Gedanken zum Stand und zu den Perspektiven der Raumplanung in Deutschland
Abstract
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Full text
Scholich, Dietmar Book Part Gedanken zum Stand und zu den Perspektiven der Raumplanung in Deutschland Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Scholich, Dietmar (2014) : Gedanken zum Stand und zu den Perspektiven der Raumplanung in Deutschland, In: Küpper, Patrick Levin-Keitel, Meike Maus, Friederike Müller, Peter Reimann, Sara Sondermann, Martin Stock, Katja Wiegand, Timm (Ed.): Raumentwicklung 3.0 - Gemeinsam die Zukunft der räumlichen Planung gestalten, ISBN 978-3-88838-385-4, Verlag der ARL - Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Hannover, pp. 7-14, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0156-3854015 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/102896 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/
Dietmar Scholich Gedanken zum Stand und zu den Perspektiven der Raumplanung in Deutschland URN: urn:nbn:de:0156-3854015 CC-Lizenz: BY-NC-ND 3.0 Deutschland S. 7 bis 14 Aus: Patrick Küpper, Meike Levin-Keitel, Friederike Maus, Peter Müller, Sara Reimann, Martin Sondermann, Katja Stock, Timm Wiegand (Hrsg.) Raumentwicklung 3.0 – Gemeinsam die Zukunft der räumlichen Planung gestalten 15. Junges Forum der ARL 6. bis 8. Juni 2012 in Hannover Arbeitsberichte der ARL 8 Hannover 2014
Gedanken zur Raumplanung 7 Dietmar Scholich Gedanken zum Stand und zu den Perspektiven der Raumplanung in Deutschland Gliederung 1 Raumplanung ist etwas Wunderbares – aber: Die Raumplanung, das (weitgehend) unbekannte Wesen 1.1 Einzigartige Produkte, besondere Funktionen und Aufgaben 1.2 Defizite und Grenzen der Raumplanung 2 Stellenwert der Raumplanung – eine Achterbahnfahrt 3 Herausforderungen en masse – Aufgaben der Raumplanung 3.1 Nachhaltige Raumentwicklung 3.2 Biodiversität – Flächeninanspruchnahme 3.3 Demografischer Wandel – Sicherung der Daseinsvorsorge 3.4 Energiewende – Klimaschutz 4 Perspektiven – Raumplanung, wer sonst? Literatur Kurzfassung Raumplanung ist eine unverzichtbare öffentliche Aufgabe. Denn wer sonst trägt für eine nachhaltige Raumentwicklung Sorge, sichert trotz aller Ungewissheiten langfristige Entwicklungsmöglichkeiten für künftige Generationen, koordiniert die vielschichtigen und oft konträren Ansprüche an Grund und Boden? Allerdings fehlt es der Raumplanung an Standing; sie ist ein in der Gesellschaft weitgehend unbekannter Aufgabenbereich. Sie steht nicht im Zentrum des politischen Geschehens, sondern wirkt eher im Verborgenen. Das sind Gründe, warum zeitlich betrachtet der Stellenwert der Raumplanung regelmäßig zwischen Hügelkuppe und Talsohle pendelt, unterschiedlich ausgeprägt in den einzelnen Teilräumen. Derzeit kann es überwiegend nur aufwärts gehen. Und warum das wegen der sich verschärfenden räumlichen Herausforderungen (hoffentlich) so sein wird, zeigt dieser Beitrag in der vorgegebenen Kürze auf und umreißt Möglichkeiten einer strategischen Neuausrichtung der Raumplanung. Schlüsselwörter Raumplanung – Regionalplanung – Nachhaltige Raumentwicklung – Flächeninanspruchnahme – Demografischer Wandel – Sicherung der Daseinsvorsorge – Energiewende – Klimaschutz
