Geschichte der deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Ostforschung bis 1945
Abstract
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Full text
Freiherr von Bissing, Wilhelm Moritz Article Geschichte der deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Ostforschung bis 1945 Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Freiherr von Bissing, Wilhelm Moritz (1966) : Geschichte der deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Ostforschung bis 1945, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 86, Iss. 2, pp. 179-215, https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291106 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Geschichte derjdeutschen wirtschaltswissenschaftlichen^Ostforschung bis 1945 Von Wilhelm Moritz Frhr. v. Bissing, Berlin I. Von der deutschen Rußlandforschung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts soll allein die wirtschaftswissenschaftliche Seite dargestellt werden. Sie ist nach Gegenstand und Raum durch die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in beiden Ländern bestimmt. Dadurch wechseln Perioden intensiver Forschung mit Zeiten ab, in denen das wirtschaftliche Interesse fiir das große Ostreich erlahmt. Im ganzen lassen sich folgende Epochen unterscheiden: 1. die Jahre nach der Bauernbefreiung von 1862 bis zum Abschluß des deutsch-russischen Handelsvertrages von 1894; 2. die Zeit des russisch-japanischen Krieges und der in seinem Gefolge entstehenden sozialen Unruhen und sozialen Reformen; 3. der erste Weltkrieg bis zur bolschewistischen Revolution von 1917. Was in diesen drei Epochen auf dem Gebiet der deutschen Riißlandfarschung geschah, wird im ersten Teil dieser Arbeit betrachtet. Der Frieden von Brest-Litowsk schuf auf dem Gebiet des alten Zarenreiches neue Gruppen von Oststaaten, nämlich die baltischen Randstaaten und Polen. Die Masse des Reiches wurde Staatsgebiet der Sowjetunion. Im Rahmen dieser Darstellung soll nur die deutsche Ostforschung behandelt werden, die idie baltischen Staaten und die Sowjetunion zum Gegenstand hat. Der zweite Teil der vorliegenden Arbeit soll die deutsche Sowjetforschung in drei Zeitabschnitten betrachten, nämlich 1. die Zeit der Organisation und des Aufbaues des sowjetischen Wirtschaftssystems; 2. die Jahre der Kollektivierung der Landwirtschaft und der Fiinfjahrespläne; 3. die Zeit des zweiten Weltkrieges. 12 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
180 Wilhelm Moritz Frhr. v. Bissing Ein dritter Teil schildert die Erforschung der neu entstandenen Randstaaten, während der vierte der Forschung über das Deutschtum in Rußland und in den baltischen Staaten gewidmet ist. Am Schluß endlich befaßt sich der fünfte Teil mit den Institutionen der deutschen Rußlandforschung, ihrer Entstehung und ihrer Arbeitsweise. Die Literatur, die sich mit dem untersuchten Gebiet beschäftigt, ist heute schon unübersehbar. So mußte von vorneherein eine gewisse Auswahl getroffen werden. Es wurden nur solche Verfasser behandelt, die nach wissenschaftlicher Haltung und Bedeutung wirklich etwas für ihre Zeit Grundlegendes geleistet haben. Dabei ist kritisch zu überprüfen, inwieweit die Autoren doch unter dem Einfluß gewisser Ideologien gestanden haben, die ihre Zeit beherrschten, oder ob sie sich davon haben freihalten können. II. 1. Die deutsche wirtschaftswissenschaftliche Ostforschung bis zur bolschewistischen Oktoberrevolution 1917 Eine in die Tiefe dringende Rußlanidforschung setzte in Deutschland erst nach der Bauernbefreiung von 1862 ein. Jetzt wurde insbesondere das Interesse an den russischen Agrarverhältnissen lebhaft. Die gegenüber den Verhältnissen in Westeuropa so ganz anders geartete Agrarverfassung in Rußland behandelte August Frhr. v. Haxthausen in zwei grundlegenden Arbeiten, den Studien über die inneren Verhältnisse Rußlands1 und in seinem Werk über die Agrarverfassung Rußlands2. Allerdings ist seine These, daß der Mir nur eine Vergrößerung der patriarchalischen Familie sei, von der späteren deutschen und russischen Forschung abgelehnt worden, die im Mir nur eine Wirkung der Leibeigenschaft erkannte. Mit der Geschichte der Leibeigenschaft hat sich dann Engelmann befaßt3, während v. Wiistenberger in der Feldgemeinschaft einen Faktor sah, der Entwicklung und Funktion der russischen Volkswirtschaft maßgebend beeinflußt hatte4. So lagen die Probleme der Forschung in den ersten dreißig Jahren nach der Bauernbefreiung vornehmlich auf agrarpolitischem Gebiet. Das war zeitund situationsbedingt; Rußland war noch über1 August Frhr. v. Haxthausen: Studien über die inneren Zustände Rußlands. 3 Bde. Hannover und Berlin 1847—1852. 2 Ders Die ländliche Verfassung Rußlands. Leipzig 1866. 2 J. Engelmann: Geschichte der Leibeigenschaft in Rußland. Leipzig 1884. 4 L. v . Wüstenberger: Die gegenwärtigen Agrarverhältnisse Rußlands. Leipzig 1873. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
Geschichte der deutschen wirtschaftswiss. Ostforschung bis 1945 181 wiegender Agrarstaat. Im Laufe der neunziger Jahre begann es mehr und mehr zum Konkurrenten der ostdeutschen getreidebauenden Großlandwirte zu werden und gleichzeitig seine Industrie auszubauen. Dieser Lage entsprangen eine Reihe von Aufsätzen von Wilhelm Stieda6 und Thun6. Beide Fragen wurden besonders akut, als im März 1894 im Zuge der Caprivischen Handelspolitik auch der Abschluß eines Handelsvertrages mit Rußland zur Debatte stand. Der Verein für Socialpolitik war bestrebt, durch eingehende Untersuchungen eine wissenschaftlich einwandfreie Plattform herzustellen, die als Grundlage für die Verhandlungen dienen konnte. Im Band 49 seiner Vereinsschriften brachte er einen sehr gründlichen Beitrag von Valentin Wittschewskf über die Zollund Handelspolitik Rußlands während der letzten Jahrzehnte. Dieses Thema wurde hier zum ersten Male in der deutschen Literatur umfassend und systematisch dargestellt. Dabei war es besonders wertvoll, daß Wittschewski die russische Sprache beherrschte, so daß er seine Ausführungen in weitem Umfang auf russische Originalquellen stützen konnte. Die Handelsvertragsverhandlungen paben ferner Veranlassung zu Studien über russische Finanzund Währungsfragen, die aber vcxn geringerer Bedeutung waren. Durch den beginnenden Bau der sibirischen Eisenbahn war Carl Ballod dazu angeregt worden, sich mit der wirtschaftlichen Bedeutung Sibiriens zu beschäftigen8. Ballod gehörte bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts zu den deutschen Nationalökonomen, die besonders gut über die Verhältnisse in Rußland unterrichtet waren. Die deutsche wirtschaftswissenschaftliche Literatur über Sibirien war in den neunziger Jahren noch recht unzureichend, so daß man nur ungenaue Vorstellungen von den wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes hatte. Ballod ging nun daran, die optimistischen Auffassungen über die agrarischen Entwicklun^9mÖ2:lichikeiten zu dämpfen. Wenn er allerdings meinte, daß nur Vio bis V12 der Gesamtfläche anbaufähig wären, so hat er, wie spätere Untersuchungen zeigen sollten, doch 6 Wilhelm Stieda: Russische Zollpolitik. Schmollers Jahrbuch 7. Jahrgang (1883). — Ders,: Russischer Getreidehandel an der Wolga. Schmollers Jahrbuch 12. Jahrgang (1888). — Ders.: Die Artele in Rußland: Jahrbücher f. Nat.ök. u. Stat. 48. Bd. (1883). 6 A. Thun: Landwirtschaftliche Verhältnisse im Gouvernement Moskau. Zeitschrift f. d. ges. Staatswiss. 36. Bd. (1880). 7 Valentin Wittschewski: Die Zollund Handelspolitik Rußlands während der letzten Jahrzehnte. Schriften des Vereins f. Socialpolitik. Band 48. München 1892. 8 Carl Ballod: Die wirtschaftliche Bedeutung Sibiriens. Jahrbücher f. Nat.ök. u. Stat. 67. Bd. (1896). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
