wie in der Nußschale die gesamte moderne Kultur eingeschlossen" („Vom Menschen", S. 329; Sperrung von W. S.). Mehr kann man an Würdigung des „natürlichen" Daseins nicht erwarten von einem Soziologen, für den „alle Kulturwissenschaften ... Geisteswissenschaften und nichts anderes" sind („Die drei Nationalökonomien", S. 175; Sperrung von W. S.). Sombarts Ablehnung des „Naturalismus" und der naturwissenschaftlichen Methode für die Geistwissenschaft besagt, daß er das Eigentümliche des menschlichen Zusammenlebens in „Verbänden" nicht aus Naturtatsachen abgeleitet und nicht durch Naturgesetze oder Naturfaktoren erklärt wissen will. Im übrigen wird er der Bedeutung der Naturwissenschaft nach ihrer Grundeinstellung auch für die Nationalökonomie durchaus gerecht („Die drei Nationalökonomien", S. 118 f.). Auch zeigt die ganze Fülle von Einsichten zur Würdigung des modernen Wandels der technischen Verwertung der Naturgegebenheiten, die Sombarts „Moderner OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:02:40
279] Werner Sombart — Geist, Gesellschaft und Wirtschaft 23 Kapitalismus66 vor uns ausbreitet, daß er das Gewicht der „materiellen" Grundlagen insbesondere des Wirtschaftslebens mehr zu seinem Recht kommen läßt als mancher doktrinäre „ökonomische Materialist" (vgl. etwa „Der moderne Kapitalismus", III. Bd., S. 100 f.). Aber Sombart will die „historisch-systematische" Besonderheit des Kapitalismus nicht verursacht sehen durch natürlich-technische Bedingungen, sondern die Art, wie diese in der Wirtschaft verwertet werden, wird ihm erst begreiflich aus einer sinnvollen, wenn auch noch so problematischen geistigen Struktur heraus. Zu der „Grundidee" der Wirtschaft, die daraus entspringt, daß der Mensch „zwischen,Bedarf und Deckung' den wesentlichsten Teil seines Lebens zu verbringen hat" (Handwörterbuch d. S., S. 653) kommt die besondere „Gestaltidee", die die Wirtschaft als eine „ganz bestimmt geartete, historisch besondere Wirtschaft" verständlich macht (a. a. 0.). „Eine Idee, die imstande sein soll, die wirtschaftlichen Erscheinungen zu einem System zu gestalten, muß sich unmittelbar aus. der Idee der Wirtschaft selber ableiten. Sie muß alle der Wirtschaft wesentlichen Züge einschließen und muß diese einzelnen Züge zu einer Einheit zusammenfassen. Nun aber nicht in ihrer abstrakten gedanklichen Form, sondern in ihrer konkreten, historischen Bestimmtheit" (Handwörterbuch d. S., S. 654). So erscheint die Wirtschaft als ein besonderes Kulturgebiet, eingebettet in einen umfassenden geistig-gesellschaftlichen Zusammenhang, aus dem heraus sie im geschichtlichen Wandel auch im Wechsel ihrer „systematischen" Eigentümlichkeiten einsichtig wird. Die Vorherrschaft des Erwerbsdenkens im Dienst am „Kapital" und seinem „Profit", des von diesem geleiteten „Rationalismus" und geradezu des „Naturalismus" in ihrer Verbundenheit miteinander zu dem ökonomischen „Materialismus" sind daher, so dürfen wir schließen, im Kapitalismus wie in seinem Gegenspieler, dem Sozialismus, in ihrer faktischen historischen Gegebenheit der Ausdruck eines Versagens der geistig gestaltenden Kraft im Gesellschaftsleben, auch sofern hierdurch jene besondere Gestaltidee des Kapitalismus, die eben eine grundsätzlich soziologisch negative ist, entspringt. Dieses prinzipielle Ergebnis unserer Interpretation bestätigt sich auch durch die konkreten Forschungsergebnisse Sombarts an zwei entscheidenden Punkten. Der gesellschaftlich negative Charakter