Gedanken zur Raumplanung 8 Thoughts on the Current Status and Perspectives of Spatial Planning in Germany Abstract Spatial planning is an indispensable public task. Who else, if not the public sector, would take care of sustainable spatial development? Who else would be available to safeguard long-term development potentialities for future generations despite all the contingencies? Who else would be there to coordinate the many-faceted and often contrary demands on land? Despite all these positive features, spatial planning lacks a certain standing. As an area of responsibility, it actually remains widely unknown to society. Spatial planning does not find itself at the centre of political life – instead, its actions mostly occur in the background and remain hidden from view. This helps explain why the significance of spatial planning has fluctuated greatly over time (varying strongly in different sub-areas). Presently, it would be fair to say that the only way is up. This article argues that we can, in fact, (hope to) expect such an upward trend in the future, mainly because of the increasing severity of spatial challenges. Moreover, it outlines the opportunities for a strategic realignment of spatial planning. Keywords Spatial planning – regional planning – sustainable spatial development – land use – demographic change – safeguarding public services – energy transition – climate protection 1 Raumplanung ist etwas Wunderbares – aber: Die Raumplanung, das (weitgehend) unbekannte Wesen Raumplanung hat sich als öffentliche Aufgabe über Jahrzehnte hinweg bewährt. Dazu hat beigetragen, dass sich Raumplanung auf den verschiedenen Ebenen ein facettenreiches Instrumentarium zugelegt hat, wie Pläne und Programme mit rechtsverbindlichen Zielen, mit denen beispielsweise die Siedlungsentwicklung in Zentralen Orten und an Haltepunkten des öffentlichen Personennahverkehrs konzentriert werden kann. Aber sie hat auch ihr traditionelles, formell-rechtliches Instrumentarium regelmäßig um informelle, konsensorientierte planerische Ansätze ergänzt, z. B. in Gestalt von Regionalkonferenzen oder von Regionalen Entwicklungsund Handlungskonzepten. 1.1 Einzigartige Produkte, besondere Funktionen und Aufgaben Die Raumplanung nimmt politische und gesellschaftliche Funktionen wahr, bei denen nur sie die Kompetenz besitzt. Sie sorgt als neutrale Instanz für die Koordination der unterschiedlichen Ansprüche der Fachpolitiken und der Öffentlichkeit an den Raum und für einen fairen Interessenausgleich. Neutralität ist gerade in Zeiten wachsender Sektoralisierung ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Durch ihre verbindlichen Festlegungen in Plänen und Programmen schafft Raumplanung Planungsund Rechtssicherheit für alle öffentlichen und privatwirtschaftlichen Standortentscheidungen. Raumplanung sichert langfristig Flächen, Standorte und Trassen. Mit dieser Zukunftsorientierung schafft sie Grundlagen für eine nachhaltige Raumentwicklung und erhält künftigen Generationen Entwicklungsund Handlungsoptionen (Priebs/Scholich 2005: 9). Sie betreibt Qualitätssicherung, indem sie wichtige Beiträge zur Reduzierung der Flächeninanspruchnahme zu Lasten der Freiräume und zur Verhinderung der Zersiedlung des Raumes beisteuert.
