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Methoden der Raumanalyse, sozialwissenschaftliche

Kramer, Caroline,Pfaffenbach, Carmella

Abstract

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Full text

Kramer, Caroline; Pfaffenbach, Carmella Book Part Methoden der Raumanalyse, sozialwissenschaftliche Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Kramer, Caroline; Pfaffenbach, Carmella (2018) : Methoden der Raumanalyse, sozialwissenschaftliche, In: ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Ed.): Handwörterbuch der Stadtund Raumentwicklung, ISBN 978-3-88838-559-9, ARL - Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover, pp. 1487-1498, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-55991370 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/225798 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Sie können im Wesentlichen nach den zugrunde liegenden Raumkonzepten und Raumrepräsentationen sowie den eher quantitativ oder qualitativ ausgerichteten Erhebungsinstrumenten und Auswertungsinteressen differenziert werden. Methoden der Raumanalyse, sozialwissenschaftliche Caroline Kramer, Carmella Pfaffenbach Gliederung 1 Einleitung 2 Raumkonzepte und Raumrepräsentationen 3 Quantitative Methoden der sozialwissenschaftlichen Raumanalyse 4 Interpretativ-verstehende Methoden der sozialwissenschaftlichen Raumanalyse 5 Poststrukturalistische diskursanalytische Methoden der sozialwissenschaftlichen Raumanalyse 6 Methodenkombination in der sozialwissenschaftlichen Raumanalyse Literatur Methoden der Raumanalyse, sozialwissenschaftliche 1488 1 Einleitung Wenn wir im Folgenden über Menschen und ihr Handeln „im Raum“ bzw. im räumlichen Kontext sprechen, gehen wir von einer Wechselwirkung zwischen Raum und Gesellschaft aus. Die Beschaffenheit von Raum wird als Ergebnis früherer Handlungen gesehen, und aktuelle Handlungen gestalten künftige Handlungskontexte. Somit können räumliche – wie auch soziale– Kontexte durchaus Handlungen bestimmen (z.B. in Form von Möglichkeiten oder Einschränkungen). Dies geschieht allerdings nicht in einem (geo-)deterministischen Sinne, sondern als „Möglichkeitsraum“, in welchem Menschen ihr Handeln selbst wählen. Mit diesem Verständnis von Raum und räumlichen Mustern ist Raumanalyse mit sozialwissenschaftlichen Methoden eine Analyse von räumlichen Handlungsergebnissen von Menschen. Dies gilt für Räume unterschiedlichster Maßstabsebenen und damit sowohl für Stadtquartiere, Kommunen sowie Regionen und Nationalstaaten gleichermaßen. 2 Raumkonzepte und Raumrepräsentationen Bevor die methodischen Zugänge zur sozialwissenschaftlichen Raumanalyse vorgestellt werden, ist es notwendig, die unterschiedlichen raumbezogenen Konzepte und Perspektiven zu diskutieren, die dieser Art der Raumanalyse zugrunde liegen. Die nachfolgend vorgestellten Theoriekonzepte stellen eine Auswahl aus einer Vielzahl von theoretischen Zugängen zu ▷Raum dar, die sich an eine Klassifikation von Wardenga (2002) anlehnt. Die Reihenfolge der vorgestellten Konzepte entspricht einer groben chronologischen Ordnung, die jedoch nicht als strenge Abfolge und ein Ersetzen des einen Konzepts durch ein neues Konzept verstanden werden darf. 2.1 Containerraumkonzepte Im Konzept des Containerraumes (nach Isaac Newton) wird Raum auf unterschiedlichen Maßstabsebenen (Nationalstaat, Planungsregion, Stadt, Quartier etc.) als Behälter betrachtet, in dem das Materielle, das Gegenständliche verortet ist. In ihm befinden sich Landschaften, Städte und Menschen, und er würde auch dann noch als leerer Container existieren, wenn seine Inhalte herausgenommen würden. Aus dieser Perspektive stellt Raum eine eigenständige Entität dar, die sogar als eine selbst handelnde Instanz wirksam werden kann („Deutschland ist Weltmeister“). Dieses Raumkonzept ist nicht nur umgangssprachlich