"Metropolregion Mitteldeutschland" aus raumwissenschaftlicher Sicht
Abstract
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Full text
Rosenfeld, Martin T. W. Book Part "Metropolregion Mitteldeutschland" aus raumwissenschaftlicher Sicht Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Rosenfeld, Martin T. W. (2021) : "Metropolregion Mitteldeutschland" aus raumwissenschaftlicher Sicht, In: Rosenfeld, Martin T. W. Stefansky, Andreas (Ed.): "Metropolregion Mitteldeutschland" aus raumwissenschaftlicher Sicht, ISBN 978-3-88838-429-5, Verlag der ARL - Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft, Hannover, pp. 3-12, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-4295015 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/234964 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/
Rosenfeld, Martin T. W.: „Metropolregion Mitteldeutschland“ aus raumwissenschaftlicher Sicht https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-4295015 In: Rosenfeld, Martin T. W.; Stefansky, Andreas (Hrsg.) (2021): „Metropolregion Mitteldeutschland“ aus raumwissenschaftlicher Sicht. Hannover, 3-12. = Arbeitsberichte der ARL 30. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-42954 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/
3die „Metropolregion Mitteldeutschland“ aus rauMwissenschaftlicher sicht Martin T. W. Rosenfeld Die „MeTRopolRegion MiTTelDeuTschlanD“ aus RauMWissenschafTlicheR sichT Gliederung 1 Metropolregionen in Deutschland: Anliegen und Entwicklung im Überblick 2 Forschungsrelevante Spezifika der „Metropolregion Mitteldeutschland“ 3 Agenda und Konkretisierung der Forschungsfragen Teil I: Raumwissenschaftliche und institutionelle Grundlagen Teil II: Funktionale Raumbeziehungen in Mitteldeutschland Teil III: Einzelaspekte der metropolregionalen Governance Teil IV: Gesamtbewertung der Metropolregion und ihrer Aktivitäten Literatur Kurzfassung Die Idee der Metropolregionen basiert auf der Erwartung, dass eine verbesserte Vernetzung innerhalb einer Region entweder dazu beitragen kann, dass mobile Faktoren sich an einem Ort oder an mehreren Orten stärker als zuvor konzentrieren, oder dass durch die intraregionale Vernetzung Ballungsvorteile simuliert werden, die vermutlich in den deutschen Großstädten geringer ausgeprägt sind als in zahlreichen „primate cities“ im Ausland. Entsprechende Vorteile sind gerade für Städte und Regionen mit wirtschaftlichem Aufholbedarf – wie in Mitteldeutschland – von besonderer Relevanz. Vor diesem Hintergrund und in Anbetracht der für Mitteldeutschland typischen, sehr ausgeprägten polyzentrischen Raumstruktur hat die ARL eine interund transdisziplinäre Arbeitsgruppe eingesetzt, die sich anhand verschiedener Fragestellungen mit der Entwicklung und den Chancen der „Metropolregion Mitteldeutschland“ beschäftigt hat. Im Fokus standen insbesondere institutionelle und Governance-Aspekte sowie die Frage nach der Übereinstimmung zwischen dem aktuellen räumlichen Zuschnitt der Metropolregion und den funktionalen Raumbeziehungen in Mitteldeutschland. Schlüsselwörter Metropolregion Mitteldeutschland – Raumbeziehungen – Governance – Kooperation – Raumstruktur – Unternehmensnetzwerke – institutionelle Strukturen Perspectives of regional science on the „Central German Metropolitan Region“ (CGMR) – The agenda of an ARL-working group Abstract The formation of Metropolitan Regions has in general the goal to support the creation of agglomeration economies by improving the systems of networks between local units, private firms, research institutes and other relevant „regional players“ within a
