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Die Konsumgenossenschaftsbewegung in Frankreich und in den Vereinigten Staaten von Amerika. – Der Internationale Genossenschaftsbund. Mit einem Schlußwort von Robert Wilbrandt. Untersuchungen über Konsumvereine. Hrsg. von Carl Johannes Fuchs - Robert Wilbrandt. Die Konsumvereinsbewegung in den einzelnen Ländern. Fünfter Teil

Fuchs, Carl Johannes; Wilbrandt, Robert

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Fuchs, Carl Johannes (Ed.); Wilbrandt, Robert (Ed.) Book Die Konsumgenossenschaftsbewegung in Frankreich und in den Vereinigten Staaten von Amerika. – Der Internationale Genossenschaftsbund. Mit einem Schlußwort von Robert Wilbrandt. Untersuchungen über Konsumvereine. Hrsg. von Carl Johannes Fuchs - Robert Wilbrandt. Die Konsumvereinsbewegung in den einzelnen Ländern. Fünfter Teil Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 150/V Provided in Cooperation with: Verein für Socialpolitik / German Economic Association Suggested Citation: Fuchs, Carl Johannes (Ed.); Wilbrandt, Robert (Ed.) (1924) : Die Konsumgenossenschaftsbewegung in Frankreich und in den Vereinigten Staaten von Amerika. – Der Internationale Genossenschaftsbund. Mit einem Schlußwort von Robert Wilbrandt. Untersuchungen über Konsumvereine. Hrsg. von Carl Johannes Fuchs - Robert Wilbrandt. Die Konsumvereinsbewegung in den einzelnen Ländern. Fünfter Teil, Schriften des Vereins für Socialpolitik, No. 150/V, ISBN 978-3-428-57462-9, Duncker & Humblot, Berlin, https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/286042 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. 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Totomianz Mit einem Schlußwort von Robert Wilbrandt Duncker & Humblot reprints OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 Schriften des Vereins für Sozialpolitik. Antersuchungen über Konsumvereine. Lerausgegeben von C. I. Fuchs und N. Wilbrandt. 150. Wand. Die Konsumvereinsbewegung in den einzelnen Ländern. Fünfter Teil. Die Konsumgenoffenschaftsbewegung in Frankreich und in den Vereinigten Staaten von Amerika. — Der Internationale Ge  noffenschaftsbund. — Schlußwort. Verlag von Duncker 8Lumblot. München und Leipzig 1924. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 Die Konsumgenossenschasts  bewegung in Frankreich und in den Vereinigten Staaten von Amerika. Von Charles Gide (Paris) und James Peter Warbaffe. Der Internationale Genoffenschaftsbund. Von V. Totomianz (Prag). Mit einem Schlußwort von Robert Wilbrandt. Verlag von Duncker 6c Lumblot. München und Leipzig 1924. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 Alle Rechte Vorbehalten. Altenburg Pterersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel L Co. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 Inhaltsübersicht. Sette Charles Gide, Die Genossenschaftsbewegung in Frankreich ................................. 1 James Peter Warbasse, Die Genossenschaftsbewegung in den Vereinigten Staaten von Amerika ..................................................................................................... 21 V. Totomianz, Der Internationale GenofsenschaftSbund .......................................... 33 R. Wilbrandt, Schlußwort ............................................................................................ 47 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 Die Genofsenschaftsbewegung in Frankreich. Von Charles Gide (Paris). Schriften ISO V. 1 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 8 Charles Gide. Diese Anklagen wurden in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt, so in der „Motion Nationals" und in der Zeitung für länd  liche Propaganda „ka^san äs Franse". Sie fanden sympathische Ausnahme in den genossenschaftlichen Verbänden konservativer und katholischer Kreise: es gibt deren zwar nicht viele, aber immerhin doch einige. So soll sich denn auch vor einigen Monaten eine Anzahl der katholischen Verbände zu einem Kon  greß in Paris versammelt haben, und nachdem erklärt worden war, „daß eine zu große Anzahl der Genossenschaften von der Föderation Nationals sich einer sozialistischen und unchristlichen Propaganda hin  geben", wurde die Gründung einer anderen Föderation beschlossen unter dem Namen der „unabhängigen Genossenschaften", in Wirklich  keit der Katholiken und Antirepublikaner * . * Es ist bekannt, daß vor zwei Jahren eine internationale christliche Genossenschaftsunion gegründet wurde, mit dem Sitz in Rom. Obwohl sie sich speziell an die Landwirtschaftsgenossenschaften wendet, hat sie doch augenscheinlich das Ziel, alle Genossenschaften mit religiösen und konservativen Tendenzen zu vereinigen und so zu konkurrieren mit der ^liianos eooperativs Internationale, die vor 27 Jahren gegründet wurde und von der man findet, daß die „Roten" einen zu großen Platz einnehmen, seit die Moskauer Genossen dort zugelassen find. Die kleine Föderation der „unabhängigen Genossenschaften", die sich in Paris konstituiert hat, stammt augenscheinlich aus derselben Familie. Ist es nötig zu sagen, daß alle diese Anklagen absurd sind und von feiten der Ankläger entweder einen völlig bösen Willen oder eine völlige Unwissenheit über unsere Genossenschaftsbewegung bekunden? Es ist töricht, zu glauben, daß die Genossenschaft über einen „Kriegsschatz" (von 50 Millionen Fr. fürs Jahr) verfüge, mit dem sic die revolutionäre Organisation unterstütze, — töricht besonders des  wegen, weil in den letzten Jahren die Mehrzahl keine Gutscheine ver  teilt hat. Es ist weiterhin töricht, zu glauben — selbst jene Verteilung vorausgesetzt — , daß es in der Macht der Beamten und Führer ge  legen hätte, die Gutscheine den Mitgliedern zu entziehen, um sic den syndikalistischen und kommunistischen Organisationen zuzuführen. Me Beamten, die es sich einfallen ließen, einen solchen Vorschlag zu machen, wären nicht lange an ihrer Stelle. Jeder, der eine gewisse Erfahrung in Genossenschaftsangelegenheiten hat, weiß, wieviel Mühe es kostet, von den Mitgliedern auch nur die geringste Überweisung vom Gewinn an das Budget der Föderationszentrale oder Mr ProOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 Die GcnossenschaftSbewegung in Frankreich. 9 pagandaund solidarische Angelegenheiten zu erreichen. Nicht ein Pfennig ist von den der Föderation angegliedcrten Vereinen einer politischen Organisation gegeben worden. Was indessen den Irrtum erklären konnte, ist die Tatsache, daß gewisse sozialistische und syndika  listische Organisationen auf der Genossenschaftsbank ihre Gelder stehen haben und dort natürlich, wenn sie ihr Geld brauchen, es abheben ; aber es gehört eine wahrhaft grobe Unkenntnis dazu, eine Auszahlung von Depotgeldern mit Unterstützungen zu verwechseln. Es ist ebenso töricht, zu behaupten, daß unsere Föderation sich mit sozialistischer oder antichristlicher Propaganda abgebe. Es ist wahr, daß unter den Verwaltungsbeamten der Genossenschaften und der Federation Nationals eine große Zahl, vielleicht die Mehrzahl, Mit  glieder der sozialistischen Partei und ohne Zweifel auch Freidenker sind, aber in unserem Zentralkomitee findet sich zum mindesten einer, soviel ich weiß, der ultrakonservativ ist. Ich selbst bin einer der Gründer und derzeitiger Präsident einer christlich-sozialen Bereini  gung. Nie hat einer von uns sich mit der politischen und religiösen Anschauung seiner Genossen beschäftigt, noch sich mit irgendeiner Propaganda abgegeben, um sie irgendwie zu beeinflussen. Als 1912 die beiden konkurrierenden Genossenschaftsföderationen, die sogenannte bürgerliche oder neutrale und die sozialistische, sich ver  schmolzen zu der jetzigen „Föderation nationals", wurde vertragsmäßig festgestellt, daß die Föderation nationale absolut autonom bleiben müsse und sich von keiner politischen Partei ins Schlepptau nehmen lassen, dürfe, und seit jenem Zeitpunkt ist sie stets diesem Einigungsvertrag treu geblieben. Aber gerade dieses strenge Einhalten der politischen Neutralität hat gegen die genannte Föderation einen anderen Feldzug herauf  beschworen, der von der Oppositionsseite, den kommunistischen Ge  nossenschaften, geführt wird. Ohne der Genossenschaft das Recht zu bestreiten, daß sie ihr eigenes Leben lebt und in sich selbst ihr eigenes Ziel sucht, wirft sie ihr Lauheit ihres sozialen Programms vor, wirft ihr vor, mit der Regierung und mit dem Bürgertum zu paktieren, nicht heftig genug gegen den Krieg protestiert, ja, an der nationalen Verteidigung sich mitbeteiligt zu haben und schließlich — trotz der rein gelehrten Abhandlungen über die Abschaffung des Profits — eher für als gegen die Herrschaft des Kapitals zu arbeiten. