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Europäischer Tarifbericht des WSI - 2022/2023: Inflationsschock lässt Reallöhne europaweit einbrechen

Janssen, Thilo,Lübker, Malte

Abstract

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Full text

Janssen, Thilo; Lübker, Malte Research Report Europäischer Tarifbericht des WSI - 2022/2023: Inflationsschock lässt Reallöhne europaweit einbrechen WSI Report, No. 86 Provided in Cooperation with: The Institute of Economic and Social Research (WSI), Hans Böckler Foundation Suggested Citation: Janssen, Thilo; Lübker, Malte (2023) : Europäischer Tarifbericht des WSI - 2022/2023: Inflationsschock lässt Reallöhne europaweit einbrechen, WSI Report, No. 86, HansBöckler-Stiftung, Wirtschaftsund Sozialwissenschaftliches Institut (WSI), Düsseldorf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/299257 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Energie, sondern von inländischen Faktoren bestimmt. Die gestiegenen Gewinnmargen der Unternehmen sind dabei eine wesentliche Ursache der beharrlichen Inflation. In diesem schwierigen Umfeld ergibt sich für die Gewerkschaften die Herausforderung, die Reallöhne zu sichern – und für die Unternehmen die Verantwortung, durch den Abbau der Übergewinne ihren Beitrag zur Rückkehr auf den stabilitätspolitischen Pfad zu leisten. 2,2 2,7 2,7 2,5 2,1 2,3 2,3 2,2 3,3 2,6 1,7 2,0 2,1 1,8 1,7 1,5 1,5 1,5 2,1 2,3 1,8 1,5 2,8 0,0 0,2 0,4 0,4 -0,1 0,1 0,1 0,1 -0,1 2,3 0,1 -0,7 -0,3 0,4 1,3 1,3 1,2 0,0 0,3 1,0 1,6 -1,1 -5,2 -6,0 -4,0 -2,0 0,0 2,0 4,0 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018 2020 2022 nominal real Abb. 1: Entwicklung der Tariflöhne in der Euro-Zone, 2000-2022 Veränderungen zum Vorjahr in Prozent Anmerkung: Reale Entwicklung inflationsbereinigt auf Basis des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI). Quelle: Europäische Zentralbank (Tariflöhne) und AMECO-Datenbank der Europäischen Kommission (Version: 15. Mai 2023), Berechnungen des WSI. Anmerkung: Reale Entwicklung inflationsbereinigt auf Basis des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI). Quelle: Europäische Zentralbank (Tariflöhne) und AMECO Datenbank der Europäischen Kommission (Version: 16. Mai 2022), Berechnungen des WSI. nominal real Anmerkung: Reale Entwicklung inflationsbereinigt auf Basis des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI). INHALT AUTORENSCHAFT Thilo Janssen ist Wissenschaftler im Wirtschaftsund Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-BöcklerStiftung und Korrespondent für die europäische Stiftung Eurofound. Forschungsschwerpunkte: Europäische Arbeitsbeziehungen und europäische Integration. [email protected] Dr. Malte Lübker ist Wissenschaftler im Wirtschaftsund Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der HansBöckler-Stiftung. Forschungsschwerpunkte: Löhne, Tarifpolitik, personale und funktionale Einkommensverteilung und Umverteilung durch den Wohlfahrtsstaat. [email protected] 1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 2 Ökonomische Rahmen bedingungen der Tarifpolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 2.1 Allgemeine Wirtschaftsentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 2.2 Die Lage auf dem Arbeitsmarkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 2.3 Produktivitätsentwicklung, BIP-Deflator und Verteilungsspielraum . . . . . . . . . . . . . . 5 3 Die Entwicklung der Tariflöhne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 3.1 Der EZB-Tariflohnindikator . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 3.2 Die Tariflohnentwicklung in ausgewählten EU-Staaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 4 Die Entwicklung der Effektivlöhne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 4.1 Entwicklung von Löhnen und Verbraucherpreisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 4.2 Verteilungsbilanz und funktionale Einkommensverteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 5 Inflationsverlierer und Inflationsgewinner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .15 5.1 Preisanhebungen führen zu steigenden Gewinnmargen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 5.2 Beiträge von Lohnund Gewinnentwicklung zum BIP-Deflator . . . . . . . . . . . . . . . .15 6 Fazit: Findet Europa einen gerechten Ausweg aus der Krise? . . . . . . . . . . . . .18 WSI Report Nr. 86, Juli 2023 Seite 3 1 EINLEITUNG Nach dem weitgehenden Ende der pandemiebedingten Verwerfungen bestimmt in den Jahren 2022 und 2023 das Inflationsgeschehen die europäische Tarifpolitik. Zogen bereits 2021 die Preise an, kam es durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ab Februar 2022 zum Energiepreisschock. Gemessen am Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) erreichte die Teuerungsrate mit 11,5 % im Oktober 2022 in der EU-27 einen Höchststand. Der dadurch ausgelöste massive Kaufkraftverlust für die Beschäftigten setzt Gewerkschaften unter Druck, durch hohe Lohnabschlüsse die Reallöhne zu stabilisieren. Gleichzeitig klagen auch die Unternehmen über hohe Preise für Energie und Vorprodukte. Doch sind es mit dem rapiden Absinken der Preise für importierte Energie inzwischen inländische Faktoren, die das Preisgeschehen prägen (Europäische Kommission 2023a, S. 9, 29). Neben der wiederkehrenden Warnung vor einer Lohn-PreisSpirale (u. a. Creutzburg 2023) stehen die steigenden Gewinnmargen der Unternehmen zunehmend im Fokus der Debatte um die Ursachen des Preisauftriebs (Europäische Kommission 2023a, S. 29ff.; Ragnitz 2022; Weber / Wasner 2023). Entsprechend gehen wir im diesjährigen Europäischen Tarifbericht der Frage nach, welchen Anteil Löhne und Gewinne an der Persistenz der hohen Inflation haben – und welche verteilungspolitischen Herausforderungen sich daraus für die Tarifpolitik ergeben. Ausgangspunkt hierfür sind die ökonomischen Rahmenbedingungen, das Arbeitsmarktgeschehen und der Spielraum für verteilungspolitisch neutrale Lohnerhöhungen, der sich aus der Produktivitätsund Preisentwicklung ableiten lässt (Abschnitt 2). In der weiteren Analyse wird erörtert, ob von den Tariflöhnen inflationsbeschleunigende Impulse ausgehen (3) und inwiefern die Löhne den Verteilungsspielraum ausschöpfen. Dies beeinflusst auch die funktionale Einkommensverteilung (4). Die anschließende Analyse der Beiträge von Lohnund Gewinnentwicklung zum BIP-Deflator (5) erhärtet die Annahme, dass die aktuelle Inflationskrise verteilungspolitische Konsequenzen zu Lasten der Beschäftigten hat (6). 