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Zahlungs- und Schuldendeckungsfähigkeitsprobleme in den Bankenkrisen der National-Banking-Ära der USA und ihr Bewältigungsversuch durch das Federal-Reserve-System

Körnert, Jan

Abstract

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Full text

Körnert, Jan Article Zahlungsund Schuldendeckungsfähigkeitsprobleme in den Bankenkrisen der National-Banking-Ära der USA und ihr Bewältigungsversuch durch das Federal-Reserve-System Kredit und Kapital Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Körnert, Jan (2000) : Zahlungsund Schuldendeckungsfähigkeitsprobleme in den Bankenkrisen der National-Banking-Ära der USA und ihr Bewältigungsversuch durch das FederalReserve-System, Kredit und Kapital, ISSN 0023-4591, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 33, Iss. 2, pp. 258-288, https://doi.org/10.3790/ccm.33.2.258 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/293418 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Mit diesen Bedingungen soll eine ausreichende Verfügungsmacht über Potentiale an Zahlungsund Haftungsmitteln sichergestellt werden.1 Tatsache ist, daß sich nicht nur jede Bank individuell um die Einhaltung der Existenzbedingungen kümmert. Gesamtwirtschaftliche Katastrophenszenarien (Dominoeffekte) haben ebenfalls seit langem die Notwendigkeit erkennen lassen, sich mit der Sicherung der Funktionsfähigkeit des Bankensystems und dem Schutz der Gläubiger vor Verlusten auf übergeordneter, regulatorischer Ebene zu befassen. Die Einführungsund Novellierungsdebatten zu bankaufsichtlichen Maßnahmen sind schon seit dem 19. Jahrhundert regelmäßig geprägt durch das Auftreten „brennender Probleme" mit akutem Handlungsbedarf.2 Vor der Implementierung bankaufsichtlicher Maßnahmen bleibt es bis zu einem gewissen Grad immer fraglich, ob die Problemanalyse sorgfältig genug vorgenommen wurde, damit die sich anschließende auf sichtliche Reaktion angemessen erfolgen kann. Die Einführung des Federal-Reserve-Systems (FRS) in den USA im Jahre 1913 war als Antwort auf die Probleme in den Bankenkrisen wäh1 Deppe (1987). Benner (1989). Franke (1989). 2 Krümmel (1984). Pleyer (1988). Pohl (1988). Kubier (1975). Körnert (1997). Kredit und Kapital 2/2000 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.33.2.258 | Generated on 2023-01-16 13:16:14 Berichte 259 rend der National-Banking-Ära (1863-1913) der USA gedacht. Diese Antwort bestand u.a. darin, den in den Bankenkrisen vielfach unter Zahlungsmittelengpässen leidenden Banken im Sinne eines Lender of Last Resort seitens des FRS beiseite zu stehen.3 Dies wurde vom amerikanischen Kongreß und der von ihm eingesetzten National Monetary Commission als notwendig erachtet, denn in manchen Bankenkrisen der National-Banking-Ära lag die Geldwirtschaft der USA aufgrund wochenoder sogar monatelanger systemweiter Zahlungseinstellungen brach. Dieses oben genannte Bereitstehen des Lender of Last Resort im klassischen Sinne drückt sich zum einen aus in einer großzügigen Überlassung von Zahlungsmitteln an in Not geratene Banken und zum anderen in der frühzeitigen Ankündigung, dies zu tun. Fraglich ist, ob die aus der Erfahrung der National-Banking-Ära heraus veranlaßte Einführung des FRS wirklich dazu angetan war, wesentliche - während der National-Banking-Ära aufgetretene - Probleme im Bankensystem zu lindern und demzufolge gleichartige Krisen später zu verhindern. Mit anderen Worten heißt das: Waren die Erfahrungen mit der National-Banking-Ära derart, daß durch die Einführung des FRS ein Rezept gefunden wurde, mit dem die grundlegenden Probleme erfolgreich bearbeitet werden konnten? Wenn dem so wäre, dann dürften die Bankenkrisen der National-Banking-Ära nur durch systembezogene Zahlungsmittelengpässe entstanden sein, die bei Existenz eines Lender of Last Resort hätten vermieden werden können. Die Krisen dürften speziell nicht aus reinen Schuldendeckungsproblemen resultieren bzw. ihren Ursprung in Zahlungsfähigkeitsproblemen haben, die jenseits beeinflußbarer zentraler Koordinationsprobleme liegen. Nachdem in Teil II. das historische Umfeld der National-Banking-Ära umrissen und die ihr immanenten Bankenkrisen vorgestellt werden, widmet sich Teil III. der bankenkrisenbezogenen Marktentwicklung. Dabei gehen besonders die Zinsund Aktienmarktentwicklung sowie die Entwicklung der Einlagenund Reservesätze in die Betrachtung ein; sie werden als Indikatoren und Indizien für bestimmte Problemschwerpunkte bei der Einhaltung der Existenzbedingungen genutzt. Teil IV. evaluiert die gewonnenen Ergebnisse mittels Zeitzeugenaussagen, bevor der Beitrag mit einem Fazit schließt. 3 Bagehot (1873). Schwartz (1986). Allen/Gale (1998). Thiel (1996), S. 292-301. Goodhart (1988). Miron (1986). Capie u.a. (1994), S. 68 u. 175-179. „The Fed was to execute monetary policy, act as a lender of last resort, and regulate and supervise banking." Allerdings mußte sich das FRS die Regulierung und Überwachung mit anderen, bereits jahrelang bestehenden Institutionen teilen, so daß die Funktion als Lender of Last Resort im Vordergrund stand. Sylla (1992), S. 16. Kredit und Kapital 2/2000 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.33.2.258 | Generated on 2023-01-16 13:16:14 260 Berichte II. Einordnung der National-Banking-Ära in den bankhistorischen Kontext und Überblick über die Bankenkrisen Die amerikanische National-Banking-Ära, die sich über 50 Jahre erstreckte, begann mit dem Erlaß der sogenannten National-Currency-Acts (auch National-Banking-Acts) in den Jahren zwischen 1863 und 1865. Der Beginn dieser Ära fiel in den amerikanischen Sezessionskrieg (1861-1865) und schloß sich direkt an die Free-Banking-Ära (18371863) an. Die National-Banking-Ära endete