Gedanken zur Raumplanung 9 Dahinter verbergen sich komplexe und schwierige Aufgaben. Denn die Bedürfnisse der Gesellschaft wachsen ständig, meist zulasten von Natur, Landschaft und Freiraum. Deshalb müssen im Sinne einer nachhaltigen Raumentwicklung die gesellschaftlichen Werthaltungen und die langfristige Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen miteinander in Einklang gebracht, vorhandene raumwirksame Konflikte zwischen beiden Bereichen abgebaut und neue Konflikte möglichst schon im Ansatz verhindert werden. Dabei ist wichtig, dass die Raumplanung Teilaspekte und Probleme stets in den Gesamtzusammenhang stellt, im Gegensatz zu anderen Planungsinstitutionen wie den Fachplanungen, die in der Regel nur ihre fachliche Teilmenge betrachten (Scholich 2008: 477). Allerdings braucht die Raumplanung die Fachplanungen als Partner und Lieferant wichtiger Informationen. Ebenso benötigen die raumbedeutsamen Fachplanungen die gesamträumliche Planung. Denn Fehlentwicklungen und Fehlinvestitionen im Raum können nur durch koordinierte, aufeinander abgestimmte Raumnutzungen und Standortentscheidungen vermieden werden. 1.2 Defizite und Grenzen der Raumplanung Die Raumplanung hat ein massives Imageproblem. Die gesellschaftliche Bedeutung des planerischen Koordinierungsauftrags ist in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Nur Insider wissen von der Interdisziplinarität der Raumplanung, von ihrer sektorübergreifenden Handlungsfähigkeit, von ihrer vorsorgenden Leistungsfähigkeit z. B. bei der Risikovorsorge oder beim nachhaltigen Schutz der Ressourcen (ARL 2007: 4), von ihrer Rolle als neutraler Koordinator, Mittler, Krisenmanager, Diplomat etc. (Scholich 2008: 478). Aktuelle Beispiele im Zusammenhang von Infrastrukturgroßprojekten aus dem Verkehrsund Energiesektor zeigen, dass die Öffentlichkeit nach wie vor zu wenig und/oder zu spät in die Planungsprozesse einbezogen wird. Öffentlichkeitsbeteiligung darf nicht als lästige Pflichtaufgabe betrachtet, sondern muss als Chance einer besseren gesellschaftlichen Wahrnehmung und Akzeptanz begriffen werden (Vallée/Brandt/Fürst et al. 2012: 179). Das Bemühen, die sprachliche Verständigung seitens der Raumplanung zu verbessern, ist vielfach im Ansatz steckengeblieben. Imageprobleme hat die Raumplanung nicht nur in der Öffentlichkeit. In Teilen der Wirtschaft wird sie noch viel zu oft als die Stellschraube innerhalb eines Prozesses gesehen, die Vorhaben verhindert, verkompliziert und verzögert. Manche Fachplanungen empfinden die raumplanerischen Festlegungen als „Regelungswut“ und die Koordination der Raumplanung als „Top-down-Prozess“ (Scholich 2010: 181). Die Kommunen sind neben den raumbedeutsamen Fachplanungen die wichtigsten Partnerinnen der Regionalplanung. Ihrer Ansicht nach fischt die überörtliche Planung mancherorts in „fremden Gewässern“. Durch die Privatisierung einer Reihe von Infrastrukturaufgaben, wie z. B. Bahn, Versorgung mit Strom, Gas und Wasser über Leitungen sowie die Telekommunikationsinfrastruktur, wird das Verhältnis zwischen Raumplanung und Fachplanungen keineswegs einfacher. Die Raumplanung hat es mit privatrechtlichen Unternehmen zu tun, die nicht unmittelbar den Regelungen des Raumplanungsrechts unterworfen sind, sich allerdings im Rahmen der für ihre Anlagen erforderlichen Genehmigungen mit den Zielen und Grundsätzen der Raumplanung auseinandersetzen müssen. Da Private ansonsten nach eigenen Spielregeln verfahren, ihnen schon das Grundverständnis für die raumplanerischen Zusammenhänge und Ziele fehlt und sie vorrangig ökonomische Ziele verfolgen, ist der öffentliche Gestaltungsanspruch der räumlichen Planung schwieriger zur Geltung
