Hilfe, Handel und Entwicklung
Abstract
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Full text
Streeten, Paul Article Hilfe, Handel und Entwicklung Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Streeten, Paul (1964) : Hilfe, Handel und Entwicklung, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 84, Iss. 6, pp. 675-690, https://doi.org/10.3790/schm.84.6.675 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291064 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Hilfe, Handel und Entwicklung Von Paul Streeten, Oxford* Die politischen Spannungen der Gegenwart verlaufen wie die vier Himmelsrichtungen: Ost-West und Nord-Süd. Groß sind die Probleme, mit denen sie uns konfrontieren. An erster Stelle steht sicher die Aufgabe, den Atomkrieg zu verhindern. Aber kaum weniger dringend ist die Notwendigkeit, eine Erweiterung der Kluft zwischen den reichen und armen Nationen in den nächsten Jahrzehnten zu verhindern. Denn es ist unerträglich unid gefährlich^ daß zwei Drittel der Weltbevölkerung in einem Zustand erbärmlicher Armut leben müssen, während sich der Rest über Probleme des Überflusses und der Überschiußproduktion den Kopf zerbricht. Im „(Entwicklunigsjahrzehnt" der Vereinten Nationen wird das bescheidene Ziel angestrebt, in den armen Ländern die Rate des jährlichen Wirtschaftswachstums bis 1970 so zu erhöhen, daß dort gegen Ende des Jahrhunderts der Lebensstandard doppelt so hoch ist wie gegenwärtig. Eine Erhöhung der jährlichen Wadistumsraten von gegenwärtig 3,5 % auf 5 ®/o bis zum Jahre 1970 würde in diesen Ländern bei einer jährlichen Bevölkerungszunahme von 2 bis 3 °/o eine Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens von derzeit 25 £ auf 50 £ nach 35 Jahren ermöglichen. Handel und Hilfe können dazu beitragen, dieses Ziel im Rahmen internationaler Kooperation zu erreichen. Hilfe Leider wird zur Zeit eine sachliche Diskussion über die Chancen der Entwicklungshilfe schon durch außerordentlich verwirrende Berechnungsmethoden sehr erschwert. Geschenke und Anleihen der verschiedensten Art werden zusammengezählt; die Summe dieser Mischung wird auf das Volkseinkommen bezogen, und das Ergebnis dieser willkürlichen Berechnung dient dann dazu, die Beiträge der verschiedenen entwickelten Länder miteinander zu vergleichen. Häufig wird in diesem Zusammenhang die Forderung aufgestellt, jene * Die Übersetzung aus dem Englischen besorgte Hans H. Lechner, Berlin. 43• OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.84.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:34:46
676 Paul Streeten Beiträge von gegenwärtig 0,7 °/o auf 1 °/o des jeweiligen Volkseinkommens zu erhöhen1. Dieses gegenwärtig zu beobachtende Durcheinander bei der Berechnung des jeweiligen Umfangs der Entwicklungshilfe: die wahllose Addierung von Krediten in weicher und in harter Währung, von kurzfristigen und langfristigen, gebundenen und ungebundenen Anleihen zu kommerziellem und subventioniertem Zins und von freien Geschenken, wobei dann noch nicht einmal die Berechnungsmethoden der einzelnen Länder die gleichen sind, verschleiert den tatsächlichen Umfang der geleisteten Entwicklungshilfe. Um ihn richtig zu ermitteln, müßte vom jeweiligen Wert aller Arten von Entwicklungshilfe der diskontierte Gegenwartswert der Tilgungen abgezogen werden, wobei der Zinsfuß zur Diskontierung benutzt werden soll, der die alternativen Verwendungen der langfristigen öffentlichen Anleihen anzeigt2. Auf diese Weise würden alle Arten der Entwicklungshilfe auf ihren tatsächlichen Wert als reines Geschenk (oder Subvention) zurückgeführt. Je länger beispielsweise eine Anleihe läuft, je niedriger sie zu verzinsen und je später sie zu tilgen ist, um so größer wäre in einer solchen Anleihe bei dieser Berechnung das Hilfselement. Es ist natürlich nicht leicht, den für