Die Grundlagen der betrieblichen Preispolitik
Abstract
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Full text
Faehndrich, Henner Article Die Grundlagen der betrieblichen Preispolitik Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft Provided in Cooperation with: Duncker & Humblot, Berlin Suggested Citation: Faehndrich, Henner (1962) : Die Grundlagen der betrieblichen Preispolitik, Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, ISSN 1619-6244, Duncker & Humblot, Berlin, Vol. 82, Iss. 5, pp. 549-567, https://doi.org/10.3790/schm.82.5.549 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/291004 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Die Grundlagen der betrieblichen Preispolitik Van Henner Faehndrich - Baden-Baden Nach Ansicht des amerikanischen Philosophen Dewey hat die Wissenschaft die Aufgabe, die Zukunft vorauszusagen, um unser Verhalten einsichtig zu machen. Diese Situation charakterisiert u. E. in hervorragender Weise auch die Probleme der betrieblichen Preispolitik, die die Betriebswirtschaftslehre seit ihren Anfängen beschäftigt haben1. Wenn es auch erst jüngeren Untersuchungen gelungen ist, die anstehenden Fragen in umfassender deduktiver Analyse zu klären, so muten uns doch bereits frühe, auf induktivem Wege gewonnene Erkenntnisse als auch heute noch durchaus aktuell an, wie z. B. die Ausführungen Ludovicis zu diesem Fragenkreis beweisen2. Nun werden heute die Möglichkeiten preispolitischer Aktivität des einzelnen Betriebes ebenso oft überwie unterschätzt, und „das rechnerische Kalkül in den hergebrachten, der Praxis entlehnten Formen tritt mehr und mehr zu Gunsten der Neigung zur einseitigen Betonung Logisch-mathematischer Denkinhalte zurück4'3. Dies beschwört aber eine nicht zu gering einzuschätzende Gefahr herauf: Mit dem Verlassen des Bodens der Wirklichkeit und dem SichHin auf schwingen in mathematisch-deduktive Abstraktionen verlieren die so gewonnenen Aussagen nur zu leicht den Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Verhältnissen ihrer Zeit und vernachlässigen so eine für die sozialwissenschaftliche Forschung unerläßliche Prämisse, denn „ein automatisches Funktionieren, wie es die Denkmodelle voraussetzen, gibt es nur in der Welt der Maschinen", und „einen Mecha1 Vgl. E. Leitherer, Geschichte der handelsund absatzwirtschaftlichen Literatur, Köln-Opladen 1961, S. 13 ff.; J. Löffelholz, Geschichte der Betriebswirtschaft und Betriebswirtschaftslehre, Stuttgart 1935, S. 89 ff. 2 C. G. Ludovici, Grundriß eines vollständigen Kaufmanns-Systems, Omnitypiedruck der 2. Aufl. v. 1768, Stuttgart 1932, S. 117 f. 3 H. Seischab9 Über das Gewinnmaximieren. Zugleich ein Beitrag zur methodologischen Situation der Betriebswirtschaftslehre, Allgemeine Forstund Jagdzeitung, 130. Jg. (1958), S. 64. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.549 | Generated on 2023-04-04 11:31:52
38 Henner Faehndrich 550 nismus, welcher das Verhalten der menschlichen Gesellschaft als ganzes bestimmen würde, gibt es nicht"4. Will man sich daher über „Wert und Unwert" preispolitischer Überlegungen und Handlungen des einzelnen Betriebes orientieren, so muß man nach jenen Tatsachen forschen, die ihm die Möglichkeiten zu preispolitischer Aktivität eröffnen, dieser aber auch die Grenzen setzen. Die Aufdeckung dieser Zusammenhänge führt uns zu den Grundlagen der betrieblichen Preispolitik. I. Das Wesen der betrieblichen Preispolitik Gälweiler charakterisiert die betriebliche Preispolitik als die Gesamtheit der „Fragen und Überlegungen, die in den einzelnen Wirtschaftsbetrieben über die Prei&stellung ihrer Absatzgüter auftreten"5. Diese Definition ist u. E. für eine umfassendere Würdigung des Problems der betrieblichen Preispolitik zu eng; denn Preispolitik, als Teil der betrieblichen Marktpolitik verstanden, erstreckt sich nicht nur auf den Absatz, sondern auch — und u. U. in größerem Ausmaße6 — auf die Beschaffungsvorgänge des Betriebes. Daneben begegnen wir preispolitischen Maßnahmen auch im Zusammenhang mit der Gestaltung des Betriebsaufbaues und -ablaufes unter der Bezeichnung pretiale Betriebslenkung7. So ist betriebliche Preispolitik etwas Allumspannendes, dessen Begriff aus dem der Betriebswirtschaftspolitik, worunter nach Sandig „die Lehre von den tatsächlichen und den möglichen Zielsetzungen und Entscheidungen, die von der Führung einer Betriebswirtschaft (eines Betriebes, einer Unternehmung) im Innenverhältnis und gegenüber dem Markte der Betriebswirtschaft getroffen werden"8, zu verstehen ist, abgeleitet werden muß. Ein solcher Betriff der betrieblichen Preispolitik könnte dann etwa folgendes Aussehen haben: Unter betrieblicher Preispolitik soll die Gesamtheit der Entscheidungen hinsichtlich der Mittel und Maßnahmen zur Bewertung von Leistungen im Betrieb verstanden werden. 