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 10 Charles Gide. Aber zum Unterschiede gegen die Genossenschaften der Rechten haben die der Linien keine andere Genossenschaft zu gründen versucht, ja, sie haben sogar protestiert gegen jeden Separatismus: sie be  schränken sich auf den Versuch, die jetzigen Direktoren zu stürzen, um selber an die Spitze zu kommen, und ihre Opposition scheint weniger in einer wirklichen Zielverschiedenheit, als in persönlichen Antipathien begründet zu sein. Sie umfassen übrigens eine nur geringe Anzahl: auf dem Mar  seiller Kongreß im Mai ungefähr 218 gegen 4290 Stimmen. Nichtsdestoweniger ist die Lage der b'säeration nationale nun so, daß sie von den Genossenschaften der Rechten als zu revolutionär, von denen der Linken als zu wenig revolutionär kritisiert wird. Von ihrem Standpunkt aus haben die einen und die anderen recht: die Abschaffung dessen, was bis heute die einzige Triebkraft der Aktivi  tät des Menschen war, nämlich die Abschaffung des Profits und die Einführung der Wahrheit, der Gerechtigkeit unter der Form des reellen Preises im Austauschverkehr bedeutet eine Revolution, wie eine größere nicht denkbar ist. Aber sie ist nichtrevolutionär durch ihre Kampf  mittel, da Vergewaltigung, Diktatur des Proletariats und selbst ge  setzlicher Zwang ausgeschlossen sind. Einzig stützt sie sich auf den guten Willen zur freien Vereinigung und den Einfluß des Vorbildes. Wir wollen die Neutralität, das ist wahr, aber nicht in dem Sinne, den uns die Ökonomen der liberalen Schule gern unterschieben möchten, indem sie der Genossenschaftsbewegung jeden Zug zur sozialen Weiterentwicklung absprechen und als einziges Ziel die Verminderung der Lebensunterhaltskosten, die Leichtigkeit, Ersparnisse zu machen, be  zeichnen. Unsere Neutralität ist wie die des Roten Kreuzes: weder Rücksicht auf Parteien, noch Farben, noch Klassen gibt es hier. Man sei arm oder reich, sozialistisch oder kommunistisch, Arbeiter oder Bürger, rot oder gelb oder weiß, es tut nichts zur Sache. Durch die eine Tatsache, daß man Konsument ist — und wer ist es nicht! — hat man das Recht, an den Wohltaten der Genossenschaften teilzu  nehmen. Wie ich es schon oft betont habe: über ihrer Tür müßten die Worte geschrieben stehen, die man an Warenhaustüren finden kann: „Eintritt frei." Man darf aber trotz alledem die leidige Möglichkeit einer Spal  tung in der genossenschaftlichen Bewegung in rechts und links nicht für absolut unwahrscheinlich halten, eine Spaltung, die unsere so mühOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 Die Genossenschaftsbewegung in Frankreich. 11 sam errungene Einigkeit zerstörte und uns drei Förderationen statt einer bescherte (wie in Italien). Diese Dreiteilung könnte ja Wohl dm schönen Erfolg haben, daß sich die Zahl der Genossenschafter im ganzen vermehrte, weil die Propaganda nach rechts und links sich ausbreiten könnte in Kreisen, die heute uns fast unzugänglich sind. Aber die Ein  heit im Genossenschaftsprogramm Wäre verlorengegangen. Rechts würde man aller Voraussicht nach auf die Abschaffung des Profits verzichten, links würde man in das Prinzip vor Rochdale mit der Verteilung von Gutscheinen zurückfallen. Das wäre das Chaos ! Es sollen jetzt einige Aufschlüsse gegeben werden über Beziehungen, die zwischen der französischen Genossenschaft und den folgenden drei Kreisen bestehen: der politischen, der religiösen und der akademischen Welt. Was die politische Welt betrifft, so hält sich die Genossenschaft außerhalb aller Parteien. Nicht nur das. Sie hat auch nie Kandi  daten zu den Wahlen aufgestellt mit der Etikette: Genossenschafts  kandidat, ja, sie hat nie teilgenommen an den Wahlkämpfen für diesen oder jenen Kandidaten. Daß einigemal — selten zwar — ein oder zwei Führer der Genossenschaften als Wahlkandidaten aufgestellt wurden, entspricht der Wahrheit; aber sie standen unter der Flagge dieser oder jener Partei, nicht unter der der b'säoratioa nationale. Darin folgen wir nicht dem Beispiel unserer englischen Genossen, die — nicht ohne Zögern und trotz lebhafter Kritiken — sich entschlossen, zu den Wahlen Genossenschaftskandidaten aufzustellen. Von den elf zur letzten Wahl Gestellten wurden vier gewählt. Wir verfolgen diese Politik nicht, weil wir uns nicht der Gefahr einer Spaltung in der Genosscnschaftsbewegung aussetzen und ihr die Sympathien von rechts und links entfremden wollen. Wir nehmen an, daß ohne Unterschied alle Deputierten der Nation sich als Vertreter der Genossenschaften betrachten, weil deren Interessen mit dem der Nation zusammenfließen. Deshalb hat auch vor den letzten Wahlen, 1920, die ^eäsration nationale an alle Kandidaten ohne Unterschied der Parteien eine Zu  schrift in Form eines Fragebogens gesandt. Wir legten jedem Kandidaten folgende Fragen vor: 1. ob er die soziale Nützlichkeit der Konsumgenossenschaften aner  kenne als das Mittel, einen gerechten Preis festzusetzen und die Lebensmittel gerecht zu verteilen; OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 12 Charles Gide. 2. ob er sich bei der Gründung einer Gruppe von Abgeordneten des Parlaments beteiligen würde zum Zwecke ausgesprochenen Studiums der Fragen, die in Zusammenhang stehen mit den Genossenschaften; 3. ob er für die Gesetzentwürfe stimmen würde, die sich mit den Fragen der Kapitalverleihung an die Konsumgenossenschaften befassen; 4. ob er sich verpflichte, gegen die Erhöhung der Lebensmittelsteuer zu stimmen; 5. ob er entschlossen wäre, eine internationale Handelsund Volkswirtschaftspolitik im Sinne der Genossenschaften zu unter  stützen. Eine ziemlich große Zahl von Kandidaten hat zustimmend ge  antwortet; aber da viele davon durchgefallen sind, so waren am End« unter den 600 gewählten Abgeordneten nur 78, die das angeführte Programm unterzeichnet hatten. Was aber bemerkenswert ist und unsere Neutralität rechtfertigt, ist die Tatsache, daß die Unterzeichner auf den entgegengesetzten Seiten der Kammer sitzen, von der äußersten Linken bis zur äußersten Rechten, und daß darunter sich sogar der heftigste Gegner der Republik befindet, der bekannte monarchistische Führer Leon Daudet. Gemäß ihrer Zusage haben die Abgeordneten der Kammer eine Gruppe von „Freunden der Genossenschaften" gegründet, und diese Gruppe hat sich sogar nach und nach um eine Anzahl von solchen Abgeordneten vergrößert, die auf unsere Fragebogen nicht geantwortet hatten. Diese Gruppe zählt heute 122 Mitglieder, die sich etwa fol  gendermaßen verteilen: 22 sozialistische Deputierte, 33 Radikal-Sozialisten, 67 vom Zentrum und von der Rechten. Aber die Aufzählung könnte zu einem Irrtum führen ! In Wirk  lichkeit ist es so, daß jedesmal, wenn die Genossenschastsföderation eine Stütze in der Kammer oder bei der Regierung braucht, sie diese nur auf der Linken suchen kann. Denn wenn die Föderation es auch ablehnt, Politik zu treiben, so heißt das nicht, daß sie kein Interesse habe an der Gesetzgebung, oder daß sie die Wirkung — im guten wie im bösen — verkenne, welche Gesetze auf die Genossenschaftsbewegung haben können. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 Die Genoffenschaftsbewegung in Frankreich. 13 Im Gegenteil, sie verfolgt aus nächster Nähe alle Gesetzentwürfe, die ihrer Beschaffenheit nach die Genossenschaft interessieren können, und benutzt ihren ganzen Einfluß bei den der Genossenschaft wohl  wollend gegenüberstehenden Abgeordneten, daß diese dafür stimmen oder sie ablehnen — zum Beispiel die fiskalischen Gesetze, das Gesetz über die Preiskontrolle oder über die Zölle. Sie hat sogar die Gründung eines „obersten Genossenschafts  rates" dürchgesetzt — eine Einrichtung, die unseres Wissens noch in keinem anderen Lande besteht — , welcher die Aufgabe hat, die Gesetz  entwürfe, welche die Genossenschaft und die Konsumenten interessieren, selbst zu studieren und sie zu besprechen. Selbstverständlich ist er nicht in der Lage, über Gesetze abzustimmen, und spielt nur eine beratende Rolle. Er ist zusammengesetzt aus Mitgliedern, die von den Konsum  genossenschaften gewählt sind, wird von solchen der Produktions  genossenschaften ergänzt und untersteht dem Arbeitsminister. Er hat eine analoge Stellung wie der oberste Arbeitsrat, der die beruflichen Interessen der Arbeiter und der Arbeitgeber vertritt. Einer der bemerkenswertesten Züge der Genossenschaftsbewegung in Frankreich im letzten Jahr war die Propaganda in intellektuellen und Universitätskreisen. Dies geschah auf verschiedene Weise. Zuerst wurde ein Manifest aufgesetzt und an alle Universitäten geschickt. Dieses