diese Berechnung richtigen Zinsfuß herauszufinden. Ist es der einheimische landesübliche Zins, der Marktzins für Auslandsanleihen, oder ist es der Zins, den private Investoren verlangen würden, wenn sie im Ausland investierten? Je nachdem wären unterschiedliche Zinssätze zugrunde zu legen* wobei deren Höhe von 5 bis 10 variieren kann. In Anbetracht der Unvollkommenheit des internationalen Kapitalmarktes werden die Opfer des Gebers und der Nutzen des Empfängers unterschiedlich groß sein. Audi aus diesem Grund sind, je nachdem, ob das Opfer des Gebers oder der Nutzen des Empfängers ermittelt werden soll, unterschiedliche Zinssätze einer solchen Berechnung zugrunde zu legen. Eine derartige Neuberechnung des Umfangs der Entwicklungshilfe, welche die eigentliche Hilfe sichtbar macht, würde die bisher angegebenen Zahlen beträchtlich reduzieren. Allerdings würden die einzelnen Länder unterschiedlich davon betroffen werden. 1962 beispielsweise kämen die Vereinigten Staaten vom dritten Platz auf den zweiten, Deutschland würde vom fünften Platz (nach Portugal, Frankreich, USA, Großbritannien) auf den dritten Platz (nach Frankreich und den USA) vorrücken, während Großbritannien von der 1 Während des Marshallplans gaben die USA Auslandshilfe in Höhe von 2 %> ihres Volkseinkommens. 2 Vgl. John A. Pincus: The Cost of Foreign Aid. In: The Review of Economics and Statistics (1963). S. 361. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.84.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:34:46
Hilfe, Handel und Entwicklung 677 vierten Stelle auf die fünfte käme (Portugal rutscht vom ersten auf den achten Platz). Dabei würde sich ferner ergeben, daß die Bundesrepublik nicht 0,59 °/o des Bruttosozialprodukts gegeben hat, sondern beträchtlich weniger, nämlich 0,27%; im Durchschnitt aller OECDLänder würde dieser Anteil von 0,82 °/o auf 0,52 °/o sinken. Wir übertreiben alle nicht nur, wir übertreiben auch no-ch in unterschiedlichem Umfang. Die Ergebnisse dieser eigentlich doch recht geringen Hilfe haben den Erwartungen nicht entsprochen. In vielen Empfängerländern sind die empfangenen Mittel verschwendet o/der zur Finanzierung von Kriegen umd feindlichen Handlungen gegenüber dem Geber der Hilfe oder seinen Alliierten verwendet worden. Die politische Reaktion in den 'Geberländern war andererseits nicht weniger falsch. Die richtige Antwort auf Liederlichkeit, Verschwendung und Feindseligkeit ist nicht die Verringerung der Hilfe oder ihre Bindung an politische Auflagen (wie das der amerikanische Kongreß getan hat). Vielmehr ist in solchen Fällen die Entwicklung einer integrierten Strategie am Platze, in der die Hilfe mit anderen Maßnahmen zur Sicherung des gewünschten Erfolges der Entwicklungshilfe kombiniert wird. Eine derartige Strategie hätte folgendes zu beachten: 1. Entwicklungshilfe muß auf der Grundlage eines vernünftigen internationalen Handelsund Zahlungssystems gewährt werden. Hilfe, die gegen ein solches System ankämpfen muß, wird wahrscheinlich nutzlos verpuffen, zu Verschwendung führen und Friktionen verursachen. 2. Hilfe darf nicht zu großer und wachsender Verschuldung führen. Die gegenwärtige Entwicklung, daß die Entwicklungsländer hohe und steigende Anteile ihrer Exporterlöse zur Bedienung von Schulden verwenden müssen, ist gefährlich. Protektionistische Maßnahmen drohen viel vom Nutzen der Hilfe zunichte zu machen. 3. Hilfe darf keine Zahlungsbilanzschwierigkeiten für die Geberländer heraufbeschwören oder vergrößern. Es wird versucht, durch Bindung der Hilfe diese von den Problemen der Zahlungsbilanz zu lösen, und es gibt Vorschläge für generelle Maßnahmen auf dem Gebiet der internationalen Liquidität, welche die Zahlungsbilanzprobleme von der Entwicklungshilfe trennen sollen. Maßnahmen, wie die Bindung der Entwicklungshilfe oder — in Krisenfällen — ihre Herabsetzung, vermindern aber den Wert der gegebenen Hilfe und sind möglicherweise nutzlos. Bindung wie Reduzierung haben unter Umständen einen Rückgang der freien Exporterlöse zur Folge. Mail könnte sogar argumentieren, daß Kürzungen der Auslandshilfe die Zahlungsbilanizschwierigkeiten der Geberländer nicht nur nicht verOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.84.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:34:46