2 ÖKONOMISCHE RAHMEN BEDINGUNGEN DER TARIFPOLITIK 2.1 Allgemeine Wirtschaftsentwicklung Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Tarifpolitik waren in den vergangenen drei Jahren bestimmt durch die Corona-Pandemie, den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine im Februar 2022, die folgende Energiekrise und zuletzt durch die rasant steigenden Verbraucherpreise. Deshalb ist es bemerkenswert, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der EU sich nach dem Erholungsjahr 2021 (5,4 %) im Jahr 2022 mit einem Wachstum von 3,5 % besser entwickelt hat, als dies zunächst abzusehen war. So lag das tatsächliche Wachstum im vergangenen Jahr um ganze 0,8 Prozentpunkte über der Prognose aus dem letzten Frühjahr (Europäische Kommission 2022a). Die Last der hohen Inflation trugen laut Kommission vor allem die Privathaushalte, die teilweise durch staatliche Leistungen gestützt wurden (s. a. Dullien / Rietzler / Tober 2023). Positiv wirkte sich die weiterhin gute Entwicklung des Arbeitsmarktes aus (Europäische Kommission 2023b, S. 14). Mit der Rücknahme der pandemiebedingten Beschränkungen konnte über den Sommer 2022 eine weiterhin wachsende Nachfrage nach Dienstleistungen beobachtet werden. In den verarbeitenden Sektoren wirkte sich die schrittweise Verbesserung der Lieferkettensituation positiv aus. Insgesamt ergibt sich für die Länder der EU-27 ein uneinheitliches Bild. Stärker wachsen konnten vor allem die Volkswirtschaften im Süden der EU, darunter Portugal (6,7 %), Griechenland (5,9 %) und Spanien (5,5 %). Schlusslicht ist Italien mit einem Wert von 3,7 %. In Westeuropa ist Irland ein Ausreißer: Das Wachstum von 12,0 % des BIP ist eine Folge davon, dass einige multinationale Konzerne der IT-Industrie hier ihren Sitz angemeldet haben (ebd., S. 14). Die westeuropäische Bilanz ist 2022 heterogen: Stärker wachsen konnten Österreich (5,0 %) und die Niederlande (4,5 %). In Deutschland (1,8 %) schlugen die hohen Energiekosten zu Buche, Frankreich wuchs moderat (2,6 %). In Osteuropa litt Estland (-1,3 %) unter den hohen Energiepreisen und unterbrochenen Wirtschaftsbeziehungen zu Russland. Die größeren Länder Polen (5,1 %) und Rumänien (4,7 %) wuchsen dagegen stärker. Zum Ende des Jahres 2022 belastete der inflationsbedingte Rückgang der Kaufkraft die Konsumnachfrage in den meisten EU-Ländern so stark, dass die Wirtschaft zeitweise schrumpfte. Auch Deutschland verzeichnete im 4. Quartal 2022 (-0,5 %) und im 1. Quartal 2023 (-0,3 %) einen leichten Rückgang der Wirtschaftsleistung. Da die Wirtschaft damit in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen zurückgegangen ist, befand sie sich in einer „technischen Rezession“ (Statistisches Bundesamt WSI Report Nr. 86, Juli 2023 Seite 4 Bruttoinlandsprodukt Arbeitslosigkeit 2020 2021 2022 2023 2020 2021 2022 2023 Nordeuropa  Dänemark -2,0 4,9 3,8 0,3 5,6 5,1 4,5 5,0 Finnland -2,4 3,0 2,1 0,2 7,7 7,7 6,8 7,1 Schweden -2,2 5,4 2,6 -0,5 8,5 8,8 7,5 7,7 Westeuropa       Belgien -5,4 6,3 3,2 1,2 5,8 6,3 5,6 5,8 Deutschland -3,7 2,6 1,8 0,2 3,7 3,7 3,1 3,2 Frankreich -7,8 6,8 2,6 0,7 8,0 7,9 7,3 7,4 Irland 6,2 13,6 12,0 5,5 5,9 6,2 4,5 4,3 Luxemburg -0,8 5,1 1,5 1,6 6,8 5,3 4,6 4,8 Niederlande -3,9 4,9 4,5 1,8 4,9 4,2 3,5 3,8 Österreich -6,5 4,6 5,0 0,4 6,0 6,2 4,8 4,9 Südeuropa       Griechenland -9,0 8,4 5,9 2,4 17,6 14,7 12,5 12,2 Italien -9,0 7,0 3,7 1,2 9,3 9,5 8,1 7,8 Malta -8,6 11,8 6,9 3,9 4,4 3,4 2,9 2,9 Portugal -8,3 5,5 6,7 2,4 7,0 6,6 6,0 6,5 Spanien -11,3 5,5 5,5 1,9 15,5 14,8 12,9 12,7 Zypern -4,4 6,6 5,6 2,3 7,6 7,5 6,8 6,9 Osteuropa       Bulgarien -4,0 7,6 3,4 1,5 6,1 5,3 4,3 4,3 Estland -0,6 8,0 -1,3 -0,4 6,9 6,2 5,6 6,2 Kroatien -8,5 13,1 6,2 1,6 7,5 7,6 7,0 6,6 Lettland -2,3 4,3 2,8 1,4 8,1 7,6 6,9 6,8 Litauen 0,0 6,0 1,9 0,5 8,5 7,1 6,0 6,6 Polen -2,0 6,9 5,1 0,7 3,2 3,4 2,9 3,3 Rumänien -3,7 5,8 4,7 3,2 6,1 5,6 5,6 5,4 Slowakei -3,3 4,9 1,7 1,7 6,7 6,8 6,1 5,8 Slowenien -4,3 8,2 5,4 1,2 5,0 4,8 4,0 3,9 Tschechien -5,5 3,6 2,5 0,2 2,6 2,8 2,2 2,8 Ungarn -4,5 7,2 4,6 0,5 4,1 4,1 3,6 4,2 EU-27 -5,6 5,4 3,5 1,0 7,2 7,1 6,2 6,2 Quelle: AMECO-Datenbank der Europäischen Kommission (Version: 15. Mai 2023). Tabelle 1 Wachstum und Arbeitslosigkeit in der Europäischen Union, 2020 – 2023* Angaben in Prozent Anmerkungen: Bruttoinlandsprodukt = Veränderung des BIP in % gegenüber dem Vorjahr (real). Arbeitslosenquote = Anzahl der Arbeitslosen in % der zivilen Erwerbsbevölkerung (Eurostat-Definition). * Angaben für 2023: Prognose der Europäischen Kommission. WSI Report Nr. 86, Juli 2023 Seite 5 2023a). Auch die Straffung der Geldpolitik durch die Europäische Zentralbank (EZB) dämpft derzeit die Wirtschaftsentwicklung. Als Reaktion auf die Inflationsdynamik hatte diese den Leitzins seit Juli 2022 in kontinuierlichen Schritten auf 4,0 % (Stand: Juni 2023) angehoben (EZB 2023; Dullien et al. 2023). Zwar nennt die Europäische Kommission den Start in das Jahr 2023 „besser als erwartet“ (Europäische Kommission 2023a, S. 2). Über das Jahr betrachtet prognostiziert sie eine weitgehende Stagnation (1,0 %) statt – wie noch im Herbst vorausgesagt – eine Rezession (Europäische Kommission 2022b). Irland bleibt das einzige Land, das 2023 weiter mit einem stärkeren Wachstum (5,5 %) rechnen kann. Die meisten Industrienationen dürften über das Jahr betrachtet haarscharf an einem Rückgang der Wirtschaftsleistung vorbeischrammen, darunter Deutschland (0,2 %) und Frankreich (0,7 %). Für Schweden (-0,5 %) und Estland (-0,4) wird ein BIP-Rückgang vorhergesagt. Ein insgesamt positiveres Bild zeichnet die Kommission für Südeuropa, wo in Spanien (1,9 %), Griechenland (2,4 %) oder Portugal (2,4 %) die Wirtschaftsleistung moderat zulegt (Tabelle 1). 