mit der Verabschiedung des Federal-Reserve-Acts, also der Einführung eines Zentralbankensystems (FRS) in den USA, im Jahre 1913.4 Das Bankensystem der USA bestand damals aus folgenden Subsystemen: 1. bundesstaatlich konzessionierte Banken (National-Banks), 2. einzelstaatlich konzessionierte Banken (State-Banks, Savings-Banks und Trust-Companies), 3. unkonzessionierte Banken (Private-Banks).5 Die Free-Banking-Ära war dadurch gekennzeichnet, daß neben den Private-Banks die Banken in den Bundesstaaten der USA als einzelstaatlich konzessionierte State-Banks agierten.6 Zu diesen Banken traten seit 1863 sogenannte National-Banks, die vom Comptroller of the Currency zugelassen wurden. Die NationalBanks wurden in drei Stufen unterteilt: Country-Banks, Reserve-CityBanks sowie Central-Reserve-City-Banks, die Teile ihrer Einlagen als Reserven halten mußten. So entstand eine auf der Seite liegende Reservepyramide mit der Spitze in New York City.7 Aus diesem Grund ist es in der Folge ausreichend, die Untersuchung auf New York City zu beschränken, da die dortigen Verhältnisse die Ereignisse des gesamten Landes widerspiegeln. Weiterhin muß man zur Kenntnis nehmen, daß der überwiegende Teil aller Reserven der National-Banks am Tagesgeldmarkt in New York investiert wurde.8 Diese Tagesgelder stellten die liquideste verzinsliche Form der Geldanlage dar und wurden in der 4 Sechrest (1993), S. 95. Puth (1993), S. 395 u. 407 f. Chart (1989), S. 3 f. Hütz (1990), S. 33-35. 5 Die Trust-Companies waren erst ab der Jahrhundertwende von Bedeutung. Born (1976), S. 343-349, u. Sprague (1910), S. 224-228. 6 Sechrest (1993), S. 2-4. Dowd (1992). Friedman/Schwartz (1963), S. 18 f. Puth (1993), S. 395 f. Mishkin (1997), S. 265 f. Hütz (1990), S. 34. Horwitz (1992), S. 150 f. Körnert (1998), S. 123-127. 7 „Although Chicago and St. Louis were important regional centers, New York held the lion's share of bankers' balances. National banks in central reserve cities also held substantial correspondent balances of state banks, private banks, and trust companies." Bordo/Rappoport/Schwartz (1992), S. 212. Salsman (1993), S. 88 f. Sprague (1910), S. 124-127. Calomiris/Gorton (1991), S. 130. 8 Wilson/Sylla/Jones (1990), S. 276. Sprague (1910), S. 13. Kredit und Kapital 2/2000 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.33.2.258 | Generated on 2023-01-16 13:16:14 Berichte 261 Regel an Broker ausgeliehen, die ihrerseits im Gegenzug Wertpapiere, Aktien und Anleihen der New Yorker Börse als Sicherheiten erwarben. Zwar investierten die Country-Banks und Reserve-City-Banks in großem Umfang auch direkt am Tagesgeldmarkt, doch waren es letztlich die Central-Reserve-City-Banks in New York, die diesen Markt dominierten. An dieser Stelle ist deshalb festzuhalten, daß sowohl durch die direkte als auch durch die pyramidenartige Anlage der Reservegelder und deren Besicherung der Tagesgeld-, der Commercial-Paper-, der Anleiheund der Aktienmarkt in New York als Indikatoren für die Beurteilung der liquiditätsmäßig-finanziellen Verfassung des National-Banking-Systems herangezogen werden können.9 Tabelle 1 Bedeutende Bankenkrisen der National-Banking-Ära (1863-1913) der USA10 Jahr Kris< Woche Anbeginn Monat Zahlungseinstc vorgenommen3 îllungen vorbereitet Anzahl Bankenausfälleb 1873 37. Mitte September 24.09. bis 22.10. 9 182 1884 19. Anfang Mai X 8 182 1890 45. Anfang November X 10 182 1893 22. Mai/Juni 03.08. bis 02.09. 49 182 1907 42. Mitte Oktober 31.10. bis 28.12. 6 182 a Als Zeitraum wurde hier das Auftreten einer „Geldprämie" gewählt (siehe Fußnote 10). b Die Ausfälle wurden vom U.S. Comptroller für die Monate 6-12/1873, 3-8/1884, 8/1890-2/1891,410/1893 u. 8/1907-2/1908 ermittelt. Da hier nur die Ausfälle der National-Banks genannt sind, liegt die tatsächliche Anzahl deutlich höher. Während der National-Banking-Ära kam es zu zahlreichen Bankenkrisen. Hier soll der Einteilung von Sprague11 (1873-1953) gefolgt werden, der in seiner Eigenschaft als Professor für Banken und Finanzierung der Harvard-Universität im Auftrag der National Monetary Commission im Jahre 1910 ein Gutachten zu den Bankenkrisen dieser Zeit anfertigte. Darüber hinaus stellt das Gutachten ein wichtiges Dokument eines Zeitzeugen dar.12 Es werden in der Folge fünf Bankenkrisen erörtert. Tabelle 1 legt den Krisenbeginn nach Monat und Woche offen. Weiterhin 9 Bordo/Rappoport/Schwartz (1992), S. 212. 10 „The first and immediate consequence of partial suspension by New York banks was the appearance of a premium upon currency." Sprague (1910), S. 56, 187 u. 280-282. Chari (1989), S. 6. Calomiris/Gorton (1991), S. 114 u. 133. U. S. Comptroller, S. 150-153. n Sprague (1910). 12 Chari (1989), S. 4. Friedman/Schwartz (1963), S. 160 u. S. 171. Miron (1986), S. 261-264. Kredit und Kapital 2/2000 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.33.2.258 | Generated on 2023-01-16 13:16:14 262 Berichte wird deutlich, daß bei drei Krisen (1873, 1893 und 1907) weitreichende Zahlungseinstellungen vorgenommen wurden, die 1873 und 1893 ca. einen Monat und 1907 ca. zwei Monate andauerten. Insgesamt sind während der Krisen 82 National-Banks ausgefallen. Ein Ausfall bedeutet, daß die Bank am Wirtschaftsprozeß nicht mehr teilnahm. Bankenschließungen, z.B. bei Zahlungseinstellungen, waren hingegen zuerst nur temporäre Maßnahmen, die aber unter Umständen in Ausfällen münden konnten. Es sei erwähnt, daß die Anzahl der Ausfälle 1893 und die Dauer der Zahlungseinstellung 1907 gesellschaftlich als so unerträglich empfunden wurden, daß anschließend der Weg für weitreichende Veränderungen geebnet war.13 Zuerst erlaubte man mit dem „Aldrich-Vreeland-Act" (oder „Emergency-Currency-Act") im Jahre 1908 einer ausgewählten Gruppe von