678 Paul Streeten mindern, sondern im Gegenteil noch vergrößern. Aber selbst wenn diese Kürzungen die Zahlungsbilanzlage der Geberländer verbessern sollten, so verringern sie doch den Nutzen für die Empfängerländer. 4. Hilfe soll mit den Entwicklungsplänen der Empfängerländer derart verbunden werden, daß sich diese auf eine Fortsetzung der Hilfe verlassen können. Müßten sie eine Einstellung oder Kürzung der Hilfe befürchten, dann würde die Wirksamkeit der Hilfe beeinträchtigt, auch wenn sie nicht tatsächlich eingestellt wird. 5. Hilfe soll auf jene Länder konzentriert werden, die voraussichtlich den besten Gebrauch von ihr machen; sie soll mit technischer Hilfe verbunden sein. 6. An der Aufbringung der Hilfe sollen sich alle Geberländer in angemessenem Umfang beteiligen; die Empfängerländer müssen sich bewußt werden, daß sie zu gegebener Zeit ebenfalls Geberländer werden. Aus der Hilfe soll Zusammenarbeit entstehen. Insbesondere sollten Nahmngsmittelüberscbüs&e des reichen Nordens in die armen Länder gelenkt werden. Dabei darf jedoch die Fähigkeit der Empfängerländer, ihre eigene Landwirtschaft zu entwickeln, nicht beeinträchtigt werden und auch keine Störung der bereits bestehenden Versorgungsm-öglichkeiten für Nahrungsmittel eintreten. Außerdem muß die Last dieser Hilfe von den verschiedenen nahrungsmittelerzeugenden und nahrungsmittelimportierenden reichen Ländern in angemessenem Verhältnis getragen werden. Es ist richtig, daß durch diese Bedingungen die Ausführung der Programme „Nahrung für den Frieden" komplizierter wird. Auch andere Probleme entstehen, wie z. B. die Schaffung von Lagerkapazitäten oder die Frage des Ausgleichs zwischen den verschiedenen Arten der Überschußprodukte und den Lebensmittelarten, die von den schlechtund unterernährten Völkern benötigt werden und akzeptierbar sind. Aber diese Schwierigkeiten werden häufig größer dargestellt, als sie es sind. Die Aufgabe, die Nahrungsmittelüberschüsse des Nordens an die unteroder schlechternährten Völker des Südens zu verteilen, ohne all die fürchterlichen Konsequenzen heraufzubeschwören, mit denen normalerweise solche Aktionen im Geiste begleitet werden, kann die geistigen Fähigkeiten der Menschheit wohl kaum überfordern. Besonders interessant sind Pläne, welche eine Erhöhung der internationalen Liquidität mit einer Entwicklungshilfe verbinden. Diese Pläne, wie etwa jener, der kürzlich von Maxwell Stamp entworfen wurde, sollen die aus Furcht vor Zahlungsbilanzschwierigkeiten möglicherweise nicht voll ausgenutzten Produktionskräfte der reichen Länder den Entwicklungsländern nutzbar machen. Zu diesem Zweck soll eine neue Art von internationalen Zahlungsmitteln geschaffen und den Entwicklungsländern zur Verfügung gestellt werden. Diese OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.84.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:34:46
