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Was kann man von der "Theorie rationaler Erwartungen" rationalerweise erwarten

Tietzel, Manfred

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Tietzel, Manfred Article Was kann man von der "Theorie rationaler Erwartungen" rationalerweise erwarten Kredit und Kapital Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Tietzel, Manfred (1982) : Was kann man von der "Theorie rationaler Erwartungen" rationalerweise erwarten, Kredit und Kapital, ISSN 0023-4591, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 15, Iss. 4, pp. 492-516, https://doi.org/10.3790/ccm.15.4.492 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/292939 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Die Bombe im Fischteich Nicht wegen ihres Inhaltes oder ihres Aufbaues, nicht wegen aufsehenerregender empirischer Tests oder gar wegen ihrer Neuheit erregt seit einigen Jahren die „Theorie rationaler Erwartungen" äußerstes Aufsehen. Denn keine ihrer Annahmen ist inhaltlich überraschend, ihr Aufbau ist (im Grundmodell) recht einfach, empirische Prüfungen sind bisher selten und von den Ergebnissen dieser Prüfungen kann man nur sagen, daß sie bisher der Theorie nicht widersprechen. Von Neuheit dieser Theorie schließlich kann gar keine Rede sein, denn jedes ihrer konstituierenden Elemente ist seit langem bekannt. Diese Elemente bestehen aus einigen einfachen Prinzipien der (neo-)klassischen Wirtschaftstheorie, und deshalb wurde die Theorie auch schon mit „altem Wein in neuen Flaschen"1 verglichen. Nach dem Grundsatz: „Warum im Dunkeln herumtasten, wenn doch Licht vorhanden ist2?" besteht sie aus der Anwendung einiger „wohlfundierter klassischer Prinzipien"3, die allerdings in einer neuen Kombination zu Schlußfolgerungen führen, die „reines Dynamit darstellen"4. Und es sind diese Schlußfolgerungen, die angeblich wie eine Bombe im Fischteich der herrschenden keynesianischen Theorie wirken und die soviel Aufmerksamkeit erklären. „Bis in die frühen 70er Jahre mußten anti-keynesianische Ökonomen zufrieden sein, ein paar Fische von den Haken ihrer Opponenten zu zerren. Aber als das entwickelt wurde, was als ,Theorie der rationalen Erwartungen4 bekannt geworden ist, entdeckten diese Ökonomen, daß sie über einen Sprengsatz verfügten, mit dem alle Fische im Teich erbeutet werden konn1 K. W. Rothschild (1977), S. 63 - 65. 2 M. H. Willes (1980), S. 92. 3 M. H, Willes (1980), S. 90. 4 M. H. Willes (1980), S. 90. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.15.4.492 | Generated on 2023-01-16 12:48:11 .Theorie rationaler Erwartungen" 493 ten. Das mag nicht ganz sportlich sein, zeigt aber ein bewundernswertes Durchdringen zum Grundsätzlichen5." Die vielleicht dramatischste Implikation der Theorie rationaler Erwartungen ist die Behauptung der vollkommenen Ohnmacht jedweder staatlichen Wirtschaftspolitik: Private Wirtschaftssubjekte werden nach dieser Theorie die Folgewirkungen des Einsatzes wirtschaftspolitischer Instrumente „erwarten" und sie durch entsprechende Verhaltensanpassungen „antizipieren", mit der Folge, daß diese Maßnahmen keinerlei reale Mengenwirkungen haben .und in rein nominalen Preiseffekten verpuffen; Realeffekte sind nur (— und dann auch nur kurzfristig —) möglich, wenn die Wirtschaftssubjekte die Wirtschaftspolitik „falsch wahrnehmen oder mißverstehen". „Mit anderen Worten, Wirtschaftspolitik nur insoweit effektiv, wie sie die Menschen täuscht6." Da diese Behauptungen ähnlich spektakulär klingen wie die journalistische Ideal-Uberschrift: „Mann biß Hund", ist es wenig zu verwundern, daß sie schon von politischen Wochenmagazinen aufgegriffen wurden7. In mehrfacher Hinsicht steht die Theorie rationaler Erwartungen in monetaristischer Tradition: Sie wurzelt sachlich in der monetaristischen Kritik des Konzeptes der Phillips-Kurve, teilt mit dem Monetarismus die meisten Grundanschauungen, verschärft bestimmte seiner Hypothesen und entwickelt sie in gewissem Sinne fort. Ein weiteres, institutionelles Indiz für diese Herkunft und gleichzeitig ein weiteres Merkmal des „wissenschaftssoziologischen Profils" dieser Theorie ist, daß ein Großteil der Diskussion im Journal of Money, Credit and Banking und im Journal of Monetary Economics stattfand. Es mag für die Erklärung der Tatsache, wie es zu der Theorie kam, von Belang sein, ob die (meist jungen) Ökonomen, die sie entwickelten und propagierten, eine Aversion gegen die „öffentliche Hand" haben, welche ihnen vielleicht als eine Kralle des Leviathan erscheint, oder ob ihr Motiv darin zu suchen ist, „durch provokante Thesen unter Umgehung des Anciennitätsprinzips zu akademischen Ehren zu gelangen"8. Für die Beurteilung der Validität einer Theorie jedenfalls ist die Herkunft dieser Theorie ebensowenig von Belang wie ihre geistige Verwandtschaft. 5 M. H. Willes (1980), S. 81. 6 A. M. Santomero, J. J. Seater (1978), S. 930. 7 Unter den Titeln „How Expectations defeat Economic Policy" (Business Week, 7. Nov. 1976) und „Wirtschaftstheorie: Für dumm verkaufen" (Der Spiegel, 29. Nov. 1976). 8 B. Kühn (1978), S. 109, Fn. 27. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.15.4.492 | Generated on 2023-01-16 12:48:11 494 Manfred Tietzel Aber gerade in der Beurteilung von Validität, Reichweite und Bewährungsgrad der Theorie zeigt sich große Unsicherheit und offenbaren sich sehr große Unterschiede zwischen den Ökonomen. Die Stellungnahmen reichen von praktisch vorbehaltlosem Enthusiasmus: „... Hunderte von Gesetzesaussagen und Tausende von Dissertationen, Büchern und Aufsätzen ... sind gegenstandslos geworden"9 über ambivalente Aussagen, die zwar der Theorie gewisse Verdienste nicht absprechen, aber auch Einwände von der Art geltend machen: „ ... daß die rationale Erwartungshypothese nicht als repräsentativer Erklärungsansatz für das tatsächliche Verhalten der Wirtschaftseinheiten angesehen werden kann. ... Die wirtschaftspolitischen Konsequenzen, die die Vertreter der rationalen Erwartungshypothesen aus ihrem Modellansatz ziehen, sind dagegen voll zu akzeptieren"10 bis hin zur — sehr verschieden begründeten — vollkommenen und schroffen Ablehnung: „Hier wird — aber eben durch eine neue Theorie interessant und hoffähig gemacht — wieder einmal das Argument für die völlig ,freie' Wirtschaft vorgebracht11." Einigen kritischen Einwänden haben die Erwartungstheoretiker bisher schon durch Erweiterung und Verallgemeinerung des Modellansatzes erfolgreich begegnen können. Ohne zu einer grundsätzlichen Abänderung der Modellergebnisse gezwungen zu sein, konnten das Phänomen unvollständiger Preisflexibilität, die Existenz langfristiger Verträge (besonders auf dem Arbeitsmarkt) und (wenn auch erst ansatzweise) das Bestehen positiver Informationskosten berücksichtigt werden12. Hier soll nicht weiter verfolgt werden, welche tatsächlich vorliegenden Sachverhalte die Theorie nicht erklärt und auch nicht, welche Modellvarianten existieren oder welche weiteren wünschenswert wären; hier soll vielmehr zu erklären versucht werden, welche potentiellen Leistungen die Theorie rationaler Erwartungen bei gegebenem Grundansatz überhaupt erbringen kann, was man also von ihr rationalerweise erwarten kann. 9 M. H. Willes (1980), S. 87. 10 M. Willms (1977), S. 67. 11 K. W. Rothschild (1977), S. 63. 12 s. dazu z.B.: B, Kühn (1979), S. 75ff.; B. Kantor (1979), S. 1430ff.; J. J. Sijben (1980), S. 84 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.15.4.492 | Generated on 2023-01-16 12:48:11 Theorie rationaler Erwartungen" 495 Während die Erwartungstheoretiker andere Einwände geschickt durch Erweiterung ihres Ansatzes berücksichtigten, zogen sie sichvor dem Vorwurf, die Theorie rationaler Erwartungen sei eine Entwicklung, in welcher die Theorie mit unfehlbarer Logik von unrealistischen Annahmen zu Konklusionen fortschreite, die der historischen Erfahrung widersprächen1®, in den (scheinbar sicheren) Hafen der Methodologie Milton Friedmans zurück. Eine Theorie könne, so diese Meinung, nicht nach der Realitätsnähe ihrer Annahmen eingeschätzt werden, denn oberflächlich unrealistische Annahmen könnten realistische Ergebnisse aufweisen14, und nur darauf komme es an15. Nun ist es aus der Sicht der Logik unbezweifelbar, daß aus unrealistischen (falschen) Annahmen zutreffende (wahre) Konklusionen folgen können (was damit zusammenhängt, daß man eine gegebene Aussage aus unendlich vielen verschiedenen — eben auch unrealistischen — Prämissen ableiten kann), und es mag sogar sein, daß aus einer gegebenen Menge von unrealistischen Annahmen eine sehr große Zahl zutreffender (und eine sehr kleine Menge falscher) Konklusionen folgt. Zweierlei allerdings ist bei diesen Verfahren der Modellbildung unbefriedigend: Einmal wissen wir (was bei der Schwierigkeit, Erwartungen zu beobachten, vielleicht nicht verwunderlich ist) beim bisherigen Stand empirischer Überprüfung der Theorie noch zu wenig darüber, ob diese Konklusionen auch tatsächlich mit der Realität übereinstimmen; wir haben daher natürlich auch nur wenig Aufschluß darüber, in welchem Grad die Annahmen der Theorie unrealistisch sind. Zum zweiten aber können unrealistische Annahmen immer nur zeigen, wie möglicherweise ein Sachverhalt erklärt werden könnte, nicht aber, wie er tatsächlich zu erklären ist, was man aber im Interesse der prognostischen und technologischen Leistungsfähigkeit der Theorie fordern muß16. Da die empirische Kritik der Theorie rationaler Erwartungen, wie auch ihre Verfechter eingestehen, noch auf wackeligen Beinen steht, und da ohnedies die logische der empirischen Kritik einer Theorie vorausgeht, soll hier folgendermaßen vorgegangen werden. Nach einer 13 R. A. Gordon (1976), S. 5. 14 Bei Friedman (1953), S. 14, heißt es noch weit schärfer: „... ganz allgemein gilt, je signifikanter die Theorie, desto unrealistischer die Annahmen. ... um bedeutend zu sein, muß daher eine Hypothese in ihren Annahmen deskriptiv falsch sein." 15 So argumentiert etwa M. H. Willes (1980), S. 91 f., ähnlich z.B. auch: B. Kühn (1979), S. 32 f. und S. 74; R. J. Barro, S. Fischer (1976), S. 163. 16 Eine ausführliche Analyse des Problems in: M. Tietzel (1981 a), S. 237 - 265. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.15.4.492 | Generated on 2023-01-16 12:48:11 496 Manfred Tietzel knappen Darstellung eines einfachen Grundmodells mit rationalen Erwartungen, welches auch die Explikation der wichtigsten Modellelemente enthält, soll die logische Konsistenz der Voraussetzungen der Theorie rationaler Erwartungen überprüft und ihre Plausibilität d. h. ihre „Glaubwürdigkeit" im Licht anderer empirischer Hypothesen oder Beobachtungen eingeschätzt werden. II. Erwartungen in ökonomischen Modellen Immer schon war den Ökonomen bewußt, daß die Zeit eine große Bedeutung für wirtschaftliche Vorgänge hat; man wußte und weiß: „Die ganze Wirtschaft ist entschieden in die Zukunft gewendet, hängt aber mit festen Ketten in der Vergangenheit17." Entscheidungen zu einem gegebenen Zeitpunkt hängen von zeitraumüberwindenden Vorhersagen über die zukünftigen Folgen dieser Entscheidung ab, gestützt auf mehr oder weniger bewährte Erfahrungen, die zeigen, daß in der Vergangenheit auf Entscheidungen (oder Situationen) dieser Art bestimmte Folgen (mit mehr oder minder großer Wahrscheinlichkeit) eintraten. Doch war bisher die Art .und Weise der Behandlung dieses Sachverhaltes in der ökonomischen Theorie18 nicht ganz befriedigend oder geschah doch nicht ohne eine gewisse Willkür. Denn entweder „abstrahierte" man überhaupt von den Problemen, die aus der zeitlichen Dimension des Wirtschaftens herrühren, oder man betrachtete die Zukunft als eine einfache Fortschreibung der Vergangenheit. Eine solche Abstraktion von der Zeit findet etwa statt, indem ökonomische Analysen statisch, also zeitlos, angelegt werden, oder aber, indem komparativ-statische Analysen implizit (möglicherweise äußerst) lange Fristen voraussetzen, da sie alle zeitlichen Anpassungsprozesse ökonomischer Größen als abgeschlossen — und somit als problemlos — betrachten. Eine dritte Möglichkeit, die häufig genutzt wird, besteht in der Annahme vollkommener Voraussicht. Die annahmenweise Entrückung des homo oeconomicus in eine hypothetische Welt vollkommener Informa17 O. Morgenstern (1928), S. 62; zum Problem der Wirtschaftsprognose siehe auch M. Tietzel (1981 b), S. 31 - 44 und S. 194 - 197. 18 Vgl. G. L. S. Shackle (1958). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.15.4.492 | Generated on 2023-01-16 12:48:11 ,Theorie rationaler Erwartungen" 497 tion macht ihn zu einem Laplacesehen Dämon, zu einer „Intelligenz, welche für einen gegebenen Augenblick alle in der Natur (und Wirtschaft, M. T.) wirkenden Kräfte sowie die gegenseitige Lage der sie zusammensetzenden Elemente kennte, .und überdies umfassend genug wäre, um diese gegebenen Größen der Analysis zu unterwerfen; (sie, M. T.) würde in derselben Formel die Bewegungen der größten Weltkörper wie des leichtesten Atoms umschließen; nichts würde ihr ungewiß sein und Zukunft wie Vergangenheit würden ihr offen vor Augen liegen"19. Uber die mögliche Ausstattung einer solchen hypothetischen Welt hat sich Oskar Morgenstern einige Vorstellungen gemacht: „So wird es z. B. keine Lotterien und Spielsäle geben, denn wer würde spielen, wenn feststünde, wohin der Gewinn ginge? Telephon, Telegraph, Zeitungen, Annoncen, Plakate, Reklame usw. wären ebenfalls überflüssig, wie auf der Hand liegt. Aber auch die dazugehörigen, heute oft sehr erheblichen Industrien mit ihren vielen Nebenindustrien würden fehlen20." Auch Ökonomen, so sollte man ausdrücklich hinzufügen, gäbe es nicht, denn ein jeder wäre sein eigener, dazu absolut perfekter Sachverständigenrat. Doch hatte schon der Schöpfer dieses Wesen, Laplace, selbst den Eindruck: „Der menschliche Geist bietet... ein schwaches Abbild dieser Intelligenz dar21." Vielleicht war es Laplace und ist es vielen Ökonomen nicht ausdrücklich bewußt, daß die analytische Behandlung der Welt als hypothetischer Götterhimmel notwendig bedeutet, daß man Aussagen nicht einmal über eine denkbare (d. h. logisch mögliche), geschweige denn über die Welt macht, wie sie wirklich ist22. Scheidet also einerseits (aus logischen Gründen) die Annahme vollkommener Information aus, so scheidet auf der anderen Seite auch (aus empirischen Gründen) die Annahme aus, „es bestünde überhaupt keine Voraussicht, denn das würde gänzliche Anarchie des Verhaltens der Menschen bedeuten, mit der Erfahrung in glattem Widerspruch stehen und die Existenz der Wirtschaft ebenso unmöglich machen wie die der Wirtschaftstheorie, die wie alle Wissenschaft, ein Minimum von Beharrung in der Welt voraussetzen muß"23. 19 P. 5. de Laplace (1932), S. 1 f. 20 O. Morgenstern (1963), S. 64. 21 P. S. de Laplace (1932), S. 2. 22 Beweis und ausführliche Diskussion in: M. Tietzel (1981c), S. 126-131. 23 O. Morgenstern (1963), S. 53 f.; zur „Weite des potentiellen Annahmenfeldes" s. M. J. M. Neumann (1979), S. 386. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.15.4.492 | Generated on 2023-01-16 12:48:11 498 Manfred Tietzel Man wird, da weder vollständige Ignoranz noch vollkommene Information plausibel sind, annehmen müssen, daß „Erwartungen", mit mehr oder minder großer Wahrscheinlichkeit ausgestattete Vorstellungen über relevante zukünftige Wirtschaftsdaten24, den Dispositionen der Wirtschaftssubjekte zugrundeliegen. Von Irving Fisher stammt die metaphorische Umschreibung dieses Sachverhaltes: „Unser gegenwärtiges Verhalten kann nur von der erwarteten Zukunft beeinflußt werden — nicht der Zukunft, wie sie sein wird, sondern von der Zukunft wie sie uns vorderhand durch den Schleier des Unbekannten erscheint25." Einen ersten systematischen Versuch, diesen Schleier analytisch zu lüften, machte schon seit Beginn dieses Jahrhunderts, verstärkt aber in den 30er Jahren, die Stockholmer „Antizipationsschule"26 Wicksells und seiner Schüler. Hier wurden zum allerersten Mal explizite Annahmen darüber gemacht, welches Wissen die Wirtschaftssubjekte in welcher Weise verwenden (Erwartungsmechanismus), um Erwartungen über die zukünftigen Ausprägungen wirtschaftlicher Größen zu bilden. Kurz gesprochen, wurde angenommen, daß der erwartete Wert einer wirtschaftlichen Größe Xe in der zukünftigen Periode t abhängig ist vom tatsächlichen Wert dieser Größe in der laufenden Periode t — 1 und der mit einem Erwartungskoeffizienten c gewichteten Differenz („Überraschung") zwischen dem in der laufenden Periode tatsächlich realisierten und dem für diese Periode erwarteten Wert dieser Größe. (1) X^X^ + cfX^-X^), mit: 0 < c < 1 Der einfache Grundgedanke dabei ist, die „Erwartungen fest in den Überraschungen der letzten Periode (zu, M. T.) verankern"27; die spätere „Theorie adaptiver Erwartungen"28 hat diesen Grundgedanken nur durch die Annahme eines „weiterreichenden Gedächtnisses" der Wirtschaftssubjekte erweitert, indem gegenwärtige Erwartungen nicht nur von den „Überraschungen" der laufenden, sondern, mit abnehmendem Gewicht, von n vergangenen Perioden abhängen. (2) Xj = c + (1 — c) Xt_2 + +(l-c)«-iXiJ +(l-c)nxe t_1 24 W. Weber, E. Streißler (1961), S. 330; ähnlich O. Morgenstern (1963), S. 54. 25 I. Fisher (1930), S. 222. 26 Der Ausdruck stammt von J. Akermann (1938), S. 262. 27 Hu M. Somers (1950), S. 539. 28 P. Cagan (1956), S. 25 - 117. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.15.4.492 | Generated on 2023-01-16 12:48:11 ,Theorie rationaler Erwartungen" 499 In beiden Fällen ist die erwartete Zukunft nichts anderes als eine bloße Fortschreibung der Vergangenheit. Bei diesen Annahmen haben sich die Wirtschaftssubjekte von allwissenden Laplacesctien Dämonen zu sehr viel bescheideneren Pavlovsehen Intelligenzen gewandelt, deren Zukunftserwartungen „bedingte Reflexe" darstellen, welche durch eine Anzahl singulärer Vergangenheitsbeobachtungen determiniert sind. Aus der Sicht der Theorie rationaler Erwartungen wurde an dieser Hypothese adaptiver Erwartungsbildung zu Recht kritisiert, daß sie vielleicht rational sei „für Zeitläufe, in denen davon ausgegangen werden kann, daß die zu antizipierende Variable... einem Trend folgt"29, für viele andere Situationen aber darauf hinauslaufe, „Scheuklappen für die Marktteilnehmer anzunehmen"30. Denn sie erlaube es nicht, Zukunftserwartungen zu bilden, die sich in grundsätzlicher Weise von der Vergangenheit unterschieden: „Wenn Washington das Geldangebot verdoppeln würde, die Einkommensteuer abschaffte .und den Ayatollah Khomeini in den Obersten Gerichtshof beriefe, würden die Wirtschaftssubjekte im Schema adaptiver Erwartungen sehr geringe Veränderungen in der Volkswirtschaft erwarten. ... Adaptive Erwartungen kommen daher irrationalen Erwartungen gleich31." Die Vertreter der rationalen Erwartungstheorie halten es für sehr unplausibel, daß die Wirtschaftssubjekte sich für ihre Zukunftserwartungen nur auf die Zeitreihe der singulären Vergangenheitswerte der jeweils interessierenden Variablen verlassen sollten und damit auf weitere relevante Informationen verzichten. Neben der Kenntnis der singulären Werte der Variablen gestatte der Rückgriff a.uf nomologigische Kenntnisse, auf die „relevante ökonomische Theorie"32, Einsichten in die kausalen Verursachungszusammenhänge der jeweiligen Variablen. Erwartungen sind nach dieser Hypothese „grundsätzlich dasselbe wie die Prognosen auf der Grundlage der relevanten ökonomischen Theorie"33, und sie heißen deswegen „rational"34. Die Wirtschaftssubjekte werden nach Meinung der Erwartungstheoretiker diesen überlegenen, d. h. genauere Vorhersagen liefernden, Mechanismus der Er29 M. J. M. Neumann (1979), S. 375. 30 M. J. M. Neumann (1980), S. 112. 31 M. H. WiUes (1980), S. 86. 32 So der von Muth eingeführte Ausdruck (J,. F. Muth [1961], S. 316). 33 J. F. Muth (1961), S. 315. 34 J. F. Muth (1961), S. 316. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.15.4.492 | Generated on 2023-01-16 12:48:11 506 Manfred Tietzel Struktur"59, zur Vermutung, daß die Wirtschaftstheorie Veränderungen unterworfen ist: „Die Ökonomen besitzen kein akzeptables Modell, aufgrund dessen rationale Erwartungen gebildet werden könnten ..., und gewiß haben sie bisher nicht das ,wahre' Modell60." Immerhin besteht aber die Möglichkeit, für die Erwartungsbildung auf das zu einem Zeitpunkt verfügbare, vorläufige nomologische Wissen zurückzugreifen. Dieses mag im Grenzfall kostenlos zur Verfügung stehen oder eine stetige, positiv steigende Funktion der aufgewendeten Informationskosten (z. B. in Form von Bibliotheksbesuchen oder Befragung von Fachleuten) darstellen. Es wäre aber — selbst .unter Aufwendung unendlich großer Kosten — unmöglich, zukünftige