182 Wilhelm Moritz Frlir. v. Biasing zu schwarz gemalt. Wenige Jahre später untersuchte Kurt Wiedenfeld die Bedeutung der sibirischen Eisenbahn für die Besiedlung Sibiriens, für seine Stellung innerhalb der russischen Volkswirtschaft und für die Eingliederung des Landes in die Weltwirtschaft9. Eine bedeutsame Untersuchung Otto Auhagens über die Besiedlung Sibiriens schloß das Thema Sibirien zunächst ab. Auhagen sollte für die kommenden Jahrzehnte einer der führenden Rußlandforscher vor allem auf agrarpolitischem Gebiet werden. Er korrigierte die pessimistischen Auffassungen Ballods, wenn er meinte, daß 30% des sibirischen Gebietes für den Ackerbau geeignet seien, eine Schätzung, die sich in der Zukunft als berechtigt erweisen sollte10. In der Besiedlung Sibiriens -sah Auhagen ein entscheidendes Moment für die Gestaltung der gesamtrussischen Agrarverhältnisse, sofern es gelänge, die Verkehrsmöglichkeiten zu verbessern und den Mangel an Arbeitskräften zu beheben. Gelänge dieses, so hätte Sibirien auch eine große industrielle Zukunft. Gerhard v. Schulze-Gaevernitz schenkte 1899 -der deutschen Wissenschaft eine Gesamtdarstellung der wirtschaftlichen Entwicklung und der wirtschaftlichen Zustände Rußlands in seinen volkswirtschaftlichen Studien über Rußland11. Das Material hatte er auf einer Studienreise gesammelt. Besonders wertvoll war, daß er auch die gesellschaftlichen Verhältnisse eingehend darlegte, über die in Deutschland nur wenig bekannt war. Sie aber waren die Ursache für die frühzeitige Konzentrationsbewegung, die sich in der russischen Industrie bereits in den ersten Jahren der industriellen 'Entwicklung bemerkbar gemacht hatte. Wenn man heute das Buch von Schulze-Gaevernitz liest, so glaubt man, den Bericht eines Forschungsreisenden aus emeim entlegenen, fernen Land vor sich zu haben, dessen Zustände mit deutschen Anschauungen und Auffassungen damals nicht recht hatten erfaßt werden können. Das Jahr 1904 gab der deutschen Rußlandforschung neuen, starken Auftrieb und stellte sie vor neue Aufgaben. Zunächst stand wieder die Handelspolitik im Vordergrund, da 1904 der 1894 geschlossene deutsch-russische Handelsvertrag ablief. Das Problem der Agrarzölle war Gegenstand lebhafter Kontroversen in Politik und Wissenschaft. Wieder ging der Verein für Socialpolitik daran, wissenschaftlich einwandfreie Unterlagen für die künftigen Verhandlungen zu schaffen. 0 Kurt Wiedenfeld: Die sibirische Bahn in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung. Berlin 1900. 10 Otto Auhagen: Zur Besiedlung Sibiriens. Berlin 1902. 11 Gerhart v. Schuhe-Gaevernitz: Volkswirtschaftliche Studien in Rußland. Münzen 1899. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
Geschichte der deutschen wirtschaftswiss. Ostforschung bis 1945 183 Im Band 92 der Vereinsschriften legte Paul Arndt12 die Probleme agrarischer und industrieller Art dar, die beiim Abschluß eines Handelsvertrages mit Rußland von Bedeutung sein konnten. Carl Ballod analysierte im Band 90 der Schriften13 die deutsch-russischen Handelsbeziehungen. Beide Verfasser kamen zu dem Ergebnis, daß der Handelsvertrag von 1894 sich günstig auf die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen ausgewirkt habe. Den Abschluß der um den deutschrussischen Handelsvertrag von 1904 konzentrierten deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Literatur bildet die große wertvolle Arbeit von Valentin Wittschewski über Rußlands Handelsund Zollpolitik von Peter dem Großen bis zur Gegenwart14. Darin stellte der Verfasser fest, daß die russische Volkswirtschaft seit der Aufhebung der Leibeigenschaft bis zur Jahrhundertwende, also in einem Menschenalter, eine Entwicklung zum Industriestaat zurückgelegt habe, zu der die anderen industriellen Volkswirtschaften Europas ein Jahrhundert nnd mehr gebraucht hätten. Mit dem Beginn des russisch-japanischen Krieges im Jahre 1904 tauchten neue Themen auf. In Deutschland mißtraute man vor allem in liberalen Kreisen der finanziellen Leistungsfähigkeit des russischen Staates. Befürchtungen über einen finanziellen Zusammenbruch wies der Gießener Nationalökonom Magnus Biermann zurück15. Ihm schloß sich Karl Helfferich an, damals Privatdoizent an der Berliner Universität und Direktor der Deutschen Bank, in seinem Buch ..Das Geld im russisch-japanischen Krieg"16. Es wäre im Deutschland der damaligen Zeit wenig populär, so meinte Helfferich, an den russischen Finanzen und an deren Leitung etwas gut zu finden. Wer es dennoch täte, setze sich Verdächtigungen und persönlichen Invektiven aus. Auf Grund einer sorgfältigen und wissenschaftlich fundierten Untersuchung kam er dann zum Schluß, daß noch kein Staat mit so geringem privaten Wohlstand es zu einer solchen Höhe des öffentlichen Kredits gebracht habe wie Rußland. Selbst wenn man die engen Beziehungen Helfferichs zum Auswärtigen Amt in Rechnung stellt und deswegen vermutet, daß ihm daran gelegen war, ziu einer Besserung der außenpolitischen Beziehungen zwischen Deutschland und Ruß12 Paul Arndt: Zum Abschluß eines neuen deutsch-russischen Handelsvertrages. Schriften des Vereins für Socialpolitik. Bd. 90. München 1900. 13 Carl Ballod: Die deutsch-russischen Handelsbeziehungen. Schriften des Vereins für Socialpolitik. Bd. 90. München 1900. 14 Valentin Wittschewski: Rußlands Handels-, Zollund Industriepolitik von Peter dem Großen bis zur Gegenwart. Berlin 1905. lo Magnus Biermann: Der Streit um die russischen Finanzen der Gegenwart. Gießen 1906. 16 Karl Helfferich: Das Geld im rusisch-japanischen Krieg. Berlin 1906. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
184 Wilhelm Moritz Frhr. v. Bissing land beizutragen, kann die Objektivität des Helfferichschen Buches nicht in Frage gestellt werden. Während Helfferich und Biermann sich nur vorübergehend mit den volkswirtschaftlichen Problemen Rußlands befaßten, trat jetzt neben Auhagen, Ballod und Wiedenfeld ein dritter jüngerer Nationalökonom in den Kreis der Rußlandforscher. Es ist dies Preyer mit einem Buch über die russische Zuckerindustrie17. «Er zeigte darin die Ursachen und Tatsachen der früh einsetzenden Konzentrationsbewegung in der russischen Industrie. Neben den engen Kreis der eigentlichen Rußlandforscher traten jetzt auch andere Autoren, vor allem Doktoranden, die in ihren Dissertationen das russische Bankwesen, russische Währungsfragen, den russischen Getreidehandel und Export behandelten, so daß der Kreis der Probleme weiter gezogen wird. Die russische Volkswirtschaft als Ganzes wurde nunmehr zum Gegenstand einer immer intensiver werdenden Forschung. Neue Anregungen gaben die im Verlauf des russisch-japanischen Krieges entstandenen sozialen Unruhen unter den Bauern in den fruchtbarsten landwirtschaftlichen Gebieten des Zarenreiches. Sie veranlaßten den «sozialistischen Nationalökonomen Karl Kautsky zu einer Reihe von Aufsätzen in der „Neuen Zeit4' über die Bauern und die Revolution in Rußland18. Kautsky kam vom historischen Materialismus her zu dem Ergebnis, daß die Bauern zwar revolutionär gestimmt seien, daß ihnen aber Feindschaft gegen den Kapitalismus fernläge. Sie wollten nämlich ein individuelles Eigentum am Grund und Boden erkämpfen auf Kosten des großen Grundbesitzes und damit den im Verfall begriffenen russischen Dorfkommunismus beseitigen. Kautsky war hier im marxistischen Dogma befangen und kam damit zu einer schiefen Beurteilung der Lage. Wie sollten die Bauern in Rußland wirksame Gegner des Kapitalismus sein, den sie noch nicht kannten? Ihr Feind war der in Rußland weit verbreitete Feudalismus, wie er im Großgrundbesitz verkörpert war. Dem entsprach die umfangreiche Agrarreform, welche die russische Regierung unter der Führung Stolypins vornahm. Sie war Gegenstand einer Untersuchung Preyers. Gestützt auf die russischen Originalquellen schuf er als erster eine systematische, wissens<iiaftliche Darstellung des Reformwerkes19. Preyer bewertete die Reform positiv und erwartete von ihr eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion sowie eine Verbesserung der Agrarverfassung. Er verkannte 17 Wilhelm Dietrich Preyer: Die russische Zuckerindustrie. Leipzig 1908. 18 „Neue Zeit44 23. Jahrgang 1905. 19 Wilhelm Dietrich Preyer: Die russische Agrarreform. Jena 1914. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