4 0. Kraus, Konjunktur und Beschäftigung, München 1954, S. 163 u. S. VI. 5 A. Gälweiler, Artikel „Preispolitik, betriebliche", in: Handwörterbuch der Betriebswirtschaft, 3. Aufl., Bd. 3, Stuttgart 1960, Sp; 4398. 6 Dies gilt vor allem in jenen Fällen, in denen der Betrieb am Absatzmarkt zu preispolitischer Inaktivität verurteilt ist, sei es, weil er eine unbedeutende Rolle spielt (z. B. bei Preisführerschaft) oder der Staat die Preisregulierung übernommen hat. 7 Vgl. E. Schmalenbach, Pretiale Wirtschaftslenkung, Bd. 2: Pretiale Lenkung des Betriebes, Bremen-Horn - Bielefeld - Frankfurt/M. - Hamburg - Hannover - Kiel 1948, S. 22 ff. 8 C. Sandig, Die Führung des Betriebes — Betriebswirtschaftspolitik, Stuttgart 1953, S. 19. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.549 | Generated on 2023-04-04 11:31:52
551 Die Grundlagen der betrieblichen Preispolitik 39 Diese Definition bedarf, will man sich den vollen Umfang dessen, was sie umschreibt, und den Zusammenhang zu dem oben herausgestellten Begriff „Betriebswirtschaftspolitik" vergegenwärtigen, einiger kurzer Erläuterungen: a) Zunächst mag das Fehlen jeglichen Hinweises auf die den Begriff der Betriebswirtschaftspolitik auszeichnenden Zielsetzungen überraschen. Bedenkt man aber, daß der Begriff des „Mittels" (und analog der der „Maßnahme") nicht nur dessen technologische Seite, sondern auch — und in erster Linie — seine teleologischen Aspekte berücksichtigt9, so wird offenkundig, daß die angedeutete Beschränkung des Begriffes „Preispolitik" eine nur scheinbare ist. b) Der von uns gewählte Begriff der betrieblichen Preispolitik orientiert sich weitgehend an dem Phänomen der Bewertung. Damit wird auf den hinlänglich bekannten Zusamenhang zwischen dem Wert einer Leistung einerseits und dem Preis derselben andererseits abgehoben, ein Problem, dessen Erforschung vornehmlich im Rahmen der Volkswirtschaftslehre erfolgt ist. c) Gegenstand der betrieblichen Preispolitik sind nach obiger Definition die Leistungen. Damit wird ein doppelter Aspekt angedeutet: 1. Zunächst werden die Anwendungsgebiete betrieblicher preispolitischer Aktivität genauer bestimmt, indem sie sich a) auf die beschafften Vorleistungen, b) auf die Leistungen der einzelnen betrieblichen Leistungsstufen (z. B. Arbeitsgruppen oder Abteilungen) und c) die Leistungen der Wirtschaftsstufe Betrieb, wie sie über den Markt oder unmittelbar an nachgelagerte Wirtschaftsgebilde weitergegeben werden, im Absatz erstreckt. 2. Zugleich wird damit auch die Grenze zur sog. Bewertungspolitik, wie sie insbesondere im Zusammenhang mit der Bilanzpolitik auftritt, gezogen. Diese beiden Bereiche der Betriebswirtschaftspolitik unterscheiden sich nämlich voneinander durch die ihnen arteigenen Ziele und Methoden, deren sie sich bedienen. In der Bewertung der eigenen Erzeugnisse im Rahmen des Rechnungswesens allerdings finden sich beide zusammen. So ist die Bewertungspolitik als eigengesetzlicher Teil der Preispolitik des Betriebes zu begreifen. d) Betriebliche Preispolitik ist Bewertung von Leistungen aus der Sicht des Betriebes. In der Praxis begegnet uns preispolitisches Verhalten auch auf höheren Wirtschaftsstufen in Gestalt von verbandlicher oder staatlicher (volkswirtschaftlicher) Preispolitik, die jedoch von den Fragen der betrieblichen Preispolitik nur bedingt abzugrenzen sind10. Der Preis hat die Aufgabe, zwischen den wirtschaftlichen Leistungen einerseits und dem ihren Tausch ermöglichenden Geld andererseits eine rechenhafte Beziehung herzustellen. Daneben obliegen ihm weitere Funktionen, die hier aber unberücksichtigt bleiben können. Der Preispolitik bieten sich daher grundsätzlich zwei Wege an, den Preis für die einzelnen Leistungen zu beeinflussen: Variation der geldwirtschaftlichen und/oder güterwirtschiaftlichen Grundlagen de? 9 Vgl. 0. Spann, Kategorienlehre, 2. Aufl., Jena 1939, S. 174 f. 10 Vgl. hierzu W. Heinrich, Wirtschaftspolitik, Bd. 2 II: Gebietswirtschaftspolitik, Verbandswirtschaftspolitik, Betriebswirtschaftspolitik, Haushaltswirtschaftspolitik, Wien 1954, S. 47 ff., 102 ff. und 262 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.549 | Generated on 2023-04-04 11:31:52