430 _ „Metropolregion Mitteldeutschland“ aus rauMwissenschaftlicher sicht certain area. Such a support is especially needed for local units which are economically lagging behind, as it is still the case in Central Germany (= the states of SaxonyAnhalt, Saxony and Thuringia). Against this background and because of the extremely policentric spatial structure in Central Germany, the ARL had established a Working Group for analyzing the structure and the virtues of the „Central German Metropolitan Region“ (CGMR), which has been established (in its present structures) in the year 2014. The focus of the Working Group was laid on institutional aspects and on the question whether the present spatial dilimination of the CGMR is in accordance with functional interregional relations. Keywords Metropolitan region of Central Germany – spatial relationships – governance – cooperation – spatial structure – corporate networks – institutional structures 1 Metropolregionen in Deutschland: Anliegen und Entwicklung im Überblick Stadtregionen i.S. von funktionalen Regionen, die jeweils eine Stadt (in ihren jeweiligen administrativen Raumgrenzen) und ihre Umlandgemeinden umfassen, finden in der empirischen Regionalforschung seit langem als Untersuchungseinheiten Verwendung – basierend auf der Erkenntnis, dass sich fundierte Aussagen über die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation in einer Stadt nicht ohne die Einbeziehung des mit ihr eng vernetzten Umlandes machen lassen. Im angelsächsischen Sprachraum wird in diesem Kontext von „metropolitan areas“ gesprochen (vgl. Paal 2005: 24). Eine ebenfalls bereits seit vielen Jahrzehnten in zahlreichen Stadtregionen übliche Praxis besteht darin, dass in den unterschiedlichsten Bereichen Kooperationen zwischen der jeweiligen Kernstadt und ihrem Umland stattfinden. Exemplarisch sei hier der Großraum Hamburg angeführt, wo bereits 1928 ein hamburgisch-preußischer Landesplanungsausschuss etabliert wurde. Einen sehr hohen Grad an Institutionalisierung einer solchen Stadt-Umland-Kooperation weist in Deutschland vor allem die Region Hannover auf, die aus dem früheren Kreis Hannover sowie der ehemaligen kreisfreien Stadt Hannover gebildet wurde und den rechtlichen Charakter einer eigenen Gebietskörperschaft hat. Die vor allem in Deutschland verfolgte Idee der „(Europäischen) Metropolregionen“ ist „eindeutig entwicklungsorientiert“ (Blotevogel 2005: 642) und geht über das Konzept solcher Stadtregionen in räumlicher sowie in programmatischer Hinsicht deutlich hinaus (zum Folgenden vgl. auch die Darstellung bei Knieling/Rahlf/Frahm et al. 2007: 5): Es handelt sich jeweils um eine „proaktive“, „strategische Regionsbildung“ (vgl. hierzu Mäding 2012), während die Bildung der traditionellen Stadtregionen immer eher als „reaktive“ Maßnahme (speziell als Reaktion auf Suburbanisierungstendenzen) zu verstehen ist. Innerhalb von Metropolregionen sollen zuvor nur ansatzweise vorhandene Vernetzungen zwischen den einzelnen Orten (und ihren Verwaltungen, aber auch zwischen ihren jeweiligen zivilgesellschaftlichen Akteuren, speziell Unternehmen) in diversen Bereichen gefördert werden. Auf diese Weise werden wirtschaftliche Vorteile und Synergien für die gesamte Region erzeugt. Hinter dieser Konzeption
5die „Metropolregion Mitteldeutschland“ aus rauMwissenschaftlicher sicht steht der Befund, dass es hierzulande keine Stadt mit den in der Stadtforschung thematisierten Merkmalen bzw. Funktionen einer „richtigen“ Metropole („primate city“ oder „global city“) (Paal 2005: 24 weist darauf hin, dass im angelsächsischen Raum eher von „world cities“ oder „global cities“ gesprochen wird, nicht von „Metropolen“) gibt, mit einer deutlichen Ausstrahlung über die jeweilige Region oder sogar über Deutschland insgesamt hinaus. In diesem Kontext werden als Funktionen von Metropolen und von Metropolregionen zumeist die „Entscheidungsund Kontrollfunktion“, die „Innovationsund Wettbewerbsfunktion“ sowie die „Gateway-Funktion“ angeführt (vgl. Blotevogel 2005: 645). Aufgrund der in Deutschland in der Vergangenheit entstandenen polyzentrischen Raumstrukturen ist zu vermuten, dass Agglomerationsvorteile hierzulande schwächer ausgeprägt sein dürften als in Staaten mit „richtigen“ Metropolen. Gleiches gilt für die internationale Sichtbarkeit der Städte. Als Folge dieser Schwächen, so wird befürchtet, könnten die deutschen Städte und Regionen