Ursprung, Formen und Arten des Geldes
Abstract
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Full text
Andreae, Wilhelm Article Ursprung, Formen und Arten des Geldes Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Andreae, Wilhelm (1952) : Ursprung, Formen und Arten des Geldes, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 72, Iss. 4, pp. 27-46, https://doi.org/10.3790/schm.72.4.27 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/290755 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
411] 27 Ursprung, Formen und Arten des Geldes Von Wilhelm Andreae, Gießen Inhaltsverzeichnis: 1. Die individualistische Konstruktion des Geldes S. 27 — 2. Der ganzheitliche Ursprung des Geldes S. 28 — 3. Der Ursprung des Geldwertes S. 31 — 4. Der Ursprung der Währung S. 34 — 5. Geldformen S. 36 — 6. Die Entstehung der Münze S. 38 — 7. Die Münzprägung als staatswirtschaftliches Monopol S. 40 — 8. Banknote und Scheidegeld S. 42 — 9. Die Entstehung der Goldwährung S. 44. 1. Die individualistische Konstruktion des Geldes Lange Zeit hat die Wissenschaft versucht, die Entwicklung des Geldes aus der Zweckmäßigkeit des wirtschaftlichen Handelns zu erklären. Diese Konstruktion bewegt sich im Rahmen der individualistischen Lehren vom Staatsvertrage: Man löschte auf den Geschichtstafeln alle gesellschaftlichen Bindungen und jeden wirtschaftlichen Verkehr aus, um auf einer tabula rasa zunächst „die individuelle Nahrungssuche", danach „die geschlossene Hauswirtschaft", alsdann „die Naturaltauschwirtschaft" und schließlich die fortschrittlichste Form des vielund allseitigen Verkehrs, die multilaterale „Geldwirtschaft", einzutragen. Ähnlich, wie man den Begriff des Naturvolkes durch Absehen von allen kulturellen Einrichtungen, durch Leugnung von Glauben und Sitte, ja durch Pervertierung der Religion zum Aberglauben, des Ethos zur Unmoral, des logisdien zum praelogischen Denken als einen antithetischen Begriff zum Kulturvolk willkürlich konstruierte, stellte man dem Zustand der arbeitsteiligen Geldwirtschaft einen geldlosen Zustand gegenüber, um systematisch und insofern unhistorisch das Geld aus rationalen Erwägungen der Wirtschafter Schritt um Schritt hervorgehen zu lassen. Im besonderen wurde dabei das Grundprinzip aller Entwicklung, die Entelechie, wonach nur das im Kern schon Angelegte und dadurch Vorgeformte zur Entfaltung und Vollendung zu kommen vermag, verkannt und so die Verbindung zwischen dem Ursprung und dem Wesen der Phänomene zerrissen, oder sie erfuhr eine widerspruchsvolle und — nachdem man bei der Naturaltauschwirtschaft angelangt war — widersinnige Deutung. Denn durch das stoffliche Tauschgut, aus dem das Geld entstanden sein sollte, sollte zugleich sein Wesen als Tauschmittel erklärt und bestimmt sein. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.72.4.27 | Generated on 2023-04-04 11:06:54
28 Wilhelm Andrea© [412 Dieser Schritt vom Naturaltausch zur Erfindung des Geldes ist der entscheidende. Er besteht nach der rationalistischen Erklärung in der Zerlegung des Tauschaktes in zwei Handlungen: Man tauscht das überflüssige Gut, das man hingeben will, nicht mehr unmittelbar gegen das begehrte, das man erlangen will, sondern schiebt ein drittes, das Zwischentauschgut, ein, um mit diesem bei Zeit und Gelegenheit das zur Bedürfnisbefriedigung notwendige Gut zu erwerben. Klassisch hat diesen Vorgang Friedrich von Wieser in seiner berühmten Abhandlung „Das Geld" mit folgenden Worten beschrieben: „Das Geld ist nach und nach aus kleinen Anfängen zu seiner fertigen Gestalt emporgewachsen. Es ist dies so gekommen, daß dieser oder jener besonders findige Wirtschafter im einzelnen Falle die Vorteile erkannte, die er davon hatte, wenn er seine Tauschabsicht in die zwei Akte der Hingabe und der Erwerbung teilte, indem er sich damit behalf, «in Zwischentauschgut einzuschieben, um dessen Gebrauch es ihm nicht zu tun war, sondern das er im ersten Akt nur entgegennahm, um es im zweiten wieder wegzugeben. Das Beispiel des Vorteils, den er auf diese Weise gewann, reizte zur Nachahmung. Diese findigen Wirte wurden die Führer für die anderen, die ihnen in der Verwendung des Geldes nachfolgten, bis die Massengewohnheit seiner Annahme gebildet war" (Hwb.d.St. 4. Aufl., Jena 1927. Bd. 4 S. 683). Man sieht: es handelt sich um die freie Erfindung eines geschichtlich in keiner Weise belegten, sondern aus Gründen wirtschaftlicher Zweckmäßigkeit abgeleiteten Vorganges, geradezu ein Schulbeispiel für die utilitaristisch-individualistische Wirtschaftslehre! Die Gefährlichkeit dieses Ansatzpunktes liegt in der Vermischung geschichtlicher und systematischer Momente. Denn geschichtliche Tatsache ist es, daß Güter unterschiedlicher Art, wie Opfergeräte, Werkzeuge, Stoffe, Schmuckstücke, Nahrungsund Genußmittel, unter zeitweiligem oder dauerndem Verlust ihrer Eigenschaften als „reale" Bedarfsgüter die „zirkulatorische Befriedigung", den Gelddienst, übernommen haben; aber ebenso ungeschichtlich ist es, daß das Geld als Tauschmittel entstanden sein müsse, weil dies dem systematischen Denken einer fortschrittsfreudigen Erklärung der Wirtschaftsgeschichte entspricht. 2. Der ganzheitliche Ursprung des Geldes Nicht dadurch unterscheidet sich die ganzheitliche Auffassung des Geldes von der individualistischen, die wir am Beispiel Wiesers kennengelernt haben, daß sie die schöpferischen Kräfte führender Persönlichkeiten leugnete. Vielmehr hat gerade die Geschichte sie gelehrt, daß „Männer die Geschichte machen"; aber die Geschichte lehrt doch auch, daß die führenden Einzelnen als Träger ihres Volksund Zeitgeistes nicht allein und für sich dastehen, sondern daß sie hervorOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.72.4.27 | Generated on 2023-04-04 11:06:54