40 Henner Faehndrich 552 Preises. Im einzelnen lassen sich dabei noch der unmittelbare und der mittelbare Einfluß auf die Preisstellung unterscheiden11. Dabei taucht dann das Problem der optimalen Kombination des preispolitischen Instrumentariums auf, dem wir aber im einzelnen nicht nachgehen wollen. Angedeutet sei jedoch, daß hierfür betriebsinterne und -externe Bestimmungsgründe maßgeblich sind, wie etwa die Kosten der einzelnen Maßnahmen, die Ziele der Preispolitik oder die Beschaffenheit des Marktes, um einige Beispiele herauszugreifen12. Alle Mittel und Maßnahmen, die darauf abzielen, die Höhe des Preises als Geldausdruck zu beeinflussen, bezeichnen wir als „geldwirtschaftliches Instrumentarium"13. Hierunter fallen Maßnahmen zur Beeinflussung der nominellen Preisstellung wie auch solche zur Variation des effektiven Preises: 1. Die Preisdifferenzierung: Alle Maßnahmen und Mittel, die dazu dienen, nach Gegenstand, Person, Raum oder Zeit abgestufte Preise zu ergeben, fassen wir unter dem Begriff der Preisdifferenzierunp: zusammen14. Hierbei wird der Preis als nomineller Ausdruck variiert, wobei als Hilfsmittel neben der unmittelbaren Preisnennung vor allem die Rabatte fungieren15. Jedoch findet dieses Instrumentarium nur insoweit einen Wirkungskreis, als daraus keine unerwünschten Nebenwirkungen resultieren können16. 2. Die Konditionenpolitik: Der Tausch der Leistungen am Markt erfolgt nach bestimmten Regeln, die die kaufmännische Praxis allmählich entwickelt hat und die z. T. in gesetzlichen Bestimmungen ihren Rückhalt finden. Die Gesamtheit der Faktoren, die den Preis als Ausdruck für den Erlös des veräußernden Betriebes variieren, bezeichnen wir als Konditionen. Die hier einzuordnenden Hilfsmittel bieten eine kaum übersehbare Fülle preispolitischer Möglichkeiten, deren gemeinsames Kennzeichen ihre an das Auftreten von Nebenerscheinungen gekoppelte Wirkungsweise ist (z. B. Preisnachlässe in Skontoform in Abhängigkeit von der Zahlungsweise). Der Preis wird 11 Wenn. bei der folgenden Darstellung auch die Preispolitik als Marktpolitik im Vordergrund steht, so gelten die Ergebnisse der Betrachtung in sinngemäßer Transformation auch für den innerbetrieblichen Einsatz der Preispolitik. Vgl. K. Bender, Pretiale Betriebslenkung unter besonderer Berücksichtigung der Organisation industrieller Betriebe, Diss. Mannheim 1950, S. 52 ff. 12 Vgl. hierzu auch C. Sandig, Preisbildung und Preispolitik, in: Industrieller Vertrieb, Düsseldorf 1957, S. 79 ff. 13 Die Betriebswirtschaftslehre hat bislang hierfür keine eigene Terminologie entwickelt, so daß wir uns zur Systematisierung volkswirtschaftlicher Begriffe bedienen müssen. 14 Vgl. hierzu H. Vormbaum, Differenzierte Preise. Differenzierte Preisforderungen als Mittel der Betriebspolitik, Köln-Opladen 1960, S. 80 ff. 15 Vgl. A. Gälweiler, a.a.O., Sp. 4407; insbesondere auch H. Krasensky, Artikel „Rabatte und Boni", in: HdB., 3. Aufl., Bd. 3, a.a.O., Sp. 4519 ff. 16 Auf diese hat bereits Ludovici hingewiesen (a.a.O., S. 117). OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.549 | Generated on 2023-04-04 11:31:52
553 Die Grundlagen der betrieblichen Preispolitik 41 hierbei nur indirekt beeinflußt, wobei zwischen dem 6ubstanzbezogenen und dem finanzbezogenen Instrumentarium unterschieden werden kann17. Charakteristisch ist aber für das indirekte geldwirtschaftliche Instrumentarium seine oft enge Verbindung mit nicht preispolitischen (z. B. finanzwirtschaftlichen) Zielen. Insoweit sich der Betrieb jener Mittel und Maßnahmen bedient, die die dem Preis zugrunde liegenden wirtschaftlichen Leistungen (Güter oder Dienste) beeinflussen, sprechen wir von seinem güterwirtschaftlichen Instrumentarium. Wiederum sind es dabei zwei Gruppen von Maßnahmen, die sich deutlich scheiden lassen: 1. Die Produktdifferenzierung als Ausdruck des Gestaltungswillens im Bereich der wirtschaftlichen Leistungen läßt quantitative und/oder auch qualitative Unterschiede bei den einzelnen Leistungen entstehen, die preispolitisch genutzt werden18. Dieses Verhalten finden wir vor allem bei vorgegebenen festen Preisen, die aus wie auch immer gearteten anderen Motiven (z. B. der Kapazitätsausnutzung) heraus variiert werden sollen. 