Banken die Ausgabe von „Notgeldern" bei Zahlungsmittelengpässen. Zudem initiierte der amerikanische Kongreß umfangreiche Untersuchungen zu den Bankenkrisen und lotete Umstrukturierungsmöglichkeiten aus, wozu er die oben erwähnte National Monetary Commission bildete, für die Sprague 1910 sein Gutachten erstellte. Als bedeutendste Konsequenz der Bankenkrisen während der NationalBanking-Ära wurde 1913 damit begonnen, das FRS zu kreieren.14 III. Bankenkrisenbezogene Marktentwicklung In diesem Teil wird untersucht, inwieweit den fünf Bankenkrisen in der National-Banking-Ära Zahlungsoder Schuldendeckungsprobleme immanent waren. Diese Untersuchung geschieht mit Hilfe der Entwicklung der Zinssätze am Markt, der Entwicklung der Einlagen und Reservesätze sowie der Entwicklung des Aktienmarktes. Nachdem in Kapitel 1. mit Hilfe der Zinssatzentwicklung nach ersten Indizien für Zahlungsfähigkeitsprobleme in den Bankenkrisen gesucht wird, widmet sich Kapitel 2. der Überlegung, ob diese eventuellen Zahlungsfähigkeitsprobleme durch besonders starke Änderungen der Einlagen bei gleichzeitig niedrigem Reservesatz charakterisiert waren.15 Wäre dieser Tatbestand gege13 Zur Übersicht der 0 jährlichen Verluste der Bankeinleger als ein Indikator „gesellschaftlicher Unerträglichkeit" Williamson (1989), S. 24f., Gorton (1988), S. 753. Ein Vergleich mit den Einlegerverlusten in der Zeit von 1921 bis 1960 ist möglich bei: Friedman/Schwartz (1963), S. 438. 14 Salsman (1993), S. 94f. Friedman/Schwartz (1963), S. 168-173. Zur ersten Bestandsprobe des FRS in der Krise 1914: Sprague (1915). 15 Der Dauer möglicher Zahlungsmittelengpässe wird durch die Analyse der Zinssätze für Tagesgelder, für 60/90-Tage-Commercial-Paper und für Anleihen Rechnung getragen. Kredit und Kapital 2/2000 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.33.2.258 | Generated on 2023-01-16 13:16:14 Berichte 263 ben, so könnten daran die Einleger schuld sein. Gleichzeitig wird das Argument überprüft, ob der auffallend oft zu Saatund Erntezeiten liegende Krisenbeginn (Tab. 1) wirklich nur durch landwirtschaftlich bedingte Zahlungsfähigkeitsprobleme verursacht wurde, wie das in der Literatur noch regelmäßig behauptet wird. Das 3. Kapitel, das die Entwicklung des Aktienmarktes analysiert, nimmt bezüglich des Schuldendeckungsund Zahlungsproblems eine Zwitterrolle ein: Zum einen könnte die Aktienmarktentwicklung (z.B. Kurssenkungen durch Not Verkäufe von Aktien) die in den Kapiteln 1. und 2. gefundenen Ergebnisse bestätigen. Zum anderen können diese Ergebnisse auch konterkariert werden, wenn z.B. vorher keine Zahlungsfähigkeitsprobleme gefunden wurden, der Aktienmarkt aber deutliche Reaktionen zeigt. 1. Entwicklung der Zinssätze a) Zinssätze für Commercial Paper Mit Hilfe der Zinssätze für 60/90-Tage-Commercial-Paper soll ein Indiz für die in diesem Zusammenhang als mittelfristig anzusehenden Zahlungsmittelengpässe gefunden werden, wobei man für diese Zeit typischerweise unterstellen kann, daß Banken versuchten, diese Engpässe durch Emission bzw. durch Verkauf von Commercial Paper zu überbrücken. Dabei könnte schon anhand der Tabelle 1 vermutet werden, daß es letztlich nur bei den Krisen 1873, 1893 und 1907 (mittelfristige) Zahlungsfähigkeitsprobleme gab, da es nur dort zu Zahlungseinstellungen kam. Abbildung 1 zeigt die Zinssätze für Commercial Paper als Quartalsdurchschnitt, wobei die Krisenquartale mit einem Punkt gekennzeichnet sind. Hier fällt auf, daß besonders die Bankenkrisen 1873, 1893 und 1907 von hohen Zinssätzen für 60/90-Tage-CommercialPaper gekennzeichnet waren. Viel weniger ausgeprägt war das in den Krisen 1884 und 1890 der Fall. Tabelle 2 stellt im Gegensatz dazu die 20 niedrigsten monatlichen Kursrenditen für Commercial Paper dar, wobei die Kursrenditen um so niedriger sind, je stärker die Zinssätze im Vergleich zum jeweiligen Vormonat stiegen. Die Krise 1873 begann Mitte September und die Zahlungseinstellung am 24. September; die Zinssätze für Commercial Paper stiegen im September kräftig (Rang 3). In der Krise 1893 lag die Krisenwoche Ende Mai und Anfang Juni, die Zahlungseinstellung begann am 3. August 1893. Sowohl der Krisenwoche als auch der Zahlungseinstellung gingen jeweils Monate mit Zinsanstieg voraus (Mai 1893 Rang 6, Juli Kredit und Kapital 2/2000 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.33.2.258 | Generated on 2023-01-16 13:16:14 264 Berichte ^•cvjooo^^cvJO 1 I— TTKredit und Kapital 2/2000 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.33.2.258 | Generated on 2023-01-16 13:16:14 Berichte 265 1893 Rang 1). Ähnliches läßt sich für die Krise 1907 sagen: Im Vergleich zum Oktober stiegen die Zinssätze für Commercial Paper im November deutlich (Rang 2). Anders sieht das für die beiden Krisen ohne Zahlungseinstellung aus: Die Krisen 1890 und 1884 befinden sich nicht unter den 20 niedrigsten. So verbleiben nur die Bankenkrisen 1873, 1893 und 1907 als Krisen mit mittelfristigen Zahlungsmittelengpässen. Fraglich ist, ob die mittelfristig nicht feststellbaren Zahlungsmittelengpässe bei den Bankenkrisen 1884 und 1890 auch kurzfristig nicht auftraten; hierbei hilft eine Analyse der Tagesgeldzinssätze. Tabelle 2 Die 20 niedrigsten monatlichen Kursrenditen für Commercial Paper in den USA von 1866 bis 191316 Rang Jahr mit B Jahr ankenkrise3 Monat Jahr ohne E Jahr ^ankenkrise Monat Kursrenditen in % (CP)b 1 1893 7 -2,67 2 1907 11 -2,10 3 1873 9 -1,90 4 1871 10 -0,59 5 1868 11 -0,24 6 1893 5 -0,24 7 1879 8 -0,24 8 1872 9 -0,19 9 1877 8 -0,16 10 1896 1 -0,14 11 1898 3 -0,14 12 1896 8 -0,12 13 1879 3 -0,10 14 1886 8 -0,09 15 1876 9 -0,09 16 1909 10 -0,02 17 1898 4 0,02 18 1881 8 0,02 19 1895 12 0,03 20 1869 6 0,04 a Monat mit Krisenwoche: „fett". Monat mit Zahlungseinstellung: „kursiv". Monat mit Krisenwoche und Zahlungseinstellung: „fett" und „kursiv". b Nach der Formel C = 100 - (100r/12). Mit „r" als durchschnittlichem Zinssatz des jeweiligen Monats für 60/90-Tage-CP. Genannter Monat und dessen Vormonat als Vergleichsbasis. 