scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

[Rezension] Werten und Bewerten

Kropf, Jonathan

Abstract

EconStor is a publication server for scholarly economic literature, provided as a non-commercial public service by the ZBW.

Full text

Kropf, Jonathan Book Review — Published Version [Rezension] Werten und Bewerten KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Provided in Cooperation with: Springer Nature Suggested Citation: Kropf, Jonathan (2024) : [Rezension] Werten und Bewerten, KZfSS Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, ISSN 1861-891X, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Wiesbaden, Vol. 76, Iss. 2, pp. 233-236, https://doi.org/10.1007/s11577-024-00959-x This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/315433 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de LITERATURBESPRECHUNGEN https://doi.org/10.1007/s11577-024-00959-x Köln Z Soziol (2024) 76:233–236 Werten und Bewerten Jonathan Kropf Angenommen: 5. Juni 2024 / Online publiziert: 10. Juli 2024 © The Author(s) 2024 Krüger, Anne K.: Soziologie des Wertens und Bewertens. Einsichten. Themen der Soziologie (utb). Bielefeld: transcript 2022. 232 Seiten. ISBN: 978-3-8252-5722-4. Preis: C20,–. Unter dem Eindruck einer um sich greifenden Bewertungspraxis, bei der scheinbar alles und jeder zum Objekt, aber vielfach auch zum Subjekt von Bewertungen werden kann (und mitunter auch soll), hat sich die Soziologie des Wertens und Bewertens in den letzten Jahren als eigenes Forschungsfeld etabliert. Wenngleich Bewertungen in vielen klassischen Ansätzen der Soziologie eine Rolle spielen, sind Bemühungen einer ordnenden Zusammenschau und explizite Bezugnahmen auf entsprechende Phänomene jüngeren Datums. Michèle Lamonts einflussreicher Aufsatz „Toward a Comparative Sociology of Valuation and Evaluation“ aus dem Jahr 2012 und die Gründung der Zeitschrift Valuation Studies im Jahr 2013 waren zwei wichtige Anstöße dieser Entwicklung. Es ist überaus verdienstvoll, folgerichtig und lohnenswert, rund zehn Jahre nach diesen initialen Ereignissen eine Einführung vorzulegen, die einen Überblick über das vielfältige, dynamische und transdisziplinäre Forschungsfeld gibt. Anne Krüger, die Autorin der hier besprochenen Einführung, die in der Reihe „Einsichten“ bei UTB erschienen ist, hatte zumindest im deutschsprachigen Raum wesentlichen Anteil am Aufschwung der Bewertungssoziologie. Davon zeugen nicht nur diverse theoretische und empirische Publikationen, letztere insbesondere im Bereich der Wissenschaftsund Technikforschung, sondern auch die Tatsache, dass sie Mitantragstellerin des DFG-Netzwerks „Auf dem Weg in die Bewertungsgesell- J. Kropf Fachbereich 05: Gesellschaftswissenschaften, Soziologische Theorie, Universität Kassel/ITeG Pfannkuchstr. 1, 34121 Kassel, Deutschland E-Mail: [email protected] K 234 J. Kropf schaft?“ war, das zwischen 2018 und 2023 regelmäßig mehrere Forscherinnen und Forscher aus der Bewertungssoziologie versammelte (der Autor des vorliegenden Beitrags war ebenfalls Mitglied des Netzwerks). Anne Krüger ist damit zweifelsohne als Expertin im Themenfeld zu bezeichnen und als Autorin einer entsprechenden Einführung bestens geeignet. Als ein gemeinsamer Nenner der verschiedenen Zugänge zum Thema der Bewertung kann gelten, dass Werte nicht im Sinne abstrakter, unveränderlicher Entitäten und den Bewertungsgegenständen inhärent begriffen werden. Stattdessen gelte es, Situationen und Prozesse in den Blick zu nehmen, in denen Dinge, Personen oder Praktiken (un-)wertvoll