2. Die Gewährung von !Zusatzleistungen ist ein hinlänglich bekanntes Mittel, preispolitische Aktivität über den Gütersektor zu entwikkeln. Dabei ist zwischen den einmaligen und den kontinuierlichen Zusatzleistungen zu unterscheiden: Die Zugabe z. B. ist der Fall einer einmaligen, an den Kaufakt gebundenen Zusatzleistung. Der Kundendienst ist der Fall einer kontinuierlich gewährten Zusatzleistung. Dabei müssen die Zusatzleistungen von den ihnen zugrunde liegenden Leistungen unterschieden sein, hätten wir es doch sonst mit einer quantitativen Produktdifferenzierung zu tun. Neben diesen beiden objektiven Instrumentarien ist es fernerhin möglich, subjektive ideelle Instrumente19 in den Dienst preispolitischer Aktivität vornehmlich am Absatzoder Beschaffungsmarkt zu stellen. Gutenberg hat die Wirkungen dieses Instrumentariums mit der Bezeichnung „akquisitorisches Potential66 u. E. treffend gekennzeichnet, indem er darauf hinweist, daß die Preispolitik des Betriebes auf eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Irreagibilität von seiten der Abnehmer stößt, die nicht durch die gegebene Marktform alleine erklärt werden kann20. 17 Vgl. E. Kosiol , Warenkalkulation in Handel und Industrie, 2. Aufl., Stuttgart 1953, S. 131 f. 18 Vgl. G. Abromeit, Produktgestaltung, in: Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspraxis. Festschrift für Konrad Mellerowicz, Berlin 1961, S. 15 ff. 1& Die Wirksamkeit dieses „ideellen" Instrumentariums beruht auf vornehmlich psychologischen Wirkungen. 20 Vgl. E. Gutenberg , Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre, Bd. 2: Der Absatz, 4. Aufl., Berlin-Göttingen-Heidelberg 1962, S. 221 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.549 | Generated on 2023-04-04 11:31:52
42 Henner Faehndrich 554 Zu diesem Instrumentarium zählen neben dem „Ruf der Unternehmung"21 überhaupt vor allem auch Vorzugsstellungen, wie sie sich z. B. auf Handelsmarken gründen. Hierbei ist die Beeinflussung durch die Werbung ein wesentliches Hilfsmittel. Die fundamentale Bedeutung, die einer so umfassend verstandenen Preispolitik für das betriebliche Geschehen zukommt, läßt es unzweckmäßig erscheinen, diese ausschließlich im Rahmen der betrieblichen Marktpolitik zu sehen, wie das etwa bei Sandig22 oder Gutenberg23 der Fall ist. Vielmehr ist es angebracht, die betriebliche Preispolitik als das Zentralproblem einer Lehre von der Betriebswirtschaftspolitik zu betrachten. Allerdings bereitet dann die Einordnung der Preispolitik in ein System der Betriebswirtschaftspolitik methodisch Schwierigkeiten. Da es bislang z-u Systembildungen noch nicht gekommen ist, es auch nicht unsere Aufgabe sein kann, uns hieran zu versuchen, kann lediglich der Vorstellung Ausdruck gegeben werden, daß man dabei an eine ähnliche Stellung denken könnte, wie sie etwa Nicklisch dem Wertproblem einräumt. II. Die volkswirtschaftlichen Grundlagen der betrieblichen Preispolitik Die Volkswirtschaft ist ein weitgehend abstraktes Gebilde, dessen Erfassung uns in der Anschauung verwehrt ist. Zu ihrer Erkenntnis gelangen wir nur über die Betrachtung der einzelnen Bausteine, der mikroökonomischen Einzelerscheinungen. Unter diesen nehmen jene Gebilde, die wir Betriebe oder Unternehmungen nennen, eine bevorzugte Stellung ein, denn „sie geben — mit unterschiedlicher Intensität zwar — ständig Impulse in den gesamtwirtschaftlichen Zusammenhang hinein und empfangen ihrerseits aus ihm Impulse, die sich in betriebspolitische Entscheidungen umsetzen24." Nun sind es nicht nur ökonomische, sondern ebenso auch außerökonomische Tatbestände, die das wirtschaftliche Geschehen determinieren. Daher besteht auch zwischen der Volkswirtschlaft als Ganzes und ihren Gliedern, hier: den Betrieben, nicht nur eine wirtschaftliche, sondern vielmehr eine umfassendere kulturelle Beziehung, die nicht nur einseitig, sondern wechselseitig zu begreifen ist. Auf dem oben 21 Vgl. C. Sandig, Der Ruf der Unternehmung. Wesen und betriebswirtschaftliche Bedeutung. Stuttgart 1962, S. 4 ff. 22 Vgl. C. Sandig, Preisbildung und Preispolitik, a.a.O., S. 73 ff. 23 E. Gutenberg, a.a.O., S. 43 f. 24 E. Gutenberg, Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft, Krefeld 1957, S. 8. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.549 | Generated on 2023-04-04 11:31:52
555 Die Grundlagen der betrieblichen Preispolitik 43 skizzierten Weg finden dann auch die außerökonomischen Tatbestände ihren Eingang in die betriebliche Preispolitik. Diese werden unter dem Begriff der Wirtschaftsstruktur zusammengefaßt. Bei der Wirtschaftsstruktur eines Landes (einer Volkswirtschaft) „handelt es sich um die Bedingtheit des volkswirtschaftlichen Zusammenhanges durch die .strukturbestimmenden Faktoren6, das sind jene Bauelemente des Systems, die als Gegebenheiten den eigentlich ökonomischen Regulierungen und Entscheidungen vorgegeben sind, ihnen Möglichkeiten eröffnen, aber auch Grenzen setzen6'25. Es handelt sich bei diesen „strukturbestimmenden Faktoren" um die Daten des Wirtschaftsprozesses, worunter jene Erscheinungen zu verstehen sind, „die den ökonomischen Kosmos bestimmen, ohne selbst unmittelbar von ökonomischen Tatsachen bestimmt zu sein"26. Nun ist die Wirtschaftsstruktur eines Landes ein überaus komplexes Gefüge, das nicht nur durch die Strukturfaktoren alleine sein Gesicht erhält, sondern auch von der Art der Verbindung derselben untereinander geprägt wird. Dabei sollte man stets zwischen den natürlichen und den kulturellen Sachverhalten unterscheiden27. Eine Betrachtung des Zusammenhanges zwischen natürlicher Umwelt und betrieblicher Preispolitik fördert jene Einflüsse, die gewissermaßen „von innen" das preispolitische Verhalten der Betriebe bestimmen, und jene, die „von außen" einwirken, zutage. 