16 In Anlehnung an: Wilson/Sy IIa /Jones (1990), S. 283 u. 304 f. Macaulay (1938), A 144-156. Kredit und Kapital 2/2000 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.33.2.258 | Generated on 2023-01-16 13:16:14 272 Berichte Tabelle 6 Die 20 stärksten monatlichen Reduktionen des Aktienindex in % an der NYSE von 1866 bis 191322 Rang Jahr mit Bankenkrise3 Jahr ohne Bankenkrise % Änderung Jahr Monat Jahr Monat Aktienindex 1 1907 10 -10,9 2 1907 3 -9,8 3 1893 7 -9,4 4 1893 5 -8,9 5 1873 10 -8,7 6 1884 5 -8,6 7 1880 5 -7,9 8 1873 9 -7,8 9 1907 8 -7,5 10 1890 11 -7,3 11 1877 6 -7,2 12 1877 4 -7,1 13 1899 12 -6,7 14 1901 7 -6,7 15 1896 7 -6,6 16 1869 9 -6,5 17 1884 6 -6,4 18 1876 9 -6,0 19 1877 2 -5,9 20 1907 11 -5,8 a Monat mit Krisenwoche: „fett". Monat mit Zahlungseinstellung: „kursiv". Monat mit Krisenwoche und Zahlungseinstellung: „fett" und „kursiv". Aus der Tabelle 6 ist ersichtlich, daß von den 20 stärksten monatlichen Reduktionen des Aktienindex insgesamt 11 auf die fünf Krisenjahre entfallen. Bisher zeigte sich, daß die fünf Bankenkrisen der National-BankingÄra zum Teil markante Unterschiede aufweisen und ein pauschales Urteil keineswegs erlauben. So sind die Krisen 1873, 1893 und 1907 von mittelfristigen Zahlungsmittelengpässen gekennzeichnet. Der Krise 1884 ist dagegen nur ein kurzfristiger Zahlungsmittelengpaß immanent. Des weiteren konnten bei den Krisen 1873 und 1884 als Grund für den Zahlungsmittelengpaß große Einlagenabzüge im Krisenvorfeld nicht ausgeschlossen werden. Die Reaktionen auf dem Aktienmarkt bestätigten die Hinweise aus den letzten Kapiteln weitgehend. Im Widerspruch dazu scheint nur die Krise 1890 zu stehen, denn zur deutlichen Reduktion auf dem Aktienmarkt liegt keine erkennbare Parallele auf dem Anleihemarkt vor. 22 In Anlehnung an: Wilson/Sylla/Jones (1990), S. 281 u. 306f. Kredit und Kapital 2/2000 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.33.2.258 | Generated on 2023-01-16 13:16:14 Berichte 273 Im folgenden Teil IV. werden die Bankenkrisen einzeln beleuchtet, wobei mit der Krise 1890 begonnen wird, da sie in den USA möglicherweise völlig ohne Zahlungsfähigkeitsprobleme ablief und die zweithöchste Anzahl an Ausfällen von National-Banks verzeichnet (Tab. 1). Daran schließt sich die Krise von 1884 an, in der keine Zahlungseinstellung aber Zahlungsmittelengpässe vorkamen. Des weiteren werden die Krisen mit Zahlungseinstellungen der Jahre 1873, 1893 und 1907 besprochen. IV. Abläufe der Bankenkrisen der National-Banking-Ära i. Die Bankenkrise 1890 Als Krisenbeginn in den USA wird die 45. Woche im Jahr 1890 genannt, die von Montag, den 3. November bis Sonntag, den 9. November, dauerte. In der Krise fiel mit 10 National-Banks die zweithöchste Anzahl an National-Banks aus (Tab. 1). Eine Untersuchung der Marktentwicklung zeigt mit einem Zinssatz von 6,66 % im Quartalsdurchschnitt für Commercial Paper (Abb. 1) keine bedeutende Reaktion, denn allein in der Zeit von 1870 bis 1913 lagen in zehn Quartalen die Zinssätze höher, ohne daß es zu einer Krise gekommen wäre.23 Auch sonst fällt die Krise 1890 bei den Zinssatzentwicklungen nicht auf. Darüber hinaus gab es in den drei Monaten vor der Krisenwoche 1899 und 1906 höhere Einlagenabzüge bei gleichzeitig niedrigerem Reservesatz, ohne daß dies zu einer Bankenkrise geführt hätte. Im krassen Gegensatz dazu sank von Oktober auf November 1890 der Aktienindex an der NYSE um 7,3 %. Fraglich ist, wie es in den USA zu einem derartigen Einbruch am Aktienmarkt kommen konnte, in dessen Schlepptau zahlreiche Banken ausfielen. Hierbei hilft ein Blick nach Südamerika und England. Das Bankhaus Barings galt als eines der größten Bankhäuser der Welt und war im Rahmen von Projektfinanzierungen erheblich in Südamerika, speziell in Argentinien, engagiert. Wirtschaftliche Schwierigkeiten Argentiniens und politische Unruhen ließen ab dem Frühjahr 1890 den Schuldendienst nahezu versiegen und trieben Barings zunehmend in einen Zahlungsmittelengpaß.24 Ab Oktober 1890 spitzten sich die Zahlungsfähig23 Einen Überblick über die Krise bieten: Sprague (1910), S. 124-152. Körnert (1998), S. 145-157. 24 Ziegler (1988), S. 100-111 u. 229-243. Ferns (1992), S. 243-249. Batchelor (1986). Zum Ausfall von Barings 1995: Körnert (1996, 1997). Kredit und Kapital 2/2000 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.33.2.258 | Generated on 2023-01-16 13:16:14 274 Berichte keitsprobleme dramatisch zu. Am Sonnabend, dem 8. November 1890, informierte die Geschäftsführung von Barings den Governor of the Bank of England offiziell über ihre existentiellen Probleme.25 Die englische Regierung deutete der Bank of England gegenüber an, daß sie sich nur dann an einer Rettung von Barings beteiligen würde, wenn Barings nicht überschuldet wäre. Daraufhin wurden Mitarbeiter der Bank of England damit beauftragt, die Schuldendeckungsfähigkeit von Barings zu evaluieren und kamen nach drei Tagen, am Donnerstag, dem 13. November 1890, zu dem Ergebnis, daß diese noch gegeben sei.26 Parallel dazu wurde seit Montag, den 10. November 1890, mit Überlegungen zur Formierung eines Liquiditätshilfefonds für Barings begonnen, und es gab bereits zahlreiche Gerüchte über enorme Schwierigkeiten einer Bank in London.27 Am Freitag, dem 14. November, wurde im Rahmen einer konzertierten Aktion damit begonnen, den Liquiditätshilfefonds konkret auszugestalten.28 Spätestens mit der Einrichtung des Fonds war die Öffentlichkeit über die Vorgänge bei Barings