Erkenntnisfortschritte der (Wirtschafts-)Wissenschaft oder das „wahre Modell" vorherzusagen, denn ein gegebener Wissensstand enthält keinerlei Hinweise darauf, wie er abgeändert werden muß, um zu einem „wahrheitsähnlicheren"61 Wissensstand zu gelangen. Diese Überlegungen allein genügen, die Informationsprämisse, den Wirtschaftssubjekten sei das „wahre Modell" des Wirtschaftsablaufes bekannt, als empirisch unerfüllbar zurückzuweisen, .und es erübrigt sich der — wohl eher rhetorisch, denn als Testanweisung gemeinte — Vorschlag Shillers, man brauche zur Widerlegung dieser Annahme bloß den nächstbesten Arbeitslosen nach den neuesten Daten für das Geldangebot, den Haushaltssaldo der Regierung oder nach der neuesten Inflationsprognose eines ökonometrischen Modells zu befragen62. Eine Abschwächung der Informationsprämissen derart, daß Erwartungen — sei es wegen der Unmöglichkeit, das „wahre Modell" zu kennen, sei es wegen des Bestehens positiver Informationskosten — „auf relativ einfachen Strukturvorstellungen aufgebaut werden"63, impliziert aber entscheidend veränderte Modellergebnisse. Da dann die Erwartungen der Wirtschaftssubjekte nur zufällig jenen entsprechen können, die sie aufgrund eines bekannten „wahren Modells" bilden würden, sind systematische Fehlprognosen und damit einhergehende reale 59 M. J. M. Neumann (1979), S. 390. Der verwendete Ausdruck „wahre Struktur" läßt allerdings Zweifel daran aufkommen, ob Neumann diese Aussage metasprachlich, als Behauptung über die Wirtschaftstheorie, oder objektsprachlich, als Behauptung über die Veränderlichkeit realer ökonomischer Zusammenhänge, gedeutet wissen will. 60 W. J. Frazer jr. (1978), S. 354. 61 Zum Begriff der „Wahrheitsähnlichkeit" s. z.B. K. R. Popper (1969), S. 391 - 397. 62 R. J. Shiller (1978), S. 44. 63 M. J. M. Neumann (1979), S. 388. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.15.4.492 | Generated on 2023-01-16 12:48:11 „Theorie rationaler Erwartungen" 507 Wirkungen einer Wirtschaftspolitik wahrscheinlich, welche nämlich unter diesen Bedingungen die Wirtschaftssubjekte nicht vollständig antizipieren können. Keinerlei Hilfskonstruktionen sind in der Lage, dieses unvermeidliche — und vielleicht unerwünschte — Ergebnis aufzuheben. So entpuppt sich z. B. die Behauptung von Barro und Fischer als petitio principii, eine fundamentale Schwierigkeit von Erwartungstheorien, die nicht auf den Prognosen des relevanten ökonomischen Modells beruhten, sei, daß sie eine Theorie systematischer Fehler erforderlich machten64. Doch wären derartige Prognosefehler erst im Lichte einer bekannten, wahrheitsähnlicheren Theorie erklärbar; eine „Theorie" (besser: Erklärung) der Prognosefehler aller anderen Erwartungshypothesen ist also identisch mit der „wahren" Theorie. Auch Neumanns Bemerkung, der Grad der Nicht-Neutralität detf Geldpolitik sei nicht konstant, sondern variiere mit dem Grad der faktischen Annäherung der Strukturvorstellungen der Marktteilnehmer an die wahre Struktur65, weist bestenfalls Lehrformelcharakter auf. Denn auch der Grad der (Hypothesen-)Wahrscheinlichkeit, und damit der Nicht-Neutralität der Geldpolitik, eines beliebigen „einfachen Strukturmodells" wäre nur relativ zum (bekannten) „wahren Strukturmodell" bestimmbar. 2. Konkurrierende Modelle Jeder Ökonomiestudent lernt sehr bald, daß es nicht etwa nur eine „wahre" Hypothese für eine gegebene Klasse zu erklärender Sachverhalte gibt, sondern daß ihm fast immer die Qual der Wahl zwischen verschiedenen konkurrierenden Hypothesen66 überlassen bleibt. In der Theorie rationaler Erwartungen stellt sich das Problem der Hypothesenkonkurrenz eigentlich gar nicht, da ja die Bekanntheit des „wahren Modells" vorausgesetzt und damit implizit die Konkurrenz mit anderen Modellen ausgeschlossen wird. Ganz zweifellos ist „die Annahme rationaler Erwartungen... äußerst stark, indem sie die Unsicherheit über die Modellauswahl ignoriert"67. Bei Existenz mehrerer konkurrierender 64 R. J. Barro, S. Fischer (1976), S. 163. 65 M. J,. M. Neumann (1979), S. 391. 66 Als „konkurrierend" kann man verschiedene Hypothesen bezeichnen, aus denen sich gleiche Explananda ableiten lassen oder solche, aus denen einander widersprechende Prognoseaussagen folgen. 67 R. J. Barro, S. Fischer (1976), S. 163. 32* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.15.4.492 | Generated on 2023-01-16 12:48:11 508 Manfred Tietzel Hypothesen entsteht nun einerseits die unangenehme „praktische Schwierigkeit, daß man sich bei der Erwartungsbildung für eines von mehreren denkbaren Modellen entscheiden muß"88 und andererseits die höchst unerwünschte Folge, daß unterschiedliche Modelle zu unterschiedlichen rationalen Erwartungen führen können. Beide Probleme wären mit einem Schlage gelöst, wenn es ohne weiteres möglich wäre, aus der Menge konkurrierender Hypothesen die jeweils wahrheitsähnlichste auszuwählen. Es ließe sich z. B. „argumentieren, daß durch den Wettbewerbsmechanismus das bessere Modell die schlechteren Konkurrenten verdrängen wird, zumindest bei etwa gleichen Informationskosten für alternative Ansätze"69. Zwar kann man eine ganze Reihe wissenschaftstheoretischer, institutioneller