1. Endogene Faktoren sind jene Gegebenheiten, die der Natur der den Gegenstand der Preispolitik bildenden Leistungen entspringen. Dies sind a) vorgegebene und unbeeinflußbare Mengenverhältnisse (z. B. bei Ernten, Vorräten an Bodenschätzen usw.) und b) vorgegebene und nur bedingt veränderliche Beschaffenheit (z.B. die Verderblichkeit der Güter). 2. Exogen wird die Preispolitik über die Nachfrage, die Bevölkerung und ihre Zusammensetzung bestimmt. Dies erfolgt wiederum auf zweierlei Weise durch a) vorgegebene und unveränderliche Mengenverhältnisse (z. B. die Gossenschen Gesetze) und 25 A. Paulsen, Allgemeine Volkswirtschaftslehre, Bd. 1: Grundlegung und Wirtschaftskreislauf, 3. Aufl., Berlin 1959, S. 11/12. 26 W. Euchen, Die Grundlagen der Nationalökonomie, 7. Aufl., Göttingen-Heidelberg 1959, S. 156. 27 Vgl. K. C. Thalheim, Aufriß einer volkswirtschaftlichen Strukturlehre, Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft, 99. Bd. (1939), S. 472 ff.; auch H. Faehndrich, Die Wirtschaftsstruktur der Entwicklungsländer in ihrer Bedeutung für die Anwendung spezieller Formen kreditärer Entwicklungshilfe, dargestellt am Beispiel Lateinamerikas, Baden-Baden - Mannheim 1961, S. 1 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.549 | Generated on 2023-04-04 11:31:52
44 Henner Faehndrich 556 b) vorgegebene und nur bedingt veränderliche Beschaffenheit der Nachfrage in Gestalt der natürlichen Elastizität und der natürlichen Grenzen der Substituierbarkeit wirtschaftlicher Leistungen. Diese natürlichen Zusammenhänge können nun durch die kulturellen Gegebenheiten Veränderungen quantitativer und qualitativer Art erfahren, die bis zur Umkehrung der natürlichen Gesetzmäßigkeiten gehen können. Der den nachstehenden Ausführungen zugrunde gelegte Kulturbegriff ist „nicht wertend, sondern meint objektiv die Gesamtheit der Lebensäußerungen in allem, was die äußerliche Lebensführung, die gesellschaftlichen Einrichtungen und Bräuche sowie die geistigen Schöpfungen der Völker betrifft, die von ihnen gepflegt werden28.4' Dabei lassen sich die zahlreichen konkreten Einzelerscheinungen auf neun, aus der wechselseitigen Verflechtung der drei menschlichen Lebensbereiche Wirtschaft, Technik und Gesellschaft abzuleitende Elemente zurückführen. Betriebliche Preispolitik und Wirtschaftsordnung: Die Wirtschaftsordnung eines Landes (einer Volkswirtschaft) umschließt die Gesamtheit der Regelungen und Einrichtungen, die dazu dienen, dem Wirtschaftsprozeß Ordnung und Richtung izu verleihen. Als konkrete Erscheinungen begegnen uns Wirtschaftsordnungen als Mischformen der beiden Wirtschaftssysteme „Freie Verkehrsoder Marktwirtschaft4' und „Zentrale VerwaltungsWirtschaft"29. Betriebliche Marktpreispolitik setzt nun zweierlei voraus:: a) Autonomie des Betriebes und b) funktionsfähige Märkte. Beide Gegebenheiten sind systembezogen, d. h. sie finden nur in primär marktwirtschaftlichen Ordnungsformen ihre Verwirklichung. Daher ist betriebliche Marktpreispolitik auch nur in freien Verkehrswirtschaften unbeschränkt und in mehr oder weniger stark staatlich beeinflußten Ordnungsformen, die das Prinzip des freien Tauschverkehrs noch wahren, beschränkt möglich. Die innerbetriebliche Anwendung der Preispolitik kann dahingegen auch in verwaltungswirtschaftlich determinierten Ordnungsformen erfolgen, wenn auch den Preisen dann Fiktionscharakter zukommt, der ihre innerbetriebliche Lenkungsfunktion aber nicht beeinträchtigt. Betriebliche Preispolitik und Wirtschaftsform: Als Wirtschaftsform bezeichnen wir „die verschiedenen Wege, auf denen der Mensch seinen Wirtschaftszielen nachstrebt"30. Diese sind teils aneignender Raubbau 28 H. Trimborn, Von den Aufgaben und Verfahren der Völkerkunde, in: Lehrbuch der Völkerkunde, 3. Aufl., Stuttgart 1958, S. 1. 29 Vgl. W. Euchen, a.a.O., S. 78 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.549 | Generated on 2023-04-04 11:31:52