informiert. Durch den Fonds konnten aber letztlich nicht nur Barings gerettet, sondern auch weitere Bankenausfälle in London als Folge der Barings-Krise verhindert werden.29 Fraglich ist, ob die bisher so milde Reaktion des Umfeldes auch in einer über England hinausgehenden Analyse noch Bestand hat. Dabei ist vor allem näher auf die enge Beziehung zwischen England und den USA einzugehen. „We have now to consider a crisis in which the United States participated, to a somewhat greater extent at least, as a passive sharer in a disturbance the causes of which were in other parts of the world. "30 Man muß annehmen, daß Verkäufe amerikanischer Wertpapiere stattfanden, die spekulativer Natur waren oder der Finanzierung des Liquiditätshilfefonds dienten. Andererseits trennten sich englische Investoren 25 Ferns (1992), S. 260f. Ziegler (1988), S. 244f. 26 Eine Beteiligung hätte so ausgesehen, daß die Regierung nach einer Rettungsaktion die unter Umständen dennoch auftretenden Verluste bei der Bank of England zum Teil übernähme. Ferns (1992), S. 262. Ziegler (1988), S. 249-253. Pressneil (1968), S. 202. Orbell (1985), S. 59. 27 Ab Montag, den 10. November 1890, begannen sich Banken in London durch das Halten größerer Reserven gegen befürchtete Zahlungsmittelabzüge zu wappnen. Pressnell (1968), S. 206 u. 202. 28 Ferns (1992), S. 262. Kindleberger (1989), S. 170. Pressnell (1968), S. 205. 29 Ziegler (1988), S. 248. Dowd (1991), S. 183. 30 Sprague (1910), S. 127 u. 131. Bordo (1986), S. 204-211. Eine schnelle Übertragung von Informationen von einem Kontinent zum anderen war seit Sommer 1866 mit der Verlegung zweier überseeischer Kabel problemlos möglich. Zweig (1964), S. 177. Kredit und Kapital 2/2000 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.33.2.258 | Generated on 2023-01-16 13:16:14 Berichte 275 von „guten" Wertpapieren, um durch vorzeitige Monetisierung dieser Aktiva die Zahlungsmittelengpässe, die aus ihren Engagements in Argentinien resultierten, zu überbrücken.31 Während der drei Wochen vor dem 8. November 1890 war die Lage an der New Yorker Aktienbörse äußerst angespannt: „There was further decline on the stock exchange, but at no time panic threatened. London sales of American securities were an important factor during these weeks and contributed largely to the fall in quotations which was particularly severe in standard stocks, many of which reached the lowest level of the year. "32 Die weiteren Abläufe ab Montag, den 10. November 1890, können dem „Commercial and Financial Chronicle"33 vom 3. Januar 1891 entnommen werden, wo die Ausfälle amerikanischer Banken detailliert beschrieben sind. Die dortigen Aussagen und die Zitate Spragues untermauern die geäußerten Vermutungen zur Bankenkrise 1890 in den USA: Aus nichterkennbaren Reaktionen bei den Zinssätzen und im Zusammenhang mit den Einlagenänderungen und Reservesätzen war abgeleitet worden, daß keine Zahlungsfähigkeitsprobleme in den USA vorlagen. Dies konnte nun bestätigt werden, denn die Schwierigkeiten konzentrierten sich auf die Aktienbörse und auf Schuldendeckungsfähigkeitsprobleme, die zum Ausfall zahlreicher Banken in den USA führten.34 2. Die Bankenkrise 1884 Die Bankenkrise 1884 begann Anfang Mai. Es kam in ihrem Verlauf zu keiner Zahlungseinstellung; allerdings werden ihr acht Bankenausfälle von National-Banks zugeschrieben (Tab. 1). Das Vorfeld der Krise war geprägt von einem generellen wirtschaftlichen Abschwung in den USA, der sich besonders in sinkenden Preisen für Rohstoffe, Fertiggüter und Wertpapiere niederschlug.35 Die Marktentwicklung zeigte im Jahr 1884 weniger auffallende Ereignisse als während der anderen Bankenkrisen. Am spektakulärsten ist sicherlich der extrem hohe Tagesgeldzinssatz von 163,40 % pro Monat im Monat Mai 1884 (Tab. 3), der sich aus Zinssätzen von bis zu 4 % pro 24 Stunden ergibt.36 Zudem deuten die negativen 31 Sprague (1910), S. 132, 134 u. 141. Friedman/Schwartz (1963), S. 104 u. 107. 32 Sprague (1910), S. 140. 33 Sprague (1910), S. 141 f. Kindleberger (1989), S. 169 f. 34 Schwartz (1986), S. 14 f. 35 Zum Überblick: Sprague (1910), S. 108-123. Mishkin (1991), S. 83 f. Körnert (1998), S. 158-163. 36 Ähnliche Werte beobachtete auch Sprague (1910), S. 111 u. 113. Kredit und Kapital 2/2000 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.33.2.258 | Generated on 2023-01-16 13:16:14 276 Berichte Kursrenditen von Anleihen (Tab. 4) hohe Zinssätze und Zahlungsfähigkeitsprobleme an und werden darin von den negativen Indexentwicklungen des Aktienmarktes (Tab. 6) gestützt. Verstärkt wird der Eindruck akuter kurzfristiger Zahlungsprobleme von der Tatsache großer Einlagenabzüge bei gleichzeitig geringen Reservesätzen (Tab. 5), wobei sich damit auch die Frage stellt, ob dies ein Resultat eruptiven Einlegerverhaltens war. Die Bankenkrise begann am Dienstag, dem 6. Mai 1884, mit dem Ausfall der Marine National Bank in New York, die mit einem Eigenkapital von $ 0,4 Mio. ausgestattet war. Fatalerweise agierte der Präsident der Bank gleichzeitig als Partner der Broker Grant & Ward.37 Dieses Brokerhaus steckte offenbar in massiven Schwierigkeiten. Im Rahmen einer illegalen Rettungsaktion - das Vermögen von Grant & Ward betrug zu diesem Zeitpunkt nur noch ca. $ 0,7 Mio. im Vergleich zu den Schulden in Höhe von ca. $ 16 Mio. - kaufte die Marine National Bank zu guter Letzt einen Scheck über $ 0,75 Mio. von Grant & Ward an, der dann platzte.38 Der Ausfall der Marine National Bank, nach deren Liquidation die Fremdkapitalgeber letztlich 83,47 % ihrer Ansprüche befriedigten, war der Grund für weitere substantielle Kursreduktionen am Aktienmarkt, die bis zum Samstag, dem 10. Mai 1884, anhielten.39 Am Montag, dem 12. Mai 1884, öffnete die Börse mit weiter