413] Ursprung, Formen und Arten des Geldes 29 wachsen und -ragen aus einer Gemeinschaft, die sie trägt. Und diese Gemeinschaft ist es, ohne die der Mensch nur auf Grund einer widersinnigen Abstraktion gedacht werden kann. Denn es ist wirklich so, wie schon der Begründer der romantischen Staatsund Gesellschaftslehre, Fichte, gesagt hat: „Sollen überhaupt Menschen sein, so müssen mehrere sein", und darum gilt auch, was der auf Fichte fußende Adam Müller bewiesen hat: „Geld ist eine allen Individuen der bürgerlichen Gesellschaft inhärierende Eigenschaft. .was freilich nicht ausschließt, daß das in den Gesellschaftsgliedern keimhaft liegende Geld durch die wirtschaftende Gesellschaft zu den mannigfaltigen Geldformen der Vorgeschichte, Geschichte und Gegenwart erst ausgebildet werden mußte. Aber das geschah eben nicht abstrakt und systematisch nach der Zweckmäßigkeit des Tauschhandels, wie die Individualisten vermeinen, sondern aus der ganzheitlichen Fülle der im Keim geballten Kräfte gesellschaftlichen Seins, aus der gesellschaftlichen Dynamis des Geldes heraus, die sich zur Energeia wirtschaftlicher Handlungen entfaltete. Das Geld hat also seinen Ursprung nicht in der Wirtschaft, sondern liegt als Dynamis schon im gesellschaftlichen Fundament. Darum kann es auch nicht aus der Wirtschaft als Tauschmittel hervorgegangen sein. Denn es bildet die Grundlage aller Wirtschaft und damit auch die Voraussetzung für eine ihrer Formen, für die Tauschwirtschaft, — einer ihrer Formen, weil es eine falsche Unterstellung ist, daß das Wesen der Wirtschaft im Multilateralismus einer allein durch die Preise gesteuerten Verkehrswirtschaft beschlossen sei. Wir verstehen die ganzheitliche Erklärung des Geldes vielleicht am leichtesten durch ein Bild: Wie die Sprache, oder besser das Vermögen zu sprechen, schon vorhanden sein muß, damit die Menschen sich überhaupt untereinander verständigen und in einen Gedankenaustausch eintreten können, so muß auch das Geld als Fähigkeit, in einen Austausch von Dienstleistungen und Gütern einzutreten, schon vorhanden sein, wenn auch die Ausbildung der Fülle von Sprachformen und Spracharten erst durch den gesellschaftlichen Verkehr, und die große Mannigfaltigkeit der Geldformen und die Geldarten erst durch den wirtschaftlichen Verkehr entwickelt werden konnten. So ist es zu verstehen, daß „das Geld" (oder besser: die Dynamis des Geldes) „eine allen Individuen der bürgerlichen Gesellschaft inhärierende Eigenschaft" sei. Durch mühsame und sorgfältige Ausschöpfung prähistorischer und ethnologischer Quellen hat der Frankfurter Finanzwissenschaftler Gerloff in seinem Buche „Die Entstehung des Geldes und die Anfänge des Geldwesens" (3. Aufl., Frankfurt a. M. 1947) uns einen besseren Einblick in diese Dynamik ermöglicht. Der neue Grundgedanke Gerloffs ist, das Geld aus der Hortung mehr oder minder OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.72.4.27 | Generated on 2023-04-04 11:06:54
30 Wilhelm Andreae [414 sakraler, nur ausnahmsweise als Tauschmittel dienender Güter hervorgehen zu lassen. Im Negativen, nämlich darin, daß das Geld nicht als Tauschmittel entstanden sei, stimme ich Gerloff vollkommen zu. Positiv scheint mir aber die Behauptung, daß Hortgeld die ursprüngliche Geldform sei, weniger wichtig als die in Gerloffs Darstellung dahinter zurücktretende, jedoch in seinem Buche mannigfach belegte Verrichtung des Besitzgeldes als Mittel der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Organisation: „Die Hortung ist so alt wie das Eigentum. Alle Hortung erstredet sich anfänglich auf anscheinend nutzlose Dinge, auf Güter, die nicht der unmittelbaren Lebensfürsorge dienen .. . Die Hortung erfolgt ursprünglich nicht in der Vorsorge für die Zukunft, sondern weil der Besitz gewisser Dinge Ansehen verschafft, weil er für die soziale Rangordnung und Einstufung bedeutsam ist oder weil er die Mittel zu einem Auftreten gewährt, das . .. Ansehen im Kreise der Genossen verschafft." (a.a.O. S. 35f.) So bedeutet z.B. in Burma der Besitz von Trommeln Reichtum, und die gehorteten Trommeln dienen dazu, bei Festlichkeiten den Reichtum zur Schau zu stellen; aber auch zur Beilegung von Streitigkeiten, zur Einlösung von Gefangenen, zur Bußzahlung und zu dergleichen staatlichen