Gedanken zur Raumplanung 10 zu bringen. Der Anspruch einer nachhaltigen Planung sowie einer Sicherung gleichwertiger Lebensverhältnisse lässt sich vor dem Hintergrund nicht erfüllen (Vallée 2011: 584). Regelmäßig und schnell an Grenzen stößt Raumplanung vor allem in den Teilräumen, die aufgrund der organisatorischen Rahmenbedingungen sowie der personellen und finanziellen Ausstattung unzureichende Voraussetzungen für ein erfolgreiches planerisches Handeln bieten (Vallée 2012b: 5). Dann kann es bereits bei der Koordinierungsaufgabe zu Problemen kommen. Noch schwieriger gestalten sich Umsetzungsmaßnahmen. 2 Stellenwert der Raumplanung – eine Achterbahnfahrt Was den Stellenwert von Raumplanung in der Gesellschaft anbelangt, befindet sich räumliche Planung vor allem auf Bundesund Landesebene auf einer zeitlichen Achterbahnfahrt. Teilweise trifft das auch für die Regionalplanung zu. Höhen und Tiefen wechseln sich ab, hier weniger, dort mehr. Zwischen Mitte der 1950er und 1960er Jahre erlebte die Raumplanung in Deutschland eine erste Blütezeit, gespeist vor allem durch eine allgemeine Hochschätzung der Planung als Steuerungsinstrument. Die Euphorie der politischen Planung setzte sich bis Anfang der 1970er Jahre fort. Danach schlitterte die Raumplanung schrittweise in die Krise. In einigen Ländern wurde raumplanerisch der Rückwärtsgang eingelegt, und man zog sich aus der Steuerung der Siedlungsentwicklung zurück. Die Skepsis gegenüber jeder vorausschauenden Planung erreichte Mitte der 1970er Jahre einen vorläufigen Höhepunkt. Gleichzeitig nahm das Selbstbewusstsein der Gemeinden zu. Es kam zu einem Erstarken der Fachplanungen (Borchard/Scholich 2006: 502 ff.). Nach weiteren Zyklen, von denen man nie wusste, wie lange sie dauern werden, ist die Raumplanung derzeit wieder an einer Talsohle angelangt. In den letzten Jahren ist Raumplanung vor allem beim Bund und auf Länderebene institutionell und instrumentell schrittweise politisch entwertet, eher „zahnlos“ geworden und in Richtung „Marginalisierung“ unterwegs (Durner 2009). Vielerorts wurde sie auf eine restriktiv wirkende Raumplanung reduziert, zudem noch außerhalb der politischen und administrativen Hauptstrukturen angesiedelt und ohne ausreichende Einbindung sowohl in die stark nach Ressortgrenzen abgeschottete politische Meinungsbildung als auch in den Vollzug (fehlende Umsetzungsressourcen) (ARL 2007: 4). Andernorts ist Raumplanung freiwillig abgetaucht oder hat die ihr gebotenen Chancen nicht genutzt, wie die Ausweitung raumplanerischer Aktivitäten auf die maritimen Bereiche oder die Ausweisung großräumiger Höchstspannungstrassen aufgrund der Neuausrichtung der Energiepolitik. Vor dem Hintergrund ist von „ungenügender Problemlösungskompetenz“ der Raumplanung die Rede und wird ihr gar pauschal „Versagen“ vorgeworfen (Weichhart 2012: 40). 3 Herausforderungen en masse – Aufgaben der Raumplanung Die Gesellschaft muss Antworten finden für Herausforderungen, die nicht alle neu sind, für die aber bislang keine zufriedenstellenden Lösungen gefunden werden konnten: Nachhaltige Entwicklung, Rückgang der Biodiversität, Flächeninanspruchnahme, Klimaschutz und Anpassung an die Folgen des Klimawandels, Risikomanagement, demografischer Wandel, Sicherung der Daseinsvorsorge, Energiewende etc. Raumplanung muss sich an der Suche nach Antworten und Lösungen beteiligen. Insofern verlieren raumund raumplanungsbezogene Problemstellungen nicht, sondern gewinnen eher an Bedeutung. Diese Herausforderungen bieten Chancen für die Raumplanung allgemein und für die bessere Ausschöpfung ihres Koordinationspotenzials in der Zukunft (Scholich 2010: 185). Auf einige der Herausforderungen wird nachfolgend in aller Kürze eingegangen.