fallenden Kursen, in denen sich die Angst ausdrückte, daß weitere Banken ausfallen könnten. Der negative Trend setzte sich auch am Dienstag, dem 13. Mai, fort. Am Morgen des 14. Mai 1884 wurde bekannt, daß der Präsident der Second National Bank $ 3.185.000 seiner Bank veruntreut hatte. Zwar wurde der finanzielle Verlust sofort von den anderen Direktoren der Bank ausgeglichen, so daß die Bank nicht ausfiel, aber die psychologischen Auswirkungen an der Börse waren verheerend.40 Der endgültige Vertrauensverlust trat ein, als am Mittwochmittag (14. Mai 1884) auch noch die Metropolitan National Bank ihre Schalter schließen mußte und später ausfiel. Die Gründe für die Schließung und den Ausfall sieht der Comptroller of the Currency im spekulativen Anlageverhalten und in der Vergabe großer Kredite an einzelne Unternehmen. Darüber hinaus machten die anhaltenden Wertverluste der Aktiva, erzeugt durch die fallenden Wertpapierkurse, die Bank zum Ziel von Gerüchten und gesteigerten Mißtrauens seitens der Einleger. Die Einle37 Sprague (1910), S. 110 u. 345. 38 Cannon (1884), S. 347. 39 Sprague (1910), S. HOf. 40 Sprague (1910), S. 111 u. 349f. Kredit und Kapital 2/2000 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.33.2.258 | Generated on 2023-01-16 13:16:14 Berichte 277 ger der Bank waren es dann auch, aufgrund derer die Bank in einem Run ihre Schalter schloß.41 „The final shock came in the failure of several brokerage and banking firms and in the suspension of the Metropolitan National Bank. Then the wildest kind of a panic raged, and securities were thrown overboard regardless of price. ... All stocks and securities called upon the New York Stock Exchange were greatly depreciated under the pressure to sell, and it was practically impossible for the banks to collect their call loans, as their borrowers could not obtain money by sale of their securities except at ruinous rates. "42 Am Donnerstag, dem 15. Mai 1884, erholte sich die Lage leicht, obwohl die im Portefeuille der Banken befindlichen Aktien von Telegrafengesellschaften um 64 % sanken und das Bankhaus Fisk & Hatch ausfiel, wodurch am Freitagmorgen die Newark Savings Institution schließen mußte. Zu Beginn der darauffolgenden Woche hatten sich die Märkte dann fast vollständig beruhigt. Insgesamt blieben die Probleme und Ausfälle weitgehend auf New York City beschränkt.43 Das war im Verlauf der Krise nicht unbedingt zu vermuten und ist dem entschlossenen Einschreiten der New York Clearing House Association zu verdanken gewesen, die als eine Art regionaler „Lender of Last Resort" ab dem 15. Mai 1884 den Banken in New York gegen Sicherheiten Zahlungsmittel bereitstellte, so daß fast alle Einlagenabzüge befriedigt werden konnten, was wiederum weitere Runs verhinderte.44 3. Die Bankenkrise 1873 Der Beginn der Bankenkrise 1873 lag Mitte September. In ihrem Verlauf kam es zu einer Zahlungseinstellung vom 24. September bis 22. Oktober und es fielen neun National-Banks aus.45 Eine Betrachtung der Marktentwicklung für 1873 zeigt eine Zweiteilung des Jahres. So gab es 41 Cannon berichtet: „Rumors were circulated which excited distrust and suspicion against .. [the] bank and caused the run upon it which resulted in its suspension." Cannon (1884), S. 348 f. 42 Sprague (1910), S. Ill u. 113. 43 Im Zusammenhang mit dieser Krise soll nur eine bedeutende Bank außerhalb von New York City, die Pennsylvania Bank in Pittsburg, ausgefallen sein. Sprague (1910), S. 116. 44 Sprague (1910), S. 115. Friedman/Schwartz (1963), S. 101 (FN 19). Gortoni Mullineaux (1987). 45 Calomiris/Gorton (1991), S. 154. Sprague (1910), S. 1-107. Körnert (1998), S. 163-168. Kredit und Kapital 2/2000 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.33.2.258 | Generated on 2023-01-16 13:16:14 278 Berichte offenbar in der ersten und zweiten Jahreshälfte Probleme, die nur durch einen relativ ruhigen Sommer unterbrochen wurden. Das Zentrum der Probleme in den ersten Monaten des Jahres 1873 lag in Europa. Dort litten die Wertpapiere unter starkem Kurs verfall.46 Neben kurzfristigen Auswirkungen hatte das vor allem für die Krise im Herbst indirekte Konsequenzen.47 Der wirtschaftliche Aufschwung in den USA stand zu dieser Zeit stark im Licht eines expandierenden Eisenbahnliniennetzes. Die Finanzierung dieser ehrgeizigen Vorhaben erfolgte über die Plazierung von Anleihen und den Verkauf von Aktien an europäischen Märkten. In dem Maße, in dem deren Funktionsund Aufnahmefähigkeit gestört war - wie im ersten Halbjahr 1873, mußten amerikanische Märkte einspringen, die dieser Aufgabe nicht oder nur begrenzt gewachsen waren.48 Die Last konnten dann im September 1873 einige Banken und Broker nicht mehr tragen. Die Krise begann am Montag, dem 8. September, mit dem Ausfall der New York Warehouse and Security Company und nahm ihren Lauf mit der Schließung von Kenyon, Cox & Co. am Samstag, dem 13. September 1873. Dem Ausfall bzw. der Schließung der beiden Brokerfirmen wurde allerdings nur ein geringer Einfluß beim Ausbruch der Krise zugesprochen. Im Gegensatz dazu scheint der Schließung der beiden Bankhäuser Jay Cooke & Co. (18. September 1873) sowie Fisk & Hatch (19. September 1873) im weiteren Krisenverlauf eine Signal Wirkung zuzukommen. Sie waren als zwei der größten Bankhäuser in New York bekannt und stark in den Handel mit Wertpapieren von Eisenbahngesellschaften involviert.49 Als dann die Northern Pacific Railroad ausfiel, zog sie Jay Cooke & Co. nach.50 Fisk & Hatch konnten einige Zeit nach ihren Schwierigkeiten die Geschäfte fortführen, bis sie elf Jahre später, in der Krise 1884, ausfielen. Die Schließung der beiden Bankhäuser hatte am darauffolgenden Tag, am Samstag, dem 20. September 1873, große Auswirkungen auf die Börse in New York und das Verhalten der Einleger. 