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[Rezension] Wissenschaft kommunizieren

Dernbach, Beatrice

Abstract

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Dernbach, Beatrice Book Review — Published Version [Rezension] Wissenschaft kommunizieren KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Provided in Cooperation with: Springer Nature Suggested Citation: Dernbach, Beatrice (2024) : [Rezension] Wissenschaft kommunizieren, KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, ISSN 1861-891X, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Wiesbaden, Vol. 76, Iss. 2, pp. 221-224, https://doi.org/10.1007/s11577-024-00957-z This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/315435 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de LITERATURBESPRECHUNGEN https://doi.org/10.1007/s11577-024-00957-z Köln Z Soziol (2024) 76:221–224 Wissenschaft kommunizieren Beatrice Dernbach Angenommen: 5. Juni 2024 / Online publiziert: 10. Juli 2024 © The Author(s) 2024 Gwozdz, Patricia: Virale Wissenschaft. Über die Grenzen verständlicher Forschung. Weilerswist-Metternich: v. Hase & Koehler. 2023. 100 Seiten. ISBN: 978-3-77581420-1. Preis: C20,–. Patricia Gwozdz ist eine exzellente Kommunikatorin. Inhaltlich kenntnisreich, klug, inspirierend, mit vielen gedanklichen Andockmöglichkeiten und sprachlich unterhaltsam führt sie in ihre Welt der Wissenschaftskultur und Wissenschaftskommunikation. Die Privatdozentin für Romanistik an der Universität Potsdam bewegt sich sicher und zielstrebig auf der Basis philosophischer, linguistischer und sozialwissenschaftlicher Grundlagen in der interdisziplinären Sphäre der forschenden Erkenntnisproduktion und deren öffentlicher Darstellung. Zentral ist die Frage nach der Offenheit und Geschlossenheit des Systems Wissenschaft oder konkreter: Darf Wissenschaft öffentlich sein? Welchen Grad der Verständlichkeit verträgt die Wissenschaft? Und wie viel Wissenschaft verträgt die Öffentlichkeit? Die Autorin sucht in jedem Kapitel des essayistisch geschriebenen, aber wissenschaftlich-theoretisch ernstzunehmenden Beitrags nach Antworten. Sie macht es sich selbst und den Lesern nicht leicht, denn sie bezieht sich auf zahlreiche Philosophen, Erkenntnistheoretiker und Soziologen wie Francis Bacon, Vilém Flusser und Jürgen Habermas (um an dieser Stelle nur drei zu nennen); sie verlässt ihre disziplinären Grenzen, indem sie sich in ihrem Verständnis über populäre Wissenschaft auf die Naturwissenschaften oder Life Sciences fokussiert. Gwozdz verharrt nicht auf den „glückseligen Inseln der fröhlichen Wissenschaft“, sondern erklärt B. Dernbach Fakultät für Angewandte Mathematik, Physik und Allgemeinwissenschaften, Ohm – Technische Hochschule Nürnberg Keßlerplatz 12, 90489 Nürnberg, Deutschland E-Mail: [email protected] K 222 B. Dernbach ihre Ausführungen am Beispiel der COVID-19-Pandemie. Sie startet mit einer Analyse des Ursprungs von Wissenschaft, differenziert zwischen Wissen, Information und Erkenntnis. Forschung suche nach neuen Erkenntnissen; das daraus entstandene Wissen dürfe nicht in Stein gemeißelt, sondern müsse ständig hinterfragt werden, um weiteres Wissen zu generieren. Das „Tagwissen“ werde in Lehrbüchern gesichert, nach dem „Noch-Nicht-Wissen“ in der „Nachtwissenschaft“ gesucht (v.a. S. 27). Das gehe einher mit einer unglaublichen Beschleunigung der Forschung. Aber es brauche diese Störungen, denn alles andere führe zu Stagnation oder gar Rückschritt. Sehr überzeugend koppelt die Literaturund Kulturwissenschaftlerin die systemtheoretischen Vorstellungen von Niklas Luhmann, Richard Münch und Peter Weingart mit der Feldtheorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu. So kann sie sehr gut auf Aspekte wie Macht und die unterschiedlichen Formen des für (öffentliche) Wissenschaft notwendigen Kapitals zu sprechen