Märkte ohne Preise: Warum sie existieren und wie man sie verbessern kann
Abstract
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Full text
Kübler, Dorothea Article Märkte ohne Preise: Warum sie existieren und wie man sie verbessern kann WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung Provided in Cooperation with: WZB Berlin Social Science Center Suggested Citation: Kübler, Dorothea (2023) : Märkte ohne Preise: Warum sie existieren und wie man sie verbessern kann, WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung, ISSN 2943-6613, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Berlin, Iss. 181 (3/23), pp. 16-19, https://bibliothek.wzb.eu/artikel/2023/f-25754.pdf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/327853 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Märkte ohne Preise Warum sie existieren und wie man sie verbessern kann Beim Geld hört die Freundschaft auf, weiß der Volksmund. Und tatsächlich scheint eine Gesellschaft nicht attraktiv, in der Gesundheit, Bildung oder Liebe zu kaufen wären. Der gänzliche Verzicht auf Geld ist allerdings auch keine Lösung – schnell fehlen Anreize und Struktur; Mangel und Marktversagen sind oft die Folge. Es braucht ein passendes SystemfürdenAustauschvonWarenundDienstleistungen.Beider Ausgestaltung helfen Experimente und ökonomische Theorien. Dorothea Kübler Viele Märkte funktionieren nach einem einfachen Prinzip: Man bekommt, was man will, wenn man dafür bezahlt. Es gibt aber auch Märkte, auf denen man ausgewählt werden muss. Solche Selektionsprozesse findengeradebeiwichtigenGüternund Dienstleistungen statt. So fallen zum Beispiel die Zulassung zu Schulen, die Vermittlung von Arbeitsplätzen, die Zuteilung von Organen und in vielen Fällen auch die Wahl von LebenspartnerInnen in die Klasse der sogenannten Matching-Märkte. Auf diesen Märkten bestimmt eben gerade nicht Geld über die Verteilung, sondern es gibt andere Kriterien, nach denen ausgewählt wird: Leistungsfähigkeit, soziale Merkmale, medizinische Kriterien oder auch Liebenswürdigkeit und Aussehen. Der Ausschluss von Geld als Kriterium für die Zuteilung ist vielfach gut begründet. Wenn Gesundheitsleistungen und Bildungschancen an die Meistbietenden verkauft werden, erscheint uns das moralisch fragwürdig. Man kann sich ja noch nicht mal einen Platz in der Schlange vor dem Kino kaufen, und bei wichtigeren Gütern sollte es dann auch nicht möglich sein. Andererseits ist es gängige Praxis, für den beschleunigten Zugang zu einem Flugzeug zu bezahlen. Das wirft die Frage auf: Was genau ist eigentlich problematisch an der Verteilung von Gütern mit Hilfe von Preisen? Zum Teil spiegeln die moralischen Urteile, die hier zum Zuge kommen, unsere sozialen Konventionen und unsere Vorstellungen von Gleichheit wider. So soll verhindert werden, dass die Verwendung von Geld als AustauschmediumzurAusbeutungfinanziellschwacher Personen führt und den Reichen Macht verschafft. Eine Gesellschaft, in der die Befriedigung zentraler Bedürfnisse der Menschen von derenfinanziellenMittelnabhängt,widerspricht unseren Vorstellungen einer gerechten Ordnung. Weil Bildung und Gesundheit die Grundlage für ein erfülltes Leben und für soziale Teilhabe sind, besteht eine gesellschaftliche Verpflichtung,allenBewohnerInneneinesLandes Zugang zu diesen Gütern zu gewährleisten – unabhängig von ihrer Finanzkraft. Es gibt eine weitere wichtige Begründung für den Ausschluss von Zahlungen: Es soll verhindert werden, dass Geld gewisse Aktivitäten und Dinge zu sehr versachlicht, indem es sie nach 16 | Mitteilungen Heft 181 September 2023