563 Die Grundlagen der betrieblichen Preispolitik 51 schaftliche Gesamtordnung gebunden sind. In Anlehnung an die Terminologie von Gutenberg sollen diese beiden Gruppen als systemindifferente und systembezogene Ziele der Preispolitik bezeichnet werden. Das gemeinsame Kennzeichen der systemindifferenten Zielsetzungen der betrieblichen Preispolitik ist, daß sie unabhängig von der jeweils verwirklichten Ordnungsform der Volkswirtschaft Gültigkeit haben. Wir finden die Notwendigkeit ihrer Erfüllung auch in den Fällen, in denen die Preispolitik nicht vorn einzelnen Betrieb, sondern von übergeordneten Instanzen (z. B. Verbänden, Kartellen, dem Staat) wahrgenommen wird. Ihre Verwirklichung ist aber an die Wahrung bestimmter Grundprinzipien menschlichen Handelns überhaupt geknüpft, von denen 1. praktische Vernunft, 2. natürliche Sittlichkeit und 3. lautere Wahrheit45 hervorzuheben sind. Nur auf dieser Grundlage läßt sich eine sinnvolle Preispolitik denken. Von diesem Hintergrund heben sich nun die einzelnen systemindifferenten Ziele betrieblicher Preispolitik ab, die wir unter Würdigung der ambivalenten Stellung des Menschen im Wirtschaftsleben46 in subjektbezogene und objektbezogene Zielsetzungen einteilen wollen. 1. Subjektbezogene Zielsetzungen der Preispolitik: Hier stoßen wir auf zwei wichtige Anliegen der Preispolitik, die u. E. im Schrifttum nicht genügend herausgestellt werden: Die Preispolitik hat das Ziel, die Verwirklichung einer gerechten Entlohnung der menschlichen Arbeitsleistungen zu ermöglichen. Diese Zielsetzung fußt auf der Erkenntnis, daß es der an Arbeitsleistung orientierten (kausalen) Lohnfimdung alleine nicht möglich ist, das subjektive Gefühl einer gerechten Entlohnung zu wecken. Vielmehr ist hierfür eine darüber hinausgehende Orientierung der Entlohnung am Arbeitsergebnis (finale Lohnfindung) erforderlich, die praktisch in Gestalt von Umsatzoder Ergebnisbeteiligungen durchzuführen ist. Die Preispolitik wird dieses Anliegen in der Preisforderung kalkulatorisch berücksichtigen. Bis zu einem gewissen Grade gilt dies auch für die Zielsetzung einer sozialen Lohnfindung, die am Bedarf des einzelnen orientiert ist. Hier wird die Preispolitik vornehmlich bei der innerbetrieblichen Gewährung von entgeltlichen Vorteilen (z. B. verbilligter Bezug der Erzeugnisse) mitzuwirken haben. 45 Vgl. A. Marx, Normen wirtschaftspolitisdien Geschehens, ZfB, 22. Jg. (1952), S. 555 ff. und ders., Leitende Prinzipien unternehmerischer Tätigkeit, in: Festschrift anläßlich der Internationalen Fachausstellung „Chemische Reinigung und Färberei" vom 15.—24. Juli 1955, München 1955, S. 16. 46 Vgl. W. Hasenack, Mensch im Betrieb. Inwieweit muß oder kann die Betriebswirtschaftslehre den Menschen in ihre Untersuchungen einbeziehen? ZfB, 31. Jg. (1961), S. 580 ff. 4* OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.549 | Generated on 2023-04-04 11:31:52
52 Henner Faehndrich 564 Darüber hinaus obliegt es der Preispolitik, im Rahmen der sozialen Betriebsführung die Entfaltung des Nichtwirtschaftsbereiches als Selbstzweck zu ermöglichen, und da der Betrieb hiermit gesellschaftliche Funktionen wahrnimmt, die sonst z. B. von staatlichen Stellen übernommen würden, hat die Volkswirtschaft die hierfür erforderlichen Aufwendungen über den Preis abzugelten47. 2. Systemindifferente Sachziele der Preispolitik: Sie gehören dem techniscli-ökonomischien Bereich des Betriebes an und stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit dessen gesamtwirtschaftlicher Funktion, der Leistungserstellung. Das Ziel, das finanzielle Gleichgewicht zu wahren, ist als systemindifferentes hinlänglich bekannt, und der Preispolitik obliegt es nun, durch entsprechende Preisforderungen (dies gilt vor allem für das Problem des Mindestpreises)48 und Ausgestaltung der (finanziellen) Konditionen die Zeitraumliquidität zu wahren49. Die Optimierung der Kostenentstehung als Ziel der Preispolitik findet ihre Ursache in den sich verändernden Kosten bei verschieden großer Inanspruchnahme der betrieblichen Kapazität. Es obliegt dabei der Preispolitik, durch zielbewußte Gestaltung des Preises oder der (substantiellen) Konditionen eine optimale Auslastung des Betriebsapparates zu erreichen. Die Erhaltung der Substanz ist sowohl ein ökonomisches wie auch technisches Problem: Als wirtschaftliches Ziel soll die nominelle Erhaltung der betrieblichen Substanz in Gestalt der Kapitalerhaltung durch die Preispolitik ermöglicht werden. Dieses Problem tritt vor allem im Zusammenhang mit instabilen Geldwertverhältnissen in den Vordergrund preispolitischen Handelns und findet in den oft genannten Preisgleitklauseln seine praktische Verwirklichung50. Als technisches Ziel vornehmlich im Zusammenhang mit der Frage nach dem Mindestpreis begegnet uns die Substanzerhaltung als Problem der zeitraumbezogenen Deckung der fixen Kosten für Abschreibungen und Zinsen. 