Manifest lautet wie folgt: Der Krieg hat für die Genossenschaft eine völlig unerwartete Re  klame gemacht. Die Konsumenten, im Kampf mit dem Mangel an Lebensmitteln, der Steigerung der Preise und der Ausbeutung der Kaufleute, fanden in den Konsumgenossenschaften einen Zufluchtsort. Selbst in verschiedenen Ländern des europäischen Orients waren die Verkaufsstellen dieser Genossenschaften für die ausgehungerte Be  völkerung fast die einzigen Versorgungszentren. In Frankreich hat die Regierung angefangen, einzusehen, daß die Genossenschaft auch eine Art öffentliche Macht darstellt, und es wurde ihr ein gewisses Kontrollrecht eingeräumt. In den meisten Beratungsausschüssen, die zum Kampf gegen die Erhöhung der Preise ins Leben gerufen wurden, und die sich beschäftigen sollten mit der Versorgung der Bevölkerung, dem Wiederaufbau der verwüsteten Ge  biete, dem Postund dem Eisenbahnbetrieb, oder auch mit dem Kamps OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 14 Charles Gide. gegen den Alkoholismus und das Wohnungselend, wurde eine be  stimmte Zahl von Plätzen für die Vertreter der Konsumenten reserviert. Trotz alledem haben weder die Presse, noch die öffentliche Mei  nung, noch die Nationalökonomen der Genossenschaftsbewegung die Aufmerksamkeit geschenkt, die sie, nach der Ansicht der Unterzeichner dieser Erklärung, verdient. Man fährt fort, in ihr die Form irgend  einer Handelsorganisation zu sehen, die ihre Vorund Nachteile hat; man hat aber nicht geglaubt, daß die Genossenschaft über die aktuellen Erfolge hinaus ein vollständiges Programm sozialen Wiederaufbaus bieten könnte. Unsere Gesellschaft hat aber gerade den Ehrgeiz, daß diese Überzeugung in den Geist der Menschen eindringe, mittels der gewöhnlichen Propaganda, besonders aber durch Aufklärung in allen Ständen. Sie hat nicht das Ziel, Anhänger aus den bestehenden Ge  nossenschaften zu werben oder neue Gesellschaften zu gründen. Es be  stehen für diese Propagandaarbeit schon mächtig organisierte Genossen  schaften; wir brauchen ihnen nicht ins Gehege zu kommen. Wir möchten die Konsumgenossenschaften zeigen als „Arbeits  stätten für soziale Experimente", wie sie Jaurös nannte. Und seit dem Dreivierteljahrhundert, währenddessen dieser Versuch in den ver  schiedenen Ländern und unter den verschiedenen wirtschaftlichen Be  dingungen betrieben wird, scheint uns eine genügende Arbeit geleistet worden zu sein, um die Charakterzüge der künftigen Gesellschaft zu erkennen und damit auch zu sehen, was an Utopistischem und was an zu Verwirklichendem in den sozialen Forderungen, die allenthalben er  hoben werden, steckt. Wir glauben, daß man bereits heute die folgenden Richtlinien abstecken kann. Wir sagen Richtlinien, denn es handelt sich nicht darum, ein Programm innerhalb eines starren Rahmens zu zeichnen. Die Genossenschaft ist eine Bewegung, wie die Engländer sagen, und keine Verfassung. Die Genossenschaften lehren uns zuerst, daß eine Unternehmung leben und gedeihen kann außerhalb der Bedingungen, die von der Nationalökonomie als unumgänglich angesehen wurden, das heißt ohne den Anreiz des Profits und ohne den Antrieb der Konkurrenz. Die genossenschaftlichen Unternehmungen arbeiten in Wirklichkeit ohne den anrcizenden Profit; denn sie haben sich zur Regel gemacht, daß der Gewinn denen wieder zugute kommt, von denen er erzielt wurde, und was die Konkurrenz betrifft, so bemüht man sich, wo nur es möglich OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 Die Genossenschaftsbcwegung in Frankreich. 15 ist, die Bundesgenossenschaft oder selbst die Verschmelzung herbei  zuführen. An dem Tage, an welchem der Profit aus der Welt ver  schwände, wäre der Wettbewerb um ihn gegenstandslos, und cs bliebe nur noch der Wetteifer. Die Genossenschaften zeigen uns auch, wie es nicht für den Er  folg einer Unternehmung notwendig ist, daß das Kapital herrsche und die Früchte ernte. Sie schalten aber das Kapital nicht aus, sie ziehen es sogar heran, bis sie ihre eigenen Kapitalien bilden können und es ihnen möglich ist, seine Dienste durch eine feste Verzinsung zu bezahlen, aber sie lehnen es ab, ihm das Recht zum Befehlen zuzugestehen und sich die Gewinne der Unternehmung unter dem Vorwande, daß es sie geschaffen habe, anzueignen. Sie kämpfen auch — in dem engen Ausmaß, den ihnen ihre Ent  wicklung erlaubt — gegen wirtschaftlichen Nationalismus unter der Form der Schutzzölle, ebenso wie auch gegen den sogenannten Inter  nationalismus des Kapitalismus, der nur eine Form von Jmperalismus ist. Indem sie vor dreißig Jahren den Internationalen Genossen  schaftsbund gegründet haben, sind sie dem Völkerbund vorausgeeilt, und sie zielen Darauf hin, den internationalen Handel von seiner heutigen Form des Kampfes um den Profit zurückzusühren auf seine wahre Form, nämlich das Zusammenarbeiten der Völker für die wirtschaftliche Nutzbarmachung der Hilfsquellen aller Länder, nur das Wohl aller im Auge habend. Die Konsumgenossenschaften sind nicht geneigt, die Diktatur des Kapitals durch eine Diktatur der Arbeit zu ersetzen, selbst das Wort im weitesten Sinne genommen, das heißt darunter nicht nur die Hand« arbeiter, sondern alle Produzenten verstehend. Zur Zeit herrscht die Tendenz, für diese nicht nur die Regierung in der wirtschaftlichen Ordnung (Syndikalismus), sondern auch in der politischen Ordnung (berufliche Vertretung) in Anspruch zu nehmen. Die Genossenschaften glauben nicht, daß die Produzenten allein die Fähigkeiten haben, das öffentliche Interesse zu vertreten; denn sie sind notwendig vorein  genommen und selbst beherrscht von beruflichen oder körperschaftlichen Interessen. Die organisierten Konsumenten dagegen können kein anderes Interesse haben als das aller. Sie können also mit gutem Recht die Rolle eines Organs der öffentlichen Interessen anstreden, eine Rolle, die bis jetzt vom Staat gespielt wurde, der sich aber ganz und gar nicht dieser Aufgabe gewachsen zeigte, wenigstens was die OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 16 Charles Gide. Wirtschaftliche Ordnung betrifft, und die Syndikalisten sind in ihren Kritiken darin nicht weniger streng als die Ökonomen der liberalen Schule. Man muß also der öffentlichen Meinung ein neues Organ geben. Wir sehen es in den Organisationen der Konsumenten. Es ist selbstverständlich, daß wir zwischen Konsumenten und Pro  duzenten hier nie eine grundsätzliche Gegenüberstellung im Auge haben, durchaus nicht eine Feindschaft von Personen oder einen Klassen  kampf, und das um so weniger, als es die Konsumgenossenschaften sind, die — zusammengesetzt aus einer großen Mehrheit von Arbeitern — die hervorragendsten Erfolge errungen haben. Selbst wenn jeder Konsument gleichzeitig — wie es eigentlich sein sollte — Produzent wäre, so wäre es doch von Wichtigkeit, daß jeder lernte, in seinem Innern diese entgegengesetzten Interessen zu unter  scheiden und abzuwägen, und daß er lernte, die besonderen den all  gemeineren zu opfern. Das ist's, was ihm die Konsumgenossenschaft durch Lehren an alltäglichen Dingen beibringt. Und das ist die Lehre — sittlich wie wirtschaftlich — , die wir verbreiten wollen. Dieses Manifest wurde beifällig ausgenommen, und cs unter  schrieben mehr als 200 Professoren, unter ihnen viele von der Sor  bonne und dem OoilöAo äs Uranos. Aber es ist sonderbar, daß fast alle Unterschriften von Philologen, Philosophen und Naturwissen  schaftlern stammen, sehr wenige, ein halbes Dutzend etwa, von Nationalökonomen. Um dies zu erklären, muß man wissen, daß in Frankreich der Unterricht in Nationalökonomie fast vollständig in der rechtswissenschaftlichen Fakultät erteilt wird, und die juristischen Fakul  täten sind im allgemeinen sehr ablehnend gegen jeden Sozialismus und auch jede Lehre, die sozial gefärbt scheint, selbst dann, wenn sie — wie bei den Genossenschaften — zur Verwirklichung ihres Programms nur die freie Vereinigung fordert. Ich muß sogar gestehen, daß sie dem Programm noch besonders abgeneigt sind, das ich persönlich so lange dort gelehrt habe. Die Unterzeichner des Manifests gründeten eine Vereinigung und diese eine Vierteljahrszeitschrift unter dem Titel „Revus äss Ltuäos vooxorativoo", deren Leiter Mr. Bernard Lavergne ist, Professor der Nationalökonomie, früher an der Universität Nancy, jetzt in Lille. Die erste Nummer erschien im Dezember 1921. Diese Vereinigung hat die ksäeration nationale der Genossen  schaftsvereine unterstützt in der Schaffung eines Lehrstuhls für den OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 Die Genossenschaftsbewegung in Frankreich. 