Hilfe, Handel und Entwicklung 679 können damit Importe aus allen Ländern bezahlen, die bereit sind, diese Währung entgegenzunehmen. Die geldschöpfenden Instanzen hätten dabei auf eine Reihe von verschiedenen Faktoren Rücksicht zu nehmen, beispielsweise auf die terms of trade der armen Länder oder das Niveau der Nachfrage und der Beschäftigung in den reichen Ländern. Da eine Deflation im Norden und sich verschlechternde terms of trade im Sii/den oft nebeneinander hergehen, wird es normalerweise jedoch kaum schwierig sein, den richtigen Zeitpunkt für eine derartige Geldschöpfung zu finden. Gegen Pläne dieser Art sind natürlich eine Reihe Einwände denkbar. So könnte man einwenden, daß Entwicklungshilfe nicht von Konjunktureinbriichen in reichen Ländern abhängig sein soll und daß Entwicklungshilfe nicht mit den Problemen der Leitwährungen (Pfund und Dollar) verknüpft werden soll, da die Entwicklungsländer mit den erhaltenen Beträgen nicht unbedingt amerikanische und britische Produkte kaufen. Werden aber die Beträge für Einkäufe in den Exportüberschußländern verwendet, dann bleibt das Sterlingoder Dollar-Problem weiterhin ungelöst. Aber solche Einwände zeigen nur, daß der Plan von Maxwell Stamp nicht alle Probleme löst, daß vielmehr zusätzliche Hilfe auf Grund anderer Prinzipien gegeben und die disproportionale Verteilung der internationalen Liquidität auch mit anderen Mitteln bekämpft werden muß. Die Kritik mindert nicht die Vorzüge eines Planes, der die Entwicklungshilfe mit einer Verbesserung der internationalen Liquidität verbindet, ohne die Verschuldung zu erhöhen. Eine andere viel diskutierte Frage ist die Frage der Bindung der Entwicklungshilfe. Soll die Entwicklungshilfe an die Auflage gebunden werden, nur aus bestimmten Währungsgebieten, nur von bestimmten Industrien in unterbeschäftigten Regionen zu beziehen oder nur zur Finanzierung bestimmter Projekte in den Entwicklungsländern verwendet zu werden? Vom Standpunkt der Entwicklungsländer ist die Hilfe offensichtlich dann am größten, wenn sie völlig ungebunden gegeben wird — es sei denn, daß die Auflagen das Risiko der Verschwendung verringern. Aber dies ist im allgemeinen nicht die Alternative. Die Frage lautet in Wirklichkeit normalerweise so: Wieviel weniger Entwicklungshilfe soll gegeben werden, damit die gebundene Hilfe verringert würde, bzw. wieviel mehr Hilfe lohnt es sich noch zu empfangen, wenn dafür zusätzlichen Hilfsprogrammen Bindungen auferlegt werden? Ein Vorteil der projektgebundenen Hilfe liegt scheinbar darin, daß die Chancen einer sinnvollen und wirksamen Verwendung größer werden. Aber oft trügt der Schein. Es ist zwar durchaus möglich, daß die Empfängerlärtder um Hilfe zur Finanzierung der wirklich OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.84.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:34:46
680 Paul Streeten wichtigen Projekte ersuchen. Das heißt aber nicht, daß sie ohne Entwicklungshilfe nicht durchgeführt würden. Jede Hilfe, welche an ein höchst dringliches Projekt gebunden ist, setzt in den Empfängerländern Mittel frei, die immer noch verschwendet werden können. Es ist nach alledem keine Garantie geigen Verschwendung, daß die Vergabe bestimmter Geldsummen mit bestimmten Auflagen versehen wird. Darüber hinaus hat der Fall Indien gezeigt, daß eine Projekthilfe ohne angemessene frei verfügbare Beträge dann auf Schwierigkeiten stößt, wenn bestimmte heimische Lieferungen benötigt werden, die ihrerseits aber Importe von Rohstoffen, Ersatzteilen usw. voraussetzen. Beträchtliche Summen können in ungenützten Kapazitäten und nicht verwendbaren Fonds verschwendet werden, wenn die Hilfe freier Hilfe gekauft werden können. Der Vorteil einer Bindung der Hilfe an die Währung des Geberlandes scheint darin zu liegen, daß keine Zahlungsbilanzschwierigkeiten entstehen. In Wirklichkeit ist das aber nur dann ein Vorteil, wenn die Einkäufe der Entwicklungsländer auf Grund der empfangenen Hilfe nicht etwa an die Stelle früherer Importkäufe treten und so die Exporterlöse des Geberlandes verringern. Von Nachteil ist diese gebundene Hilfe dann, wenn der Empfänger höhere Preise zahlen oder schlechtere Produkte abnehmen muß als bei freiem Einkauf. Ein Beispiel hierfür ist das britische Angebot an Indien im Jahre 1963, Entwicklungshilfe in