oder sakralen Handlungen mehr. So stellt das melanesische Mattengeld ein ausgesprochenes Hortgeld dar, das zum Einkauf in die Suque-Gesellschaft dient, eine Art von politischem Männerklub, in dem man entsprechend den in Mattengeld zu leistenden Zahlungen höhere Grade erlangt. „Diwarra", das Muschelgeld der Südsee, wird bei festlichen Gelegenheiten prunkend ausgestellt, und zwar beim Tode seines Besitzers zugleich mit dessen Leiche. Das „Gau" (Schnüre von Spondylusscheiben) der Insel Yap wird von den Häuptlingen aufbewahrt und nur in äußerster Kriegsgefahr eingesetzt. Auf Grund einer Fülle solcher und ähnlicher Beispiele kommt Gerloff zu dem Schluß: „Sie, die Hortgüter, sind Mittel zur Begründung oder Lösung sozialer Verbindlichkeiten (Frauenkauf, Sühnegeld, Gastgeschenke); sie dienen als Mittel des Machteinsatzes im Kriegsfalle, zum Erwerb von Bundesgenossenschaften und zur Erlangung und Besiegelung des Friedens; sie werden Gegenstand von Leistungen in Kult (Opfer) und im politischen Verband (Abgabe, Steuer) ..." (S.54). Inder Terminologie G. F. Knapps könnte man sagen: „Das Hortgeld wird zum Zahlungsmittel", d. h. zum Mittel für einseitige Zahlungen an die Obrigkeit, im Gegensatz zum Geld als Tauschmittel der Untertanen. Das Wichtigste bleibt, daß das Geld schon im überwirtschaftlichen Bereich als ein gesellschaftliches Organisationsmittel deutlich hervortritt. Der abwegigen Vorstellung von der Unorganisiertheit der primitiven, angeblich chaotisch-kommunistischen Gesellschaft und deren OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.72.4.27 | Generated on 2023-04-04 11:06:54
415] Ursprung, Formen und Arten des Geldes 31 allein auf Nahrungssuche eingestellten Wirtschaft widersprechend, sagt der ethnographische Erforscher des Karolinenarchipels, J. S. Kubary: „Der Mensch, als Tier aufgefaßt, hat hier genug zum Lebensunterhalt, will er aber eine Frau haben, Familie gründen, Mitglied eines Staates sein, so muß er Geld besitzen. Die Existenz einer Gemeinde als politischer Staat hängt von dem Gelde ab, welches die Häupter der Familie besitzen" (nach Gerloff, a.a.O., S. 88). So erscheinen der Abgaben leistende Bürger und die für sein Leben unentbehrliche organisierte Gesellschaftsform, die ihrem Wesen nach immer Staat ist, in einer notwendigen Verbindung. Wenn man mit Gerloff die ursprüngliche Wirtschaft auf das Prinzip der gegenseitigen Hilfeleistung gründen will, und wenn man Hingabe und Verteilung der Beute an die Gemeinschaft und durch die Gemeinschaft als eine ihrer wesentlichen Aufgaben ansieht, so entspricht einer solchen Verteilung die justitia distributiva (verteilende Gerechtigkeit), der die justitia commutativa (Tauschgerechtigkeit) untergeordnet ist, und dem Verteilungsprinzip das Zahlungsmittel. Den Vorrang hat daher das Geld, mit dem die Führer die ihnen obliegenden Dienste leisten, repräsentieren und die von ihnen zu leistenden Ausgaben bestreiten können. Ein solches Geld bilden auf politischem wie auf dem sakralen Gebiete des Opfers ein die Oberhäupter auszeichnendes Schmuckgeld und die ihnen zur Kriegführung wie zur Friedensschließung notwendigen Hortgüter, aber nicht weniger makellose Opfertiere, die zugleich zur Beköstigung der opfernden Festgemeinde dienen. Darum ist das Geld ein Mittel der Kult-, Staatsund Wirtschaftsordnung, welche drei nicht getrennt, sondern, notwendig miteinander verbunden, in schöpferischer Gegenseitigkeit erwachsen, weil es ebensowenig einen Staat ohne Kultus wie diese beiden ohne Wirtschaft geben kann. 3. Der Ursprung des Geldwertes Für die individualistische Volkswirtschaftslehre ist die Erklärung des Geldwertes eine scheinbar sehr einfache Aufgabe. Denn wenn man das Geld als Tauschmittel aus der Naturaltauschwirtschaft hervorgehen läßt, so hat das naturale Tauschgut, das zum Gelde wird, ja schon einen Tauschwert. Der Geldwert läge danach im Stoffe des Geldgutes. Da ferner die Güter in bestimmten Mengen gegeneinander ausgetauscht werden, so liegen die relativen Werte der Güter unabhängig vom Gelde fest. Wenn man nun diese Werte nicht mehr aufeinander, sondern auf ein bestimmtes Gut bezieht und dieses dadurch zum Wertbezugs gut oder zur Rechnungseinheit (z. B. 1 Ochse oder auch 1 Mark) erhebt, so kann man die relativen Werte als absolute Preise in einem Vielfachen (bzw. einem Bruchteil) dieser RechOPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.72.4.27 | Generated on 2023-04-04 11:06:54