17 Unterricht im Genossenschaftswesen am Oolisgs äs Uranos. Obwohl man glauben sollte, daß diese Gründung zu keinerlei Einwand der Regierung Anlaß geben könnte, da sie das Budget nicht belastete, weil die Genossenschaften alle Kosten der Gründung auf sich genommen hatten, verging trotzdem mehr als ein Jahr über all den Schritten, die getan werden mußten; es brauchte einen unablässigen Druck, um zu erreichen, daß der Minister für Schulwesen unterzeichnete. Er fürchtete, daß die Eröffnung von Vorlesungen zu Kundgebungen für und Wider führen könnte, eine Besorgnis, die grundlos blieb. Nicht nur bei Professoren der Universität, sondern auch bei solchen der Lyzeen und Primärschulen breitete sich unsere Propaganda aus. Auch hier fand sie geneigte Ohren. Eine ansehnliche Anzahl von Philosophieund Geschichtsprofessoren der oberen Klassen beschlossen, einige Stunden im Jahresunterricht der Erklärung der Genossenschafts  bestrebungen zu widmen und die Bewegung in der wirtschaftlichen und sozialen Geschichte darzulegen. In den sogenannten Normalschulen, wo die Lehrer für die Primärschulen ausgebildet werden, beginnt man auch dem Unterricht in Genossenschaftslehre einen bescheidenen Platz einzuräumen, ebenso in ihren Bibliotheken für unsere Bücher und Zeitschriften. In den Primärschulen aber fängt man an, kleine Genossenschaften zu gründen zum Ankauf von Papier, Federn und anderem. Gewiß darf man sich keine Illusionen über die Resultate solchen Unterrichts machen. Er hat nicht den Zweck, Anhänger für die Ge  nossenschaften heranzubilden. Die Studenten oder die anderen jungen Leute, an die er sich wendet, werden sich der Konsumgenossenschaft kaum anschließen, da diese praktischen Wert nur für die in der Familie leben  den Personen hat. Es wäre aber ein tiefgreifendes Resultat, die öffent  liche Meinung zu gewinnen und ihr zu verstehen zu geben, daß zwischen der klassischen Nationalökonomie, dem Manchestertum, nach Carlyle „äismal seisnos", einerseits und dem marxistischen oder bolschewisti  schen oder staatlichen Sozialismus andererseits ein Mittelweg besteht, revolutionär sicherlich, da nichts Geringeres angestrebt wird, als die Abschaffung jener beiden Kräfte, die bis zum heutigen Tage die beiden einzigen Antriebe wirtschaftlicher Tätigkeit waren, nämlich Profit und Konkurrenz — aber auch friedlich, da er nur die Vereinigung aller in gutem Willen verlangt. Schriften 150 V. 2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 24 James Peter Warbafle. in keinen Beziehungen standen. Die „Aov-LnAlaml kroteotivo Union" hatte 400 Berteilungsstellen, die sich über die ganzen Atlan  tischen Staaten ausbreiteten. Diese alten Organisationen waren vom genossenschaftlichen Standpunkt aus unzulänglich. Den meisten fehlten die grundlegen  den Besonderheiten einer Genossenschaft. Die übrigen, soweit sie als Genossenschaften betrachtet werden konnten, waren genossenschaftlich derart mangelhaft geschult, daß ihre Mitglieder Wesen und Möglich  keiten ihrer Unternehmung nur vereinzelt erkannten. Die große Mehr  zahl versagte. Die „UuiiäinA Associations" oder die „Bauund Darlehnsgenossenschaften" stellen in den Vereinigten Staaten eine andere Form der Frühgenossenschaft dar, die sich eine Zeitlang ausbreitete. Die erste Organisation dieser Art war die „Oxkorä kroviäont Luiiäinx Association", die 1831 nahe bei Philadelphia gegründet wurde. Genossenschaftsbanken und Kreditvereine gehen auch zurück auf die ersten Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts. Diese früh sich durch  kämpfenden Gesellschaften wurden allem Anschein nach völlig gestört durch den Bürgerkrieg in den sechziger Jahren. Zu Beginn des gegen  wärtigen Jahrhunderts erließen einige Staaten Genossenschaftsbank  gesetze, und die Bewegung begann sich allmählich auszubreiten. Gegen  wärtig bestehen ungefähr 500 Genossenschaftsbanken. Während in Europa die Genossenschaft während der letzten 50 Jahre bemerkenswerte Fortschritte machte, entwickelte sie sich hier sehr langsam. In den Vereinigten Staaten stellen sich der genossen  schaftlichen Arbeit größere Schwierigkeiten entgegen, und die Zahl der Mißerfolge ist wahrscheinlich größer gewesen als in Europa. Der Hauptgrund für diesen schwachen Fortschritt liegt in dem Umstand, daß bis 1916 keine nationale Zentralstelle für Aufklärung und Führung, wie in jedem europäischen Lande, bestand. Die vom Volk gegründeten und unterstützten Gesellschaften waren keine wirk  lichen Genossenschaften in der Methode; und sie versuchten, ohne plan  mäßige Führung oder Aufklärung zu arbeiten. Außerdem sprachen auch ökonomische Gründe mit. Ein neues Land mit grenzenlos günstigen Gelegenheiten züchtet individualistischen Geist, Prositbegehren, ungestümes Verlangen nach dem Dollar herrscht in der öffentlichen Meinung. Jeder hofft, im Konkurrenzkampf mehr zu bekommen als sein Nachbar. In keinem Land ist der Drang nach Eigenprofit so unbändig und die Gelegenheiten so groß. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 Die Genossenschaftsbewegung in den Vereinigten Staaten von Amerika. 25 In den Vereinigten Staaten wird ein unsozialer Individualis  mus gelehrt. Jeder glaubt, er könne Präsident werden oder den Herrn spielen, oder sonst etwas Hohes erreichen, für das sein Gefährte untauglich sei. Jeder wird ermahnt, „seinen Weg zu machen", das heißt über die andern hinauszukommen. Er will auch nicht, daß andere ihn übertreffen, sein Ziel würde sonst vereitelt werden. Die Seelenverfassung, die sich hieraus ergibt, ist der Zusammenarbeit für das Wohl aller geradezu entgegengesetzt. Die Genossenschaft hat es in den Vereinigten Staaten mit einer gemischten Bevölkerung zu tun. Fremdrassiges Volk mit verschiedenen Gewohnheiten und Sprachen läßt sich nicht immer, zum mindesten zu  erst, zu einer Genossenschaft zusammenfassen. Neben dem Problem der Einwanderung werden Schwankungen der Bevölkerung verursacht durch die Neuheit des Landes. Das Volk ist unstet. Es will nicht in der Nachbarschaft verbleiben, in der es ge  boren ist. Ruhelosigkeit ist für einen Amerikaner charakteristisch; das Volk hält nicht an einer Örtlichkeit fest. Das Vorhandensein einer Westgrenze, gegen die eine Ortsveränderung suchende Bevölkerung sich immer in Bewegung halten konnte, war ein Hindernis für die Stabilität, die für eine genossenschaftliche Organisation nötig ist. Ein Volk, das nicht lange in Fühlung mit den Nächsten steht, sondern immer fremde Nachbarn hat, entwickelt ein individualistisch argwöhni  sches Wesen. Die Zurückgebliebenheit der Genossenschaften in den Bereinigten Staaten ist auch der Tatsache zuzuschreiben, daß die Armut vom Reich  tum überdeckt wird, daß die Flucht vor der Armut immer möglich scheint, wegen der Fülle an Reichtum. Die Armut ist noch nicht augen  fällig, nicht ausgedehnt, nicht bewußt und nicht mutig, sich selbst zu nennen. Das Volk schämt sich noch der Armut und zieht es vor, sie lieber zu verbergen, als sie für ihr eigenes Wohl zu organisieren. Der Gedanke, jedermann könne durch eigene selbständige Tätig  keit reich werden, hielt das Volk ab, sich in einem Plane zu ver  einigen, der sich gründet auf ein Bekenntnis zu der Notwendigkeit gegenseitiger Hilfe, und bei dem die ersten Vergütungen so gering aus  fallen, während die Anstrengungen so groß sind. Diese amerikanischen Verhältnisse sind eben die eines neuen wohllebenden Landes. Nur die Zeit kann hier etwas ändern. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 26 James Peter Warbasse. Der eifrige Wettbewerb unter den privaten Händlern und der Reklameköder gewöhnten das Publikum an eine förmliche Jagd im Einkäufen und Feilschen, bis das die vorherrschende Form amerikani  schen Verkehrs wurde. Während die Konkurrenz die Preise niederhält und es ermöglicht, angemessene Preise zu finden, treibt sie den Händler an, für seinen Geldsack jeden denkbaren Einfall zur Konkurrenz zu versuchen. Die Vereinigten Staaten sind das Land des großen Gottes „Ge  schäft". Gesetze, wie Volkspsyche, sind auf das profitwirtschaftliche System eingestellt. Die einflußreichen Elemente in jeder Gemeinde sind die „Boards ok Tracis", die „msrokaut associations" und die „ebambsrs ok oommsros". Diese Organisationen werden von den prominenten Bürgern gebildet. Sie beherrschen die Schule, die Presse und die öffentliche Denkweise wie alle Gewerbe; sie sind in jedem Distrikt vorhanden. Diese Körperschaften sind der Genossenschafts  bewegung natürlich entgegengesetzt. Jedes Mittel, das durch eine mächtige Organisation angewandt werden kann, um einen schwachen zu vernichten, wird von diesen Elementen ergriffen, um die genossenschaft  lichen Zusammenschlüsse zu unterdrücken. Ein anderes bedenkliches Hindernis des genossenschaftlichen Fort  schritts bildet die Menge unechter „Genossenschafts-Gesellschaften. Sie variieren von den wildesten und phantastischsten Plänen wohlmeinen  der Leute bis zum gerissensten Betrug. Diese Unternehmungen nehmen von der Arbeiterschaft Millionen Dollars, die der echten Genossen  schaft feindlich bleiben. Während der letzten paar Jahre sind diese Unternehmungen besonders auffallend aufgetreten. Sie bekamen durch das wachsende Interesse der Allgemeinheit an Genossenschaften Kapital und betrogen das Volk durch erbärmliche Nachahmungen. Einige der Rädelsführer dieser Spekulationsgeschäfte kamen ins Ge  fängnis; die meisten aber gehen frei umher, organisieren und reorgani  sieren ihre schwindelhaften Bankerottpläne. Diese Organisationen ver  folgen die Methode der Kettenläden. Die Absicht, die Verwaltung zu zentralisieren, schlägt in den Genossenschaften unweigerlich fehl. Sie gelingt im Profitgeschäft, aber in den Genossenschaften scheitert sie am Mangel an Demokratie, an Lokalinteresse und der Leistungsfähigkeit. Ausgesprochener Betrug ist auch eine gewöhnliche Ursache des Bankerotts. Der praktische Grund für Versagen selbst wohlgemeinter Ver  suche der Zentralisation liegt in der zentralen Bureaukratie, die nicht OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 Die Genofsenschaftsbewegung in den Bereinigten Staaten von Amerika. 27 nur nichts mit der genossenschaftlichen Theorie und Praxis zu tun hat, sondern auch die Mitglieder über ihr eigenes Geschäft und über die Ge  nossenschaft überhaupt in Unkenntnis hält. Während der Zeit von 1919 bis 1923 sind zwölf dieser Zentralunternehmungen, die sich vom Atlantik bis zum Pazifik erstreckten, zusammengebrochen, über 18000000 Dollar gingen während dreier Jahre in diesen Spekula  tionen verloren — durch Täuschung des Volkes, welches sie für genossenschaftssördernd hielt. Aber noch härter als dies ist der geistige Verlust, den die Gesamtbewegung dadurch erleidet. Das ist die dun  kelste Seite. Man sollte an diese denken, weil der Wunsch nach schnellen Ergebnissen, die Geringschätzung geduldiger Erziehung und die Achtung, welche die „Sucht, schnell reich zu werden" in den ger  einigten Staaten besitzt, ihr unheilvolles Wirken fortsetzen wird, wenn nicht das Volk im voraus gewarnt wird. Da ist aber auch eine lichtere Seite. Vor 50 Jahren ergoß sich in die Vereinigten Staaten ein Strom Einwanderer aus Ländern mit guten Genossenschaftsbewegungen. Diese brachten nicht nur die Kenntnis dessen, was Heimatgenossenschaften leisteten mit, sondern auch einen genossenschaftlichen Geist. Daher lebten seit der Frühperiode über das Land zerstreut viele Genossenschaften fort. Einige davon datieren fast 40 Jahre zurück, einige nahezu 50 Jahre. Die Einwanderer haben die Genossenschaften unter diesen alten Gesellschaften gestärkt, so daß heute in fast jedem Teil des Landes Genossenschastsläden zu finden sind. Seit 1916 breiteten sie sich stark aus, teils durch die Festigung und Ausdehnung der Industrie während des Krieges, teils durch das Hervortreten des Profitstrebens und die klar hervortretenden Mängel des kapitalistischen Wirtschaftssystems und teils durch die Arbeit des Genossenschaftsbundes („vo-opsrativs IEUANS"), der die Erkenntnis der Grundlagen einer Genossenschaft förderte. Die Farmer sind an den Genossenschaften der Vereinigten Staaten mehr als irgendeine andere Klasse beteiligt. Dies kommt teilweise von der Tatsache her, daß die Farmer bis 1921 die größte Klasse waren. Im Gegensatz zu England, Deutschland und den andern In  dustrieländern mit starker genossenschaftlichen Entwicklung, sind es nicht die Industriearbeiter, sondern die Farmer, die führend geworden sind. Viel Hilfe kam von der landwirtschaftlichen Bevölkerung, die aus Dänemark, Deutschland, Norwegen und Schweden und Finnland einwanderte. Aber auch altamerikanische Elemente haben in dieser OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 28 James Peter Warbasse. Entwicklung eine Rolle gespielt. Die Frühstärke der Genossenschafts  bewegung lag in den ländlichen Gegenden und besonders bei den Ein  heimischen. Indessen haben sich in den letzten Jahren die stärksten und größten Organisationen in den Industriezentren entwickelt. Diese Industrieoder Stadtbewegung ist in ihrer Führerschaft vorwiegend fremder Herkunft („Marinere Lckueational anä Vo-oxerative Union"). Die Erziehungsund Genossenschafts-Union der Farmer hat sich durch die Förderung der Genossenschaften große Verdienste erworben. Diese Organisation entstand 1902 in Texas und hat sich neuerdings in 30 Staaten ausgebreitet. Ihre erste Arbeit war, die Farmer zu lehren, wie man sich als Produzent organisiert, um für sein Produkt den günstigsten Preis zu erhalten. Aber sie übernahm bald auch für dieselben Farmer den Aufklärungsdienst über die Führung von Ber  teilungsgeschäften. Gewöhnlich wird die Konsumentenorganisation als getrennte Unternehmung organisiert und kapitalisiert. Die Union betreibt auch Produzentengenossenschaftsund Absatzunternehmungen und unterscheidet sich dadurch von der „Vo-opsrative vsaxus", welche keine Erzeugergenossenschaften finanziert oder betreibt. Ein allgemeines Bild der Verteilergenossenschaften in diesem Land geben 1913 in den Neu-England-Staaten ungefähr 75 Organisa  tionen. Einige sind jene alten Gesellschaften. Die meisten aber ent  standen im gegenwärtigen Jahrhundert. Die größte Einzelgruppe ist die in Eastern-Massachusetts mit etwa 30 Organisationen; die meisten davon sind von Finnländern gebildet. Sie haben Läden, Restaurants, Bäckereien und Molkereien. In den Middle-Eastern-Staaten bestehen 250 Konsumgenossenschaften, konzentriert hauptsächlich in Pennsylvanien unter den Kohlenund Eisenarbeitern und in New Jork City. Die Zentralstaaten haben annähernd 100 Genossenschaften in Illinois. Geringere Zahlen haben Ohio und Indiana. Die Mehrzahl der illinoisischen Organisationen sind in den Gegenden der Kohlenberg  werke. Genossenschaften dieser Art haben durchschnittlich 250 Mit  glieder, einen Jahresumsatz von 160000 Dollar und zahlen 2 bis 7 «/o vierteljährige Rückvergütung. Im nördlichen Michigan, Wisconsin und Minnesota gibt es über 100 Genossenschaften vorwiegend von Skandinaviern zusammengesetzt. Die „Oo-opsrativs Ventral LxckanKS at Superior" in Wisconsin ist eine Großeinkaufsgesellschast, von 50 dieser Organisationen gebildet. Neben der Lieferung allgemeiner Waren verfertigt sie eine besondere OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 Die Genossenschaftsbewegung in den Vereinigten Staaten von Amerika. 29 Brotart und Zwieback, was von den finnischen Vereinen benötigt wird. Diese Organisation unterhält eine Schule zur Übung genossen  schaftlicher Arbeit. Ihre Erziehungsarbeit ist meistens wirkungsvoll. Es gibt noch einige große Organisationen. Die meisten Genossen  schaften in den Vereinigten Staaten haben weniger als 1000 Mit  glieder. Zwei Genossenschaften im nördlichen Michigan, gegründet im Jahre 1890, überschreiten diese Zahl. Eine der erfolgreichen jüngeren Genossenschaften besitzt über 400 Mitglieder, hat ein eigenes drei  stöckiges Steingebäude, betreibt eine Bäckerei, zwei Metzgereien und vier Spezerei-Zweiggeschäfte und hat einen Jahresumsatz von 300 000 Dollar. Auf dem Gebiete der nördlichen und westlichen landwirtschaft  lichen Staaten sind die Genossenschaften zerstreut. 