ihrem Marktwert vergleichbar macht. Eine solche Vereinheitlichung könnte, so ist die Befürchtung, den intrinsischen Wert und dadurch die Bedeutung von Dingen oder Tätigkeiten vermindern oder zerstören. Hierfür ist die Partnerwahl ein gutes Beispiel, das Argument ist aber auch auf viele Gesundheitsoder Bildungsgüter anwendbar. So sinnvoll die Ablehnung von Geld als Tauschmittel in bestimmten Kontexten ist: Sie führt auch zu Problemen. Erstens wird es dadurch schwieriger, Anreize für die Bereitstellung der entsprechenden Leistungen zu schaffen. Das führt zu Knappheit und Mangellagen. Um einen solchen Mangel zum Beispiel bei Schulund Universitätsplätzen zu vermeiden, müssen dieseöffentlichfinanziertwerden.AuchimGesundheitssystemsinddieKonsequenzenweitreichend; es wird durch ein komplexes Zusammenspiel öffentlicher und privater Finanzierung aufrechterhalten. Für große BereichedesGesundheitssystems,wiedieVersorgung mit Spenderorganen, konnte der Mangel allerdings nie ausgeräumt werden. Das zweite Problem, das durch den Verzicht auf Geld entsteht, liegt in der Notwendigkeit, die Zuteilung von Gütern und Dienstleistungen zu organisieren: Ohne Preise gibt es keinen Automatismus, der dafür sorgt, dass die richtigen Personen den Zuschlag erhalten. Selbst mit Preisen funktioniert das nicht immer, aber der Preismechanismus kann unter bestimmten UmständenfüreineeffizienteVerteilungsorgen. Bei Verteilungsproblemen ohne Geld ist Marktversagen dagegen weitverbreitet – man denke nur an die unbesetzten Studienplätze in Deutschland aufgrund von langwierigen Nachrückverfahren oder die Zuteilung von Schulplätzen an Familien, deren Kinder die Kriterien weniger umfassend erfüllen als andere. Auch die tragische Situation, dass gespendete Organe nicht rechtzeitig zugeteilt und damit verschwendet werden, illustriert dieses Problem. Drittens besteht, wenn Güter knapp sind und Geld keine Rolle spielen soll, immer die Gefahr von Schwarzmärkten. Der Philosoph Michael Walzer beschreibt dies mit dem Bild, dass Geld dort „einsickert“, wo es nicht hingehört. Das kann man etwa bei der Bezahlung für das Erlangen von öffentlichen Ämtern beobachten, oder beim Kauf von Studienplätzen, oder bei der Bezahlung für Termine bei Konsulaten und Ämtern. Die Erforschung von erfolgreichen Verteilungsverfahren tut also not. Die Wirtschaftswissenschaft hat sich seit der Begründung der Matching-Theorie durch die Mathematiker DavidGaleundLloydShapleyeingehendmit Märkten ohne Geld beschäftigt, insbesondere in den zentralen Beiträgen von Alvin Roth. Theoretische wie praktisch orientierte ÖkonomInnen haben in den letzten Jahrzehnten die Funktionsweise von Matching-Märkten tiefergehend untersucht. Sie haben gezeigt, dass viele wünschenswerte Eigenschaften von Marktergebnissen, wie Stabilität und Fairness, durch bestimmte algorithmische Zuordnungsverfahren erreicht werden können. Die Verhaltensökonomie trägt zu diesen Untersuchungen bei, indem sie die tatsächlichen Verhaltensweisen der MarktteilnehmerInnen in den Blick nimmt. VerhaltensökonomInnen haben etwa die Frage untersucht, ob Marktteilnehmer Matching-Verfahren missverstehen und deswegen strategische Fehler machen, etwa bei der Bewerbung für Schulplätze. Ein wichtiger Aspekt von Märkten ist ganz generell, dass sie die Freiheit gewähren, Transaktionen abzulehnen. In den Worten des Soziologen Albert Hirschman ausgedrückt: Märkte beinhalten immer die Möglichkeit des „exit“, sofern man eine Transaktion als unangemessen erachtet, und diese Entscheidung kann jeder Marktteilnehmer individuell treffen. Wer sich auf eine bestimmte Transaktion einlässt, dürfte mit dieser einverstanden sein. Allerdings können wir uns bei der Beurteilung der Angemessenheit von Transaktionen nicht alDorothea Kübler ist Direktorin der Abteilung Verhalten auf Märkten am WZB und Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität Berlin. dorothea.k[email protected] Foto: © WZB/David Ausserhofer, alle Rechte vorbehalten. Titelthema 17