dominant, sondern herrscht auch in vielen Nachbardisziplinen der Geographie vor. Die Kritik am „Containerraum“ begründet sich zum einen darin, dass mit diesem Konzept eine Vielzahl von Praktiken und Prozessen nicht berücksichtigt wird, wie z. B. die oben genannten Konstruktionen von Räumlichkeit. Zum anderen besteht bei diesem theoretischen Konzept die Gefahr eines Geodeterminismus, wenn (Container-)Räumen eine Wirkung „an sich“ zugeschrieben wird, z. B. wenn periphere Regionen per se als rückständig angesehen werden. Ein wichtiger Schritt zu einem kritischen Umgang mit dem Containerraumkonzept besteht darin, auch Container als von Akteuren „gemacht“ zu erkennen und damit auch deren Entstehung einschließlich der dahinterstehenden Intentionen zu hinterfragen. Methoden der Raumanalyse, sozialwissenschaftliche 1489 2.2 Relationale Raumkonzepte In relationalen Raumkonzepten (nach Gottfried Wilhelm Leibniz) werden Räume „als ein System von Lagebeziehungen materieller Objekte betrachtet“ (Wardenga 2002: 5). Diese Konzepte kommen dann zur Anwendung, wenn z. B. Standorte, ihre Distanzen zueinander und die daraus entstehenden Standortnetze analysiert werden. Dies geschieht etwa bei Pendlerverflechtungen und der Analyse von Einzugsgebieten oder von internationalen Handelsbeziehungen. Im Gegensatz zu den Containerraumkonzepten werden Räume hier nicht als „Behältnisse“ angesehen, sondern als Ausgangsund Endpunkt von Netzwerken und Beziehungen von Objekten. Demzufolge kann Raum entsprechend dieser Sichtweise ohne diese Beziehungen zwischen den Objekten nicht existieren (vgl. Weichhart 2008). Relationale Raumkonzepte sind vor allem dann bedeutsam, wenn „auf materielle Aspekte sozialer Phänomene Bezug genommen wird“ (Weichhart 2008: 81). Die Konzepte des Containerraums und des relationalen Raums werden häufig im Rahmen von Forschungsfragen zugrunde gelegt, deren Erkenntnisinteresse darauf zielt, allgemeingültige Regeln oder räumliche Muster zu finden. Dieser Forschungszugang wird als nomothetisch bezeichnet und ist in weiten Teilen der Naturwissenschaften sowie der Planungswissenschaften verbreitet. Zur Analyse werden meist quantitative Methoden und Verfahren eingesetzt. Die beiden nachfolgend behandelten Raumkonzepte können dagegen als idiographische Forschungsweise bezeichnet werden, bei der sowohl die subjektive Perspektive der Beobachter als auch das Einzigartige des Beobachtungsgegenstands im Vordergrund stehen. Für Fragestellungen mit diesem Erkenntnisinteresse werden vorwiegend qualitative Verfahren eingesetzt.  7¦ZRJFQX0FYJLTWNJSIJW8NSSJX\FMWSJMRZSLZSIFQX „Anschauungsformen“ Nach Immanuel Kant sind Raum und Zeit a priori als Voraussetzung für jegliche menschliche Sinneswahrnehmung zu verstehen, da Menschen eine Vorstellung von Raum und Zeit benötigen, um ihre Sinneswahrnehmungen überhaupt einordnen zu können. Daher werden diese Konzepte auch als „Anschauungsformen“ bezeichnet, mit deren Hilfe eine Sicht und eine Bewertung der vermeintlich „realen“ Räume erfolgt. In diesem Konzept wird die Existenz der „einen“ Wirklichkeit grundlegend infrage gestellt. Es wird somit die Subjektbezogenheit jeglicher Wahrnehmung in den Vordergrund gestellt, was in der konstruktivistischen Perspektive konsequent weitergedacht wird. 2.4 Handlungsbezogene Raumkonzepte und die gesellschaftliche Produktion von Raum Auf subjektund handlungsbezogenen Raumkonzepten der Humangeographie basierend werden Räume „gemacht“, d. h. das alltägliche Kommunizieren und Handeln führt zur Produktion und Reproduktion des Raumes (vgl. Werlen 2000). Damit ist Raum ein wesentlicher Bestandteil des Handelns und der Kommunikation. Relevant sind aus dieser Perspektive sowohl die Wahrnehmung und Bedeutung von Räumen als Orte des Alltagslebens als auch die Vorstellungen und Bewertungen, die zum Teil ohne eigene Anschauung