Geschichte der deutschen wirtschaftswiss. Ostforschung bis 1945 185 jedoch nicht die soziale Gefahr, die mit der Auflösung des Mir und mit dem Bestreben der russischen Regierung verbunden war, eine konservative Schicht wohlhabender Großbauern zu schaffen. Diese sollten eine wichtige Stütze der Regierung auf dem Lande werden. Auhagen beurteilte die Agrarreform ebenso günstig wie Preyer und wies die in Deutschland oft aufgetretene Meinung zurück, daß die Agrarreform nur auf dem Papier stünde20. In einer Studie über die landwirtschaftlichen Gebiete des russischen Reiches zeigte er die ungeheure Differenziertheit der landwirtschaftlichen Betriebsverhältnisse, die durch die großen Verschiedenheiten des Klimas und des Bodens bedingt sind21. Für die Möglichkeit der industriellen Entwicklung Rußlands interessierte sich Otto Göbel22. Trotz der schnellen Fortschritte, die die Industrialisierung Rußlands gemacht hat, befindet es sich noch immer in den ersten Stadien der Industrialisierung. Beweis dafür ist die Tatsache, daß der Schwerpunkt der Entwicklung auf dem Gebiet der Konsumgüterindustrie liegt. Wenn schon sehr früh die Zusammenballung der Industrie in wenigen großen Unternehmen an wenigen Orten erfolgt ist, so ist dadurch das Haupthindernis für die weitere Entwicklung, der Mangel an Kapital, nicht gemildert. Gerade unter dem Mangel an Kapital muß der Ausund Aufbau der Industrie im Ural leiden. Dieser Mangel an Kapital konnte durch das russische Bankwesen nur in engen Grenzen behoben werden. Von den russischen Banken und ihrer Tätigkeit besaß man nur ungenügende Kenntnisse, die Rudolf Clauss in seinem Buch über das russische Bankwesen izu erweitern suchte. Es war das erste wissenschaftliche Werk in deutscher Sprache, das sich mit diesem Gegenstand systematisch befaßte23. Der erste Weltkrieg und die sich seit 1915 immer deutlicher abzeichnende Niederlage Rußlands veranlaßte die deutsche Forschung, sich mit den russischen volkswirtschaftlichen Verhältnissen unter dem Gesichtspunkt zu befassen, welche Bedeutung Rußland nach dem Friedensschluß für die deutsche wirtschaftliche Entwicklung haben könnte. Hier kommt die von Schmoller vor allem geförderte Richtung der deutschen Wirtschaftswissenschaft zum Tragen, die versuchte, einen maßgebenden Einfluß auf den Gang der Politik zu gewinnen. Friedrich Naumanns Utopie über Mitteleuropa soll jedoch hier eben20 Otto Auhagen: Zur Beurteilung der russischen Agrarreform. In: Rußlands Kultur und Volkswirtschaft. Hrsg. Max Sering, Berlin 1913. 21 DersDie landwirtschaftlichen Gebiete des russischen Reiches. Berlin 1906. 22 Otto Goebel: Die russische Industrie. In: Rußlands Kultur und Volkswirtschaft. Hrsg. Max Sering. Berlin 1913. 23 Rudolf Clauss: Das russische Bankwesen. Leipzig 1908. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
186 Wilhelm Moritz Frhr. v. Bissing sowenig behandelt werden wie die (Erzeugnisse einer oft unter d-em Einfluß der überspannten alldeutschen Propaganda stehenden Literatur, die mit wissenschaftlicher Forschung nichts gemein haben. Von streng wissenschaftlichem «Geist war Kurt Wiedenfelds Buch über Sibirien in Kultur und Wirtschaft erfüllt24. Es ist das Ergebnis einer noch vor dem Kriege unternommenen Studienreise durch Sibirien. Für Wiedenfeld liegt die Industrialisierung des Landes noch in den ersten Anfängen. Kapitalund Arbeitermangel stehen der Entwicklung entgegen. Die wichtigsten Exportgüter Sibiriens gehören daher dem landwirtschaftlichen Sektor an, wobei »die Butter die erste Stelle einnimmt. Stärker politisch orientiert ist das von Max Sering herausgegebene Sammelwerk ..Westrußlaind in seiner Bedeutung für die Entwicklung Mitteleuropas"25. Sering und seine Mitarbeiter wollten die Frage beantworten, was einmal aus den von den deutschen Truppen besetzten westrussischen Gebieten werden «sollte, wenn die kriegerischen Handlungen beendet sein würden. Das Interesse richtete sich vor allem auf die baltischen Provinzen Rußlands und auf Polen. Die Verfasser standen dabei stark unter dem «Einfluß der damals von dem Frankfurter Regierungspräsidenten Friedrich von Schwerin, von Max Sering, Paul Rohrbach und Silvio Broederich verfochtenen Gedanken26. wonach die Ostseeprovinzen und Litauen bei einem kommenden Friedensschluß an Deutschland fallen und mit deutschen Bauern besiedelt werden müßten. Dadurch wäre dann im Osten Ruhe und Sicherheit gewährleistet. Das sind Pläne, (die auch der damalige Reichskanzler von Bethmann-Hollweg und mit ihim Politiker aller Parteien sich in weitem Umfange zu eigen gemacht hatten. Man suchte auf diesem Wege den Gedanken der inneren Kolonisation, nach dem die östlichen Provinzen Preußens stärker izu Lasten des landwirtschaftlichen Großgrundbesitzes mit selbständigen Bauernstellen durchsetzt werden sollten, auf die baltischen Provinzen zu übertragen. Man hätte dadurch d.ie notwendige Agrarreform im preußischen Osträum, die bisher infolee politischer Widerstände nicht recht in Gang gekommen war, in die baltischen Provinzen verlegt. Dem redeten auch eine Anzähl von Arbeiten das Wort, die im Archiv für innere Kolonisation erschienen waren, eine Zeitschrift, deren Inhalt Friedrich von Schwerin und Max Sering maßgebend beeinflußten. Alle Autoren waren 24 Kurt Wiedenfeld: Sibirien in Kultur und Wirtschaft. Bonn 1916. 25 Max Sering: Weißrußland in seiner Bedeutung für die Entwicklung Mitteleuropas. Berlin 1917. 26 Paul Rohrbach: Rußland und wir. Stuttgart 1915. — Silvio Broederich: Das neue Ostland. Berlin 1915. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
Geschichte der deutschen wirtschaftswiss. Ostforschung bis 1945 193 von anderen Persönlichkeiten, die der deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Rußlandforschung jener Jahre den Stempel gründlicher Sachkenntnis und wissenschaftlicher Objektivität aufdrücken und ihr damit ein hohes Niveau verleihen. Es sind dies Otto Auhagen, der sich, wie wir gesehen haben, bereits vor der russischen Revolution eingehend mit den Problemen der russischen Agrarpolitik befaßt hatte und nun auf diesem Wege weiter fortschreitet47. Von 1925 bis 1933 verfaßt er in der von Otto Hoetzsch herausgegebenen Zeitschrift „Osteuropa" die monatlichen Übersichten iiber die wirtschaftliche Entwicklung in «der Sowjetunion. Vor allem ist hier aber Hans Jürgen Seraphim zu erwähnen. Er hat es verstanden, durch Einzelforschungen zunächst das bisher unbekannte Gebilde der sowjetischen Wirtschaft zu durchleuchten und dann die Ergebnisse zusammenzufassen48. Diese Zusammenfassungen geben ein objektives, abgerundetes Bild des sowjetischen Wirtschaftssystems, seiner theoretischen Fundamente, seines Aufbaus, der Wirtschaftspolitik in ihrer Entwicklung und Auswirkung. Seraphim war wohl einer der besten Kenner der sowjetischen Wirtschaft in Deutschland. Er hat die soliden Grundlagen für die weitere Forschung der nächsten Jahrzehnte gelegt, die weitgehend auf seinen Schultern steht. In den ersten Jahren der sowjetischen Wirtschaft, in den Epochen des Kriegskommunismus und der NEP, sieht die deutsche Rußlandforschung das neue Wirtschaftssystem als das Ergebnis einer ganz bestimmten Entwicklung an, das zu einer Tatsache von Dauer geworden ist. Man steht diesem System mit wenigen Ausnahmen objektiv gegenüber und ist bestrebt, sein Wesen z>u erfassen. Man stellt systematisch die Tatsachen zusammen, doch ist man noch nicht in der Lage, eine das ganze umfassende Theorie aufzustellen. Dafür ist die Zeit noch nicht reif, dafür wechseln die Bilder zu schnell, die die russische Volkswirtschaft in ihrer Entwicklung darbietet. Die Eigenart des Gegenstandes und die Notwendigkeit, die russische Sprache zu beherrschen, bringt es mit sich, daß sich die Forschung in einem 47 Otto Auhagen: Die neueste russische Agrargesetzgebung. Berichte über Landwirtschaft. Bd. X 1929. 48 Hans Jürgen Seraphim: Die Neuregelung der Statistik in Rußland. Jahrb. f. Nat.ök. u. Stat. Bd. 120 (1923). — Ders.: Das Sdierenproblem. Weltw. Archiv Bd. 22, 1925. — Ders.: Wesen und Entwicklung des Außenhandels der UdSSR. In: Schriften des Vereins für Socialpol. Bd. 171. München 1925. — Ders.: Die russische Währungsreform des Jahres 1924. Berlin 1925. — Ders.: Sozialfürsorge und Sozialversicherung im bolschewistischen Rußland. Kölner Sozialpolitische Vierteljahressdirift Jg. 1926. — Ders,: Das Versicherungswesen in Rußland, Wirtschaft und Recht in der Versicherung. Berlin 1925. — Ders.: Rußland. Breslau 1927. — Ders.: Treibende Kräfte in der Handelspolitik im zaristischen und bolschewistischen Rußland. Berlin 1926. — Ders.: Art. Bolschewismus und Art. Lenin im Ergänzungsband d. 4. Aufl. des Handwörterbuchs d. Staatswiss. Jena 1929. 13 Schmollers Jahrbuch 86,2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