lein auf individuelle Entscheidungen verlassen. Dennesgibtauchsogenannteverwerfliche Transaktionen, also Tauschverhältnisse, die von den beteiligten Parteien zwar freiwillig eingegangen werden, aber von einer dritten Partei als unangemessen und für die Vertragsparteien als schädlich empfunden werden. Wohlgemerkt, das Verbot solcher Transaktionen ist im engeren Sinne paternalistisch: Es dient nicht etwa dem Ziel, externe Effekte auf Außenstehende zu verhindern, sondern es soll die TauschpartnerInnen vor ihren eigenen Entscheidungen schützen. Die Ablehnung von Transaktionen als verwerflich ist in ganz unterschiedlichen LebensbereichenzufindenundhäufigmitdemGebrauch von Geld verbunden, etwa bei der Spende von Körperteilen gegen Geld (Organe von Lebendspendern,BlutundGewebe),beiFortpflanzung und Sex (Leihmutterschaft, Prostitution), im Bereich der Arbeit (Söldner, moderne Sklaverei), in der Politik (Kauf von öffentlichen Ämtern, Handel mit Stimmrechten) und in der Religion (Ablasshandel). Auch beim Umgang mit der Natur werden viele Transaktionen mit Geld als abstoßend oder moralisch fragwürdig angesehen(Emissionszertifikate,Kompensationszahlungen, Handel mit Atommüll). Die gesellschaftliche Wahrnehmung dessen, wasverwerflichist,wandeltsichnatürlich über die Zeit, und sie variiert je nach Kultur und Kontext. Diese Beobachtung legt Zurückhaltung nahe bei der Verurteilung derer, die andere Vorstellungen darüber haben, was abstoßendoderverwerflichist.Abereslohntsich zu fragen, was die Beispiele gemeinsam haben. ZweiMerkmalevonverwerflichenTransaktionen stechen besonders hervor: Viele als inakzeptabel betrachtete Tauschbeziehungen haben schwerwiegende Folgen: Sie können zum Verlust an Menschenwürde oder einem Verlust von Körperteilen führen, oder sie untergraben grundlegende Prinzipien wie die Demokratie. VieleverwerflicheTransaktionenweisenaußerdem eine mangelnde Handlungsfreiheit der Akteure auf. Diese kann etwa durch Zwang, eine ausweglose Lage oder Armut eingeschränkt sein. Damit steht die von Hirschman postulierte Freiwilligkeit in Frage, und auch der Wert der Transaktion als Ausdruck der freien Entfaltung des Menschen. Die genannten Gemeinsamkeiten sind allerdingsnochkeineDefinitionvonVerwerflichkeit. Mit John Rawls ausgedrückt, suchen wir nacheinemreflexivenGleichgewichtzwischen normativen Grundsätzen und beobachtbaren Überzeugungen, also einer Verbindung von Theorie und Empirie. Konkreter gefragt: Spielen die beiden Merkmale, also die Gefahr schwerwiegender Folgen und die fehlende Handlungsfreiheit, eine kausale Rolle bei der BewertungvonTransaktionenalsverwerflich? Sind es notwendige Bedingungen, oder reicht eines der Merkmale aus? Verstärken sie sich gegenseitig, oder wirken sie unabhängig voneinander? Zur Beantwortung dieser Fragen haben wir ein Laborexperiment durchgeführt, das Beobachtungen über die normativen Überzeugungen der Menschen sammelt. Die TransaktionbeziehtsichhieraufunangenehmePflichten: Einige TeilnehmerInnen mussten einen hohen, schmerzhaften Ton über Kopfhörer anhören; oder sie mussten einfach beschäftigungsloswarten.DiemitderartigenPflichten ausgestatteten TeilnehmerInnen hatten jeweils die Möglichkeit, eine andere Person dafür zu bezahlen, die Aufgabe für sie zu übernehmen. Eine zusätzliche Gruppe von Teilnehmenden war in der Rolle von Zuschauern, allerdings mit der Befugnis, solche Transaktionen im Labor zu verbieten. Durch das Variieren des Schweregrads der negativen Erfahrung und einer Manipulation des Grads der Entscheidungsfreiheit konnten wir feststellen, dass beide Dimensionen die Entscheidung der ZuschauerInnen