Form von Lieferungen der unterbeschäftigten britischen Stahlindustrie zu geben, deren Preise aber um nicht weniger als 30%> über den Angeboten der Konkurrenz lagen. Schließlich wird an der Bindung der Hilfe an Bezüge aus dem Geberland kritisiert, daß sie dort die notwendige Anpassung der Produktion an die vom stärkeren internationalen Wettbewerb ausgehenden Strukturveränderungen verhindere. Dies ist in der Tat denkbar. Gegen diesen Einwand muß aber gesagt werden, daß zeitweilig unterbeschäftigte Kapazitäten und Arbeitskräfte zur Produktion von Gütern verwendet werden können, die von den Entwicklungsländern benötigt werden und diesen dann geschenkt werden können, ohne daß damit echte Opfer auf Seiten des Geberlandes verbunden sind. Handel Da die unterentwickelten Länder durch internationalen Handel sechsmal mehr an Devisen einnehmen als durch Hilfe und Kapitaleinfuhr zusammen, kann das Entwicklungsprobleim nicht gelöst werden, wenn nicht sowohl das Volumen des internationalen Handels der Entwicklungsländer erhöht als auch die terms of trade verbessert OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.84.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:34:46
Hilfe, Handel und Entwicklung 681 werden. Der beachtliche Trend in den fünfziger und sechziger Jahren in Richtung auf einen freieren und extensiveren internationalen Handel blieb weitgehend auf die reichen Nationen beschränkt. Was können wir tun, damit die armen Länder mehr durch Exporte verdienen? Wir können erstens unsere Nachfrage nach ihren Produkten erhöhen und ihr Wachstum beschleunigen. Wir können zweitens vor allem die Diskriminierungen des Exportes der Entwicklungsländer aufheben und in völligem Gegensatz zur bisherigen Praxis zu ihren Gunsten diskriminieren und sie ermutigen, zu unseren Ungunsten zu diskriminieren. Wir können drittens die Rohstoffpreise stabilisieren. Meistens wird von uns auch gefordert, unsere Landwirtschaft und unseren Bergbau nicht mehr zu schützen und besonders jene Rohstoffarten vermehrt nachzufragen, die jetzt in den entwickelten Ländern geschützt werden. Aber dies ist besonders strittig. Diese Punkte sollen im einzelnen betrachtet werden: 1. Alles was die Nachfrage der fortgeschrittenen Industrienationen nach den Produkten der Entwicklungsländer erhöht und ihr Wachstum fördert, läßt diese mehr Devisen verdienen. Herrscht in reichen Ländern Deflation und Stagnation, dann können selbstverständlich auch die armen nicht mehr verdienen. Im Einzelfall ist natürlich schwer ziu sagen, nach welchen Produkten die Nachfrage am meisten steigen wird. 2. Während wir gegenwärtig die Exporte der Entwicklungsländer auf verschiedene Weise diskriminieren, um sie zu behindern, sollten wir diese Diskriminierungen entweder aufheben odier besser, falls möglich, so ausgestalten, daß die Exporte der Entwicklungsländer gefördert werden. Gegenwärtig beträgt der Anteil der Entwicklungsländer am Welthandel nur 26%>. Eine Erhöhung dieses Anteils um nur wenige Prozent würde die Deviseneinnahmen dieser Länder schon beträchtlich verbessern. Die Diskriminierung der Exporte der unterentwickelten Länder erfolgt auf verschiedene Weise. Die wichtigste Form ist der Schutz von Agrarund Montanerzeugnissen, die bei den Exporten der unterentwickelten Länder eine große Rolle spielen. Wir werden jedoch, ganz im Gegensatz zu einer weitverbreiteten Ansicht, sehen, daß diese besondere Form der Diskriminierung für die Entwicklungsländer vorteilhaft sein kann. Ein weiteres Beispiel derartiger Diskriminierungen ist die Behinderung der Einfuhr arbeitsintensiv erzeugter Güter, wie z. B. Ba/umwolltextilien nach Großbritannien und den Vereinigten Staaten, durch restriktive Vereinbarungen mit den Produzenten in Hongkong, Pakistan und Indien. Außerdem erheben wir auf verarbeitete Nahrungsmittel und Industrieprodukte höhere Zölle als auf Rohstoffe. Auf diese Weise verringern wir den Export hochOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.84.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:34:46