32 Wilhelm Andreae [416 nungseinheit ausdrücken: Wenn z. B. 1 Rock = 3 Paar Schuhe = 12 Ellen Leinwand, so besteht die Wertrelation 12 : 3 : 1. Ist nun das Wertbezugsgut oder die Rechnungseinheit R = 4 Ellen Leinwand, so sind die absoluten Preise 1 Rock = 3 R und 1 Paar Schuhe = 1 R. Nichts kann einfacher sein. Es ist jedoch jedermann klar, daß damit keine geschichtliche Erklärung für die Entstehung des Geldwertes gegeben ist. Überhaupt können die relativen Werte sich gar nicht bilden, wenn nicht vor ihnen ein den Wirtschaftern „inhärierendes Geld", das Geld als Dynamis, besteht. So hat denn auch ein hervorragender Vertreter der individualistischen Lehre, der Schwede Gustav Cassel, das Kind mit dem Bade ausschüttend, den geldlosen Wertbegriff aus der Wirtschaftslehre aussondern wollen, um diese von vornherein allein auf die Preise zu gründen. Er hatte Recht zu sagen: „Eine auch nur einigermaßen entwickelte Tauschwirtschaft, also eine Gesamtwirtschaft mit geordnetem Austausch von Produkten zwischen selbständigen, wirtschaftlichen Einheiten, aber ohne Geld hat es niemals gegeben" (Theoretische Sozialökonomie, Leipzig, 19325). Jedoch mit Unrecht sah er das Wesen der „Sozialökonomie" im Austausch der als Unverbundene gedachten selbständigen Wirtschafter. Darum stehen auch seine richtigeren Erkenntnisse von den Anfängen des Geldwesens (ebenda, S. 331 ff) wie ein Fremdkörper in seinem Buche und haben seine Wirtschaftslehre, die individualistisch bleibt, nicht vertieft. Vielmehr hat er gerade dadurch, daß er die gesellschaftliche, überindividuell begründete Wertvorstellung, wie sie im Gelde für die Wirtschaft zum entscheidenden Ausdruck kommt, aus seiner Wirtschaftslehre aussondert, dieser das ganzheitliche Fundament entzogen. Wenn wir auf die Ergebnisse der ethnologischen Forschung zurückblicken, so finden wir der abstrakten Konstruktion vollkommen widersprechende Tatsachen. So führt Gerloff (a.a.O. S. 175) folgende Beispiele an: Ein Huhn sei (bei dem Tauschhandel der Kukis mit den bengalischen Beparis) gleich seinem Gewicht in Baumwolle bewertet; im Bismarck-Archipel seien größere Fische mit einer Muschelgeldschnur von gleicher Länge bezahlt worden; im Süden Neu-Guineas sei der Preis eines Schweines eine Kette aus Hundezähnen von gleicher Länge wie jenes gewesen. Es ist klar, daß aus einer solchen sinnfälligen primitiven Gleichsetzung von Quantitäten und Werten niemals eine Preisskala hervorgehen konnte. Schon ehe Gerloffs Buch (1. Aufl., 1940) erschien, habe ich in einer „Entstehung oder Ausgliederung der Volkswirtschaft?" überschriebenen Abhandlung (Schm. Jb. 1937) gesagt: „Daß Geld, sei es nun Stoff oder Zeichen, überhaupt einen Wert hat, hängt nicht von seiner stofflichen Natur ab, sondern von der Währung, die ja auch bei Naturalgeid, z. B. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.72.4.27 | Generated on 2023-04-04 11:06:54
417] Ursprung, Formen und Arten des Geldes 33 in Gestalt der Opferund Bußtarife, des Wertgeldes und dergleichen mehr . .. schon vorliegt ..(ebd. S. 33), und bald nach dem Erscheinen des Gerloffschen Buches, das ich damals noch nicht kannte, habe ich in einem Aufsatz über „Geld und Preis" (Fin.Arch. 1941) bewiesen, daß der Geldwert nicht aus dem Tausche abzuleiten sei, und zu zeigen versucht, wie er vielleicht aus der Organisation des Opferund Abgabewesens abgeleitet werden könne. Denn wenn man auch nach dem, was wir von den primitiven Stammeswirtschaften wissen, die Vorstellung einer geschlossenen Hauswirtschaft fallen lassen muß, so darf doch deren sehr weitgehende Selbstversorgung (schon wegen der Undifferenziertheit der Wirtschaften in einem Stamme) nicht bezweifelt werden. In einer solchen Wirtschaft wird daher ein Tausch zunächst nur ausnahmsweise zustande kommen, hauptsächlich infolge von Glück oder Unglück beim Sammeln, Jagen, Fischen usw. Dies ist die communis opinio. Aus seltenem Tausch bei zufälligem Wechsel von Überfluß und Mangel kann sich aber noch weniger ein sinnvoller Preis ergeben als aus der erwähnten quantitativen Gleichsetzung von Gewicht oder Länge des Geldund des Preisgutes. Denn bei zufälligem Überfluß haben überflüssige, leicht verderbliche Güter für den Verkäufer gar keinen Wert, während der Mangel leidende Käufer sie um jeden Preis erwerben muß. Wie soll da ein Preis sich bilden? Man überwindet diese Schwierigkeit nicht dadurch, daß man dem Innenhandel zwischen den undifferenzierten Stammesgenossen einen Außenhandel zwischen den differenzierten Stämmen (etwa zwischen den Küstenund Binnenlandstämmen) vorausgehen läßt, — schon deshalb nicht, weil der Außenhandel zunächst nicht Sache Einzelner, sondern der Stämme selbst bzw. ihrer Abgesandten gewesen ist. Ich glaubte daher und glaube auch heute noch, schließen zu dürfen, daß die Notwendigkeit, Opfer, Beiträge für sakrale Feste, Abgaben an die Priester, die Stammesführer u. dgl. mehr zu leisten, den dafür erforderlichen Gütern mit ihrer ausgezeichneten Stellung auch einen Preis verliehen hat. Denn diese Güter mußte jeder Opfernde und Abgabepflichtige sich entweder durch seine Arbeit oder durch die Hingabe seiner Erzeugnisse im Tauschwege verschaffen. Besonders klar liegt der Fall bei Opfertieren, die makellos und darüber hinaus wohl gar noch von bestimmter Farbe oder Zeichnung sein mußten. Wie heute noch, jedoch viel mehr als heute, lag aber überhaupt in den Gütern, die für den Kultus und die Repräsentation gebraucht wurden und oft schwer zu beschaffen waren, ein Ansporn zu größerer und besserer Erzeugung und damit auch zur Differenzierung und zum Tausch. Man erinnere sich an die Worte Kubarys über die Karolinen-Insulaner, die zwar zum notdürftigen Lebensunterhalt genug gehabt, aber als Mitglieder eines Staates des Geldes bedurft hätten. So hat auch Gerloff angenommen, daß das Schmollers Jahrbuch LXXII, 4 3 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.72.4.27 | Generated on 2023-04-04 11:06:54