gegenüber ausländischen Standorten an Wettbewerbsfähigkeit verlieren und die deutsche Wirtschaft könnte insgesamt ins Hintertreffen geraten. Aufgrund der Globalisierungstendenzen wird seit geraumer Zeit speziell hinsichtlich der größten Städte in Deutschland die Meinung vertreten, diese könnten sich aufgrund ihrer vergleichsweise geringen Größe und ihrer fehlenden Wahrnehmung durch gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Akteure im globalen – speziell intra-europäischen – Vergleich gegenüber ausländischen Städten ungünstiger entwickeln. Dies umso mehr, als allgemein das Gewicht traditioneller Standortfaktoren abnimmt und die Existenz von Ballungsvorteilen zunehmend an deren Stelle tritt, wenn es um die Ansiedlung von Unternehmen und privaten Haushalten geht (vgl. Fujita/Thisse 2002). Eine verbesserte Vernetzung innerhalb einer Metropolregion kann entweder dazu beitragen, dass mobile Faktoren sich an einem oder mehreren Orten stärker als zuvor konzentrieren (z.B. Fachkräfte, die aufgrund besserer Information und besserer Verkehrsverbindungen einen von ihrem Wohnort weiter entfernten Arbeitsplatz finden), oder dass durch die intraregionale Vernetzung Ballungsvorteile simuliert werden (die Faktoren und die Produzenten bleiben an ihrem angestammten Ort, kooperieren aber verstärkt mit Unternehmen an einem anderen Ort innerhalb der Metropolregion, die sie vorher nicht als Partner in Erwägung gezogen haben). Darüber hinaus kann ein gemeinsames Label für eine Region das Image und die Sichtbarkeit der einzelnen Orte in der Region nach außen und innen verbessern und damit diese Orte auch als Standorte für private Unternehmen und Haushalte attraktiver machen. Dies gilt in besonderem Maße für Tourismusdestinationen, lässt sich von der Tendenz her aber auch auf alle anderen Orte bzw. Regionen übertragen. Zumeist nicht explizit thematisiert werden mögliche positive Effekte für die kommunale Aufgabenerfüllung. Durch die Verbesserung der räumlichen Integration speziell hinsichtlich der Erreichbarkeit aller Orte innerhalb einer Metropolregion kann der Auslastungsgrad von kulturellen und freizeitbezogenen Einrichtungen verbessert werden. Vor allem der Einzelhandel, Dienstleistungsund Handwerksbetriebe sowie der Immobilienmarkt kommen unter zunehmenden Wettbewerbsdruck, wodurch die Preise auf den entsprechenden Märkten ceteris paribus gesenkt werden.
630 _ „Metropolregion Mitteldeutschland“ aus rauMwissenschaftlicher sicht In räumlicher Hinsicht wurde bei der Umsetzung der zuvor genannten Ideen seit den 1990er Jahren (zunächst) versucht, die Grenzen der Metropolregionen relativ weit zu ziehen, um auf diese Weise möglichst viele Potenziale in die Vernetzungsbeziehungen aufzunehmen und – aus Sicht der Raumordnung auf Bundesebene – nach Möglichkeit nur wenige „weiße Flecken“ zwischen den deutschen Metropolregionen entstehen zu lassen. Analog zu den älteren Ansätzen der Bildung von Stadtregionen sowie allgemein zu Vorhaben der interkommunalen Kooperation müssen für die Realisierung der mit den Metropolregionen verfolgten Zielsetzungen spezielle institutionelle Regelungen (Governance-Regime) etabliert werden, weil das Gebiet der Metropolregionen diverse (weiterhin selbständige) kommunale Gebietskörperschaften umfasst und vielfach über Ländergrenzen hinausgeht. Anders als bei traditionellen Formen der Stadt-Umland-Regelungen wurde bei der Bildung von Metropolregionen zumeist Wert auf das Anliegen gelegt, neben den Gebietskörperschaften auch Vertreter der Wirtschaft (regional bedeutsame Unternehmen, Kammern) sowie der Wissenschaft (Hochschulen, Forschungsinstitute) und von Sportund Kultureinrichtungen als Mitglieder in die Organisationsstrukturen einzubeziehen. Dahinter steht die Absicht, Zugang zum spezifischen Fachwissen dieser Vertreter zu erhalten sowie die Vertreter selbst als Multiplikatoren für die Verbreitung des Metropolregion-Gedankens zu nutzen. Bei der Einrichtung eines Governance-Regimes für eine Metropolregion stellt sich