1923 hatte Kansas 275 Konsumgenossenschaften, Nebraska ungefähr gerade soviel. Der Tauschverkehr der Farmer in Omaha ist der zentrale Großhandel von Nebraska. Diese Genossenschaften verteilen Saatgut, Mehl, Futter, Kohlen, Spezereiwaren, Kurzwaren, Kleidungsstücke, Metallwaren, Maschinen und alles mögliche sonst. Die „Langas Union" brauchte für ihre Mitglieder 3 403 150 Pfund Schnur zum Binden der Ernte und 191 Waggons Kohlen. In den Südstaaten gibt es einige zerstreute Organisationen, aber die Bewegung ist dort zurückgeblieben. In den Pazifik-Staaten scheint der allgemeine Wohlstand des Volkes und die Neuheit der Gemeinwesen gegen das Genossenschafts  interesse zu wirken. In Kalifornien existierten einzelne Organisa  tionen im letzten Teil des 19. Jahrhunderts. Zentralisierungs  methoden mit schlechter Geschäftsleitung verursachten im Jahre 1922 Bankerotte. Während der letzten Jahre kamen in den Ozeanstaaten einige unabhängige Genossenschaften auf. Dieser Kern läßt auf eine gesunde Entwicklung hoffen. Gewisse Rassegruppen nehmen an der Ausdehnung der Genoffen  schaften in den Bereinigten Staaten regen Anteil. Eine Gruppe, deren Tüchtigkeit und Treue hervorragt, ist die der Finnen. Ihre Genossen  schaften in New-England und den Nordstaaten haben Erfolg. Andere Rassegruppen, die zum Genossenschaftsbau dieses Landes beitragen, sind Engländer, Schotten, Deutsche, Skandinavier, Juden, Italiener, Böhmen, Polen, Slowaken und Balkanvölker. Biele Genossenschaften sind ausschließlich oder größtenteils von diesen verschiedenen Gruppen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 30 James Peter Warbaffe. gebildet. Die meisten gemeinnützigen Genossenschaftsunternehmungen in den Vereinigten Staaten sind Detailgeschäfte. Es sind etwa 3000 mit einer Gesamtmitgliederzahl von ungefähr 750000, mit einem Gesamtumsatz von jährlich 100000000 Dollar. Sie haben viele Schwierigkeiten. Es ist möglich, daß die größere Entwicklung der Ge  nossenschaft in diesem Land auf anderen Gebieten vor sich gehen muß. Genossenschaftsbäckereien sind besonders durch die Juden in Schwung gekommen, obwohl auch viele nichtjüdische Genossenschaften Bäckereien haben. Es gibt eine Bäckereigenossenschaft in New Jork, zwei in New Jersey und eine in Michigan — jede mit mehr als 1000 Mitgliedern. Die Bäckereien sind sehr erfolgreich. Der Hausbau durch genossenschaftliche Gesellschaften hat sich in jüngster Zeit eingebürgert, immer mit befriedigenden Resultaten. Das ist ein Gebiet, auf dem die Genossenschaft dringend nötig ist und auf dem sie dem Volke dieses Landes am wirksamsten dienen könnte. Der Milchvertrieb hat sich vor kurzem wirksam entwickelt. Einige Genossenschaften in Massachusetts schlossen mit den Farmern Liefe  rungsverträge; sie sammeln die Milch, verarbeiten sie in eigenen Molkereien, füllen sie in Flaschen und geben sie ab. Eine der größten und erfolgreichsten Genossenschaftsunternehmungen in den Bereinigten Staaten ist die „Franklin Oo-opsrativs Orsamsr^ ^SMLiatioo", 1920 gebildet. Sie hat über 2000 Mitglieder. Sie verteilt Milch und ver  fertigt Butter und Gefrorenes. Sie hat 142 Wagen und 286 An  gestellte und hat einen Jahresumsatz von 3000000 Dollar. Sie wächst beständig und liefert nach Mineapolis City bereits mehr als die Hälfte der dort gebrauchten Milch, verbessert den Nährwert und die Rein  heit der Milch, verbilligt den Verbraucherpreis und erhöht den Preis, den sie den Farmern bezahlt. Die Berichte des Gesundheitskommissars von Minneapolis zeigen zum Beispiel einen Rückgang der Sterblich  keitsziffer als Ergebnis der Milchkontrolle durch die „Franklin ^.880riation". In Minneapolis sind diejenigen neubelebt, die ohne die Milchkontrolle des genossenschaftlichen Eigenbetriebs tot sein würden. Die genossenschaftlichen Kreditund Bankgesellschaften machen Fortschritte. Massachusetts und Rew Dork haben ungefähr 150 solche Genossenschaften. Zehn andere Staaten haben Genossenschaftsbank  gesetze. Einige der großen Arbeiter-Unionen haben in dieser Hinsicht stark fördernd gewirkt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 Die Genossenschaftsbcwegung in den Vereinigten Staaten von Amerika. 31 Unter den Farmern in den Mittel-West-Staaten gibt es mehr als 300 genossenschaftliche Telephon-Gesellschaften. Einige davon exi  stierten schon vor über 30 Jahren. Die Farmer selbst stellten Pole und Drähte und verlegten oft die Zentrale in ein Farmerhaus, wo sie durch Frau oder Tochter bedient wurde. Unter den Genossenschaftsrestaurants ist „Our Oaketeria" ein be  merkenswerter Erfolg. Es hat drei Restaurants in New Dork City und zahlt 9o/o Rückvergütung. Andere Formen der Genossenschaft in den Bereinigten Staaten sind: Lebensund Feuerversicherungen, wandernde Gemäldeausstel  lungen, Waschhäuser, Pensionshäuser, Hotels, Erholungsklubs, Schulen und Arbeitsvermittlungen. Die Vereinigten Staaten haben keine nationale Großeinkauf  gesellschaft. Es gibt einige genossenschaftliche Bezirksvereinigungen zum Zweck des Großhandels. Die „Oo-opsrativs der Nord  staaten unterhält die Schule für die Pflege genossenschaftlicher Arbeit. Dieses Erziehungswerk wird durch finnische Genossenschafter angeregt und gefördert. In den europäischen Ländern haben die Katholiken ihre eigenen Genossenschaften, von denen der Sozialisten und Protestanten getrennt; aber in den Vereinigten Staaten ersteht keine Trennung. Die Katho  liken sind mit den anderen Klassen in Genossenschaften vereinigt. Sollte Amerika fähig sein, der Welt die ersten Zeichen einer nationalen Bewegung zu geben, alle Elemente einigend, ohne weltanschauliche oder politische Zerklüftung? Der Mangel an einer nationalen genossenschaftlichen Organisa  tion verursachte alle Unzulänglichkeiten in diesem Land. Um diesem Übel zu begegnen, wurde 1915 die „Oo-opsrativs I^sa§ue" gegründet und 1916 in Betrieb gesetzt mit dem Hauptlager in New York City. Diese Organisation sammelt alle möglichen Nachrichten bezüglich der Genossenschaft in den Vereinigten Staaten; sie beobachtet Fehlschläge und Erfolge, veröffentlicht Berichte, gibt Ratschläge, normiert Me  thoden, schafft gewisse Regeln der genossenschaftlichen Tätigkeit, be  reitet Genossenschaftsstatuten vor, entwirft Gesetzesvorlagen, um sie in gesetzgebenden Körperschaften einzubringen, unterstützt eine gün  stige Gesetzgebung, sendet Berater zu den Genossenschaften, veranstaltet Aufklärungsvorträge, bereitet Lehrkurse vor, unterhält eine Schule, veröffentlicht Bücher, Flugschriften und Zeitungen; sie unterstützt die OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 32 James Peter Warbaffe. praktische Genossenschaft in jeder möglichen Art. Die „l^axus" ist ein Bund genossenschaftlicher Gesellschaften, geleitet durch die organi  sierten Mitgliederschaften. Gerade das Beste und Zuverlässigste einer Genossenschaft sind ihre Mitglieder. „vistrilct-I^eaKusL" oder Unions werden auch unter ihrer Leitung gebildet. Durch die „HaZus" ist die Bewegung in den Vereinigten Staaten mit dem Internationalen Ge  nossenschaftsbund verbunden. Der erste nationale Genossenschaftskon  greß wurde unter der Leitung der „6o-opsrativs 1918 in Springfield (Illinois) abgehalten, der zweite Kongreß war in Cin  cinnati (Ohio) 1920, und der dritte Kongreß in Chicago 1923. Die grundlegende Erziehungsarbeit, welche die leistet, ist dringend nötig. Die Zeit der Propaganda ist vorüber. Was nottut ist planmäßige Schulung und praktische Führung, gestützt auf die maß  gebenden Grundsätze der Genossenschaft. Diese Bewegung hat sich so wirksam eingelebt, daß der Erfolg und Mißerfolg vorhergesehen und beeinflußt werden kann. Die Genossenschaft in den Bereinigten Staaten wird einen schwie  rigen Weg haben, da das Profitgeschäft herrscht. Aber grundlegende ökonomische Wandlungen sind im Anzug. Die Rettung des Volkes muß durch eine von zwei Methoden vor sich gehen: durch Leiden, vielleicht verbunden mit blutiger Revolution, oder durch Erziehung. Welche das Volk dieses Landes auf dem Wege seiner Befreiung gebrauchen wird, bleibt abzuwarten. Wenn es den Weg der Erziehung und der Evolution gehen würde, würde die Genossenschaftsbewegung führen können. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 Der Internationale Genofsenschastsbund. Von V. Totomianz, Prag. Schriften 150 V. 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 40 V. Totomianz. nur aus Genossenschaften, nicht aus Einzelpersonen bestehen. Nur aus solchen Ländern, wo das Genossenschaftswesen nicht entwickelt war, erlaubte man, einzelne Personen als Mitglieder aufzunehmen. Da  gegen sprach sich aufs entschiedenste G. Holyoake aus, der, nicht ohne Grund, behauptete, daß ein solcher Beschluß manchem hervorragenden Reformator, der kein Mandat hatte, die letzte Möglichkeit nähme, im Bunde mittätig zu sein, wogegen ein etwaiger ungebildeter Ver  treter eines Konsumvereins, durch diesen Verein gewählt und mit einem Mandat versehen, dieses Recht besaß. Um diese Erwiderung Holyoakes zu verstehen, muß man sich erinnern, daß Holhoake und Greening in Opposition zu den Häuptern derjenigen Konsumvereine standen, die das System der co-xartnersbix nicht einführten. Auf diesem Kongresse siegten die Führer der Konsumverein«, und dies bewog dann einige Berwaltungsmitglieder, Gönner der oo-partnerskip, auszutrcten; statt ihrer wurden Heinrich Kaufmann, Sekretär des Zentralverbandes der Konsumvereine Deutschlands, S. Högsbro, Führer der dänischen Genossenschaften, V. Servy, Vertreter der so  zialistischen Konsumvereine Belgiens, und C. Helles, Vertreter der sozialistischen Konsumvereine Frankreichs, gewählt. Was die Finanzseite anbelangt, gewann der Bund infolge der Mitgliedschaft der Konsumvereine; doch führte dies zum Erweitern des Bruches im Internationalen Genossenschaftsbund und zur Ver  minderung der Zahl seiner Mitglieder. Dies geschah auf dem Budapester Kongresse des Internationalen Genossenschaftsbundes im September 1909, der sehr zahlreich besucht war. Der Reichsbund der landwirt  schaftlichen Genossenschaften, der Raiffeisenbund und der Zentral  verband der Konsumvereine Deutschlands sandten zum erstenmal ihre Delegierten zu diesem Kongresse. Außer den zahlreichen ungarischen, englischen, österreichischen und französischen Delegierten kamen zum erstenmal die — weder vor, noch nach dem Budapester Kongresse anwesenden — Vertreter der Balkanstaaten. Gut vertreten waren auch Dänemark, Italien, die Schweiz und Rußland. Bevor wir zu den Referaten und den Erörterungen des Budapester Kongresses übergehen, wollen wir einige statistische Daten über den Bestand der Mitglieder des Internationalen Genossenschaftsbundes zur Zeit des Budapester Kongresses anführen. Der Internationale Genossenschaftsbund zählte 547 Mitglieder aus 24 Staaten; davon 342 Konsumvereine, 58 Produktivgenossenschaften, 28 landwirtschaftliche OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 Der Internationale Genossenschaftsbund. 