682 Paul Streeten wertiger Güter a<us Entwicklungsländern und behindern daimit deren Industrialisierung. Eine Abschaffung der Diskriminierung von Baumwolltextilien und Jute würde Lancashire und Dundee in Großbritannien Schaden zufügen und auch in Deutschland begründete Interessen verletzen. Dafür lassen sich aber Industriezweige aufbauen, welche die von den Entwicklungsländern benötigten Maschinen produzieren und die infolge der vermehrten Textilund Juteimporte freigesetzten Arbeiter absorbieren. Wie aber auch Umschulung und Waederbeschäftigung im einzelnen vor sieh gehen: Die wirtschaftliche Expansion der einzelnen Industrieländer sollte so geplant werden, daß für sehr viel mehr Importe aus den armen Entwicklungsländern Platz ist. Das gilt insbesondere für Industrieprodukte, weil deren Bedeutung im weiteren Verlauf der Entwicklung und Industrialisierung für diese Entwicklungsländer größer wird. Großbritannien hat gegenüber den Entwicklungsländern stets eine viel liberalere Importpolitik betrieben als Amerika oder die kontinentaleuropäischen Staaten. Dies darf nun aber nicht, wie das gelegentlich geschieht, als Vorwand dienen, nicht noch mehr zu tun. Und die kontinentaleuropäischen Staaten sollten ernsthaft darangehen, ihre Märkte den Halbund Fertigwaren der Entwicklungsländer zu öffnen. Sprechen gewichtige Gründe für die Beibehaltung der Zölle auf Importe aus Entwicklungsländern, dann sollte wenigstens ihr Ertrag diesen Ländern teilweise oder ganz zugute kommen. So wären bestimmte Schutzoder Finanzzölle auf Güter mit preisunelastischer Nachfrage, wie beispielsweise Tee, Kaffee oder Kakao, gleichzeitig auch zur Hilfe zu benutzen. Die Aufhebung bestehender Diskriminierunigen genügt aber noch nicht. So könnte das Erziehungszollargument dergestalt erweitert werden, daß jungen, sich entwickelnden Industrien Präferenzen und jungen, sich entwickelnden Exportindustrien Subventionen gewährt werden. Produkte mit niedrigen Kosten, wie Baumwolltextilien, wären bei einer Aufhebung des Zollschutzes durchaus konkurrenzfähig mit den entsprechenden Produkten der entwickelten Industrieländer. Aber komplizierte Produkte, wie etwa Leichtmaschinen oder Radios, müßten gegenüber Importen ähnlicher Güter aus reicheren Ländern geschützt werden. In Ergänzung hierzu muß Marktforschung betrieben werden. Auch sind verschiedene Maßnahmen zur Absatzförderung nötig, selbst wenn heimische Interessen darunter zu leiden haben. Eine weitere Form der Diskriminierung zugunsten der unterentwickelten Länder — besser gesagt — zu unseren Ungunsten wäre die Anregung und Förderung der Bildung regionaler Wirtschaftsgemeinschaften von Entwicklungsländern, die unsere Industrieprodukte diskriminieren würden. Eine solche Integration würde den Aufbau und OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.84.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:34:46
Hilfe, Handel und Entwicklung 689 Stellung der Menschen zu Arbeit und Leben. Nehmen Hilfe und Handel auf diese Verbindung keine Rücksicht, wird Verschwendung die Folge sein. Die Abstimmung von Hilfe und Handel auf die erforderlichen Änderungen der Institutionen und der menschlichen Verhaltensweisen begegnet politischen Schwierigkeiten, und sich darüber klar zu werden, welcher Art diese Veränderungen sein sollten, stößt auf Hindernisse intellektueller Art. Aber wenn wir das Schwergewicht unserer Hilfe nicht von der Bereitstellung von Produktivkräften auf die Herbeiführung gesellschaftlicher Änderungen verlagern, werden Enttäuschungen nicht ausbleiben. Die Einführung von Institutionen und Verhaltensweisen, welche