Eine personale Theorie des Familienhaushalts
Abstract
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Full text
Egner, Erich Article Eine personale Theorie des Familienhaushalts Schmollers Jahrbuch für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Egner, Erich (1971) : Eine personale Theorie des Familienhaushalts, Schmollers Jahrbuch für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften, ISSN 0036-6234, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 91, Iss. 2, pp. 220-228, https://doi.org/10.3790/schm.91.2.220 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291245 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Eine personale Theorie des Familienhaushalts Bemerkungen zum Buche von Rosmarie v. Schweitzer* Gegenüber den während der letzten Jahre erschienenen Büchern mit konsumwirtschaftlicher Fragestellung von Meyer-Dohm, Haefliger, Erich und Monika Streißler wendet sich das anzuzeigende Buch dem privaten Haushalt zu und rückt durch die damit veränderte Fragestellung den gleichen empirischen Zusammenhang in ein anderes Licht. Das ist von besonderem Interesse, weil der Familienhaushalt bisher von der Neubelebung der Familiensoziologie in der Nachkriegszeit weithin ausgeklammert geblieben ist. Außerdem ist das Buch in dem Augenblick erschienen, in dem der Haushaltsforschung und -lehre der Weg auf die westdeutschen Hochschulen unter dem geheimnisvoll klingenden Namen einer ökotrophologie erschlossen worden ist. I. Es geht der Autorin um die Durchleuchtung des haushälterischen Handelns, wie der Untertitel besagt, was zunächst zur Haushaltsanalyse hinführt. Unter diesem Gesichtswinkel werden die Haushalte als Orte des haushälterischen Handelns, ihre hauswirtschaftlichen und marktwirtschaftlichen Aufgaben umschrieben, ferner der familiale Lebensstil, Haushaltsstruktur und der Haushaltsstrukturvergleich behandelt. Daran anschließend wird die Haushaltsplanung grundsätzlich durch eine Analyse der Probleme des Lebensstandards in ihrer Bedeutung für das haushälterische Handeln erläutert. Das führt im nächsten Abschnitt zur Rolle der hauswirtschaftlichen Verantwortung hin, sowohl für Haushalt und Familie als auch für den einzelnen und schließlich für die ganze Gesellschaft. Ein Schlußabschnitt ist der Haushaltsberatung gewidmet, wobei die gewonnenen Einsichten über Haushaltsanalyse und Haushaltsplanung nutzbar gemacht werden. Der Gesichtskreis des Buches ist weit gespannt. Ihm ist eine philosophisch-anthropologische Betrachtung vorangestellt, die von der Lebensnot des Menschen als Beweggrund für das haushälterische Handeln * Rosmarie v. Schweitzer: Haushaltsanalyse und Haushaltsplanung. Versuch einer systematischen Darstellung des haushälterischen Handelns exemplifiziert am landwirtschaftlichen Haushalt. Berlin 1968. Duncker & Humblot. 325 S. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.91.2.220 | Generated on 2023-04-04 11:46:54
Literatur 221 ausgeht. Eine philosophische und, wie sich später zeigt, auch pädagogische Grundorientierung ist der ganzen Arbeit eigen, während die Autorin im übrigen ihre Abkunft von der Landwirtschaft erkennen läßt. Dem ist mancherlei Anschauung und empirische Verdeutlichung zu verdanken. Die ökonomischen Überlegungen verraten ihre Herkunft von der landwirtschaftlichen Betriebslehre, sie sind durchweg mikroökonomisch ausgerichtet. Das haushälterische Handeln zielt in der Sicht der Autorin auf die Überwindung der leiblichen und seelischen Lebensnot durch rationale Kontrolle der Bedürfnisse und durch den Aufbau einer Lebenshaltung, die der Lebenserhaltung dient. Doch liegt darin, wie sich später ergibt, nur die Minimalleistung des Haushaltens (S. 239 f.), das darüber hinaus durch ein Höchstmaß an Fürsorge jedem Familienmitgliede die Möglichkeit der Persönlichkeitsbildung und -entfaltung zu geben hat (S. 177, 213). Dais ist die zentrale