47 Man könnte in diesen Fällen von „volkswirtschaftlichen Erträgen der Privatwirtschaft" als wesensmäßiges Korrelat zu den „volkswirtschaftlichen Kosten der Privatwirtschaft" sprechen. 48 Vgl. H. Raffe, Kurzfristige Preisuntergrenzen als betriebswirtschaftliches Problem. Prinzipielle Bestimmungsmöglichkeiten von kosten-, ertragsund finanzwirtschaftlichen Preisuntergrenzen. Köln-Opladen 1961, S. 146 ff. 49 Zum Begriff der Zeitraumliquidität vgl. H. Langen, Bemerkungen zum Liquiditätsbegriff, ZfB, 29. Jg. (1959), S. 94 ff. 50 Vgl. hierzu Arbeitskreis Gubitz der Schmalenbach-Gesellschaft, Preisvorbehaltsklauseln. Formen und Anwendungsbereiche, Köln-Opladen 1956, S. 2 ff. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.549 | Generated on 2023-04-04 11:31:52
565 Die Grundlagen der betrieblichen Preispolitik 53 Die Durchsetzung neuer Faktorkombinationen (nach Schumpeter die spezifische Leistung des Unternehmers)51 ist gleichfalls eine systemindifferente Zielsetzung der Preispolitik, da auch in zentralverwalteten Volkswirtschaften die Entwicklung neuer Erzeugnisse oder kostengünstigerer Herstellverfahren eine den Bestand der Volkswirtschaft sichernde Maßnahme ist, die sich aus dem Zwang ergibt, unabhängig von der Erschöpfung natürlicher Resourcen und der jeweiligen konjunkturellen Situation, den wirtschaftlichen Vollzug zu ermöglichen. Audi die jeweilige kulturelle Situation ist u. U. ein wesentlicher Stimulans für das Streben nach Neuem und somit der wirtschaftlichen Dynamik52. Dabei erfüllt die Preispolitik die wichtige Aufgabe, durch entsprechende Gestaltung des Preises die Deckung des Aufwandes für die Entwicklung neuer Erzeugnisse oder Verfahren zu ermöglichen. Betriebliche Preispolitik ist aber nicht nur auf die Verwirklichung dieser systemindifferenten Ziele gerichtet. „Der Bezugspunkt besteht (darüber hinaus) offenbar in Zielsetzungen, die außerhalb der betrieblichen Prozedur als solcher liegen, ihr aber erst ihren Sinn geben53.'6 Dies führt uns zu den .systembezogenen (marktwirtschaftlichen) Zielsetzungen der betrieblichen Preispolitik. Dabei erscheint es zweckmäßig, grundsätzlich zwischen jenen Zielen zu unterscheiden, die gewissermaßen von der herrschenden Wirtschaftsordnung intendiert werden und als systemkonform bezeichnet werden sollen, und jenen, bei denen der wirtschaftliche Ordnungsvollzug Mittel zum Zweck wird; ihnen geben wir die Bezeichnung systemakonform54. 1. Die systemkonformen Zielsetzungen betrieblicher Preispolitik: Da wir es hier ausschließlich mit marktwirtschaftlichen Ordnungsformen zu tun haben, können die systembezogenen Zielsetzungen unter dein Oberbegriff „Gewinnerzielung" zusammenfassend charakterisiert werden. Dieses Ziel begegnet uns vornehmlich in zwei Ausprägungen55: Die Gewinnmaximierung beruht auf der grundlegenden Annahme, daß „volkswirtschaftlich die beste Versorgung mit Gütern und Diensten erreicht (werde), wenn jedes einzelne Unternehmen versucht, auf die Dauer einen möglichst großen Gewinn auf das eingesetzte Kapital 51 Vgl. J. Schumpeter, Artikel „Unternehmer", in: Handwörterbuch der StaatsWissenschaften, 4. Aufl., Bd. 8, S. 476 ff. 52 Aus dem Fehlen dieser Anlage erklärt sich auch z. T. die Rückschrittlichkeit der sog. Entwicklungsländer. Vgl. R. F. Behrendt, Artikel „Entwicklungsländer (I) Soziologische Problematik", in: Handwörterbuch der Sozialwissenschaften, Bd. 3, Stuttgart-Tübingen-Göttingen 1960, S. 230 ff. 53 E. Gutenberg, Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft, a.a.O., S. 25. 54 Vgl. hierzu W. Röpke, Gesellschaftskrisis der Gegenwart, 2. Aufl., ErlenbachZürich 1942, S. 252 ff. 55 Dabei finden wir nicht ein Nacheinander, sondern vielmehr ein Nebeneinander der beiden Richtungen bis in unsere Zeit. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.549 | Generated on 2023-04-04 11:31:52