und sozialer (vielleicht auch finanzieller) Bedingungen aufzeigen, die diesem Prozeß des Erkenntnisfortschritts durch' Hypothesenauswahl förderlich sein können, doch gilt, wie Karl Popper gezeigt hat, „daß die meisten dieser Bedingungen nicht als notwendig bezeichnet werden können und daß sie alle zusammen nicht hinreichend sind"70, Erkenntnisfortschritt zu garantieren. Ohne auf diese Bedingungen in Einzelheiten und ihre Erfüllung in den Wirtschaftswissenschaften einzugehen71, läßt schon ein flüchtiger Blick, z. B. auf die Konjunkturund Beschäftigungstheorie mit ihrer chronischen intellektuellen Uberbevölkerung, ausgeprägte Probleme vermuten. Dieses Fehlen einer wissenschaftslogisch zwingenden Lösung des Problems der Modellauswahl läßt sich auch nicht durch pragmatische Entschlüsse überbrücken, etwa den, „das RE-Argument72 allein mit denjenigen Punktprognosen von ,Experten'... (zu verbinden, M. T.), die kurzfristig und konjunkturpolitisch relevant sind. In der Regel geben die ,Experten' sehr ähnliche und oft auch recht gute Prognosen, obwohl sie keineswegs dieselbe Theorie anwenden"73. Hier wird nämlich — in wissenschaftslogisch unhaltbarer Weise — die Gültigkeit von Prognoseaussagen mit ihrer Herkunft „begründet", ein wohl recht zweifelhaftes Verfahren. Denn nicht, wer eine Prognoseaussage äußert, sondern allein, ob vorliegt, was die Prognoseaussage behauptet, ist für de68 B. Kühn (1979), S. 35. 69 E. Svindland (1979), S. 223. 70 K. R. Popper (1971 b), S. 122. 71 Am Beispiel der Konjunkturtheorie wurde dies näher untersucht in M. Tietzel (1982). 72 „RE" steht abkürzend für „rationale Erwartungen". 73 E. Svindland (1979), S. 223. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.15.4.492 | Generated on 2023-01-16 12:48:11 „Theorie rationaler Erwartungen" 509 ren Gültigkeit ausschlaggebend74. Es wurde also, soviel ist festzuhalten, in der bisherigen Diskussion kein durchschlagender Grund genannt, warum Wirtschaftssubjekte einheitliche rationale Erwartungen auf der Grundlage eines ganz bestimmten unter mehreren konkurrierenden Modellen bilden sollten. 3. Wer weiß was? Indem die Theorie rationaler Erwartungen von der Annahme ausgeht, die Wirtschaftssubjekte bildeten ihre Erwartungen auf der Grundlage des „wahren Modells", setzt sie damit gleichzeitig eine gleiche Verteilung gleicher Arten von Informationen voraus: Alle wissen alles, was zur Bildung rationaler Erwartungen erforderlich ist. Es wurde bemerkt, „daß die rationale Erwartungs-Annahme das berühmte Argument von Friedrich A. Hayek über die Informationsfunktion des Marktsystems auf den Kopf stellt"75. Hayek versuchte (schon im Jahre 1936) zu erklären, wie es in einer Marktwirtschaft zum Dispositionsgleichgewicht der „ineinandergreifenden Handlungen von Personen, deren jede nur ein kleines Stück von Wissen besitzt", kommen könne, lehre uns doch die Erfahrung, daß etwas von dieser Art geschehe. Dem Erklärungsversuch der herrschenden walrasianischen Gleichgewichtstheorie hielt er ein Argument entgegen, welches entsprechend auch für die Theorie rationaler Erwartungen gilt: „Aber statt daß wir in unserer Analyse zeigen, welche Teilinformationen die verschiedenen Personen haben müssen, damit dieses Endergebnis zustande kommt, flüchten wir praktisch zu der Annahme, daß jedermann alles weiß, und weichen damit jeder wirklichen Lösung des Problems aus76." Das Marktpreissystem erlaube — analog zur Arbeitsteilung — eine produktivitätsfördernde und kostensparende „Wissensteilung"77. „Das bedeutungsvollste an diesem System ist die Wirtschaftlichkeit, mit der es das Wissen nützt, d. h. wie wenig die einzelnen Teilnehmer zu 74 Es bedürfte wohl gar nicht der ausdrücklichen Erwähnung, daß auch die Kompliziertheit eines Modells keineswegs etwas für seine anderen Eigenschaften, wie z. B. Informationsgehalt oder Bewährungsgrad, aussagt, wenn nicht manche Äußerungen einiger Erwartungstheoretiker so interpretierbar wären; z.B. „Durchschnitte der Erwartungen von Industriezweigen sind genauer als naive Modelle und ebenso genau wie hochentwickelte Gleichungssysteme" (J. F. Muth [1961], S. 316). 75 J. Hirshleifer, J. G. Riley (1979), S. 1412. 76 F. A. Hayek (1976 a), S. 71. 77 F. A. Hayek (1976 a), S. 70. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.15.4.492 | Generated on 2023-01-16 12:48:11 510 Manfred Tietzel wissen brauchen, um die richtige Handlung vornehmen zu können78." Nach Kenneth Arrows Urteil „werden die Lektionen dieser Beobachtungen manchmal beim heutigen Modellbauen vergessen, besonders bei der Betonung rationaler Erwartungen, die auf sehr ausgeklügelte Weise gebildet werden. ... Die Antizipation der verschiedenen Wirtschaftssubjekte basieren nicht nur nicht auf demselben allgemeinen ökonomischen Modell, sie werden im allgemeinen untereinander beträchtliche Unterschiede aufweisen"79. Nicht nur die Kosten der Informationsgewinnung, sondern auch die „optimale Wissensteilung" werden also bewirken, daß die Wirtschaftssubjekte Erwartungen nicht rational („wie die Vorhersagen der relevanten ökonomischen Theorie"80), sondern auf der Grundlage optimal unvollständiger Informationen bilden werden: Man weiß nicht alles, sondern soviel, wie für Entscheidungen nötig, bekannt und wirtschaftlich ist. Die Eigenschaften und die Wirkungen so gebildeter „unvollkommener" Erwartungen weichen von jenen rationaler ab: Auf unvollständigen und Kosten verursachenden Informationen beruhend und in ganz verschiedenen individuellen Situationen zustande gekommenen, wird es wohl auch zu — systematischen .und nicht nur zufälligen — individuellen Fehlprognosen kommen müssen. Derartigen „Überraschungen" werden die Wirtschaftssubjekte wohl mit kurzfristigen Anpassungsreaktionen und Korrekturen ihrer Erwartungen zu begegnen versuchen (trial and error-Prozeß). Auch das „Marktergebnis", der kollektive Effekt der individuellen Dispositionen, wird bei bestehender Möglichkeit systematischer individueller Fehlprognosen nur zufällig mit den Erwartungen übereinstimmen, wie sie aufgrund eines „wahren Modells" gebildet worden wären. IV. Vom Nutzen der Theorie rationaler Erwartungen Kommen wir zurück auf die Frage, was man von der Theorie rationaler Erwartungen rationalerweise erwarten kann. Es wurde gezeigt, daß ihre Annahmen .unrealistisch sind: Bestimmte Informationen, die für eine rationale Erwartungsbildung erforderlich wären, können unter keinen Umständen beschafft werden, denn menschliches Wissen bleibt immer vorläufig und fehlbar; eine einheitliche 78 F. A. Hayek (1976 b), S. 115. 79 K. J, Arrow (1978), S. 164 f. 80 J. F. Muth (1961), S. 316. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.15.4.492 | Generated on 2023-01-16 12:48:11 .Theorie rationaler Erwartungen" 511 Erwartungsbildung aller Wirtschaftssubjekte ist, da nur zufällig und nicht systematisch möglich, höchst unwahrscheinlich, denn weder kann vorausgesetzt werden, daß die Erwartungsbildung der verschiedenen Wirtschaftssubjekte nach einem einzigen „wahren Strukturmodell" erfolgt, noch kann eine Gleichverteilung der Informationen angenommen werden. Kurz: Die Theorie rationaler Erwartungen ist keine adäquate Erklärung des Verhaltens der Wirtschaftssubjekte; sie stellt eine hinreichende, aber keine hinreichende und wahre Prämissenmenge für dessen Ableitung dar. So mag denn auch die These von der vollkommenen Ohnmacht aller Wirtschaftspolitik des Staates, derentwegen die Theorie Furore gemacht hat, wahr oder falsch sein, ihre Gültigkeit ist durch die Theorie rationaler Erwartungen jedenfalls nicht begründbar81. Den eigentlichen Zweck, zu dem sie (vermutlich) aufgestellt wurde, hat sie also glatt verfehlt. Doch haben wir ihr einige Nebenergebnisse zu verdanken, deren Wert keinesfalls unterschätzt werden sollte. Im Lichte der Theorie rationaler Erwartungen konnten nämlich andere, mit ihr um die Erklärung menschlichen Verhaltens konkurrierende Theorien in durchgreifender Weise kritisiert werden. Die „Weite des potentiellen Annahmenfeldes (über menschliches Verhalten, M. T.), begrenzt auf der einen Seite durch die Annahme totaler Ignoranz und auf der anderen Seite durch die Annahme .umfassender Informiertheit"82, konnte entscheidend „eingeengt" werden, indem gezeigt wurde, was nicht der Fall sein kann. Damit ist ein indirekter Erkenntnisfortschritt verbunden, denn obwohl der zu erklärende Sachverhalt selbst nicht adäquat erklärt wird, liefert die Theorie doch Aufschlüsse darüber, welche der bestehenden Erklärungsversuche als unhaltbar verworfen werden können. Nicht grundsätzlich neu ist die Kritik, die man aus der Sicht der Theorie rationaler Erwartungen an der Annahme vollkommener Informiertheit üben kann: „Obwohl vollkommene Voraussicht sicherlich eine unattraktive Annahme ist, besteht die Kur nicht notwendigerweise darin, nicht-rationale Annahmen zu verwenden, sondern darin, statt dessen nicht-deterministische Modelle zu entwickeln83." Weit in81 Denn nur bei wahren Prämissen sind auch die Konklusionen eines Argumentes immer (oder: „systematisch") wahr. 82 M. J. M. Neumann (1979), S. 386. 83 R. J. Barro, S. Fischer (1976), S. 163. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.15.4.492 | Generated on 2023-01-16 12:48:11 512 Manfred Tietzel teressanter scheinen die Ergebnisse der Kritik von Theorien auf der anderen Seite des „Annahmenfeldes" zu sein. Schon aus der Sicht der Theorie adaptiver Erwartungen fiel die „Annahme totaler Ignoranz" (z. B. bei Entscheidungen durch einen Zufallsgenerator) für menschliches Verhalten als höchst unrealistisch aus. Aber erst die Kritik der Theorie adaptiver Erwartungen im Lichte der Theorie rationaler Erwartungen wies auf die bedeutende Rolle hin, die theoretisches Wissen für menschliches Handeln hat. In der Theorie adaptiver Erwartungen werden die Erwartungen der Wirtschaftssubjekte als das Ergebnis singulärer Informationen erklärt; erst die Theorie rationaler Erwartungen zeigt, daß bei der Erwartungsbildung auch nomologische Informationen, Hypothesen der Wirtschaftssubjekte über gesetzmäßige, invariante ökonomische Zusammenhänge, ganz entscheidenden Anteil haben84. Die Kritik der Theorie rationaler Erwartungen ergab, daß sie ihrerseits an einer Stelle des „Annahmenfeldes" liegt, wo (wegen der unrealistischen Informationsprämissen) noch „eine Wirtschaftstheorie für Engel, aber