Gedanken zur Raumplanung 11 3.1 Nachhaltige Raumentwicklung Die langfristige Entwicklung, Ordnung und Sicherung der Teilräume mit dem Leitziel einer nachhaltigen Raumentwicklung ist die wohl wichtigste Aufgabe, die in der Weise nur die Raumplanung leisten kann. Die Nachhaltigkeitsthematik wird modernen Gesellschaften dauerhaft erhalten bleiben, denn mit Blick auf die nachfolgenden Generationen gibt es keine Alternative, als die Wirtschafts-, Sozialund Raumstrukturen an den Grundsätzen einer nachhaltigen Raumentwicklung auszurichten. Nachhaltige Raumentwicklung ist tragendes Fundament und Verpflichtung einer ethisch verstandenen Raumplanung, die generationsübergreifende Verantwortung für die ökologische, ökonomische, soziale und kulturelle Entwicklung bündelt (vgl. Lendi/Hübler 2004). 3.2 Biodiversität – Flächeninanspruchnahme Besonders in den dynamischen Städten und Stadtregionen hält die Inanspruchnahme von Freiflächen für neue Siedlungen und Anlagen des Verkehrs unvermindert an. Der Flächenverbrauch führt regelmäßig zur Zersiedelung und Zerschneidung der Landschaften, zur Versiegelung von Flächen, zur Verlärmung und Verschmutzung auch größerer Räume sowie zum Verlust der Biodiversität. Biologische Vielfalt aber benötigt Lebensräume, konkrete Flächen und eine bestimmte Nutzung bzw. das bewusste Unterlassen von Nutzungen. Bei der Sicherung der biologischen Vielfalt hat Raumplanung eine besondere Verantwortung, denn die Raumplanung steuert die Flächennutzung. Die Raumplanung hat für ihren Verantwortungsbereich Instrumente und Strategien entwickelt, die bei konsequenter Anwendung zu einem Gegensteuern beitragen können. Beispiele sind die konsequente Verfolgung einer geordneten Flächenhaushaltspolitik mit Flächenbilanzen und Flächenkontrollberichten, Standortvorsorgekonzepte, Flächenmanagementkonzepte, der Vorrang der Innenvor der Außenentwicklung oder das Flächenrecycling (ARL 1987; ARL 1999; ARL 2004; Scholich 2003; Scholich 2005). Allerdings kann die Raumplanung die Zersiedlung der Lebensräume und den Rückgang der Artenvielfalt nicht allein verhindern. Alle raumbedeutsamen Politikbereiche müssen hier ihre Beiträge liefern. 3.3 Demografischer Wandel – Sicherung der Daseinsvorsorge Was für die Flächenproblematik gesagt wurde, gilt erst recht für den demografischen Wandel und seine räumlichen Auswirkungen. Raumplanung hat nur bedingt Einflussmöglichkeiten. Sie kann den Ablauf der demografischen Prozesse fachlich begleiten, um langfristigen Fehlallokationen im Raum entgegenzuwirken. Sie kann die Politik frühzeitig beraten sowie den Kommunen und den Trägern von Infrastrukturen die Zusammenarbeit anbieten mit dem Ziel, maßgeschneiderte, raumspezifische Strategien und Konzepte zu erarbeiten (Scholich 2010: 186). Mit ihren Strategien, Programmen und Instrumenten kann die Raumplanung dafür Sorge tragen, dass trotz der demografischen Umwälzungen mit Blick auf das gesellschaftliche Leitbild gleichwertiger Lebensbedingungen auch in besonders betroffenen, vor allem ländlichen Räumen eine infrastrukturelle Basisausstattung (Daseinsvorsorge) sichergestellt werden kann. Durch den Bevölkerungsrückgang kommt es mancherorts zur Unterschreitung der Mindesttragfähigkeiten und Unterauslastung von Infrastrukturen. Damit verbunden sind Kostensteigerungen pro erbrachter Dienstleistungseinheit für öffentliche und private Einrichtungen. Letztere ziehen sich infolgedessen aus dem Markt zurück. Die öffentlichen Anbieter sind zu Anpassungen und teilweise zum Rückbau gezwungen. Auch bzw.