54 Henner Faehndrich 566 zu erzielen"56. Jedoch sind die auf dieser Voraussetzung aufbauenden preispolitischen Erwägungen weitgehend unrealistisch, müssen doch nicht weniger als sechs Voraussetzungen zur Verwirklichung dieses Zieles erfüllt sein57: „1. Die Prämisse von der Koinzidenz von Beschaffung, Fertigung und Absatz für die jeweilige Grenzmenge; 2. die Prämisse vom kontinuierlichen Verlauf der Beschaffungs-, Fertigungsund Absatzdispositionen; 3. die Prämisse von der unendlichen Teilbarkeit der Betriebsvorgänge; 4. die Prämisse von der Statik der betrieblichen Prozeßabläufe; 5. die Prämisse von der Priorität der Rentabilität über die Wirtschaftlichkeit; 6. die Prämisse von der zureichenden Technik zur Ermittlung des maximalen Gewinnes." Bezieht man außerdem noch die zu Anfang herausgestellten (ethischen) Grenzen preispolitischen Verhaltens mit ein, so erscheint es sinnvoller, von dem realistischeren Ziel der Gewinnerzielung zu sprechen. Die angemessene Gewinnerzielung ist sowohl in ihrer historischen Ausgestaltung58 wie auch als betriebswirtschaftlich-theoretisches Ziel nicht unbestritten, zumal über die Natur des Angemessenheitsprinzips kaum exakte Aussagen getroffen werden können. Jedoch finden sich zu allen Zeiten Tendenzen zur Beschränkung des Gewinnstrebens und in dem Prinzip der sog. Gemeinwirtschaftlichkeit eine konkrete Ausgestaltung. „Freie Gemeinwirtschaft ist keine Erwerbswirtschaft, sondern eine auf gewinnloser Basis sich entfaltende Bedarfsdeckungswirtschaft59." Diabei lassen sich Gewinne, die aus der Marktsituation resultieren, nicht vermeiden; doch hat der Gewinn hier einen anderen Sinn und ist nicht Selbstzweck, steht vielmehr im Dienste der Erhaltung und Ausdehnung der Wirtschaftstätigkeit des Betriebes. 2. Die systemakonformen Zielsetzungen betrieblicher Preispolitik: Wird die betriebliche Preispolitik in den Dienst der Verwirklichung außerwirtschaftlicher Ziele gestellt und ist die Verwirklichung einer bestimmten gesamtwirtschaftlichen Ordnungsform die Voraussetzung für die Durchsetzung dieser Ziele, so sprechen wir von systemakon56 E. Gutenberg, Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre Bd. 1: Die, Produktion, 5. Aufl., Berlin-Göttingen-Heidelberg 1960, S. 347 f. 57 H. Seischab, a.a.O., S. 67. 58 Vgl. hierzu u.a. E. Kelter, Geschichte der obrigkeitlichen Preisregelung, Bd. 1: Die obrigkeitliche Preisregelung in der Zeit der mittelalterlichen Stadtwirtschaft, Jena 1935, S. 29 ff.; F. Röhrig, Wirtschaftskräfte im Mittelalter, Weimar 1959, S. 670 ff.; A. Schulte, Geschichte des mittelalterlichen Handels und Verkehrs zwischen Westdeutschland und Italien mit Ausschluß von Venedig, Bd. 1: Darstellung, Leipzig 1900, S. 668 ff.; H. See, Die Ursprünge des modernen Kapitalismus. Ein historischer Grundriß, Wien 1948, S. 37 ff.; E. Wege, Die Zünfte als Träger wirtschaftlicher Kollektivmaßnahmen, Stuttgart 1930, S. 2 ff. 501 H. Everling, Was ist und was will die freie Gemeinwirtschaft? Hamburg 1951, S. 31. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.549 | Generated on 2023-04-04 11:31:52
567 Die Grundlagen der betrieblichen Preispolitik 55 formen Zielsetzungen. Dabei sind der Wirtschaft nur solche Ziele fremd, „die ihren unmittelbaren Zweck der Mittelbeschaffung vernachlässigen. Denn hier wird die Wirtschaft als mittelbeschaffende Tätigkeit zusammen mit den Zielen, denen sie dient, gleichsam eingeklammert und als Ganzes zum Mittel eines neuen Zieles gemacht. Diese weiteren Ziele solchen Handelns sind dann ihrer Art nach Wirtschaftsfremd"60. Ihre Verwirklichung ist dabei an das Bestehen solcher Wirtschaftsordnungen gekoppelt, die der Durchsetzung auf Grund ihrer Struktur geringen Widerstand entgegensetzen. Dies gilt vornehmlich für zentral geleitete Volkswirtschaften und verkehrswirtschaftliche Ordnungen, die eine große Unvollkommenheit der Märkte aufweisen. Grundsätzlich lassen sich dabei zwei Zielsetzungen unterscheiden: a) Die Preispolitik steht im Dienste der Anhäufung wirtschaftlicher Macht. b) Daneben finden wir die Preispolitik im Dienste des technischen Fanatikers, „der nur mit seinen sachlichen Größen rechnet, bis zum Sachgrößenwahn nach der technisch möglichen maximalen Produktion strebt"61. Diese Gefahr gewinnt insbesondere in unserem Zeitalter der Automation besondere Aktualität. Damit dürften jene Sachverhalte in aller Kürze umrissen sein, die die betriebliche Preispolitik als Ausdruck des individualwirtschaftlichen Gestaltungswillens beeinflussen und bestimmen: Sie zeigen uns zugleich den engen Zusammenhang, der zwischen der betrieblichen Wirtschaft und der sie prägenden Kultur besteht. 60 yf Weddigen, Wirtschaftsethik. System humanitärer Wirtschaftsmoral, Berlin 1951, S. 52. 61 W. G. Waffenschmidt, Technik und Wirtschaft der Gegenwart, Berlin-Göttingen-Heidelberg 1952, S. 110. OPEN ACCESS | Licensed under CC BY 4.0 | https://creativecommons.org/about/cclicenses/ DOI https://doi.org/10.3790/schm.82.5.549 | Generated on 2023-04-04 11:31:52