2.2 Die Lage auf dem Arbeitsmarkt Trotz der seit vier Jahren persistenten Krisendynamik bleibt der Arbeitsmarkt das stabile Rückgrat der Wirtschaftsentwicklung. Im Februar 2023 erreichte die Arbeitslosigkeit in der EU-27 mit 6,0 % einen neuen Tiefstand, während die Zahlen 2022 für Länder wie Deutschland (3,1 %), Tschechien (2,2 %), Polen (2,9 %), die Niederlande (3,5 %) oder Ungarn (3,6 %) nahe der Vollbeschäftigung liegen (Tabelle 1). Griechenland (12,5 %) und Spanien (12,9 %) leiden hingegen noch immer unter einem Hysterese-Effekt der Eurokrise und weisen innerhalb der EU nach wie vor die höchsten Arbeitslosenquoten auf. Selbst hier ist die Arbeitslosigkeit durch die Krisenjahre hindurch jedoch gesunken. Für das laufende Jahr prognostiziert die Kommission einen weiteren, leichten Rückgang. Während der Corona-Pandemie sicherten Instrumente wie die Kurzarbeit Beschäftigung und damit die soziale Stabilität und Konsumnachfrage ab. Auch 2022 gab es in der Industrie kaum Stellenabbau, obwohl weiterhin Rückstände in der Produktion und hohe Energiepreise den Sektor belasteten. Der Dienstleistungssektor und die Bauindustrie verzeichneten weiter Beschäftigungswachstum (Europäische Kommission 2023a, S. 36). Bremsend wirkt eine zunehmende Arbeitskräfteknappheit. So übersteigt die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften schon heute in vielen Berufen und EU-Ländern das Angebot (Eures 2023). Auch für Deutschland gilt dieser Befund: So gaben in einer Umfrage des WSI mehr als die Hälfte (56 %) der Betriebsund Personalräte an, ihre Unternehmen hätten Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen (Ahlers / Villalobos 2022). Der seit 2018 veröffentlichte Arbeitskräfteknappheits-Index des Instituts für Arbeitsmarktund Berufsforschung (IAB) stieg im Frühjahr 2023 auf einen neuen Höchstwert (IAB 2023). 2.3 Produktivitätsentwicklung, BIP-Deflator und Verteilungsspielraum Aus Sicht der Beschäftigten und Gewerkschaften sind Engpässe am Arbeitsmarkt eine günstige Voraussetzung, um gegenüber den Arbeitgebern höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen (Fuest / Jäger 2023). Neben der Lage am Arbeitsmarkt orientiert sich die Tarifpolitik traditionell auch am Verteilungsspielraum, der sich aus der Produktivitätsund Preisentwicklung ableiten lässt (Lübker / Schulten 2017, S. 422). Er gibt den Rahmen für Lohnsteigerungen an, bei denen die funktionale Einkommensverteilung zwischen Arbeit und Kapital unverändert bleibt. Wie bereits im Vorjahr prognostiziert, wuchs die Arbeitsproduktivität im Jahr 2022 trotz der ineinander übergehenden Krisen in der EU um 1,5 % (Tabelle2). Für das laufende Jahr wird im Einklang mit der schwachen BIP-Entwicklung bei gleichzeitigem Beschäftigungsaufbau noch mit einem leichten Anstieg der Arbeitsproduktivität um 0,5 % gerechnet (Europäische Kommission 2023a, S. 39). Beides liegt in der Nähe des Wertes von 1 %, der u. a. von der EZB als das langfristige Trendwachstum der Arbeitsproduktivität in entwickelten Volkswirtschaften angesetzt wird (Lopez-Garcia / Szörfi 2021, S. 93f.). Nach dem Einbruch der Arbeitsproduktivität im Pandemiejahr 2020 (-4,3 %) und der darauffolgenden Erholung im Jahr 2021 (3,9 %) zeichnet sich derzeit also wieder eine Normalisierung der Entwicklung ab (vgl. Lübker / Janssen 2022, S. 317). Im Gegensatz dazu liegt die Preisentwicklung aktuell weit oberhalb der historischen Norm. Dies zeigt sich sowohl an der Entwicklung der Verbraucherpreise, die in Tabelle3 auf Basis des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) dargestellt wird, als auch anhand des BIP-Deflators (Tabelle2). Die beiden Preisindizes entsprechen zwei verschiedenen, sich ergänzenden Perspektiven: Aus Sicht der Beschäftigten ist die Kaufkraft der Löhne entscheidend (Lübker / Schulten 2018, S. 402ff.). Zur Berechnung der Reallohnentwicklung wird in Abschnitt 4 deshalb der HVPI verwendet, der maßgeblich auch von der Teuerung importierter Energieträger getrieben wurde (Statistisches Bundesamt 2023b). Aus verteilungspolitischer Sicht ist jedoch die inländische Wertschöpfung maßgeblich, da nur der im Zuge des heimischen Produktionsprozesses geschaffene Mehrwert zwischen Arbeit und Kapital verteilt werden kann. Die Preisentwicklung der inländischen Wertschöpfung lässt sich aus der Differenz zwischen realem und nominalem BIP-Wachstum ableiten und in Form des BIP-Deflators messen. WSI Report Nr. 86, Juli 2023 Seite 6 Arbeitsproduktivität BIP-Deflator Verteilungsspielraum 2020 2021 2022 2023 2020 2021 2022 2023 2020 2021 2022 2023 Nordeuropa  Dänemark -0,9 2,3 0,0 0,7 2,6 2,8 7,6 0,2 1,7 5,2 7,6 0,9 Finnland -0,5 0,3 -0,4 0,4 1,6 2,2 4,2 4,4 1,2 2,5 3,9 4,7 Schweden -0,8 4,1 -0,1 -0,7 2,0 2,9 5,7 5,7 1,1 7,1 5,6 4,9 Westeuropa             Belgien -5,4 4,4 1,2 0,6 1,5 2,8 5,9 3,8 -4,0 7,3 7,2 4,5 Deutschland -2,9 2,5 0,5 -0,4 1,8 3,1 5,5 6,1 -1,2 5,6 6,0 5,7 Frankreich -7,1 4,2 0,2 0,4 2,8 1,3 3,0 5,4 -4,6 5,6 3,2 5,8 Irland 9,3 7,1 5,0 3,0 -1,6 0,7 5,3 4,6 7,6 7,8 10,6 7,8 Luxemburg -2,5 2,1 -1,9 -0,8 4,7 6,2 6,4 5,5 2,1 8,4 4,4 4,7 Niederlande -3,4 2,8 0,5 0,8 1,9 2,4 5,3 6,1 -1,5 5,3 5,8 7,0 Österreich -4,9 2,5 2,3 -0,2 2,6 1,9 5,0 7,2 -2,5 4,5 7,4 7,0 Südeuropa             Griechenland -7,3 5,6 2,0 1,6 -0,9 1,3 8,1 4,7 -8,1 6,9 10,3 6,4 Italien -7,0 6,3 1,9 0,7 1,6 0,6 3,0 5,9 -5,5 7,0 5,0 6,7 Malta -11,1 8,6 0,8 1,6 1,6 1,9 5,2 4,2 -9,7 10,7 6,0 5,9 Portugal -6,6 3,5 4,6 1,9 2,0 1,5 4,4 5,8 -4,8 5,1 9,2 7,8 Spanien -7,5 3,0 2,6 1,1 1,2 2,3 4,3 4,4 -6,3 5,4 7,0 5,6 Zypern -3,2 5,3 2,7 0,6 -1,2 2,9 6,4 5,0 -4,4 8,3 9,3 5,7 Osteuropa             Bulgarien -1,7 7,4 2,1 1,2 4,3 7,1 15,1 10,4 2,5 15,1 17,5 11,8 Estland 2,2 7,9 -5,6 -0,6 -0,5 6,0 16,6 10,3 1,7 14,3 10,0 9,6 Kroatien -7,4 11,8 3,8 0,6 0,7 2,0 8,2 7,5 -6,7 14,0 12,3 8,1 Lettland 0,0 7,0 0,0 1,3 1,0 6,5 13,1 8,9 1,0 14,0 13,1 10,3 Litauen 1,6 4,7 -3,0 1,2 1,9 6,3 16,8 10,4 3,5 11,4 13,3 11,7 Polen -2,0 4,3 4,7 0,6 4,3 5,3 11,3 11,8 2,2 9,8 16,5 12,4 Rumänien -1,7 3,9 4,6 3,5 4,1 5,2 13,4 10,7 2,4 9,3 18,6 14,5 Slowakei -1,5 5,5 -0,1 1,2 2,4 2,4 7,5 9,8 0,9 8,0 7,4 11,1 Slowenien -3,7 6,8 2,9 0,5 1,3 2,6 7,2 7,3 -2,5 9,6 10,3 7,9 Tschechien -3,9 3,2 0,7 -0,5 4,3 3,3 8,6 11,3 0,3 6,6 9,3 10,8 Ungarn -3,5 6,0 2,8 0,5 6,4 6,4 15,3 13,0 2,7 12,8 18,5 13,6 EU-27 -4,3 3,9 1,5 0,5 2,0 2,4 5,4 6,1 -2,3 6,4 7,0 6,7 Quelle: AMECO-Datenbank der Europäischen Kommission (Version: 15. Mai 2023), Berechnungen des WSI. Tabelle 2 Arbeitsproduktivität, Preisentwickung der inländischen Wertschöpfung und Verteilungsspielraum in der Europäischen Union, 2020 – 2023* Angaben in Prozent Anmerkungen: Alle Angaben beruhen auf dem Personenkonzept (nicht auf Vollzeitäquivalenten). Dadurch ergeben sich für Frankreich, die Niederlande, Italien, Spanien sowie die EU-27 Abweichungen zu den Veröffentlichungen der Europäischen Kommission (2023). Arbeitsproduktivität = Reales BIP pro Erwerbstätigem, Veränderung in % gegenüber dem Vorjahr (Personenkonzept, nicht arbeitszeitbereinigt). BIP-Deflator = aus dem Unterschied zwischen nominaler und realer Entwicklung des BIPs abgeleiteter Preisindex. Verteilungsspielraum = Produkt aus Preisund Arbeitsproduktivitätsentwicklung (basierend auf dem BIP-Deflator). * Angaben für 2023: Prognose der Europäischen Kommission. WSI Report Nr. 86, Juli 2023 Seite 7 3 DIE ENTWICKLUNG DER TARIFLÖHNE 3.1 Der EZB-Tariflohnindikator Mit dem Tariflohnindikator verfolgt die EZB das Ziel, den potenziellen Einfluss von Arbeitskosten auf künftige Preissteigerungen einzuschätzen, indem sie die Ergebnisse von Tarifverhandlungen zeitnah erfasst. Die Daten sind weder saisonnoch werktagsbereinigt und werden für zwölf Euro-Länder erhoben, die rund 98 % der Wirtschaftskraft des Euro-Raumes abbilden (Kanutin 2015). Im zweiten Jahr der Pandemie 2021 waren die Tariflöhne nominal nur noch um 1,5 % gewachsen, und damit am unteren Rand der Spannweite der Vorjahre. Da gleichzeitig die Teuerungswelle einsetzte, ergibt sich für 2021 ein Reallohnverlust von 1,1 %. Das Jahr 2022 brachte zwar eine moderate nominale Steigerung der Tariflöhne von 2,8 %. Dies reichte aufgrund des vom russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ausgelösten Energiepreisschocks jedoch bei weitem nicht aus, um für einen Inflationsausgleich zu sorgen. Deshalb fielen die Tariflöhne im vergangenen Jahr preisbereinigt um 5,2 %, was für die Beschäftigten einen seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2000 nicht dagewesenen Verlust an Kaufkraft bedeutet (Abbildung 1). Die vierteljährlichen Daten zeigen, wie sich die Tarifpolitik am fortlaufenden Krisengeschehen orientiert (Abbildung 2). Noch bis ins 4. Quartal 2021 blieben die nominalen Tariflohnsteigerungen deutlich unter 2 % und zogen dann erst mit der steigenden Inflation im Jahr 2022 an. Bemerkenswert ist jedoch, dass das nominale Tariflohnwachstum mit Höchstwerten von jeweils 2,9 % auch im 3. und 4. Quartal 2022 unterhalb der 3 %-Marke bleibt. Diese gilt der EZB als Richtwert für eine stabilitätsorientierte Lohnpolitik und ergibt sich aus dem langfristigen Trendwachstum der Produktivität von 1 % pro Jahr und dem Inflationsziel der EZB von 2 % (Lane 2023). Damit gingen von der Tarifpolitik keine inflationsbeschleunigenden Impulse aus. Größere Steigerungen zeigen sich dagegen bei den tatsächlich gezahlten Stundenlöhnen, den Effektivverdiensten, die ebenfalls von der EZB erhoben werden. Die ungewöhnlichen Schwankungen der Jahre 2020 und 2021 können dabei in erster Linie auf Kompositionseffekte und pandemiebedingte Verzerrungen zurückgeführt werden (Lübker / Janssen 2022, S. 319f.; Bodnár et al. 2022, S. 139ff.). Diese Effekte liefen im Laufe des Jahres 2022 aus, sodass die wachsende Differenz zwischen Tariflöhnen und Effektivverdiensten am aktuellen Rand wieder im Sinne einer Lohndrift interpretiert werden kann. So erwartet beispielsweise für Deutschland die Bundesbank eine deutlich positive Lohndrift für die Jahre 2023 und 2024 und prognostiziert auf dieser Grundlage ein Wachstum Während sich HVPI und BIP-Deflator häufig über längere Zeit parallel zueinander bewegen, ist dies nicht zwangsläufig der Fall. Dies gilt insbesondere dann, wenn – wie aktuell – externe Kostenschocks auf eine Volkswirtschaft wirken (vgl. Lübker / Janssen 2022. S. 323). Vor diesem Hintergrund wurde im Europäischen Tarifbericht bereits für die Jahre 2021 / 2022 der BIP-Deflator für die Berechnung des Verteilungsspielraumes herangezogen. Dies entspricht dem Zweck des Indikators, den Spielraum für verteilungspolitisch neutrale Lohnerhöhungen aufzuzeigen. Anders ausgedrückt: Wenn die Wachstumsrate der Nominallöhne genau mit dem so berechneten Verteilungsspielraum übereinstimmt, bleibt die funktionale Einkommensverteilung und damit die Lohnquote konstant. Da sich der BIP-Deflator nur auf die inländische Wertschöpfung bezieht, misst er die tatsächliche Zahlungsfähigkeit der Unternehmen auch unter den veränderten Umständen (inkl. der steigenden Kosten für importierte Rohstoffe und Vorleistungen). Für die Europäische Union weist Tabelle2 einen Verteilungsspielraum von 7,0 % im Jahr 2022 aus und auch im laufenden Jahr dürfte der Wert in einer ähnlichen Größenordnung liegen (6,7 %). Für Deutschland liegt er mit 6,0 % im Jahr 2022 und einer Prognose von 5,7 % für das Jahr 2023 etwas unter dem EU-Durchschnitt. Die Berechnungen verdeutlichen, dass recht deutliche Lohnsteigerungen möglich sind, um den Einkommensverlusten der Beschäftigten entgegenzuwirken, ohne dadurch die Gewinnmargen der Unternehmen zu senken. 1 Gleichzeitig ist zu bedenken, dass der hohe rechnerische Verteilungsspielraum ganz wesentlich von den hohen BIP-Deflatoren getragen wird. Dies gilt insbesondere für die drei baltischen Staaten, in denen die Arbeitsproduktivität im vergangenen Jahr rückläufig war oder stagnierte, sowie Bulgarien und Ungarn. 