These im Denken der Autorin, weshalb ihr Haushaltsverständnis als eine personale Theorie angesprochen werden kann. Aus dieser personalen Sicht wird dann dem Haushalten eine Kulturleistung dadurch zugeschrieben, daß es eine Harmonie zwischen der materiellen und ideellen Bedürfnisbefriedigung des Menschen herstellt (S. 202), ferner dadurch, daß es einen vorgegebenen sozialen Lebensstil in individueller Weise ausgestaltet (S. 144). Dabei wird vorausgesetzt, daß derjenige, der über Muße für sein haushälterisches Handeln verfügt, darin über den erstrebten ökonomischen Zweck hinaus zugleich eine zweckfreie, werteschaffende Leistung um der schöpferischen Gestaltung willen zu vollbringen sucht (S. 202). Schließlich erwächst eine Kulturleistung auch daraus, daß der Mensch sich immer neue schöpferische Aufgaben zur Bedürfnisbefriedigung ersinnt, um dadurch die Kultur menschlicher zu gestalten (S. 197). Solche Leistungen zeigen, daß der Haushalt nicht nur in sich eine bildende Kraft hat, sondern auch bei dem heute stark erweiterten Freiheitsspielraum der Familie für ihr haushälterisches Handeln ein haushälterisches Bildungsangebot von Seiten der Gesellschaft nötig hat, das sich über die Schulunterweisung hinaus besonders in der Haushaltsberatung als Erwachsenenbildung niederschlagen muß (S. 216). Die Hinführung zur Haushaltsplanung hat das Ziel einer systematischen Haushaltsberatung zu sein (S. 218). II. Diese Andeutungen lassen erkennen, daß die Verfasserin über eine in sich abgerundete Konzeption verfügt. Dabei wirkt die stark personale Ausrichtung ihrer Haushaltsinterpretation auf den Leser überraschend, denn der Haushalt ist eine Institution, die normalerweise OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.91.2.220 | Generated on 2023-04-04 11:46:54
222 Literatur einer Gruppe, der Familie, dienstbar ist. Es ist wohl kein Zufall, daß die Autorin nicht den Haushalt, sondern das Haushalten in den Vordergrund rückt (S. 18, 29). Institutionen und Gruppen treten bei ihr zugunsten des Menschen zurück, „da in diesen Haushalten die Persönlichkeitsbildung für die Gesellschaft erfolgt" (S. 213). Das ist bestenfalls eine Teilwahrheit, da er dafür nicht mehr als eine Kraft in einer Reihe yon anderen ist (Altersgenossen, Schule, Wissenschaft, Politik, Kunst und Literatur) und unter dem Einfluß der modernen gesellschaftlichen Entwicklung auch nur ein sinkendes Gewicht hat. Hier entwirft die Autorin ein von der Gegenwart abgehobenes, ideales Bild vom Haushalten, hier zeigt es sich, daß ihr Denken von einer idealistischen Grundhaltung getragen ist. Das erkennt man auch an der Vorstellung von der zu bewirkenden Harmonie zwischen materieller und ideeller Bedürfnisbefriedigung (S. 30 f.). Diese Gegenüberstellung ist nur in einem von der konkreten Welt getrennten abstrakten Raum vollziehbar, hilft aber nicht für die Beurteilung des realen Haushaltshandelns weiter. Hier gibt es keine klare Trennungslinie zwischen beiden. Wie wollte man wohl überwiegend materiellen Bedürfnissen nachjagende Menschen von überwiegend ideell orientierten sondern, wenn man von Extremen absieht, wie den Ausgleich zwischen ideellen und materiellen Bedürfnissen herstellen (S. 116)? Für das alles gibt es keine allgemeinen, empirisch verifizierbaren Kriterien. Was hat man außerdem unter einer „gebildeten Lebensauffassung" zu verstehen (S. 152) ? Hinsichtlich der Kulturleistungen deutet die Verfasserin an, daß dabei die Muße für „jene Welt des zweckfreien Handelns, in welcher der Mensch nach dem Ausdruck seiner selbst sucht", vorausgesetzt wird (S. 202). Darin erkennt man eine nicht nur idealistische, sondern zugleich auch elitäre Sicht von Haushalt und Haushalten, die wohl einer kleinen intellektuellen Schicht angemessen sein mag, nicht aber auf die heutige menschliche Gesellschaft insgesamt paßt. Die idealistische Grundhaltung drückt sich