194 Wilhelm Moritz Frhr. v. Bissing Kreis bestimmter Persönlichkeiten konzentriert, in dessen Mittelpunkt Otto Auhagen und Hans Jürgen Seraphim stehen. So kam es, daß die deutsche wirtschaftswissenschaftliche Rußlandforschung bis zum zweiten Weltkrieg international gesehen am umfassendsten war. Der Bolschewismus war kein Experiment; er war vielmehr dauerhafte Wirklichkeit geworden. Den sowjetischen Machthabern war es gelungen, schwere wirtschaftliche und politische Krisen zu überwinden. Gegen »Ende der zwanziger Jahre hielten sie den Zeitpunkt für gekommen, die von ihnen beabsichtigte planmäßig geleitete zentrale Verwaltungswirtschaft sowjetischen Typs organisatorisch und funktionell voll durchzuführen. Ein Mittel dazu war die Kollektivierung der Landwirtschaft. Man wollte die Keimzellen des Kapitalismus beseitigen, die sich in den selbständigen Bauernwirtschaften immer wieder bilden konnten. Das andere Mittel waren die Fünfjahrespläne, mit deren Hilfe die gesamte Volkswirtschaft auf bestimmte Ziele hin entwickelt und gestaltet werden sollte. Es kam den Bolschewisten dabei zunächst darauf an, daß die Reproduktion der Produktivkräfte in möglichst raschem Tempo erfolgteum die laufenden Bedürfnisse der Werktätigen maximal zu befriedigen. Dieses Ziel war über den Sozialismus als Zwischenstadium endgültig in der kommunistischen Wirtschaft und Gesellschaft zu erreichen. Die Reproduktion der Produktivkräfte bedeutet nach der Auslegung, die Lenin der Marxschen Theorie von der erweiterten Reproduktion gegeben hatte, die vorrangige Entwicklung der schweren Industrie. Der Forschung waren also eine Reihe brennender und interessanter Probleme gegeben. Es tauchte die Frage auf, nach welchen Methoden die Wirtschaftspläne aufgestellt wunden und werden mußten, um den reibungslosen Ablauf des volkswirtschaftlichen Prozesses zu ermöglichen. Das Problem der sozialistischen Organisation der Landwirtschaft wurde akut, dann war weiter von Bedeutung, ob und in welchem Ausmaß die Wirtschaftspläne würden erfüllt werden können, wie ihre Finanzierung erfolgte und welche Rolle die StaatsiLnanzen dabei spielten. Mit allein, was man in Rußland tat, betrat man wirtschaftliches und wissenschaftliches Neuland. Die Art, wie das geschah und welche Erfolge dabei errungen wurden, interessierte nicht nur die gesamte bürgerliche Nationalökonomie, sondern insbesondere die Gelehrten, die auf dem Boden des Sozialismus standen. Die russischen Maßnahmen mußten geradezu eine Herausforderung an die führenden deutschen Sozialisten sein, da die Russen unbeirrt auf den Wegen weiter fortschritten, den die deutschen Sozialisten als unmarxistisch bezeichnet hatten. Es ist daher nicht erstaunlich, wenn man sich in OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
Geschichte der deutschen wirtschaftswiss. Ostforschung bis 1945 195 deutschen sozialistischen Kreisen mit dem, was in der Sowjetunion geschah, ausführlicher auseinanderzusetzen begann. Die Kollektivierung <der Landwirtschaft fand keineswegs die Zustimmung der deutschen Sozialisten. Karl Kautsky meint49, daß in Rußland die Voraussetzungen für die Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Großbetriebe fehlten, da landwirtschaftliche Schulen, biologische und chemische Versuchsanstalten, geeignete Betriebsführer und endlich ein entwickeltes Verkehrswesen nicht vorhanden wären. Der Bolschewismus war nach der Ansicht von Kautsky in eine Sackgasse geraten, weil er der wirtschaftlichen Schwierigkeiten nicht Herr werden konnte. Eduard David hatte sich bereits in seinem im Jahre 1903 in erster Auflage erschienenen Buch über Sozialismus und Landwirtschaft izum Vorkämpfer der bäuerlichen (Einzelwirtschaft gemacht. In der zweiten, 1922 erschienenen Auflage seines Buches betont er seinen Standpunkt eher noch schärfer60. Dem ersten Fünfjahresplan von 1928 steht von den jüngeren Sozialisten Engelbert Gra/51 zwar kritisch, aber doch insoweit positiv gegenüber, als er ihn nicht in das Reich der Utopie verweist, sondern ihn als eine Realität erkennt. Er bemüht sich, die Entwicklung in Rußland dogmenfrei so zu sehen, wie sie ist. Das kann man von den wenigen kommunistischen Autoren, die sich mit volkswirtschaftlichen Fragen Rußlands befassen, nicht sagen. Das umfangreiche Buch von Hermann Remmele52 verfehlt zwar nicht, die erheblichen Ernährungsschwierigkeiten in Rußland zu erwähnen, ist aber sonst ganz auf propagandistische Massenwirkung hin verfaßt. Es fehlt die objektive wissenschaftliche Darstellung der ökonomischen Verhältnisse. Jürgen Kuczynski53, der sich in Deutschland bereits einen gewissen wissenschaftlichen Namen gemacht hatte, vermag sich ebenfalls nicht von propagandistischen Gesichtspunkten frei zu machen, wenn er davon spricht, daß sich die Lage des russischen Arbeiters ständig bessere und sein Reallohn steige. Sicher ist von 1917 bis 1931 eine gewisse Besserung der Lebenshaltung eingetreten, und sicher konnte man auch damals, als Kuozynski schrieb, die Lebenshaltung des russischen Arbeiters nicht mit der des deutschen und amerikanischen Arbeiters vergleichen. Kuozynski unterläßt es aber, darauf hinzuweisen, daß es dem russischen Arbeiter nicht möglich ist, die 49 Karl Kautsky: Der Bolschewismus in der Sackgasse. Berlin 1930 50 Eduard David: Sozialismus und Landwirtschaft. 1. Aufl. Berlin 1903, 2. Aufl. Leipzig 1922. 61 Engelbert Graf: Die Industrialisierung Rußlands. Berlin 1931. 52 Hermann Remmele: Die Sowjet-Union. 2 Bde. Berlin 1932. 53 Jürgen Kuczynski: Rote Arbeit. Berlin 1931. 13* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
196 Wilhelm Moritz Frhr. v. Bissing notwendigsten Gebrauchsgegenstände jederzeit zu erstehen, und daß der russische Arbeiter den Leitern der Unternehmen mehr oder weniger machtlos gegenübersteht, weil ihm die Hilfe der Gewerkschaften fehlt, von denen Kuczynski gar nichts berichtet. Die sozialistische und kommunistische wirtschaftswissenschaftliche deutsche Literatur über Rußland ist in den zwanziger und dreißiger Jahren wenig ergiebig; sie bleibt meist an der Oberfläche. Die sachliche und in die Tiefe gehende Forschung lag damals weiter in den Händen der bürgerlichen deutschen Nationalökonomen. Der Kreis von Persönlichkeiten, der sich mit der Rußlandforschung befaßte, erweiterte sich im Laufe der Jahre. Neu trat Otto Schiller hinzu, der neben Otto Auhagen die russische Agrarpolitik zum Gegenstand seiner Forschung gemacht hatte. Auhagen beschäftigte sich vornehmlich mit dem Klassenkampf auf dem Dorf54. Schiller verfügte über einzigartige Kenntnisse der landwirtschaftlichen Betriebsverhältnisse in Rußland aus eigener Anschauung. Er war mehrere Jahre in den Betrieben der Deutsch-russischen Saatbau-Gesellschaft tätig gewesen. Seine Arbeiten über die Kollektivierung, die Agrarkrise und die Ernährungslage in Rußland geben daher ein gut fundiertes Bild der tatsächlichen Verhältnisse55. Die Ursachen und Wirkungen der großen Hungersnot, von der Rußland in den Jahren 1931 und 1932 heimgesucht wurde, wurden durch Schillers Veröffentlichungen in Deutschland bis in die Einzelheiten bekannt. Seine Arbeiten wurden daher auch von der internationalen Forschung übernommen und als zuverlässiges Quellenmaterial anerkannt. Schillers und Auhagens Arbeiten ergänzte Horst Eberhard Mentzel mit seinen Untersuchungen über die Arbeitsverfassung und die Ertragsverteilung in den russischen Kollektivwirtschaften56. Der Verfasser war ebenfalls Angestellter der Deutschrussischen Saatbau-Gesellschaft und stand darüber hinaus 3/4 Jahre als Agronom in russischen Diensten. Beide Tätigkeiten gewährten 54 Otto Auhagen: Die neueste russische Agrargesetzgebung, Berichte über Landwirtschaft. Bd. X. 1929. — Ders.; Die russische Landwirtschaft. In: Rote Wirtschaft. Hrsg. G. Dobbert. Berlin 1932. 5o Otto Schiller: Die Kollektivierung der russischen Landwirtschaft. Berichte über Landwirtschaft. Bd. XI. 1930. — Ders.: Die Kollektivbewegung in der SowjetUnion. Königsberg 1931. — Ders.: Die landwirtschaftlichen Probleme der SowjetUnion 1931—1932. Berichte über Landwirtschaft. Bd. XII. 1932. — Ders.: Die Krise der sozialistischen Landwirtschaft in der Sowjet-Union. Berichte über Landwirtschaft. Sonderheft 79. 1933. — Ders.: Probleme des Kolchoshandels. Osteuropa. 8. Jg. 1933. — Ders.: Die landwirtschaftliche Erzeugung der Sowiet-Union. Berichte über Landwirtschaft. Bd. XIX. 1935. — Ders.: Bedeutung und Aussichten der Agrarkollektivierung in der Sowjet-Union. Berichte über Landwirtschaft. Bd. XX. 1935 56 Hans Eberhard Mentzel: Arbeitsverfassung und Ertragsverteilung in der russischen Kollektivwirtschaft. Berlin 1935. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