haftet dem Kapitalismus schon in seinem Ursprung an, denn es ist das Luxusbedürfnis des entarteten „Feudalismus" und der gesellschaftlich formlosen Bourgeoisie, das die persönliche Motivation des werdenden Kapitalismus hergibt (Vgl. Sombart, „Luxus und Kapitalismus", 1912), und durch das wiederum die vorgeblichen „Grundtypen des kapitalistischen Unternehmertums" erst zu „kapitalistischen" werden, indem es sie korrumpiert. Wenn also der Kapitalismus früher dasein muß, als die kapitalistischen Motive, wie wir lasen, dann besteht dieser präexistente OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:02:40
24 Werner Ziegenfuß [280 Kapitalismus in nichts anderem als in einer Auflösung einer bis dahin bestehenden und sinnvoll wirkenden, geistig und ethisch verbindlichen Ordnung des Gesellschaftslebens. So kommt es, daß er soziologisch nicht im positiven, sondern im destruktiven Sinne „gestaltbildend" wirkt, weil das Zusammenleben sich nur trotz seiner Einwirkungen und seiner Vorherrschaft im einzelnen als Ganzes erhalten kann. Andererseits ist es der Krieg als der Zustand der radikalen Negation der gesamtheitlich sinnvollen Geistigkeit der Gesellschaft, durch dessen Anforderungen in materieller Hinsicht der Kapitalismus zu einer maßgeblichen Gewalt auswuchern kann (Sombart, „Krieg und Kapitalismus", 1913). Der Kapitalismus, der so gern im Sinne Darwins vom „Kampf ums Dasein" redet, erhebt eine durch kein persönliches Ethos gehemmte, „materiell" motivierte Konkurrenz zum gesellschaftlich negativ verbindenden Prinzip, das dann zwischen den Nationen in dem modernen Krieg zum „geschichtlichen" Hauptfaktor wird. Alles in allem ist es nicht die „bürgerliche" Liberalität, die den kapitalistischen Geist produziert oder die in seinen Auswirkungen zu ihrer Erfüllung gelangt, sondern erst die Gewalttätigkeit einer mißbrauchten Freiheit produziert den „Bourgeois" als den zum Kapitalisten entarteten bürgerlichen Menschen. So können wir die innere Beziehung des Wesens von Geist, Wirtschaft und Gesellschaft aus dem Denken Sombarts heraus abschließend mit folgenden Thesen festlegen, wobei wir im einzelnen nicht immer den Formulierungen Sombarts folgen: 1. Auch die moderne Wirtschaft als vorwiegend „bürgerliche" im Gegensatz zur „feudalistischen" oder handwerklich-„traditionalistischen" und als „liberale" im Unterschied etwa von der merkantilistisch-» staatlichen ist nicht „an sich" oder im ganzen eine „kapitalistische". Es ist lediglich eine spezielle, allerdings bedeutungsvolle Reihe von Erscheinungen in ihr, die sich aus einer bestimmten, jedoch gegen das eigentliche „geistige" Wesen des Zusammenlebens und seiner primätf verbandsbildenden „Ideen" gleichsam denaturierten Idee heraus im Sinne eines „kapitalistischen Geistes" zu der soziologisch negativen „Gestaltidee" des „kapitalistischen Wirtschaftssystems" nach Wirtschaftsgesinnung, Ordnung und Technik auslegen und gedanklich reflektierend zusammenfassen läßt. 2. Eine „sozialistische" Absicht hat demgegenüber nicht die Aufgabe, die gesamte Wirtschaft umzuwandeln oder gar die Gesellschaft grundsätzlich zu ändern, sondern sie entspringt mit der Notwendigkeit, die negativen Wirkungen des Kapitalismus zu kompensieren, wo diese nicht durch andere als kapitalistische Wirtschaftsformen, wie etwa die genossenschaftlichen, beseitigt werden können. Die soziologische Idee OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.69.3.1 | Generated on 2023-04-04 11:02:40