mit Räumen verbunden werden. Methoden der Raumanalyse, sozialwissenschaftliche 1490 Produktionen von Raum finden nicht nur auf individueller Ebene statt, sondern auch auf kollektiver Ebene, d. h. als gesellschaftliche Produktionen von Raum. Dieser „sozial konstituierte und konstruierte Raum“ (nach Weichhart 2008: 326 ff.) entsteht, wenn sprachliche Zuschreibungen erfolgen, wie z. B. eine Stigmatisierung von Quartieren als „Problemviertel“. Er entsteht auch, wenn in politisch festgelegten Raumeinheiten bestimmte Regeln das Handeln bestimmen, was im Planungsalltag häufig der Fall ist (z. B. ein Bebauungsplan, der Dachneigungen u. Ä. festlegt). Gesellschaftlich produzierte Raumvorstellungen sind insofern bedeutsam, als dass ihre Repräsentationen nicht selten mit der Ausübung von (politischer) Macht einhergehen (Gregory 1995: 474 f.). Bei diesen Prozessen findet zudem auch eine performative Produktion von Raum statt, d. h. durch den Sprechakt selbst werden Fakten geschaffen, sei es durch die Ausführung des Sprechakts (z. B. „Hiermit eröffne ich den Autobahnabschnitt“) oder durch mit dem Sprechakt verbundene Zuschreibungen (z. B. „Dieses Quartier darf nicht länger ein Angstraum sein“). Die Kritik an diesen Konzepten richtet sich u. a. darauf, dass die Bedeutung der Materialität und des Körperlichen (auch des Menschen selbst) zu wenig berücksichtigt werde. Handlungsbezogene und konstruktivistische Raumkonzepte finden z. B. Anwendung, wenn die Frage danach gestellt wird, welche Konstruktionen des Wohnortes, der Region oder von „Heimat“ bei planerischen Entscheidungen bedeutsam sind oder welche raumbezogenen Vorstellungen einer Migrationsentscheidung zugrunde liegen. 3 Quantitative Methoden der sozialwissenschaftlichen Raumanalyse Quantitative Methoden dienen in der geographischen Raumanalyse häufig zur Gewinnung von Datengrundlagen für thematische Karten im Rahmen bevölkerungs-, stadt-, wirtschaftsoder sozialgeographischer Arbeiten. Zum Teil liegen die Daten bereits als sogenannte sekundärstatische Daten vor, wenn sie den nationalen, landesweiten oder internationalen Statistiken entnommen werden. Meist sind sie in administrative Einheiten aggregiert, vor allem wenn sie amtlichen Statistiken entstammen, die – gemäß dem o. g. Containerraumkonzept – auf der Ebene der Gemeinde-, Kreis-, Bezirksoder Landesebene erfasst werden. Dies können z. B. Daten zu den Einwohnern, den Pendlern (im Sinne eines relationalen Raumkonzepts), zum Einzelhandel oder zu den Sozialhilfeempfängern sein. Eine Darstellung dieser Inhalte in kartographischer Form kann regionale Disparitäten (▷Disparitäten, räumliche) sichtbar werden lassen und somit Ausgangspunkt für die Analyse und Interpretation räumlicher Muster bzw. nachbarschaftlicher Zusammenhänge darstellen. In Städten ist die Methode der Sozialraumanalyse ein verbreitetes Anwendungsinstrument für die Analyse kleinräumiger Disparitäten der städtischen Bevölkerung. Nach dem Vorbild der Chicagoer Schule der Sozialökologie werden verschiedene Indikatoren und ihre typischen räumlichen Muster analysiert. Es werden meist sozioökonomische Indikatoren (z.B. beruflicher Status), der Familienstatus (z. B. Anteil der Haushalte mit Kindern) und der ethnische Status (z.B. Anteil der Personen mit Migrationshintergrund) erhoben (vgl. Fassmann 2004: 147; s.Abb.1). Methoden der Raumanalyse, sozialwissenschaftliche 1491 Abbildung 1: Die soziale Struktur der Stadt nach Murdie 1969 Quelle: Fassmann 2009: 137 Komplexe raumwissenschaftliche Analysen werden heute überwiegend mithilfe von Geoinformationssystemen (GIS) durchgeführt (▷Geoinformation/Geoinformationssysteme (GIS)), in denen Bezüge zwischen räumlichen Mustern verschiedener Variablen hergestellt werden können. Auch wenn in den meisten Fällen Karten und kartographische Abbildungen als mehr oder weniger genaue