34 Wilhelm Andreae [418 ursprüngliche Geld der Südsee-Insulaner „gewissermaßen den Lebensrhythmus in Familie und sozialem Aufbau regle" (a.a.O. S. 186). Wenn ich, unabhängig von Gerloff, zu dem Schluß gekommen bin, daß nicht im Tauschmittel, sondern in Opfern und Abgaben der Ursprung des Geldes liegt, so ist das Ergebnis der umfangreichen Sonderforschungen Gerloffs auch ein Beweis für die grundsätzliche Richtigkeit meines Gedankengangs, der allerdings von dem seinen insofern abweicht, als ich weniger Gewicht auf Hortgüter als auf Opfer und Abgaben lege, während er mit Recht auch „der Verteilung der Beute und sonstigen Besitzes, der scheinbar freiwilligen, aber durch Sitte und Herkommen bestimmten Leistung und Gegenleistung" für die Entfaltung von Tausch und Handel, Steuern und sonstigen Abgaben Bedeutung beimißt (a.a.O. S. 185). Aber entscheidend bleibt schließlich, daß es Leistungen für die Gemeinschaft waren, die den Grund für die Bewertung des Geldes bildeten. 4. Der Ursprung der Währung Wenn ich behauptet habe, daß schon beim Naturalgeid in Gestalt der Opferund Bußtarife, der Wergeidbestimmungen u. dgl. mehr eine Währung vorliege, so habe ich damit den Begriff der Währung cum grano salis sehr weit und nicht im technischen Sinne unserer heutigen Währungen gefaßt. Ich halte mich aber zu einer solchen Ausweitung des Begriffes für berechtigt, weil in diesen Tarifen Güter von ganz bestimmter Qualität stehen, mit denen ebenfalls bestimmte Verpflichtungen abgegolten werden mußten; weil diese dadurch ausgezeichneten Güter zu „gesetzlichen Zahlungsmitteln" wurden (oder wenigstens ein Analogon zu diesen bilden); weil mit den in den Tarifen festgelegten quantitativen Verhältnissen zugleich eine Preisskala für diese Güter aufgestellt ist, und weil insofern ein System von Geldgütern begründet wurde, das für die Bewertung der Tauschgüter maßgebend gewesen ist. Dadurch ist aber, wenn auch noch keine moderne Währung, so doch deren ursprünglichste Form geschaffen. Wenn man diese nur als eine „Vorform" und die fraglichen Geldgüter nur als „Vorformen" des Geldes bezeichnen will, so bleibt auch dann noch die allein wichtige Tatsache bestehen, daß hier der Ursprung des Geldwertes und eine unentbehrliche Voraussetzung des Tauschverkehrs liegt. Andererseits gebe ich gern zu und möchte es sogar betonen, daß nur durch das Zusammenwirken und die Gegenseitigkeit der öffentlichen Geldforderungen, der Do-ut-des-Geschenke, Unterstützungen und der freien Tauschhandlungen der Einzelwirtschaften das werden konnte, was wir heute Währung zu nennen pflegen. Diese konnte nämlich erst dadurch entstehen, daß aus der Reihe der ausgezeichneten Güter zunächst einige wenige und schließlich eines (ein Edelmetall) herausgenommen wurde OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.72.4.27 | Generated on 2023-04-04 11:06:54
425] Ursprung, Formen und Arten des Geldes 41 Geldwesens, für die der prägende Staat unter Umständen seinen Schlagschatz, mindestens teilweise, opfern muß, kann er die Volkswirtschaft fruchtbarer machen und sich so mittelbar reichere Steuerquellen erschließen. Wenn das ganz allgemein gilt, so hat das Münzgeld dazu einen besonderen Anlaß gegeben. Liegt doch in ihm die Verlockung zum fiskalischen Mißbrauch des Schlagschatzes, zugleich aber auch die Möglichkeit, ein funktionsfähiges Geld zu schaffen und im Umlauf zu erhalten. Wenn wir von den Veränderungen des Wertverhältnisses zwischen den Prägemetallen Gold und Silber zunächst absehen, so ergibt sich allein schon aus der UnVerhältnismäßigkeit der Prägekosten für die verschiedenartigen Goldund Silbermünzen, ja für alle Münzen verschiedenen Wertes, ein schwer lösbares Problem, weil die Prägekosten der wertvolleren Stücke einen sehr viel kleineren Hundertsatz des Stoffwertes ausmachen als die der wertloseren. Für den Geldverkehr besteht aber die Notwendigkeit einer Stückelung des Münzgeldes für größere, kleinere und kleinste Zahlungen, während der Stoffwert der Stücke mit ihrem Nennwert nicht in Übereinstimmung zu bringen ist. Daraus ergab sich ein Anreiz, zugunsten des Schlagschatzes den Nennwert durch Proklamation weit über dem Stoffwert anzusetzen, wodurch jedoch die UnVerhältnismäßigkeit zwischen den Stoffwerten der einzelnen Münzen nicht beseitigt wurde. So verschwanden die verhältnismäßig wertvolleren Stücke aus dem Umlauf, um ins Münzausland, wo ja nur ihr Stoffwert galt, abzuwandern oder zu gewerblichen Zwecken eingeschmolzen zu werden. „Das schlechte Geld verdrängt das gute". An diesem Greshamschen Gesetz mußten alle Münzreformen scheitern, gleichviel ob das umlaufende Geld infolge unterwertiger Ausprägung oder durch Beschneiden oder