41 Genossenschaften, 12 Kreditgenossenschaften, 21 verschiedenartige Ge  nossenschaften, 65 Genofsenschaftsbünde, 6 Großeinkaufsgesellschaften der Konsumvereine und 15 individuelle Mitglieder. Aus dieser Sta  tistik ersehen wir die Übermacht der Konsumvereine und ihrer Verbände und die verminderte Zahl individueller Mitglieder, Gönner des eo-partnsrgkip-Shstems. Die größte Aufmerksamkeit widmete der Budapester Kongreß dem Referat des Vertreters des Bundes des Verbandes schweizerischer Konsumvereine Dr. Hans Müller über die Tätigkeit der Konsumvereine auf dem Lande. Der Referent begnügte sich nicht mit der sachlichen Auslegung, sondern betonte in seiner glänzenden Rede die soziale Be  deutung der Konsumverein«, die berufen seien, die kapitalistische Art der Verteilung und der Prodlcktion zu ersetzen. Die Rede rief keine Erwiderung von feiten der ungarischen Genossenschafter hervor, die meistens Gutsbesitzer waren, und auch nicht von feiten des Vaters des ungarischen Genossenschaftswesens, des Grafen A. Karolhi, der in seiner Rede bei der Eröffnung des Kongresses das Genossenschafts  wesen als ein Mittelding zwischen dem Kapitalismus und dem So  zialismus bezeichnet hatte. Die deutschen Genossenschafter jedoch — Hans Crüger und Karl Wrabetz voran — stimmten nicht mit dem Redner überein; sie meinten, seine Theorie sei der genossenschaftliche Sozialismus, und daher wohne ihr das Bestreben, die Konsumvereine in eine Waffe des Kampfes umzugestalten, inne. Die Mehrzahl der An  wesenden auf dem Kongresse fanden die Ideen Dr. Hans Müllers nicht so gefährlich, und dies gab bedauerlicherweise Anlaß zum Austreten aus dem Internationalen Bunde nicht nur der Verbände Crügers und Wrabetzs, sondern auch anderer deutschen Verbände, nämlich der land  wirtschaftlichen und der Kreditgenossenschaftsverbände. Alle Mühe des Vorsitzenden, Henry Wolff, die Unzufriedenen im Internationalen Genossenschaftsbunde zu erhalten, war vergeblich, um so mehr, da er von feiten der anderen angesehenen Verwaltungsmitglieder nicht unter  stützt wurde. Die wichtigste Ursache des Austretens der deutschen Groß  bünde aus dem Internationalen Genossenschaftsbunde war haupt  sächlich deren innere Zerspaltung infolge des Ausscheidens der Kon  sumvereine und deren Vereinigung in einen besonderen Bund und wegen mangelhafter Einhaltung der politischen Neutralität. Nun, da sich die Beziehungen zwischen den Verbänden im Innern Deutschlands dermaßen gebessert haben, daß sie Ende 1921 einen vereinigten Ausschuß OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 42 V. Totomianz. gebildet haben, in dem sich die vormaligen Gegner, H. Kaufmann und H. Crüger, freundschaftlich begegnen, liegen keine Hindernisse vor, die dem Bunde Crügers im Wege ständen, wieder in den Internationalen Bund einzutreten. Das Referat des Vertreters der französischen landwirtschaftlichen Genossenschaften, des Grafen Rocquignh, in welchem er die Hilfe des Staates zur Entwicklung des Genossenschaftswesens für notwendig er  achtete, fand keinen Anklang inmitten der zahlreichen Vertreter der Konsumvereine. Dieser Vorschlag gab auch Anlaß, daß aus dem Inter  nationalen Genossenschaftsbund die landwirtschaftlichen Genossen  schaften Österreichs und Deutschlands austraten, die dann drei Jahre später, zusammen mit dem französischen, einen besonderen Inter  nationalen Bund der landwirtschaftlichen und Kreditgenossenschaften gebildet haben. Dieser Bund beendete seine Existenz infolge des Krieges. Nach dem Kriege hat sich ein anderer Internationaler Ge  nossenschastsbund gebildet; doch ist dieser katholisch, und deshalb finden die protestantischen oder gemischten Verbände Deutschlands in ihm keinen Platz, während sie sich sehr gut dem Internationalen Ge  nossenschaftsbunde einverleiben könnten, von dem wir berichten. Aus dem Vorhergehenden können wir den Schluß ziehen, daß, obgleich die wachsende Zahl der Vertreter der Konsumvereine und be  sonders der Sozialisten den Internationalen Genossenschaftsbund in materieller Hinsicht gestärkt hatte, sie die gemäßigten Genossenschafter erschreckte, und ihr Austreten aus dem Bunde war die Ursache, daß die Vertreter der Konsumvereine noch mehr Übermacht gewannen. Der Präsident des Bundes, Wolff, der mit der größten Unparteilichkeit Sozialisten wie Nichtsozialistcn in den Bund heranzog, hatte keine so traurigen Folgen erwartet, und als auf dem nächsten Internatio  nalen Kongresse in Cremona das Ausscheiden nicht aufhörte, verzichtete Wolff — der der ganz richtigen Meinung war, daß der Internationale Genossenschaftsbund alle Formen der Genossenschaften vereinigen sollte — auf das Präsidium. Es kostete dem Präsidenten des in Cremona 1907 eröffneten Inter  nationalen Genossenschaftskongresses, L. Luzzatti, ungeachtet seiner Rednergabe und Gewandtheit, ungemein viel Mühe, den Kongreß in den Grenzen der Parteilosigkeit und des friedlichen Debattierens zu er  halten. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 Der Internationale Genossenschaftsbund. 43 Die interessantesten Reden — außer der Eröffnungsrede von Luzzatti, der das Genossenschaftswesen verschiedener Staaten als Teile der Genossenschaftsharmonie der ganzen Welt schilderte — waren die Vorträge von S. Högsbro über die Organisation des dänischen landwirt  schaftlichen Genossenschaftswesens und der Bortrag der Frau TrenbCornaz über die Tätigkeit der Frau in den Konsumvereinen. Außer  dem fesselte die Aufmerksamkeit der Mitglieder des Kongresses der Bor  trag des Führers des schottischen Genossenschaftswesens, W. Max  well, über die Bedeutung der Großeinkaufsgesellschaften der KonsumVereine. Auf diesem Kongresse wählte man an Stelle von H. Wolfs, der abgesagt hatte, als Präsidenten W. Maxwell, der in Groß  britannien eine große Autorität besaß, der aber leider keine Fremd  sprache kannte. Dieser Mangel war jedoch dadurch wieder gutgcmacht, daß der Gönner der „eo-partnsrsbip" und liberale Abgeordnete A. Williams als Vizepräsident gewählt wurde; er kannte die Sprachen und hatte dem Bund große Dienste erwiesen, die jedoch leider durch sein Austreten während des Krieges unterbrochen wurden. Außerdem erwarb der Internationale Genossenschaftsbund in der Person seines neuen Sekretärs, Dr. Hans Müller, eine tüchtige Arbeitskraft. Es ist sehr zu bedauern, daß Di-. Hans Müller auf diesem Posten nur einige Jahre verblieb; aber sogar während dieser kurzen Zeit — dank seiner hervorragenden Tätigkeit und seiner großen Kenntnisse — wurde das Internationale Genossenschaftsbulletin in drei Sprachen — der englischen, deutschen und französischen — herausgegeben, sowie auch zwei Jahrbücher, das erste im Jahre 1910, das zweite 1911. Im ersten Jahrbuch erschien unter anderem Müllers ausführliche Geschichte des Internationalen Genossenschaftsverbandes bis zum Kongresse in Cre  mona; im zweiten Jahrbuch offenbarte er sozusagen den Engländern die Bedeutung W. Kings als ersten Theoretikers des Genossenschafts  wesens. Der folgende Kongreß, der in Hamburg im September 1910 statt  fand, war von Hans Müller organisiert, mit Hilfe von H. Kaufmann, Generalsekretär des Zentralverbandes deutscher Konsumvereine; dieser Kongreß war sehr zahlreich besucht und sehr reich an verschieden artigen Referaten. Nicht nur die Fragen der Konsumvereine, sondern auch diejenigen, die das Bauwesen, das landwirtschaftliche und Hand  werker-Genossenschaftswesen betrafen, wurden in vollem Umfange beOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 44 V. Totomianz. sprachen. Die