Abbilder der Wirklichkeit verstanden und genutzt werden, so sollte dennoch berücksichtigt werden, dass auch sie Konstruktionen sind. Eine kritische Kartographie bzw. ein „critical gis“ bietet Ansätze, die „aus sozialund kulturtheoretisch informiertem Blickwinkel eine kritische Methoden der Raumanalyse, sozialwissenschaftliche 1492 Analyse von Karten und Kartographie leisten“ (Glasze 2009: 182). Karten entstehen aus dieser Perspektive als Effekte sozialer Strukturen und fungieren als Produzenten sozialer Wirklichkeiten. Insofern sollte ein kritischer Blick auf die Details der Darstellung, auf nicht dargestellte Inhalte, auf die Auswahl von Projektionen, Zentrierungen und Symbolisierungen die Erstellung und Nutzung kartographischer Abbildungen und von GIS-Analysen begleiten. Die häufigsten standardisierten Erhebungsmethoden sind neben Kartierungen Beobachtungen, Zählungen und Befragungen, wobei Letztere in der jüngeren Zeit die größte Verbreitung gefunden haben. Der erste Schritt der standardisierten Erhebung ist die Auswahl der Untersuchungsregion und die Auswahl der Befragten – sofern keine Vollerhebung aller Elemente erfolgt. Wenn eine Stichprobe repräsentativ sein soll, müssen bestimmte Verfahren bei der Ziehung eingehalten werden, auf die allerdings an dieser Stelle nicht detailliert eingegangen werden kann (vgl. Mattissek/Pfaffenbach/Reuber 2013: 54 ff.). Bei einer standardisierten Beobachtung (die auch in Form einer räumlichen Kartierung erfolgen kann) oder Zählung wird vorab ein festes Regel werk verabredet, das der Erhebung zugrunde liegt. So werden die zu beobachtenden bzw. zu zählenden Elemente festgelegt (z. B. nur motorisierte Fahrzeuge) sowie Zeitpunkte, Zählintervalle und exakte Zähllinien, sodass eine intersubjektive Vergleichbarkeit gewährleistet werden kann. Dass dieser Anspruch nie vollständig eingelöst wird, muss als Unschärfe dieser Erhebungstechnik berücksichtigt werden. Standardisierte Interviews sind in der Sozialforschung, d. h. auch in der Geographie und Raumanalyse, ein weitverbreitetes Instrument. Es können dabei soziodemografische Merkmale, Meinungen, Bewertungen, Motive etc. erhoben werden. Die Themenvielfalt ist nahezu unendlich und reicht z. B. von der Zufriedenheit mit Eigenschaften des Wohnumfelds über die Gründe für den Besuch eines Festivals bis hin zum Zugehörigkeitsgefühl zu einer bestimmten Gruppe (wie z. B. Badener oder Schwaben). Dabei kann der Grad der Standardisierung variieren, wobei im klassischen standardisierten Interview alle Fragen verbindlich vorgegeben werden und die Antworten nur aus den angebotenen Vorgaben ausgewählt werden können. Auf die Auswertungsmethoden kann an dieser Stelle nur sehr knapp eingegangen werden. Gemäß dem Kritischen Rationalismus zielen die mathematisch-statistischen Verfahren darauf, die zu Beginn formulierten Hypothesen zu prüfen. Entsprechend dem Skalenniveau der Daten können deskriptive oder analytische Verfahren, wie z. B. die Teststatistik, das Prüfen von Zusammenhängen oder multivariate Verfahren zu diesem Zweck angewendet werden (vgl. Mattissek/ Pfaffenbach/Reuber 2013: 95 ff.). Es sollte jedoch bei all diesen Analysen darauf geachtet werden, nicht in eine „territoriale Falle“ zu geraten und die in bestimmten Gebieten gehäuft vorkommenden Eigenschaften auf alle Bewohner dieses Gebiets zu übertragen (vgl. Meusburger 2006: 284). Eine „territorial trap“ (Agnew 1994) besteht auch in der statistischen Verknüpfung zwischen Territorium und Bevölkerung, indem etwa Raumdaten (wie das Baualter von Quartieren) mit Sozialdaten (wie dem durchschnittlichen Einkommen der Bewohner) korreliert werden unter der Annahme, die Beschaffenheit des physischen Raumes würde eine entsprechende Sozialstruktur bedingen. In der Regel werden die o. g. Methoden genutzt, um Hypothesen zu prüfen und damit dem erkenntnistheoretischen