auch im Bildungsoptimismus des Buches aus. Gewiß gibt es heute eine dringende Bildungsund Beratungsaufgabe, die hier nicht verkleinert werden soll und deren Schwierigkeiten die Verfasserin deutlich sieht. Trotzdem werden von dieser Seite allein die aktuellen Haushaltsprobleme nicht gelöst werden können, da erfahrungsgemäß diejenigen, die der Belehrung besonders bedürften, ihr am meisten abgeneigt sind. Selbst wenn es gelingt, solchen Menschen und Gruppen neue Einsichten zu vermitteln, so ist damit noch nicht deren Umsetzung in die Tat gesichert. Wie man aus Bemühungen in den Entwicklungsländern weiß, kann die Skepsis über die Neuerung und deren Gelingen alle Belehrung zunichte machen. Deshalb sind neben der ideellen Ansprache von Menschen, die nicht schon geOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.91.2.220 | Generated on 2023-04-04 11:46:54
Literatur 223 wisse Grundwerte der gebotenen Bildung bejahen, auch reale, politische Maßnahmen nötig, um durch wirtschaftliche und soziale Förderung ihr materielles Interesse zu wecken. Dadurch darf man hoffen, sie auch ideell aufzuschließen. Hier ist auch auf die Rolle der Gesellschaft im Denken der Verfasserin hinzuweisen. Dabei stößt man auf das vielleicht interessanteste von ihr aufgeworfene Problem. Der Gesellschaft wird vielfach gedacht, so wenn vom sozialen Umkreis oder vom sozialen Lebenshaltungsstil die Rede ist, wenn ferner die Dialektik zwischen Haushalt und Gesellschaft (S. 206, 212) und die notwendige Ergänzung von Einzelmensch und Gesellschaft (S. 176 f., 179 f., 212) herausgearbeitet wird. Aufgabe des haushälterischen Handelns ist es, sich nicht planlos den gesellschaftlichen Trends hinzugeben (S. 143). Bei Forderungen nach Anpassung der Haushalte an gesellschaftliche Entwicklungen und Klagen über die Unangepaßtheit handelt es sich, so versichert die Autorin, um Ideologien (S. 191). Die Gesellschaft hat die Verantwortung für die Kultur des haushälterischen Handelns (S. 204) und für den Spielraum der individuellen Gestaltung, den sie den Familien zubilligt. Sie hat aber durch die Massenmedien sehr an Macht gegenüber den einzelnen gewonnen (S. 205). Ihr scheint die Aufgabe zuzufallen, der Vernunft dieser Einzelwesen einen optimalen Freiheitsraum zu geben (S. 206). Angesichts dieser Gedankengänge fällt es auf, daß die Gesellschaft gegenüber dem Haushalt keine aktive Rolle, wenigstens in einem positiven Sinne, zu spielen hat. Sie ist mächtig geworden, dadurch steht der Haushalt ihr gegenüber in einer gewissen Verteidigungsstellung. Wohl ist der Dialog mit den gesellschaftlichen Gewalten vonnöten, aber wesentlich doch, um ihnen ihre Verantwortung für die Kultur und die Freiheit der in den Haushalten handelnden Menschen vor Augen zu halten. Demgegenüber ist die Frage zu stellen, ob eine solche Sicht der heutigen Wirklichkeit gerecht wird. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die Gesellschaft für die Familienhaushalte ein ambivalentes Gesicht hat. Dazu gehören die Gefahren, welche die Autorin im Auge hat, wenn sie befürchtet, daß gesellschaftliche Kräfte das Eigenleben der Haushalte erdrücken könnten. Diese Gefahren reichen weiter, als sie das zugibt. Ihrem Glauben an einen vergrößerten Freiheitsspielraum der Familie bei verringertem sozialkulturellen Druck auf sie in unserer heutigen westlichen Gesellschaft (S. 211, 215) liegt eine Täuschung zugrunde. Dieses Urteil ist nur am Oberflächenbild orientiert, da die moderne Gesellschaft durch viele soziale und institutionelle Zwänge stillschweigend und dem einzelnen weithin unbewußt nicht geringeren Einfluß auf das Verhalten der Menschen in ihren Haushalten ausübt als die traditionale Gesellschaft. Sie OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.91.2.220 | Generated on 2023-04-04 11:46:54