treuen Freunde des Internationalen Genossenschafts  bundes, Vertreter des dänischen landwirtschaftlichen Genossenschafts  wesens, gaben ein lebhaftes Bild der außerordentlichen Entwicklung der landwirtschaftlichen Genossenschaft in Dänemark. Das Referat A. Nielsons über das dänische landwirtschaftliche Genossenschaftswesen war durch das Referat A. Andersons über das landwirtschaftliche Genossenschaftswesen in Irland vervollständigt. Professor H. Albrecht referierte über die deutschen Genossen  schaften, und über die englischen Henry Vivian, wobei die neue Frage der städtischen Gärten berührt wurde. Aber die größten Auseinandersetzungen rief das Referat des Dr. Hans Müller über Gegenwart und Zukunft der Genossenschastsbewe  gung hervor. Der Referent betonte unter anderem die Bedeutung der Ethik in dem Genossenschaftswesen; er lenkte die Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit der politischen Neutralität und auf die Unzulässig  keit des Klassenstandpunktes in dem Genossenschaftswesen. An den Erörterungen beteiligten sich der bekannte Soziologe Professor vr. F. Tönnies, ein tiefer Theoretiker des deutschen Konsumvereinswesens, Professor Or. F. Staudinger, der Redakteur H. Peus, H. Fleißner und der Verfasser dieses Artikels. H. Peus und H. Fleißner kritisierten vom Marxistischen, also Klassenstandpunkte aus den Vortrag Hans Müllers. Professor Staudinger und besonders der Verfasser dieses Artikels unterstützten und entwickelten den Gesichtspunkt Müllers. Auf dem Hamburger Kongresse wurden die neuen Statuten des Internationalen Genossenschaftsbundes gebilligt, in denen der Absatz über die politische und religiöse Neutralität des Bundes unberührt ge  lassen wurde; aber zwei große Änderungen wurden eingeführt: erstens war aus den Statuten die Verbreitung der Gewinnbeteiligung ge  strichen, und zweitens waren die Rechte der individuellen Mitglieder beschränkt. In Hamburg gestattete man, einzelne Personen als Ehren  mitglieder des Bundes aufzunehmen, im Falle sie dem Genossenschafts  wesen große Dienste erwiesen hatten; aber das aktive Stimmrecht wurde ihnen genommen. Der nächste Kongreß des Internationalen Genossenschaftsbundes versammelte sich im August 1913 in Glasgow. Die Hauptvorträge waren: das Referat H. Kaufmanns über den direkten Güteraustausch zwischen konsumgenossenschaftlichen, landwirtschaftlichen und anderen Produktivgenossenschaften und der Bortrag A. Williams' über die An  OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 Der Internationale Genossenschaftsbund. 45 knüpfung engerer Beziehungen, sowie die gegenseitige Unterstützung der verschiedenen Gcnossenschaftsarten. Kaufmann schilderte die theoretische und faktische Lage des Warenaustausches zwischen den verschiedenen Arten der Genossenschaften in allen Ländern, und Williams betonte die Verwandtschaft verschiedener Formen der Genossenschaften und die Wichtigkeit des Systems der eo-partnersvip, ungeachtet dessen, daß dieses System aus den neuen Statuten des Bundes ausgeschlossen war. Der Verfasser dieser Zeilen unterstützte Williams, indem er verschiedene Länder als Beispiel anführte, besonders Rußland, wo verschiedene Formen der Genossenschaften gut miteinander auskommen, sogar ge  meinschaftliche Kongresse veranstalten. Außerdem hielt Herr Dr. O. Schär einen Vortrag über die Ent  wicklung der genossenschaftlichen Presse, und aus seinem Referat er  hellte, daß die Genossenschastspresse nur in Großbritannien und in der Schweiz entwickelt ist. Zu diesen Ländern sollte Schär noch Rußland hinzufügen ; doch hatte er über Rußland keine präzisen Daten. Der letzte Kongreß des Internationalen Genossenschaftsbundes fand in Basel im August 1921 statt und wurde von zwei internationalen Erscheinungen begleitet: der internationalen Genossenschaftsschule und dem internationalen Kongreß der Frauengenossenschafter. Der Haupt  fragen des Kongresses waren : die Frage des internationalen Friedens, wobei CH. Gide als Referent auftrat, und die Frage der wünschens  werten Wirtschaftspolitik, über die zwei Referenten sprachen: Albert Thomas und A. Oerac. Was die zweite Frage betrifft, verhielt sich der Kongreß zu dem Protektionismus, der jetzt praktiziert wird, ab  lehnend. Außerdem hielt Kaufmann einen Vortrag über die Bezie  hungen zwischen dem Bunde und der geplanten internationalen Groß  einkaufsgesellschaft. Bedauernswert ist aber, daß es auf dem Baseler Kongresse weder gelungen ist, eine internationale Genossenschaftsbank noch eine inter  nationale Großeinkaufsgesellschast zu gründen. Die englischen Dele  gierten fanden, all dies wäre vorzeitig. Große Sensation erregte die Zulassung der russischen Bolschevikengenossenschafter zum Kongresse. Der Kongreß ordnete noch Wahlen der Ehrenmitglieder des Inter  nationalen Genossenschaftsbundes an. Wir wollen einige von den Per  sonen, die zu Ehrenmitgliedern gewählt wurden, nennen: W. Maxwell, H. Wolff, O. Greening, A. Williams, E. de Boyve, L. Luzzatti, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 46 V. Totomianz, Der Internationale Genoffenschaftsbund. S. Jörgensen, O. Dehli, Professor Dr. I. F. Schär und Professor V. Totomianz. Auf dem Kongresse des Internationalen Genossenschastsbundes in Basel wurde als Präsident, anstatt W. Maxwell, der wegen seines Alters abgesagt hatte, der Holländer G. I. Goedhart gewählt. Als Sekretär funktionierte weiter der in Glasgow gewählte Engländer Henry May. Noch nie hatte der Internationale Genossenschaftsbund eine so große Mitgliederzahl herangezogen; er vereinigt jetzt 25 Millionen Ge  nossenschafter. Dessenungeachtet kann seine finanzielle Lage nicht für glänzend gelten. Wenn Mittel dazu vorhanden wären, könnte die Her  ausgabe des Internationalen Bulletins erweitert werden; es könnten auch Jahrbücher, Statistik, Genossenschaftsbücher herausgegeben, ein großer Verlag errichtet werden, eine permanente Ausstellung der Ge  nossenschaftsprodukte könnte stattfinden ; statt eines Sekretärs, der nicht viele Sprachen kennt, könnten 3 — 4 für die anglo-sächsischen, deutschen, lateinischen und slawischen Länder angestellt werden. Endlich könnte eine Internationale Genossenschaftsbank und eine Internationale Groß  einkaufsgesellschaft gegründet werden. Dies ist nicht schwer zu tun; das Beispiel Dänemarks, Norwegens, Schwedens und Finlands, die in Kopenhagen die Skandinavische Großeinkaufsgesellschaft gegründet haben, zeigt es uns ganz klar. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 Schlußwort. Von R. Wilbrandt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52 Zwischen der 1911 von mir gegebenen Anregung, die bis dahin vernachlässigten Konsumgenossenschaften zu untersuchen, und dem nun erfolgenden Abschluß dieser Untersuchungen liegen 13 Jahre. Zwischen Aufstellung und Durchführung des Programms liegen Krieg, Revo  lution, Inflation, Verarmung, Abwendung des Vereinsinteresses zu anderen Problemen: zu denen des Tages. Wie das Herausgebervorwort zu der 1915 erschienenen ersten Publikation, der Schrift von Th. O. Cassau „Über die Konsumvereins  bewegung in Großbritannien" zeigt, sind die Untersuchungen in großem Stil begonnen worden. Mein Antrag hatte die Konsumvereine als Eckstein der Sozialpolitik bezeichnet. Nach Befragung von Sach  verständigen und Vorbereitung durch den dafür eingesetzten Unter  ausschuß war ein Arbeitsplan aufgestellt worden, der 1. die Darstellung der Konsumentenorganisation in den einzelnen Ländern, 2. eine Reihe von Monographien (bedeutende Einzelvereine, Gesetzgebung, Probleme der Bewegung) und 3. eine systematische Zusammenfassung der Er  gebnisse vorsah. Eine Reihe von Gesichtspunkten sollte das Interesse der Bearbeiter auf die für die Untersuchung maßgebende Auswahl des Wesentlichen lenken. Von alledem ist wenig verwirklicht worden. Der Krieg schnitt alle Verbindungen ab. Er ließ das Thema gleichgültig werden. Die Revolution setzte ganz andere Fragen auf die Tagesordnung. Die Vereinsfinanzen ließen nur noch in stets bescheidenerem Maße zu, was ohne Rücksicht auf Kosten hatte geplant werden können. Ausländische Mitarbeiter mußten während der Inflation auf Honorar verzichten. Ihrer Hingabe an die Sache ist es zu danken, wenn die Lücken nicht noch größer geworden sind, mit denen wir uns abfinden müssen. Eine Reihe von wichtigen Ländern ist ausgefallen. Der Krieg hat Gefühlsgegensätze entstehen lassen, die sich nicht überbrücken ließen. Die Beschränkung auf das Notwendigste hat den Verzicht zu einem noch allgemeineren gemacht. Schrist-N 150 V. 4 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/978-3-428-57462-9 | Generated on 2023-01-16 13:28:52