46 Matis/Weber (1993), S. 325-327. Schwartz (1986), S. 13. Kindleberger (1989), S. 145 f. Sprague (1910), S. 31. 47 Die USA wechselten 1873 offiziell vom Bimetallismus zum Goldstandard (Coinage Act), der de facto seit 1834 herrschte. Friedman (1990 a). Erkennbare Auswirkungen auf die Bankenkrise 1873 bestanden so gut wie keine, da die Allgemeinheit den offiziellen Wechsel erst Jahre später zur Kenntnis nahm und selbst Insider nur nach erheblicher Zeitverzögerung davon erfuhren. Friedman (1990b). 48 Sprague (1910), S. 339f. u. 36. 49 „On the 18th and 19th two of the largest banking houses in the city, well known throughout the country, ... failed." Sprague (1910), S. 337. Friedman/ Schwartz (1963), S. 56. Mishkin (1991), S. 80-83. so Born (1976), S. 90. Kindleberger (1989), S. 12 u. 34. Sprague (1910), S. 36. Kredit und Kapital 2/2000 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.33.2.258 | Generated on 2023-01-16 13:16:14 Berichte 279 „The excitement and general distrust which followed this suspension caused a general and rapid calling in of loans ..and with the great fall in the stocks produced the other disasters."51 Diese weiteren Desaster zeigten sich noch am Samstag mit dem Ausfall der National Bank of Commonwealth und „three other well-known banking houses"52 sowie den Runs auf die Fourth National Bank, die Union Trust Company und die National Trust Company, die aber alle drei nicht ausfielen. Vielmehr konnten sie entweder ohne größere Einschränkungen (Fourth National Bank) oder nach Wochen bzw. Monaten der Zahlungseinstellung ihre Geschäfte fortführen. Aufgrund dieser Vorfälle kam es an der New Yorker Börse zu massiver Aufregung und großen Preisstürzen, so daß sie am 20. September 1873, um 11 Uhr, bis auf weiteres geschlossen wurde und erst zehn Tage später, am 30. September, wieder öffnete.53 Die Einlagenabzüge führten im Verlauf der Krise zunehmend zu Zahlungsfähigkeitsproblemen unter den Banken in New York. Dieses Problem versuchte die New York Clearing House Association durch Bereitstellung von Zahlungsmitteln ab Montag, den 22. September 1873, zu lindern: „Had all the New York banks been purely local institutions, with no responsibilities to the rest of the country, there can be little doubt that they would have been able to weather the storm without further difficulty. "54 Aber selbst die Unterstützung durch die New York Clearing House Association brachte nicht die erhoffte Erleichterung für die Banken.55 Die unmittelbare Folge daraus war eine Zahlungseinstellung der New Yorker Banken ab dem 24. September, die sich bis zum 27. September 1873 auf das gesamte Land, außer auf die Pazifikküste, übertrug. Dabei täglich auftretende Geldprämien reichten von mindestens Vi6% bis maximal 5 % und verschwanden erst wieder mit dem Ende der Zahlungseinstellungen am Mittwoch, dem 22. Oktober 1873.56 51 Sprague (1910), S. 37. 52 Sprague (1910), S. 337 u. 43. Die Fourth National Bank war die größte Bank in New York. 53 Die Schließung der Börse lag nicht allein am Ausmaß der Krise. Der Grund muß vor allem auch in der Abwesenheit einer Clearingstelle gesucht werden. Sprague (1910), S. 38-40 u. 152. 54 Sprague (1910), S. 45-53. Tab. 5 zeigt, daß bereits im Krisenvorfeld eine erhebliche Einlagenreduktion bei den New Yorker Banken stattgefunden hatte. 55 Sprague (1910), S. 53. 56 Aufgrund der Reservepyramide führte eine Zahlungseinstellung in New York fast automatisch zu ähnlichen Reaktionen im gesamten Land. Einen Überblick Kredit und Kapital 2/2000 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.33.2.258 | Generated on 2023-01-16 13:16:14 280 Berichte 4. Die Bankenkrise 1893 Bereits zweieinhalb Jahre nach der Krise 1890 kam es in den USA zu einer weiteren Bankenkrise, deren Beginn auf Ende Mai 1893 festgelegt wird.57 Sie mündete vom 3. August bis 2. September in eine Zahlungseinstellung. Der Bankenkrise 1893 werden insgesamt 49 Bankenausfälle bei den National-Banks zugeschrieben. Sprague unterteilt die Krise in drei Phasen: Die erste Vorkrisenphase reichte bis zum Börsenkrach in New York am 4. Mai 1893; im Anschluß dauerte die zweite Phase bis etwa Mitte Juli und ging dann in die dritte Phase mit der Zahlungseinstellung über.58 Zwar kann keine auffallende Marktentwicklung für die Monate Januar bis April 1893 festgestellt werden, dennoch war diese Zeit von einigen Turbulenzen geprägt. Neben Ausfällen von Eisenbahngesellschaften waren vor allem Wertpapierverkäufe europäischer Investoren der Grund für den Kursfall amerikanischer Wertpapiere. Die Ursache dafür lag in den Zweifeln europäischer Investoren begründet, ob die USA willens und in der Lage wären, den Goldstandard in der bis dahin vorliegenden Form beizubehalten.59 Der Ausfall der National Cordage Company Anfang Mai löste dann den Börsenkrach am 4. Mai 1893 aus, bei dem aber keine Banken in Mitleidenschaft gezogen wurden, da sie sich schon früh aus bestimmten Wertpapieren zurückgezogen bzw. nie in sie investiert hatten. Trotz der Probleme an der Börse waren im Mai die Zahlungsmittelreserven der Banken größer als in anderen Jahren. Das war der Fall, weil von den unteren Stufen der Reservepyramide mehr Zahlungsmittel an deren Spitze flössen als umgekehrt (Tab. 5). Ein abruptes Ende fand diese Situation in der 22. Woche 1893, die am Montag, dem 29. Mai, begann. In den darauffolgenden drei Wochen, also bis zum 17. Juni 1893, reduzierten sich sogar die frei verfügbaren Reserven der New Yorker Banken etwa um zwei Drittel. Den Grund dafür nennt Sprague60: über die Schwierigkeiten der Wirtschaft im Zusammenhang mit der Zahlungseinstellung gibt Sprague (1910), S. 53-58 u. 61-82. 