die Frage nach der richtigen Auswahl von institutionellen Regelungen − gerade vor dem Hintergrund der wachsenden Bedenken in der Bevölkerung aber auch seitens der Wissenschaft gegenüber intransparenten, bürokratisch organisierten, anonymen und bürgerfernen staatlichen Instanzen (wie Großkreise und -gemeinden oder auch die EU-Ebene). Maßnahmen auf staatlicher und/oder kommunaler Ebene zur Institutionalisierung von Metropolregionen in Deutschland gibt es seit den 1990er Jahren. Mittlerweile besteht eine Vereinigung von elf (von der MKRO anerkannten) deutschen Metropolregionen, die sich zum „Initiativkreis Europäische Metropolregionen in Deutschland“ („IKM“) zusammengeschlossen haben. Dabei lassen sich tendenziell monozentrische Metropolregionen – in denen jeweils eine Großstadt in Bezug auf Einwohnerzahlen und Wirtschaftsleistung deutlich dominiert, auch wenn es innerhalb der Metropolregion weitere bedeutsame Großstädte gibt – und polyzentrische Metropolregionen – ohne ein solch dominierendes Zentrum – unterscheiden. 2 Forschungsrelevante Spezifika der „Metropolregion Mitteldeutschland“ Die „Metropolregion Mitteldeutschland“ hat in ihren aktuellen Raumgrenzen (Januar 2019)1 mit der Stadt Leipzig zwar tendenziell eine monozentrische Struktur, allerdings ist die Präponderanz der zentral gelegenen Großstadt gegenüber den anderen Städ1 Zu den Mitgliedern der Metropolregion vgl. die Darstellung im Internet, https://www.mitteldeutschland.com/de/page/verzeichnis.
7die „Metropolregion Mitteldeutschland“ aus rauMwissenschaftlicher sicht ten in der „Metropolregion Mitteldeutschland“ erheblich schwächer ausgeprägt als dies in anderen, klassisch-monozentrischen Regionen wie Hamburg, Berlin oder München der Fall ist. Die „Metropolregion Mitteldeutschland“ stellt nicht nur wegen ihrer speziellen räumlichen Konfiguration ein besonders interessantes Experiment und spannendes Untersuchungsobjekt dar. Wie für nahezu ganz Ostdeutschland zeigt sich auch für das Gebiet der „Metropolregion Mitteldeutschland“ noch immer eine allgemeine (vorwiegend transformationsbedingte) wirtschaftliche Schwäche im Vergleich zu Westdeutschland; die mit der Metropolregionsbildung verbundenen wirtschaftspolitischen Zielsetzungen i.S. einer Bündelung aller Kräfte sind für die „Metropolregion Mitteldeutschland“ deshalb von besonderer Bedeutung. Hinzu kommen fehlende Headquarters, fehlende Forschungsund Entwicklungsaktivitäten, Überalterung, Fachkräftemangel, ein negatives Image – damit werden die eingangs angeführten allgemeinen Funktionen von Metropolen von der „Metropolregion Mitteldeutschland“ (als Gesamtheit) bislang allenfalls ansatzweise ausgeübt. Wesentliche Teile der sogenannten Entscheidungsund Kontrollfunktion von Metropolen, nämlich die staatlichen Entscheidungsorgane (speziell: die Landesregierungen), sind außerhalb der „Metropolregion Mitteldeutschland“ angesiedelt. Aufgrund der Schwächen der Wirtschaft ist auch die Standortkonkurrenz in Mitteldeutschland besonders stark ausgeprägt – wodurch Kooperationen zwischen den Kommunen erschwert werden. Zudem ist der Bekanntheitsgrad der ostdeutschen Städte und Regionen auf der nationalen wie internationalen Ebene unverändert niedrig. In Westdeutschland und tendenziell auch im Ausland werden ostdeutsche Städte – außer Berlin als Bundeshauptstadt – noch immer kaum wahrgenommen. Durch die Kooperation könnte dies verändert werden. Es ist auch zu fragen, ob der mitteldeutsche Raum ohne eine Metropolregion überhaupt zukunftsfähig sein kann, wenn entsprechende Strukturen tatsächlich als wesentlich für die regionale Entwicklung eingestuft werden können. Weiterhin haben sich der räumliche Zuschnitt sowie die Governance-Strukturen der „Metropolregion Mitteldeutschland“ bzw. ihrer Vorläufer in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach verändert – hier stellt sich die Frage, inwieweit die gegenwärtigen Strukturen günstiger als die früheren sein können. Hinzu kommt noch als Spezifikum die Verteilung der Mitglieder