nicht für Menschen"85 betrieben wird. Realistische Annahmen werden irgendwo in der solcherart eingegrenzten Spanne des „Annahmenfeldes" liegen. Schon vor fast fünf Jahrzehnten wies Oskar Morgenstern den auch heute noch gültigen Weg, „in welcher Richtung die weitere Forschung fortzusetzen ist". Er glaubte, „daß als bewiesen anzusehen ist, daß es immer positive Erwartungen über Zukünftiges gibt und daß diese Erwartungen mit einem gewissen Grade von Voraussicht verknüpft sind, diese wiederum ein gewisses Mindestmaß von Einsicht in die ökonomischen Zusammenhänge voraussetzen"86. Gewiß stellt die Theorie rationaler Erwartungen einen weiteren Schritt auf diesem Wege dar. (Alle fremdsprachigen Zitate wurden vom Autor ins Deutsche übertragen) 84 Diese Ideen führten z. B. auch zur Kritik ökonometrischer Modelle mit konstanten Parameterwerten (vgl. z.B. R. J. Shiller [1978], S. 35). Interessant ist sicher auch die Idee, daß die Abstumpfung keynesianischer wirtschaftspolitischer Instrumente des demand managements auch damit zu tun haben könnte, daß die Wirtschaftssubjekte durch Erfahrung gelernt haben, zutreffendere Erwartungen über die Wirtschaftspolitik zu bilden (oder: weniger Illusionen zu hegen) und diese besser zu antizipieren (vgl. A. Woll [1977], S. 60). 85 H. Arndt (1949), S. 224. 86 O. Morgenstern (1963), S. 68. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.15.4.492 | Generated on 2023-01-16 12:48:11 ,Theorie rationaler Erwartungen" 513 Literaturverzeichnis J. Akermann (1938), Das Problem der sozialökonomischen Synthese, Lund. — H. Arndt (1949), Konkurrenz und Monopol in Wirklichkeit, in: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, Bd. 161, S. 229-296. — K. J. Arrow (1978), The Future and the Present in Economic Life, in: Economic Inquiry, Vol. XVI, S. 157 - 169. — R. J. Barro (1976), Rational Expectations and the Role of Monetary Policy, in: Journal of Monetary Economics, Vol. 2, S. 1 - 32. — R. J. Barro / S. Fischer (1976), Recent Developments in Monetary Theory, in: Journal of Monetary Economics, Vol. 2, S. 133 - 167. — E. Bösmann (1978), Information, in: HdWW, Bd. 4, Stuttgart - New York - Tübingen - Göttingen - Zürich, S. 184 - 200. — P. 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OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.15.4.492 | Generated on 2023-01-16 12:48:11 Theorie rationaler Erwartungen" 515 Willes (1980), „Rational Expectations" as a Counterrevolution, in: Public Interest, Special Issue, S. 81 - 96. — M. Willms (1977), Ende der Konjunkturpolitik?, in: Wirtschaftsdienst, 57. Jg., S. 65 - 67. — A. Woll (1977), Keine neue Revolution in Sicht, in: Wirtschaftsdienst, 57. Jg., S. 59 - 63. Zusammenfassung Was kann man von der „Theorie rationaler Erwartungen" rationalerweise erwarten? Die „Theorie rationaler Erwartungen" kann die These von der Ohnmacht jeder diskretionären Wirtschaftspolitik, die zu beweisen sie — vermutlich — entwickelt wurde, nicht adäquat erklären. Ihre Prämissen sind unrealistisch und können daher nur zeigen, wie der zu erklärende Sachverhalt möglicherweise, nicht aber, wie er tatsächlich zustandekommt: Bestimmte Informationen, die für eine rationale Erwartungsbildung erforderlich wären, können unter keinen Umständen beschafft werden; eine einheitliche Erwartungsbildung aller Wirtschaftssubjekte ist, da nur zufällig und nicht systematisch möglich, höchst unwahrscheinlich denn weder kann vorausgesetzt werden, daß die Erwartungsbildung nach einem einzigen „wahren Strukturmodell" erfolgt, noch kann eine Gleichverteilung der Informationen angenommen werden. Zu den Verdiensten der Theorie gehört, daß mit ihr ein indirekter Erkenntnisfortschritt verbunden ist, indem in ihrem Lichte konkurrierende Erwartungshypothesen durchgreifend kritisiert werden konnten, und daß sie auf die bedeutende Rolle des theoretischen Wissens für die Bildung von Erwartungen hinweist. Summary What can be rationally expected of the "Theory of Rational Expectations"? The "theory of rational expectations" can provide no adequate explanation of the thesis of the impuissance of all discretionary economic policy, to demonstrate which it was — presumably — developed. Its premisses are unrealistic and it can therefore only show how the situation that is to be explained possibly, but not actually, arises. Certain information that would be necessary for rational formation of expectations can be procured under certain circumstances; formation of uniform expectations by all economic entities, being merely coincidental and not systematic, is possible but highly improbable, for it cannot be presupposed that expectations will be formed in accordance with a single "true structural model" and it cannot be assumed that information is distributed evenly. One of the merits of the theory is that it brings indirect cognitive progress in that, considered in the light of the theory, rival expectation hypotheses could be thoroughly criticized and that it drew attention to the important role of theoretical knowledge for the formation of expectations. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.15.4.492 | Generated on 2023-01-16 12:48:11