gemacht werden oder Wert zugeschrieben wird. Die im Titel des hier besprochenen Buches auftauchende Unterscheidung zwischen „Werten“ und „Bewerten“ (im erwähnten Aufsatz von Lamont auch: „valuation“ und „evaluation“) hat sich darüber hinaus in weiten Teilen des Feldes etabliert. Die letztlich auf John Deweys Begriffe des „prizing“ und „appraisel“ zurückgehende Differenzierung adressiert die Autorin des besprochenen Buches zufolge „,Werten‘ als Wertzuschreibung, die vor dem Hintergrund gesellschaftlich geteilter Vorstellungen über das ,Wertvolle‘ und ,Richtige‘ vollzogen wird“ (S. 15). Hier sei u.a. an die Einschreibung bestimmter Werte (Leistung, Einzigartigkeit etc.) in Technik oder die Festsetzung monetärer Preise auf Märkten zu denken. Demgegenüber zielt „Bewerten“ auf eine „Wertabwägung ..., die auf der Grundlage eines Vergleichs zwischen als ähnlich kategorisierten Bewertungsobjekten oder aber im Vergleich mit einer als Standard gesetzten Norm vorgenommen wird“ (ebd.). Hier ist beispielsweise an Praktiken des Klassifizierens und an Rankings zu denken. Diese begrifflichen Differenzierungen werden von Anne Krüger im einleitenden Kapitel eingeführt – eine Vertiefung findet in späteren Kapiteln statt (insbes. Kap. VI.). Daneben gibt die Autorin in der Einleitung Einblicke in die Geschichte der Bewertungssoziologie, benennt wichtige theoretische Vorläuferinnen und Vorläufer und macht ihr Anliegen deutlich, die „unterschiedlichen Bezugspunkte [der Bewertungssoziologie, J.K.] erstmals in den einzelnen Kapiteln zusammenzuführen und überblicksartig anhand zentraler Studien ... in ihrer Relevanz darzustellen“ (S. 14). Dieses Anliegen kann als durchaus geglückt bezeichnet werden. Ihre breite Kenntnis des Forschungsfeldes stellt Krüger insgesamt in sechs größeren Kapiteln unter Beweis, die von der erwähnten Einleitung (Kap. I) sowie einer Zusammenfassung und einem Ausblick (Kap. VIII) gerahmt werden. Der Tatsache, dass die Bewertungssoziologie keine eigene Theorieschule mit klar umrissenem Gegenstandsbereich, sondern eher ein Querschnittsthema und zugleich ein höchst dynamisches Forschungsfeld darstellt, trägt die Autorin dadurch Rechnung, dass die einzelnen Kapitel eine Reihe an empirischen Studien und theoretischen Zugängen entfalten, die zunächst in spezifische Bewertungspraktiken und relevante Phänomenbereiche gegliedert werden. Dabei sind dem „Kategorisieren und Klassifizieren“ (Kap. II), dem „Quantifizieren und Vergleichbarmachen“ (Kap. III), „Ratings und Rankings“ (Kap. IV) und der Digitalisierung (Kap. V) je eigene Kapitel gewidmet, in denen die Autorin gut lesbar, anschaulich und kenntnisreich Einblicke in die Bewertungssoziologie liefert. Ihr gelingt es immer wieder eindrucksvoll die vielfältige Konstruktion von Wertigkeiten deutlich zu machen. Auffällig ist allerdings, dass sich ein Großteil des Buches auf quantifizierende Bewertungsformate konzentriert. K Werten und Bewerten 235 Das ist nicht nur im dritten Kapitel der Fall, das explizit der Quantifizierung gewidmet ist. Das zweite Kapitel beschäftigt sich z.B. ausführlich mit Arbeiten zu den Kategorien der offiziellen Statistik und deren Wandel im Laufe der Zeit. Auch die in Kapitel IV behandelten Ratings und Rankings „basieren auf der Übersetzung von qualitativen Eigenschaften in Zahlen und zählbare Einheiten“ (S. 76). Der Fokus auf die Rolle von Daten in Kapitel V entspricht ebenfalls der Ausrichtung auf quantifizierende Bewertungsformate. Dass sich nicht alle Bewertungen einer quantitativen Logik fügen, wird dagegen vergleichsweise