auf drei Länder (dies gibt es allerdings auch anderswo in Deutschland). In einem Gutachten des Beratungsinstituts KORIS sowie der beiden Leibniz-Institute IÖR und IWH wird die „Metropolregion Sachsendreieck“ – die Vorläufer-Organisation der heutigen „Metropolregion Mitteldeutschland“ – auch als (zumindest potenzielle) „Zukunftswerkstatt für polyzentrische Metropolregionen“ bezeichnet (vgl. Knieling /Rahlf/Frahmet al. 2007: 47). Die Erfahrungen aus dem mitteldeutschen Raum könnten Vorbildcharakter für andere europäische Regionen haben. Schließlich kommt in der aktuellen Bezeichnung der Metropolregion und auch in der derzeitigen räumlichen Abgrenzung der – seit etwa einem Jahrhundert ins Gespräch gebrachte – Gedanke eines grundsätzlich zusammengehörigen mitteldeutschen Wirtschaftsraums um Leipzig und Halle zum Ausdruck. Aus raumwissenschaftlicher Sicht stellt sich die zentrale Frage, ob und inwieweit die mit der Bildung von Metropolregionen verfolgten Zielsetzungen in der „Metropolregion Mitteldeutschland“ bislang bereits realisiert werden konnten: Hat sich die Wahr-
830 _ „Metropolregion Mitteldeutschland“ aus rauMwissenschaftlicher sicht nehmung der Metropolregion bzw. ihrer Mitglieder auf überregionaler sowie internationaler Ebene verbessert? Konnte durch die Bündelung von Potenzialen ein Mehrwert erzeugt werden? Konnten neue Unternehmen (speziell: Headquarters) attrahiert und die Wirtschaftsleistung sowie die Beschäftigung der vorhandenen Unternehmen erhöht werden? Wie steht es um die Ergebnisse der Forschung und Entwicklung? Falls für die gesamte Metropolregion diese Fragen positiv beantwortet werden könnten, wäre weiter zu fragen: Wie ist die räumliche Verteilung der Nutzen, gibt es nur Gewinner oder auch Verlierer? Und was folgt für jene Städte und Kreise in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, die nicht zur Metropolregion gehören? Gerade für die „Metropolregion Mitteldeutschland“ lassen sich diese Fragen aufgrund der in den vergangenen zwei Jahrzehnten erfolgten Veränderungen im Zuschnitt der mitteldeutschen Metropolregion bislang nicht hinreichend mit empirischen Daten beantworten. Aber auch für andere – bereits stärker konsolidierte – Metropolregionen liegen nach derzeitigem Kenntnisstand noch keine entsprechenden Ergebnisse vor. Vor diesem Hintergrund hat die Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) über ihre Landesarbeitsgemeinschaft für die Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen im Jahr 2013 eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich über mehrere Jahre hinweg mit ausgewählten Problemkreisen im Kontext mit der „Metropolregion Mitteldeutschland“ beschäftigt hat. Die Ergebnisse dieser Arbeitsgruppe werden im vorliegenden Sammelband vorgestellt. Der folgende Abschnitt gibt einen Überblick über die einzelnen Beiträge und ihre wesentlichen Ergebnisse. 3 Agenda und Konkretisierung der Forschungsfragen Teil I: Raumwissenschaftliche und institutionelle Grundlagen In seinem grundlegenden Beitrag „Mitteldeutschland – Regionalbegriff und Handlungsraum“ befasst sich Günther Schönfelder mit den Fragen, welche Wandlungen der Begriff „Mitteldeutschland“ im Laufe der Zeit durchlebt hat, und welche historisch und/oder aktuell vorhandenen Gemeinsamkeiten die einzelnen Teilräume des heute zumeist als „Mitteldeutschland“ verstandenen Raums (= die Gesamtheit der drei Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, des südlichen Teils von Nordostdeutschland) aufweisen. Aufgrund dieser Gemeinsamkeiten sowie aktueller Entwicklungen sieht Schönfelder gute Chancen für die Schaffung einer zusammenhängenden räumlichen Gebietseinheit im Umfeld des mitteldeutschen Zentrums um Leipzig und Halle sowie für die damit aus seiner Sicht verbundenen Wohlfahrtsgewinne. Mit der aktuellen Namensgebung als „Metropolregion Mitteldeutschland“ hat der Begriff „Mitteldeutschland“ wieder an Bedeutung und Aktualität gewonnen. Der Weg hin zu dieser Namensgebung und zur jetzigen institutionellen Struktur der „Metropolregion Mitteldeutschland“ war jedoch alles andere als geradlinig. Die heutigen Strukturen der Metropolregion, ihre Genese sowie die Entwicklung von Vorläufer-Einrichtungen seit Beginn der 1990er Jahre werden im Beitrag von Markus Egermann und Jan Opitz erläutert. Die Verfasser gelangen zu dem Fazit, dass die heutigen institutionellen Strukturen der „Metropolregion Mitteldeutschland“ gegenüber den Vorläufer-Regelungen als ein Fortschritt einzustufen sind. Dies wird mit einer höheren Stabilität der