Abfeilen („Kipper und Wipper") oder auch nur durch natürliche Abnützung während des Umlaufs zu weit unter seinen Stoffwert gesunken war. Die im Verkehr gebliebenen Münzen waren dann nicht mehr „fungibeles" Geld, so daß meist nicht Zahlung in Geld, sondern in bestimmten Münzen vereinbart wurde, wofür der Brautkauf des Teufels in Grabbes „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" mit Reichstalern in Konventionsmünze, in Gold und holländischen Randdukaten, mit Groschen und Pfennigen in Kupfer ein lustiges Beispiel bietet. Helfferich, der dies von ihm sogenannte Sortengeld näher behandelt hat, hebt für das Italien des späteren Mittelalters drei Sorten hervor: das reine Goldgeld (lira a oro), das große Silbergeld (lira a fiorini) und das kleine Silbergeld (lire, soldi, denari). In Deutschland war der Münzwirrwarr viel größer: Dukaten und Goldgulden, Taler und Silbergulden, das Kleingeld, diese Sorten „in unzähligen Spezialitäten, je nach der Zeit und dem Ort ihrer Ausprägung" (a.a.O. S. 44), wobei man bedenke, daß in Deutschland am OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.72.4.27 | Generated on 2023-04-04 11:06:54
42 Wilhelm Andreae [426 Ende des Mittelalters etwa 600 Prägestellen bestanden haben! Vielfach wurde aber das unterwertige Geld gar nicht mehr gezählt, sondern wieder gewogen, womit dann das Münzgeld seinen Sinn vollends verloren hatte. Damit ist der äußerste Punkt bezeichnet, wo der SchlagSchatz dem höheren volkswirtschaftlichen Belang eines geordneten Geldumlaufes weichen mußte. Bei den zahllosen Geldreformen zeigt sich immer wieder, daß eine starke Zentralgewalt die Münzprägung zu monopolisieren und dadurch zu vereinheitlichen versucht hat. Dafür bietet die Münzgeschichte vom Altertum bis gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine Fülle von Beispielen, so in Persien, Griechenland, Rom, im Karolingischen Reich (auf Karl geht übrigens die noch heute bestehende Stückelung des englischen Geldes: 1 Pfund = 20 Schilling, 1 Schilling = 12 Denare oder Pfennige zurück), in England, Frankreich und Deutschland. Hervorgehoben sei nur, daß oft Goldmünzen als Reichsmünzen bevorzugt wurden, so in Persien, dem Lande der ersten Staatspost, schon unter Kyros und Dareios die goldenen Dareiken, im Römischen Reich schon unter Augustus die Aurei (Augustales). Den Anspruch des vergöttlichten Herrschers, seinen Kopf den Münzen aufprägen zu lassen, hat Alexander d. Gr. erhoben und durchgesetzt, ihm sind dann die hellenistischen Herrscher, aber auch Cäsar und Augustus gefolgt. So ist die Münze, insbesondere die Goldmünze zum Symbol der Monarchie geworden. 8. Banknote und Scheidegeld Auf doppelte Weise sind die mit der vollwertigen Ausprägung der Münzen verbundenen Schwierigkeiten überwunden worden: 1. durch die Depotscheine und späteren Banknoten seitens der Privatwirtschafter, 2. durch das Scheidegeld seitens des Staates. Nach Knapp sind beide Geldarten „notal", gewissermaßen nur Urkunden, die ihren Wert nicht in ihrem Stoffe haben, sondern ihn durch die Währung erhalten — ihren Wert d. h. ihren Nennwert, denn ihre Kaufkraft hängt von ihrer Bewertung durch den Verkehr und von den Preisen ab. 1. Als Vorläufer der modernen Banknoten sind hier zu nennen die schon aus der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts in Italien bekannten Schecks und vor allem die Goldsmith'snotes. Diese waren Depotscheine, welche die zugleich Geldhandel und Geldwechsel betreibenden englischen Goldschmiede während des siebzehnten Jahrhunderts ausgaben und die als Zahlungsmittel umliefen. Aber schon im Anfang des siebzehnten Jahrhunderts (1609) war die Bank von Amsterdam gegründet worden, zu dem ausgesprochenen Zwecke, den Mißständen, die durch das Einschmelzen alter und durch die Ausgabe leichterer neuer Münzen entstanden, zu begegnen. Diese Bank nahm die Münzen OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.72.4.27 | Generated on 2023-04-04 11:06:54
427] Ursprung, Formen und Arten des Geldes 43 nicht nach ihrem Nennwert, sondern nach ihrem Gewicht entgegen und schrieb dem Einlieferer den Metallwert gut. In folgerichtiger Fortentwicklung schuf die Hamburger Girobank (1770) eine eigene Verrechnungseinheit, die Mark Banco. So hat der Wert des Hamburger Buchgeldes während eines Jahrhunderts nicht auf dem staatlichen Münzgeld, sondern auf ungeprägten Silberbarren beruht. Der Unterschied zwischen den Schecks der Girobanken und den Depotscheinen einerseits — insbesondere wenn diese nicht nur für ein Depot ausgegeben werden, sondern über den Betrag des hinterlegten Metalls hinausgehen, — und den einlösbaren Banknoten andererseits besteht nur darin, daß jene ein berufsständisches Geld sind, das nicht allgemein umläuft, während diese, nach den Bedürfnissen des allgemeinen Verkehrs gestückelt, auf allgemein festgelegte Beträge lauten. Wenn allerdings die Noten, was in Deutschland 1909 geschehen ist, für allgemein verbindlich erklärt werden, oder, wie in Deutschland seit 1939, überhaupt nicht mehr durch Gold gedeckt zu sein braudien, ist der Unterschied zwischen jenen Schecks und diesen Noten mit Zwangskurs erheblich. Denn solche Noten sind dann staatlich sanktioniertes Bargeld. 