Zugang des Kritischen Rationalismus gerecht zu werden. Darüber hinaus sind Ergebnisse quantitativer Erhebungsmethoden auch dazu geeignet, im Rahmen von partizipativen Verfahren als Grundlage der kritischen Diskussion und Reflexion von Planungsprozessen zu dienen. Methoden der Raumanalyse, sozialwissenschaftliche 1493 4 Interpretativ-verstehende Methoden der sozialwissenschaftlichen Raumanalyse Interpretativ-verstehende oder qualitative Methoden erhielten vor dem Hintergrund einer „neuen Unübersichtlichkeit“ der Gesellschaft mit Prozessen wie Pluralisierung und Individualisierung große Bedeutung (vgl. u. a. Pohl 1986). Anders als quantitative Verfahren weisen sie die entsprechende Sensibilität auf, um gesellschaftliche Vielfalt und Differenzierungen wahrnehmen und abbilden zu können. Die Wahrnehmungen, Meinungen und Handlungen von Menschen und die Kontexte, in die sie eingebettet sind, stehen bei diesen Forschungsvorhaben im Vordergrund. Anstelle von Repräsentativität wird hier auf Kontextualität und Subjektivität abgehoben, die als Vorteil und integrativer Bestandteil dieses methodischen Zugangs gesehen werden. Eine sozialwissenschaftliche Raumanalyse wird heute als raumbezogene Gesellschaftsforschung konzeptualisiert, deren Aufgabe es ist, die alltäglichen Formen der Raumproduktion zu untersuchen und raumbezogene Handlungen in gesellschaftstheoretische Bezüge einzubetten. Untersuchungsgegenstände sind damit das raumbezogene Handeln oder raumbezogene Praktiken und die Subjekte oder Akteure, die diese Praktiken hervorbringen und damit im Rahmen ihrer gesellschaftlich vorgegebenen Möglichkeiten Raum produzieren. Diese Perspektive knüpft an die oben dargestellten handlungsbezogenen und konstruktivistischen Raumkonzepte an. Handeln wird dabei als bewusster und intentionaler Akt verstanden, bei dem sowohl sozialkulturelle und subjektive als auch physisch-materielle Komponenten bedeutsam sind und mit dem ein bestimmter Zweck bzw. ein bestimmtes Ziel verfolgt wird. Der Handlungskontext kann das Erreichen des Zieles sowohl ermöglichen als auch ausschließen. Die Folgen des Handelns können sowohl beabsichtigt/intendiert als auch unbeabsichtigt sein (s. Abb. 2; vgl. Werlen/ Lippuner 2011). Der Begriff des Handelns unterstellt zudem reflexive Eigenschaften sowie Bewusstsein. Dieses kann einerseits ein praktisches Bewusstsein sein, das auf Routinen beruht und Handeln ohne ein vorausgehendes Nachdenken ermöglicht, das jedoch auf Nachfragen nicht expliziert werden kann. Andererseits kann dem Handeln ein diskursives Bewusstsein zugrunde liegen, das auch artikuliert werden kann. Beiden Bewusstseinsformen liegen nach Giddens (1997) unterbewusste Bedürfnisse und Wünsche der Handelnden zugrunde. Handeln können immer nur einzelne Akteure, nicht jedoch ein Unternehmen oder eine Institution wie z. B. eine Stadtverwaltung. Einzelne Akteure, wie ein Vorstandsvorsitzender eines Unternehmens oder ein Referatsleiter einer Stadtverwaltung, handeln jedoch häufig im Namen oder im Auftrag der Institution, die sie vertreten. Die Akteure verfügen über ganz unterschiedliche Machtpotenziale, die Giddens (1997) als Ressourcen konzeptualisiert und die im Kapitalformenansatz von Bourdieu (2005) als ökonomisches (z.B. Einkommen, Vermögen), soziales (z.B. Freundeskreis, Netzwerke) und kulturelles Kapital (Bildungstitel, Fähigkeiten, Soft Skills) bezeichnet werden. Machtpotenziale oder Kapitalverfügbarkeit bestimmen die Position der handelnden Subjekte und ihre Möglichkeiten, die Welt nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Die Analyse der raumbezogenen Praktiken fragt immer erst nach den Praktiken selbst und erst in einem zweiten Schritt nach den räumlichen Bedingungen und Konsequenzen. Als solche raumbezogenen Praktiken können z. B. Standortentscheidungen von Unternehmen betrachtet