kommen. Der an der renommierten Berliner Charité angestellte und damit persönlich gut abgesicherte Virologe Christian Drosten verfügt über ein hohes wissenschaftliches Kapital, was ihm neben Erfolg und Reputation auch Macht garantiert. Seine akademischen Mitoder gar Gegenspieler Alexander S. Kekulé und Hendrick Streeck haben mit Blick auf ihre öffentliche Repräsentanz und ihre Wahrnehmung bisweilen schmerzhafte Erfahrungen als „Anti-Helden“ durchmachen müssen. Im Hauptkapitel des Bandes (S. 52–93) denkt Patricia Gwozdz über „das Populäre“ nach. Sie unterscheidet die horizontale von der vertikalen Popularisierung: Erstere beginnt im 18. Jahrhundert mit den Übersetzungen aus der Wissenschaftssprache Latein in die Volkssprache(n), zweitere ist gekennzeichnet von dem Zugang der Kleinund Bildungsbürger in die schriftlichen Schätze der Klöster und Burgen der Gelehrten. Die Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts steht für die wesentliche Phase der demokratischen Wissenschaftspopularisierung über Schulbildung und Alphabetisierung, Ausbau der Forschungslabore an Universitäten und gleichzeitig der Etablierung der Massenpresse. Damit hat die Autorin sehr elegant die Perspektive der öffentlichen Kommunikation über Wissenschaft eingebracht, die sie auf den folgenden Seiten ausführlich reflektiert. Schon der britische Naturforscher Charles Darwin (1809–1882) hat im Stil des Popular Science Writing publiziert. Mit der Etablierung des Verständnisses des Public Understanding of Science (PUS, später PUSH mit Humanities; ab 1999) einerseits und der Ausdifferenzierung des Technikund Wissenschaftsjournalismus andererseits wurde die Forderung nach einer öffentlichen Wissenschaft immer lauter und deren Erfüllung immer selbstverständlicher. „Fakten der Wissenschaft müssten qua Analogiebildung in das tägliche Erfahrungswissen des Publikums einfließen“ (S. 59). Aber: „Die Interessen des Journalismus waren andere als diejenigen der Wissenschaft“ (S. 61). Und damit ist der Konflikt formuliert, wer die Kommunikationsregeln bestimmt: die Forschenden oder die Medienschaffenden? Nachzutragen ist, dass Patricia Gwozdz das Phänomen und den Begriff Wissenschaftspopularisierung nicht abwertet – im Gegenteil: Sie setzt sich damit sehr differenziert auseinander. Sie schließt sich dem Verständnis des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation (NaWiK) an, das populär mit verständlich gleichsetzt und unterscheidet Popularisierung von Professionalisierung. Es folgen Analysen des vielfach in seiner Komplexität reduzierten Begriffs Verständlichkeit K Wissenschaft kommunizieren 223 und des komplizierten Verhältnisses zwischen Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit(en). Die COVID-19-Pandemie ist eine besondere „Phase der öffentlichen Wissenschaft, die rund um die Uhr auf der ganzen Welt simultan digitale Datenströme zwischen virologischer Forschung, politischer Intervention und öffentlicher Prävention aussendet, auswertet, bewertet und verhandelt“. Allerdings sei das Kommunikationssystem, allen voran die traditionellen Medien, völlig „außer Kontrolle“ geraten (S. 68). Die Begründung: Medien standen in einem krassen Wettbewerb, in dem das bewegte Bild das schriftliche analoge Wort abgelöst und den Diskurs dominiert hat. Das war die Hochzeit eines „doxologischen Spektrums“, in dem sich unhinterfragte Überzeugungen etablierten, die Medien die Wissenschaft geradezu okkupierten und „Kollaborateure“ wie „alternative Autoritäten“, beispielsweise die Mediziner Wolfgang Wodarg und Sucharit Bhakdi viel Aufmerksamkeit erhielten (S. 69). Spätestens seitdem sind die „Tücken der vollkommenen Demokratisierung der Medien“ oder gar die Gefahr des „medialen Totalitarismus“ (S. 71) auf der einen und der weiteren Ökonomisierung der Wissenschaft in Form von Deals und bestmöglich „in Worten