57 Anhand der drei Krisenphasen ließe sich auch ein anderer Zeitpunkt als Krisenbeginn festlegen. Hier soll aber Calomiris/Gorton (1991), S. 133 gefolgt werden. Körnert (1998), S. 168-173. 58 Vgl. Tab. 1. Calomiris/Gorton (1991), S. 154. Zum Überblick über die Krise: Sprague (1910), S. 153-215. Mishkin (1991), S. 86f. 59 Friedman/Schwartz (1963), S. 107-111. Sprague (1910), S. 158 u. 163. Friedman (1990b), S. 1176. 60 Sprague (1910), S. 168. Noyes (1894), S. 414f. Kredit und Kapital 2/2000 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.33.2.258 | Generated on 2023-01-16 13:16:14 Berichte 281 „ The withdrawal of money from New York was directly due to failure and suspension of large numbers of banks, both state and national, and of private bankers in the West and South." In dieser Phase, in der in den Bundesstaaten des Südens und des Westens der USA sehr viele Banken ihre Schalter schlössen und dann zum Teil ausfielen, blieben die Banken in New York von diesen Konsequenzen bis dahin noch weitgehend verschont. Die Gründe für die Probleme der Banken beschreiben Friedman und Schwartz61 wie folgt: „In short, two sets of forces were responsible for the two different drains: distrust of the Treasury's ability to maintain silver at parity with gold caused the external drain; distrust of the solvency of banks, particularly western institutions, caused the internal drain." Nachdem sich die Lage für etwa einen Monat etwas beruhigt hatte, kam es während der dritten Juliwoche 1893 zu einer zweiten Welle des Mißtrauens von Einlegern gegenüber ihren Banken im Süden und Westen der USA. Diesem zweiten Zahlungsmittelabzug waren dann einige große Banken in New York nicht mehr gewachsen, so daß es von Anfang August bis Anfang September zur Zahlungseinstellung kam, da durch einen möglichen Ausfall einer großen Bank das Mißtrauen noch verstärkt worden wäre.62 Die vom 3. August bis 2. September 1893 auftretenden Geldprämien erreichten an mehreren Tagen maximal 4 % und verschwanden manchmal fast ganz. Darüber hinaus zeigte eine schnelle Rückführung der Zahlungsmittel an die Banken schon im Herbst 1893, daß das Mißtrauen bei den Einlegern offenbar weniger tief saß, als man aufgrund ihrer Reaktion im Sommer hätte vermuten können.63 5. Die Bankenkrise 1907 Die letzte große Bankenkrise während der National-Banking-Ära fand im Jahr 1907 statt und begann Mitte Oktober. In ihrem Zusammenhang fielen sechs National-Banks aus. Es kam vom 1. Oktober bis zum 28. Dezember 1907 zu einer Zahlungseinstellung in den USA.64 Im Jahr 1907 werden nicht erst im Herbst die ersten auffälligen Marktentwicklungen 61 Friedman/Schwartz (1963), S. 109. Sprague (1910), S. 400. 62 Sprague (1910), S. 182. Friedman/Schwartz (1963), S. 108. 63 Sprague (1910), S. 210. Zu Schwierigkeiten der Wirtschaft: Sprague (1910), S. 187 u. 195-203. 64 Vgl. Tab. 1. Calomiris/Gorton (1991), S. 154. Zum Überblick: Sprague (1910), S. 216-320. Friedman/Schwartz (1963), S. 156-168. Mishkin (1991), S. 89-91. Körnert (1998), S. 174-178. Kredit und Kapital 2/2000 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.33.2.258 | Generated on 2023-01-16 13:16:14 288 Berichte Zusammenfassung Zahlungsund Schuldendeckungsfähigkeitsprobleme in den Bankenkrisen der National-Banking-Ära der USA und ihr Bewältigungsversuch durch das Federal-Reserve-System Zahlungsund Schuldendeckungsfähigkeit stellen bankbetriebliche Existenzbedingungen dar, deren Einhaltung vor allem in Bankenkrisen immer wieder gefährdet ist. Das war nicht anders in den Bankenkrisen der National-Banking-Ära (1863-1913) der USA. Fraglich ist, ob mit der Einführung des Federal-ReserveSystems im Jahre 1913 eine angemessene Antwort auf die Probleme in den Bankenkrisen der National-Banking-Ära gegeben wurde. Der Aufsatz kommt zu dem Schluß, daß das Federal-Reserve-System eine Chance darstellte, einige strukturelle Probleme zu lösen. Auf der anderen Seite wäre das Federal-Reserve-System mit seinem Grundkonzept nicht in der Lage gewesen, in der Bankenkrise 1890 helfend einzugreifen. (JEL G21, G33, G15) Summary Problems of Liquidity and Solvency in the Banking Crises of the National-Banking-Era of the USA and an Attempt for Their Solution by the Federal-Reserve-System Liquidity and solvency are conditional for banks' existence. They are regularly endangered during banking crises. Since the banking crises of the National-Banking-Era (1863-1913) of the USA are no exceptions, the question remains whether the foundation of the Federal-Reserve-System in 1913 offered an adequate solution to the relevant problems of the era. The study concludes that the introduction of the Federal-Reserve-System offered a chance to solve some structural problems. On the other hand, the basic concept of the Federal-Reserve-System would not have been in a position to come to the aid of troubled banks in 1890. Résumé Problèmes de capacité de paiement et de couverture de dettes dans les crises bancaires de la période de la National Banking aux EU Essai de solution du Système Fédéral de Réserve La capacité de paiement et de couverture de dettes représentent des conditions fondamentales pour les banques qui sont surtout menacées lors des crises bancaires. Il en a été ainsi lors des crises bancaires de la période de la National Banking (1863-1913) aux EU. L'introduction du Système Fédéral de Réserve en 1913 a-t-elle apporté une réponse adéquate aux problèmes de cette époque? Cet article en arrive à la conclusion que le Système Fédéral de Réserve offrait une solution à certains problèmes structurels. En revanche, le Système Fédéral de Réserve n'aurait pas été en mesure de résoudre la crise bancaire de 1890. Kredit und Kapital 2/2000 OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/ccm.33.2.258 | Generated on 2023-01-16 13:16:14