Gedanken zur Raumplanung 12 gerade beim Rückbau der Infrastruktur bleibt das Prinzip der räumlichen Bündelung der Einrichtungen in Zentralen Orten unverzichtbar (Fürst 2010: 198). Teilweise ist bereits begonnen worden, die Zahl der Zentralen Orte zu überprüfen und bei geringen Tragfähigkeiten innovative Versorgungsangebote, z. B. in Form von mobilen Diensten, zu entwickeln. 3.4 Energiewende – Klimaschutz Erneuerbare Energien sind auf dem Vormarsch. Allerdings muss es um einen umweltund naturverträglichen Ausbau von erneuerbaren Energien gehen. Denn auch sie verändern die Kulturlandschaften. Sie stehen in Flächennutzungskonkurrenz zu bestehenden Raumnutzungen und können zu erheblichen Eingriffen in die Landschaftsökologie und Landschaftsmorphologie führen. Zudem kommt es in zahlreichen Teilräumen zu einem verstärkten Umbruch von Grünland, um Mais und andere Pflanzen für die Belieferung von Biogasanlagen anzubauen. Das hat nicht selten den weiteren Rückgang der Arten, die Beeinträchtigung der Wasserund Bodenqualität und die Freisetzung von Treibhausgasen zur Folge. Gerade bei der Windenergie hat die Raumplanung durch die Festlegung von Vorrang-, Eignungsund Ausschlussgebieten Steuerungsmöglichkeiten und nutzt diese auch. Vor allem die Regionalplanung ist gefordert, in Zusammenarbeit mit der Fachplanung ein Regionales Entwicklungskonzept zur Steuerung der Windkraftstandorte und zur Nutzung regenerativer Energien insgesamt zu erarbeiten. Dieser informelle und kooperative Prozess sollte in der Übernahme des Konzepts in das Regionale Raumordnungsprogramm der betreffenden Region münden, damit die fachlichen Aussagen zur Energienutzung Verbindlichkeit erlangen. 4 Perspektiven – Raumplanung, wer sonst? Es ist weit verbreitete Meinung, dass sich die Konflikte zwischen den Raumansprüchen verschärfen und die Wechselwirkungen beispielsweise zwischen demografischem Wandel und Klimawandel und zwischen Energieversorgung und Kulturlandschaftsentwicklung zunehmen werden. Diese Problemstellungen erfordern eine umfassende, integrierende, überörtliche Sicht auf den Raum, um Veränderungen besser vorhersagen und Lösungsmöglichkeiten mit Blick auf eine nachhaltige Raumentwicklung schneller erkennen zu können; eine Sicht, die in der Regel den Fachplanungen fehlt (Scholich 2010: 190). Ohne Raumplanung, ihre Instrumente und Erfahrungen wird z. B. die Energiewende mit der erforderlichen Sicherung von geeigneten großräumigen Trassen nicht gelingen. Vor dem Hintergrund wird die Raumplanung in der Zukunft vermehrt bei den sich verschärfenden Konflikten zwischen unterschiedlichen Raumansprüchen vermitteln und koordinieren müssen. Damit Raumplanung in der Zukunft ihre Aufgaben für die Gesellschaft erfüllen und die ihr zustehende Anerkennung finden kann, sollte das allgemeine Klagelied über den Abbau von Planung verstummen. Vielmehr muss der Blick nach vorn gerichtet werden und die neuen Aufgaben müssen in Angriff genommen werden. Dringlich sind eine kritische Bestandsaufnahme und Analyse der raumplanerischen Instrumente, Verfahren, Konzepte und Strategien, um Effizienzsteigerungen und Verbesserungen zu erzielen. Dazu gehört die strategische Ausrichtung der Raumplanung, insbesondere auf der regionalen Ebene (vgl. ARL 2011; Vallée 2012a). „Regionalplanung könnte Raumplanung retten, wenn sie mehr strategische Planung betreibt und dabei offensiver Raumentwicklung ins Visier nimmt“ (Fürst 2012). Wichtig sind hier zum einen die stärkere Betonung der Gestaltungs-