2. Das Scheidegeld findet sich als Notgeld schon in den antiken Staaten Griechenlands, Karthagos und Roms. Dieses Notgeld taucht immer wieder auf, so z. B. in England im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert, oder in Deutschland während der Inflation nach dem ersten Weltkrieg. Währungspolitik im modernen Sinne haben aber erst England und Brandenburg-Preußen im siebzehnten Jahrhundert durch Beschränkung der Zahlungskraft der kleinen, unterwertig ausgeprägten Münzen auf kleine, dem Verkehrsbedarf entsprechende Beträge betrieben, die heute nach der Kopfzahl der Zahlungsgemeinschaft festgelegt werden. Durch Knapphaltung kann man jeder unter ihrem Stoffwert ausgebrachten Münzart einen höheren Wert verleihen, soweit damit dem Verkehrsbedürfnis entsprochen wird. Daß man alle Geldarten an eine im Geldsystem führende, z. B. die Goldmünze, bindet, ist die im Grunde höchst einfache Lösung eines Problems, mit dem der geldschöpfende Staat gleichwohl Jahrhunderte, ja vielleicht Jahrtausende gerungen hat, und das er ohne die Hilfe der privaten Händler und Banken vielleicht nie bewältigt hätte. Mit dieser Erkenntnis war aber auch die Frage, Goldund Silbermünzen, trotz dem wechselnden Wertverhältnis der beiden Edelmetalle, zugleich im Umlauf zu halten, gelöst. Denn das jeweils schlechtere, d. h. seinem Stoffwert nach geringere, Geld konnte bei entsprechender Knapphaltung seinen Nominalwert behaupten, was sogar noch für das stoffwertlose Papiergeld gilt. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.72.4.27 | Generated on 2023-04-04 11:06:54
44 Wilhelm Andreae [428 9. Die Entstehung der Goldwährung So wenig die Geschichte der Geldformen und Geldarten aus deren Zweckmäßigkeit konstruiert werden kann, so sehr scheint sie dem Prinzip der Entelechie zu folgen, nämlich in dem Sinne, daß in der Blüte einer Geldart zugleich der Same für die Fortentwicklung des Geldwesens zu liegen scheint: Denn kaum ist das Münzwesen in der Goldwährung zur Blüte gekommen, so bildet diese schon den Samen des Papierund Buchgeldes aus, worauf das Depotwesen offenbar schon angelegt ist. So finden sich immer wieder neue Ansätze, die aber nicht im pfeilgeraden Fortschritt ausgebildet werden, sondern nur im Kairos der gesamten weitund volkswirtschaftlichen Entwicklung zur Vollendung kommen. Die Entstehung der Goldwährung in England, das diese den Welthandel im neunzehnten Jahrhundert beherrschende Währung einführte und vorbildlich verwaltete, hat Knapp auf Kalkmann (Englands Übergang zur Goldwährung im 18. Jahrhundert, 1895) fußend, untersucht und auf das Jahr 1774 angesetzt. Danach hat sich die englische Goldwährung aus der seit Wilhelm dem Eroberer bestehenden Silberwährung mit dem Pfund Sterling als Werteinheit (1 £ = 20 Schilling, 1 Schilling = 12 Pfennig) auf dem Weg über einen bimetallischen Zustand der Geldverfassung entwickelt. Der Bimetallismus ergab sich aus der von Karl II. vorgenommenen Prägung von Goldmünzen (1663). Die neue Goldmünze, die guinea, hatte zunächst keine proklamatorische Geltung, sondern diente nur als Handelsmünze, weil mit ihr Handel getrieben wurde wie mit einer Ware. Sie war also kein Währungsgeld wie das Silbergeld, das übrigens nicht in der Werteinheit des Pfundes als Münze ausgebracht wurde. Erst 1717 wurde die Geltung der guinea zu 21 Schillingen festgesetzt, wodurch eine Doppelwährung geschaffen wurde, denn es bestanden nunmehr zwei Arten des Bargeldes: Silberund Goldmünzen. Dieser Zustand konnte aber nicht von Dauer sein aus folgenden drei Gründen: 1. Der Unterschied der Prägekosten für Silberund Goldmünzen gleichen Nennwertes, der um so mehr ins Gewicht fiel, als Silbermünzen, wie bereits erwähnt, nur in kleineren Stücken (Schillinge) ausgeprägt wurden. 2. Die stärkere Abnutzung des schneller umlaufenden Silbergeldes, das an seinem Stoffwert mehr verlor. Diese uns schon bekannten Gründe haben zu dem Gesetz von 1774 geführt, wodurch nach Knapp die englische Goldwährung begründet sein soll. Denn, wenn in diesem Gesetz bestimmt wurde, daß Silbermünzen nur noch bis zum Betrage von 25 Pfund Sterling gesetzliche Zahlungskraft haben sollten, darüber OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.72.4.27 | Generated on 2023-04-04 11:06:54