Geschichte der deutschen wirtschaftswiss. Ostforschung bis 1945 197 ihm einen ausreichenden Einblick in das wirtschaftliche Gebaren von 32 Kollektivwirtschaften, von denen er elf besonders eingehend untersuchen konnte. Daraus entstand eine ausführliche Darstellung der Planung, Verwaltung, Betriebsorganisation und Betriebsführung der Kolchosen und der privaten Wirtschaften der Kolchosbauern. Das auch von Otto Schiller öfter erwähnte Problem der relativen Übervölkerung auf dem Lande in der Sowjetunion untersucht Michael Hoffmann. Die agrarische Übervölkerung war eine Wirkung der Bauernbefreiung und der unzulänglichen Landzuteilung an die Bauern. Besonders das Schwarzerdegebiet war von der Übervölkerung betroffen, wo bei wachsender Bevölkerung die Ackerfläche auf Kosten der Weidefläche erweitert wurde. Abhilfe bot die Auswanderung nach Sibirien, die von den Sowjets wieder in Gang gebracht wurde, und dann die in den Fünfjahresplänen erstrebte Industrialisierung. Schädlich war jedoch die überstürzte Mechanisierung der Landwirtschaft, die Arbeitskräfte brachlegte, statt sie in den Produktionsprozeß auf dem Lande einzugliedern. 1931 zählte man in Rußland noch eine agrarische Übervölkerung von 6 bis 8 Millionen Menschen, die zeigt, daß die Industrialisierung Rußlands eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit ersten Ranges war. So betrachtete Hoffmann das Problem der Industrialisierung aus etwas anderer Sicht, als das bisher geschehen war67. Das russische Wirtschaftssystem als Ganizes suchte Paul Berkenkopf in zwei Aufsätzen in Schmollers Jahrbuch zu analysieren58. Mit ihm trat eine weitere sachkundige Persönlichkeit m den Kreis der deutschen Rußlandforscher. Er wies auf die Schwierigkeiten hin, die in einer gemeinwirtschaftlichen, zentralen Verwaltungswirtschaft entstehen, wenn man zwar eine rationelle Wirtschaftsrechnung durchführen will, aber gleichzeitig den Markt als Ort der Preisbildung ausschaltet. Im Fehlen einer echten Geldund Kapitalrechnung und in der Ausschaltung des individuellen Erwerbsstrebens sah Berkenkopf die wunden Punkte des sowjetischen Wirtschaftssystems. Berkenkopf erkannte durchaus die Bestrebungen der russischen Machthaber als erfolgversprechend an, die auf den Ausbau und Aufbau der russischen Industrie hinzielen. In Übereinstimmung mit Hans Jürgen Seraphim stellte er aber fest, daß man diesen Prozeß der Industrialisierung zu sehr mit den Augen des Ingenieurs und zu wenig mit denen des Wirtschaftlers betrachtet hätte. So verkannte er nicht die mengenmäßige Steigerung der industriellen Erzeugung, aber er bemängelte, daß man darüber die Qualität der Produktion vernach57 Michael Hoffmann: Die agrarische Übervölkerung Rußlands. Berlin 1932. 58 Paul Berkenkopf: Das Wirtschaftssytem Sowjet-Rußlands. Schmollers Jahrb. 56. Jg. (1932) S. 1222 ff. — Ders.: Zur Lage der Sowjet-Wirtschaft. a.a.O. S. 211 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
198 Wilhelm Moritz Frhr. v. Bissing lässigt habe. Zu ähnlichen Ergebnissen kam Andreas Predöhl; er meinte, daß man durch die Bevorzugung der schweren Industrie das Gesetz des volkswirtschaftlichen Gleichgewichts außer acht ließe und daß aus politischen Gründen die industriellen Standorte weit in den Osten verlegt würden59. Die Verlagerung des industriellen Schwergewichts nach dem Osten war aber für die 'Entwicklung&möglichkeit (der russischen Volkswirtschaft vo.n erheblicher Bedeutung. Diese Tatsache ist jedoch von der deutschen Politik der vierziger Jahre nicht genügend gewürdigt worden, obwohl Michael Rosenberg60 dem Ural-Kutznetzker Kombinat eine gründliche Untersuchung gewidmet hatte. Er stellte fest, wie allen Schwierigkeiten zum Trotz, und obwohl die Werke im Sinne der kapitalistischen Wirtschaft kaum rentabel sein dürften, im Ural ein Industriekomplex allergrößten Umfanges entsteht, und daß eine weitere Verlagerung des industriellen Schwergewichts nach dem Osten zu erwarten ist. Vorher hatte schon Georg Cleinow61 die agrarischen Entwicklungsmöglichkeiten in Sibirien an Ort und Stelle untersucht, während Paul Berkenkopf in dem industriellen System, das die Sowjets in Westsibirien aufzubauen im Begriff waren, eines der größten unid wichtigsten Industriepotentiale der Welt sah62. Es war nun das Bestreben der deutschen Rußlandforschung, neben diesen Ein^eltatsachen das planwirtschaftliche System als Ganzes zu erfassen, um seine innere Gesetzlichkeit zu erkennen, um dann das Entstehen der Pläne und das Zusammenwirken der planwirtschaftlichen Maßnahmen zu durchleuchten. Carl Landauer hatte schon Planwirtschaft und Verkehrswirtschaft einander gegenübergestellt63. Er kam ebenso wie Berkenkopf zu dem Schluß, daß die Lösung des Preisproblems ohne Inanspruchnahme des Marktes unbefriedigend sein müßte. Friedrich Pollock64 gab eine eingehende Darstellung, wie sich die russische Planwirtschaft entwickelt hatte und wie man bemüht war, den Markt in jeder Form als den Ort der Güterverteilung auszuschalten. Man findet bei ihm weiter eine Analyse der Planungsmethoden und der Kontroversen, die darüber unter den russischen Nationalökonomien entstanden sind. 69 Andreas Predöhl: Die Industrialisierung Rußlands. Weltw. Archiv Bd. 36 (1932). 60 Michael Rosenberg: Die Schwerindustrie in Russisch-Asien. Schriften des Instituts für osteuropäische Wirtschaft am Staatswiss. Institut der Universität Königsberg (Pr.). Breslau 1938. 61 Georg Cleinow: Neu-Sibirien. Berlin 1928. 62 Paul Berkenkopf: Sibirien als Zukunftsland der Industrie. Stuttgart 1935. 63 Carl Landauer: Planwirtschaft und Verkehrswirtschaft. München 1931. 64 Friedrich Pollock: Die planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjet-Union. Leipzig 1929, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
Geschichte der deutschen wirtschaftswiss. Ostforschung bis 1945 199 Robert Schweitzer suchte in seiner Arbeit über das Experiment der Inidustrieplanung65 nicht nur die volkswirtschaftlichen, sondern auch die betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkte hervorzuheben. Als Ergebnis der im ersten Fünfjahresplan realisierten Versuche zeigte er, wie die im Osten ausgebaute industrielle Basis das Kriegspotential der Sowjetunion erheblich vergrößerte, wie aber auf der anderen Seite die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und Konsumgütern in beängstigender Weise hinter dem Bedarf zurückgeblieben wäre, daß ferner noch nichts über die Leistungsfähigkeit und über die Überlegenheit der sozialistischen Planwirtschaft über die freie Marktwirtschaft ausgesagt sei, wenn man einzelne Bruttoproduktionspläne zeitgerecht erfüllt hätte. Dieses Thema, das für die geistige und wirtschaftliche Haltung der westlichen Welt von Bedeutung sein mußte, wird in den Darstellungen über den ersten Fünf jahresplan weiter ausgesponnen. Man zieht die Bilanz des ersten Fünf jahresplans, wie das Otto Auhagen tut66. Er wendet sich zunächst gegen die in der deutschen Öffentlichkeit damals weitverbreitete Auffassung, daß «die industriellen Pläne der Sowjetregierung von vorneherein zum Scheitern verurteilt seien. Der erste Fünf jahresplan hätte nach dem, was er-an Ort und Stelle als wirtschaftlicher Sachverständiger der deutschen Botschaft in Moskau beobachten konnte, erstaunliche Leistungen gezeitigt. Wenn auch die auf Grund der Bruttoproduktion berechnete Statistik zu hohe absolute Zahlen wiedergäbe, so trete doch in ihren Zahlenzusammenstellungen die Richtung der Entwicklung hervor. Daibei sei wohl, darauf weist Auhagen weiter hin, auf verschiedenen industriellen Pro»duktionsgebieten die Leistung ungleichmäßig; so sähe man deutlich, wie die Erzeugung von Konsumgütern erheblich hinter dem Bedarf zurückbleibe. Durch schlechte Qualität der Produktion würden die quantitativen Erfolge oft neutralisiert, und rdie ungünstige Kostengestaltung zusammen mit unzureichender Rentabilität der Betriebe fördere die Inflation. In der Landwirtschaft bezeichnet Auhagen die Wirkungen der Kollektivierung als katastrophal. Man sähe jetizt, so meint Auhagen, wie falsch die im Westen vorherrschende Auffassung sei, wonach der russische Bauer zum Kommunismus neige. Wenn er auch weniger individualistisch eingestellt sei als der deutsche Bauer, so lehne der russische Bauer doch rdie gewaltsamen Methoden ab, mit denen die Bolschewisten an den Aufbau der sozialistischen Landwirtschaft herangingen. Weil die agrarpolitischen Maßnahmen der Re65 Robert Schweitzer: Das Experiment der Industrieplanung in der SowjetUnion. Berlin 1934. 66 Otto Auhagen: Die Bilanz des ersten Fünf jahresplans. Osteuropa. 9. Jg. (1934). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