kurz behandelt (vgl. S. 153ff.). Abgesehen davon, dass Schwerpunktsetzungen in einer Einführung ohnehin unvermeidlich sind, passt der genannte Fokus aber auch zu gegenwärtigen Zeitdiagnosen, die eine Metrisierung und Datafizierung am Werk sehen. Krüger arbeitet anhand zahlreicher Beispiele nicht nur die gesellschaftlichen Effekte von Bewertungen heraus, die mitunter relevant für die Konstruktion und Reproduktion sozialer Ungleichheit sind, eine Disziplinierung und reaktive Anpassung der Bewerteten zur Folge haben, eine Wettbewerbslogik forcieren oder die Rolle von Expertise verändern. Ihr geht es darüber hinaus z.B. auch darum, aufzuzeigen, wie Wert in bestimmte Bewertungsformate eingeschrieben wird oder um die Inwertsetzung von Bewertungskriterien, z.B. in (digitalen) Infrastrukturen, die bestimmte Standards etablieren oder beispielsweise über algorithmische Empfehlungen Bewertungen automatisieren. Die beiden letzten, größeren Kapitel (VI und VII) sind noch einmal grundlagentheoretischer angelegt. Neben der bereits angesprochenen Unterscheidung von „prizing“ und „appraisel“ werden hier sozialtheoretische Überlegungen von Georg Simmel bis zur Neuen Wirtschaftssoziologie präsentiert. Auch gesellschaftstheoretische Ansätze, etwa Andreas Reckwitz’ These der „Singularisierung“ oder die „Bereicherungsökonomie“ nach Luc Boltanski und Arnaud Esquerre, kommen zur Sprache. Die Pluralität von Wertordnungen, wie sie etwa die Soziologie und Ökonomie der Konventionen oder der Ansatz Institutioneller Logiken behandelt, sind ein weiterer Gegenstand der eher theoretisch orientierten Kapitel. Wie bereits in den Rezensionen von Thomas König (erschienen unter dem Titel „Zur Aufklärung über Kategorisierungen und Klassifikationen: Literaturessay zur Soziologie des Bewertens“ am 14.11.2022 auf soziopolis.de) und Simon Egbert (Soziologische Revue 2023; 46(2): 154–157) in ähnlicher Form angemerkt wurde, erschließt sich hier die, ansonsten sehr gelungene Struktur des Buches nicht unmittelbar. Hier wäre es hilfreich gewesen, die grundsätzlichen Theoriediskussionen eher an den Anfang des Buches zu stellen oder die entsprechenden Kapitel schlüssiger einzuführen. Dieser minimale Einwand schmälert aber nicht den insgesamt sehr positiven Eindruck, den das Buch hinterlässt. Neulingen im Feld der Bewertungssoziologie wird mit der gut lesbaren Einführung ein hilfreicher Überblick an die Hand gegeben, aber auch erfahrene Leserinnen und Leser können von der Zusammenschau profitieren und spannende Einzelstudien entdecken. Allen, die noch Zweifel an der Ubiquität gerade digitaler Bewertungen haben sollten, sei abschließend empfohlen, das hier rezensierte Buch umzudrehen: Auf der Rückseite findet sich ein QR-Code, der „mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel“ verspricht. Funding Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL. K 236 J. Kropf Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/ licenses/by/4.0/deed.de. Hinweis des Verlags Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral. Jonathan Kropf Dr., Mitarbeiter am Fachgebiet Soziologische Theorie der Universität Kassel. Forschungsgebiete: Digitalisierungsforschung, Soziologie des Wertens und Bewertens, Musiksoziologie. Veröffentlichungen: Privacy-Trade-offs: Zur Rolle technischer und regulativer Datenschutzinitiativen im Ökosystem des digitalen Journalismus (mit S. Engert und M. Uhlmann). In Daten-Fairness in einer globalisierten Welt, Hrsg. M. Friedewald, A. Roßnagel, R. Neuburger, F. Bieker und G. Hornung. Baden-Baden 2023. K