1 Dabei muss wie schon zuletzt an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass jegliche Prognose großen Unsicherheiten unterliegt, zu der u. a. die Entwicklung der Kerninflation (ohne Energiepreise), Finanzmarktentwicklungen, fiskalpolitische Entscheidungen sowie externe Entwicklungen wie der russische Krieg gegen die Ukraine beitragen (Europäische Kommission 2023a, S. 5). WSI Report Nr. 86, Juli 2023 Seite 8 Abbildung 2 Entwicklung der Tarifund Effektivlöhne in der Euro-Zone, 2012 – 2022 Veränderungen zum Vorjahresquartal in Prozent Tariflöhne Effektivlöhne Anmerkungen: Effektivlöhne beziehen sich auf NACE Rev. 2 Abschnitte B bis S (d.h. Gesamtwirtschaft ohne Landwirtschaft, ohne private Haushalte als Arbeit geber und ohne exterritoriale Organisationen) ohne Berücksichtigung der Lohnnebenkosten. Die Daten sind kalenderbereinigt, aber nicht saisonbereinigt. Quelle: Europäische Zentralbank, Berechnungen des WSI. -1,0 0,0 1,0 2,0 3,0 4,0 5,0 6,0 Q1 Q2 Q3 Q4 Q1 Q2 Q3 Q4 Q1 Q2 Q3 Q4 Q1 Q2 Q3 Q4 Q1 Q2 Q3 Q4 Q1 Q2 Q3 Q4 Q1 Q2 Q3 Q4 Q1 Q2 Q3 Q4 Q1 Q2 Q3 Q4 Q1 Q2 Q3 Q4 Q1 Q2 Q3 Q4 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 Tariflöhne Effektivlöhne Abb. 2: Entwicklung der Tarif-und Effektivlöhne in der Euro-Zone, 2012-2022 Veränderungen zum Vorjahresquartal in Prozent Anmerkung: Effektivlöhne beziehen sich auf NACE Rev. 2 Abschnitte B bis S (d.h. Gesamtwirtschaft ohne Landwirtschaft, ohne private Haushalte als Arbeitgeber und ohne exterritoriale Organisationen) ohne Berücksichtigung der Lohnnebenkosten. Die Daten sind kalenderbereinigt, aber nicht saisonbereinigt. Quelle: Europäische Zentralbank, Berechnungen des WSI. Untere Achse bitte wie im Vorjahr formatieren: Anmerkung: Effektivlöhne beziehen sich auf NACE Rev. 2 Abschnitte B bis S (d.h. Gesamtwirtschaft ohne Landwirtschaft, ohne private Haushalte als Arbeitgeber und ohne exterritoriale Organisationen) ohne Berücksichtigung der Lohnnebenkosten. Die Daten sind kalenderbereinigt, aber nicht saisonbereinigt. Quelle: Europäische Zentralbank, Berechnungen des WSI. Untere Achse bitte wie im Vorjahr formatieren: Abbildung 1 Entwicklung der Tariflöhne in der Euro-Zone, 2000 – 2022 Veränderungen zum Vorjahr in Prozent nominal real Anmerkung: Reale Entwicklung inflationsbereinigt auf Basis des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI). Quelle: Europäische Zentralbank (Tariflöhne) und AMECO-Datenbank der Europäischen Kommission (Version: 15. Mai 2023), Berechnungen des WSI. 2,2 2,7 2,7 2,5 2,1 2,3 2,3 2,2 3,3 2,6 1,7 2,0 2,1 1,8 1,7 1,5 1,5 1,5 2,1 2,3 1,8 1,5 2,8 0,0 0,2 0,4 0,4 -0,1 0,1 0,1 0,1 -0,1 2,3 0,1 -0,7 -0,3 0,4 1,3 1,3 1,2 0,0 0,3 1,0 1,6 -1,1 -5,2 -6,0 -5,0 -4,0 -3,0 -2,0 -1,0 0,0 1,0 2,0 3,0 4,0 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 nominal real Abb. 1: Entwicklung der Tariflöhne in der Euro-Zone, 2000-2022 Veränderungen zum Vorjahr in Prozent Anmerkung: Reale Entwicklung inflationsbereinigt auf Basis des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI). Quelle: Europäische Zentralbank (Tariflöhne) und AMECO-Datenbank der Europäischen Kommission (Version: 15. Mai 2023), Berechnungen des WSI. Anmerkung: Reale Entwicklung inflationsbereinigt auf Basis des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI). Quelle: Europäische Zentralbank (Tariflöhne) und AMECO Datenbank der Europäischen Kommission (Version: 16. Mai 2022), Berechnungen des WSI. WSI Report Nr. 86, Juli 2023 Seite 15 5 INFLATIONSVERLIERER UND INFLATIONSGEWINNER 5.1 Preisanhebungen führen zu steigenden Gewinnmargen Die vorangegangenen Abschnitte haben dargelegt, dass die Beschäftigten angesichts der Diskrepanz zwischen Lohnund Preisentwicklung im vergangenen Jahr unter deutlichen Reallohneinbußen gelitten haben: Nach den verfügbaren Daten sind sie die Verlierer der jüngsten Inflationswelle. Aber auch Arbeitgeber vermitteln zuweilen den Eindruck, dass die Betriebe gleichermaßen unter der hohen Inflation leiden. Insbesondere die im Verlauf der Jahre 2021 und 2022 deutlich gestiegenen Weltmarktpreise für Energie, Agrarrohstoffe und andere Vorprodukte lassen diese Darstellung zunächst plausibel erscheinen (Dullien / Tober 2023, S. 3). Trotzdem sind Zweifel angebracht, da die gestiegenen Preise für Endprodukte in Form von höheren Einnahmen in die Unternehmensbilanzen eingehen – ein diametraler Gegensatz zur Position der Verbraucher, für die gestiegene Preise höhere Ausgaben bedeuten. Auch die Entwicklung der funktionalen Einkommensverteilung spricht gegen einen Rückgang der Kapitaleinkommen. So wurde im Europäischen Tarifbericht bereits im Vorjahr argumentiert, dass viele Unternehmen ihre Preise stärker angehoben haben, als dies zur Kompensation der gestiegenen Kosten notwendig gewesen wäre (Lübker / Janssen 2022, S. 319). Als Beispiel hierfür dienten die führenden deutschen Automobilhersteller, die eine „verbesserte Preisdurchsetzung“ als wesentliche Erklärung für gestiegene Unternehmensgewinne angaben (ebd.). Inzwischen hat sich die Deutsche Bundesbank (2023) auf breiterer Datenbasis mit der Ertragslage der deutschen Unternehmen befasst. 5 Sie kommt zu dem Ergebnis, dass „Kostensteigerungen größtenteils an die Verbraucher weitergegeben wurden“, während dies bei Entlastungen nicht der Fall war (ebd., S. 70). Den Unternehmen kam zudem das moderate Lohnwachstum zugute, sodass „der ausgewiesene Personalaufwand relativ zur Gesamtleistung zurück[ging]“ (ebd.). Im Ergebnis konnten die Unternehmen ihre Gewinnmargen in Deutschland deutlich zulasten der Verbraucher ausweiten und erreichten im Jahr 2021 nach Berechnungen der Deutschen Bundesbank eine Umsatzrendite vor Steuern von 5,1 %, den höchsten Wert seit 2007 (ebd.). Die Bilanzen der börsennotierten Unternehmen legen zudem 5 In die Untersuchung gingen die Jahresabschlüsse von rund 23.000 Unternehmen ein, die anhand von Angaben aus dem Unternehmensregister hochgerechnet wurden (Deutsche Bundesbank 2023, S. 70). nahe, dass die Erlöse und in geringerem Maße auch die Unternehmensgewinne im Jahr 2022 in allen Wirtschaftsbereichen weiter gestiegen sind. 6 Auch Joachim Ragnitz (2022) vom ifo Institut Dresden kommt zu dem Befund, dass deutsche Unternehmen nicht nur Kostensteigerungen an ihre Kunden weitergegeben haben, sondern die Inflation durch eine Steigerung ihrer Gewinnmargen weiter angeheizt haben. So hätten „[i]nsbesondere in der Landund Forstwirtschaft [...] sowie im Baugewerbe und im Bereich Handel, Gastgewerbe und Verkehr [...] die Unternehmen ihre Preise deutlich stärker erhöht, als es aufgrund der gestiegenen Vorleistungspreise allein zu erwarten gewesen wäre“ (ebd., S. 25). 