erheblichbeeinflussten.SowohldieSchwereder Konsequenzen als auch der Mangel an Handlungsfreiheit trug zur Ablehnung von Transaktionen durch Unbeteiligte bei. Die größte Ablehnungsrate (ungefähr 80 Prozent) beobachten wir, wenn ein langer, schmerzhafter Ton an eine Person weitergegeben wird, die gezwungen ist, das Angebot anzunehmen. Da es bei diesem Laborexperiment „nur“ um einen schmerzhaften Ton ging, also eine relativ leichte Konsequenz verglichen mit den diskutierten Beispielen aus der realen Welt, haben wir zusätzlich ein Vignetten-Experiment durchgeführt. Es beruht auf Beschreibungen der medizinischen Konsequenzen und der Handlungsfreiheit in Szenarien mit Nierenspendern und mit Leihmüttern, die Geld erhalten. Die Ergebnisse bestätigen die des Laborexperiments: Im Zusammenhang mit Nierenspenden und Leihmutterschaft gegen Geldzahlungen wurden Transaktionen mit schwerwiegenden Folgen und eingeschränktem Handlungsspielraum am wenigsten akzeptiert. 18 | Mitteilungen Heft 181 September 2023
Der Text ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC BY 4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Verbote allerdings können viele unintendierte Folgen haben. Man denke an Personen, die so lange auf eine Spenderniere warten müssen, dass sie auf der Warteliste versterben. Auch vermeintlich weniger wichtige Verbote haben oft erhebliche Folgen; so können Zinsverbote das Angebot von Krediten verringern und damit Investitionen verhindern. Auch Schwarzmärkte sind nochmals zu nennen: Verbote hindern Menschen selten daran, die gewünschten Geschäfte zu tätigen. Diese verlagern sich eher auf Schwarzmärkte, die – gerade im Gesundheitsbereich – schwerwiegende Folgen haben können und zu extrem ungleichen Ergebnissen führen. Anstelle von Verboten kann es besser sein, Tauschbeziehungen anders zu gestalten. Auch dazu muss man genau verstehen, wann sie als inakzeptabel gelten. In Fällen wie dem Verbot von Kreditzinsen nach islamischem Recht wurden Lösungen entwickelt, die den Verleih von Geld attraktiv machen und den Vorschriften entsprechen. Bei der Zuteilung von Organen oder der Organisation von Leihmutterschaft könnten sinnvolle, und durchaus strenge Zustimmungsverfahren etabliert werden. Neue Möglichkeiten würden sich auch durch die Einführung von Überkreuznierenspenden ergeben, bei denen Organe zwischen Spender-Empfänger-Paaren getauscht werden, ohne dass Geld im Spiel ist. Natürlich muss die Freiwilligkeit der Teilnahme an solchen Transaktionen wirksam abgesichert werden. Für alle derartigen Maßnahmen, die Transaktionen ermöglichen, gilt generell, dass Informationskampagnen die Freiwilligkeit und Autonomie der Beteiligten unterstützen können. Was die zweite untersuchte Dimension angeht, nämlich die Milderung der Folgen von Transaktionen, kann diese durcheinenoffiziellgeregeltenAustauschoft besser erreicht werden als durch das gänzliche Unterbinden des Austauschs. Man denke nur an den Gesundheitsschutz für OrganspenderInnen, Leihmütter oder Prostituierte. Bei all dem gilt natürlich, dass die grundsätzliche Legalisierung des Handels nicht gleichbedeutend ist mit einem unbegrenzten Zugang für alle. Die jüngsten Entwicklungen zur Cannabis-Freigabe nach festen Regeln sind ein gutes Beispiel dafür. Geld spielt zwar eine Rolle beim Kauf, aber zusätzliche Bedingungen müssen erfüllt sein. Die Entscheidung, ob ein Markt verboten oder erlaubt wird, ist selten eine Ja/Nein-Entscheidung. Literatur Erkut, Hande/Kübler Dorothea: Repugnant Transactions:TheRoleofAgencyandSevereConsequences. Mimeo, 2023. Roth,AlvinE.:WhoGetsWhat–AndWhy?London: HarperCollins 2015. Satz,Debra:WhySomeThingsShouldNotBeforSale. The Moral Limits of Markets. Oxford: Oxford UniversityPress2010. Titelthema 19