die Entwicklung fördern, ist genauso wichtig wie der Export von Gütern und Dienstleistungen. Sonst ist unsere Mildtätigkeit nur eine Verlegenheitslösung, mit der wir allenfalls unser Gewissen beruhigen, nicht aber den Entwicklungsländern viel helfen können. Die Verknüpfung der Hilfe mit Bedingungen, wie Einführung wirksamer Methoden der Geburtenkontrolle, Bodenreform, Änderungen in der Erziehungsstruktur oder Integration größerer Regionen, würde gewiß als Neokolonialismus und Neoimperialismus verschrien werden. Diese Vorwürfe können zum Teil vielleicht vermieden werden, indem die Entwicklungshilfe über internationale Institutionen geleitet wird. Aber auch dann noch müssen die Geberländer darauf achten, daß diese Institutionen von Menschen geleitet werden, die auf Geburtenkontrolle, Bodenreform, technischer Erziehung und regionaler Integration bestehen. Der letzte Prüfstein unserer Politik ist ihre Wirkung auf die Soizialrefonm innerhalb der Entwicklungsländer, mehr als irgendeine grob ermittelte Quote von finanzieller Entwicklungshilfe und Volkseinkommen. Obwohl die Prinzipien der wirksamen internationalen Hilfe, des technischen Beistands und der Abschaffung von Handelshemmnissen allgemein anerkannt sind, strafen viele unserer Handlungen diese Prinzipien Lügen. Wir geben Hilfe, aber wir binden sie oft an den Bezug teurer Produkte und verlangen einen gewinnbringenden Zins. Wir erklären unsere Bereitschaft, Kapital und Erfahrung zur Verfügung zu stellen, aber wir borgen von den armen Ländern Kapital, fördern die Repatriierung unseres dort angelegten Privatkapitals und die Rückkehr von Verwaltungsbeamten, deren Pensionen die Länder zahlen müssen, für die sie nicht mehr arbeiten. England öffnet scheinbar seine Märkte für Textilien, fordert aber die Produzenten in Indien und Hongkong auf, sich freiwillig Verkaufsbeschränkungen aufzuerlegen. In Deutschland dient die Entwicklungshilfe als versteckte Subvention für die heimische arbeitsintensive Industrie und für unproduktive Unternehmen, die von Schutzzöllen am Leben er44 Schmollers Jahrbuch 84,6 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.84.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:34:46
690 Paul Streeten halten wenden. In England gibt es ein Ministerium für technische Zusammenarbeit, aber für 'Entwicklungshilfe in Form von Geschenken un)d Anleihen ist es nicht zuständig, und sein Leiter ist ohne Kabinettsrang3. Wir beklagen die Hohlheit des Überflusses und versäumen es, unsere wachsende Kapazität der Produktion von Gütern zuzuwenden, die von den armen Nationen benötigt werden. Ein praktisches Aktionsprogramm muß von den Zielen des Entwicklungsjahrizehnts der Vereinten Nationen ausgehen, das eine Verdoppelung der Pro-Kopf-Einkommen der armen zwei Drittel der Menschheit zum Ende dieses Jahrhunderts vorsieht. Es hat dann sorgfältig We/ge aufzuzeigen, auf denen unterentwickelten Ländern zeitweilig die Dienste fähiger Experten, denen genug Anreiz geboten wird, zur Verfügung gestellt werden können. Dazu müssen aber die Arbeitsbedingungen in den reichen Ländern so geändert werden, daß derartige Dienste statt wie bisher bestraft, in Zukunft belohnt werden. Geschenke, Anleihen und technische Hilfe sollten unter einem Minister mit Kabinettsrang koordiniert werden. Und die langfristige Wirtschaftsplanung oder Wirtschaftslenkung der entwickelten Industrieländer, wie sie im einzelnen auch immer ausgeprägt sein mag, muß einen größeren und wachsenden Anteil des Handels mit den unterentwickelten Ländern vorsehen und in die Wirtschaftspolitik einbauen. 3 Seit Amtsantritt der Labour-Regierung im Oktober 1964 gibt es ein Ministerium, das für alle Formen von Wirtschaftshilfe verantwortlich ist. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.84.6.675 | Generated on 2023-04-04 11:34:46