200 Wilhelm Moritz Frhr. v. Bissing gierung auf den geschlossenen Widerstand der Bauern stießen, bliebe die landwirtschaftliche Produktion weit hinter dem Bedarf zurück, so daß in Rußland Not herrsche und der Volkswohlstand nicht gestiegen sei. Dem Aufstieg der Industrie steht also nach Auhagen der Niedergang der Landwirtschaft gegenüber. Zu dem gleichen Ergebnis kommt Rudolf Schweitzer*1. Galina Berkenkopf68 vermißt, daß der Finanzplan fiir den ersten Fünfjahresplan ausreichende Reserven enthalten hätte. Da die Selbstkosten nicht, wie im Plan vorgesehen, gesunken sondern gestiegen wären, hätte sich der Zuschußbedarf der Industrie erhöht, der wiederum -durch kurzfristige Kredite der Notenbank hätte gedeckt werden müssen. Das gestörte Gleichgewicht zwischen Landwirtschaft und Industrie und der Umstand, daß der Finanzplan für den zweiten Fünf jahresplan in der Luft hängt, bedeuten für Auhagen die große Fraire, ob dieser zweite Fünfjahresplan verwirklicht werden kann. Auhagen warnt jedoch nach den Erfahrungen, die man mit der Durchfiihruns: des ersten Fünf jahresplan gemacht hätte, davor, den zweiten Plan lediglich als ein Produkt der Phantasie zu betrachten69. Den engen Zusammenhang: «zwischen staatlichen Finanzen und den Fünfjahresplänen behandelt Dohbert in einer Reihe von Arbeiten, in denen von deutscher Seite zum ersten Male Finanzverfassun.q:. Finamzwirtschaft und Buderetrecht der Sowjetunion erörtert wurden70. Diese Arbeiten werden ergänzt durch einen Beitrag von Alexander Vilkow in dem von Gerloff und Meusel herausgegebenen Handbuch der Finanzwissenschaft71. Das Sowjetbankwesen, Finanzen und Währung der Sowietunion untersuchen zwei Arbeiten von Alexander Schick und H. Nagier12. Beide Autoren heben den Unterschied der Funktionen dieser Institutionen in der Sowietunion und in den kapitalistischen Ländern hervor. Die russische Industrieoraranisation schildert Ernst Fuchs73, ohne jedoch damit eine tiefere volksund betriebs67 Robert Schweitzer: Die Ergehnisse des ersten Fünfjahresplans. Osteuropa. 9. Jg. (1934). 68 Galina Berkenkopf: Die Finanzierung der russischen Planwirtschaft. Rostock 1932. 69 Otto Auhagen: Der zweite Fünf.iahresplan. Osteuropa. 9. Jg. (1934). 70 Gerhard Dohhert: Das Budget recht der Union und der Unionsrepubliken in Sowjet-Rußland. Finanzarchiv 44. Jg. (1927). — Dem.: Finanzausgleich in der UdSSR. Finanzarchiv 46. Jg. (1929). — Ders.: Zentralismus der Finanzverfassnng in der UdSSR. Jena 1930. — Ders. und Oscar Witt: Das einheitliche Staatsbudget der UdSSR. Jena 1930. 71 Alexander Vilkow: Der Staatshaushalt und das Finanzsystem Rußlands. In: Wilhelm Gerloff u. Franz Meisel (Hrsg.): Handbuch der Finanzwissenschaft. III. Bd. Tübingen 1929. 72 Alexander Schick: Das Sowietbankwesen. Berlin 1932. — H. Magier: Die Finanzen und die Wahrung der Sowjet-Union. Berlin 1932. 73 Ernst Fuchs: Die russische Industrieorganisation. Berlin 1931, OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
Geschichte der deutschen wirtschaftswiss. Ostforschung bis 1945 201 wirtschaftliche Kritik zu verbinden. Eine beträchtliche Lücke in der deutschen volkswirtschaftlichen Literatur füllte die Arbeit von Erwin Buchholz über die russische Holzwirtschaft aus74. Er widerlegt die These vom sagenhaften Holzreichtum der Sowjetunion. Vielmehr haben die Bestände durch jahrelangen Raubbau, durch Insektenfraß und Witterungsschäden so gelitten, daß auf dem russischen Binnenmarkt ein empfindlicher Holzmangel entstand. Wenn die Sowjetunion dennoch Holz von erstklassiger Qualität exportierte, so lagen dafür devisenwirtschaftliche Gründe vor. Neben diesen hier erwähnten Arbeiten über die Sowjetwirtschaft sind an allen deutschen Universitäten und Hochschulen eine große Anizahl von Dissertationen in den Jahren 1920 bis 1933 über sowjetische Wirtschaftsprobleme entstanden. Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, wenn sie einzeln aufgeführt oder behandelt würden. Sie sollen in toto nur als Beweis dafür dienen, welches breite wissenschaftliche Interesse die Probleme der wirtschaftlichen Gestaltung und Entwicklung in der Sowjetunion damals in den wissenschaftlichen Kreisen Deutschlands gefunden haben. Die Machtergreifung durch den Nationalsozialismus im Januar 1933 hat auf die wissenschaftliche Qualität und Objektivität der Arbeiten des uns bekannten Kreises deutscher Rußlandforscher keinen Einfluß geübt. Die meisten nationalsozialistischen Schriften, die sich mit russischen Problemen befassen, wollen auch keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben. Sie zeigen den Charakter ausgesprochen oberflächlicher Propagandaschriften, so daß sie an dieser Stelle nicht erwähnt zu werden brauchen. Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben dagegen zwei Druckerzeugnisse. Das eine ist eine Schrift von Karl Michael über die Agrarpolitik der Sowjetunion75, und die andere ist eine Broschüre von Hermann Greife mit einem Vorwort von Adolf Ehrt über Sozialforschung76. Michael ist das Pseudonym eines germanisierten Georgiers, Micheal Achmeteli , der das sogenannte Wannsee-Institut des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD (Himmler) leitete. Er sieht daher in den Nöten, unter denen die russischen Bauern zu leiden haben, die ruinöse Wirkung des jüdisch-marxistischkommunistischen Systems. Den gleichen Gedanken spricht Adolf Ehrt in seinem Vorwort zur Broschüre von Hermann Greife aus. Darstellung und Kritik des Marxismus und des Bolschewismus lagen für 74 Erwin Buchholz: Die Waldund Holzwirtschaft Sowjet-Rußlands. Berichte über Landwirtschaft. Sonderheft 56. Berlin 1932. 75 Karl Michael: Die Agrarpolitik der Sowjet-Union und ihre Ergebnisse. Berlin 1936. 76 Hermann Greife: Sozialforschung. Versuch einer nationalsozialistischen Grundlegung der Erforschung des Marxismus und der Sowjet-Union. Berlin 1936. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
202 Wilhelm Moritz Frhr. v. Bissing Ehrt bis dahin in der Hand von Soziologen und Nationalökonomen, die man die „alte Schule" nennen könnte; sie .setze sich, wie Ehrt meint, zu einem erheblichen Teil aus Juden, Freimaurern und Liberalisten zusammen. Marxismus wäre aber für ihn keine wissenschaftliche Theorie, sondern eine politische Zweckideologie. Sie wäre vom Judentum im Interesse seines Kampfes um Emanzipation, Geltung und Macht geschaffen worden. Die „alte Schule" wäre völlig blind gewesen für diese Rolle des Judentums. Den Zustand der deutschen Rußlandforschung bezeichnet Ehrt daher als einen Zustand der Verwahrlosung und der wissenschaftlichen Gewissenlosigkeit. Soweit Ehrt. Dazu ist nur zu sagen, daß ihm offenbar die ganze Literatur nicht bekannt gewesen ist, die in dieser Arbeit bisher erwähnt worden ist, und daß ihm auch die Haltung eines Bernstein und eines Kautsky entgangen ist. Interessant ist jedoch, daß Ehrt selbst in einer größeren Arbeit über das Mennonitentum in Rußland vom Jahre 1932, auf die noch später zurückzukommen sein wird, sich mit Gründlichkeit und Erfolg der von Max Weber und Ernst Troeltsch entwickelten soziologischen Methoden bedient. Hermann Greife ist zwar bereit einzugestehen, daß die „alte Schule", den Marxismus als Theorie mit Erfolg widerlegt habe. Wenn der Marxismus dennoch einen Siegeszug sondergleichen habe antreten können, so das deshalb, weil die Nationalökonomen von einer falschen Weltanschauung ausgegangen seien. Erst die völkische Weltanschauung hätte die richtige Grundlage für eine wirkliche Wissenschaft vom Marxismus und Bolschewismus abgegeben. Auf ihr fußend hätte man erkannt, wie sich der Bolschewismus und Marxismus als Instrument des Judentums gegen Rasse, Nation und Persönlichkeit gewendet hätte. Wer daher an die Erforschung der Sowjetunion mit den Maßstäben der „alten Schule" heranginge, könne nicht zur Wahrheit gelangen. Die deutsche Sowjetforschung wäre ein Kind Novemberdeutschlands und ein politisches Instrument des Weimarer Staates und seiner Rapallopolitik. Dadurch habe sie sich von der Wirklichkeit ent£e«^. Die nationalsozialistische Sowjetforschung dagegen sähe die 'Welt so, wie sie in Wirklichkeit wäre. Auch diese Ausführungen zeigen nur, daß Greife sich nicht die Mühe gemacht hat, die Ergebnisse der deutschen Rußlandforschung, wie sie hier dargestellt worden sind, wenigstens flüchtig durchzuarbeiten. Jede der hier angeführten Arbeiten bedeutet eine wirksame Widerlegung der mehr als oberflächlichen Behauptungen Greifes, der es zudem unterläßt, die Voraussetzungen und den Inhalt seiner Prämissen zu begründen und zu beweisen. Im übrigen hat die Geschichte gezeigt, welche Forschungsergebnisse der Wirklichkeit und damit der Wahrheit nähergekommen sind, die der „alten Schule" oder die der sogenannten nationalsozialistischen Gelehrten. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