429] Ursprung, Formen und Arten des Geldes 45 hinaus aber nur noch nach ihrem Gewicht in Zahlung genommen werden mußten, so hatten die Silbermünzen aufgehört, Bargeld zu sein. Sie waren zu Vorläufern der Scheidemünzen geworden, unterschieden sich aber durch die Höhe des „kritischen" Betrages, zu dem sie in Zahlung genommen werden mußten, und durch die fortbestehende Prägefreiheit (das Recht der Privaten, sie durch die Münzanstalten ausprägen zu lassen) vom modernen Scheidegeld. 3. Die Verschiebung des Wertverhältnisses zwischen Gold und Silber durch zunehmende Entwertung des Silbers im letzten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts (von 1 : 14,64 und nach 1790 von 1 :15,2 und darüber). Diesem Grund, dessen Betrachtung wir zurückgestellt hatten (vgl. oben § 7), mißt Helfferich (a.a.O. S. 59 f.) entscheidende Bedeutung bei. Denn durch die Entwertung des Silbers war jetzt die Ausprägung von Silbermünzen für die Edelmetallhändler zu einem vorteilhaften Geschäft geworden, so daß das Silber in den englischen Geldumlauf in Masse eindringen konnte und es das Gold, dessen Einschmelzung nunmehr gewinnbringend wurde, zu verdrängen drohte. Daher hob die englische Regierung das seit 1666 bestehende freie Prägerecht, welches für die englische Münze die Verpflichtung bedeutete, das ihr überbrachte Gold und Silber für den Einlieferer unentgeltlich auszuprägen, im Jahre 1798 für das Silber auf. Erst damit hat England (nach Helfferich, dem ich in diesem Punkte gegen Knapps Behauptung zustimme) die entscheidende Wendung zur modernen Goldwährung vollzogen. Denn, ob Doppelwährung, Silberwährung oder Goldwährung besteht, erkennt man in der Tat daran, ob für beide Edelmetalle, oder nur für das Silber, oder nur für das Gold Prägefreiheit besteht. Dagegen ist die sogenannte Parallelwährung ein bimetallischer Zustand, in dem Goldund Silbermünzen, ohne daß ihr Wertverhältnis bestimmt ist, umlaufen, aber einander nicht vertreten können, überhaupt keine echte Währung, sondern ein Rückfall in die Mißstände des Sortengeldes. Die Doppelwährung hat nicht nur in England, sondern auch in vielen anderen Ländern, z. B. Frankreich und Deutschland, den Übergang zur Goldwährung gebildet. Die hinkende Währung endlich bezeichnet einen Zustand, wo die Währung auf dem einen Münzfuß, dem Silberfuß, hinkt wie es in Deutschland in der Zeit von 1871 bis 1900 der Fall war, als silberne Taler (österreichische Vereinstaler) zwar noch als Kurantgeld umliefen, aber die Prägefreiheit für Silber aufgehoben war. Das freie Prägerecht hat aber auch für das einlösbare Papiergeld eine große Bedeutung. Wenn für die Goldumlaufswährung OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.72.4.27 | Generated on 2023-04-04 11:06:54
46 Wilhelm Andreae [430 entscheidend ist, daß die umlaufenden Goldmünzen in ihrem vollen Gewicht erhalten werden und dadurch die Übereinstimmung des Stoffwertes und des Nennwertes für das bare Goldgeld bestehen bleibt, so ist das ohne Prägefreiheit für Gold nicht zu erreichen. Denn auch die Goldumlaufswährung beruht keineswegs darauf, daß nur Goldmünzen im Umlauf wären, sondern nur darauf, daß diese das einzige Bargeld bilden. Für diese Währungsart genügt es also, daß neben dem Scheidegeld, dem staatlichen Papiergeld und den Banknoten, kurz neben dem „notalen^ Geld auch Goldmünzen, in die alles andere Geld umtauschbar ist, umlaufen. Und das ist eben nur durch Prägefreiheit zu erreichen, weil dadurch die Zentralnotenbank praktisch verpflichtet ist, Gold zu einem durch die Werteinheit (z. B. Pfund Sterling) festgesetzten Preis zu kaufen und zu verkaufen. Denn darauf läuft die theoretische Bestimmung der Prägefreiheit hinaus, weil ja jeder für notales Geld Goldmünzen, für Goldmünzen notales Geld und für sein Gold Goldmünzen unter Berechnung eines nicht ins Gewicht fallenden Schlagschatzes, um den der Anund der Verkaufspreis des Goldes sich unterscheiden (in Deutschland z. B. betrug der Unterschied 3 Mark für das Pfund Feingold, da dieses von der Reichsbank mit 1392 Mark gekauft und zu 1395 Mark verkauft wurde), erhalten kann. Schließlich ist aber das Buchgeld, das durch Gutschriften oder Kreditgewährung der Banken entsteht (vgl. das oben § 8 über die Depotscheine Gesagte),grundsätzlich in Notenbankgeld und bei Goldumlaufswährung auch in Goldmünzen umtauschbar. Erst wenn die Goldmünzen aus dem Geldumlauf herausgezogen und die Papiergeldscheine nicht mehr in Goldmünzen eingelöst werden, hört freilich die Goldumlaufswährung auf, aber, solange noch Gold in Barren für den Außenhandel gegen Noten zur Verfügung gestellt wird, bleibt die Goldwährung in Form der (von Plenge) sogenannten Goldkernwährung bestehen. So beginnt die reine Papiergeld währung erst, wenn auch der Außerhandel nicht mehr durch private Goldzahlungen reguliert wird. Aber auch dann spielt das Gold, z. B. in Währungsausgleichsfonds und für die Berechnung des Außenwertes der Währungen, immer noch eine Rolle. So darf man wohl sagen, daß die durch Einführung der Goldmünze entstandene Goldwährung auch nach ihrer Aufhebung fortwirke, obwohl andererseits zu betonen ist, daß das Papierund das Buchgeld die reinsten Geldarten darstellen. Denn nur für den Arbeitswerttheoretiker bedarf das Gold zur Darstellung des Arbeitswertes einer stofflichen Verkörperung, während das Geld nach ganzheitlicher Auffassung seine organisierenden Leistungen auch ohne Bindung an einen wertvollen Stoff verrichten kann und sein Wert auf der Fruchtbarkeit der Zahlungsgemeinschaft beruht. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.72.4.27 | Generated on 2023-04-04 11:06:54