5.2 Beiträge von Lohnund Gewinnentwicklung zum BIP-Deflator Zuletzt wies die Europäische Kommission (2023, S. 29) in ihrem Frühjahrsgutachten darauf hin, dass die Gewinnentwicklung eine wesentliche Triebkraft für die europaweit hohen Inflationsraten ist. Ausgangspunkt für die Berechnungen der Kommission ist der BIP-Deflator, der auch in Abschnitt 2.3 zur Ermittlung des Verteilungsspielraums verwendet wird. Da sich das nominale BIP auf der Einkommensseite in seine beiden Hauptkomponenten – Arbeitnehmerentgelte und Betriebsüberschüsse – zerlegen lässt, können Veränderungen des BIP-Deflators ebenfalls auf die Lohnund Gewinnentwicklung zurückgerechnet werden. 7 Als dritte, deutlich kleinere Komponente geht auch der Saldo von Produktionsund Importabgaben sowie Subventionen in das nominale BIP ein. Steuerliche Änderungen – wie die temporäre Senkung der Mehrwertsteuer im Jahr 2020 – können den BIPDeflator deshalb ebenfalls beeinflussen. Abbildung5 orientiert sich an der Methodik des Frühjahrsgutachtens der Europäischen Kommission (2023, S. 29ff.). 8 Entsprechend gilt der Vorbehalt, auf den auch die Kommission hinweist: Die Zerlegung ist eine rein buchhalterische Übung und kann nicht im Sinne einer Kausalanalyse verstanden werden kann (ebd., S. 29). Da die Arbeitnehmerentgelte einen höheren Anteil am BIP haben als die Betriebsüberschüsse, ist von diesen auch ein höherer Beitrag zum BIP-De6 Für die rund 230 im Prime Standard der Frankfurter Börse notierten Unternehmen liegen aufgrund der Berichtspflichten zeitnahe Daten vor (Deutsche Bundesbank 2023, S. 80). 7 Dies geschieht im Einkommensentstehungskonto (vgl. Eurostat 2014, Rz. 8.18). 8 Gewinne werden als Bruttobetriebsüberschuss definiert (also vor Abschreibungen) und Löhne als Arbeitnehmerentgelt (d.h. inklusive der Sozialbeiträge der Arbeitgeber). Das Selbstständigen-Einkommen wird dem Vorbild der Europäischen Kommission (2023, S. 29) folgend anteilsmäßig auf Löhne und Gewinne verteilt. WSI Report Nr. 86, Juli 2023 Seite 16 Abbildung 5 Entwicklung des BIP-Deflators und seiner Komponenten auf der Einkommensseite, 2015 – 2023* Angaben in Prozent (BIP-Deflator, Lohnund Gewinninflation) bzw. Prozentpunkten (Beiträge zum BIP-Deflator) * Angaben für 2023: Prognose der Europäischen Kommission. ** Entwicklung der Lohnstückkosten (bereinigte Arbeitnehmerentgelte / BIP zu Marktpreisen) *** Entwicklung der Kapitalstückkosten (bereinigte Bruttobetriebsüberschüsse / BIP zu Marktpreisen) Quelle: AMECO-Datenbank der Europäischen Kommission (Stand: 15. Mai 2023), Berechnungen des WSI. -5 0 5 10 15 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 a) Europäische Union Beitrag der Lohnentwicklung zum BIP-Deflator Beitrag der Gewinnentwicklung zum BIP-Defaltor Beitrag von Steuern und Subventionen zum BIP-Deflator BIP-Deflator Lohninflation* Gewinninflation** -5 0 5 10 15 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 b) Deutschland Beitrag der Lohnentwicklung zum BIP-Deflator Beitrag der Gewinnentwicklung zum BIP-Defaltor Beitrag von Steuern und Subventionen zum BIP-Deflator BIP-Deflator Lohninflation* Gewinninflation** -5 0 5 10 15 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 c) Frankreich Beitrag der Lohnentwicklung zum BIP-Deflator Beitrag der Gewinnentwicklung zum BIP-Defaltor Beitrag von Steuern und Subventionen zum BIP-Deflator BIP-Deflator Lohninflation* Gewinninflation** Bitte wie EU-27 und DEU mit Punkten für die Lohninflation/ Gewinninflation formatieren Möglichst die gleiche Skala für alle Länder verwenden. -5 0 5 10 15 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 d) Italien Beitrag der Lohnentwicklung zum BIP-Deflator Beitrag der Gewinnentwicklung zum BIP-Defaltor Beitrag von Steuern und Subventionen zum BIP-Deflator BIP-Deflator Lohninflation* Gewinninflation** -5 0 5 10 15 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 a) Spanien Beitrag der Lohnentwicklung zum BIP-Deflator Beitrag der Gewinnentwicklung zum BIP-Defaltor Beitrag von Steuern und Subventionen zum BIP-Deflator BIP-Deflator Lohninflation* Gewinninflation** -5 0 5 10 15 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 f) Niederlande Beitrag der Lohnentwicklung zum BIP-Deflator Beitrag der Gewinnentwicklung zum BIP-Defaltor Beitrag von Steuern und Subventionen zum BIP-Deflator BIP-Deflator Lohninflation* Gewinninflation** a) Europäische Union b) Deutschland c) Frankreich d) Italien e) Spanien f) Niederlande Beitrag der Lohnentwicklung zum BIP-Deflator Beitrag der Gewinnentwicklung zum BIP-Defaltor Beitrag von Steuern und Subventionen zum BIP-Deflator BIP-Deflator Lohninflation** Gewinninflation*** WSI Report Nr. 86, Juli 2023 Seite 17 flator zu erwarten (s. a. Arce / Hahn / Koester 2023, Abbildung 3). 