Geschichte der deutschen wirtschaftswiss. Ostforschung bis 1945 209 sehen Sammelwerkes Hans Jürgen Seraphim und Hellmut Wollenweber \dar95. Die volkswirtschaftliche Literatur über die baltischen Staaten hat nur einen geringfügigen Umfang erreicht, weil auf Grund des deutschrussischen Abkommens von 1939 nach Beendigung des Feldzuges gegen Polen die baltischen Randstaaten als selbständige politische und volkswirtschaftliche Gebilde aufgehört hatten zu bestehen. Jetzt aber hatten gerade die Randstaaten die Wirkungen der großen Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre überwunden. Das Kennzeichen der deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Forschung auf diesem Gebiet der Ostforschung ist wiederum das Streben nach unbedingter Objektivität. Alle Forscher erkennen das Recht der jungen Staaten auf Existen/z an. Ihre Kritik macht auch nicht Halt vor Fehlern, die die deutsche Oberschicht in den baltischen Provinzen begangen hat. 4. Die wissenschaftliche Erforschung des Deutschtums in Rußland und in den baltischen Randstaaten Die geschichtliche Entwicklung hatte es mit sich gebracht, daß nicht nur im Mittelalter Deutsche in die baltischen Provinzen vordrangen und dort seßhaft wurden, sondern daß auch die russischen Zaren deutsche Bauern und Handwerker in ihr Land zogen. Es waren dies vor allem Peter der Große und Katharina die Große, die deutsche Bauern im 18. Jahrhundert zur Auswanderung nach Rußland veranlaßten. Sie fanden an der Wolga, in Südrußland, in Wolhynien und Podolien und in Transkaukasien eine neue Heimat und förderten dort die Entwicklung der Landwirtschaft und der westlichen Kultur. Bis zum ersten Weltkrieg hat sich die deutsche Ostforschung nur wenig mit ihnen befaßt. Die deutschen bäuerlichen Kolonien in Südrußland und in Transkaukasien haben zwei Arbeiten zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zum Gegenstand. Sie betreten wissenschaftliches Neuland. 1905 gibt Paul Hoffmann96 eine Darstellung der Kolonien in Transkaukasien, und im gleichen Jahr behandelt der protestantische Pastor Jakob Stach97 die Geschichte und die «Entwicklung der deutschen Kolonien in Südrußland. Dabei ist charakteristisch, daß beide Autoren berichten, wie es den deutschen Kolonisten nicht gelungen war, die 95 Hans Jürgen Seraphim und Hellmut Wollenweber: Siedlungstempo und Siedlungserfolg. Ergebnisse einer Studienreise durch Lettland, Berichte über Landwirtschaft. Sonderheft 75. Berlin 1933. 96 Paul Hoffmann: Die deutschen Kolonien in Transkaukasien. Berlin 1905. 07 Jakob Stach: Die deutschen Kolonien in Südrußland. Leipzig 1905. 14 Schmollers Jahrbuch 86,2 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
210 Wilhelm Moritz Frhr. v. Bissing Verbindung mit ihrer alten Heimat aufrechtzuerhalten. Obwohl sie sich ihr Deutschtum in Sprache und Sitte weitgehend bewahrt hatten, blieben sie wirtschaftlich und technisch auf dem Stand der Zeit stehen, als sie ihre neue Heimat begründeten. .Sowohl in Transkaukasien als auch in Südrußland waren sie zu treuen Untertanen der russischen Zaren geworden. Als im ersten Weltkrieg das Interesse an den deutschen Kolonisten in Rußland erwachte, entstanden in den Kreisen der Gesellschaft zur Förderung der inneren Kolonisation eine Reihe von weiteren Arbeiten, die sich mit den deutschen Kolonien beschäftigten98. Sie regten dann weitere Forschungen auf diesem Gebiete an. Im Jahre 1916 widmete Friedrich Duckmeyer90 den deutschen Kolonisten in Rußland eine eingehende Studie. Sie ist vor allem dadurch wertvoll, daß der Verfasser die zahlenmäßige Stärke der einzelnen Kolonien in Rußland zu ermitteln sucht. Bei der mangelnden russischen Statistik ist er in weitem Umfang auf Schätzungen angewiesen. Seine Zahlen geben jedoch wohl die Größenordnungen einigermaßen richtig wieder. Nach Duckmeyer betrug die Zahl der deutschen Kolonisten in Rußland bei Beginn des ersten Weltkrieges: an der Wolga 400 000 Personen, in Südrußland 400 000 Personen, in Wolhynien und Podolien 100 000 Personen und in Transkaukasien 10 000 Personen. Bis 1914 kennt man keine Klassenund sozialen Unterschiede. Der erste Weltkrieg hat jedoch durch die Maßnahmen der russischen Regierung und dann der revolutionären Machthaber auflösend auf die Verhältnisse in den Kolonien gewirkt. E. Schmid-München und Karl Slumpp100 verfassen ebenfalls während des Krieges Monographien über die deutschen Bauern in Südrußland und im Schwarzmeergebiet, und die Ergebnisse einer Studienreise durch die deutschen Kolonien in Rußland gleich nach Beendigung des ersten Weltkrieges faßt Karl Lindemann zusammen101. Adolf Ehrt schildert die Blut-, Gottes-, Ortsund Bauerngemeinschaften in den deutschen Mennonitenkolonien in Sibirien, Turkestan und am Mittellauf der Wolga, wobei er sich der soziologischen Methoden von Max Weber und Ernst Troeltsch be98 Silvio Broederich, Erich Keup, R. Pohle: Deutsche Bauern in Rußland. Heft 22 der Schriften zur Förderung der inneren Kolonisation. Berlin 1918. — Erich Keup: Die deutsch-russischen Kolonisten im Wandel der russischen Politik und Gesetzgebung. Archiv für innere Kolonisation. Jg. 1916/17. — R. Pohle: Rußland im Kampf gegen die Deutschen und das Deutschtum. Archiv für innere Kolonisation Jg. 1917. 99 Friedrich Duckmeyer: Die Deutschen in Rußland. Berlin 1926. 100 E. Schmid-München: Die deutschen Bauern in Südrußland. Berlin 1917. — Karl Stumpp: Die deutschen Kolonisten im Schwarzmeergebiet. Stuttgart 1922. 101 Karl Lindemann: Von den deutschen Kolonien in Rußland. Stuttgart 1922. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
Geschichte der deutschen wirtschaftswiss. Ostforschung bis 1945 211 dient102. Auf umfangreichem Aktenmaterial aus den Archiven in Stuttgart und München stützt Georg Leibbrandt seine Geschichte der schwäbischen Auswanderung nach Rußland103. Einen ersten Versuch, das Deutschtum in Sibirien und Mittelasien, wenn auch auf Grund spärlicher Quellen, darzustellen und seine kulturelle und wirtschaftliche Tätigkeit zu würdigen, macht Jakob Stach104. Er zeigt, wie durch die bolschewistische Revolution, die sich daran anschließenden Bürgerkriege und dann durch die Kollektivierung die deutschen Kolonien zerschlagen und ihre Bewohner verbannt und in die unwirtlichen Gebiete Rußlands verschleppt worden sind. Wenn er allerdings meint, daß eine überstaatliche Macht daran schuld gewesen wäre, die sich des russischen Volkes bemächtigt und es dann in den ersten Weltkrieg und schließlich zur Auflösung aller menschlichen Ordnung gedrängt hätte, und wenn er diese Macht im Judentum sichtbar werden läßt, so wird man dieser simplifizierenden, monistischen Anschauung doch widersprechen müssen, weil ihr jede wissenschaftliche Fundierung fehlt. In ihrer objektiven wissenschaftlichen Haltung heben sich von der Stachschen Untersuchung die Arbeiten von Otto Auhagen sowie von Neusatz und Erke ab, die den Todeskampf des deutschen Bauerntums in der Sowjetunion behandeln105. Die deutschen Bauern in Wolhynien werden von Hans Jürgen Seraphim in ihrer Eigenart und wirtschaftlichen Entwicklung untersucht. Seraphim kommt hier auch zu der Feststellung, daß die Kolonisten die Fühlung mit ihrer alten Heimat und mit der dort vor sich gehenden technischen und wirtschaftlichen Entwicklung verloren haben106. Mit der Geschichte der Deutschen in den baltischen Provinzen befaßt sich zum ersten Male von deutscher Seite der damalige deutsche Generalkonsul Julius Eckardt im Jahre 1868107. Erst rund dreißig Jahre später, im Jahre 1899, behandelt dann Alexander v. Tobien die Tätigkeit des deutschen Adels bei der Bauernbefreiung in Livland, der dort ebenso wie in Estland und Kurland weitgehende Rechte der 102 Adolf Ehrt: Das Mennonitentum in Rußland. Leipzig 1932. 103 Georg Leibbrandt: Die Auswanderung der Schwaben nach Rußland. Stuttgart 1928. 1(>4 Jakob Stach: Das Deutschtum in Sibirien, Mittelasien und dem fernen Osten von seinen Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart 1938. 105 Otto Auhagen: Die Schicksalswende des deutschen Bauerntums in den Jahren 1927—1930. Leipzig 1942. — E. Neusatz und D. Erke: Ein deutsdier Todesweg. Berlin 1930. 106 Hans Jürgen Seraphim: Rodungssiedler, Agrarverfassung und Wirtschaftsentwicklung des deutschen Bauerntums in Wolhynien. Berichte über Landwirtschaft. Sonderheft 143. Berlin 1938. 107 Julius Eckardt: Die baltisdien Provinzen Rußlands. Leipzig 1868. 14* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