224 Literatur tut es nur auf anderen Wegen, besonders indem sie bei formal den Verbrauchern eingeräumten Freiheiten einen nicht zur Ruhe kommenden Geltungswettbewerb der Gruppen untereinander entfaltet. Daraus leitet sich der hochgradige Konformismus der egalitären Gesellschaft ab, der den Betrachter immer wieder in Staunen versetzt. Aber die Gesellschaft hat für die Haushalte doch auch eine positive Funktion. Man darf ihre Leistung für die heutige Lage des Haushalts und seine Lebenshaltung nicht vergessen. Diese Funktion der Gesellschaft für die Familienhaushalte liegt darin, daß sie über das weite System arbeitsteiligen Zusammenwirkens alle die Energien entfaltet, die einer schnell wachsenden Menschenzahl über Wissenschaft, Technik und Wirtschaft sich weitende Lebensmöglichkeiten geben. Die Dynamik unseres Zeitalters geht von dieser pluralistischen Gesellschaft aus. Haushalt und Familie sind gezwungen, sich laufend damit auseinanderzusetzen, die Impulse der Außenwelt so aufzunehmen, daß dem eigenen Lebenskreis daraus kein Schaden, sondern eher ein Nutzen erwächst, was voraussetzt, daß man aktiv in diese Entwicklung eingespannt bleibt. Da diese Gesellschaft unser aller Schicksal geworden ist, wird es für den einzelnen und seine Familie gefährlich, aus dieser Entwicklung auszuscheren. Dabei hat die moderne Tendenz zur Nivellierung der Lebenshaltungen, die sich aus diesem gesellschaftlichen Prozeß ergibt, die Entfaltungsmöglichkeiten der individuellen Haushaltsstile beträchtlich, wenn auch schichtenmäßig in verschiedenem Maße, eingeschränkt und wird dies künftig noch stärker tun. Diese Feststellung besagt allerdings nicht, wie der Autorin eingeräumt werden muß, daß das Heil der Haushalte in einer kritiklosen Anpassung an gesellschaftliche Trends liegen könnte. Den Thesen von einem notwendigen Dialog zwischen Haushalt und Gesellschaft (S. 212) und einem anzustrebenden Ausgleich zwischen Konformismus und Nonkonformismus (S. 144) ist gewiß zuzustimmen. Volkswirtschaftliche Überlegungen stehen am Rande des Buches. Die Autorin hält dem Schreiber dieser Zeilen vor (S. 192), daß er dem Haushalte volkswirtschaftliche Maßstäbe setze und damit den Wirtschaftspolitiker zum Richter über das haushälterische Handeln habe erheben wollen. Paradoxerweise zitiert sie ihn zwanzig Seiten früher mit der Feststellung, daß die haushälterische Vernunft ihre Maxime nicht aus volkswirtschaftlichen Einsichten beziehen könne (S. 173). Daran erkennt man, daß es sich um ein bloßes Mißverständnis handelt. Weiter kritisiert sie am jetzigen Berichterstatter den Formalismus des von ihm bemühten Kantsdien kategorischen Imperativs, den er heranzog, um klar zu machen, daß die Menschen in einer funktionierenden Gesellschaft sich bei ihren hauswirtschaftlichen Verfügungen ihrer Verantwortung vor der Gesamtheit bewußt sein müssen. Demgegenüber ist OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.91.2.220 | Generated on 2023-04-04 11:46:54
Literatur 225 zu fragen, wie man ohne einen solchen Formalismus eine so allgemeine Aussage machen kann, wenn man sich nicht auf absolute Normen eines Naturrechts festlegen will. Die Autorin möchte kein moralisches, sondern ein vernünftiges haushälterisches Handeln bestimmen (S. 197). Das möchte der sich angesprochen fühlende Rezensent auch, doch wie will man dazu kommen, wenn man keine Wertsetzungen, d. h. moralische Prämissen unterstellt? Grundsätzliche Bedenken sind schließlich gegenüber einigen volkswirtschaftlichen Ausführungen des Buches vorzubringen. So ist der Optimismus auffallend, dem die Verfasserin hinsichtlich des schon erreichten oder doch schon abzusehenden Standes der wirtschaftlichen Entwicklung huldigt. Dadurch sollen große hauswirtschaftliche Veränderungen möglich werden, so diejenige einer „Loslösung des Menschen aus den Fesseln der Bedürfnisbefriedigung" oder der „Befreiung des Menschen vom Zwang haushälterischen Handelns" (S. 74/75). „Noch sind