9 Abbildung5 trägt deshalb zunächst die prozentuale Entwicklung der Lohnstückkosten (Lohninflation) und der Kapitalstückkosten (Gewinninflation) ab. Während beide Indikatoren in den Vorjahren ohne erkennbares Muster um den BIPDeflator (dargestellt als Linie) schwankten, liegen die Steigerungsraten der Kapitalstückkosten in den Jahren 2021 (4,6 %) und 2022 (7,0 %) und in der Prognose auch im Jahr 2023 (7,6 %) deutlich über denen der Lohnstückkosten. Insofern erklärt sich der Befund der Europäischen Kommission (2023, S. 31), dass der inländische Preisdruck derzeit insbesondere von den Gewinnen ausgeht. Dies zeigt sich auch an dem ungewöhnlich hohen Beitrag der Gewinnentwicklung zum BIP-Deflator (Balken in Abbildung 5), der für die Europäische Union als Ganzes (Panel a) in den Jahren 2021 und 2022 bei 1,5bzw. 2,3Prozentpunkten lag. In der Prognose wird die weiterhin positive Gewinnentwicklung auch im laufenden Jahr (2,5Prozentpunkte) wieder deutlich zur Binneninflation beitragen. Zum Vergleich: In den Jahren von 2010 bis 2020 lag der rechnerische Beitrag der Bruttobetriebsüberschüsse zum BIP-Deflator bei nur 0,5 Prozentpunkten. Aktuell ist der Inflationsbeitrag der Gewinne also dreibis fünfmal so hoch wie im langfristigen Trend. Im Unterschied dazu lässt sich bei den Löhnen im Jahr 2021 (0,2 Prozentpunkte) nur ein minimaler Inflationsbeitrag ausmachen, der erst im Jahr 2022 auf 1,8Prozentpunkte anwächst und in der Prognose für 2023 bei 2,9Prozentpunkten liegt. Dies ist jedoch – wie oben ausgeführt – zum höheren Anteil der Löhne am BIP ins Verhältnis zu setzen. Betrachtet man die Entwicklung in den fünf größten Volkswirtschaften der Europäischen Union, zeigt sich – mit einer wichtigen Ausnahme – ein ähnliches Muster (Abbildung5, Panel b bis f). So hat die Gewinnentwicklung in Deutschland, Italien, Spanien und den Niederlanden im Zeitraum seit 2021 jeweils einen disproportionalen Beitrag zum BIP-Deflator geleistet, wobei sich dieser je nach Land geringfügig anders über die Kalenderjahre verteilt. Gemeinsam ist allen vier Ländern, dass die Kapitalstückkosten im Zeitraum 2022 / 23 und teilweise auch im Jahr 2021 stärker als die Lohnstückkosten gestiegen sind. Anders stellt sich die Situation in Frankreich dar, wo die Lohnstückkosten im Jahr 2022 um 4,9 % gestiegen sind (und ein ähnliches Wachstum auch für 2023 erwartet wird). Dies liegt deutlich über dem Durchschnitt der EU-27 (3,3 %). Da die Gewinnentwicklung in Frankreich gleichzeitig verhalten war, ergibt sich für 2022 trotzdem nur eine unterdurchschnittliche Steigerungsrate des BIP-Deflators von nur 3,0 % 9 In den Jahren 2010 bis 2020 lag der Beitrag der Arbeitnehmerentgelte zum BIP-Deflator trotzdem nur bei durchschnittlich 0,7 Prozentpunkten. (und eine ebenfalls unterdurchschnittliche Steigerung der Verbraucherpreise um 5,9 %; vgl. Tabelle3). Dies zeigt im Sinne des oben angeführten Vorbehalts, dass die Kausalbeziehung zwischen Löhnen und Inflation nur lose ist und von der Gewinnentwicklung abhängt. Die vierteljährliche VGR zeigt dabei seit dem 3. Quartal 2021 eine zunehmende Gewinndynamik, die sowohl vom produzierenden Gewerbe als auch von den Dienstleistungen getragen wird (Europäische Kommission 2023a, S. 30). Im 4. Quartal 2022 stiegen die Kapitalstückkosten in allen Ländern der EU-27, und zwar ganz überwiegend stärker als der BIP Deflator (ebd.). Auch Berechnungen der EZB zeigen einen steigenden Inflationsbeitrag der Gewinne (Panetta 2023). In der Summe haben die Gewinne in der Eurozone seit dem 4. Quartal 2019 einen höheren Beitrag zum BIP-Deflator geleistet als die Löhne. Besonders ausgeprägt ist dieses Missverhältnis im Sektor Bergbau und Versorger sowie in der Landwirtschaft, wo aufgrund steigender Rohstoffpreise Übergewinne erzielt wurden. Aber auch im verarbeitenden Gewerbe, dem Baugewerbe und dem Sektor Handel, Transport und Gastgewerbe legten die Gewinne deutlich zu (ebd.). In der Gesamtschau zeigt sich, dass es den Unternehmen in der jüngsten Vergangenheit gelungen ist, ihre Absatzpreise stärker anzuheben als dies zum Ausgleich von steigenden Kosten für importierte Rohstoffe und Vorleistungen notwendig gewesen wäre. Auch liberale Ökonomen teilen deshalb den Befund der „Gewinninflation“ und sehen die Unternehmen als „Inflationsgewinner“ (Ragnitz 2022). Dies wirft die Frage auf, wie es den Unternehmen gelungen ist, ihre höheren Margen am Markt durchzusetzen. Dies ist für Krisensituationen ungewöhnlich, da eigentlich zu erwarten wäre, dass sich die steigenden Kosten für Vorprodukte und die schwache Konjunktur negativ auf die Gewinnsituation auswirken (Arce / Hahn / Koester 2023). In der aktuellen Debatte werden im Wesentlichen zwei Erklärungsmuster angeführt: Einerseits wird auf das Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage verwiesen, das während der CoronaPandemie insbesondere zu steigenden Güterpreisen und im Zuge der Öffnungsschritte zu einem Nachfrageüberhang im Dienstleistungsbereich geführt hat (Europäische Kommission 2023a, S. 30f.). Andererseits dürften aber auch verhaltensökonomische Faktoren eine wichtige Rolle gespielt haben. So konnten die Unternehmen steigende Rohstoffkosten im Zuge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine als Vorwand nutzen, um Preiserhöhungen durchzusetzen (ebd.). Da die Unternehmen davon ausgehen konnten, dass auch ihre Wettbewerber die Preise erhöhen, können sie diesen Schritt gehen, ohne den Verlust von Marktanteilen befürchten zu müssen. Dies gilt insbesondere in Märkten mit geringer Wettbewerbsintensität (s. a. Weber / Wasner 2023). Lohninflation** Gewinninflation*** WSI Report Nr. 86, Juli 2023 Seite 18 6 FAZIT: FINDET EUROPA EINEN GERECHTEN AUSWEG AUS DER KRISE? Der diesjährige Europäische Tarifbericht des WSI zeigt in erschreckender Deutlichkeit, dass die Beschäftigten die Verlierer der aktuellen Inflationskrise sind: Europaweit sank die Kaufkraft der Löhne im vergangenen Jahr um 4,0 %; für das laufende Jahr prognostiziert die Europäische Kommission einen weiteren Reallohnverlust von 0,7 %. Ganz ähnlich sieht die Situation in Deutschland aus, wo die Reallöhne nach den hier vorgestellten Daten um 4,1 % (2022) zurückgingen und voraussichtlich um weitere 1,3 % (2023) sinken werden. Ausschlaggebend hierfür sind die rasant steigenden Verbraucherpreise, die anfangs durch die Verteuerung von Energieimporten getrieben wurden. Inzwischen sinken die Importpreise jedoch wieder, sodass die Persistenz der Inflation vor allem auf binnenwirtschaftliche Faktoren zurückgeht. In der öffentlichen Debatte sehen sich die Gewerkschaften häufig mit dem pauschalen Vorwurf konfrontiert, die Inflation mit ihren Lohnforderungen zusätzlich zu befeuern. Ein nüchterner Blick auf Daten der Europäischen Zentralbank und von Eurofound