9die „Metropolregion Mitteldeutschland“ aus rauMwissenschaftlicher sicht heutigen Regelungen begründet, die u.a. auf die fest an einem Ort befindliche Metropolregions-Geschäftsstelle, die Einbeziehung von Partnern aus der Wirtschaft und die räumliche Konzentration der Metropolregions-Mitglieder auf den mitteldeutschen Kernraum (und die hierdurch bedingte Verminderung der Konfliktpotenziale) zurückgeführt wird. Teil II: Funktionale Raumbeziehungen in Mitteldeutschland Für die räumliche Abgrenzung von Regionen wie auch von Gebietskörperschaften spielen die funktionalen Beziehungen zwischen einzelnen Raumeinheiten eine wesentliche Rolle. In funktionalen Beziehungen kommt die wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammengehörigkeit zwischen den Raumeinheiten zum Ausdruck. Aus wirtschaftspolitischer Sicht spricht vieles dafür, zur Optimierung der wirtschaftlichen Leistungskraft für eine Abstimmung oder Vereinheitlichung von institutionellen Regelungen und politischen Maßnahmen innerhalb von funktionalen Regionen zu sorgen. Drei Beiträge zu dieser Thematik – bezogen auf den mitteldeutschen Gesamtraum der drei Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen – sind von Mitgliedern der Arbeitsgruppe vorgelegt worden: Albrecht Kauffmann geht mit seinem Beitrag explizit der Frage nach: Ist die „Metropolregion Mitteldeutschland“ eine räumlich integrierte Region? Er liefert hierzu Antworten auf der Basis einer empirischen Untersuchung von Berufspendlerverflechtungen. Im Ergebnis zeigt sich, dass Pendlerströme über Ländergrenzen hinweg vergleichsweise schwächer sind als Pendlerströme innerhalb der drei mitteldeutschen Länder. Über die Ländergrenzen hinaus stark ausgeprägt sind allerdings die Ströme zwischen Halle und Leipzig. Hieraus ließe sich ableiten, dass die frühere Metropolregion „Halle/ Leipzig-Sachsendreieck“ am ehesten mit den Pendlerströmen übereinstimmen dürfte; alternativ könnte auch eine Beschränkung der metropolitanen Kooperation auf Halle und Leipzig mit den Pendlerdaten begründet werden. Martin T.W. Rosenfeld und Christoph Hornych untersuchen unter der Überschrift „Wie vernetzt sind die privaten Firmen in Mitteldeutschland?“ die räumlichen Muster der Kooperation im Rahmen der Gesamtheit der Formellen Unternehmensnetzwerke (FUN) in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und gelangen hinsichtlich der funktionsräumlichen Verflechtungen zu teilweise ähnlichen Ergebnissen wie Kauffmann. Es wird gezeigt, dass der Faktor Distanz für die FUN tatsächlich eine Rolle spielt, aber nur für die Ebene der Stadtregionen, nicht für die Ebene der Kernstädte und ebenfalls nicht hinsichtlich der Wahl von Netzwerkpartnern in eng benachbarten Städten. Die Landesgrenzen spielen eine wesentliche Rolle für die Reichweite der FUN. Magdeburg hat innerhalb Mitteldeutschlands eine sehr isolierte Position inne, während Dresden eine Stadt der Netzwerke mit Verbindungen zu allen anderen Städten ist. Diese Ergebnisse können für die zukünftige Abgrenzung der „Metropolregion Mitteldeutschland“ von Bedeutung sein. Für Magdeburg kann eine Position außerhalb der Metropolregion – entsprechend der heutigen Realität – der gegebenen wirtschaftlichen Struktur angemessen sein. Für Dresden lässt sich einerseits sagen, dass die Stadt auch ohne formelle Verbindungen zur Metropolregion im Rahmen der FUN gut positioniert ist. Andererseits ist, aus Sicht der heutigen Mitglieder der Metropolregion, Dresden ein sehr wichtiger Partner.