wir nicht reich genug, um bedürfnislos zu sein, aber der Weg ist offenbar" heißt es im gleichen Zusammenhang mit Verweisung auf Galbraith. Unter solchen Gesichtswinkeln ist die Autorin auch geneigt, Modetorheiten und Geltungskonsum nachsichtig zu behandeln, weil sie Freude machen und zu Wohlstandszufriedenheit führen, denen die Volkswirtschaft ihre Prosperität zu verdanken scheint (S. 196). So heißt es ferner: „Wenn wir aber im Überfluß leben und das Glück haben, Arbeitskapazität oder Geld über den Lebensstandard hinaus verfügbar zu haben, warum sollte dann nicht ein Anteil dieses Überschusses dem homo ludens in uns zur Verfügung stehen?" (S. 203). Zunächst ist zu diesem Zitat zu bemerken, daß der Gedanke, im Zustande des Überflusses — vorausgesetzt, daß man diesen bestimmen könnte — ließe sich ein Überschuß über den Lebensstandard hinaus für den homo ludens bereitstellen, ein Widerspruch in sich ist. Wenn ein Spielbedürfnis sich regt, so muß man unterstellen, daß es vom Lebensstandard umschlossen wird, selbst wenn es bisher wegen geringer Dringlichkeit nicht zum Zuge gekommen ist. Sobald dann das Einkommen sich weitet, wird ihm dem Standard entsprechend Rechnung getragen werden müssen. Stellt sich aber eine Einkommensvermehrung ein, ohne daß bisher dieses Bedürfnis berücksichtigt worden war, so gibt es nur zwei Möglichkeiten, nämlich entweder den Überschuß einem vom Lebensstandard umschlossenen, aber mangels verfügbarer Mittel noch nicht zum Zuge gekommenen Bedürfnis zuzuführen oder aber den bisherigen Lebensstandard umzuwerfen und dem homo ludens in einem neuen Standard gerecht zu werden. Aber abgesehen von der beanstandeten, vielleicht nur unglücklichen Formulierung sieht man, wie die Autorin gelegentlich so stark nicht 15 Schmollers Jahrbuch 91,2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.91.2.220 | Generated on 2023-04-04 11:46:54
226 Literatur nur mikroökonomisch, sondern auch einzelwirtschaftlich ausgerichtet ist, daß sie volkswirtschaftliche Zusammenhänge übersieht. Das gilt für die zitierte Verteidigung von Modetorheiten und Geltungskonsum. Sie machen Freude, man muß sie sich nur auch hauswirtschaftlich leisten können (S. 196). Nach den volkswirtschaftlichen und sozialen Implikationen wird dabei nicht gefragt, oder sie werden ohne nähere Erwägung optimistisch gedeutet, eine Haltung, die sehr dem unternehmerischen Erwerbsinteresse entgegenkommt. An anderer Stelle wird dagegen die Notwendigkeit einer Berücksichtigung der gesellschaftlichen Ausstrahlungen durchaus anerkannt (S. 176). Eine Bemerkung grundsätzlicher Art ist zu den hoffnungsvollen Erwartungen der Autorin hinsichtlich der Befreiung des Menschen vom Zwang haushälterischen Handelns nötig. Sie sind unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht zu halten. In ihnen drückt sich eine Konzession an die während der letzten Jahre verbreitete Prosperitätsideologie vom Hineinwachsen in die Überflußgesellschaft aus, die sich den Titel des bekannten Buches von Galbraith zunutze macht. Nur eine Hochkonjunktur-Euphorie konnte das Bild vom Eintritt in ein neues Zeitalter durch wirtschaftliche Fortschritte vorgaukeln. Der Mensch kann aber nicht über seinen Schatten springen, die Grundvoraussetzungen seines Wirtschaftens sind ein für allemal gegeben. Überfluß ist auf dieser Welt immer nur partiell und nicht schlechthin möglich, was die vom Schicksal Begünstigten geflissentlich zu übersehen pflegen. Die Hoffnung auf Befreiung vom Zwang zum Haushalten ist deshalb trügerisch, sie verstößt gegen nicht abänderbare menschliche Existenzbedingungen. Was „Wohlstandszufriedenheit" ist, auf welche die Autorin anspielt, und wann sie wirtschaftliche Prosperität nach sich zieht, ist höchst ungeklärt; wohl aber lehrt die Geschichte, daß Wohlstand keineswegs immer Zufriedenheit mit sich bringt, daß er außerdem vielfach wirtschaftlichen