verkleideten“ Angeboten (S. 77) auf der anderen Seite offenkundig geworden. Fast Food Listening, Fast Food Watching und Science Streaming sind die neuen Buzzwords in der medialen Vermarktung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Es ist der Autorin hoch anzurechnen, dass sie weder schwarz-weiß malt noch dem normativen Idealtypus huldigt oder pauschalisiert. Sie differenziert die Radien wissenschaftlicher Kommunikation: „Im engsten Kreis befindet sich die Fachwissenschaft“, im weitesten die „gelegentlich interessierte“ und die breite Öffentlichkeit (S. 75). Für diese größten, sehr heterogenen Gruppen kann nicht jede wissenschaftliche Erkenntnis verständlich vermittelt werden. Verständlichkeit ist für Particia Gwozdz keine Kompetenz, sondern eine Konsequenz aus Kompetenzen. Und die müssen (im Bildungssystem) gefördert und erworben werden (S. 91). Der Drang zum Immer-schneller-Publizieren in der Coronapandemie, beispielsweise über schnelle wissenschaftliche Veröffentlichungen ohne Begutachtung (sogenannte Pre-Prints), haben letztlich zu einer Explosion von „Hashtag-Narrativen der Querdenkerund Verschwörungsideologen“ (S. 79) und einer „social media infodemic“ (S. 80) geführt. Im Kapitel „Ikonen der populären Wissenschaftskommunikation“ werden Christian Drostens Podcast und die YouTuberin Mai Thi Ngyuen-Kim sehr ausführlich beschrieben, was die Rezensentin aus dem elaborierten, aber spannenden Flow des Essays katapultiert hat. Es folgt auf den letzten Seiten ein Schlussplädoyer, das Balsam für die Seele eines jeden analogen Dinosauriers ist. Da ein zweiseitiges Zitat eindeutig zu lang ist, mögen wenige Zeilen trotzdem wirken: „Auch wenn das gedruckte Wort im Buch nicht das Leitmedium der Zukunft sein wird, behält es die Dauer seines Seins im Kosmos digitalisierter Daten. Scientific und Digital Literacy halten sich nur dann die Waage, wenn die Erinnerung an ältere Kulturtechniken des Lesens und Verstehens in die neuen media skills eingehen, ohne überschrieben zu werden ... Mehr Kommunikation fördert auch mehr Geschwätz. Wo geschwätzt wird, kann nicht gedacht werden. Wer denken will, zieht sich immer auch zurück, um für sich zu denken. Wer die Grenzen verständlicher Forschung austesten will, muss nicht mehr, besser, schneller, effizienter kommunizieren, sondern über die KommuK 224 B. Dernbach nikation kommunizieren“ (S. 118). Dieser und viele andere Sätze hallen nach. Und rufen nach Anschlusskommunikation. Funding Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL. Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/ licenses/by/4.0/deed.de. Hinweis des Verlags Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral. Beatrice Dernbach Prof. Dr. (Dipl.-Germanistin), lehrt und forscht an der Ohm – Technische Hochschule Nürnberg. Forschungsschwerpunkte: Nachhaltigkeitskommunikation, Wissenschaftskommunikation, Journalismusforschung (insbesondere Ausbildung und Berufsbild Journalismus). Aktuelle Publikationen: Games-Journalismus im Kontext des Fachjournalismus. In: Game-Journalismus, Hrsg.: B. Bigl und S. Stoppe. Wiesbaden 2023. (mit C. Sengstock); Das System Redaktion und seine Strukturen. Rühl, Manfred (1969): Die Zeitungsredaktion als organisiertes soziales System. In: Schlüsselwerke der Journalismusforschung, Hrsg.: W. Loosen und A. Scholl. Wiesbaden 2023; Journalistisches Framing im ethischen Dilemma. In: Wissen kommunizieren. Ethische Anforderungen an die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, Hrsg.: C. Paganini, M. Prinzing und J. Serong. Baden-Baden 2023; Ausbildung für Journalismus. In: Handbuch Journalismustheorien, Hrsg.: M. Löffelholz und L. Rothenberger. Wiesbaden 2022; Hineinhören in die wunderbare Welt der Wissenschaft. Podcasts in der Wissenschaftskommunikation. In: Podcasts, Hrsg.: V. Katzenberger, J. Keil und M. Wild. Wiesbaden 2022. K