212 Wilhelm Moritz Frhr. v. Bissing Selbstverwaltung durch seine Landtage ausübte108. Die Ritterschaft in Livland erreichte bereits im Jahre 1804 die Aufhebung der Leibeigenschaft, also fast 60 Jahre vor der Bauernbefreiung im übrigen Rußland. 1819 wurde dann die Erbuntertänigkeit der Bauern beseitigt. 1817 erfolgte die Befreiung der estländischen und 1818 der kurländischen Bauern. Den deutschen Bauern im Baltikum hat Rudolf Schulz sein Interesse zugewandtlüJ. Die Arbeit gibt eine klare sachliche Darstellung der besonderen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse, unter denen die deutsche Arbeit im Baltikum in den Jahren vor 1914 unter fremden Völkern vor sich gegangen ist. Die Ansiedhing deutscher Bauern im Baltikum gelang vor dem ersten Weltkrieg nur in sehr geringem Umfang, weil dem die russifizierende Politik Petersburgs entgegenstand. Die Siedlungsunternehmen von Carl Baron v. Manteuffel-Szöge, von Silvio Broederick u. a. begannen zu spät, erst wenige jähre vor dem ersten Weltkrieg und wurden von russischer Seite '/veitgehend behindert und verhindert. Die Erfolge blieben daher gering und wurden, soweit sie sich zeigten, durch die neu entstehenden ISfationalstaaten vollends zunichte gemacht. Einen letzten Überblick über deutsche Auslandssiedlungen in Osteuropa geben Max Sering und Constantin v. Dietze in einer für die Internationale Konferenz für Agrarwissenschaft bestimmten Arbeit110. Hier wird noch einmal das tragische Schicksal der deutschen Bauern in den östlichen Ländern aufgerollt. — 1939 setzte die Umsiedlung der Volksdeutschen aus den Oststaaten in die zeitweilig eroberten polnischen Gebiete ein. Damit wurde ein Strich unier die Geschichte und das Wirken der Deutschen im Osten überhaupt gezogen. Kurt Baron v. Maydell-Berlin111 schildert rückblickend die Baltendeutschen vor der Umsiedlung, Rudolf Hippius behandelt die Umsiedlungsgruppe aus Estland112, während Reinhart Wittram Livland als Schicksal und Erbe der baltischen Deutschen darstellt113. Die Zerschlagung der deutschen Kolonien in Rußland im Gefolge der bolschewistischen 108 Alexander v, Tobien: Die Agrargesetzgebung Livlands im 19. Jahrfa. 2 Bde. Berlin 1899. — Ders.: Die Livländische Ritterschaft. Bd. I. Riga 1925; Bd. II. Berlin 1930. — Hasso v. Wedel: Die estländische Ritterschaft und ihre Institutionen. Berlin 1934. 109 Rudolf Schulz: Die deutschen Bauern im Baltikum. Berlin 1938. 110 Max Sering und Constantin v, Dietze: Die Agrarverfassung der deutschen Auslandssiedlungen in Osteuropa. Berlin 1939. 111 Kurt Baron v, Maydell-Berlin: Die Ostdeutschen vor ihrer Umsiedlung. Jomsburg 4. Jg. Leipzig 1940. 112 Rudolf Hippius: Die Umsiedlergruppen aus Estland, ihre soziale, geistige und seelische Struktur. Deutsche Monatshefte September/Oktober 1940. 113 Reinhard Wittram: Livland als Schicksal und Erbe der baltischen Deutschen. Berlin 1940. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
Geschichte der deutschen wirtschaftswiss. Ostforschung bis 1945 213 Revolution und Agrarpolitik und die Umsiedlung der deutschen Bauern, Handwerker und Kaufleute „heim ins Reich" bedeutet das Ende der geschlossenen deutschen Volksgruppen in den Ländern des Ostens und damit auch dieses Zweiges der deutschen Ostforschung. 5. Die Einrichtungen der deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Ostforschung Schon ohen ist dargelegt worden, wie es sich um die Jahrhundertwende als notwendig herausstellte, die deutsche Ostforschung zu organisieren. Man brauchte Institute, die das Material sammelten und ordneten, um es der Forschung zur Verfügung zu stellen und die gleichzeitig geeignete Forscherpersönlichkeiten heranbildeten. Die erste Einrichtung dieser Art war das im Jahre 1902 von Theodor Scliiemann ins Leben gerufene Seminar für Osteuropäische Geschichte an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. Hier steht in Forschung und Lehre zwar die Geschichte im Vordergrund, doch wurden auch wirtschaftliche Probleme unter der Leitung von Carl Ballod in den Kreis der Betrachtungen gezogen. Dieses Seminar war das erste seiner Art in Europa und stellte die Keimzelle der organisierten deutschen Ostforschung dar114. Um auch die breitere Öffentlichkeit für osteuropäische Verhältnisse zu interessieren, gründete Otto Hoetzsch zusammen mit Max Sering und Otto Auhagen im Oktober 1913 die Deutsche Gesellschaft zum Studium Osteuropas, die auch die Monatsschrift „Osteuropa" herausgab. Im ersten Weltkrieg, der die deutsche Ostforschung erheblich belebte, wurde auf Veranlassung der preußischen Regierung im Mai 1915 in Königsberg (Pr.) durch Albert Hesse das Institut für ostdeutsche Wdrtschaftsforscliung ins Leben gerufen115. Es war ein Ort der Forschung und der Lehre. Bald jedoch dehnte es seine Untersuchungen über den Rahmen der ostdeutschen Wirtschaft hinaus aus und erstreckte sie auf die Gesamtheit der Oststaaten. Das Ende des zweiten Weltkrieges, das auch den Verlust von Ostpreußen brachte, führte zum Untergang des Instituts mit seinem gesamten Aktenund Forschungsmaterial, so daß eine auf dokumentarischer Grundlage ruhende Geschichte des Instituts heute nicht mehr verfaßt werden kann116. 114 Klaus Meyer: Theodor Sdiiemann als politischer Publizist. Frankfurt a. M. 1956. S. 45 u. 48. 115 Fritz Karl Mann: Ostdeutsche Wirtschaftsforschung. Jena 1926. 116 Die hier gegebene Darstellung beruht auf Erinnerungen, die mir die früheren Mitarbeiter des Instituts, Reinhold Brenneisen und Hermann Pechan , freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben, wofür ich ihnen meinen verbindlichsten Dank sagen möchte. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
214 Wilhelm Moritz Frhr. v. Bissing Unmittelbar auf die Erforschung der Oststaaten in wirtschaftlicher, rechtlicher und kultureller Beziehung war das von Adolf Weber im Jahre 1917 errichtete Osteuropa-Institut in Breslau gerichtet117. Es war in den Jahren von 1917 bis 1945 eines der wichtigsten Zentren der deutschen Ostforschung. Auf ökonomischem Gebiet betätigte sich hier vor allem Hans Jürgen Seraphim . Er war auch der letzte Direktor des Instituts, als es im Jahre 1945 mit dem Verlust Schlesiens unterging. Akten und Forschungsunterlagen sind hier ebenfalls nicht mehr vorhanden. Die Bücherei des Instituts wurde, ohne daß ein Rechtstitel vorlag, nach Berlin in das sogenannte Wannsee-Institut überführt, dessen Direktor Michael Achmeteli war. Da£ deutsche Auslandsinstitut in Stuttgart befaßte sich neben anderen Arbeiten auch mit der Geschichte und dem Ergehen der deutschen Kolonisten in Rußland. In der Reihe der über dieses Gebiet veröffentlichten Schriften sind auch die vorn erwähnten Arbeiten von Stumpp, Leibbrandt und Lindemann erschienen. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde die objektive wissenschaftliche Arbeit der Institute nicht gestört. Doch rief das Reichsministerium für Propaganda im Jahre 1935 in Berlin ein Institut zur wissenschaftlichen Erforschung der Sowjetunion ins Leben, das aber im Verlauf des Krieges wieder aufgelöst wurde. Maßgebende Mitarbeiter dieses Institutes waren Ehrt und Greife , deren Schriften schon oben gewürdigt worden sind. Sie zeigen, daß das Institut weitgehend nationalsozialistischen Propagandazwecken diente. Akten, die über das Institut, seine Gründer und seine Zwecke weitere Auskunft geben könnten, sind nicht mehr vorhanden. Das schon erwähnte Wannsee-Institut in Berlin wurde 1937 geschaffen und dem Chef des Sicherheitshauptamtes der SS unterstellt. Das Institut widmete sich im wesentlichen Erhebunigen über wirtschaftliche und politische Vorgänge in der Sowjetunion, an denen das Sicherheitshauptamt Interesse hatte. Veröffentlichungen sind nicht erfolgt118. III. Das Ende des zweiten Weltkrieges war auch das vorläufige 'Ende der deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Ostforschung. Ihre Kenn117 Adolf Weber: Schein und Wirklichkeit in der Volkswirtschaft. Berlin 1961. S. 289. 118 Die Angaben über das Wannsee-Institut verdanke ich Gerhard v. Mende, dem ich dafür meinen aufrichtigen Dank sage; s. dazu auch Walter Schellenberg: Memoiren. Köln 1956. S. 221. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
Geschichte der deutschen wirtschaftswiss. Ostforschung bis 1945 215 zeichen waren unbestechliche wissenschaftliche Objektivität, ihre große Vielfalt und ihre Beherrschung im wesentlichen durch bürgerliche Nationalökonomen, während die Sozialisten zurücktraten. Es gehörte zur Stärke der deutschen Ostforschung bis 1945, daß sie sich parteigebundenen nationalsozialistischen Einflüssen entzogen hat. Die Theorien vom Lebensraum, von der Überlegenheit der germanischen Rasse und der Minderwertigkeit der Slaven haben sich die deutschen Gelehrten von Beruf, die sich der Ostforschung gewidmet hatten, nicht zu eigen gemacht. Ihnen lag vielmehr daran, die Entwicklung im bolschewistischen Rußland wohl kritisch, aber vom Standpunkt der objektiven Wissenschaft aus zu verfolgen. Wo sich während des ersten Weltkrieges alldeutsche Einflüsse bemerkbar machten oder wo man in der Zeit des Nationalsozialismus dessen Ideologie Raum gab, handelte es sich um Persönlichkeiten, die nicht zum engeren Kreis der Wissenschaftler gehörten, die den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Ostforschung gelegt hatten. Nach 1945 wurde die Erforschung des Ostens dringender denn je. Die Sowjets haben ihre Herrschaft bis zur Etbe-Werra-Linie vorgetragen. So ergab sich bald -die Notwendigkeit, die deutsche Ostforschung wieder neu aufzubauen. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.86.2.179 | Generated on 2023-04-04 11:38:43