Gedanken zur Raumplanung 13 und Entwicklungsaufgaben, Leitbilder als Gerüst und strategische Projekte. Zum anderen muss die bisher überwiegend praktizierte Kommunikationsund Beteiligungskultur überdacht und das üblicherweise herangezogene Akteursspektrum aufgeweitet werden. Der Erfolg von Planung hängt maßgeblich davon ab, wichtige Schlüsselakteure frühzeitig zu beteiligen (innovative Governance-Modelle). Zudem sind Monitoring und Wirkungskontrolle keineswegs überall Standard, um bei Bedarf die Planung neu auszurichten. Ohne adäquate personelle und finanzielle Ausstattung kann das von der Raumplanung nicht geleistet werden, selbst wenn sie sich bezüglich ihres generellen Problemlösungsanspruchs ein gutes Stück zurücknimmt (Altrock 2012). Literatur Altrock, U. (2012): Das Ende der Angebotsplanung? Instrumente der Planung im Wandel. Vortrag bei der Tagung des Jungen Forums der ARL am 06.06.2012. Hannover. ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.) (1987): Flächenhaushaltspolitik. Ein Beitrag zum Bodenschutz. = Forschungsund Sitzungsberichte der ARL 173. Hannover. ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.) (1999): Flächenhaushaltspolitik. Feststellungen und Empfehlungen für eine zukunftsfähige Raumund Siedlungsentwicklung. Hannover. = Forschungsund Sitzungsberichte der ARL 208. ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (2004): Flächenhaushaltspolitik. Ein Beitrag zur nachhaltigen Raumentwicklung. Hannover. = Positionspapier aus der ARL 58. ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (2007): Wir leben regional. Es ist Zeit für eine gut funktionierende Regionalentwicklung. Hannover. = Positionspapier aus der ARL 74. ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (2011): Strategische Regionalplanung. Hannover. = Positionspapier aus der ARL 84. Borchard, K.; Scholich, D. (2006): 60 Jahre Akademie für Raumforschung und Landesplanung. Ausgewählte Etappen der Raumentwicklung und Raumpolitik im Spiegel von raumwissenschaftlicher Forschung und Beratung. In: Raumforschung und Raumordnung 64 (6), 498-511. Durner, W. (2009): Raumplanerische Koordination aus rechtlicher Sicht. Vortrag bei der Wissenschaftlichen Plenarsitzung der ARL am 18./19.06.2009. Mainz. Fürst, D. (2010): Raumplanung. Herausforderungen des deutschen Institutionensystems. Detmold. Fürst, D. (2012): Kann die Regionalplanung die Raumplanung retten? Vortrag bei der Tagung des Jungen Forums der ARL am 08.06.2012. Hannover. Lendi, M.; Hübler, K.-H. (Hrsg.) (2004): Ethik in der Raumplanung. Zugänge und Reflexionen. Hannover. = Forschungsund Sitzungsberichte der ARL 221. Priebs, A.; Scholich, D. (2005): Raumplanung heute. In: Verband Deutscher Schulgeographen e. V. (Hrsg.): Raumplanung heute – Hintergründe, Herausforderungen, Perspektiven. Bretten, 8-11. Scholich, D. (2003): Flächenverbrauch – ohne öffentliches Interesse? In: Zibell, B. (Hrsg.): Zur Zukunft des Raumes. Frankfurt am Main, 33-48. = Stadt und Region als Handlungsfeld 1. Scholich, D. (2005): Flächenhaushaltspolitik. In: ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.): Handwörterbuch der Raumordnung. Hannover, 308-314. Scholich, D. (2008): Die Rolle der Raumplanung in der Gesellschaft. In: Raumforschung und Raumordnung 66 (6), 475-485. Scholich, D. (2010): Planungen für den Raum zwischen Integration und Fragmentierung. In: Scholich, D.; Müller, P. (Hrsg.): Planungen für den Raum zwischen Integration und Fragmentierung. Frankfurt am Main, 173-193. = Stadt und Region als Handlungsfeld 9.