zeigt jedoch, dass die Entwicklung der Tariflöhne die hohen Inflationsraten der vergangenen Monate nicht erklären kann. Die Tariflöhne stiegen in der Euro-Zone mit 2,8 % im Jahr 2022 zwar etwas stärker als im Vorjahr (1,5 %). Die Wachstumsrate lag damit aber weiterhin unterhalb der Schwelle für eine stabilitätskonforme Lohnpolitik von 3 %, die sich aus einem Trendwachstum der Produktivität von 1 % und dem Inflationsziel der EZB von 2 % ergibt. Deutschland entspricht mit einer Steigerung der Tariflöhne von 2,7 % im Jahr 2022 diesem Muster, das sich nach Berechnungen der Statistisches Bundesamtes (2023e) auch zum Jahresanfang fortgesetzt hat. Selbst arbeitgebernahe Beobachter wie Lesch und Eckle (2023, S. 4) vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) sehen die aktuelle Tarifpolitik deshalb „im stabilitätspolitischen Rahmen“. Im Gegensatz zur Lohnentwicklung standen die Gewinne lange Zeit kaum im Fokus der öffentlichen Debatte um die Ursachen des Preisauftriebs. Dies lag auch daran, dass die Unternehmen sich selbst sehr eindringlich als Leidtragende von Kostensteigerungen dargestellt haben. Bereits der Europäische Tarifbericht des Vorjahres hat an dieser Darstellung unter Verweis auf gute Unternehmensbilanzen Zweifel angemeldet (Lübker / Janssen 2022, S. 319). Inzwischen bestätigen Erhebungen der Deutschen Bundesbank (2023) auf breiter Datenbasis, dass es deutschen Unternehmen nicht nur gelungen ist, Kostensteigerungen an die Verbraucher weiterzugeben, sondern dass sie durch darüberhinausgehende Preisanhebungen ihre Gewinnmargen gesteigert haben. Mit Hilfe der VGR lässt sich der rechnerische Beitrag von Gewinnen und Löhnen zur Binneninflation systematisch für die gesamte Europäische Union untersuchen. Die Analyse zeigt, dass die Kapitalstückkosten in der Europäischen Union derzeit stärker steigen als die Lohnstückkosten. Die Gewinnsteigerungen tragen deshalb in erheblichem Umfang zum BIP-Deflator bei und damit zur Binneninflation. Auch für Deutschland erhärtet sich der Befund der „Gewinninflation“ und die daran geknüpfte Diagnose, dass Unternehmen zu den „Inflationsgewinnern“ gehören (u. a. Ragnitz 2022). In Anbetracht der Reallohnverluste für die Beschäftigten ist diese verteilungspolitische Schieflage auch ein Gerechtigkeitsproblem. Die künftige Tarifpolitik sieht sich deshalb mit einem Dilemma konfrontiert: Die moderaten Tariflohnsteigerungen der vergangenen Jahre waren zwar stabilitätskonform, aber mit so deutlichen Reallohnverlusten verbunden, dass diese die realen Tarifsteigerungen in allen untersuchten Ländern seit 2015 vollständig aufgezehrt haben. Zudem haben die Unternehmen – wie oben dargestellt und mit Ausnahme Frankreichs – keine reziproke Gewinnzurückhaltung geübt, sodass es mitten in der Krise zu einer Umverteilung zulasten der Löhne und zugunsten der Kapitaleinkommen gekommen ist. Die Neuabschlüsse aus dem Jahr 2022 zeigen, dass die europäischen Gewerkschaften hierauf mit höheren Abschlussraten reagiert haben. Auch diese liegen unterhalb der Inflationsrate, bedingen also weiterhin Reallohnverluste. Zudem ist die Steuerungsfähigkeit der Tarifpolitik – nicht zuletzt aufgrund der in vielen Ländern gesunkenen Tarifbindung – nur begrenzt, sodass die Effektivlöhne in der Euro-Zone derzeit im Sinne einer Lohndrift schneller steigen als die Tariflöhne. Auch in Deutschland wird die Debatte inzwischen differenzierter geführt als noch vor einem Jahr (Lübker / Janssen 2022, S. 325f.). Zwar gibt es nach wie vor Stimmen, die, wie die wirtschaftspolitische Sprecherin der CDU / CSU-Bundestagsfraktion Julia Klöckner (2023), einseitig vor den Gefahren einer möglichen Lohn-Preis-Spirale warnen und – grob faktenwidrig – argumentieren, dass sich im Zuge der Inflation auch die meisten Unternehmensgewinne in Luft aufgelöst hätten. Unter Verweis auf Ragnitz (2022) sprechen Lesch und Eckle (2023, S. 22) hingegen von einer Art „Doppelgefahr“, namentlich einer „Kombination aus Gewinn-Preisund Lohn-Preis-Spirale“. Auch für die EZB nimmt die Gewinnentwicklung inzwischen eine deutlich prominentere Rolle bei der Abschätzung des künftigen Inflationsdrucks ein, als dies in der Vergangenheit der Fall war (u. a. Panetta 2023). Dadurch wird die Rolle der Gewinne in der aktuellen Inflationsdynamik anerkannt. Tatsächlich führen höhere Löhne nur dann zu Preisauftrieb, wenn die Unternehmen ihre Margen aufrechterhalten (s. a. Arce / Hahn / Koester 2023). Um die derzeitige Problemlage aus hoher Inflation, fallenden WSI Report Nr. 86, Juli 2023 Seite 19 Reallöhnen und den damit einhergehenden Verschiebungen in der funktionalen Einkommensverteilung zu überwinden, bietet eine Normalisierung der Gewinnmargen deshalb einen möglichen Ausweg. Die Europäische Kommission (2023a, S. 31) hofft entsprechend, dass dieses Szenario im kommenden Jahr eintreten könnte. Begünstigt würde dies durch eine Entschärfung der Lieferengpässe, einen Rückgang der angestauten Nachfrage und eine schwache globale Konjunktur. Die derzeit erhöhten Gewinnmargen bieten deshalb einen Puffer, um künftige Steigerungen der Lohnstückkosten aufzufangen (ebd.). Auch eine aktuelle Studie des Internationalen Währungsfonds (IMF) legt nahe, dass es, wie in der Vergangenheit oft geschehen, zu einer Kombination aus stärkerem Nominallohnwachstum und fallender Inflation kommen könnte – und damit zu einer Aufholbewegung der Reallöhne (Alvarez et al. 2022). Sicher ist solch ein günstiger Ausgang jedoch nicht. WSI Report Nr. 86, Juli 2023 Seite 20 LITERATUR Ahlers, E. / Villalobos, V. Q. (2022): Fachkräftemangel in Deutschland. Befunde der WSI Betriebsund Personalrätebefragung 2021 / 22. Wirtschaftsund Sozialwissenschaftliches Institut der Hans-Böckler-Stiftung, WSI Report Nr. 76, Düsseldorf Alvarez, J. / Bluedorn, J. / Hansen, N.-J. / Huang, Y. / Pugacheva, E. / Sollaci, A. (2022): Wage-Price Spirals: What is the Historical Evidence? International Monetary Fund: IMF Working Paper No. 2022 / 221, Washington D.C. 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