Niedergang zusammen mit sozialem und politischem Verfall nach sich gezogen hat. III. Es sei nun versucht, zu einer Gesamtwürdigung zu kommen. Gewiß handelt es sich um ein Buch von großer gedanklicher Selbständigkeit und einer umfassenden Problemsicht. Man darf allerdings auch die dabei offen bleibenden Desiderata nicht übersehen. Der Leser gewinnt den Eindruck, daß die Arbeit eilig geschrieben worden ist, ohne daß es zu einer späteren gedanklichen und darstellerischen Revision und Konzentration gekommen wäre. So stolpert man über Flüchtigkeiten OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.91.2.220 | Generated on 2023-04-04 11:46:54
Literatur 227 und logische Sorglosigkeiten1. Für diese zuletzt genannten einige Beispiele: Im gleichen Absatz stehen die beiden Sätze: Der Lebensstandard ist „die erfolgte Planung für das haushälterische Handeln" und „ist ein Entwurf, der zu Planungen führt" (S. 117). Immerhin bezieht sich der Lebensstandard beide Male auf Haushaltsplanung, er wird auch eine „Zielfunktion für das haushälterische Handeln" genannt (S. 99). Dann ist er aber nur im Nachvollzug erfaßbar, kann er „im letzten Sinne nicht zielanweisend" sein (S. 138). Weiter: Einerseits wird der Entwurf des Lebensstandards von drei Kräften gebildet — Überlieferung, Gesellschaft und Spontaneität des einzelnen Menschen (S. 113) — andererseits gibt es kein Kausalverhältnis für die Bestimmung der Lebensstandards, nur ein historisch bedingtes Sinnverständnis für eine ganz konkret vorliegende Lebensstandardvorstellung (S. 138). Alle solche Beobachtungen, welche den Leser irritieren, sollten jedoch nicht den Blick auf den Kern des Buches verstellen. Die Auseinandersetzung mit ihm ist die eigentliche Aufgabe. Der Berichterstatter möchte die personale Theorie des Familienhaushalts nicht schlechthin verwerfen, nur auf die ihr zu ziehenden Grenzen hinzuweisen. Wohl haben Familie und Haushalt es auch mit Persönlichkeitsbildung zu tun, doch sind die Chancen dafür unter dem Druck der vielen Institutionen, die heute auf Familie und Individuum einwirken, beschränkt. Noch wichtiger ist die Einsicht, daß die Art, wie Persönlichkeitsbildung von dieser Seite her betrieben wird, durchaus unterschiedlich ist. Der Weltanschauungspluralismus der Familien ist an den verschiedensten Leitbildern orientiert, weshalb der von ihnen ausgehende Einfluß auf die Persönlichkeitsbildung, wenn man von allen anderen Kräften absieht, für die Gesamtheit ein fragwürdiges Ergebnis hat. Das muß in einer liberalen Gesellschaft hingenommen werden, solange sie, wie der moderne Industrialismus, von starken sozialen Spannungen durchsetzt ist. Einer solchen skeptischen, aber wohl realistischen Feststellung gegenüber ist der Optimismus der Autorin, die Persönlichkeitsbildung und die Kul1 Als Druckfehler fallen abgesehen von kleineren Versehen auf: S. 24 wird E. Engels („Der Ursprung der Familie") zitiert, eine Verwechslung von Friedrich Engels mit Ernst Engel . S. 32 wird VershofenB „Die Marktentnahme als Kernstück der Wirtschaftsforschung" als „Neuausgabe des ersten Buches der Verbrauchsforschung" vorgestellt statt als Neuausgabe des ersten Bandes des Handbuches der Verbrauchsforschung. Auf S. 147 wird ein HdWS zitiert, womit das Handwörterbuch der Sozialwissenschaften (HdSw) gemeint ist. Dabei wird zugleich der Name des Autors Carl Brinkmann unterschlagen, ebenso der Titel des zitierten Artikels „Lebensstandard". Auf S. 152 heißt es „ Rüstow wo Rostow gemeint ist. Ein unvollständiger Satz findet sich im Text der Seite 163. Auf S. 176 steht Burgess, Loeke, Tho~ mes für Burgess, Locke, Thomes. Schließlich findet sich auf S. 198 die Verweisung auf eine Anmerkung, die es gar nicht gibt. Die dort genannte Seite entstammt vermutlich dem Manuskript. 15* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.91.2.220 | Generated on 2023-04-04 11:46:54